Sakrales und Säkulares friedlich vereint

anmoderationen-picHier sind sie wieder, frisch in Form gebracht und aktualisiert, meine Anmoderationen. Jetzt allerdings nur noch als PDF-Datei, da das Ganze in Form eines Blogbeitrages mit der Zeit denn doch zu unübersichtlich wurde.

Die Zugriffszahlen hier liegen weit über den Zahlen der wöchentlichen Gottesdienstbesucher der kleinen Kirchengemeinde, in der ich gelegentlich und gerne moderieren darf, daher werde ich auch weiterhin ergänzen und aktualisieren, wenn neue Anmoderationen hinzu kommen. Offensichtlich kann der eine und die andere etwas mit meinen kleinen Einführungen und Hinleitungen zum jeweiligen Thema anfangen – das freut mich sehr.

Die letzte Ergänzung stammt vom 12. Juni 2016. Bitteschön, hier geht es entlang: [Anmoderationen]

Ein Gespräch mit Herrn Judas I. S.

Während ich kürzlich im Fitnesstudio auf dem Laufband, Bruce Springsteen live in Chicago via Kopfhörer in den Ohren, den vierten von zehn Kilometern lief, schweiften meine Gedanken ab und mein Blick umher. Auf einem Ergometer ein paar Schritte links von mir trainierte ein Herr, dessen Name vielen geläufig ist, obwohl sie ihn nie persönlich getroffen haben. Es wurde und wird viel über ihn geredet, aber wer redet mit ihm? Ich beschloss, wenn möglich ins Gespräch zu kommen.
Später duschten wir zufällig neben einander. Beim Abtrocknen stellte ich mich kurz vor und fragte ihn, ob er sich die Zeit nehmen würde, mit mir einen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Er war sehr gerne bereit und so saßen wir bald darauf im Restaurant Stellwerk gemütlich am Fenster und unterhielten uns. Da mein schlaues Telefon eine Applikation für die Tonaufnahme besitzt, konnte ich das Gespräch mitschneiden:

Günter J. Matthia: Guten Tag Herr – äh – sehen Sie, da geht es schon los. Ich kenne nur Ihren Vornamen.
Judas I. Simonsohn: Da sind Sie nicht der einzige. Das liegt daran, dass seinerzeit in unserem Land Nachnamen nicht üblich waren.
Günter J. Matthia: Der Tradition nordischer Länder folgend könnte ich Sie Simonsohn nennen, falls die Überlieferung zutrifft und Ihr Vater tatsächlich Simon hieß.
Judas I. Simonsohn: Von mir aus gerne, Herr Matthia. Die meisten Menschen verwechseln meinen Beinamen, den übrigens auch mein Vater trug, mit einem Nachnamen.
Günter J. Matthia: Dass Ihr Vater so genannt wurde, ist in den überliefeten Texten vermerkt. Da heißt es: »Er sprach von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot; denn dieser sollte ihn verraten: einer der Zwölf«.
Judas I. Simonsohn: Richtig zitiert, bravo. Ich kenne übrigens die Schriften.
Günter J. Matthia: Das habe ich nicht bezweifelt, Herr Simonsohn. Sind die Schriften denn einigermaßen korrekt?
Judas I. Simonsohn: Das kommt darauf an, wie man »einigermaßen« definiert. Was glauben Sie denn?
Günter J. Matthia: Ich versuche, wenn ich in den Texten lese, die wir als Sammelband unter dem Namen Bibel kennen, zwischen den Zeilen herauszufiltern, was die jeweiligen Autoren auf ihre Weise und mit ihrem kulturellen Hintergrund sagen wollten. Dabei ist mir klar, dass nicht bei allen Schriften überhaupt bekannt ist, wer der jeweilige Autor war und wie oft im Lauf der Jahrhunderte etwas verändert, hinzugefügt oder gestrichen wurde.
Judas I. Simonsohn: Lassen Sie das mal nicht die sogenannten bibeltreuen Fundamentalisten hören oder lesen …
Günter J. Matthia: Bei denen bin ich höchstwahrscheinlich sowieso unten durch.
Judas I. Simonsohn: Unten durch sein – das kenne ich zur Genüge. Willkommen im Club.
Günter J. Matthia: Ich war übrigens selbst mal ein bibeltreuer charismatischer Fundamentalist, der selbstverständlich alles wusste und jedem Sünder sagen konnte, wie er gefälligst zu leben hat, um dem ewigen Feuersee zu entkommen, in dem er andernfalls unweigerlich landen würde.
Judas I. Simonsohn: Aber Sie sind offenbar erwachsen geworden. Ich kenne und schätze einige Ihrer Texte.
Günter J. Matthia: O – das überrascht und freut mich!
Judas I. Simonsohn: Dass ich mal jemandem eine Freude bereite … sonst bin ich ja immer der Bösewicht.
Günter J. Matthia: Eine undankbare Rolle. War Ihnen eigentlich von Anfang an klar, dass Sie sie spielen würden?
Judas I. Simonsohn: Nein. Keiner von uns wusste, was vor uns und unserem Rabbi lag, als wir uns Jesus von Nazareth anschlossen. Ich gehörte vollkommen dazu, machte alles mit, war begeistert wie die anderen. Wir halfen den Menschen, taten Gutes und freuten uns auf das, was unserer Meinung nach kommen musste.
Günter J. Matthia: »Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie«, heißt es irgendwo. Lassen wir mal die sogenannten Dämonen beiseite – Sie haben also auch Kranke geheilt?
Judas I. Simonsohn: Ja, natürlich. Beziehungsweise übernatürlich. Wir wollten so das Königreich vorbereiten.
Judas I. Simonsohn: Stimmt es, dass Sie alle eine diesseitige, eine irdische Regierung Ihres Messias erwarteten?
Judas I. Simonsohn: Wir gingen zuerst davon aus. Aber je länger wir mit Jesus unterwegs waren, desto deutlicher wurde, dass er nicht die Absicht hatte, einen politischen Umsturz in die Wege zu leiten.
Günter J. Matthia: Die vier Evangelien, die uns im Rahmen des biblischen Kontextes überliefert sind, stellen Ihre Rolle bei der Gefangennahme und Kreuzigung unterschiedlich dar. Das relativ spät entdeckte und zugänglich gemachte Judas-Evangelium weicht ziemlich von den vier klassischen Texten ab. In den Paulusschriften werden Sie überhaupt nicht erwähnt.
Judas I. Simonsohn: Ja.
Günter J. Matthia: Es gibt auch von einander abweichende Erzählungen über Ihren Tod beziehungsweise Ihren weiteren Lebensweg, der nach Ägypten geführt haben soll.
Judas I. Simonsohn: Ja.
Günter J. Matthia: Mein lieber Herr Simonsohn, jetzt werden Sie etwas einsilbig. Wo liegt denn nun die Wahrheit in all den Legenden verborgen?
Judas I. Simonsohn: Ich sitze hier mit Ihnen im Restaurant. Also werde ich mich wohl weder erhängt haben, noch bin ich so unglücklich gestürzt, dass mein Leib aufgeplatzt ist.
Günter J. Matthia: Letzteres könnte eine schaurige Horrorgeschichte werden, wenn mein Autorenkollege Stephen King die Idee aufnehmen würde.
Judas I. Simonsohn: Herr King schreibt doch schon lange keine Horrorgeschichten mehr. Oder kaum noch; kürzlich in der Kurzgeschichtensammlung The Bazaar of Bad Dreams war ein Anflug vom alten Stephen King zu finden.
Günter J. Matthia: Sie sind also nicht durch Selbstmord oder Unfall zu Tode gekommen sondern nach Ägypten gegangen und dort zum Gründer der koptischen Kirche geworden?
Judas I. Simonsohn: Wenn Sie das so formulieren wollen, meinetwegen. Allerdings hatte keiner von uns zwölf Aposteln jemals die Absicht, eine Kirche zu gründen. Genausowenig wie unser Rabbi Jesus übrigens.
Günter J. Matthia: Heißt es nicht, er habe zu Simon gesagt, er wolle auf ihm seine Kirche bauen?
Judas I. Simonsohn: Ecclesia. Nicht Kirche. Eine Versammlung oder Gruppe von Herausgerufenen, keine Organisation. Auch keine neue Religion. Das wollte weder unser Meister, noch hatte einer von uns zwölf Aposteln diese Absicht.
Günter J. Matthia: Mit Paulus ja eher dreizehn Apostel.
Judas I. Simonsohn: Meinetwegen, obwohl die Wahl der elf übriggebliebenen Apostel nach meinem Weggang auf Matthias gefallen war. Das können Sie bei Lukas nachlesen. So gesehen waren wir insgesamt vierzehn, wenn man den Mann aus Tarsus tatsächlich in den Kreis der Apostel hineinnimmt.
Günter J. Matthia: Das mit Matthias war keine Wahl, das war eine Lotterie.
Judas I. Simonsohn: Das sehe ich auch so. Aber spielt es denn eine Rolle, ob es zwölf, vierzehn oder siebenunddreißig waren? Oder fünf oder vier?
Günter J. Matthia: Von mir aus nicht. Kabbala und Numerologie sind sowieso nicht meine Leidenschaft. Wie kam es denn nun eigentlich dazu, dass Sie Jesus von Nazareth an die Tempelwachen und Römer ausgeliefert haben? Wann haben Sie die Entscheidung getroffen?
Judas I. Simonsohn: Die Entscheidung getroffen … hatte ich denn eine Wahl? War das meine Entscheidung?
Günter J. Matthia: Jeder Mensch kann doch über sein Handeln entscheiden.
Judas I. Simonsohn: Sachzwänge gibt es nicht? Oder den Willen Gottes, der die eigene Entscheidungsfähigkeit überlagert?
Günter J. Matthia: Sie meinen, dass jemand Jesus ausliefern musste.
Judas I. Simonsohn: Hätte Simon die Aufgabe übernommen, wenn ich nein gesagt hätte? Oder Jakobus? Oder Thomas? Meinen Sie wirklich, es gab eine Alternative? Jesus sah jedenfalls keinen anderen Weg, um seine Mission zum Abschluss zu bringen. Und es war inzwischen jedem von uns klar, dass es nicht um einen politischen Umsturz ging. Wir verstandenzwar nicht, was mit Auferstehung gemeint war, aber wir begriffen sowieso recht wenig von den Hintergründen. Jedenfalls wusste ich, dass unser Meister von mir erwartete, diese böse Aufgabe zu übernehmen. Er hatte das ja selbst vorhergesagt und betont, dass sein Vater – Gott höchst persönlich – seinen Tod wollte. Es fiel ihm schwer genug, diesen Weg zu gehen, das dürfen Sie den Überlieferungen gerne glauben. Sollte ich mich da dem grausamen Plan in den Weg stellen, ihn auch noch in die Länge ziehen? Jesus sagte zu mir: »Was du tun willst, das tu bald!« Eine solche Bitte schlägt man dem besten Freund in einer solchen Stunde nicht ab.
Günter J. Matthia: War Geld im Spiel?
Judas I. Simonsohn: Wenn Sie den Text, den Sie als Matthäusevangelium kennen, lesen, dann habe ich Geld verlangt. Wenn Sie den Text, den Sie als Markusevangelium kennen, lesen, dann wurde mir Geld aufgedrängt. Und wenn Sie in dem Text, den Sie als Johannesevangelium kennen, oder im sogenannten Judasevangelium nachschauen, dann ist von Geld keine Rede. Suchen Sie sich etwas aus, mir ist es nicht wichtig, was man über meine Beweggründe denkt. Ich war und bin überzeugt, dass es keine Alternative gab und habe getan, was getan werden musste.
clipGünter J. Matthia: Und deshalb ist der Name Judas bis heute so etwas wie ein Schimpfwort geworden. Betrübt Sie das?
Judas I. Simonsohn: Nein. Da halte ich es mit Bob Dylan, dem ein »Judas!« entgegengeschrien wurde, als er erstmals mit Rockband statt Folkloretruppe auftrat. Er antwortete: »I don’t believe you. You’re a liar!« Und sagte dann zur Band: »Play real fucking loud!«
Günter J. Matthia: Ach ja, und dann wurde Like a Rolling Stone gespielt … aber ich sehe beim Blick auf die Uhr, dass ich langsam aufbrechen sollte. Meine Frau wartet zu Hause. Vielen Dank für Ihre Zeit und Bereitschaft, mit mir zu plaudern!
Judas I. Simonsohn: Gerne geschehen. Vielleicht trifft man sich ja mal wieder?
Günter J. Matthia: Das würde mich freuen.

Ich bezahlte unsere überschaubare Rechnung (ein alkoholfreies Weizenbier für mich, ein Kaffee Latte für meinen Gesprächspartner) und wir brachen auf. Herr Simonson begleitete mich noch bis zum Parkplatz, dann ging er seiner Wege Richtung S-Bahnhof Lichterfelde Ost. Ob ich ihn wohl wieder einmal treffen werde? Im Sportstudio oder andernorts? Es wäre sicher interessant, denn ich habe noch so manche Fragen.

P.S.: Das Bild ist ein eigenes Kunstwerk.

Die BücherEs gibt neben diesem Blog bei WordPress, der überwiegend für die längeren Texte aus meiner Feder da ist, auch noch jenen anderen Blog, auf dem ich häufiger neue und meist kürzere Beiträge veröffentliche.

Anlässlich des Weltbuchtages 2015 hatte ich dort, bei Blogger, fünf Leseproben aus fünf Büchern spendiert. Da nun das Weihnachtsfest naht, anlässlich dessen der eine oder die andere auch Geschenke zu suchen pflegt, will ich hier gerne und nicht ohne Eigennutz (ich erhalte pro verkauftem Buch rund einen Euro) auf die fünf Textausschnitte hinweisen.

  1. Aus »Jessika« gibt es das erste Kapitel
  2. Aus »Entschleunigung und Achtsamkeit« kann man lesen, wie wichtig Selbstvertrauen ist
  3. Aus »Neuland« präsentiere ich gleich zwei Geschichten
  4. Aus »Es gibt kein Unmöglich!« habe ich das vierte Kapitel ausgewählt
  5. Aus »Sabrinas Geheimnis« sind Prolog und erstes Kapitel vorhanden

So. Das war es auch schon wieder in Sachen Eigenwerbung. Ich bin gespannt, ob jemand auf den Geschmack kommt und wünsche viel Freude beim Schmökern der Leseproben und hoffentlich auch der Bücher.

picAuf meinem Blog für die kleineren Einträge [G.J.Matthia bei Blogspot] habe ich bereits kundgetan, was es mit dem jährlichen Joggathon und meiner Teilnahme auf sich hat. Dieser Blog hier bei WordPress ist ja für die längeren Texte und die literarischen Belange gedacht.

Dennoch möchte ich auch meine Leser hier darauf hinweisen, dass ich mich über Sponsoren, die einen Betrag (ab 1 Euro aufwärts) pro von mir gelaufener Runde spenden, sehr freue. Wer mich auf diese Weise motivieren möchte, darf mir gerne per Email Name, Adresse und den Betrag pro Runde nennen, damit ich meine Sponsorenliste entsprechend füllen kann. Ich diktiere mal die Adresse: gjmatthia ät gmail punkt com.

Was ein Joggathon ist und worum es bei meiner Teilnahme geht, steht hier:

Den Prospekt zur Veranstaltung als PDF-Dokument will ich zu guter Letzt auch noch anbieten: [Joggathon 2015 – der Prospekt]

Es war einmal eine Taube, die niemals fliegen lernte. Statt dessen blieb sie auf dem Boden und schaute hinauf zu all den Vögeln am Himmel. Sie beobachtete, wie der Wind ihnen zu schaffen machte, sie bremste und ermüdete.

Die Taube malte sich aus, wie hoch und schnell sie doch fliegen könnte, wenn nur der Wind nicht existieren würde.

Der arme Vogel begriff nie, dass es gerade der Luftwiderstand mit all seinen Widrigkeiten war, der es einer Taube ermöglichte, den Boden überhaupt zu verlassen und über den Dingen zu schweben.

Ich freue mich sehr, meine Leser heute mit einem neuen Buch aus meiner Feder bekannt machen zu können. Der Klappentext schildert in Kürze, wie es dazu kam:

… Die Krebserkrankung, die im März 2012 diagnostiziert wurde, hat ihn unter anderem zum Nach- und Umdenken bezüglich der hierzulande üblichen und verbreiteten Lebensweise geführt. Dieses kleine Buch ist eine Frucht dieser Überlegungen und Recherchen. …

Entschleunigung und AchtsamkeitNun mag sich mancher Leser fragen, ob es nicht schon jede Menge und ausreichend Literatur zum Thema Achtsamkeit und Entschleunigung gibt. Auch dazu weiß der Klappentext etwas zu sagen:

Ja.

Nein.

Ja deshalb, weil die Fülle von Material über ein gesünderes und froheres Leben durch Entschleunigung und Achtsamkeit tatsächlich inzwischen so gewaltig ist, dass derjenige, der alles lesen und bewältigen möchte, genau das Gegenteil dessen in die Wege leitet, was der Sinn der Sache ist. Stress angesichts der Vielfalt an Literatur ist schier unvermeidlich: wie soll ich das bloß alles lesen?

Nein deshalb, weil mein Ansatz Ihnen, liebe Leserin oder lieber Leser, hoffentlich den Zugang zu einem entspannten und deutlich gesünderen Lebensstil mitten in Ihrem Alltag erleichtern kann. Ich schreibe nämlich nicht als Theoretiker, nicht als der Welt enthobener Mönch oder Guru oder Lifestyle-Coach (wie sich manche Autorenkollegen nennen), sondern aus der Praxis für die Praxis. Ich stehe mitten im Leben, arbeite 40 Stunden pro Woche in einem Industriebetrieb als Personalreferent, habe Familie, Verpflichtungen und Termine wie die meisten Menschen. Ich bin täglich mit dem ganz normalen Alltag konfrontiert. Das heißt für Sie, liebe Leser, dass ich nicht mit weltfremden und unrealistischen Vorschlägen aufwarte, sondern das, was Sie hier lesen werden, selbst ausprobiert habe und praktiziere.

So. Nun hoffe ich, dass ich Sie, liebe Blogbesucher, ausreichend neugierig gemacht habe. Ich möchte Sie aber nicht im Unklaren lassen: Regelmäßigen Lesern meines Blogs bei blogger.de werden die Texte in diesem Buch bekannt vorkommen, denn sie sind aus Blogbeiträgen entstanden. Wer also regelmäßig meinen Blog dort liest, sollte das wissen, bevor er das Buch kauft oder bestellt. Zum Verschenken oder in Ruhe schmökern ist so ein Buch aber allemal besser geeignet als Blogartikel auf dem Bildschirm, und die Texte wurden sorgfältig überarbeitet, ergänzt und von der besten aller Ehefrauen lektoriert.

So. Nun sind Sie dran. 98 Seiten – € 7,27 als Taschenbuch; € 3,68 als E-book für den Kindle.

ISBN-13: 978-1508775485 / ISBN-10: 1508775486

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Unser Ferienlager

Dieser Text steht fast genau so in meinem Buch Neuland – wer bei der Lektüre neugierig auf die anderen dort versammelten Erzählungen wird, darf sich das Werk gerne zulegen. Dazu folgt ein Hinweis nach der Geschichte.

Diese Version ist allerdings die ursprüngliche Fassung, geschrieben vor der unsäglichen Rechtschreibreform, was man beispielsweise am daß leicht erkennen kann. Unser Ferienlager gehört zu meiner Serie Ungeschriebene Aufsätze. Da schreibe ich auf, was Schüler und Schülerinnen schreiben würden, wenn sie für die Schule schreiben dürften, was sie schreiben wollen und sich die Wahrheit zu schreiben trauten.

Falls das die Wahrheit wäre, natürlich. Nur dann. So. Genug der Vorrede.

Unser Ferienlager

gschrieben von Johann E., 15 Jahre alt

Als wir am 19. Juli 1999 aufbrachen, um drei Wochen Ferien im Camp zu verbringen, schien alles gut vorbereitet, geplant und durchdacht zu sein. Unser Ziel war eine Jugendherberge im Allgäu, nahe dem Ort Langenwang gelegen. Die Reise mit dem Zug begann am Montag sehr früh, bereits um 5:00 Uhr trafen wir uns am Bahnhof.

Die Fahrt war eher langweilig, wir versuchten, uns die Zeit so gut wie möglich zu vertreiben. Wir waren zehn Jungen und zwölf Mädchen, alle zwischen 14 und 16 Jahre alt. Als Betreuer fuhren der Pfarrer Münchmann, die Katechetin Sondersohn, der Jugendpfarrer Schneider und die Kindergärtnerin Walper mit. Vor allem Frau Walper ging uns von Anfang an auf die Nerven. Sie konnte ja vielleicht nichts dafür, daß sie nur Ideen zur Beschäftigung hatte, die wahrscheinlich selbst Kleinkindern ein müdes Gähnen entlocken würden, aber andererseits hätte sie sich ja ruhig vor der Reise mal ein paar Informationen einholen können, was man mit Jugendlichen, die zwölf Stunden in einen Zug gesperrt sind, anfangen kann.

Als sie, kurz hinter Probstzella, mit dem Einfall glänzte, wir könnten einen Eierlauf durch den Wagen veranstalten, beschlossen wir, sie loszuwerden. Das setzten wir auch wenige Minuten später in die Tat um.

Sonja, die 15jährige Tochter des Pfarrers Münchmann, schmierte sich auf der Toilette etwas Ketchup ins Gesicht, Ramona ging zu Frau Walper, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Äh, ich glaube mit Sonja ist was passiert. Können Sie mal kommen?“

Sofort stand die Kindergärtnerin auf und folgte Ramona zur Toilette. Die übrigen Erwachsenen bemerkten nichts davon, da sie über Landkarten gebeugt Pläne für Ausflüge schmiedeten.

Fredy und ich standen an der Zugtüre bereit. Zu unserem Glück war dies einer von den altmodischen Zügen, bei denen die Türen während der Fahrt nicht verriegelt sind. Als Frau Walper sich über die am Boden liegende, anscheinend blutverschmierte Sonja beugte, öffnete ich die Türe und Fredy schubste unsere Betreuerin gekonnt aus dem Zug.

Sonja wusch sich, und wir gingen zurück zu den anderen.

 

Natürlich wurde der halbe Zug auf den Kopf gestellt, das Bahnpersonal alarmiert, am nächsten Bahnhof gab es einen verlängerten Aufenthalt, Passagiere wurden befragt, sogar der Gepäckwagen durchsucht. Frau Walper blieb verschwunden, niemand hatte eine Ahnung, wann sie zuletzt gesehen worden war, die Vermutungen umschlossen die Bandbreite von 9:30 Uhr bis 12:00 Uhr.

Die Bahnfahrt war etwas weniger langweilig geworden.

 

Es gab ein paar Diskussionen, ob die Reise wegen des Verschwindens der Betreuerin abgebrochen werden sollte, aber da alle Jugendlichen versprachen, vernünftiges, folgsames und mustergültiges Verhalten zu zeigen, änderte sich nichts.

Die ersten zwei Tage im Allgäu verbrachten wir mit dem Erkunden der Umgebung, die Abende waren recht kurzweilig, da vor allem Jugendpfarrer Schneider tolle Ideen, zum Beispiel für Rollenspiele, wirklich schwierige Rätsel, interessante Diskussionen und ähnliches, entwickelte.

 

In den Nachmittagsstunden des Donnerstag kam telefonisch die Nachricht, daß Frau Walpers Leiche gefunden worden war. Man untersuchte noch, ob Selbstmord oder ein Unglück die Ursache ihres Ablebens gewesen war.

Wir legten am Abendbrottisch eine andächtige Schweigeminute für die Verblichene ein und Münchmann sagte ein paar andächtige Worte, was er – schließlich ist das Teil seines Berufes – sehr gekonnt bewerkstelligte.

 

Am Freitag fuhren wir mit einem Bummelzug nach Oberstdorf, um das Nebelhorn zu besteigen. Hier wurden wir Johanna los.

Johanna war die einzige, die nichts davon wußte, warum Frau Walper nicht mehr bei uns war. Man konnte Johanna nicht trauen. Sie war eine chronische Miesmacherin, quengelte ständig über irgend etwas: wehe Füße, juckende Mückenstiche, fades Essen, harte Matratzen, rüpelhafte Jungen, dämliche Mädchen…

Den Erwachsenen gegenüber war sie eine so schleimige Arschkriecherin, daß es selbst den Betreuern zuwider war, mit ihr zu tun zu haben. Sie erzählte ungefragt, was keiner der drei wissen wollte: Peter hat hinter dem Haus geraucht, Ramona hat Kondome in ihrem Koffer, Friedrich und Johann (ja, das bin ich) sind um Mitternacht aufgestanden und haben im Fernsehen einen Sexfilm angeschaut…

Sie hielt sich auch bei der Bergwanderung abseits, trottete der Gruppe hinterher und gab unfreundliche Antworten wenn man sie in ein Gespräch einbeziehen wollte. Ich meine, wir haben es wirklich versucht, aber sie wollte eben Außenseiterin sein und bleiben.

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte "Tourismus Oberstdorf"

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte „Tourismus Oberstdorf“

Der Wanderweg auf das Nebelhorn ist vielfach gewunden, so daß man immer nur ein Stück überblicken kann. Peter und Friedrich ließen sich ein wenig zurückfallen, waren dann am Ende der Gruppe, allerdings noch vor der mißmutig bergauf stapfenden Johanna, die stur auf den Weg starrte und kein Auge für die Landschaft hatte. Die beiden Jungen verschwanden hinter einem Gebüsch und ließen Johanna vorbeigehen. Dann holten sie sie leise ein, stülpten ihr einen Rucksack über den Kopf und fesselten sie in Windeseile mit zwei Gürteln. Es war wichtig, daß sie nicht mitbekam, wer sie überfiel, denn wir hatten nicht vor, sie aus dem Leben an und für sich zu verabschieden. Sie sollte nur uns nicht mehr auf die Nerven gehen.

Friedrich erzählte mir später, daß sie noch nicht einmal geschrien habe. Die beiden trugen sie ein Stück in das Unterholz hinein, um vor den Blicken etwa vorbeikommender Wanderer geschützt zu sein.

Durch einen kräftigen Schlag mit einem stabilen Ast brach Peter ihr den linken Unterschenkel. Wir waren übereingekommen, daß dies die humanste Möglichkeit war, da ein gebrochenes Bein in der Regel gut verheilt und eine eventuelle Narbe dort weniger stört als am Arm. Einen zweiten Schlag bekam sie auf den Kopf, der immer noch im Rucksack steckte. Da die beiden ja Gürtel und Rucksack mitnehmen mußten, war es wichtig, daß Johanna bewußtlos war und nichts wahrnehmen konnte.

Schließlich nahmen die Jungs Johannas Umhängetäschchen, verstreuten den Inhalt, das Bargeld, DM 14,35, nahmen sie mit, damit ein Raubüberfall eine plausible Möglichkeit blieb. Niemand war bereit gewesen, eine auch nur versuchte Vergewaltigung vortäuschen zu wollen. Abgesehen von den vielfältigen Hinweisen, die Kriminalisten aus Spermaspuren gewinnen können, schien es uns als sehr unwahrscheinlich, daß irgend jemand auf dieser Welt beim Anblick dieses pummeligen pickeligen unausstehlichen Mädchens erotische Gelüste empfinden konnte.

Aus der Bergwanderung wurde, sobald das Verschwinden von Johanna bemerkt worden war, eine wunderbar aufregende Suchaktion. Wir hatten es bis zum Gipfel geschafft, dort versammelten wir uns für ein Gruppenfoto und endlich stellte Pfarrer Münchmann das Fehlen eines seiner Ferienschäfchen fest. Natürlich wußte niemand, wann und wo uns unsere Kameradin abhanden gekommen war. Leid tat mir nur Schneider, der sich bitterste Vorwürfe machte, nicht das Ende der Gruppe im Auge behalten zu haben.

Wir suchten den ganzen restlichen Tag, außer uns suchte dann nach ein paar Stunden auch die Bergwacht, gegen Abend, bevor die Dämmerung einsetzte, sogar mit zwei Hubschraubern.

Friedrich und Peter durchkämmten buchstäblich jeden Quadratmeter des Dickichts, in dem sie Johanna zurückgelassen hatten, aber sie war nicht mehr dort. Den Ast fanden sie, es klebte etwas Blut am Ende, aber von Johanna fehlte jede Spur.

 

Unserem Ferienlager drohte das vorzeitige Ende. Wir besprachen die Lage am Samstag nach dem Frühstück. Die Pfarrer Münchmann und Schneider plädierten für eine vorzeitige Abreise, Frau Sondersohn und wir dagegen. Johanna war nicht gefunden worden, in kein Krankenhaus eingeliefert, ihre Eltern auf dem Weg nach Langenwang. Sie flogen von Berlin nach München, von dort aus fuhren sie mit einem Mietwagen. Als sie nach dem Mittagessen eintrafen, gab es noch immer keine Nachricht von ihrer Tochter.

Jedenfalls kamen wir gegen Abend überein, die Reise nicht abzubrechen. Johannas Eltern gaben mit ihrer Meinung, man könne nicht 21 jungen Leuten die Ferienfreude nehmen, weil ein Mitglied der Gruppe verschwunden sei, wohl den Ausschlag. Johanna war, so erfuhren wir, schon zwei Mal durchgebrannt und nach ein paar Tagen wieder aufgetaucht.

 

Das Ende unserer Reise muß ich nun, da ich ja einen Aufsatz und keinen Roman zu schreiben habe, in Kürze schildern.

Alice und Alexandra, beide 14, veranstalteten in der Nacht vom Sonntag zum Montag eine geheime schwarze Messe im Speisesaal. Nur die beiden, die wohl an ihren Hokuspokus glaubten, wußten davon. Sie hatten einen Tisch als Altar geschmückt mit Kerzen und allerlei merkwürdigen Ornamenten. Was genau sie da vorhatten oder taten, weiß niemand. Man fand sie am Morgen, nackt, eng umschlungen, mit angstverzerrten Gesichtern und so tot wie eine ägyptische Mumie nach 2000 Jahren Lagerzeit.

Wir fanden diese Todesfälle bedauerlich, weil beide Mädchen gute Kumpel und sehr liebenswerte Freundinnen für uns alle gewesen waren. Daher beschlossen wir einmütig, den nächstmöglichen Zug zurück nach Berlin zu nehmen.

 

Die Rückfahrt verlief dann ohne Zwischenfälle. Alles in allem war unser Ferienlager weit interessanter, als wir zu Beginn angenommen hatten.

So. Und nun wie versprochen der Weg zum Buch: Neuland, ISBN-10: 1481025287, ISBN-13: 978-1481025287, Leseprobe und Herunterladen hier: Neuland (E-Buch für Kindle) :: Neuland (als Taschenbuch)

Susanna

Aus dem Buch »Liebe und Alltag«, das nur noch bis Ende November 2014 bestellt werden kann, stammt diese Erzählung. Vielleicht regt die Lektüre ja den einen oder die andere an, sich das Buch noch rechtzeitig zu bestellen? Informationan dazu nach der Geschichte am Ende des Blogbeitrages.

Wenn es eine schönere Frau geben sollte als Susanna, dann nicht hier, nicht in unserer Gegend. Ich habe manche Reise unternommen und dabei viele Frauen gesehen, doch mit Susanna kann sich keine messen. Sie ist nicht meine Frau, sondern Joachim hat sie geheiratet. Ich weiß nicht einmal, ob ich das bedauern möchte – denn ich bin eigentlich ganz glücklich, alleine zu leben. Ich habe zwar als junger Mann für Susanna geschwärmt, in meinen Träumen und Phantasien war sie an meiner Seite, aber wer von uns Jungen hätte damals nicht ein Auge auf Susanna geworfen? Ein Blinder vielleicht, wenn es einen unter uns gegeben hätte.

Susannas Eltern sind reich, genau wie ihr Mann. Regt sich dann und wann ein wenig Neid in mir? Zugegeben, wenn meine Einkünfte mal wieder zur Neige gehen und kein Brot mehr im Haus ist, stelle ich mir vor, wie es sein mag, Mangel nicht zu kennen.

Susannas Eltern und Joachim sind vorbildliche Menschen, die aus ihrem Wohlstand gerne etwas an Bedürftige wie mich verschenken. Noch nie habe ich gehört, dass jemand vergeblich seine Not bei ihnen geklagt hätte. Keiner ist je hungrig oder durstig weggeschickt worden, mancher hat wärmende Kleidung und feste Schuhe Susannas Familie zu verdanken.

Die Gastfreundschaft wird hoch geehrt und gepflegt im Haus von Joachim. Auch das wöchentliche Schiedsgericht tagt dort, oder im weitläufigen Garten, der das Gebäude umgibt, wenn das Wetter dazu einlädt. Menschen aus dem Ort, die sich im Streit mit jemandem befinden, erhalten Gehör vor zwei Richtern, die dann ein Urteil sprechen. Eine segensreiche Einrichtung, an und für sich. Nur hatten wir in diesem Jahr ein zunehmend drängender werdendes Problem: Die beiden amtierenden Richter pflegten das Recht zu beugen, wie es ihnen gefiel. Es gefiel ihnen vor allem dann, wenn sie unter der Hand von einer der Parteien im Streit ein ansehnliches Bestechungsgeschenk erhalten hatten. Doch die meisten Bürger unseres Städtchens ahnten nichts davon, dass die amtierenden Rechtspfleger käuflich waren, vor dem Volk war ihr Ansehen weitgehend unbeschädigt geblieben.

Das änderte sich an einem heißen Sommertag, und davon möchte ich berichten.

Das Schiedsgericht tagte wie üblich in der ersten Tageshälfte, gegen Mittag waren alle wieder nach Hause oder sonst ihrer Wege gegangen. Bis auf die beiden Richter. Und mich. Doch niemand wusste von meiner Anwesenheit, verborgen hinter dichtem Efeu lauschte ich dem Gespräch. Ich wollte gerne Beweise für meinen Verdacht, dass die Richter käuflich waren. Bisher war dies lediglich eine Vermutung.

Ich war in einem Streit unterlegen, obwohl nach meinem Rechtsempfinden eigentlich der Gegner die schwächeren Argumente gehabt hatte. Während der Verhandlung beschlich mich der Gedanke, dass die beiden Richter längst wussten, was wir vortrugen, ein Urteil schon vorher ausgehandelt worden war. Es ging um zwei kranke Ziegen, doch dies im Einzelnen zu schildern würde zu weit führen, denn hier geht es ja um Susanna.

Ich wartete also hinter dem Efeu und hoffte, dass meine Vermutung zur Gewissheit werden würde, denn dann hatte ich Chancen auf eine neue Verhandlung vor einer höheren Instanz. Ich erwartete, da die Richter nach dem Ende des Gerichtstages keine Anstalten zum Aufbruch machten, dass mein Gegner im Rechtsstreit kommen und die Bezahlung für das Urteil aushändigen würde.

Die beiden Richter wirkten unruhig. Sie beäugten einander und sprachen über Unverfängliches, bis einer sagte: »Gehen wir nach Hause, es ist Zeit zum Essen.«

Tatsächlich machten sie sich auf den Weg. Ich wartete ein paar Minuten in meinem Versteck, um ihnen nicht in die Arme zu laufen. Wenn ich nach ihnen aus dem Garten kam, wären sie garantiert stutzig geworden. Sie hätten gewusst oder zumindest vermutet, dass ich ihr Gespräch gehört hatte.

Gerade als ich schließlich gehen wollte, erschienen die beiden jedoch wieder – aus verschiedenen Richtungen. Als sie einander erblickten, war ihnen die Verlegenheit deutlich anzusehen.

»Hast du etwas liegen lassen?«, fragte der eine.

»Ich – äh – also eigentlich wollte ich – hmmm – und du?«

»Mir war so danach… also, wie soll ich sagen…«

»Dir war wonach?«

»Mir war… na ja, also um es kurz zu machen: Ich wollte Susanna sehen.«

»Ach. Du auch?«

»Du etwa auch?«

Es stellte sich heraus, dass beide hinter Susanna her waren, doch keiner dem anderen etwas von seinem Verlangen gesagt hatte. Ungeduldig warteten sie an jedem Gerichtstag darauf, sie zu beäugen und sie hatten gehört, dass sie an heißen Tagen in den Mittagsstunden gerne ein Bad im Garten nahm.

Die beiden alten Männer wurden mir immer widerlicher, je länger ich zuhörte. Susanna war eine junge Frau, jeder der beiden Richter hätte vom Alter her ihr Vater sein können.

Sie verabredeten sich schließlich, auf eine günstige Gelegenheit zu warten, um ihr gemeinsam aufzulauern. Ich war unsicher, was ich tun sollte. Wenn ich Susanna warnen wollte, musste ich erklären, wie ich an die Information gekommen war. Es war mir außerordentlich peinlich, dass ich mich im Garten ihres Hauses versteckt hatte, und womöglich unterstellte sie mir, dass ich von ihrer Gewohnheit des Badens gewusst und darauf gelauert hatte?

Wenn ich andererseits schwieg, konnte ich mitschuldig werden, falls ihr etwas zustoßen sollte. Ich beschloss, da ich sowieso über viel freie Zeit verfügte, die Richter zu beobachten und notfalls einzugreifen.

 

Ein paar Tage später kam Susanna zur Mittagszeit in den Garten, von zwei Mädchen ihres Haushaltes begleitet, und wollte baden; es war einer dieser heißen Tage, bei denen man nichts sehnlicher möchte, als in kühlendes Wasser einzutauchen. Niemand war dort außer den beiden alten Richtern, die sich versteckt hatten um ihr aufzulauern. Und natürlich war ich zur Stelle, da ich den Kerlen gefolgt war. Ich verbarg mich unbemerkt im Schilf.

Susanna sah sich um, ob sie wirklich unbeobachtet war, und sagte dann zu den Mädchen: »Holt mir Öl und Salben und verriegelt das Gartentor, damit ich baden kann.«

Die Mädchen erfüllten ihren Wunsch. Sie verriegelten das Tor und verließen den Garten durch die Seitenpforte, um zu holen, was ihnen aufgetragen war. Ich war nun hin- und hergerissen:

Susanna legte bereits ihr Obergewand ab, und der Anstand gebot mir, mich sofort zu entfernen. Andererseits wusste ich, dass ich womöglich Susannas einzige Hilfe sein konnte, wenn die Richter tatsächlich ihr Vorhaben in die Tat umsetzten.

Kaum waren die Mädchen außer Sichtweite, standen die beiden Richter auf, liefen zu Susanna hin und sagten: »Das Gartentor ist verschlossen und niemand sieht uns; wir brennen vor Verlangen nach dir: Sei uns zu Willen und gib dich uns hin! Weigerst du dich, dann bezeugen wir gegen dich, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast.«

Aus meinem Versteck hörte ich jedes Wort und sah, wie bleich Susanna wurde. Sie sah sich verzweifelt um, aber es war kein Mensch in der Nähe. Dachte sie zumindest, da ich mich weiter verborgen hielt.

Sie hob ihr Gewandt vom Boden auf und hielt es sich vor den Körper. Die Kerle grinsten anzüglich.

»Bist du nun willig oder nicht?«

Sie antwortete: »Ich bin in der Zwickmühle. Wenn ich es tue, bin ich für den Rest des Lebens entehrt; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen, falls ihr wirklich so schlecht seid, wie es scheint. Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als zu sündigen.«

Dann schrie Susanna, so laut sie konnte, um Hilfe. Aber zugleich mit ihr schrien auch die beiden Richter, einer von ihnen lief zum Gartentor und öffnete es.

Als die Leute im Haus das Geschrei im Garten hörten, eilten sie durch die Seitentür herbei, von der Straße kamen einige Menschen durch das Tor dazu, um nach der Ursache der Aufregung zu forschen.

Die Richter erzählten ihr Märchen, dann herrschte betretenes Schweigen. Noch nie war so etwas Unerhörtes über Susanna gesagt worden. Und sie stand da, versuchte, sich mit ihrem abgelegten Gewand notdürftig zu bedecken, weinte, schüttelte den Kopf zu den Anklagen, sagte aber kein Wort.

Ich stellte fest, dass ich ein jämmerlicher Feigling war. Ich war zwar aus meinem Versteck herausgekommen, als die Menschenmenge zusammenlief, aber ich brachte es nicht fertig, etwas zur Verteidigung der jungen Frau über die Lippen zu bringen.

Joachim blieb nichts übrig, als den öffentlichen Skandal auch öffentlich zu untersuchen, das war er seiner gesellschaftlichen Stellung schuldig. Ein Vertuschen, eine heimliche Verhandlung waren undenkbar. Susanna wurde in eine Decke gehüllt und ins Haus gebracht, Joachim und die Richter verabredeten eine Verhandlung gleich am nächsten Tag.

Am Morgen kam eine ansehnliche Menschenmenge zusammen. Die Todesstrafe für die Frau ist nach unseren Gesetzen bei solchen Vorfällen das einzig mögliche Urteil, auch wenn es nicht zum Vollzug des Ehebruchs gekommen ist.

Susanna erschien, begleitet von ihren Eltern, ihren Kindern und allen Verwandten, verschleiert zur Verhandlung. Die beiden Richter ordneten an, dass sie den Schleier abzulegen hatte.

Sie weinte, hob das verzweifelte Gesicht hilfesuchend zum Himmel. Ich wusste, dass es Tränen der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit waren, aber für die Menschenmenge mochten sie wie Tränen der Reue über tatsächlich begangenes Unrecht wirken. Vor dem ganzen Volk standen nun die beiden Ankläger auf und legten die Hände auf den Kopf Susannas – eine Geste, bei der mir die Galle hochkam.

Sie machten ihre Aussage: »Während wir allein im Garten spazieren gingen, kam diese Frau mit zwei Mägden herein. Sie ließ das Gartentor verriegeln und schickte die Mägde fort. Dann kam ein junger Mann, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr. Wir waren gerade in einer abgelegenen Ecke des Gartens; als wir aber die Sünde sahen, eilten wir zu ihnen hin und sahen, wie sie zusammen waren. Den Mann konnten wir nicht festhalten; denn er war stärker als wir; er öffnete das Tor und entkam. Aber diese Frau hielten wir fest und fragten sie, wer der junge Mann gewesen sei. Sie wollte es uns aber nicht verraten. Das alles können wir bezeugen.«

Ich war erschüttert, dass Susanna gar nicht zu Wort kam. Die versammelte Gemeinde glaubte den Halunken, die ja immerhin anerkannte Richter waren, und niemand erhob Einspruch, als Susanna zum Tode verurteilt wurde.

Sie schrie, als man sie abführte: »Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene; du weißt alles, noch bevor es geschieht. Du weißt auch, dass sie eine falsche Aussage gegen mich gemacht haben. Darum muss ich jetzt sterben, obwohl ich nichts von dem getan habe, was diese Menschen mir vorwerfen.«

Ich konnte nun nicht länger schweigen. Ich hätte mich schuldig gemacht und ein Leben lang für meine erbärmliche Feigheit geschämt. Ich sprang auf und rief: »Ich bin unschuldig am Tod dieser Frau.«

Sofort hatte ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. »Was soll das heißen, was du da gesagt hast?«

Ich hatte keine Ahnung, woher der plötzliche Mut kam, aber ich erklärte: »Seid ihr so töricht? Ohne Verhör und ohne Prüfung der Beweise habt ihr eine Frau aus unserer Mitte verurteilt. Diese beiden Richter haben eine falsche Aussage gegen Susanna gemacht.«

Woher ich das wisse, fragte man mich, und ob ich womöglich selbst derjenige sei, der mit Susanna unter dem Baum gelegen hatte. Ich schüttelte den Kopf.

»Sie hat sich im Garten mit niemandem unter einen Baum gelegt. Sie wollte ein Bad nehmen, war überzeugt, allein und unbeobachtet zu sein. Trennt die beiden Richter, ich will sie einzeln befragen. Dann werdet ihr alle hören, ob sie die Wahrheit sagen.«

Man brachte den einen der beiden hinaus.

Als er außer Hörweite war, verhörte ich den Verbliebenen: »In Schlechtigkeit bist du alt geworden; doch jetzt kommt die Strafe für die Sünden, die du bisher begangen hast. Ungerechte Urteile hast du gefällt, Schuldlose verurteilt, aber Schuldige freigesprochen. Wenn du also diese Frau wirklich mit einem fremden jungen Mann gesehen hast, dann sag uns: Was für ein Baum war das, unter dem die beiden zusammen lagen?«

Er antwortete: »Unter einer Zeder.«

Ich antwortete: »Noch hättest du zur Wahrheit zurückkehren können. Mit deiner Lüge hast du dein eigenes Haupt getroffen. Du wirst die Ernte deiner Saat aufgehen sehen.«

Man brachte ihn hinaus und der andere Richter erschien vor der gespannten Menge. Ich ergriff wieder das Wort: »Auch dich hat die Schönheit dieser Frau verführt, die Leidenschaft hat dein Herz verdorben. Es war womöglich nicht das erste Mal, andere Mädchen und Frauen fürchteten sich und waren euch zu Willen. Aber Susanna hat eure Gemeinheit nicht geduldet. Nun sag mir: Was für ein Baum war das, unter dem du die beiden ertappt hast?«

Er wollte nicht antworten, aber es blieb ihm schließlich nichts übrig. Er schwitze, sah sich ängstlich nach seinem Kollegen um, jedoch vergeblich. Schließlich sagte er: »Unter einer Eiche.«

Ein Murmeln ging durch die Menge. Und plötzlich wurde offenbar, dass ich wohl nicht der einzige im Dorf war, dem diese Kerle schon Unrecht getan hatten. Eine ganze Menge von gekauften Urteilen und anderen Schlechtigkeiten kam an diesem Tag zum Vorschein, weil die Betroffenen nun endlich den Mut fanden, gegen die beiden Richter auszusagen. Ich hatte sogar mit der Vermutung recht gehabt, dass Susanna nicht das erste Opfer ihrer Lüsternheit gewesen war. Eine Dienerin aus dem Haushalt Joachims gestand, dass sie sich aus Angst hatte missbrauchen lassen.

An und für sich hätte dieses Bekenntnis bedeutet, dass das Mädchen geächtet und verstoßen werden musste. Unsere Gesetze sind so, ob man das nun für richtig hält oder nicht. Aber Joachim und Susanna taten nichts dergleichen. Die Dienerin durfte bleiben, und irgendwann geriet das alles in Vergessenheit.

Der restliche Verlauf dieser denkwürdigen Gerichtsversammlung in Joachims Haus ist schnell erzählt. Man legte zunächst Susanna den Schleier wieder an, als deutliches Zeichen, dass ihre Ehre nicht mehr anzuzweifeln war.

Dann wurden die beiden Richter weggeführt, zunächst lediglich unter Hausarrest gestellt, da ein Urteil nur von Richtern gefällt werden konnte. Wir hatten ja nun keine mehr. Man schickte in den nächsten größeren Ort, um die dort tätigen Rechtssprecher in unser Dorf zu bitten.

Als diese drei Tage später kamen, waren unsere Angeklagten verschwunden. Niemand konnte sagen, wann und wie, denn ein Hausarrest ist natürlich keine Gefängniszelle, es hatte keine Wachen gegeben, sondern nur das Ehrenwort der beiden, sich einer Verhandlung zu stellen.

Nun ist es wohl nicht weiter verwunderlich, wenn ein Ehrenwort bei Männern ohne Ehre keinen Wert besitzt…

 

Wenn es eine schönere Frau geben sollte als Susanna, dann nicht hier, nicht in unserer Gegend. Ich bin glücklich, dass sie mit ihrem Joachim vereint blieb, glücklich, dass ich meine Feigheit abschütteln und dem Recht zum Triumph verhelfen konnte.

Heute bin ich selbst Richter in unserem Dorf, die beiden Schurken sind nie wieder aufgetaucht, keiner weiß, wo und ob sie Zuflucht gefunden haben. Es kann auch sein, dass die Wüste ihr Grab geworden ist.

Bis Ende November 2014 kann man das Buch noch bestellen. 

Liebe und Alltag, 16 Erzählungen, broschiert, 136 Seiten, 9,95 €. Bestellen kann man das Buch zum Beispiel bei Amazon: [Liebe und Alltag] oder in jeder Buchhandlung mit der ISBN 978-3-8370-8186-2

P.S.: Susanna fiel mir bei der Lektüre der Bibel auf, eine von vielen Geschichten, die man leicht überblättert, weil die Sätze, mit denen eine schicksalhafte Begebenheit abgehandelt wird, eher unscheinbar und kurz sind. Mich faszinieren oft gerade die Personen, die nur so nebenbei erwähnt werden. Wie diese Frau, die hingerichtet werden sollte. Im Buch Daniel, Kapitel 13 kann man das Original nachlesen, falls eine Bibel zur Hand oder online aufrufbar ist.