Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Beim Aufräumen der Festplatten (jawohl, auch die kann und soll man aufräumen!) öffnete ich heute ein Dokument aus dem Jahr 2013, dessen Inhalt ich inzwischen vergessen hatte. Ich war damals angefragt worden, ob ich für eine Zeitschrift einen Heimatkrimi mit etwa 7.000 Anschlägen schreiben würde. Natürlich sagte ich zu. Das heute wiederentdeckte Dokument enthielt den ersten Versuch … der aber von mir nie abgeschickt wurde. Ich habe seinerzeit dann »Frau Schlonske und die ewige Heimat« geschrieben und eingeschickt; die Geschichte wurde abgedruckt.

Doch hier nun das, was ich als ersten Entwurf aufbewahrt habe. Übrigens: Die beiden Redakteure der Zeitschrift, deren Auftrag ich hatte, hießen Michael und Jörg. So. Nun aber:

Der ungeschriebene Heimatkrimi

Bildergebnis für krimiDas viele Blut überall … ich hatte nicht bedacht, dass ein toter Redaktionsleiter eine solche Schweinerei auslösen konnte. Meine Hände waren klebrig, mein Hemd war ruiniert, das Blut ließ sich bestimmt nicht aus dem hellen Stoff auswaschen. Die Hose war sowieso hin, man kann ja schlecht ein so blutgetränktes Kleidungsstück bei der Reinigung abgeben. Ich war aber immerhin unverletzt. Gott sei es gedankt, von Herzen. Denn um ein Haar wäre ich die Leiche gewesen.

Es hatte alles so harmlos begonnen. Ich war mit schlechtem Gewissen, weil ich beichten musste, dass der versprochene Artikel nicht fertig war, in die Redaktion gefahren. Zunächst verlief das Gespräch, falls man es bezüglich meines einsilbigen Gegenübers als solches bezeichnen will, nach meinem Geständnis noch halbwegs normal.

»Ich wollte ja«, beteuerte ich, »ich wollte ja wirklich einen Heimatkrimi schreiben. Ich habe Fragmente, die ich vorweisen kann. Ich habe es ernsthaft versucht.«

»So.«

»Als die Anfrage von deinem Redaktionskollegen Jörg kam, habe ich gleich zugesagt und begonnen.«

»So.«

»Aber dann bin ich nicht weiter gekommen. Die Geschichte wollte sich nicht erzählen lassen. Also habe ich einen zweiten Anlauf versucht, eine neue Handlung erfunden. Ich war sicher, dass das klappt und dass ich einen ganz famosen Heimatkrimi zustande bringen würde. Das Internet beziehungsweise Twitter als Werkzeug des Verbrechers … ein Polizist, der dann den Bösewicht verfolgt … am Ende kommt der Verbrecher davon und die Welt wie wir sie kennen endet. Aber das passt nie und nimmer in den vorgegebenen Rahmen von 7.000 Zeichen.«

»So.«

»Ich lese mal vor, wie die Geschichte anfängt«, schlug ich vor. Da ich keine Widerrede hörte und Michael Z. sogar eine Augenbraue hob als sei er neugierig, holte ich das Dokument auf den Bildschirm meines Notebooks und las:

Der Mann im schwarzen Mantel floh in Richtung Kurfürstendamm und Alfred Kasupske folgte ihm. Er hätte genauso gut im Café verweilen und den Fliehenden ignorieren können, aber er war eben Polizist mit Leib und Seele. Ob er den Mann noch verhaftete oder nicht änderte nichts mehr. Dafür war es längst zu spät. In ungefähr 30 Minuten würde sowieso jede Flucht enden und keine Fesseln der Welt konnten dann noch irgend jemanden daran hindern, sich davon zu machen in die ewige Heimat, falls es ein Jenseits gab. Kasupske war sich nicht sicher. Er war nun mal kein Theologe sondern Polizist.

Die ersten Hinweise auf das, was nun aufzuhalten nicht mehr möglich war, hatte es vor zehn Tagen im Internet gegeben. Tagelang hatte allerdings niemand den Ernst der Lage begriffen. Als dann vorgestern endlich die Sonderkommission in den großen Konferenzraum gerufen wurde, war auf der Leinwand die Twitterseite zu sehen, ein Eintrag hervorgehoben.

»Was ist das denn?« fragte Kasupske den jungen Kollegen, der am Beamer-PC saß.

»Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, falls wir den Täter nicht umgehend finden.«

Kasupske runzelte die Stirn und las die Botschaft – Tweet nannte man so etwas, erfuhr er wenig später.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige betreten wir am Samstag. #bleibende_Heimat_jetzt!

»Das ist alles?«

Überrascht, dass ich mehr als ein So zu hören bekam, wagte ich ein zögernd optimistisches Lächeln. »Leider ja. Als ich an dem Punkt war, wurde mir klar, dass daraus 200 oder mehr Seiten entstehen müssen. Das geht nicht in der für eure Zeitschrift notwendigen Kürze.«

»Hmmm …« brummte Michael Z. »Und der andere, der erste Versuch?«

Ich öffnete die Datei und las vor, was ich zustande gebracht hatte:

»Ick lasse mir von niemand« – sie machte eine bedeutungsvolle Pause – »von niemand lass ick mir hier vertreiben. Dit is meen Zuhause, meene Heimat. Hier kriegt mir keener weg!«

Ich hätte das ernster nehmen sollen, sagte ich mir hinterher. Also nachdem dann passiert war, was passiert ist. Ziemlich weit hinterher. Damals, beim Gespräch mit Antje Schlonzke, hielt ich das nur für Gerede, wie man es in meinem Beruf häufig zu hören bekommt. Die Leute geben Geld aus, das sie gar nicht haben, und wenn dann jemand kommt und an die Rückzahlung erinnert, werden sie laut und frech.

»Frau – äh – Schlonzke«, sagte ich, »wenn Sie in der Lage sind, wenigstens einen Teil der Summe zu überweisen, dann wird das aller Erfahrung nach von der Bank positiv bewertet, so dass der Räumungsbeschluss eingefroren werden kann. Andernfalls kann ich leider nichts für Sie tun. Sie schulden der Bank 350.000 Euro zuzüglich Verzugszinsen, Gebühren, Anwaltskosten.«

»Dit is ja nich meene Schuld! Ick hab allet ins Jeschäft jeschteckt, zwee Verkäuferinnen einjeschtellt, dit Mobiljar jekooft, die Ware beschtellt und injeräumt. Und denn sacht dit Aas im Fernsehn: Tut ma leid, da ham wa uns jeirrt mit die Eröffnung vons Janze.«

Mein Mitgefühl hatte Frau Schlonske zweifellos, sie war nicht die einzige, deren Existenz am Flughafen Berlin-Brandenburg zugrunde gegangen war. Beziehungsweise am Nicht-Flughafen.

»Sie haben wirklich nicht einmal einen kleinen Betrag verfügbar, den Sie der Bank anbieten können? Verwandte, Freunde, die Ihnen bei der Überbrückung helfen? Wenn der Flughafen eröffnet, verdienen Sie ja Geld mit ihrer Boutique dort und können mit der Rückzahlung beginnen. Aber bis dahin will die Bank nun mal nicht mehr warten. Es weiß ja auch keiner, ob und wann der Flughafen fertig wird.«

»Die stecken ja alle unter eener Decke! Banken, Politiker, dit janze Jeschmeiß. Hat der Wowereit, die olle Stinksocke, ooch nur eenen Pfennich einjebüßt? Oder der andere Kerl, dit Buttermilchjesicht aus Brandenburg, Patzich oder wie der heeßt? Nee nee nee! Ick habe nur noch dit kleene Häuschen hier, und ick lasse mir nich von die Dickscheißers die Heimat rauben! Von niemand! Is dit klar?«

»Also können Sie nirgendwo eine Summe auftreiben, um der Bank Zahlungswilligkeit zu signalisieren?«

»Ick kann mir ja mit zwee Pfund Mehl in die Filiale schtellen und ne Jeisel nehmen wie der blitzhageldumme Dorfbengel neulich! Oder soll ick mirn Tunnel zu die Schließfächer buddeln wie die Gaunerbaggage in Steglitz? Denkste Puppe! Ick weeß mir zu wehren!«

Als wir – also die Polizei und ich – dann eine Woche später zum Räumungstermin anrückten, war alles schon zu spät und vorbei.

»Das taugt nichts«, kommentierte Michael Z.

Kleinlaut gab ich zu: »Das weiß ich. Kurzum: Es ist mir nicht gelungen, bis zum Redaktionsschluss einen Heimatkrimi mit 7.000 Zeichen zu schreiben. Ich gebe es zu.«

»So.«

Er war wieder zur Einsilbigkeit übergegangen. Seine Finger spielten mit einem Brieföffner, sein Blick war finster.

»Das kann mich meinen Redaktionsvorsitz kosten«, brummte er und hob die Hand mit der scharfen Klinge.

Ich sprang vom Stuhl auf, packte zu und konnte ihm das Mordwerkzeug entreißen, bevor es mich traf. Und schon lag der Redaktionsleiter auf seinem Schreibtisch. Er blutete noch alles voll, bevor er endlich seinen letzten Schnaufer tat und in die zukünftige Heimat wechselte.

Und nun? Nun kann ich sehen, wie ich das Blut abgewaschen kriege und die Redaktion kann sich ausdenken, wie sie ihrer Leserschaft plausibel machen will, dass es diese Woche keinen Heimatkurzkrimi im Heft geben wird.

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Ich bin noch da …

Image may contain: 1 person, smiling, glasses… und bei angesichts der jüngeren Vergangenheit erstaunlich guter Gesundheit. Zugegeben: Dieser Blog führt eine Art Dornröschenleben. Auf meinem kunterbunten Blog nebenan ist etwas mehr los, aber sensationell viele Beiträge sind da auch nicht zu finden.

Das liegt daran, dass ich meine Kräfte deutlich vernünftiger einteilen muss als früher und dass ich in der verfügbaren Zeit auch ohne das Bloggen gut ausgelastet bin. Zum Beispiel habe ich in letzter Zeit ein Buch übersetzt, unsere Küche renoviert (das Wohnzimmer soll als nächstes drankommen), Ausflüge unternommen, Lehrmaterialien herstellen geholfen, viele viele Mahlzeiten zubereitet … undwasnochalles.

So. Nun wissen die geschätzten Blogbesucher wieder mal Bescheid. Wer bei Facebook ist, kann übrigens dort auch meine öffentliche Autorenseite finden, auf der sich mehr bewegt als hier: https://www.facebook.com/GJMBerlin/

 

… regelmäßigen wie den sporadischen, den gezielt ankommenden und den zufällig hier gelandeten wünschen die beste aller Ehefrauen und ich – na ja, das steht ja weiß auf schwarz im Bild:

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Max schließt sich den dreisprachigen Wünschen auf seine eigene Ausdrucksweise an, soweit ich seine Hundemine zu deuten imstande bin.

img_4173_rtHier sind meine aktualisierten Anmoderationen als PDF-Datei, da das Ganze in Form eines Blogbeitrages mit der Zeit denn doch zu unübersichtlich wurde.

Die Zugriffszahlen hier liegen weit über den Zahlen der wöchentlichen Gottesdienstbesucher der kleinen Kirchengemeinde, in der ich gelegentlich und gerne moderieren darf, daher werde ich auch weiterhin ergänzen, wenn neue Anmoderationen hinzu kommen. Offensichtlich kann ja der eine und die andere etwas mit meinen kleinen Einführungen und Hinleitungen zum jeweiligen Thema anfangen – erfahre ich aus Zuschriften und Gesprächen und das freut mich sehr.

Die letzte Ergänzung stammt vom 25. Juni 2017.

Bitteschön, hier geht es entlang zum Dokument: [anmoderationen_stand_2017-06-25]

Ein Gespräch mit Herrn Judas I. S.

Während ich kürzlich im Fitnesstudio auf dem Laufband, Bruce Springsteen live in Chicago via Kopfhörer in den Ohren, den vierten von zehn Kilometern lief, schweiften meine Gedanken ab und mein Blick umher. Auf einem Ergometer ein paar Schritte links von mir trainierte ein Herr, dessen Name vielen geläufig ist, obwohl sie ihn nie persönlich getroffen haben. Es wurde und wird viel über ihn geredet, aber wer redet mit ihm? Ich beschloss, wenn möglich ins Gespräch zu kommen.
Später duschten wir zufällig neben einander. Beim Abtrocknen stellte ich mich kurz vor und fragte ihn, ob er sich die Zeit nehmen würde, mit mir einen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Er war sehr gerne bereit und so saßen wir bald darauf im Restaurant Stellwerk gemütlich am Fenster und unterhielten uns. Da mein schlaues Telefon eine Applikation für die Tonaufnahme besitzt, konnte ich das Gespräch mitschneiden:

Günter J. Matthia: Guten Tag Herr – äh – sehen Sie, da geht es schon los. Ich kenne nur Ihren Vornamen.
Judas I. Simonsohn: Da sind Sie nicht der einzige. Das liegt daran, dass seinerzeit in unserem Land Nachnamen nicht üblich waren.
Günter J. Matthia: Der Tradition nordischer Länder folgend könnte ich Sie Simonsohn nennen, falls die Überlieferung zutrifft und Ihr Vater tatsächlich Simon hieß.
Judas I. Simonsohn: Von mir aus gerne, Herr Matthia. Die meisten Menschen verwechseln meinen Beinamen, den übrigens auch mein Vater trug, mit einem Nachnamen.
Günter J. Matthia: Dass Ihr Vater so genannt wurde, ist in den überliefeten Texten vermerkt. Da heißt es: »Er sprach von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot; denn dieser sollte ihn verraten: einer der Zwölf«.
Judas I. Simonsohn: Richtig zitiert, bravo. Ich kenne übrigens die Schriften.
Günter J. Matthia: Das habe ich nicht bezweifelt, Herr Simonsohn. Sind die Schriften denn einigermaßen korrekt?
Judas I. Simonsohn: Das kommt darauf an, wie man »einigermaßen« definiert. Was glauben Sie denn?
Günter J. Matthia: Ich versuche, wenn ich in den Texten lese, die wir als Sammelband unter dem Namen Bibel kennen, zwischen den Zeilen herauszufiltern, was die jeweiligen Autoren auf ihre Weise und mit ihrem kulturellen Hintergrund sagen wollten. Dabei ist mir klar, dass nicht bei allen Schriften überhaupt bekannt ist, wer der jeweilige Autor war und wie oft im Lauf der Jahrhunderte etwas verändert, hinzugefügt oder gestrichen wurde.
Judas I. Simonsohn: Lassen Sie das mal nicht die sogenannten bibeltreuen Fundamentalisten hören oder lesen …
Günter J. Matthia: Bei denen bin ich höchstwahrscheinlich sowieso unten durch.
Judas I. Simonsohn: Unten durch sein – das kenne ich zur Genüge. Willkommen im Club.
Günter J. Matthia: Ich war übrigens selbst mal ein bibeltreuer charismatischer Fundamentalist, der selbstverständlich alles wusste und jedem Sünder sagen konnte, wie er gefälligst zu leben hat, um dem ewigen Feuersee zu entkommen, in dem er andernfalls unweigerlich landen würde.
Judas I. Simonsohn: Aber Sie sind offenbar erwachsen geworden. Ich kenne und schätze einige Ihrer Texte.
Günter J. Matthia: O – das überrascht und freut mich!
Judas I. Simonsohn: Dass ich mal jemandem eine Freude bereite … sonst bin ich ja immer der Bösewicht.
Günter J. Matthia: Eine undankbare Rolle. War Ihnen eigentlich von Anfang an klar, dass Sie sie spielen würden?
Judas I. Simonsohn: Nein. Keiner von uns wusste, was vor uns und unserem Rabbi lag, als wir uns Jesus von Nazareth anschlossen. Ich gehörte vollkommen dazu, machte alles mit, war begeistert wie die anderen. Wir halfen den Menschen, taten Gutes und freuten uns auf das, was unserer Meinung nach kommen musste.
Günter J. Matthia: »Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie«, heißt es irgendwo. Lassen wir mal die sogenannten Dämonen beiseite – Sie haben also auch Kranke geheilt?
Judas I. Simonsohn: Ja, natürlich. Beziehungsweise übernatürlich. Wir wollten so das Königreich vorbereiten.
Judas I. Simonsohn: Stimmt es, dass Sie alle eine diesseitige, eine irdische Regierung Ihres Messias erwarteten?
Judas I. Simonsohn: Wir gingen zuerst davon aus. Aber je länger wir mit Jesus unterwegs waren, desto deutlicher wurde, dass er nicht die Absicht hatte, einen politischen Umsturz in die Wege zu leiten.
Günter J. Matthia: Die vier Evangelien, die uns im Rahmen des biblischen Kontextes überliefert sind, stellen Ihre Rolle bei der Gefangennahme und Kreuzigung unterschiedlich dar. Das relativ spät entdeckte und zugänglich gemachte Judas-Evangelium weicht ziemlich von den vier klassischen Texten ab. In den Paulusschriften werden Sie überhaupt nicht erwähnt.
Judas I. Simonsohn: Ja.
Günter J. Matthia: Es gibt auch von einander abweichende Erzählungen über Ihren Tod beziehungsweise Ihren weiteren Lebensweg, der nach Ägypten geführt haben soll.
Judas I. Simonsohn: Ja.
Günter J. Matthia: Mein lieber Herr Simonsohn, jetzt werden Sie etwas einsilbig. Wo liegt denn nun die Wahrheit in all den Legenden verborgen?
Judas I. Simonsohn: Ich sitze hier mit Ihnen im Restaurant. Also werde ich mich wohl weder erhängt haben, noch bin ich so unglücklich gestürzt, dass mein Leib aufgeplatzt ist.
Günter J. Matthia: Letzteres könnte eine schaurige Horrorgeschichte werden, wenn mein Autorenkollege Stephen King die Idee aufnehmen würde.
Judas I. Simonsohn: Herr King schreibt doch schon lange keine Horrorgeschichten mehr. Oder kaum noch; kürzlich in der Kurzgeschichtensammlung The Bazaar of Bad Dreams war ein Anflug vom alten Stephen King zu finden.
Günter J. Matthia: Sie sind also nicht durch Selbstmord oder Unfall zu Tode gekommen sondern nach Ägypten gegangen und dort zum Gründer der koptischen Kirche geworden?
Judas I. Simonsohn: Wenn Sie das so formulieren wollen, meinetwegen. Allerdings hatte keiner von uns zwölf Aposteln jemals die Absicht, eine Kirche zu gründen. Genausowenig wie unser Rabbi Jesus übrigens.
Günter J. Matthia: Heißt es nicht, er habe zu Simon gesagt, er wolle auf ihm seine Kirche bauen?
Judas I. Simonsohn: Ecclesia. Nicht Kirche. Eine Versammlung oder Gruppe von Herausgerufenen, keine Organisation. Auch keine neue Religion. Das wollte weder unser Meister, noch hatte einer von uns zwölf Aposteln diese Absicht.
Günter J. Matthia: Mit Paulus ja eher dreizehn Apostel.
Judas I. Simonsohn: Meinetwegen, obwohl die Wahl der elf übriggebliebenen Apostel nach meinem Weggang auf Matthias gefallen war. Das können Sie bei Lukas nachlesen. So gesehen waren wir insgesamt vierzehn, wenn man den Mann aus Tarsus tatsächlich in den Kreis der Apostel hineinnimmt.
Günter J. Matthia: Das mit Matthias war keine Wahl, das war eine Lotterie.
Judas I. Simonsohn: Das sehe ich auch so. Aber spielt es denn eine Rolle, ob es zwölf, vierzehn oder siebenunddreißig waren? Oder fünf oder vier?
Günter J. Matthia: Von mir aus nicht. Kabbala und Numerologie sind sowieso nicht meine Leidenschaft. Wie kam es denn nun eigentlich dazu, dass Sie Jesus von Nazareth an die Tempelwachen und Römer ausgeliefert haben? Wann haben Sie die Entscheidung getroffen?
Judas I. Simonsohn: Die Entscheidung getroffen … hatte ich denn eine Wahl? War das meine Entscheidung?
Günter J. Matthia: Jeder Mensch kann doch über sein Handeln entscheiden.
Judas I. Simonsohn: Sachzwänge gibt es nicht? Oder den Willen Gottes, der die eigene Entscheidungsfähigkeit überlagert?
Günter J. Matthia: Sie meinen, dass jemand Jesus ausliefern musste.
Judas I. Simonsohn: Hätte Simon die Aufgabe übernommen, wenn ich nein gesagt hätte? Oder Jakobus? Oder Thomas? Meinen Sie wirklich, es gab eine Alternative? Jesus sah jedenfalls keinen anderen Weg, um seine Mission zum Abschluss zu bringen. Und es war inzwischen jedem von uns klar, dass es nicht um einen politischen Umsturz ging. Wir verstandenzwar nicht, was mit Auferstehung gemeint war, aber wir begriffen sowieso recht wenig von den Hintergründen. Jedenfalls wusste ich, dass unser Meister von mir erwartete, diese böse Aufgabe zu übernehmen. Er hatte das ja selbst vorhergesagt und betont, dass sein Vater – Gott höchst persönlich – seinen Tod wollte. Es fiel ihm schwer genug, diesen Weg zu gehen, das dürfen Sie den Überlieferungen gerne glauben. Sollte ich mich da dem grausamen Plan in den Weg stellen, ihn auch noch in die Länge ziehen? Jesus sagte zu mir: »Was du tun willst, das tu bald!« Eine solche Bitte schlägt man dem besten Freund in einer solchen Stunde nicht ab.
Günter J. Matthia: War Geld im Spiel?
Judas I. Simonsohn: Wenn Sie den Text, den Sie als Matthäusevangelium kennen, lesen, dann habe ich Geld verlangt. Wenn Sie den Text, den Sie als Markusevangelium kennen, lesen, dann wurde mir Geld aufgedrängt. Und wenn Sie in dem Text, den Sie als Johannesevangelium kennen, oder im sogenannten Judasevangelium nachschauen, dann ist von Geld keine Rede. Suchen Sie sich etwas aus, mir ist es nicht wichtig, was man über meine Beweggründe denkt. Ich war und bin überzeugt, dass es keine Alternative gab und habe getan, was getan werden musste.
clipGünter J. Matthia: Und deshalb ist der Name Judas bis heute so etwas wie ein Schimpfwort geworden. Betrübt Sie das?
Judas I. Simonsohn: Nein. Da halte ich es mit Bob Dylan, dem ein »Judas!« entgegengeschrien wurde, als er erstmals mit Rockband statt Folkloretruppe auftrat. Er antwortete: »I don’t believe you. You’re a liar!« Und sagte dann zur Band: »Play real fucking loud!«
Günter J. Matthia: Ach ja, und dann wurde Like a Rolling Stone gespielt … aber ich sehe beim Blick auf die Uhr, dass ich langsam aufbrechen sollte. Meine Frau wartet zu Hause. Vielen Dank für Ihre Zeit und Bereitschaft, mit mir zu plaudern!
Judas I. Simonsohn: Gerne geschehen. Vielleicht trifft man sich ja mal wieder?
Günter J. Matthia: Das würde mich freuen.

Ich bezahlte unsere überschaubare Rechnung (ein alkoholfreies Weizenbier für mich, ein Kaffee Latte für meinen Gesprächspartner) und wir brachen auf. Herr Simonson begleitete mich noch bis zum Parkplatz, dann ging er seiner Wege Richtung S-Bahnhof Lichterfelde Ost. Ob ich ihn wohl wieder einmal treffen werde? Im Sportstudio oder andernorts? Es wäre sicher interessant, denn ich habe noch so manche Fragen.

P.S.: Das Bild ist ein eigenes Kunstwerk.

Die BücherEs gibt neben diesem Blog bei WordPress, der überwiegend für die längeren Texte aus meiner Feder da ist, auch noch jenen anderen Blog, auf dem ich häufiger neue und meist kürzere Beiträge veröffentliche.

Anlässlich des Weltbuchtages 2015 hatte ich dort, bei Blogger, fünf Leseproben aus fünf Büchern spendiert. Da nun das Weihnachtsfest naht, anlässlich dessen der eine oder die andere auch Geschenke zu suchen pflegt, will ich hier gerne und nicht ohne Eigennutz (ich erhalte pro verkauftem Buch rund einen Euro) auf die fünf Textausschnitte hinweisen.

  1. Aus »Jessika« gibt es das erste Kapitel
  2. Aus »Entschleunigung und Achtsamkeit« kann man lesen, wie wichtig Selbstvertrauen ist
  3. Aus »Neuland« präsentiere ich gleich zwei Geschichten
  4. Aus »Es gibt kein Unmöglich!« habe ich das vierte Kapitel ausgewählt
  5. Aus »Sabrinas Geheimnis« sind Prolog und erstes Kapitel vorhanden

So. Das war es auch schon wieder in Sachen Eigenwerbung. Ich bin gespannt, ob jemand auf den Geschmack kommt und wünsche viel Freude beim Schmökern der Leseproben und hoffentlich auch der Bücher.

picAuf meinem Blog für die kleineren Einträge [G.J.Matthia bei Blogspot] habe ich bereits kundgetan, was es mit dem jährlichen Joggathon und meiner Teilnahme auf sich hat. Dieser Blog hier bei WordPress ist ja für die längeren Texte und die literarischen Belange gedacht.

Dennoch möchte ich auch meine Leser hier darauf hinweisen, dass ich mich über Sponsoren, die einen Betrag (ab 1 Euro aufwärts) pro von mir gelaufener Runde spenden, sehr freue. Wer mich auf diese Weise motivieren möchte, darf mir gerne per Email Name, Adresse und den Betrag pro Runde nennen, damit ich meine Sponsorenliste entsprechend füllen kann. Ich diktiere mal die Adresse: gjmatthia ät gmail punkt com.

Was ein Joggathon ist und worum es bei meiner Teilnahme geht, steht hier:

Den Prospekt zur Veranstaltung als PDF-Dokument will ich zu guter Letzt auch noch anbieten: [Joggathon 2015 – der Prospekt]