Sakrales und Säkulares friedlich vereint

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Hoffentlich liest das niemand.

Gelegentlich werde ich mit älteren Texten über Glaubensthemen aus meiner eigenen Feder konfrontiert, bei deren Lektüre mir etwas mulmig wird. Bei denen ich hoffe, dass sie möglichst niemand mehr lesen wird. Und dann ertappe ich mich dabei, dass ich meine Artikel in »gute« und »schlechte« sortiere, anstatt sie als Zeugnisse bestimmter Lebens- und Entwicklungsstufen zu betrachten, die nicht nur schlecht, sondern auch gut sind. Gleichzeitig.

Es ist dieses Schwarz-Weiß-Denken eine hartnäckige, schier unverwüstliche Angelegenheit. Ich habe eine erhebliche Anzahl von Jahren meines Lebens so gedacht, so gehandelt, als gäbe es keine Grautöne, von Farbnuancen ganz zu schweigen. Das konnte sich erst ändern, als mein aus diesem Denken geborenes Handeln nicht die Ergebnisse brachte, die es hätte bringen müssen; und zwar so gravierend, dass ein Wegschauen, ein Wegerklären oder Ignorieren nicht mehr möglich war – oder nur sehr mühsam gelungen wäre.

Es lebt sich unbeschwert in der Schwarz-Weiß-Welt, denn da gibt es klare Regeln, verlässliche Gesetzmäßigkeiten und man muss sich nicht sonderlich anstrengen, das Leben zu verstehen. Es fällt ganz leicht zu unterteilen, was gut und was böse ist. Man braucht sich dazu nicht einmal ein eigenes Urteil bilden, muss keine selbständige Meinung entwickeln, denn das haben ja längst andere getan – und wenn es eine neue Situation gibt, für die noch keine Rezepte existieren, dann sind wiederum die anderen verantwortlich, zu entscheiden was nun schwarz und was weiß ist. Dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, dafür haben sie Ämter und Würden.

Es kam durchaus vor, dass sich solche Einteilungen änderten. Doch in meiner Schwarz-Weiß-Welt stellte auch das kein wirkliches Problem dar. Im Bedarfsfall bastelte man eine neue Schublade. Ein simples Beispiel mag das illustrieren.

In meinen frühen Teenagerjahren galt Pop- und Rockmusik als schwarz: Sünde! Der Teufel hatte sich ein neues Werkzeug einfallen lassen, um die Menschen in seine Verstrickungen zu locken, und dieses Werkzeug waren Musiker mit langen Haaren, deren Inspiration für die Schallplatten und Konzerte direkt aus dem Höllenschlund kam. Weiß waren Chorusse in der Gemeinde, zum Harmonium gesungen, weiß waren auch Choräle und Hymnen. Bei der klassischen Musik gab es sündiges Schwarz (Wagner zum Beispiel wegen seiner germanischen Götzenkulte, Mozart wegen seiner Freimaurerei …) und himmlisch reines Weiß (Bach wegen seiner Anbetungsmusik, Händel wegen des großen Hallelujah …).

Alles wurde natürlich biblisch begründet. »Es steht geschrieben« – wenn ein Satz so begann und ein paar Worte aus der Bibel folgten, gab es keinen Widerspruch, denn das hätte ja bedeutet, dass man dem Allmächtigen widerspricht.

Alles wurde selbstverständlich mit den entsprechenden Beweisen untermauert. Die Rolling Stones spielten in Altamont und die Ordner schlugen einen Zuschauer tot: Der Teufel war am Werk gewesen, zweifellos weil die Band Sympathy for the Devil hatte. Die Beatles lösten Hysterien unter pubertierenden Mädchen aus, die verzerrten Gesichter der kreischenden Teenager bewiesen deutlich, dass Dämonen in diesen armen Geschöpfen wüteten. Als dann John Lennon auch noch (richtigerweise) in einem Interview angesichts der Einschaltquoten eines Beatles-Konzertes im Vergleich zu einer Evangelisation auf einem anderen Kanal anmerkte, die Beatles wären populärer als Jesus, war endgültig klar, wes Geistes Kind solche Musiker im Allgemeinen und der Beatle im Besonderen sind.

Dann kam Cliff Richard. Sauber. Freundlich. Christ. Und dennoch Popmusiker. Larry Norman tauchte auf. Sang von Jesus und spielte langhaarig E-Gitarre dazu. Die Jugendlichen in den Gemeinden fingen an, Schlaginstrumente und Gitarren zu benutzen.

Was nun? Das war ganz einfach. Fortan gab es neue Schachteln zum Sortieren: Weiß für fromme Pop- und Rockmusik und Schwarz für alles andere. Natürlich wieder biblisch begründet, hatte doch Paulus den Römern ein Römer und den Griechen ein Grieche sein wollen, um Christus zu verkünden – die Popwelt wurde umgehend in gut und böse eingeteilt wie zuvor die Klassik. Ohne Grautöne natürlich. Entweder – oder.

Musiker konnten durchaus von der schwarzen Schachtel in die weiße wechseln. Barry McGuire wurde Christ und sang fortan nur noch fromme Texte. Weißgewaschen. Bob Dylan wurde Christ und machte drei Alben mit frommen Texten. Weißgewaschen. Dann kam »Infidels« auf den Markt, und man war überzeugt: Er hat sich vom Glauben abgewandt. Aus war es, Bob Dylan gehörte wieder in die schwarze Schublade.

In dieser Schwarz-Weiß-Welt wuchs ich auf. Das Einsortieren in die entsprechenden Schubladen gab es übrigens in den modernen, liberalen, aufgeklärten Kreisen mit umgekehrten Vorzeichen genauso und genauso unerbittlich. Es war nicht statthaft, Sozialdemokrat und mit Teilen des CDU-Programms einverstanden zu sein. Man konnte entweder gegen den Kriegsdienst sein oder ein reaktionäres Arschloch. Entweder man war für die sexuelle Befreiung und Revolution oder ein erzkonservativer Moralist. Entweder klebte man sich »Atomkraft – nein danke!« auf das Fahrrad oder man war einer von den Bösen, die unsere Welt zerstören …

Es war gemütlich, es war bequem in der jeweiligen Nische. Die anderen hatten Unrecht und ich war bei denen gut aufgehoben, die über die Wahrheit Bescheid wussten. Für alle Lebenslagen gab es die passenden Rezepte und Gebrauchsanweisungen, vor allem bezüglich des christlichen Glaubens.

Entsprechend schrieb ich meine Artikel und Texte über Glaubensfragen und -themen. Ich kannte ja die biblische Wahrheit, einschließlich der Rezepte, die daraus abzuleiten waren.

  • Du bist krank? Dann musst du 1. deine Sünde bekennen, 2. glauben statt zweifeln und 3. dran bleiben, wenn die Heilung nicht sofort kommt. Krankheit ist etwas für Ungläubige, Gott will nämlich seine Kinder gesund machen.
  • Du bist immer noch nicht gesund? Dann ist da 1. verborgene Sünde in deinem Leben, 2. prüft der Herr deine Ausdauer und 3. hast du bestimmt noch nicht genug Glauben. Also reiß dich endlich zusammen, glaube an deine Heilung und werde gefälligst gesund, weil das ja laut Bibel die einzige Möglichkeit ist.
  • Du hast kein Geld? Dann musst du 1. deinen Zehnten treu in die Gemeinde geben und 2. darüber hinaus Opfer bringen, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, und wen er lieb hat, den macht er reich.
  • Du bist immer noch arm? Dann musst du 1. treu bleiben was deine reichlichen Gaben in die Gemeinde betrifft, 2. ausharren und vertrauen und 3. auf keinen Fall nach menschlichen Hilfen Ausschau halten, denn das würde der Herr dir als Unglaube auslegen und futsch ist der schöne Segen.
  • Du bist bedrückt, traurig, womöglich gar depressiv? Dann musst du 1. den Heiligen Geist einladen, 2. die Geistestaufe erleben und 3. in neuen Zungen reden, denn dann betet ja Gott selbst durch deinen Mund und alle Finsternis weicht aus deinem Leben.
  • Du bist immer noch bedrückt, traurig, womöglich gar depressiv? Dann musst du 1. die in diesem Fall bestimmt vorhandenen Dämonen austreiben lassen, 2. fortan die hartnäckige Sünde ablegen, der du zweifellos noch anhängst und 3. dem Satan gebieten, denn sonst kommen die bösen Geister umgehend zurück.

Hellhörig, oder besser gesagt aufmerksam, wurde ich nach und nach durch Begegnungen und Erlebnisse, die nicht zu meinem wunderbar schlüssigen und rundum »schriftgemäßen« Glaubensgebäude passten.

Ich lernte Christen kennen, an deren beeindruckend festem und tiefem Glaube ich keinen Zweifel haben konnte – und die sprachen weder in Zungen, noch konnten sie – unglaublich! – ein Bekehrungsdatum nennen. Sie waren einfach so, über Jahre hin, gläubig geworden, ohne einen bestimmten Zeitpunkt nennen zu können, an dem sie »Jesus ihr Leben gegeben« hatten. Trotzdem glaubten sie an ihn, taten seine Werke, erlebten seinen Segen. Unerhört!

Wir beteten über mehrere Jahre zusammen mit einem befreundeten Ehepaar für die Mutter des Ehemannes, die an Krebs erkrankt war. Unser Glaube war, soweit wir es mit aller Aufrichtigkeit beurteilen konnten, makellos. Wir rechneten fest damit, dass sie geheilt würde. Mal ging es ihr besser, mal schlechter, aber wir blieben dran, vertrauten und ließen uns nicht beirren. Irgendwann kam ein Evangelist in die Stadt, der die Gabe der Krankenheilung praktizierte, die Mutter ging zu der Veranstaltung, der Mann Gottes legte ihr die Hände auf und sie berichtete uns später, dass sie Wärme in ihrem erkrankten Körper und Frieden in ihrer Seele empfunden hatte und nun gewiss vom Krebs befreit sei. Wenige Wochen später war sie tot. Alle, einschließlich der Kranken, hatten alles richtig gemacht.

Es gab viele weitere Begegnungen und Ereignisse, kleine und gravierende, die mir nach und nach klar machten, dass mein Glaubens- und Wertekatalog nicht mit den Realitäten übereinstimmte. Bis zu dem Punkt, als der grausame Tod eines geliebten Menschen mich an der Existenz Gottes zweifeln ließ.

Nun hätte ich – wie so viele Mitchristen – das, was nicht sein konnte, irgendwie ignorieren oder zumindest wegerklären können. Man findet ja, wenn man will, doch immer eine Begründung, warum etwas letztendlich nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat und warum man dennoch recht hat mit seiner Lehre oder Überzeugung. Darum geht es ja im Grunde: »Ich habe recht. Der andere irrt sich. Es gibt nur schwarz oder weiß.«

Ich entdeckte immer mehr Grautöne, sogar Farben schimmerten auf, je mehr ich es wagte, selbst zu denken, anstatt vorgegebene Schablonen zu übernehmen. Ich las die Bibel anders als bisher, nicht mehr als Rezept- und Gesetzbuch für das Leben, sondern als großes Zeugnis dessen, was Menschen über Jahrhunderte mit Gott erlebt hatten, was sie über ihn wussten oder zu wissen glaubten.

Keiner der biblischen Autoren hat sich hingesetzt und beschlossen: »Jetzt schreibe ich meinen Teil der Bibel, die dann irgendwann zur Gebrauchsanweisung für ein gottgefälliges Leben wird, wenn Herr Gutenberg so freundlich ist, die Druckmaschine zu erfinden.« Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Gott irgendwann eines Nachmittags beschlossen hat, fortan nicht mehr mit den Menschen zu kommunizieren, da sie ja nun ein Buch zur Verfügung hatten, das sie selbst – nicht etwa er –schließlich als »Wort Gottes« bezeichneten.

Ich schaute genauer hin, was denn so alles in diesem Buch zu finden ist, ohne die Lektüre von vorne herein durch meine Tradition und Erziehung zu filtern.

David, der vielgepriesene Autor der Psalmen, hat unbekümmert in eines seiner Jubellieder mit Blick auf die Heiden hineingeschrieben: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!« In der Geschichte des Christentums gab es solche Metzeleien, mittlerweile dürften sie hoffentlich nicht mehr vorkommen.

Paulus, der angesehene Gemeindegründer, ordnete an, »dass die Frauen in schicklicher Kleidung sich schmücken mit Anstand und Zucht, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand.« Solche Anweisungen nimmt meines Wissens niemand mehr erst, ob nun evangelikal, charismatisch, liberal oder konservativ. Oder steht vor dem Eingang deiner Gemeinde oder Kirche jemand, der die ankommenden Frauen auf Ohrstecker- und Ringe, Halsketten und Fingerschmuck kontrolliert?

»Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage für unrein gelten. Wer sie anrührt, der wird unrein bis zum Abend. … Wird sie aber rein von ihrem Blutfluss, so soll sie sieben Tage zählen und danach soll sie rein sein. Und am achten Tage soll sie zwei Turteltauben oder zwei andere Tauben nehmen und zum Priester bringen vor die Tür der Stiftshütte. Und der Priester soll die eine zum Sündopfer bereiten und die andere zum Brandopfer und die Frau entsühnen vor dem HERRN wegen ihres Blutflusses, der sie unrein macht.« Hat eigentlich in letzter Zeit ein Pastor oder Pfarrer Besuch von einer Frau aus seiner Gemeinde bekommen, die ihm zwei Turteltauben mitbrachte, damit er eine mit und eine ohne Feuer opfert? Nein? Das ist aber bedenklich. Denn immerhin steht vor diesen Anweisungen: »Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach …« – es handelt sich also um authentisches Wort Gottes.

Natürlich hat nun jeder fromme Leser sofort das passende Argument im Kopf: Das ist Altes Testament. Für uns gilt das Neue Testament. Und das ist auch vollkommen richtig, denn Jesus selbst hat den Evangelien zufolge gegen dieses Gebot verstoßen, als eine Frau, die seit 12 Jahren unrein war, sein Gewandt berührte.

Wir filtern alle die biblischen Texte. Das eine (auch aus dem Alten Testament) gilt heute noch, das andere nicht mehr. Warum das so ist, begründen wir wieder mit Zitaten aus der Bibel und so wird der Zank zwischen den Konfessionen und die zunehmende Entfernung der Gläubigen von ihren Mitmenschen nicht aufhören.

Es ist keine neue Erfindung unserer Zeit, dass wir die Bibel, dass wir Gott durch die Brille unserer Kultur und Gesellschaft betrachten. Es ist geschichtlich gesehen gar nicht so lange her, dass die Monarchie als gottgewollte, einzig richtige Staatsform galt. Sklaverei wurde genauso biblisch fundiert begründet wie das Abschlachten von Menschen in den sogenannten Kreuzzügen. Erfindungen und gesellschaftliche Entwicklungen wurden verteufelt, wissenschaftlicher Fortschritt als großes satanisches Täuschungsmanöver gebrandmarkt und Wissenschaftler verfolgt und getötet, weil sie zu Erkenntnissen kamen, die »nicht bibeltreu« waren …

Ich kam mehr und mehr, je länger ich die Bibel ohne meine kulturell-gesellschaftliche Brille zu lesen versuchte (wieweit mir das jeweils gelingt, sei dahingestellt), zu dem Schluss, dass die Texte viel mehr auszusagen vermögen, weitaus vielschichtiger sind als es bei einem platten Regelwerk, einer Gebrauchsanweisung, einem Lexikon der Fall wäre. Da haben Menschen niedergeschrieben, was sie bewegte, was sie bedrückte, was sie froh machte, was sie hofften, was sie glaubten. Ihre Überzeugungen und ihre Zweifel, ihre Enttäuschungen und ihre Irrtümer. Sehr persönlich, immer gefärbt durch ihre Lebenssituation, ihre Prägung, ihre Gesellschaft, ihre Kultur. Das macht die Lektüre spannend und abwechslungsreich. Das regt zum Weiterdenken an.

Wie ging es den vielen Kranken am Teich Bethesda, als Jesus sich einen Mann heraussuchte und ihn heilte, während alle anderen mit ihren Gebrechen zurückblieben? Fand Abraham Gefallen daran, dass seine Frau ihn zum Sex mit der Dienerin nötigte, oder musste sie ihn überreden? Wieso kamen die elf Jünger nach dem Tod ihres Freundes Judas auf die Idee, ein Apostelamt zu verlosen? Hat Johannes auf der Insel Patmos versucht, mit den ihm damals zur Verfügung stehenden Begriffen Internet, Fernsehen und modernes Kriegsgerät zu beschreiben? Würde Gott tatsächlich eine Wette mit Satan abschließen, um die Glaubensfestigkeit eines Menschen auf die Probe zu stellen? Warum hielt es Jesus für wichtiger, Menschen Gutes zu tun als religiöse Gesetze einzuhalten?

Es macht Spaß und Verdruss, eine andere Perspektive als die gewohnte zu finden. Auf einmal wird denk- und erfahrbar, dass es nicht nur schwarz und weiß, sondern auch etwas dazwischen gibt. Der Abschied von den Patentrezepten fällt mir insofern leicht, als sich ihre Untauglichkeit in meinem Leben bereits bewiesen hat. Aber das Fehlen der früher gepflegten leichten Lösungen für alle Fragen ist natürlich auch eine Herausforderung, ist unbequem, ist frustrierend und ernüchternd.

Damit wir uns an dieser Stelle richtig verstehen: Ich habe am eigenen Körper göttliche Heilung erlebt. Ich weiß, dass Gottes Kraft heilen kann. Ich glaube auch, dass Gesundheit von Gott gewollt ist. Was ich nicht zu beantworten vermag ist die Frage, warum das erbetene und geglaubte und versprochene Heilungswunder ausbleibt, obwohl alle Beteiligten alles »richtig machen«. Die einzige Antwort (die nicht wirklich befriedigt): Wir machen Gott zu leicht zum Subjekt. Wir wollen (durch richtiges Verhalten, durch Abhaken einer To-Do-Liste) bestimmen, wann er wie zu handeln hat. Und das geht eben nicht. Diese unbefriedigende Antwort löst natürlich eine Lawine neuer Fragen aus, nach dem Sinn von Verheißungen, Gebeten, Glaubenstreue …

Ich habe echtes prophetisches Reden erlebt, ich weiß, dass der Heilige Geist es möglich machen kann, Sachverhalte auszusprechen, auch zukünftige, von denen der Mensch keine Kenntnis haben kann. Allerdings habe ich auch schon allerlei Unfug vernommen, der angeblich ein Reden Gottes sein sollte. Die Bandbreite des Unfugs reicht von persönlichen Worten bis zu globalen Voraussagen. Ich werde jedoch nicht ausschließen, dass Gott durch einen Menschen redet, bloß weil es so viel (vermutlich in der Regel gut gemeinte) Prophetie gibt, die keine ist.

Inzwischen hat die postmoderne Gesellschaft die Welt abgelöst, in der ich groß geworden bin. Manches befindet sich noch um Übergang, aber aus meiner Sicht als Berliner in Berlin nicht mehr allzu viel. In ländlichen Gegenden mag es noch anders sein, aber hier verspürt kaum noch jemand die Notwendigkeit, alles und jeden in Kategorien wie »gut oder böse«, »schwarz oder weiß« sortieren zu müssen. Abgesehen – pardon, aber so empfinde ich es ganz subjektiv – von vielen frommen Leuten.

Was wäre, wenn Christen die Befindlichkeiten der vergangenen Epoche hinter sich lassen und Teil ihrer Gesellschaft werden, anstatt sich in den gemütlichen Nischen zu verkriechen und über die böse Welt und die schlechte Zeit zu schimpfen? Wenn sie für ihre Mitmenschen zum Segen würden – nicht geistlich hochfliegend, sondern ganz praktisch und handfest und erfahrbar?

Was wäre, wenn …

Eins wäre auf jeden Fall sicher: Harsche Kritik aus der Schwarz-Weiß-Fraktion. Die gibt es bereits, seit immer mehr Christen anfangen, das Herkömmliche in Frage zu stellen. Da fühlen sich manche Hüter der Traditionen wohl bedroht. Zwar »sei es gelungen, die Fragen, Bedürfnisse und Nöte postmoderner Menschen zu erfassen und veraltete christliche Ausdrucksformen in Frage zu stellen«, schrieb bereits 2009 der Leiter einer ehemals großen Gemeinde in Berlin, jedoch werde die Theologie »zu nicht geringen Teilen ausgehöhlt« und weise einen »immer rasanter werdenden Bergrutsch der christlichen Ethik« auf. »Gottesdienste werden verändert oder abgeschafft, Ordnungen außer Kraft gesetzt, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Hingabe an gemeinsame Ziele und Strukturen unterliegen den Forderungen der jeweiligen örtlichen Spielform der neuen Frömmigkeit.« Der Aufsatz kommt zu dem Schluss, dass der »Geist des Humanismus« (der natürlich in die schwarze Schachtel gehört) solche Christen wie mich infiziert haben muss.

Die Versuchung, die eben zitierten Sätze in die Schublade »Schwarz« zu legen, ist groß, denn umso weißer würde ja das eigene Licht strahlen. Doch das sei ferne!

Da sieht eben jemand die Dinge mit anderen Augen, kommt zu anderen Schlussfolgerungen und vertritt andere Prinzipien als ich. Es gibt genug Menschen, für die und für deren Glaubensausprägung er der richtige Leiter ist; Menschen, die Gottes Nähe in seinen Gottesdiensten spüren und sich in seiner Gemeinde wohl fühlen. Warum auch nicht? Warum sollte man gegen eine Form der Frömmigkeit sein, die zwar nicht die eigene, aber für manche Menschen genau die richtige ist?

Jesus hat einmal seine Jünger zurechtgewiesen, als diese sich darüber empörten, dass es Menschen gab, die nicht zu ihrem Kreis gehörten und trotzdem böse Geister austrieben. »Wehrt nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, ist für euch.«

»Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen – das Internet vergisst sowieso nichts. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen.

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Mit erhobenem Zeigefinger

imagePass auf, kleines Auge, was du siehst!
Pass auf, kleines Auge, was du siehst!
Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich,
drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!

In der Kinderstunde, die parallel zum Gottesdienst der Erwachsenen veranstaltet wurde, sangen wir dieses Lied. Der Finger zeigte auf das Auge, dann hinauf zum wachsamen Vater im Himmel, dann wieder auf das Auge. Weiter ging es mit »Pass auf, kleine Hand, was du tust … kleiner Mund, was du sprichst … kleiner Fuß, wohin du gehst …« Und beim »kleinen Fuß« brach ein Mädchen neben mir in Tränen aus. Sie weinte bitterlich. Wir waren beide so etwa acht oder neun Jahre alt, ein Alter, in dem man als Junge von Mädchen nicht allzu viel hielt und doch schon ein wenig darauf bedacht war, bei ihnen einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Warum weinst du denn?«
Sie schüttelte nur den Kopf, gab keine Antwort. Die Kinderstundenleiterin, von uns Tante Helga genannt, schien von den Tränen ungerührt. Mir war, als blicke sie sogar mit verurteilend-strenger Miene auf meine weinende Nachbarin im Kreis. Mit ernstem Blick auf die Schluchzende stimmte sie die nächste Strophe an: »Pass auf, kleines Ohr, was du hörst …«
Das gefiel mir nicht. Erwachsene, noch dazu Kinderstundentanten, waren dazu da, traurige Kinder zu trösten, nicht dazu, sie böse blickend zu mustern, Lied hin oder her. Ich nahm das Mädchen am Arm und führte sie trotz des wilden Kopfschüttelns der Leiterin vor die Türe. Sagen konnte Tante Helga nichts, weil sie ja den Gesang leitete, und in den Händen hielt sie ihre Gitarre.
Draußen legte ich meinen Arm um die Schultern des Mädchens und es brach aus ihr heraus, was sie so bekümmerte: »Ich war gestern bei meiner Schulfreundin und dann sind wir in ein Schallplattengeschäft gegangen und haben uns Schlagermusik angehört. Dort hat uns Tante Helga gesehen. Jetzt hat Gott mich nicht mehr lieb, weil ich so viel auf einmal gesündigt habe …«
Aus heutiger Sicht ist mir manches schier unvorstellbar, aber so war es damals wirklich für uns Kinder: Schlager- und Popmusik war Sünde. Kino war Sünde. Zirkus war Sünde. Nicht zur Kinderstunde wollen war Sünde. Sich »da unten« anfassen war Sünde.
Für die christlichen Teenager war Tanzen Sünde, von unkeuschen Berührungen vor der Hochzeit ganz zu schweigen. Die Erwachsenen hatten auch so ihre Sündenkarteien: Eine Frau in Hosen statt Rock oder Kleid – Sünde. Alkohol trinken – Sünde. Fasching feiern – Sünde. Und all das blieb dem wachsamen »Vater im Himmel« natürlich nicht verborgen. Er schien geradezu darauf zu warten, uns bei einem Fehltritt zu ertappen. Das Höllenfeuer loderte schon, in dem man wegen solcher Sünden unweigerlich landen würde, wenn man nicht umgehend und dauerhaft »echte Buße« tat.
Wir wurden damals von traditionell-kirchlich orientierten und ungläubigen Menschen ringsum nicht recht ernst genommen. Die Pfingstler, das waren die etwas verrückten, sektiererischen, weltfremden Leute. Ich glaube, inzwischen werden solche Sündenbegriffe sogar von Erzpfingstlern größtenteils nicht mehr vertreten.
Doch obwohl viele Christen »moderner« geworden sind: Das Sündenverständnis in Gesellschaft und Gemeinde liegt heute noch weiter auseinander als in meiner Kindheit. Es gibt noch eine »Verkehrssünderkartei«, »Modesünden«, manches mag »sündhaft teuer« sein oder so erstrebenswert, dass es »eine Sünde wert« ist. Doch nichts von dem, was heute als Sünde bezeichnet wird, macht eine Erlösung notwendig. Der Begriff »Sünde« ist losgelöst von jeglichem Bezug zu dem, was die Kirchen damit meinen.

Der Sündenbegriff im Glaubenskontext

»Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann«, heißt es im Augsburger Bekenntnis von 1530, »soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Was nun aber Sünde ist und was nicht, darüber gingen die Meinungen schon immer, nicht erst in unserer Zeit, auseinander. Der Sündenbegriff wird vor allem im Judentum, Christentum und Islam verwendet, aber nirgends wirklich endgültig und umfassend definiert. Folgt man dem biblischen Bericht in 1. Mose 3 – wenngleich der Begriff »Sünde« dort gar nicht vorkommt – dann ist Sünde Ungehorsam einer Anordnung Gottes gegenüber. Es gab eine klare Vorgabe: Die Früchte dieses Baumes sind tabu! Der Mensch verspeiste sie dennoch. Mit weit reichenden Folgen: »Da sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt« (1. Mose 3, 22).
Diese klassisch als »Sündenfall« bezeichnete Bibelstelle gibt jedenfalls keine Definition dessen her, was nun im Einzelnen gut oder böse ist, sondern sie schildert lediglich den Akt des Ungehorsams einem Verbot gegenüber. Und sie stellt nüchtern fest, dass der Mensch damit geworden ist wie Gott: Er kann Gut und Böse unterscheiden. Nun muss und wird nicht jeder diesen Bericht für authentisch halten, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die weit gehend säkularisiert ist. Dennoch wissen die meisten Menschen, gläubig oder nicht, zu benennen, was Gut und was Böse ist – wobei es allerdings erhebliche Abstufungen in der Gewichtung gibt. Sowohl innerhalb der Gesellschaft, als auch im Wandel der Zeiten.
Der griechische Ausdruck hamartia des Neuen Testaments und das hebräischen Wort chat’at des Alten Testamentes bedeuten »Verfehlen eines Ziels« – konkret und im übertragenen Sinn. Beide Begriffe werden in deutschen Bibelübersetzungen mit »Sünde« wiedergegeben. Damit ist jedoch das Ziel nicht definiert, das jeweils verfehlt wurde. Um herauszufinden, ob etwas Sünde, also Zielverfehlung ist, muss man zunächst herausfinden, welche Ziele gelten. Und für wen. Und wann. Und da geht es schon los: Als die Bücher der Bibel geschrieben wurden, galt es als unanstößig, wenn ein Mann mehrere Frauen hatte, zum Beispiel Jakob mit Rahel und Lea. In bestimmten Fällen (Leviratsehe) verlangte sogar das Gesetz, dass ein Mann eine weitere Frau zu sich nahm. Da Paulus in seinen Briefen an Timotheus und Titus anweist, dass Diakone bzw. Älteste nur eine Frau haben sollen, ist davon auszugehen, dass die Mehrehe bei den frühen Christen verbreitet, wenn auch von Paulus abgelehnt war (der grundsätzlich nicht viel von der Ehe hielt, sie eher als Notlösung gegen Unzucht verstand). Heute und in unserem Kulturkreis würde vermutlich kein Pastor einen Mann mit mehreren Frauen verheiraten wollen.
Und weiterhin: Für die ersten nichtjüdischen Christen stellte sich bereits die Frage, ob die jüdischen Gesetze und Regeln zu befolgen sind oder nicht. Darf man Fleisch aus dem Götzenopfer verzehren? Wie soll man mit homosexuellen Gemeindemitgliedern umgehen? Hat der Sabbat irgendeine Bedeutung für Christen?
Auf manche dieser Dinge geht Paulus in seinen Briefen ein, häufig aus seiner gesellschaftlichen Prägung und persönlichen Ansichten heraus, wie er im 1. Brief an die Korinther mehrfach mit Wendungen wie »Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr … habe ich kein Gebot des Herrn; ich gebe aber eine Meinung als einer, der vom Herrn die Barmherzigkeit empfangen hat … Ich rede als zu Verständigen. Beurteilt ihr, was ich sage! … Wenn es aber jemand für gut hält, streitsüchtig zu sein, so soll er wissen: wir haben eine derartige Gewohnheit nicht« ausführt.

Jesus über Gesetz und Propheten

Jesus hatte mehrfach gegen die starren Regeln seines Volkes und Glaubens verstoßen, was ihn in den Augen der religiösen Elite zum Sünder machte. Er erklärte seinen irritierten und verunsicherten Nachfolgern, dass alle Gebote – also Zielvorgaben – in zwei Dingen zusammenzufassen sind: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten« (Matthäus 22, 37-40).
Mit dem ersten Teil kann unsere Gesellschaft nichts anfangen, da es beliebig viele Götter – durchaus auch den der Christen, aber nicht nur – gibt. Jeder darf seinen jeweiligen Gott lieben, solange er nicht die Freiheit der anderen einschränkt, die keinen oder einen anderen Gott haben.
Der zweite Teil ist noch eher im gesellschaftlichen Bewusstsein zu finden. Gut und Böse wird in der Regel so definiert, ob jemand anderen Menschen Schaden zufügt oder nicht. Der Mörder ist böse, da herrscht Konsens. Beim Tyrannenmord sieht es schon wieder anders aus, denn der Tyrann schadet seinem Volk, ergo ist seine Beseitigung eine gute Tat. Der sogenannte Ehrenmord islamischer Familien wird verurteilt, genau wie andere religiös begründete Gewaltanwendung. Aber die Vereitelung von terroristischen Anschlägen darf durchaus mit der Tötung der Attentäter einhergehen. Wenn ein Unternehmen Steuern hinterzieht, ist die Aufregung und gesellschaftliche Verurteilung gewaltig. Wenn Lieschen Müller in ihrer Steuererklärung den Nebenjob »vergisst«, dann lächelt man milde. Ein »Umweltsünder« wird hierzulande geächtet und streng bestraft, während eine erotische Eskapade von Prominenten eher bewundernde Schlagzeilen in der Klatschpresse verursacht.

Sünde ist irrelevant geworden

Es ist mehr als schwierig, Menschen der postmodernen Gesellschaft zu vermitteln, dass sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen. Wer nicht an ein Jenseits mit Himmel oder Hölle glaubt, sich selbst für durchschnittlich gut hält und mit dem Leben recht zufrieden ist, wird auf Bußpredigten nicht reagieren. Angst vor der Sünde haben eigentlich – makaber aber wahr – nur noch die Christen, die ja gerade befreit von Furcht leben sollten. Wir haben als Gläubige oft aus den Augen verloren, dass Gott nicht mit dem Notizbuch bereit sitzt, um unsere Sünden penibel zu notieren und nur widerwillig etwas auszuradieren, wenn wir tränenreich genug Buße tun.
Unsere glaubensfremden Mitmenschen finden das sowieso lächerlich, was gar nicht mal so verkehrt ist, denn es kann uns als Christen darauf aufmerksam machen, dass Jesus etwas ganz anderes von seinen Nachfolgern erwartete als Hölle und Verdammnis zu predigen: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt« (Johannes 13, 34-35).
Nicht an Predigten über Höllenfeuer, Schwefelgestank und ewige Pein. Nicht an Kinderliedern über den Vater im Himmel, der argwöhnisch auf unsere Sünden wartet. Nicht an Sündenregistern und Du-sollst-nicht-Katalogen. Überhaupt nicht an Predigten und Ansprachen. Sondern an der Liebe, die wir beweisen, die wir leben. Das wird die Menschen neugierig machen, denjenigen kennen zu lernen, der uns zu solcher Liebe verhilft.

Ein netter Nebeneffekt: Keine Sünde wird so richtig reif

Und: Ein solches Leben der praktizierten Liebe vereitelt gleichzeitig die Gefahr, zu sündigen. Sünde ist – zur Erinnerung – nicht eine bestimmte Tat, sondern das Verfehlen eines Zieles. Das Ziel hat Jesus definiert: Liebe. Alles andere folgt daraus. Denn wenn wir lieben, werden wir nicht das begehren, was anderen zusteht. Falls doch, dann wird uns die Liebe davon abhalten können, dass aus der Begierde Sünde wird: »Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor« (Jakobus 1, 15).
Vielleicht ist es also eher gut, dass der Begriff »Sünde« in unserer Gesellschaft seine religiöse Bedeutung eingebüßt hat? Das könnte uns Jesus-Nachfolger dazu veranlassen, vermehrt Christsein zu leben als zu predigen. Der Rest (zum Beispiel die sogenannte Sündenerkenntnis) ist sowieso – und war es schon immer – die Aufgabe des Geistes Gottes, der dann in einem Menschen wohnt, wenn dieser Jesus erkannt und anerkannt hat. Und nicht etwa umgekehrt.
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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 36 der Zeitschrift »The Race« erschienen.

Berlin missional – 44 starke Stunden

Von der Hauszelle bis zur Freikirche mit mehreren Hundert Gottesdienstbesuchern erstreckt sich die Gemeindezugehörigkeit, vom pensionierten evangelischen Pfarrer bis zur Studentin die Altersspanne, vom Speditionskaufmann bis zum Oberarzt das berufliche Umfeld. Eine Gruppe von 12 sehr unterschiedlichen Teilnehmern trifft sich am 30. Mai 2008 in der Spandauer Josuagemeinde zum Abendessen und ersten Kennenlernen. Bei aller Verschiedenartigkeit eint uns das Interesse am Thema des Wochenendes, das wir gemeinsam erleben werden: »Berlin missional«.

Eine Konferenz? Nein. Ein Programm? Nein. Vor uns liegt ein Abenteuer, vor uns liegt die Möglichkeit, statt lediglich Vorträgen zuzuhören und an Diskussionen teilzunehmen, etwas zu erleben, sozusagen Reich Gottes in der Stadt zum Anfassen, zum Sehen, Fühlen, Schmecken. Und Reich Gottes, so kündigt es die Einladung zu diesem Wochenende an, heißt viel mehr als sonntägliches Treffen, um einer Predigt zuzuhören und gemeinsam zu singen. Was »missional« alles einschließen und bedeuten kann, wird dem Leser meines Berichtes am besten dadurch verständlich, dass er mir, Interesse natürlich vorausgesetzt, durch diese Zeilen folgt.

Wir beginnen mit Wurst- und Käsebroten (vom Berliner gerne als Stulle bezeichnet), Gemüsesticks samt Dipp und weiteren Köstlichkeiten auf liebevoll gedeckten Tischen. Unser »Fremdenführer durch das missionale Berlin«, Harald Sommerfeld, gibt nach einer kurzen Vorstellungsrunde einen ersten Überblick über das, was uns erwartet. »Das sind richtig spannende Aussichten«, merkt meine Tischnachbarin an, »was bin ich froh, dass ich mich angemeldet habe!«

Anschließend stellt sich der erste Gast, Raed Saleh, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (das entspricht dem Landtag in anderen Bundesländern), SPD-Kreisvorsitzender und Mitglied des Landesvorstandes der SPD, uns als gläubiger Moslem vor. Er ist ein Berliner. Er ist leidenschaftlicher Politiker, sein Motto lautet: »Politik ist für mich der Dialog mit den Menschen auf Augenhöhe; Betroffene müssen zu Beteiligten gemacht werden.«
Warum betritt ein solcher Mann (nicht zum ersten Mal) eine christliche Freikirche, warum trifft er sich mit uns an diesem Abend? Weil er, wie er sagt, »sehr gerne mit Christen zusammen arbeitet. Sie sind verlässlich, sie haben – und leben – Werte, die der Gesellschaft gut tun.« Schade findet er es, wenn Gemeinden, in denen diese Werte sicherlich vorhanden sind, sich abschotten, sich nicht für ihre Umgebung öffnen, nicht in der Gesellschaft »mitmischen«. Damit berauben sie die Menschen in ihrer Nachbarschaft, anstatt den Nachbarn das zu geben, was diese so dringend brauchen würden. »Diese Josuagemeinde hat sich hier im Bezirk einen Namen gemacht«, erklärt Raed Saleh, »und zwar durch Transparenz, Offenheit, Dialog und Annahme der sozialen Verantwortung. Diese Gemeinde sucht den Austausch, sie fragt: »Was können wir für die Menschen hier tun?«, anstatt zu fragen: »Wo bekommen wir Gelder her?«
Mit spürbarer Dankbarkeit berichtet uns Raed Saleh, dass durch eine Aktion, die die Josua-Gemeinde zusammen mit anderen Gruppen im Kiez und der Polizei nach einem Ausbruch von Gewalt unter Jugendlichen gestartet hat, »die Kriminalität um 20 Prozent gesunken ist.« Ein Modell, das andernorts mittlerweile aufgegriffen wurde.

Jörg Gerasch, Pastor der Josuagemeinde, erläutert anschließend, wie die Gemeinde für Politiker und gesellschaftlich relevante Gruppen zu »einer wichtigen Stimme im Bezirk« geworden ist. Alles fing damit an, dass Menschen aus der Gemeinde wahrnahmen, dass es ringsum reale Nöte und Bedürfnisse gab, bei deren Bewältigung man mithelfen konnte. Mit kleinen, aber konsequenten Schritten wie dem Engagement in der Stadtteilkonferenz, Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche und dem uneigennützigen zur Verfügung stellen von gemeindlichen Räumen wurde nach und nach Vertrauen bei Behören, Ämtern und Diensten bis hin zur Polizei erworben.
Rund sieben Jahre dauert dieser Weg bisher, und er zeigt inzwischen mehr und mehr handfeste Resultate. Die Anfänge waren recht simple Schritte: Die Frage an Vereine, Gruppen, Organisationen in der Gegend: »Was können wir für diesen Bezirk tun, wo können wir helfen?«
Die meisten christlichen Gemeinden und Kirchen haben gesellschaftlich relevante Angebote, aber die Bevölkerung ringsum erfährt nie etwas davon, weil Misstrauen und Vorurteile statt Offenheit und Transparenz vorliegen. Der Weg in die Relevanz kann nur aus vielen kleinen Schritten bestehen und es wird eine Weile dauern, bis eine Kirche oder Gemeinde von der Öffentlichkeit so wahrgenommen wird, dass man sie bei wichtigen Entscheidungen unbedingt hören will, aber der Weg lohnt sich, denn so kommt das Reich Gottes sichtbar und spürbar zu den Nachbarn.

Für viele Menschen ist Fußball die schönste Nebensache der Welt. Burkhard, Vorstandsmitglied des Hertha BSC-Fanclubs »Totale Offensive – gegen den Strom« berichtet darüber, wie dieser christliche Fanclub entstanden ist und wie viel Gehör und Aufmerksamkeit er mittlerweile bei Spielern, Management und Fans der Berliner Fußballmannschaft findet. Natürlich steht der christliche Fanclub auch einträchtig mit Clubs wie »Dick und Durstig« oder »Böhse Bären« im Verzeichnis auf der offiziellen Hertha-Webseite.
Aktionen, bei denen Fußbälle für die Kinder in der Dritten Welt gespendet wurden, Gottesdienste im VIP-Bereich des Olympiastadions und viele ganz persönliche Begegnungen mit Fans und Aktiven zeigen: Auch im Sport gibt es Möglichkeiten für Christen, etwas zu bewirken, wenn sie es nur wollen und versuchen. Inzwischen räumt Hertha BSC dem christlichen Fanclub gerne Platz in der Vereinszeitschrift ein, selbst Dieter Hoeneß, der »Chef von’s Janze«, zeigt sich erfreut über die Christen.

In Zeiten rigoroser Sparmaßnahmen kann der Staat und können andere Träger vieles nicht mehr leisten, was lange selbstverständlich schien. In der größten Haftanstalt Deutschlands, der JVA Berlin-Tegel, gab es bis vor einigen Jahren etliche hauptamtliche Seelsorger – heute ist nur noch ein einziger übrig. Eine Lücke wurde dadurch gerissen. Diese zu schließen und das ehrenamtlich zu übernehmen, was früher bezahlte Seelsorger taten, war ein paar Christen wichtig genug, um dafür ihre Freizeit zu opfern..
Wie es dazu kam, dass in einer anderen Justizvollzugsanstalt nun bereits der zweite »Alpha-Kurs« hinter Gittern stattfindet und wie viel Offenheit bei den Strafgefangenen für Christen besteht, wenn sie denn kommen, berichtet uns Gregor.
Die Gespräche mit den Insassen der Haftanstalt offenbaren, wie viel Ahnungslosigkeit über Gott und die Bibel herrscht. In einer Diskussion über die in der Bibel aufgeschriebenen Wunder, so erzählt Gregor, hielten Häftlinge das für völlig unglaubwürdig. Die Frage, warum denn dann in der Bibel darüber zu lesen sei, beantworteten die Männer im Knast mit ihrer eigenen Logik: »Weil in dieser Gegend so viele Drogen konsumiert wurden.« Man kann sich vorstellen, wie sehr ein Alpha-Kurs in solcher Umgebung den Blick der Menschen für Gottes Realität öffnen kann.

Als wir die Gemeinderäume verlassen, schmückt sich der nächtliche Himmel mit einem farbenfrohen Feuerwerk, das von der knapp 3 Kilometer entfernten Freilichtbühne an der Spandauer Zitadelle stammt. Dort spielt Jethro Tull, und das nicht gerade leise, der leichte Wind trägt die die Musik herüber. Mein Samstag und mit ihm der Auftakt zu »Berlin missional« klingt im Café Lenny unweit der Josua-Gemeinde aus, und auch das ist symptomatisch für das, was dieses Wochenende bereit hält: Der Inhaber des Cafés ist ein Bruder von Raed Saleh. Das köstliche Bier bringt uns die Tochter des Pastors Jörg Gerasch, die dort als Serviererin einen Job gefunden hat.
Ich fahre voller wertvoller Impulse und Fragestellungen nach Hause und freue mich auf den Samstag, an dem das Abenteuer fortgesetzt wird. Die Aussichten auf das morgige Programm sind spannend: Von einer wohlhabenden Gegend in Charlottenburg bis zu einem der ärmsten Kieze Berlins.

»Matthew’s Table« nennt ein amerikanisches Ehepaar seinen Dienst an den Menschen und für die Stadt. John und Gayle heißen uns am Samstagmorgen sehr herzlich an ihrem liebevoll gedeckten Frühstückstisch willkommen. Es gibt ein typisches American Breakfast, aber auch Gewohntes wie »Brotchen« mit vielerlei Aufstrich oder Belag.
Wir erfahren, während wir es uns schmecken lassen, einige erstaunliche Begebenheiten, die durch diesen Dienst der Gastfreundschaft bereits geschehen sind. Die Vision, die Gayle und John für ihren Dienst haben, ist sehr simpel: »Mission by loving people«. Jeder ist willkommen, vom Professor aus Islamabad bis zur Nachbarin von nebenan. Niemand bekommt eine Moral- und Bekehrungspredigt zur Mahlzeit, sondern jeder soll wissen und empfinden, dass er angenommen und geliebt wird. Von Gott und vom gastfreundlichen Ehepaar.
Die Zeit verfliegt viel zu schnell, während wir zuhören, wie es dazu kam, dass ein Pastor in Amerika mit seiner Frau die Gemeinde und Heimat verließ, um in einer fremden Stadt und Kultur fremden Menschen, gleich welcher Nationalität, ihre Zuneigung genauso wie praktische Hilfe zu schenken.
John fasst zusammen: »When we have won one person we have begun to win the world.«

Nach dem Austausch am amerikanischen Frühstückstisch teilen wir uns in drei Gruppen, um an verschiedenen Schauplätzen Christen zu treffen, die begonnen haben, Gemeinde und Kirche anders zu verstehen als eine fromme Parallelgesellschaft.
Ich bin bei Tour 2 dabei. Auf dem Weg zur ersten Station im Prenzlauer Berg genieße ich das ausführliche Gespräch mit dem pensionierten Pfarrer aus Erlangen, dem ältesten Teilnehmer bei »Berlin missional«. Wir tauschen Erfahrungen und Empfindungen aus, stellen fest, dass wir sehr ähnliche Sehnsucht im Herzen tragen: Eine Gemeinde und Kirche, die sich den Menschen zuwendet, sich den Menschen opfert, anstatt darauf zu warten und zu hoffen, dass die Menschen den Weg in die frommen Gemäuer irgendwie finden werden.
In Erlangen sieht das gesellschaftliche Umfeld ganz anders aus als an den Orten, die wir an diesem Wochenende in Berlin besuchen, aber das, was wir beide als Herausforderung sehen, ist doch das gleiche: Wir sind – wenn man das große Bild der Christenheit in Deutschland betrachtet – nicht mehr sonderlich relevant für unsere Umgebung. Wenn wir plötzlich weg wären, würden die meisten Menschen nichts und niemanden vermissen.

Runde 50 Minuten nach dem Aufbruch vom Frühstückstisch sind wir bei »Gemeinsam für Berlin« angekommen. Pfarrer Axel Nehlsen, der Geschäftsführer, stellt uns den Dienst an der Stadt mit seinen zahlreichen Ausprägungen vor. Die Vision lautet: »Alle gesellschaftlichen Bereiche der Stadt mit dem Evangelium von Jesus Christus zu erreichen.«
Es ging bei der Gründung vor sechs Jahren nicht um eine neue Kirche oder Gemeinde, sondern »Gemeinsam für Berlin« will vernetzen und versöhnen, Plattformen der Begegnung bieten und die Synergien sowie die Kooperation zwischen Gemeinden, Kirchen, christlichen Werken und Initiativen fördern. Dabei sollen auch Lücken aufgespürt und geschlossen werden, in denen noch niemand das Evangelium zu den Menschen bringt.
So vielfältig wie das Leben in Berlin sind auch die Arbeitszweige, »Foren« genannt. Von »Straffälligenhilfe« über »Gebet für die Stadt« und »Gemeindegründung« reicht das Spektrum, bis zu »Politik und Wirtschaft«, »Juristen« und »Interkulturellen Beziehungen«.
Anhand einiger Beispiele erläutert Axel Nehlsen, wie das in der Praxis aussieht und dass »Gemeinsam für Berlin« nicht »fertig«, sondern ständig offen für neue Impulse und Ideen ist.

In Kooperation mit »Gemeinsam für Berlin« ist durch die Idee einer jungen Frau auch die »Christliche Freiwilligenagentur« entstanden, die mittlerweile zum europäischen Vorzeigemodell geworden ist. Sie stellte ihre Idee vor, diese wurde umgesetzt. So einfach und unkompliziert fing alles an.
Ihr Anliegen formuliert die Agentur so: »Freiwilliges Engagement und Hilfeleistung für die Bedürftigen der Stadt, unabhängig von Nationalität, sozialem Status, Religion, Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung – auf der Grundlage des christlich-jüdischen Menschenbildes und des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.«
Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, übernahm 2007 die Schirmherrschaft, was heute viele Türen öffnen hilft. Auslöser war ganz schlicht und einfach die Idee einer einzelnen Person, inzwischen dienen eine große Anzahl von Christen in einer Vielzahl von Projekten ihren Mitmenschen. In der Bibel heißt dieses Phänomen Barmherzigkeit.

Ein Kloster mitten in der Großstadt? Ein evangelisches Kloster noch dazu? Und dann auch noch ein Kloster, das sich nicht hinter den sprichwörtlichen Klostermauern einschließt, sondern offen ist für die Nachbarschaft?
Jawohl, so etwas gibt es, wir lernen es bei der zweiten Station unserer Entdeckungsreise kennen. Wie »Gemeinsam für Berlin« im Bezirk Prenzlauer Berg gelegen, begrüßt das »Stadtkloster Segen« die Passanten mit einem riesigen Transparent über dem Eingang: »Die Kirche ist offen!«
Im August 2007 sind zwei Familien und drei Einzelpersonen aus dem beschaulichen Montmirail in der Schweiz nach Berlin gezogen, um die Idee einer Oase mitten in der Stadt in die Tat umzusetzen. Es handelt sich um Menschen, die in einer Kommunität zusammenleben, erklärt uns Georg Schubert, nachdem er uns mit angesichts des heißen Sonnentages hoch willkommenem kalten Mineralwasser versorgt hat. Wir erfahren von ihm einiges über die Geschichte dieser Kommunität und ihr Anliegen im geschäftigen Szenebezirk. »Wir wollen«, sagt er, »einen Ort als Laboratorium des geistlichen Lebens schaffen.« Vieles im »Kloster Segen« ist noch eine Baustelle, das Gebäude wurde für einen Euro erworben, muss aber nun aus eigenen Mitteln instand gesetzt, mit Leben erfüllt und unterhalten werden.
Im Bezirk leben viele Alleinstehende, überwiegend hochmobile Menschen, denen man zu ihnen angepassten Tageszeiten eine Möglichkeit anbieten möchte, mit Gott in Kontakt zu kommen. An Dienstagabenden beispielsweise gibt es kurze geistliche Impulse, im Vordergrund steht aber das stille Nachsinnen, Betrachten und schweigendes Beten über die Texte aus der Bibel. »Gott kennen lernen – aus erster Hand!« ist das Motto dieser Abende; es gibt keine Belehrung über Gott, sondern man möchte die Möglichkeit einräumen, dass Gott selbst zu Wort kommen kann.
Auch ein Glaubenskurs, der keinerlei »fromme Vorbildung« erfordert, wird angeboten, daneben Stundengebete, Andachten, Gottesdienste und – vor allem – eine Oase der Stille im Trubel der Großstadt.
Wir besichtigen Gelände und Kirche. Eine junge Frau kniet vor dem Altar, die Bibel vor sich auf den Stufen, den Kopf in den Armen geborgen, vertieft in Gedanken oder Gebet. Ein Anblick, bei dem ich weinen muss. Ich spüre: Hier begegnet jemand dem Herrn der Herren, still, erwartungsvoll, von Angesicht zu Angesicht. Meine Tränen sind Tränen der inneren Anteilnahme, plötzlich ist mir etwas von der Gegenwart Gottes spürbar. Und es sind Tränen der Dankbarkeit für diesen Ort, den eine Handvoll Christen aus der Schweiz meiner Stadt schenkt.

Wir machen uns auf den Weg in den Stadtbezirk Wedding, die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert runde 50 Minuten. Diese sind für mich gefüllt mit einem tiefgehenden Gespräch mit zwei Teilnehmern unseres »Berlin missional« Abenteuers. Später, bei der Rückschau auf das Erlebte, werden mir diese Gespräche mit das Eindrucksvollste und Bewegendste sein. Ein mitunter geradezu seelsorgerlich-intimer Gedankenaustausch mit Menschen, die ich bis zu diesem Wochenende nicht kannte – dass das möglich ist, liegt sicher auch an dem Hunger nach einem relevanten Christsein, der uns alle veranlasst hat, dabei zu sein. Dadurch dürfen und können wir wohl so offen, so ehrlich miteinander unter vier oder sechs Augen reden. Für mich ist das ein wertvolles und unerwartetes Geschenk.

Als wir im Soldiner Kiez ankommen, ist ein Straßenfest mit buntem Programm von Altberliner Spottliedern, zum Leierkasten gesungen, bis zur Kindertanztruppe schon in vollem Gang. Organisiert wurde es von der »Imagekampagne Soldiner Kiez«, deren Projektleiterin Kerstin uns herzlich begrüßt.
Sie fühlt sich einer freikirchlichen Gemeinde ziemlich weit weg in einem anderen Stadtteil zugehörig, und sie hat ein ganz großes und ganz offenes Herz für diesen Bezirk, der vor ein paar Jahren Schlagzeilen machte, weil sich Polizisten nicht mehr als Einzelne auf die Straßen trauen konnten. Die Gewalt und der Hass hatten überhand genommen.
Kerstin sah es und schaute nicht weg, sondern hin. Sie engagierte sich und wählte ganz bewusst ihre Wohnung genau hier, mitten unter Menschen aus 27 Nationen. Eine Statistik weist aus, dass 40% Atheisten sind, 30 % Moslems, 20% (nominell zumindest) der evangelischen Kirche angehören, 10% zählt man als »Sonstiges«.
Kerstin hat mit einigen wenigen weiteren Christen in Zusammenarbeit mit Menschen anderen Glaubens und Atheisten Erstaunliches auf die Beine gestellt. Das Image des Kiezes hat sich bereits gewandelt und über Projekte wie den »lebendigen Adventskalender«, der 2007 »in 24 Tagen um die Welt« führte, wurden auch von den Medien mit Achtung und Wohlwollen berichtet.
Geplant sind weitere größere Aktionen wie ein »schwäbischer Abend« oder ein »Ostfriesenfest«. Aber vor allem beeindruckt mich das, was gar nicht so spektakulär scheint und dennoch Wirkung zeigt. Anstatt auf einander und auf Autos, Schaufenster oder sonstiges einzuprügeln, haben die Menschen im Kiez begonnen, den Dialog mit einander zu suchen. Wer erst einmal miteinander spricht, hat den ersten Schritt zu einem friedlichen Lebensumfeld geschafft. Das ist noch nicht der ganze Weg, aber so kann er beginnen.

Ich komme am Rande des Straßenfestes mit einem Türken ins Gespräch über die selbstbespielten Videokassetten, die er für 50 Cent pro Stück anbietet.
»Alles ganz prima Spielfilme aus meiner Heimat«, berichtet er mir, »habe ich selbst aufgenommen mit Digital-TV.«
»Ich spreche aber kein Türkisch«, erkläre ich ihm.
»Das macht nix, verstehst du trotzdem, und es sind ganz tolle Bilder, türkische Landschaft, gute Schauspieler.«
Ein Palästinenser gesellt sich dazu, und auch er bestätigt mir: »Ich kann kein Türkisch, aber das sind gute Filme!« Wir plaudern eine Weile über das Filmemachen, gute und schlechte Schauspieler, man reicht mir ein zierliches Tässchen, gefüllt mit dem vermutlich stärksten Kaffee meines Lebens, dazu bringt mir eine verschleierte Frau süßes Gebäck, das, so versichert mir der Palästinenser, »unbedingt zum Mokka gehört, sonst fällst du um. Bist plötzlich tot, vom Herz.«
Ob ich aus dem Kiez stamme, will man wissen. Ich erkläre kurz, warum ich mit anderen Christen hier bin und erfahre, dass ich unbedingt wieder kommen soll. Man empfiehlt mir ein Café um die Ecke und nach einer runden Viertelstunde verabschiede ich mich. Wie leicht es doch ist, ins Gespräch zu kommen. Nur eine kleine Frage, was auf den Videokassetten zu sehen ist…

Zum nächsten Ziel unserer Entdeckungsreise in der Soldiner Straße ist es vom fröhlichen Straßenfest nur ein Katzensprung. Wir haben noch runde 40 Minuten Zeit, diese füllen sich für mich mit einem weiteren Gespräch mit einem der Teilnehmer unserer alternativen Stadterkundung. Mit ihm spaziere ich durch die schattigen, aber nichtsdestotrotz heißen Straßen und wir tauschen uns über Probleme aus, die manche Gemeinde mit ihren Mitgliedern hat. Und solche, die manche Mitglieder mit ihrer Gemeinde haben.

Wir schlendern zurück und nun öffnet uns der »Kinder-Club« in der Soldiner Straße die Tür. Auch dieses Projekt schließt eine Lücke, die durch die Sparmaßnahmen Berlins gerissen wurde.
Carola und Dietmar erzählen uns, was hier von ihnen und anderen ehrenamtlichen Helfern für die Nachbarschaft getan wird. 77% der Kinder im Kiez leben in Familien, die von Sozialhilfe leben. Dass diese Kinder zu Hause keine Spielsachen haben, liegt aber nicht nur daran, dass die Eltern keine kaufen können, sondern auch daran, dass sich mitunter acht Kinder ein einziges Zimmer teilen müssen. Da ist ganz einfach kein Platz für Spielzeug. »Wer kann, zieht weg. Wer das nicht schafft, bleibt. Mit diesem Rest arbeiten wir hier«, sagt Dietmar.
Der Kinder-Club hat ausschließlich Christen als ehrenamtliche Mitarbeiter, aber er ist ein ganz bewusst weltanschaulich neutrales soziales Projekt. Doch das heißt keineswegs, dass das Evangelium ausgesperrt bleiben muss. Beispielsweise hat man die Adventszeit zum Anlass genommen, den Kindern und ihren Eltern zu erklären, warum Christen Weihnachten feiern. Es gibt auch, zusätzlich zu den Öffnungszeiten, einmal wöchentlich eine »Geschichtenzeit«, die dazu dient, aus Büchern Geschichten über Jesus und biblische Geschichten vorzulesen. In vielen Familien gibt es kein einziges Buch, und das Interesse am Vorlesen ist groß. Die Eltern schicken ihre Kinder gerne zu diesen Stunden im Kinderclub. Daneben wird parallel zur Zeit des unbeschwerten Spielens dreimal wöchentlich auch Hausaufgabenhilfe angeboten. Für all diese Dienste an den ärmsten Kindern der Stadt braucht kein Mitarbeiter eine spezielle Ausbildung. Das kann jeder Christ – wenn er nur die Augen nicht von der Not abwendet, sondern sein Herz öffnet und anfängt, etwas zu tun. Während ich Carola und Dietmar zuhöre, kommt mir die Geschichte vom »barmherzigen Samariter« in den Sinn. Man kann entweder die Straßenseite wechseln und den Blick abwenden, oder sich um den Verletzten kümmern.

Vom »Kinder-Club« fahren wir ein paar Stationen mit der Tram zur Schönhauser Allee, wo wir bei italienischen Leckereien und erfrischenden Getränken Andrea treffen, sie ist Leiterin des »Forum Islam« bei »Gemeinsam für Berlin«. Sie erzählt uns etwas aus ihrem Leben und Herzen. Andrea wohnt mit ihrer Familie in einem Gebiet mit überwiegend türkischem Bevölkerungsanteil von Moslems und Christen – schon das ist eine nicht immer einfache Mischung.
»Es ist im Grunde genommen ganz leicht«, erläutert sie, »die Möglichkeiten aufzuspüren, wo wir wirklich Salz und Licht sein können. Zum Beispiel las ich die Anzeige eines Fitnessclubs für moslemische Frauen. Auch andere Frauen seien willkommen, hieß es da. Und was meint ihr, worüber man beim Sport und der anschließenden Entspannung so alles ins Gespräch kommt.«
Auch Andrea erlebt auf vielfältige Weise, was wir schon am Vorabend in der Josuagemeinde gehört hatten: Wenn die Menschen spüren und erleben, dass wir sie nicht einfangen, zum Glauben oder sonst etwas überreden wollen, wenn sie erleben, dass wir sie so, wie sie sind, annehmen, offen und ehrlich, dann werden Gespräche über unseren Glauben recht bald möglich.
Gerade Moslems haben sehr ähnliche moralische und ethische Werte wie wir. Das Bild, das sie von »den Christen« haben, ist in der Regel völlig verzerrt. Für sie ist Deutschland »christlich«. Sie sehen die Bordelle, die nackten Frauen auf den Zeitschriftentitelblättern, sie sehen Drogenabhängige und erleben fremdenfeindliche Beschimpfungen oder Angriffe. Das sind für diese Menschen »die Christen«. Wen wundert es da noch, dass sie das Christentum erst einmal ablehnen. Wenn wir uns von diesen Menschen abwenden, oft genug angefüllt mit mindestens ebenso vielen Vorurteilen, wie sollen sie dann jemals eine Gelegenheit bekommen, den Unterschied zwischen dem »christlichen Abendland« und dem kennen zu lernen, was die Bibel lehrt?

Der Tag endet für mich mit einem fast eine Stunde währenden Gespräch mit einer jungen Bibelschülerin aus dem Teilnehmerkreis. Wir laufen nämlich etwa 20 Minuten zum nächsten S-Bahnhof, warten dort mehr als 20 Minuten auf dem nächtlichen Bahnsteig auf den richtigen Zug und fahren dann noch ein gehöriges Stück gemeinsamen Weges. Auch dieser Austausch zählt für mich zu den wertvollen Erlebnissen dieses Wochenendes und als sie dann ausgestiegen ist, um mit der U-Bahn zu ihrer Wohnung zu fahren, bin ich sehr tief berührt und Gott dankbar für einen weiteren Gedankenaustausch, der eigentlich unter Menschen, die sich zwei Tage zuvor nicht kannten, gar nicht möglich ist.

Viel Schlaf finde ich nicht während des »Berlin missional« Wochenendes. Aber irgendwie ist das völlig in Ordnung, wer würde schlafen wollen, wenn es so viel zu entdecken gibt! Um 9:00 Uhr am Sonntag treffen wir uns zum Frühstück im Café Rigarös im Bezirk Friedrichshain.
Hier, in der Rigaer Straße, sind wir nun in einem Gebiet gelandet, in dem die Künstler- und Alternativszene zu Hause ist. Hier ist man vor allem »anders«, unterscheidet sich deutlich vom Establishment und meidet alles »Normale«. Das Café ist demgemäß ausgestattet, ein Bartresen mit Armaturen (Messing, massives Messing!) aus dem vorigen Jahrhundert, eine bunt zusammengewürfelte Mischung von Sitzgelegenheiten, nicht ganz fertig gestrichene Wänden wechselnd mit rohem Mauerwerk… eben alles, was hier dazugehört.
Wir frühstücken gemütlich, während wir etwas über die Gemeinde erfahren, die dieses Café betreibt. Es ist die dritte Tochtergemeinde einer Freikirche in Schöneberg.
Die Gottesdienstzeiten in der Rigaer Straße sind natürlich den Bewohnern ringsum angepasst. Man trifft sich am späten Sonntagnachmittag in Räumen hinter dem Café Rigarös, frei von liturgischen oder sonstigen Zwängen. Außerdem trifft man sich nur vierzehntägig, um Freiräume für Beziehungen zu Freunden außerhalb der Gemeinde zu haben. Aus diesem Beziehungsumfeld sind schon einige dazugekommen. Menschen werden errettet und verändert. Weil sie sich nicht den frommen Formen und Vorstellungen anpassen müssen, sondern etwas vorfinden, wo sie sich sofort wohlfühlen können. Wo sie sich nicht fremd fühlen. Wo sie niemand mit Bekehrungsversuchen überfällt. Wo sie Mensch sein dürfen. So, wie sie eben gerade Mensch sind.

Bevor wir abschließend zu einem gleich im Nebenhaus befindlichen pakistanischen Restaurant wechseln, haben wir nun Gelegenheit, unsere Eindrücke und Empfindungen aus dem Wochenende zu teilen. So höre ich auch noch kurz zusammengefasst, was bei den anderen Touren am Samstag kennen gelernt wurde. Und all das waren ja nur Puzzleteile aus dem gesamten Spektrum dessen, was Christen in Berlin so alles tun können. Harald Sommerfeld öffnet uns abschließend noch einmal sein Herz und erzählt, wie seine Vision von Reich Gottes in der Stadt aussieht. Dass sie an vielen Orten in Berlin bereits Wirklichkeit geworden ist, haben wir mit eigenen Augen gesehen, berührt, geschmeckt.
»Im Vorfeld findet«, berichtet Harald, »sehr viel Gebet statt. Gebet nicht für die eigenen Bedürfnisse, nicht für die eigenen Nöte, nicht für die eigene Versorgung oder die eigene Gemeinde, sondern Gebet für den Kiez, den Bezirk, die Stadt, das Dorf. Gebet, in dem das Herz Gottes für die Menschen gesucht und gefunden wird.«
Dann folgen die ersten Schritte. Kleine Schritte. Schritte, die womöglich unzulänglich scheinen. Auch die Arche in Hellersdorf, in der heute hunderte von Kindern mit Essen und mehr versorgt werden, hat ganz klein angefangen: Mit dem Blick auf die Situation (hier haben Kinder nichts zu essen!) und der Entscheidung: Selbst wenn ich nur ein paar Stullen für sie schmieren kann, dann will ich wenigstens das tun.
Die Ernte kommt viel später. In vielen Fällen sind etliche Jahre der Saat und geduldigen Bewässerung notwendig, bevor überhaupt Frucht sichtbar wird. Man braucht ein ganz erhebliches Maß an Barmherzigkeit, um das durchzuhalten.
Die Perspektive vieler Gemeinden ist: Wie kann es bei uns noch besser laufen? Wir können unsere Räume und Möglichkeiten noch großartiger werden?
Gemeinden, die missional denken und handeln, fragen ganz anders: Was haben die Menschen um uns herum auf dem Herzen? Wo sind Nöte, wo ist Bedarf, und wie können wir dazu beitragen, diese zu lindern? Das geht auf jeden Fall zu Lasten der gemeindlichen Belange. Mitglieder, die sich für ihre Nachbarschaft, für die Menschen rings herum engagieren, haben keine Zeit und oft genug auch kein Geld mehr für gemeindliche Dienste und Projekte. Die Erfahrung zeigt ganz unmissverständlich, dass gemeindliche Dienste manchmal nicht mehr besetzt werden können, wenn die Gemeindebesucher sich ihren Mitmenschen zuwenden. Und das ist für solche Gemeinden völlig in Ordnung. »Der Dienst am Menschen draußen ist genauso Gottesdienst wie der Dienst in gemeindlichen Aufgabenbereichen«, fasst Harald zusammen.
Jesus sagte: Was ich den Vater tun sehe, das tue ich. Gott ist schon da, im Kiez, auf dem Straßenstrich, im moslemischen Fitnessclub, in der Künstlerszene, bei den Reichsten und bei den Ärmsten der Stadt. Wir spüren auf, was er tut und klinken uns ein. Wir bemängeln nicht, dass die Menschen nicht unserem Idealbild entsprechen, sondern wir sagen den Menschen, wer der »unbekannte Gott« ist, für den sie da einen Altar aufgestellt haben (siehe Paulus in Athen, Apostelgeschichte 17).
Niemand muss warten, bis er perfekt ist. Man braucht weder theologisches Studium noch langjährige Bewährung in frommen Formen oder Formeln. Missional leben, das ist keine Mode, kein Rezept. Dafür gibt es weder Kurse noch eine Gebrauchsanweisung. Außer der, die in so vielen Haushalten sowieso vorhanden ist. Ihre Aufschrift lautet: Die Bibel.

Ich bin inspiriert und ermutigt, als wir uns dann das pakistanische Mittagsmahl schmecken lassen. Ich traue mich, ein indisches Bier zu bestellen und bereue meinen Mut keine Sekunde. Das schmeckt ja richtig gut!

Abschließend bleibt mir zu sagen, dass dies ein Wochenende war wie selten eins zuvor. Ich hoffe, dass Harald Sommerfeld dieses Angebot einer ganz und gar alternativen Stadt-Entdeckungsreise wiederholt, damit noch möglichst viele Christen das erleben können, was mir diese etwa 44 zurückliegenden Stunden geschenkt haben: Einen Blick auf das Reich Gottes in der Stadt, das oft genug ganz anders aussieht als erwartet. So anders, dass man es viel zu leicht übersieht.

Vielen Dank, Harald, für dieses Abenteuer!

P.S.: Mehr über Harald Sommerfeld und seine diversen Angebote: Transformission

Männer auf dem Weg – zu schade zum Vergessen

Es war ein Experiment, das ich mit Unterstützung eines Freundes (der selbst allerdings kaum etwas geschrieben oder beigetragen hat, er war nur der offizielle Leiter) gewagt habe: Ein Minimagazin von jeweils 4 Seiten von Männern für Männer. Immerhin sechs Ausgaben und eine Unvollendete sind zwischen Mai 2006 und Juli 2007 zustande gekommen.

Dann kamen ein paar Veränderungen unverhofft über unser kleines Team und das Männerforum samt Blog und Magazin wurde eingestellt. Nun stieß ich neulich beim Aufräumen der Festplatte auf die Dateien und habe ein wenig darin geschmökert. Ich fand sie zum Teil gar nicht so schlecht…

Vielleicht findet ja der eine oder andere Leser auch etwas, was ihn interessiert, daher stelle ich die PDF-Dateien hier wieder (es gab sie schon mal auf dem Männerblog) zum Herunterladen zur Verfügung. Für Männer und Frauen.

P.S.: Wir hatten nichts mit einer gleichnamigen Gruppe in Nürnberg zu tun. Weder inhaltlich, noch sonst irgendwie.

The Race – Seite 46

In der aktuellen Ausgabe des christlenem Magazins The Race ist auf Seite 46 einer meiner Artikel erschienen. Die Redaktion beweist Mut, denn dieses heiße Eisen mag sonst kaum jemand (auf dem christlichen Medienmarkt in Deutschland) anfassen. Vieleicht wegen der Tatsache, dass man so gerne (vermeintliche) Splitter aus fremden Augen zieht, aber andererseits durchaus über den (vermeintlichen) Balken im eigenen Auge Bescheid weiß… jedoch ist nicht jeder Balken ein Balken und nicht jeder Splitter ein Splitter.

Wie auch immer.

Hier ist der Link zu The Race.

Und dies ist der Artikel: Dauerkontroverse Masturbation

Wo bleibt das Raucherschutzgesetz?

Raucher werden zunehmend diskriminiert und ausgegrenzt. Sie sind eine bedrohte Minderheit, wie die WELT berichtete:

Deutschlands Raucher werden überschätzt. Zumindest, was ihre Zahl betrifft. So glaubt die mehrheitlich nicht rauchende Bevölkerung, dass fast die Hälfte (46 Prozent) der Deutschen raucht. Der tatsächliche Anteil der Raucher in Deutschland liegt jedoch mit 29 Prozent der Bevölkerung erheblich niedriger.
Quelle: Die WELT

Minderheiten haben es in diesem unserem Lande schon aus Tradition und Prinzip schwer. So auch die Raucher. Man bürdet ihnen beispielsweise eine Tabaksteuer auf, die dem Staat jährlich rund 15 Milliarden Euro beschert, wie die Statistik belegt.

Die Minderheit der Raucher leistet damit einen ganz erheblichen Beitrag zum Anti-Terror-Kampf:

Beispielsweise wurde in den Jahren 2002 und 2003 die Steuer jeweils um 1 Cent pro Zigarette erhöht, um das erste Anti-Terror-Paket zu finanzieren.
Quelle: Wikipedia

Dieser selbstlose Einsatz der 29 Prozent Raucher für das Gemeinwohl der 100 Prozent wird nicht etwa belohnt, sondern die Diskriminierung nimmt ständig zu. Vermutlich wird es, nachdem öffentliche Gebäude und Gaststätten inzwischen zu raucherfreien Zonen geworden sind, demnächst Ghettos Wohngebiete speziell für Raucher geben. Die Raucher müssen, wenn sie ihre Zone verlassen wollen, ein Symbol an der Kleidung tragen, damit sie auch ausserhalb ihrer Stadtviertel zu erkennen und angemessen zu beschimpfen sind. Denkbar sind dann Geschäfte, in deren Fenster ein Schild hängt: »Raucher werden hier nicht bedient« oder »Eintritt nur für Nichtraucher«.

Auch am Arbeitsplatz schreitet die Diskriminierung ungehindert fort. Das Landesarbeitsgericht Schleswig Holstein hat in einem Urteil – 4 TaBV 12/07 – nun auch die bezahlte Raucherpause am Arbeitsplatz vereitelt. In der Urteilsbegründung heißt es unter anderem:

Selbst wenn der Fall denkbar sei, dass ein Raucher nach einer bestimmten Zeitspanne ohne den Genuss einer Zigarette nicht mehr weiterarbeiten können, müsse im Einzelfall eine entsprechende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt werden.

Im Klartext: Erst zum Arzt, der stellt fest, dass der Raucher ohne Zigarette nicht weiterarbeiten kann, dann mit dem Attest zurück in die Frima und dieses dem Chef auf den Tisch legen. Dann erst darf (draußen vor der Tür) geraucht werden. Was nicht geklärt wurde, ist die Frage, ob der Arzt die Arbeitsunfähigkeit sozusagend vorausschauend für den ganzen Tag ausstellen darf, oder ob für jede neue Zigarettenpause ein neuer Arztbesuch notwendig ist.

Allerdings ist das sowieso nur begrenzt möglich. Denn das LAG Schleswig-Holstein fügte hinzu:

Der Anspruch auf Entgeltfortzahlung wäre auch in diesem Fall auf die ersten sechs Wochen beschränkt.

Wo also bleibt das Raucherschutzgesetz? Die Minderheit, die unsere Gesellschaft mit 15 Milliarden Euro jährlich vor den Terroristen schützen hilft, bedarf dringend eines Anti-Diskriminierungs-Gesetzes. Welche Partei nimmt sich der Sache an? Die Schwarzen? Die Brauen? Die Grünen? Die Gelb-Blauen? Die Roten? Die ganz roten Roten? Die Grauen? Ach nee, die gibt es ja nicht mehr. Ob die wohl zu viel geraucht haben?

Rezepte für ein langes Leben

satire.gif»Jeder sucht sich aus der Bibel das heraus, was für den jeweiligen Sonntag gerade passt«,

sagte Helmut Schmidt einmal im Deutschen Bundestag. Das stimmt nicht nur bezüglich der Politik, auch die Wissenschaftler verstehen es sehr gut, das Forschungsergebnis zu präsentieren, was gerade passt.

Dass viele Menschen zu dick sind, ist unstrittig. Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie hat ein Milliardengeschäft mit den »Light« und »Bio« Etiketten aufgebaut, und viele glauben schlicht und einfach, was die Werbung ihnen suggeriert: »Kauf mich, und du wirst automatisch schlank / gesund«.

Leichtgläubigkeit als Ursache der Volksverdickung – könnte man daraus ableiten. Schützt Intelligenz beziehungsweise Bildung vor den überzähligen Pfunden? Dem Vernehmen nach sind ja überwiegend die weniger gebildeten Menschen zu fett:

Bildung und Wissen wirken sich laut Studie auch auf das Ernährungsverhalten aus. So seien 70 Prozent der Befragten mit Hauptschlussabschluss übergewichtig gewesen, erklärte Seehofer. In der Gruppe der Teilnehmer mit Abitur oder Fachhochschulabschluss waren es dagegen nur rund 50 Prozent. Außerdem sinke mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen der Anteil der Fettleibigen.
(Quelle: Die Welt)

Man kann daraus also tatsächlich schließen, dass Bildungsmangel dick macht, weil die weniger Gebildeten die Marketingstrategien nicht hinterfragen und den Webeversprechen glauben, dass sie mit »low fat« oder »sugar free« zu ranken und schlanken Menschen werden. Sie kaufen Pepsi Light und Cola Zero, womöglich Joghurt ohne Zucker und werden immer dicker. Nun hat eine Studie offenbart, warum das so ist:

Die Forscher glauben, dass Süßstoff zu Problemen bei der Kontrolle der Kalorienaufnahme führt, weil die Verbindung zwischen der Empfindung von Süßigkeit und Nahrung mit vielen Kalorien gestört wird. Möglicherweise sei das auch eine Erklärung dafür, dass die Fettleibigkeit seit dem Aufkommen künstlicher Süßstoffe derart rapide zugenommen habe, berichten sie im Fachmagazin Behavorial Neuroscience.
(Quelle: Die Welt)

Zwar wurden diese Versuche mit Ratten durchgeführt, aber das macht ja nichts. Sind wir nicht alle irgendwie Ratten? Manche Männer sind Schweine, andere Gockel, manche Frau ist eine Gazelle, eine andere ein scheues Reh – vermutlich steckt hinter all diesen Verkleidungen ja letztendlich doch immer eine Ratte.

Doch halt! Alles Unfug! Bildungsmangel macht nicht dick! Wieder andere Wissenschaftler haben nämlich bewiesen, dass es gar nicht darauf ankommt, ob Zucker oder Süßstoff verwendet wird:

Vier einfache Verhaltensregeln verlängern das Leben durchschnittlich um 14 Jahre: nicht rauchen, etwas Sport treiben, mäßig Alkohol trinken und täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen. Das berichten britische Forscher um Kay-Tee Khaw von der Universität Cambridge, die seit 1993 das Schicksal von mehr als 20.000 Probanden im Alter von über 45 Jahren verfolgt haben. Diese Beobachtung sei unabhängig von gesellschaftlicher Schicht und Körpergewicht, betonen die Mediziner im Fachjournal „PLoS Medicine“.
(Quelle: Die Welt)

Na fein. Das Körpergewicht hat nichts mit der Lebenserwartung, der Gesundheit zu tun. Täglich einen halben Liter Wein oder einen ganzen Liter Bier trinken, nicht rauchen, Obst essen, und Sport treiben – das ist das Rezept für ein langes Leben, ob der Mensch nun dick oder mager ist. Solange er, wie wieder andere Wissenschaftler festgestellt haben, nicht auf regelmäßige Orgasmen verzichtet:

Sex steigert die Herzfrequenz auf bis zu 120 Schläge pro Minute. Der Blutdruck nimmt kurzfristig, aber deutlich zu und bei einem Orgasmus wird in der Minute 40 mal ein- und ausgeatmet. Hinzu kommt:
– Sex hält schlank. Je nach Vorlieben können beim Liebesspiel schon mal 500 Kalorien verbraucht werden.
– Dabei wird das Herz geschont. Zehn Minuten Schnee schaufeln, ein paar Stockwerke Treppensteigen oder ein heftiger Streit belasten das Herz weit mehr.
– Der Kreislauf wird angeregt und trainiert. Nachteilig für die Leistungsfähigkeit ist Sex nur unmittelbar danach. Aber wer tritt schon direkt nach dem Akt zum 100-Meter-Sprint-Wettkampf an?
– Die Haut wird gesünder. Wer schwitzt, reinigt seine Poren, und eine gute Durchblutung hält Haut und Schleimhäute länger jung. Das Bindegewebe wird stärker, einer Cellulite oder Krampfadern wird vorgebeugt. Darüber hinaus soll Sex Altersflecken auf der Haut entgegenwirken.
– Die Geschlechtsorgane werden mit frischem Blut versorgt. Bei Männern kann das einer Prostataerkrankung entgegenwirken.
(Quelle: WDR)

»Befriedigender Sex, dazu gehört auch Masturbation, kann zwar keine Krankheiten wie Rheuma oder Diabetes heilen, doch vor allem auf psychosomatischer Ebene vermag er kleine Wunder zu bewirken«, erklärt die Urologin Kornelia Hackl. »Dabei liegt sein Geheimnis im Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – der Basis aller Lebendigkeit.« Und so kann »Doktor Sex« gegen Rückenschmerzen, Spannungskopfweh, depressive Verstimmung und vieles mehr beinahe wie ein Heiler wirken …
Quelle: Focus

Ob nun Sport und Orgasmus zu einer Verdoppelung der Gesundheit führen, wurde vermutlich noch nicht erforscht. Man könnte aber noch den Kaffee ins Spiel bringen, denn auch da gibt es Forschungen, die beweisen, dass er einem langen Leben und der Gesundheit förderlich ist. Auch die Region, in der man lebt, hat ja Auswirkungen auf Lebenserwartung und Leibesumfang.

Ich freue mich auf die nächste Studie, die dann beweisen wird, dass doch der Zucker der Bösewicht und Sex schädlich ist. Oder dass Dicke grundsätzlich intelligenter sind als Dünne. Oder dass Kaffee und Zigaretten zusammen für ein langes Leben sorgen, während Zigaretten ohne Kaffee schädlich sind. Oder auch nicht, wie ja kürzlich Fachärzte dem eingangs zitierten ehemaligen Bundeskanzler bescheinigt haben.

Ehefrau Loki sagte zum Abgewöhnen Anfang des Jahres der Morgenpost:

»Sogar die Ärzte raten uns davon ab. Die Umstellung würde zu viel Stress für den Körper bedeuten.«
(Quelle: Die Welt)

Schön, dass wir die Wissenschaften haben, mit all ihren Forschern, die sensationelle Erkenntnisse am laufenden Band produzieren. So wird es nicht langweilig in den Medien und ich suche mir aus der Bibel das heraus, was für das Festmahl am kommenden Sonntag am besten passt:

So gebe dir Gott vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde und von Korn und Most die Fülle! 1. Mose 27, 28

Preise den Herrn, meine Seele, … der Gras hervorsprossen läßt für das Vieh … und Wein, der des Menschen Herz erfreut; damit er das Angesicht glänzend mache vom Öl und Brot des Menschen Herz stärke. Psalm 104, 14-15