Sakrales und Säkulares friedlich vereint

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Der ungeschriebene Heimatkrimi

Beim Aufräumen der Festplatten (jawohl, auch die kann und soll man aufräumen!) öffnete ich heute ein Dokument aus dem Jahr 2013, dessen Inhalt ich inzwischen vergessen hatte. Ich war damals angefragt worden, ob ich für eine Zeitschrift einen Heimatkrimi mit etwa 7.000 Anschlägen schreiben würde. Natürlich sagte ich zu. Das heute wiederentdeckte Dokument enthielt den ersten Versuch … der aber von mir nie abgeschickt wurde. Ich habe seinerzeit dann »Frau Schlonske und die ewige Heimat« geschrieben und eingeschickt; die Geschichte wurde abgedruckt.

Doch hier nun das, was ich als ersten Entwurf aufbewahrt habe. Übrigens: Die beiden Redakteure der Zeitschrift, deren Auftrag ich hatte, hießen Michael und Jörg. So. Nun aber:

Der ungeschriebene Heimatkrimi

Bildergebnis für krimiDas viele Blut überall … ich hatte nicht bedacht, dass ein toter Redaktionsleiter eine solche Schweinerei auslösen konnte. Meine Hände waren klebrig, mein Hemd war ruiniert, das Blut ließ sich bestimmt nicht aus dem hellen Stoff auswaschen. Die Hose war sowieso hin, man kann ja schlecht ein so blutgetränktes Kleidungsstück bei der Reinigung abgeben. Ich war aber immerhin unverletzt. Gott sei es gedankt, von Herzen. Denn um ein Haar wäre ich die Leiche gewesen.

Es hatte alles so harmlos begonnen. Ich war mit schlechtem Gewissen, weil ich beichten musste, dass der versprochene Artikel nicht fertig war, in die Redaktion gefahren. Zunächst verlief das Gespräch, falls man es bezüglich meines einsilbigen Gegenübers als solches bezeichnen will, nach meinem Geständnis noch halbwegs normal.

»Ich wollte ja«, beteuerte ich, »ich wollte ja wirklich einen Heimatkrimi schreiben. Ich habe Fragmente, die ich vorweisen kann. Ich habe es ernsthaft versucht.«

»So.«

»Als die Anfrage von deinem Redaktionskollegen Jörg kam, habe ich gleich zugesagt und begonnen.«

»So.«

»Aber dann bin ich nicht weiter gekommen. Die Geschichte wollte sich nicht erzählen lassen. Also habe ich einen zweiten Anlauf versucht, eine neue Handlung erfunden. Ich war sicher, dass das klappt und dass ich einen ganz famosen Heimatkrimi zustande bringen würde. Das Internet beziehungsweise Twitter als Werkzeug des Verbrechers … ein Polizist, der dann den Bösewicht verfolgt … am Ende kommt der Verbrecher davon und die Welt wie wir sie kennen endet. Aber das passt nie und nimmer in den vorgegebenen Rahmen von 7.000 Zeichen.«

»So.«

»Ich lese mal vor, wie die Geschichte anfängt«, schlug ich vor. Da ich keine Widerrede hörte und Michael Z. sogar eine Augenbraue hob als sei er neugierig, holte ich das Dokument auf den Bildschirm meines Notebooks und las:

Der Mann im schwarzen Mantel floh in Richtung Kurfürstendamm und Alfred Kasupske folgte ihm. Er hätte genauso gut im Café verweilen und den Fliehenden ignorieren können, aber er war eben Polizist mit Leib und Seele. Ob er den Mann noch verhaftete oder nicht änderte nichts mehr. Dafür war es längst zu spät. In ungefähr 30 Minuten würde sowieso jede Flucht enden und keine Fesseln der Welt konnten dann noch irgend jemanden daran hindern, sich davon zu machen in die ewige Heimat, falls es ein Jenseits gab. Kasupske war sich nicht sicher. Er war nun mal kein Theologe sondern Polizist.

Die ersten Hinweise auf das, was nun aufzuhalten nicht mehr möglich war, hatte es vor zehn Tagen im Internet gegeben. Tagelang hatte allerdings niemand den Ernst der Lage begriffen. Als dann vorgestern endlich die Sonderkommission in den großen Konferenzraum gerufen wurde, war auf der Leinwand die Twitterseite zu sehen, ein Eintrag hervorgehoben.

»Was ist das denn?« fragte Kasupske den jungen Kollegen, der am Beamer-PC saß.

»Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, falls wir den Täter nicht umgehend finden.«

Kasupske runzelte die Stirn und las die Botschaft – Tweet nannte man so etwas, erfuhr er wenig später.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige betreten wir am Samstag. #bleibende_Heimat_jetzt!

»Das ist alles?«

Überrascht, dass ich mehr als ein So zu hören bekam, wagte ich ein zögernd optimistisches Lächeln. »Leider ja. Als ich an dem Punkt war, wurde mir klar, dass daraus 200 oder mehr Seiten entstehen müssen. Das geht nicht in der für eure Zeitschrift notwendigen Kürze.«

»Hmmm …« brummte Michael Z. »Und der andere, der erste Versuch?«

Ich öffnete die Datei und las vor, was ich zustande gebracht hatte:

»Ick lasse mir von niemand« – sie machte eine bedeutungsvolle Pause – »von niemand lass ick mir hier vertreiben. Dit is meen Zuhause, meene Heimat. Hier kriegt mir keener weg!«

Ich hätte das ernster nehmen sollen, sagte ich mir hinterher. Also nachdem dann passiert war, was passiert ist. Ziemlich weit hinterher. Damals, beim Gespräch mit Antje Schlonzke, hielt ich das nur für Gerede, wie man es in meinem Beruf häufig zu hören bekommt. Die Leute geben Geld aus, das sie gar nicht haben, und wenn dann jemand kommt und an die Rückzahlung erinnert, werden sie laut und frech.

»Frau – äh – Schlonzke«, sagte ich, »wenn Sie in der Lage sind, wenigstens einen Teil der Summe zu überweisen, dann wird das aller Erfahrung nach von der Bank positiv bewertet, so dass der Räumungsbeschluss eingefroren werden kann. Andernfalls kann ich leider nichts für Sie tun. Sie schulden der Bank 350.000 Euro zuzüglich Verzugszinsen, Gebühren, Anwaltskosten.«

»Dit is ja nich meene Schuld! Ick hab allet ins Jeschäft jeschteckt, zwee Verkäuferinnen einjeschtellt, dit Mobiljar jekooft, die Ware beschtellt und injeräumt. Und denn sacht dit Aas im Fernsehn: Tut ma leid, da ham wa uns jeirrt mit die Eröffnung vons Janze.«

Mein Mitgefühl hatte Frau Schlonske zweifellos, sie war nicht die einzige, deren Existenz am Flughafen Berlin-Brandenburg zugrunde gegangen war. Beziehungsweise am Nicht-Flughafen.

»Sie haben wirklich nicht einmal einen kleinen Betrag verfügbar, den Sie der Bank anbieten können? Verwandte, Freunde, die Ihnen bei der Überbrückung helfen? Wenn der Flughafen eröffnet, verdienen Sie ja Geld mit ihrer Boutique dort und können mit der Rückzahlung beginnen. Aber bis dahin will die Bank nun mal nicht mehr warten. Es weiß ja auch keiner, ob und wann der Flughafen fertig wird.«

»Die stecken ja alle unter eener Decke! Banken, Politiker, dit janze Jeschmeiß. Hat der Wowereit, die olle Stinksocke, ooch nur eenen Pfennich einjebüßt? Oder der andere Kerl, dit Buttermilchjesicht aus Brandenburg, Patzich oder wie der heeßt? Nee nee nee! Ick habe nur noch dit kleene Häuschen hier, und ick lasse mir nich von die Dickscheißers die Heimat rauben! Von niemand! Is dit klar?«

»Also können Sie nirgendwo eine Summe auftreiben, um der Bank Zahlungswilligkeit zu signalisieren?«

»Ick kann mir ja mit zwee Pfund Mehl in die Filiale schtellen und ne Jeisel nehmen wie der blitzhageldumme Dorfbengel neulich! Oder soll ick mirn Tunnel zu die Schließfächer buddeln wie die Gaunerbaggage in Steglitz? Denkste Puppe! Ick weeß mir zu wehren!«

Als wir – also die Polizei und ich – dann eine Woche später zum Räumungstermin anrückten, war alles schon zu spät und vorbei.

»Das taugt nichts«, kommentierte Michael Z.

Kleinlaut gab ich zu: »Das weiß ich. Kurzum: Es ist mir nicht gelungen, bis zum Redaktionsschluss einen Heimatkrimi mit 7.000 Zeichen zu schreiben. Ich gebe es zu.«

»So.«

Er war wieder zur Einsilbigkeit übergegangen. Seine Finger spielten mit einem Brieföffner, sein Blick war finster.

»Das kann mich meinen Redaktionsvorsitz kosten«, brummte er und hob die Hand mit der scharfen Klinge.

Ich sprang vom Stuhl auf, packte zu und konnte ihm das Mordwerkzeug entreißen, bevor es mich traf. Und schon lag der Redaktionsleiter auf seinem Schreibtisch. Er blutete noch alles voll, bevor er endlich seinen letzten Schnaufer tat und in die zukünftige Heimat wechselte.

Und nun? Nun kann ich sehen, wie ich das Blut abgewaschen kriege und die Redaktion kann sich ausdenken, wie sie ihrer Leserschaft plausibel machen will, dass es diese Woche keinen Heimatkurzkrimi im Heft geben wird.

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Unser Ferienlager

Dieser Text steht fast genau so in meinem Buch Neuland – wer bei der Lektüre neugierig auf die anderen dort versammelten Erzählungen wird, darf sich das Werk gerne zulegen. Dazu folgt ein Hinweis nach der Geschichte.

Diese Version ist allerdings die ursprüngliche Fassung, geschrieben vor der unsäglichen Rechtschreibreform, was man beispielsweise am daß leicht erkennen kann. Unser Ferienlager gehört zu meiner Serie Ungeschriebene Aufsätze. Da schreibe ich auf, was Schüler und Schülerinnen schreiben würden, wenn sie für die Schule schreiben dürften, was sie schreiben wollen und sich die Wahrheit zu schreiben trauten.

Falls das die Wahrheit wäre, natürlich. Nur dann. So. Genug der Vorrede.

Unser Ferienlager

gschrieben von Johann E., 15 Jahre alt

Als wir am 19. Juli 1999 aufbrachen, um drei Wochen Ferien im Camp zu verbringen, schien alles gut vorbereitet, geplant und durchdacht zu sein. Unser Ziel war eine Jugendherberge im Allgäu, nahe dem Ort Langenwang gelegen. Die Reise mit dem Zug begann am Montag sehr früh, bereits um 5:00 Uhr trafen wir uns am Bahnhof.

Die Fahrt war eher langweilig, wir versuchten, uns die Zeit so gut wie möglich zu vertreiben. Wir waren zehn Jungen und zwölf Mädchen, alle zwischen 14 und 16 Jahre alt. Als Betreuer fuhren der Pfarrer Münchmann, die Katechetin Sondersohn, der Jugendpfarrer Schneider und die Kindergärtnerin Walper mit. Vor allem Frau Walper ging uns von Anfang an auf die Nerven. Sie konnte ja vielleicht nichts dafür, daß sie nur Ideen zur Beschäftigung hatte, die wahrscheinlich selbst Kleinkindern ein müdes Gähnen entlocken würden, aber andererseits hätte sie sich ja ruhig vor der Reise mal ein paar Informationen einholen können, was man mit Jugendlichen, die zwölf Stunden in einen Zug gesperrt sind, anfangen kann.

Als sie, kurz hinter Probstzella, mit dem Einfall glänzte, wir könnten einen Eierlauf durch den Wagen veranstalten, beschlossen wir, sie loszuwerden. Das setzten wir auch wenige Minuten später in die Tat um.

Sonja, die 15jährige Tochter des Pfarrers Münchmann, schmierte sich auf der Toilette etwas Ketchup ins Gesicht, Ramona ging zu Frau Walper, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Äh, ich glaube mit Sonja ist was passiert. Können Sie mal kommen?“

Sofort stand die Kindergärtnerin auf und folgte Ramona zur Toilette. Die übrigen Erwachsenen bemerkten nichts davon, da sie über Landkarten gebeugt Pläne für Ausflüge schmiedeten.

Fredy und ich standen an der Zugtüre bereit. Zu unserem Glück war dies einer von den altmodischen Zügen, bei denen die Türen während der Fahrt nicht verriegelt sind. Als Frau Walper sich über die am Boden liegende, anscheinend blutverschmierte Sonja beugte, öffnete ich die Türe und Fredy schubste unsere Betreuerin gekonnt aus dem Zug.

Sonja wusch sich, und wir gingen zurück zu den anderen.

 

Natürlich wurde der halbe Zug auf den Kopf gestellt, das Bahnpersonal alarmiert, am nächsten Bahnhof gab es einen verlängerten Aufenthalt, Passagiere wurden befragt, sogar der Gepäckwagen durchsucht. Frau Walper blieb verschwunden, niemand hatte eine Ahnung, wann sie zuletzt gesehen worden war, die Vermutungen umschlossen die Bandbreite von 9:30 Uhr bis 12:00 Uhr.

Die Bahnfahrt war etwas weniger langweilig geworden.

 

Es gab ein paar Diskussionen, ob die Reise wegen des Verschwindens der Betreuerin abgebrochen werden sollte, aber da alle Jugendlichen versprachen, vernünftiges, folgsames und mustergültiges Verhalten zu zeigen, änderte sich nichts.

Die ersten zwei Tage im Allgäu verbrachten wir mit dem Erkunden der Umgebung, die Abende waren recht kurzweilig, da vor allem Jugendpfarrer Schneider tolle Ideen, zum Beispiel für Rollenspiele, wirklich schwierige Rätsel, interessante Diskussionen und ähnliches, entwickelte.

 

In den Nachmittagsstunden des Donnerstag kam telefonisch die Nachricht, daß Frau Walpers Leiche gefunden worden war. Man untersuchte noch, ob Selbstmord oder ein Unglück die Ursache ihres Ablebens gewesen war.

Wir legten am Abendbrottisch eine andächtige Schweigeminute für die Verblichene ein und Münchmann sagte ein paar andächtige Worte, was er – schließlich ist das Teil seines Berufes – sehr gekonnt bewerkstelligte.

 

Am Freitag fuhren wir mit einem Bummelzug nach Oberstdorf, um das Nebelhorn zu besteigen. Hier wurden wir Johanna los.

Johanna war die einzige, die nichts davon wußte, warum Frau Walper nicht mehr bei uns war. Man konnte Johanna nicht trauen. Sie war eine chronische Miesmacherin, quengelte ständig über irgend etwas: wehe Füße, juckende Mückenstiche, fades Essen, harte Matratzen, rüpelhafte Jungen, dämliche Mädchen…

Den Erwachsenen gegenüber war sie eine so schleimige Arschkriecherin, daß es selbst den Betreuern zuwider war, mit ihr zu tun zu haben. Sie erzählte ungefragt, was keiner der drei wissen wollte: Peter hat hinter dem Haus geraucht, Ramona hat Kondome in ihrem Koffer, Friedrich und Johann (ja, das bin ich) sind um Mitternacht aufgestanden und haben im Fernsehen einen Sexfilm angeschaut…

Sie hielt sich auch bei der Bergwanderung abseits, trottete der Gruppe hinterher und gab unfreundliche Antworten wenn man sie in ein Gespräch einbeziehen wollte. Ich meine, wir haben es wirklich versucht, aber sie wollte eben Außenseiterin sein und bleiben.

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte "Tourismus Oberstdorf"

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte „Tourismus Oberstdorf“

Der Wanderweg auf das Nebelhorn ist vielfach gewunden, so daß man immer nur ein Stück überblicken kann. Peter und Friedrich ließen sich ein wenig zurückfallen, waren dann am Ende der Gruppe, allerdings noch vor der mißmutig bergauf stapfenden Johanna, die stur auf den Weg starrte und kein Auge für die Landschaft hatte. Die beiden Jungen verschwanden hinter einem Gebüsch und ließen Johanna vorbeigehen. Dann holten sie sie leise ein, stülpten ihr einen Rucksack über den Kopf und fesselten sie in Windeseile mit zwei Gürteln. Es war wichtig, daß sie nicht mitbekam, wer sie überfiel, denn wir hatten nicht vor, sie aus dem Leben an und für sich zu verabschieden. Sie sollte nur uns nicht mehr auf die Nerven gehen.

Friedrich erzählte mir später, daß sie noch nicht einmal geschrien habe. Die beiden trugen sie ein Stück in das Unterholz hinein, um vor den Blicken etwa vorbeikommender Wanderer geschützt zu sein.

Durch einen kräftigen Schlag mit einem stabilen Ast brach Peter ihr den linken Unterschenkel. Wir waren übereingekommen, daß dies die humanste Möglichkeit war, da ein gebrochenes Bein in der Regel gut verheilt und eine eventuelle Narbe dort weniger stört als am Arm. Einen zweiten Schlag bekam sie auf den Kopf, der immer noch im Rucksack steckte. Da die beiden ja Gürtel und Rucksack mitnehmen mußten, war es wichtig, daß Johanna bewußtlos war und nichts wahrnehmen konnte.

Schließlich nahmen die Jungs Johannas Umhängetäschchen, verstreuten den Inhalt, das Bargeld, DM 14,35, nahmen sie mit, damit ein Raubüberfall eine plausible Möglichkeit blieb. Niemand war bereit gewesen, eine auch nur versuchte Vergewaltigung vortäuschen zu wollen. Abgesehen von den vielfältigen Hinweisen, die Kriminalisten aus Spermaspuren gewinnen können, schien es uns als sehr unwahrscheinlich, daß irgend jemand auf dieser Welt beim Anblick dieses pummeligen pickeligen unausstehlichen Mädchens erotische Gelüste empfinden konnte.

Aus der Bergwanderung wurde, sobald das Verschwinden von Johanna bemerkt worden war, eine wunderbar aufregende Suchaktion. Wir hatten es bis zum Gipfel geschafft, dort versammelten wir uns für ein Gruppenfoto und endlich stellte Pfarrer Münchmann das Fehlen eines seiner Ferienschäfchen fest. Natürlich wußte niemand, wann und wo uns unsere Kameradin abhanden gekommen war. Leid tat mir nur Schneider, der sich bitterste Vorwürfe machte, nicht das Ende der Gruppe im Auge behalten zu haben.

Wir suchten den ganzen restlichen Tag, außer uns suchte dann nach ein paar Stunden auch die Bergwacht, gegen Abend, bevor die Dämmerung einsetzte, sogar mit zwei Hubschraubern.

Friedrich und Peter durchkämmten buchstäblich jeden Quadratmeter des Dickichts, in dem sie Johanna zurückgelassen hatten, aber sie war nicht mehr dort. Den Ast fanden sie, es klebte etwas Blut am Ende, aber von Johanna fehlte jede Spur.

 

Unserem Ferienlager drohte das vorzeitige Ende. Wir besprachen die Lage am Samstag nach dem Frühstück. Die Pfarrer Münchmann und Schneider plädierten für eine vorzeitige Abreise, Frau Sondersohn und wir dagegen. Johanna war nicht gefunden worden, in kein Krankenhaus eingeliefert, ihre Eltern auf dem Weg nach Langenwang. Sie flogen von Berlin nach München, von dort aus fuhren sie mit einem Mietwagen. Als sie nach dem Mittagessen eintrafen, gab es noch immer keine Nachricht von ihrer Tochter.

Jedenfalls kamen wir gegen Abend überein, die Reise nicht abzubrechen. Johannas Eltern gaben mit ihrer Meinung, man könne nicht 21 jungen Leuten die Ferienfreude nehmen, weil ein Mitglied der Gruppe verschwunden sei, wohl den Ausschlag. Johanna war, so erfuhren wir, schon zwei Mal durchgebrannt und nach ein paar Tagen wieder aufgetaucht.

 

Das Ende unserer Reise muß ich nun, da ich ja einen Aufsatz und keinen Roman zu schreiben habe, in Kürze schildern.

Alice und Alexandra, beide 14, veranstalteten in der Nacht vom Sonntag zum Montag eine geheime schwarze Messe im Speisesaal. Nur die beiden, die wohl an ihren Hokuspokus glaubten, wußten davon. Sie hatten einen Tisch als Altar geschmückt mit Kerzen und allerlei merkwürdigen Ornamenten. Was genau sie da vorhatten oder taten, weiß niemand. Man fand sie am Morgen, nackt, eng umschlungen, mit angstverzerrten Gesichtern und so tot wie eine ägyptische Mumie nach 2000 Jahren Lagerzeit.

Wir fanden diese Todesfälle bedauerlich, weil beide Mädchen gute Kumpel und sehr liebenswerte Freundinnen für uns alle gewesen waren. Daher beschlossen wir einmütig, den nächstmöglichen Zug zurück nach Berlin zu nehmen.

 

Die Rückfahrt verlief dann ohne Zwischenfälle. Alles in allem war unser Ferienlager weit interessanter, als wir zu Beginn angenommen hatten.

So. Und nun wie versprochen der Weg zum Buch: Neuland, ISBN-10: 1481025287, ISBN-13: 978-1481025287, Leseprobe und Herunterladen hier: Neuland (E-Buch für Kindle) :: Neuland (als Taschenbuch)

Frau Schlonske

Mein Gegenüber blickt mir in die Augen. Offen ist dieser Blick, womöglich freundlich. Ich bin noch zu verwirrt, um das analysieren zu wollen. Diesen Ort hier, den gibt es ja eigentlich nicht, zumindest dachte ich das immer. Aber nun stehe ich hier und soll sagen, was ich getan habe. Müsste mein Gegenüber das nicht wissen, falls ich bin, wo ich zu sein glaube? »Ich habe nur meine Pflicht getan, meinen Beruf ausgeübt«, sage ich und dann erzähle ich:

 

»Ick lasse mir von niemand« – sie machte eine bedeutungsvolle Pause – »von niemand lass ick mir hier vertreiben. Dit is meen Zuhause, meene Heimat. Hier kricht mir keener wech!«

Ich hätte das ernster nehmen sollen, sagte ich mir hinterher. Genau eine Woche später, als die Straße gesperrt wurde. Bei diesem Gespräch mit Antje Schlonske hielt ich das nur für Gerede, wie man es in meinem Beruf häufig zu hören bekommt. Die Leute geben Geld aus, das sie gar nicht haben, und wenn dann jemand kommt und an die Rückzahlung erinnert, werden sie laut und frech.

»Frau – äh – Schlonske«, sagte ich, »wenn Sie in der Lage wären, wenigstens einen Teil der Summe zu überweisen, dann würde das aller Erfahrung nach von der Bank positiv bewertet werden. Möglich, dass der Räumungsbeschluss eingefroren wird. Andernfalls kann ich leider nichts für Sie tun. Sie schulden der Bank 350.000 Euro zuzüglich Verzugszinsen, Gebühren, Anwaltskosten.«

»Dit is ja nich meene Schuld! Ick hab allet ins Jeschäft jeschteckt, zwee Verkäuferinnen einjeschtellt, dit Mobiljar jekooft, die Ware beschtellt und injeräumt. Und denn sacht dit Aas im Fernsehn: Tut ma leid, da ham wa uns jeirrt mit die Eröffnung vons Janze.«

Mein Mitgefühl hatte Frau Schlonske zweifellos, sie war nicht die Einzige, deren Existenz am Flughafen Berlin-Brandenburg zugrunde gegangen war. Beziehungsweise am Nicht-Flughafen.

»Sie haben wirklich nicht einmal einen kleinen Betrag verfügbar, den Sie der Bank anbieten können? Verwandte, Freunde, die Ihnen bei der Überbrückung helfen? Sobald der Flughafen eröffnet, verdienen Sie ja Geld mit ihrer Boutique dort und können mit der Rückzahlung beginnen. Aber so lange will die Bank nun mal nicht mehr warten.«

»Die stecken ja alle unter eener Decke! Banken, Politiker, dit janze Jeschmeiß. Hat der Wowereit, die olle Stinksocke, ooch nur eenen Pfennich einjebüßt? Oder der andere Kerl, dit Buttermilchjesicht aus Brandenburg, Patzich oder wie der heeßt? Nee, nee, nee! Ick hab nur noch dit kleene Häuschen hier, und ick lasse mir nich von die Dickscheißers die Heimat rauben! Von niemand! Is dit klar?«

»Also können Sie nirgendwo eine Summe auftreiben, um der Bank Zahlungswilligkeit zu signalisieren?«

»Soll ick mir n Tunnel zu die Schließfächer buddeln wie die Gaunerbagage neulich in Steglitz? Denkste Puppe! Ick weeß mir zu wehren!«

Als wir – also die Polizei und ich – dann eine Woche später um 10 Uhr zum Räumungstermin anrückten, war dann nichts mehr zu ändern. Ich kam fünf Minuten vor der angekündigten Zeit, doch die Polizei war schon da. Die beiden jungen Beamten warteten im Streifenwagen vor der Einfahrt zum Grundstück Schlonske. Ich parkte dahinter und stieg aus.

Einer der Polizisten öffnete sein Fenster und rief mir zu: »Bleiben se mal im Auto bis die Kollejen und die Feuerwehr da sind.«

»Wie bitte?«

Aus der Ferne hörte ich Sirenen.

»Am Jartentor hing dit hier«, sagte der Polizist und reichte mir eine Klarsichthülle, in der ein etwa DIN A5 großes Kärtchen steckte. »Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir«, las ich. Dahinter stand etwas Unverständliches, vielleicht ein geheimer Code: »Hebr. 13,14«. Mir fielen die Hebriden ein, aber wer würde da schon hinziehen wollen. Die Kommazahl sagte mir nichts.

»Dreh‘n se mal um dit Kärtchen!«, meinte der Polizist.

Auf der Rückseite war handschriftlich notiert: »Wenn ihr mir meine Heimat nehmt, gehn wir gemeinsam in die zukünftige Stadt! Antje Schlonske. PS: Die Leiche in der Küche bin dann ich.«

Die Sirenen kamen näher.

Ich reichte das Kärtchen in der Hülle zurück und fragte: »Muss man das ernst nehmen? Was soll das heißen?«

»Wenn se freiwillich rinjehn, denn wissen wa gleich, ob dit ernst jemeint is.«

Der bisher stumm gebliebene zweite Polizist brummte: »Keiner geht da rein außer die Sprengstoffexperten.«

Ich hatte um 11 Uhr den nächsten Termin. Ob ich den einhalten konnte, schien mir angesichts der Umstände zweifelhaft. Ein Gerätewagen der Feuerwehr bog in die Straße ein, gefolgt von zwei Notarztwagen. Aus der anderen Richtung kamen drei Mannschaftswagen der Polizei. Einer stellte sich etwa hundert Meter vor dem Grundstück Schlonske quer, einer hielt vor dem Haus und der dritte fuhr ein Stück weiter und sperrte dort die Straße.

Ich war mein Leben lang ein pünktlicher Mensch und wollte es auch bleiben. Die Umstände waren ausgesprochen widrig. Mein Mobiltelefon hatte ich vergessen aufzuladen, also konnte ich den nächsten Termin nicht verschieben oder absagen. Als dann noch einer der neu angekommenen Polizisten im Kampfanzug mit Vollvisierhelm auf mich zu kam und anordnete, dass ich mich hinter die Polizeiabsperrung begeben sollte, beschloss ich, zuerst zum nächsten, völlig ungefährlichen Termin zu fahren und dann hierher zurück zu kommen. Wer weiß, ob ich dann nicht immer noch warten musste. Doch als ich meine Autotüre öffnete, rief der Polizist: »Nein, zu Fuß!«

Ich blickte mich um. Die Nachbarn wurden, soweit sie zu Hause waren, aus ihren Wohnungen geführt. Noch nie war ich in einer solchen Lage wie hier vor dem Schlonske-Anwesen. Ich hatte die Besitzerin kennengelernt und traute ihr nicht zu, irgendwelche Todesfallen zu konstruieren. Angesichts der Straßensperren blieb mir nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Aber zu Fuß hätte ich es nie rechtzeitig geschafft, nach Steglitz zu kommen.

Kurzentschlossen und bevor noch jemand mich hindern konnte, öffnete ich das Gartentor und ging auf das Haus zu. »Frau Schlonske«, rief ich, »Frau Schlonske! Machen Sie keinen Unsinn, wir können noch über alles reden!«

 

»Und mehr weiß ich nicht«, erkläre ich meinem Gegenüber.

»Es gab sieben Tote, einer davon bist du.«

Sieben Tote? Und ich habe die Katastrophe ausgelöst? Es tut mir unendlich leid. Ich lasse den Kopf hängen und betrachte meinen ungewohnten Leib. Aber was wäre hier nicht ungewohnt? Schließlich frage ich: »Komme ich jetzt in die Hölle?«

Mein Gegenüber lächelt. »Du bist doch kein Dämon. Du bist doch ein Menschenkind.«

»Also in den Himmel? Obwohl ich gar nicht an Gott … also an all das hier … ich war ja nie besonders gläubig …«

Ich höre keine Antwort, sondern ein unangenehmes Geräusch. Falls das hier der Himmel sein soll, dann passt das hässliche Klingeln überhaupt nicht in die Szenerie. Also doch die Hölle?

Das nervende Klingeln hört nicht auf.

Ich haue unsanft auf den Ausschaltknopf meines Weckers. Endlich wieder himmlische Ruhe. Aber jetzt muss ich flugs aufstehen, denn ich bin immer pünktlich. Immer. Also schnell zum Termin bei Frau Schlonske.

 

 

Geschrieben für Oora

Alles nur Show, sagte sich Astrid

Just like every cop is a criminal and all the sinners saints
As head is tails just call me Lucifer ‘cause I’m in need of some restraint
The Rolling Stones

Es ist ja nichts Neues, Generation für Generation entdeckt irgendwann, dass Eltern einem Teenager sehr auf die Nerven gehen können. Astrid empfand das wieder einmal an einem Abend im April, und sie war stinksauer. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es ausgerechnet wegen dieses Konzertes zu einer Auseinandersetzung kommen würde.

»Du weißt ja gar nicht, wohin du da gehen willst«, sagte ihr Vater.

»Natürlich weiß ich das. Sabine und Evi gehen auch, ich verstehe das Theater nicht.«

»Aber ich habe es dir doch erklärt. Ich habe nichts gegen Rock oder Pop oder sonst eine Musik, das weißt du, schließlich waren wir oft genug zusammen bei Konzerten und du kennst unsere Platten und CDs. Aber diese Gruppe – das ist was anderes!«

Selbstverständlich hatten sie einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Das war normal, jede Generation hat ihre Vorlieben, die meist denen der Eltern kaum entsprechen. Astrids Eltern liebten Paul Simon, Van Morrison, Neil Diamond,Bob Dylan, und natürlich die Beatles. Astrid stand auf Death, Cynic, Pestilence und Gorefest. Gelegentlich hörte sie auch Agathodaimon, Bethlehem oder Eisregen. Und sie war der größte Fan von 7th Hell.

Der Auftritt der fünf Amerikaner in Berlin war für den 13. Mai angekündigt. Überall hingen die Plakate, die auf die Tour zum aktuellen Album Meet Your Demons aufmerksam machten. Blutrote Schrift auf schwarzem Hintergrund, die Musiker in der Maske der Dämonen, die sie ihrem Publikum offensichtlich auf ihrem Konzert vorstellen wollten.

»Das ist doch nur Show, so wie ihr damals euren Alice Cooper und eure Rolling Stones hattet. Sympathy For The Devil, wo ist da der Unterschied zu Meet Your Demons?«, wollte Astrid wissen.

»Sympathy heißt Mitleid, es ging bei den Stones nicht um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel. Man spielt nicht mit okkulten Dingen, dabei haben sich schon viele Menschen die Finger verbrannt.«

Herr Heller sah seine Tochter prüfend und besorgt an. Warum verstand sie bloß nicht, was er meinte?

»Papa, du weißt genau, dass ich nicht an übernatürlichen Quatsch glaube. Du kannst ja glauben, was du willst, aber du wirst es mir nicht aufzwingen. Das nervt!«

»Es sollte Warnhinweise wie bei Zigarettenwerbung geben. Der Besuch dieses Konzertes gefährdet Ihre psychische Gesundheit, liebe Gäste…«, brummte Astrids Vater.

Ihm fiel eine Zeile aus einem uralten Lied von Udo Lindenberg ein: Bitte geh da nicht hin, tu mir das nicht an! Es gibt doch heute Abend auch ein schönes Fernsehprogramm… Nein, so albern wie die von Lindenberg beschriebenen Eltern wollte er sich nicht benehmen. Er seufzte. Sie hatten ihre Tochter zur Selbstständigkeit erzogen, stets an die Vernunft apelliert, und im Allgemeinen wusste die jetzt 15jährige auch, was gut für sie war und was nicht. Sie pendelte manchmal, das hielt er jedoch für normal in diesem Alter, zwischen vernünftiger junger Frau und eigensinnigem Kind. Sie war aber durchaus wählerisch bei ihren Freunden, ging nicht mit Typen aus, die »nur Sex im Kopf« hatten, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie hatte seit sechs Monaten einen Freund, Martin, der ein Jahr älter war als sie; soweit die Hellers wussten, war es eine kameradschaftliche Beziehung, die über einen Kuss zur Begrüßung und zum Abschied bisher nicht hinausgegangen war. Und sie wussten recht gut Bescheid, denn es herrschte ein tiefes Vertrauen zueinander, es gab keine Themen, über die man in dieser Familie nicht offen reden konnte. Darum redeten sie jetzt auch über 7th Hell.

Astrid schmollte ein paar Minuten und fragte dann mit unsicherer Stimme: »Du verbietest mir also, zum Konzert zu gehen?«

»Ich verbiete dir das nicht. Ich habe nur versucht, dir zu erklären, warum ich es in diesem speziellen Fall lieber sehen würde, wenn du nicht gehst. Es ist nicht gut für dich, ich glaube, dass solche Gruppen es wirklich mit Mächten zu tun haben, mit denen man sich nicht einlassen sollte. Diese Black Metal Szene ist gefährlich. Ob du nun daran glaubst oder nicht.«

Das Fatale an der Situation war ja, dass er zum Beispiel Black Sabbath, die er in seiner Jugend geliebt hatte, nicht absprechen konnte, wunderbare Musik zu machen. Ja, sie produzierten hervorragende Aufnahmen, diese Gruppen, die mit dem Okkulten spielten, damals wie heute, aber er spürte irgend etwas Finsteres hinter den Kulissen, was ihm Angst machte, Angst um seine Tochter.

»Das ist kein Black Metal, Papa, hör dir doch die CDs mal an. 7th Hell ist Rock und Blues. Aber ich überlege es mir. Echt, ich denke noch mal darüber nach, was du gesagt hast.«

… … …

Sie überlegte es sich, und zwei Tage später kaufte sie die Eintrittskarte. Martin würde bei ihr sein, ebenso ihre Freundinnen, was sollte schon passieren? Sie fand nun einmal diese Musik toll, es ging lediglich um ein Konzert, keine Hinwendung zu irgendwelchen finsteren Sekten. Papa war einfach etwas altmodisch, so lieb er es auch meinen mochte.

… … …

Die Halle war ausverkauft. Astrid stand mit ihrer Clique in der  Schlange ziemlich weit vorne, sie wollten gute Plätze, selbstverständlich möglichst dicht an der Bühne. Seit 15 Uhr hatten sie vor dem Eingang gewartet, verbissen für einander die eroberte Stelle vor den Toren verteidigt, wenn jemand auf die Toilette musste. Um 19 Uhr endlich war der Einlass geöffnet worden. Einer Stunde später sollte es losgehen. Es gab die üblichen Stände mit CDs, T-Shirts, Postern, Base-Caps und Programmheften zur Tour, aber das Taschengeld war knapp, ihre Eltern hatten keinen Cent extra für das Konzert herausgerückt. Die 79,00 Euro waren eine ziemliche Belastung für Astrid gewesen, aber sie konnte ihren Eltern auch nicht böse sein deswegen. Es war okay, wenn sie diese Gruppe nicht mochten, dass sie dann auch nicht den Eintritt bezahlten.

Die Bühne war schwarz dekoriert, rechts und links die Lautsprechertürme, in der Mitte der Halle wie üblich das Mischpult. Vor der Bühne stand eine Reihe kräftiger Ordner, die finster auf die heranstürmenden ersten Fans blickten. Astrids Gruppe kam immerhin in die dritte Reihe, von hinten wurde gedrängelt und gedrückt, sie standen eingekeilt, so dass sie sich kaum bewegen konnten. Aber auch das war nicht ungewöhnlich bei Konzerten, bei Justin Bieber war es schlimmer gewesen, hatte es eine Reihe von ohnmächtigen Teenagern gegeben. Astrid wäre natürlich nie und nimmer zu einem Auftritt dieses Milchbubis gegangen.

»Wie damals bei den Beatles«, hatte ihr Vater belustigt angemerkt, als sie im Fernsehen bei den Lokalnachrichten der Abendschau die Szenen sahen.

Doch das hier war ein anderes Publikum. Keine kreischenden Teenies, die ihr Idol mit Plüschtieren bewerfen würden. Astrid und ihre Freunde schienen mit zu den jüngsten Anwesenden zu gehören. Viele waren schwarz gekleidet, man sah etliche T-Shirts mit den für diese Szene üblichen Aufdrucken. Kill Your Idols stand unter einem schmerzverzerrten Jesusgesicht, direkt vor Astrid. In dem Hemd steckte ein blass geschminktes Mädchen, ein Gruftie. Es gab sehr viele von ihrer Sorte vor der Bühne.

Alles nur Show, sagte sich Astrid, so wie damals die Blumen und Kettchen bei den Hippies. Trotzdem mochte sie das Shirt nicht, das ihr ständig vor Augen war.

Um 20 Uhr begannen die Pfeifkonzerte. Auf der Bühne tat sich nichts, das Saallicht blieb an, aus den Lautsprechern kam immer noch Musik vom Band. Die meisten Stücke kannte Astrid nicht, Martin wusste gelegentlich, welche Band da gerade gespielt wurde.

Dann kam ein hypnotisierender Rhythmus, die Lautstärke stieg an, Congas, Percussion – Astrid erkannte das Stück sofort, ihr Vater hörte gerne die Rolling Stones. Sympathy For The Devil. Gleichzeitig mit Mick Jaggers höflich vorgetragener Bitte Please allow me to introduce myself … wurde die Beleuchtung dunkler und das Klatschen und Rufen der Fans schwoll an. Es schien soweit zu sein, 7th Hell würde auf die Bühne kommen.

Pleased to meet you, hope you guess my name! peitschten die Stones aus den Boxen, die Lautstärke war fast bis zur Schmerzgrenze angeschwollen. Astrid nahm sich vor, ihren Vater zu belehren, dass es in dem Song eben doch um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel ging. What’s puzzling you is just the nature of my game! Es war vollständig finster, nur irgendwo in der Ferne glommen die Notausgangsschilder. I shouted out, who killed the Kennedys, well and after all, it was you and me!

Von hinten schoben die Fans, um doch noch näher an die Bühne zu kommen, aber vergeblich, da war kein Platz mehr. Das massive Gitter hielt die Masse auf, dahinter lauerten, momentan nicht erkennbar, die Ordner auf jeden, der einen Versuch machen würde, hinüberzuklettern.

So if you meet me, have some sympathy … Eine Gänsehaut überzog Astrids Körper. Sie bekam Angst vor der Dunkelheit, vor den drängenden Körpern hinter sich, griff nach Martins Arm, um sich festzuhalten. Sie zitterte, schwitzte, und Mick Jagger hämmerte in ihre Ohren: Pleased to meet you, hope you guess my name!

Das Lied hatte kein Ende an der Stelle, wo es auf der CD aufhörte. Ein rotes Glimmen auf der Bühne ließ langsam erkennen, dass 7th Hell unmerklich in den Rhythmus eingestimmt hatte, sie hörten nicht mehr die Stones vom Band, das Konzert hatte bereits begonnen, dichter Nebel ließ die fünf Musiker unwirklich über dem Boden schweben, als sie da aus der Finsternis langsam sichtbar wurden..

Immer noch das gleiche Lied, mit einer neuen Textstrophe. Please allow me to introduce my friends, they have come with us today. You´re gonna meet your demons here tonight, and when we leave you, they will stay!

Danach folgten Stücke aus den beiden 7th Hell CDs. Die Musik war hervorragend. Die Stimmung in der Halle auf dem Siedepunkt. Die Fans tanzten, warfen sich hin und her, soweit die Enge vor der Bühne das zuließ. Astrid war nach kurzer Zeit klatschnass geschwitzt, der Bass vibrierte in ihrem Körper, sie tanzte, wie noch nie, ausgelassen, wild, animalisch. Ab und zu spielte 7th Hell Coverversionen älterer Stücke. Es war alles solider Bluesrock, meisterhaft vorgetragen. Astrid genoss das Konzert, Papa hatte sich geirrt und offensichtlich wenig Ahnung von der heutigen Musik.

Martin schien etwas geistesabwesend zu sein. Er blickte sich immer wieder um, einen verängstigten Ausdruck auf dem Gesicht. »Mein Gott, wo bringen die uns hin?«, murmelte er, aber seine Stimme war unhörbar bei der Lautstärke der Bühnenanlage.

»Was hast du gesagt?«, schrie ihm Astrid ins Ohr.

»Irgendwas stimmt nicht, ich will hier raus!«, brüllte er zurück.

Astrid schüttelte den Kopf. »Ist dir schlecht?«

»Ich habe Angst! Die bringen uns…«

Mehr konnte Astrid nicht verstehen. Sie nahm an, dass Martin ein wenig mulmig war wegen der ständigen Schubserei, weil sie so eingeklemmt waren.

7th Hell spielte jetzt einen alten Titel der Eagles, Hotel California. Sie kannte das Original und sang mit. Such a lovely place

»Ich muss hier raus, ich will da nicht hin«, sagte Martin. Aber es war hoffnungslos. Aus dieser Menge gab es kein Entkommen, bis das Konzert zu Ende sein würde. Er fühlte sich wie in einem Sog, dem er nichts entgegenstellen konnte, der ihn in eine Richtung zwang, in die er nicht wollte. Die fünf schwarzgekleideten Musiker auf der Bühne hatten ihn im Griff wie das ganze Publikum, zwangen ihm Bilder auf, die er nicht sehen mochte. Da war Astrid neben ihm, sie tanzte, ihre Haare klebten in der Stirn. Er beobachtete sie, plötzlich war sie nackt, tanzte mit einem großen finsteren Wesen, die Halle war verschwunden, Dornengestrüpp umrahmte das Gras, auf dem der Dämon im Mondlicht lüstern Astrid an sich zog. Martin kniff die Augen zusammen, blinzelte, und sie hatte wieder ihre Jeans und das enge weiße T-Shirt an, den begeisterten Blick auf die Bühne gerichtet. Keine Dornen, keine Wiese. Nur die Konzerthalle und die Masse von verzückten Fans.

We haven´t had this spirit here since 1969

Astrids Augen glänzten. Sicher, dieser Geist war seit 1969 nicht mehr da gewesen, sie kannte ihn nur aus dem Film Woodstock, den sie mit ihren Eltern angeschaut hatte. Aber jetzt war er in der Halle, und er war freundlich. Er versprach Freiheit, das Ende aller Bevormundungen und Beschränkungen. Er versprach hemmungslose Lust, Träume konnten heute endlich wahr werden. Ihr Körper wiegte sich, die Hüften kreisten, sie hatte ein herrliches Gefühl im Unterleib, das gleiche, das sie vom abendlichen Masturbieren unter der Bettdecke kannte, die Knospen ihrer Brüste waren hart und standen deutlich sichtbar in dem nassen Shirt hervor. Sie sah, dass Martin sie anstarrte, lächelte ihm zu. Sie nahm seine Hand und zog ihn an sich, sie wollte ihn spüren, mit ihm zusammen in diesem Rausch versinken.

We are all just prisoners here, of our own device …

Martin sah, wie sich Astrids Lippen zum Text bewegten, sie sang mit, sie schien so fern von ihm zu sein, obwohl er ihre Hand auf seinem Rücken spürte, die ihn mit in den Rhythmus zwang. Er blickte wieder zur Bühne, routiniert kam das Gitarrensolo aus den Boxen, der bärtige Sänger schien direkt auf Astrid zu schauen, schien nur für sie zu spielen. Sie warf die Arme hoch, schwenkte sie wie tausend andere Zuhörer, ihr Körper wand sich im universellen Takt der Tanzenden.

Astrid spürte den Blick, sah hinauf in diese unergründlichen schwarzen Augen, irgend ein Scheinwerfer schien ein blau-weißes Glühen in ihnen zu erzeugen. Und wieder hatte 7th Hell dem Lied eine eigene Strophe hinzugefügt, ein heißes Zittern durchlief ihren erregten Körper, als es nach dem Break weiterging: And I know you are fifteen, but you will carry my child. You will give me a daughter, you will receive her tonight. No, you won´t make me jealous with that boy you love, for that child will be my child and there will be no help from above. Welcome to the Hotel California …

Astrid glühte, ihr Herz zuckte, Hitze strömte durch ihren Leib, such a lovely place, such a lovely place sang sie. Etwas bahnte sich in ihr an. Kann man vom Tanzen einen Orgasmus bekommen? Eine Welle der Lust durchströmte ihren Körper, so dass sie sich an Martin festhalten musste.

Martin glaubte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihn frösteln ließ. Doch dann war das Lied zu Ende und die Gruppe begann mit dem nächsten Stück, wieder ein eigenes. Er hoffte, dass das Programm bald vorbei sein würde.

Um 22.13 Uhr begannen die Zugaben, um die das Publikum 15 Minuten gekämpft hatte. 7th Hell spielte noch einmal 20 Minuten, dann war mit einer furiosen Wiederholung von Sympathy For The Devil endgültig Schluss, unmerklich war die Musik wieder in die Version der Rolling Stones vom Band übergegangen, 7th Hell verschwand im Nebel. Die Saalbeleuchtung ging an, und langsam leerte sich die Halle. Martin hatte seinen Arm um Astrid gelegt, sie schlenderten durch ein Meer von zertretenen Bechern zum Ausgang. Den Rest ihrer Clique hatten sie längst aus den Augen verloren.

… … …

Es war nicht kalt, der Mai sorgte für angenehme Temperaturen. Obwohl ihr Shirt und die Jeans nass geschwitzt waren, fror Astrid nicht, als sie auf die Straße traten. Sie schmiegte sich an Martin.

»Hat’s dir gefallen?« fragte sie.

»Ja, war toll«, log er. Er wollte ihr den Abend nicht vermiesen, nachdem sie sich so gut amüsiert hatte. Er war nicht begeistert, zwar war seine Bedrückung irgendwann verschwunden, aber so richtig wohlgefühlt hatte er sich nicht.

Astrid strahlte ihn an. In ihren Augen funkelte die Abenteuerlust. »Was machen wir jetzt noch?«

»Wie jetzt – machen? Du musst doch – wir müssen doch nach Hause!«

»Nee, keine Lust. lass uns noch was unternehmen.«

»Assi, du bist 15 und ich bin 16, was denkst du dir, was uns unsere Eltern erzählen werden? Es ist so schon reichlich spät!«

»Morgen ist Samstag, du Knallkopf! Wir können ja anrufen, damit sie wissen, wo wir sind!«

Man kann von einem 16jährigen nicht allzu viel Vernunft erwarten. Müde war Martin nicht, das Konzert hatte dafür gesorgt, dass sie sich beide aufgekratzt fühlten, obwohl sie stundenlang auf den Beinen gewesen waren. Irgendwo noch ein bischen schmusen … auf dem Heimweg … Er wollte jedenfalls nicht in ein Lokal mit ihr. Martin konnte Astrid schließlich dazu überreden, sich auf den Heimweg zu machen.

Die U-Bahn brachte sie nach Steglitz, auf den Nachtbus wollten sie nicht warten, also liefen sie los, in Richtung Lichterfelde.

»Lass uns am Kanal langgehen«, schlug Astrid vor. »Das ist so schön gruselig bei Nacht.«

Also bogen sie in die Klingsorstraße ab und marschierten bis zur Brücke. Dort gingen sie rechts in den verlassenen Park, stolperten die Treppe hinab und raschelten über den schmalen Pfad am Ufer. Der Mond war noch fast voll und zeigte ihnen die Wurzeln und Dornen, denen sie ausweichen mussten.

Warm lag Martins Hand auf Astrids Schulter, sie schmiegte sich eng an ihn und streichelte über seine Hüfte. Astrid bog vom Weg ab, sie gingen zwischen Bäumen und Sträuchern die Böschung hinunter, wo es einen kleinen Flecken Gras gab. Dort blieb sie stehen und zog Martin dicht an sich. Sie konnte seine Erregung durch den Stoff der Jeans spüren, sanft strichen seine Hände über ihren feuchten Rücken.

»Liebst du mich?«, fragte sie ihn.

»Ja, ich liebe dich.«

Sie wollte ihn, jetzt, dies war die Nacht für den ersten Sex ihres Lebens. Die Vernunft war ausgeschaltet, die Lust pulsierte in ihrem Körper. Dies war die Nacht der Freiheit, der Geist von 1969 regierte, endlich war er zurückgekehrt. Sie presste ihren Unterleib fester gegen seinen, mit einem leichten Wiegen in den Hüften zum Rhythmus in ihrem Kopf. Such a lovely place … summte sie leise.

»Astrid, ich weiß nicht – hier am Kanal – lass uns lieber nach Hause gehen.«

»Ich dachte, du liebst mich«, schmollte sie.

»Natürlich, ja, ich liebe dich.«

Er wollte sie auch, hatte oft genug in seiner Fantasie diesen Moment ausgekostet, sich ausgemalt, wie es wohl wäre, beim ersten Mal. Sie hatten über Sex gesprochen, aber er hatte sie nie gedrängt, und sie hatte ihn immer gebremst, wenn er mehr wollte, als einen Kuss und eine liebevolle Umarmung. Er konnte warten, und er wollte vor allem warten, bis sie bereit war. Jetzt öffnete sie seinen Gürtel und die Jeans und strich sanft mit ihrer Hand über Stellen, die kein Mädchen je berührt hatte. So kannte er sie nicht, fast wurde sie ihm unheimlich. Andererseits hatte er diesen Moment lange genug herbeigesehnt.

»Ich habe kein Kondom, Astrid, wenn nun was passiert?« Irgendwo regte sich noch ein Funke Verstand, während sie ihm das Shirt über die Schultern streifte. Ihre Augen wanderten an ihm herab und sie lächelte verträumt.

»Dann wird es das süßeste Baby der Welt, weil du der süßeste Junge bist!«

Astrid schlüpfte aus ihren Jeans, streifte ihren Slip ab und er durfte sie betrachten. Das Aufregendste, was er bisher von ihr gesehen hatte, war der bezaubernde Anblick, wenn sie beim Baden ihren Bikini trug. Jetzt sah er endlich alles. Einen Augenblick tauchte das Bild vor ihm auf, wie sie mit dem Schattenwesen tanzte, aber seine Erregung ließ sich nicht mehr besänftigen. Er gab seinen schwachen Widerstand auf und sie sanken in das weiche Gras zwischen den rankenden Dornen.

»Was haben wir denn da für Turteltäubchen?« kicherte eine raue Stimme.

Fünf Gesichter blickten auf Astrid und Martin herab.

»Wenn du fertig bist mit ihr, dürfen wir dann auch mal ran, Milchgesicht?«

Sie trugen schwarze Lederkleidung, Nietengürtel glänzten im weißen Licht des Mondes. Einer hielt ein langes Messer in der Hand. Man konnte nicht viel erkennen im nächtlichen Schimmer, aber die fünf Gestalten wirkten bedrohlich genug.

Astrid erstarrte. Sie hatten sich zärtlich gestreichelt, die Nähe und Wärme der unbekleideten Körper genossen, aber noch war es nicht zur Vereinigung gekommen. Sie hatten alles um sich herum vergessen, nichts davon bemerkt, dass sich jemand näherte, hingerissen von dem herrlichen Gefühl der liebevollen Hände des Partners auf der Haut.

Die fünf Männer musterten das Pärchen in aller Ruhe. Sie ermunterten Martin: »Nun steck ihn schon rein, sie wartet doch darauf.«

»lasst uns in Ruhe! Was soll das?«

»Hey, Milchgesicht, nicht frech werden. Wir wollen nur bei Eurer Party mitfeiern.«

Astrid griff nach ihren Kleidern, wollte schnellstens ihre Blöße vor den lüsternen Blicken verbergen. Aber der Wortführer riss ihr die Jeans aus der Hand. Sein Messer blinkte nahe an ihrem Hals.

»Nicht so eilig, Baby! So was Hübsches darf man doch nicht in Stoff einpacken!«

»Was wollt ihr? Wir haben euch doch nichts getan«, protestierte Martin erneut.

»Wir wollen die Show sehen! Kapiert? Du bumst sie jetzt, und dann sehen wir weiter.«

»Nein, lasst mich, ich bin doch erst 15«, bat Astrid.

»Und was hattest du mit deinem Kumpel vor? Wolltet ihr nur den Mondschein genießen? Es sah nach was ganz anderem aus«, gab der Rocker zurück.

Aber war es ein Rocker? Sein bärtiges Gesicht erinnerte sie an irgend etwas, aber sie konnte sich nicht besinnen, woran. Der Mond ließ seine Augen aufblitzen, ein weißes Schimmern, ein leichtes leuchtendes Blau, als würden sie glühen.

Astrid rief um Hilfe. Sofort schlugen zwei der schwarzen Gestalten auf sie ein. »Schnauze halten, sonst sorgen wir für Ruhe.«

Die Messerspitze drückte gegen ihren Hals. Sie verstummte.

Die beiden rührten sich nicht. Offenbar dauerte das Schweigen dem Mann zu lange. Er ritzte mit seinem Messer eine dünne Linie in Martins Arm. Kleine Tropfen Blut traten hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Da siehst du, dass mein Messerchen scharf ist. Wenn du willst, dass deine süße Freundin ihr hübsches Gesicht behält, dann fang jetzt an mit der Vorstellung. Du steckst deinen Schwanz dahin, wo er hingehört. Sonst male ich ihr ein paar schöne Linien auf die Stirn. Oder an eine andere Stelle …«

»Ich kann nicht. Haut doch ab! Sie ist doch erst 15.«

»Wenn du nicht kannst, dann müssen wir es dir wohl vormachen?«, grinste der große Bärtige. »Los, du bist der erste!« stieß er einen seiner Begleiter an, die nach wie vor stumm daneben standen.

Gehorsam begann der, seine Lederhose zu öffnen.

»Nein, lasst sie in Ruhe, bitte«, weinte Martin.

»Du oder wir. Entscheide dich endlich!«

Astrid zog Martin an sich heran. »Komm, es hat keinen Sinn. Die Kerle sind bewaffnet.«

»Lasst ihr sie dann in Ruhe?« fragte Martin.

»Okay, wenn du es gut machst.«

So hatten sie sich ihren ersten Sex beide nicht vorgestellt. Es war abscheulich, erniedrigend. Sein Penis war längst geschrumpft, sie half ihm mit ihren Händen, bis eine schwache Erektion zustande kam. Martin drang in sie ein, er tat ihr weh, obwohl er versuchte, vorsichtig zu sein. Die fünf Beobachter kommentierten das Geschehen, machten Witze, gaben Ratschläge und schienen sich köstlich zu amüsieren. Zum Glück ging es schnell vorbei, ohne Lust, ein mechanischer Vorgang, eine biologische Funktion.

»Na, da musst du noch eine Weile üben«, meinte der Mann mit dem Messer, als Martin sich zurückzog. Martin hielt Astrid beschützend im Arm. Beide weinten und sahen die fünf schwarzen Schatten ängstlich an. Würden sie jetzt endlich verschwinden? Was kam noch auf sie zu?

»Was meint ihr, sollen wir es auch versuchen?«, fragte der Wortführer seine Begleiter.

Keiner reagierte. Sie schauten nur stumm auf Astrids Körper, waren sich unschlüssig, was ihr Anführer von ihnen wollte. Martin zitterte vor Angst, aber er nahm sich vor, Astrid so gut er konnte zu verteidigen. Er hatte keine Chance gegen die fünf kräftigen Männer, aber er würde kämpfen, wenn es sein musste.

Der Chef der Gruppe meinte schließlich: »Gut, lassen wir es sein. Wer weiß, ob die Kleine Aids hat. Die Show war zwar nicht die beste, aber immerhin haben sich die Kinder Mühe gegeben.«

Sie griffen nach den Kleidern der beiden und warfen sie lachend im hohen Bogen ins Wasser. »Es ist so schön warm heute Nacht, da braucht ihr keine Klamotten.«

Sie verschwanden. Astrid klammerte sich an Martin. »Sind sie weg?«

»Ich glaube, ja. Scheiße.«

Sie standen auf. Von ihren Jeans und Shirts war nichts mehr zu sehen, ruhig trieb das dunkle Wasser vorüber. Martin überlegte, ob es sinnvoll war, im Wasser zu suchen, aber es war wohl zwecklos.

»Es tut mir so leid, Astrid. Ich wollte das nicht, nicht so.«

»Uns blieb doch keine Wahl. Schau dir deinen Arm an.«

Es blutete nicht mehr, aber der Schnitt brannte. Sanft strichen Astrids Fingerspitzen über die dunkle Linie. »Mein armer Martin. Aber du hast mich vor diesen Kerlen gerettet. Danke.«

»Und was machen wir jetzt? Zur Polizei?«

Astrid schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, nackt, in die Wache, nein, ich kann nicht. Wir gehen zu mir nach Hause.«

Sie begegneten niemandem auf dem Weg durch die stillen Straßen von Lichterfelde. Immer wieder glaubten sie, Schritte hinter sich zu hören, aber es war niemand zu sehen. Martins Arm um ihre Schultern gab ihr Geborgenheit, sie gingen schnell, bogen in ihre verlassene Straße ein und sahen Licht in der Villa.

»Meine Eltern sind noch wach«, stellte Astrid fest. »Was wird mein Vater sagen?«

Sie mussten klingeln, denn ihre Schlüssel waren samt Telefonen und Portemonnaies im Kanal verschwunden.

Herr Heller öffnete die Tür und starrte seine weinende Tochter mit ihrem Freund an. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Blöße zu bedecken, Martins blutverschmierter Arm lag auf Astrids Schulter, seine Tochter sah ihn an mit einem Blick, der um Hilfe bat.

»Papa«, flüsterte sie.

Er sagte kein Wort, ihm fiel absolut nichts ein, was er hätte sagen sollen. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer und schloss die Türe. Dann holte er aus Astrids Zimmer ein paar Kleidungsstücke für seine Tochter und nahm aus seinem eigenen Schrank eine Unterhose, Jeans und ein Hemd für Martin. Die Sachen würde ihm zu groß sein, aber er konnte den Jungen ja nicht unbekleidet stehen lassen. Seine Frau, die schon im Bett lag, sah ihn fragend an.

»Sie sind nackt, beide.«

»Was sind sie? Wer? Wie bitte?«

»Astrid und Martin. Und sie weinen.«

Sie stand auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und folgte ihm ins Wohnzimmer.

»Danke«, sagte Martin, als er die Kleidung entgegennahm. Frau Heller umarmte ihre Tochter und wischte ihr die Tränen vom Gesicht. »Zieht euch erstmal was an.«

Stumm standen die Eltern dabei, während sich Astrid und Martin die Kleidung überstreiften. »Und nun erzählt uns mal, warum ihr nachts um 1 Uhr nackt durch Lichterfelde spazieren geht.«

Astrid blickte ihrem Vater in die Augen. »Du hattest recht. Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen.«

Wieder flossen die Tränen. Herr Heller schaute zu Martin, auch dessen Mund zuckte verdächtig. Was um Himmels willen war hier los? Er bat sie mit einer Bewegung, sich zu setzen und eng aneinandergeschmiegt sanken sie auf das Sofa. Auch Frau Heller setzte sich, betrachtete forschend ihr Kind. Martin konnte ihr nichts angetan haben, sonst würde sie nicht so sehr seine Nähe suchen.

»Moment noch, ihr beiden. Ich rufe nur kurz Martins Eltern an, die machen sich genauso Sorgen wie wir. Sie haben schon zwei Mal nach Euch gefragt, eure Telefone waren wohl ausgeschaltet? Oder willst du selbst anrufen?«

Martin schüttelte den Kopf. Er konnte jetzt nicht mit ihnen reden, war dankbar, dass Herr Heller das übernahm. Er würde noch genug Fragen zu beantworten haben.

Astrids Vater telefonierte nur kurz, berichtete, dass die beiden Vermissten eingetroffen waren. Ja, Martin gehe es gut. Seine Eltern waren erleichtert und schließlich einverstanden, dass er die Nacht bei Astrids Familie blieb, sie waren froh, dass beide unverletzt aufgetaucht waren, mehr schien sich nicht zu interessieren, zumindest im Augenblick..Er konnte ruhig im Gästezimmer bei Hellers übernachten.

Und dann erzählte Astrid alles. Sie blieb bei der Wahrheit, verschwieg nichts. Sie hatte mit Martin schlafen wollen, in dieser Nacht, nach dem Konzert. Die Lust hatte einfach Besitz von ihr ergriffen. Daher waren sie am Kanal gelandet, und dann waren die fünf Männer aufgetaucht.

Martin redete nicht viel, er fühlte sich schuldig, unbehaglich. Man stand ja auch normalerweise nicht nackt vor den Eltern seiner Freundin in der Tür, so modern und unkompliziert sie auch sein mochten. Man hörte auch normalerweise nicht zu, wie die Freundin ihren Eltern vom ersten Geschlechtsverkehr erzählte, zwar keine Einzelheiten, aber doch, unter welchen Umständen es schließlich dazu gekommen war. Es war ihm peinlich, aber es war auch richtig und notwendig, nichts zu verschweigen, Astrid musste es sich von der Seele reden.

»Es tat weh, Mama, ich weiß, dass Martin nichts dafür kann, aber es war so schrecklich mit diesen Gestalten, die jede Bewegung beobachteten. Sie lachten uns aus, ich konnte nur die Augen schließen und hoffen, dass es bald vorbei sein würde.«

»Tut mir leid, Astrid«, sagte Martin, »ich – ich wollte, es wäre nie geschehen.«

Sie drückte ihn an sich. »Nein, du hast keine Schuld. Es wäre anders gewesen, wenn sie nicht gekommen wären, oder nicht, Mama?«

Frau Heller seufzte. Dies schien ihr eine völlig unmögliche Situation für ein Gespräch über Sex beim ersten Mal, aber ihre Tochter brauchte sie jetzt und hier, wenn das Vertrauen bleiben sollte. Astrid war natürlich längst aufgeklärt, ihr Freund Martin auch, aber das gerade erlebte war ein entsetzlicher Gegensatz zur Theorie von der himmlischen ersten Liebesnacht gewesen. Was sollte sie ihrem Kind sagen, das sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah? Hilfe suchend blickte sie zu ihrem Mann. Der nickte ihr nur zu, schließlich hatte Astrid ja ihre Mutter gefragt.

»Beim ersten Mal kann es etwas wehtun, Astrid, vor allem, wenn der Mann zu schnell vorgeht, aber ihr hattet keine Chance, die schöne Seite der Liebe kennenzulernen. Das ist bitter für euch beide, und ich hoffe, die Kerle werden dafür büßen.«

Astrid erzählte dann, wie sie ihre Kleider losgeworden und wie sie schließlich nach Hause gekommen waren, der einzige Platz, an dem sie Sicherheit erwarteten.

Es gab keine Vorwürfe, keine Schuldzuweisungen. Es gab kein Habe ich dich nicht gewarnt?, die Hellers wussten, dass damit niemandem geholfen wäre. Sie wollten am nächsten Morgen Anzeige erstatten gegen die fünf Unbekannten, immerhin waren die beiden Jugendlichen mit einer Waffe bedroht und Martin leicht verletzt worden. Eine vernünftige Personenbeschreibung war ihnen allerdings nicht zu entlocken, vielleicht war das bei den gegebenen Umständen auch nicht zu erwarten gewesen.

Astrid beruhigte sich allmählich. Ihre Mutter tröstete sie, so gut es ging. Sie meinte, dass es wesentlich schlimmer hätte kommen können, wenn die fünf Männer sich nicht zurückgezogen hätten. Martin habe schließlich keine Wahl mehr gehabt, ihn treffe gewiss kein Vorwurf. Natürlich war es leichtsinnig gewesen, nachts den Uferweg zu wählen, und dann ins Gebüsch zu verschwinden, aber das war nun nicht mehr zu ändern.

Sie waren alle müde, und um 3 Uhr gingen sie schlafen. Astrid duschte lange, es tat ihr wohl, das reinigende Wasser zu spüren. Martin wartete, bis sie fertig war, dann machte auch er sich auf den Weg ins Bad. Auf dem Flur wünschte er Astrid eine gute Nacht, mit einem schüchternen Kuss auf die Wange. Sie verschwand in ihrem Zimmer, und er wusch sich sauber. Dann schlich er, die geborgten Kleider in der Hand, zurück in das Gästezimmer und zog die Decke über sich.

Martin schlief unruhig, im Traum sah er sich und Astrid, umringt von fünf Dämonen, die ihn mit hässlichem Grinsen aufforderten, mit Astrid zu schlafen. Die finsteren Wesen sahen aus wie die Musiker von 7th hell. Ihre blau glühenden Augen durchbohrten ihn, eine eitrige Klaue ritzte seine Haut auf. Er spürte den Schmerz am Arm, aber es gab keine Gegenwehr. Er sah Astrids aufgerissene, ängstliche Augen, hörte ihr Weinen und das grässliche Lachen der fünf Zeugen seiner Tat.

Auch Astrid träumte den gleichen Traum, und wieder fühlte sie Martin in sich eindringen, spürte die Angst vor den fünf Schattengestalten, die sie umstanden. Sie wollte schreien, aber es ging nicht, Martins Gesicht über ihr wurde zu einer Fratze, ein blauweißes Schimmern drang zwischen den wulstigen Augenlidern des Dämons hervor. Sie wachte auf und starrte in die Dunkelheit ihres Zimmers. Das helle, blaue Licht, das sie im Augenblick des Erwachens über ihrem Bett gesehen zu haben glaubte, war verschwunden.

Martin lag reglos da und lauschte, aber das höhnische Lachen aus seinem Traum war verklungen, obwohl es noch einen Moment im Zimmer gehallt hatte. Zumindest hatte er den Eindruck. Da öffnete sich leise die Tür und Astrid schlüpfte in den Raum.

»Halt mich fest, ich habe Angst«, flüsterte sie, als sie unter seine Decke kroch.

»Ich auch, Astrid. Ich habe geträumt, sie wären wieder da.«

Martin hatte nichts an, nur Astrids dünnes Nachthemd trennte ihre Körper, als sie eng umschlungen im Gästebett lagen. Er wollte es nicht, aber die Erregung kam ungefragt. Astrid spürte seine Reaktion und begann, ihn sanft zu streicheln.

»Martin«, flüsterte sie, »halt mich fest, beschütze mich vor ihnen. Lass mich nie allein, bitte. Bleib bei mir. Dann kommen sie nicht wieder.«

Er hielt sie fest an sich gedrückt. Ihre Nähe dämpfte seine eigene Angst, half ihm, das gehässige raue Lachen zu vergessen. Astrid schlüpfte aus ihrem Nachthemd.

Die Vereinigung war schön, ruhig, sanft. Sie liebten sich und konnten es beide genießen, so unerfahren sie auch waren. Die drohenden Schatten blieben verschwunden und schließlich schliefen sie erschöpft und entspannt ein.

… … …

Astrids Vater stand in der Tür des Gästezimmers und schüttelte den Kopf. Die Sonne schien warm durch das Fenster auf die beiden Schlafenden, das Nachthemd seiner Tochter lag am Boden. Sie sah friedlich und glücklich aus in Martins Armen. Er weckte sie nicht, sondern schloss leise wieder die Türe.

Hätte er Martin in der Nacht doch nach Hause bringen sollen? War es nicht zu leichtsinnig gewesen, die beiden Tür an Tür schlafen zu lassen? Hätte er es verhindern müssen? Können? Nein, wenn nicht hier, dann hätten sie sich anderswo gefunden, die Liebe war nicht aufzuhalten. Er schmunzelte, dachte daran, wie es damals mit ihm und seiner Frau gewesen war. Sie hatten einen besseren Start gehabt, aber viel älter waren sie auch nicht gewesen.

Nun war es also passiert, ein paar Jahre zu früh nach seiner Meinung, aber nicht mehr zu ändern. Sein Mädchen wurde zur Frau.

Beim Frühstück sagte er: »Martin, es wäre wohl gut, wenn ihr beide euch über Verhütungsmittel Gedanken machen würdet, oder?«

Martin bekam einen roten Kopf. Astrid schaute ihre Mutter an und sagte: »Was empfiehlst du uns, Mama? Die Pille?«

Was für ein Thema am Frühstückstisch, dachte Martin. Und wie peinlich, dass ich immer rot werde. Andererseits toll, wie offen sie mit ihren Eltern reden kann.

Astrid gab ihm einen Kuss. »Musst nicht rot werden.«

Er sah ihr glückliches Lächeln und murmelte etwas, was niemand verstehen konnte. Sein Kopf glühte, Frau Heller fragte freundlich: »Was meintest du, Martin?«

»Ich – ich meine, ich kann mir Kondome besorgen«, stotterte er.

»Das wird auch gut sein, ich möchte eigentlich noch nicht Großvater werden«, brummte Astrids Vater und nahm sich noch ein Brötchen.

Doch Herr Heller wurde zum Großvater.

Die fünf Männer wurden nie gefunden. Nach ein paar Wochen schloss die Staatsanwaltschaft die Akte mit dem Hinweis, dass bei neuen Erkenntnissen die Ermittlungen wieder aufgenommen würden. Es war ja nichts weiter passiert, und warum mussten zwei Jugendliche auch nachts am Kanal nach Hause gehen, wenn es Busse und beleuchtete Straßen gab. Außerdem hatten sie sich ja dann freiwillig vom Weg entfernt und entkleidet, eine Vergewaltigung hatte es auch nicht gegeben. Der Schnitt am Arm des Jungen war harmlos. Also kaum ein Fall für die Justiz, es gab wichtigere Ermittlungen.

Mit der Zeit vergaßen Astrid und Martin die Stunden nach dem Konzert von 7th Hell, sie hatten nun andere Sorgen und Probleme. Die Schwangerschaft, die Schule, die erbitterten Widerstände ihrer Umgebung, als klar wurde, dass Astrid das Kind nicht abtreiben wollte. Ihre Eltern waren auf ihrer Seite, aber Martins Eltern bedrängten ihren Sohn und seine Freundin, das Übel aus der Welt zu schaffen. Die Lehrer stimmten ein in den Chor, der nichts davon wissen wollte, dass eine 15jährige ihr Kind zur Welt brachte. Doch Astrid und Martin blieben fest. Es war ihr Kind, viel zu früh, viel zu jung beide Eltern, aber was konnte das Baby dafür? Und sie liebten sich wirklich, wollten zusammenbleiben, unter allen Umständen.

… … …

Die Entbindung zwei Monate nach Astrids 16. Geburtstag war unkompliziert. Die Frucht der ersten Liebe war ein Mädchen, für die beiden glücklichen Eltern war es zweifellos das süßeste Baby der Welt. Nachts, wenn ihre jungen Eltern schliefen, hatten Jennifers Augen manchmal einen seltsamen Schimmer, als glühten sie von kaltem blauen Feuer.

Sabrinas Geheimnis

Sabrinas Geheimnis

Nichts ist vorbei. Nichts kann jemals die Bilder auslöschen, die ich gesehen habe.

Prolog

We are all just prisoners here,
of our own device.
The Eagles (Hotel California)

Vor rund zwei Jahren, im April 2009, hat meine Frau einen respektablen Geschäftsmann erschossen. Gezielt, gewollt, mit voller Absicht. Und das ist auch gut so.

Wenn Sie mir durch die Zeilen dieses Buches folgen möchten, werden Sie am Ende womöglich ebenfalls der Meinung sein, dass Christine wegen der drei Schüsse nicht zu tadeln ist. Es kann auch sein, dass Sie anderer Meinung sein werden, womöglich gar Anzeige gegen uns erstatten möchten. Das, liebe Leser, bleibt Ihnen unbenommen.
Mein Name ist Jörgen Maurer, meine Frau heißt Christine Maurer, geborene Dietrichs. Unser Sohn Viktor war 15 Jahre alt und wie ich Augenzeuge, als der Geschäftsmann neben seinem Auto von den Schüssen getroffen zu Boden sank. Wir leben in Hamburg, in einer komfortablen Villa. Das alles können Sie getrost der Polizei erzählen. Fragen Sie nach Kommissar Meinhardt, der wird Ihre Aussagen protokollieren und dann, kaum sind Sie wieder aus dem Präsidium verschwunden, die Aufzeichnungen in seinem Reißwolf verschwinden lassen.
Sie selbst werden voraussichtlich unbehelligt weiterleben dürfen. Wenn Sie es dabei belassen, ausgesagt zu haben. Falls Sie jedoch weiter nachbohren, wäre ich mir da nicht so sicher.

Doch das bleibt ohnehin abzuwarten. Vielleicht haben Sie ja auch kein Mitleid mit dem toten Geschäftsmann. Erst sollen Sie die Geschichte meines – unseres Lebens kennenlernen. Sie dürfen dabei Sabrinas Geheimnis erfahren. So wie ich es erfahren habe. Stück für Stück.

Alles fing damit an, dass ich auf dem Weg vom Büro nach Hause im für den Berliner Stadtverkehr üblichen Stau stand.

Kapitel 1

It ain’t why why why.
It just is!
Van Morrison (Summertime in England)

Der Volkswagen hatte mehr als dreißig Jahre seinen Dienst getan. Er erfuhr ganz offensichtlich regelmäßige Pflege, sein Lack glänzte so tiefschwarz in der Nachmittagssonne, dass man hätte meinen können, das Fahrzeug sei gerade vom Band gerollt. Von Weitem betrachtet war der Käfer, der die Fahrbahn zur Hälfte blockierte, ein Schmuckstück.
Als ich an jenem 17. Juli, der alles änderte, um 16:48 Uhr die Unfallstelle erreichte, ging mir der Gedanke so schlimm kann es gar nicht sein durch den Kopf. In meiner Aufregung hatte ich das kurze Telefonat wohl missverstanden.

Ich war auf dem Heimweg vom Büro gewesen, als mir einfiel, dass wir vergessen hatten, ein paar Flaschen guten Wein für den Abend zu kaufen. Wir erwarteten Gäste und eigentlich war alles für einen gemütlichen Abend besorgt – bis auf das passende Getränk.
Der Verkehr war, etwas anderes konnte man um diese Zeit in Berlin auch kaum erwarten, zähflüssig, stand immer wieder still. Zwei Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen hatten sich vor einer viertel Stunde auf der engen Straße am Stau, in dem ich mich mit zahlreichen anderen Verkehrsteilnehmern befand, vorbei gequält. Es ging nur sehr mühsam voran und ich hoffte, dass die Behinderungen bald aus dem Weg geräumt sein würden, damit noch etwas Zeit blieb, um Sabrina zu Hause den Tisch decken zu helfen und das Essen vorzubereiten, bevor unser Besuch kam.
Im Autoradio lief Red Red Wine von UB 40. Ich summte mit, und dabei kam mir der Gedanke an den vergessenen Wein, also rief ich Sabrinas Mobiltelefon an. Es mochte ja immerhin sein, dass sie das Versäumte bereits erledigt hatte. Die praktischen Aspekte des Lebens hatte sie besser im Griff als ich.
Anstelle meiner Frau antwortete eine mir unbekannte männliche Stimme: »Ja bitte?«
Verwählt haben konnte ich mich nicht, da ich die Speichertaste benutzt hatte.
»Wer ist da«, fragte ich, »und wie kommen Sie an das Telefon meiner Frau?«
Der Mann behauptete, Polizist zu sein. Er fragte, wo ich mich gerade befände. Ich erklärte etwas irritiert, dass ich auf dem Weg nach Hause gerade die Osdorfer Straße passiert habe und bestand darauf, zu erfahren, was der Polizist, wenn er wirklich einer war, mit dem Telefon meiner Frau zu schaffen hatte.
Ich ahnte in jenem Moment bereits, dass ich eine schlechte Nachricht bekommen würde. Wenn die Polizei den Anruf an einem privaten Mobiltelefon beantwortet, dann sicher nicht, um über das Wetter oder die Verkehrslage zu plaudern. Kennen Sie das Gefühl, wenn einem an einem warmen Sommertag plötzlich eiskalt wird? Wenn man nicht weiß, wohin der schneller werdende Herzschlag und der Schweißfilm auf der Stirn im nächsten Augenblick führen werden? Ob man in zwei Minuten noch Herr seiner Sinne oder seines Lebens sein wird? So fühlte ich mich, während ich zuhörte.
Ein Verkehrsunfall sei geschehen, erklärte der Polizist, er habe das Telefon aus der Handtasche meiner Frau genommen, als es läutete. Der Unfall sei an der Kreuzung Ostpreußendamm und Wismarer Straße geschehen. Mehr könne er mir am Telefon nicht sagen.
Ich war nicht mehr weit von der Stelle entfernt. Ohne den unfallbedingten Stau hätte ich zwei Minuten gebraucht, doch an jenem 17. Juli dauerte es unerträgliche elf Minuten, in denen Hoffnung und Angst um die Oberhand kämpften.
Eine Verwechslung.
Warum hat die Polizei dann Sabrinas Telefon?
Nur eine Schramme, meinetwegen ein gebrochenes Bein. Sie kann nicht schwer verletzt sein.
Warum nimmt sie dann den Anruf nicht selbst entgegen? Sie stirbt oder ist schon tot.
Unsinn, warum sollte sie tot sein. Außerdem kann das gleiche Schicksal nicht zwei Mal den gleichen Menschen treffen.
Ach nein? Wo steht das geschrieben?
Der Blitz schlägt nicht zwei Mal in den gleichen Baum. So schlimm ist es nicht. Gleich wird sich alles aufklären …
Ich hielt hinter einem Polizeifahrzeug an. Die Miene des Polizisten, der auf mein Fahrzeug zu kam, ließ meine Hoffnung bedingungslos vor der Befürchtung kapitulieren.
Doch, es ist schlimm. Noch viel schlimmer.
Zögernd öffnete ich die Türe und stieg aus.
»Herr März?« Der Mann hielt die Brieftasche meiner Frau in der Hand und verglich mein Gesicht mit dem Foto, das sie dort aufbewahrte.
»Ja«, sagte ich. Meine Stimme schien einem Fremden zu gehören. »Ich bin Roland März. Was – wo ist meine Frau?«
»Es tut mir Leid«, murmelte er, »es sieht nicht gut aus.«
Aus der Nähe sah ich jetzt, dass der Volkswagen an der rechten Front eingedrückt war. Auf der Motorhaube klebte etwas, was ich in vielen Träumen der nächsten Monate wieder und wieder sehen würde: Blut und ein paar Klumpen einer grauen Masse.
Das kann irgendetwas sein. Vielleicht Lehm von einem Feldweg.
Allerdings hatte ich noch nie Lehm gesehen, der mich so an Gehirnmasse denken ließ. Ansonsten war das Auto sauber wie ein Ausstellungsstück im Verkehrsmuseum.
Der Notarztwagen, der sich vorhin am Stau vorbei in Richtung Unfallstelle gequält hatte, stand auf der Fahrbahn, die hinteren Türen waren offen. Gestalten beugten sich über einen Körper. Ich erkannte Sabrinas neues Kleid, und noch etwas fiel mir auf, aber das drang nicht bis in mein Bewusstsein vor – es sollte noch Monate dauern, bis mir dieses Detail gewärtig wurde. Dort auf der Straße hatte ich nur einen Gedanken: Ich will zu Sabrina!
Man ließ mich nicht in den Krankenwagen. Mit sanfter Gewalt hielt mich ein Verkehrspolizist zurück, redete beruhigend auf mich ein, appellierte an meine Vernunft, versuchte, mich zu der Einsicht zu bewegen, dass ich mir den Anblick besser ersparte. Ich widerstrebte, wollte seine Hand von meinem Arm abschütteln. Schließlich sagte mir, da ich für rücksichtsvoll formulierte Argumente nicht zugänglich war, ein dem Polizisten zur Hilfe kommender Arzt unumwunden, dass der Kopf meiner Frau zwischen das Auto und den Glascontainer am Straßenrand geraten war.
»Wollen Sie sich das wirklich anschauen?«, fragte er. »Sie würden ihre Frau nicht erkennen.«
Das will ich nicht. Das kann ich nicht. Das ist überhaupt nicht wahr, das kann nicht Sabrina sein. Der Blitz schlägt doch nicht …
»Aber die …« fing ich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Mein Unterbewusstsein hatte etwas aufgeschnappt, ein dringendes, ein wichtiges, ein entscheidendes Detail, behielt es aber für sich wie ein trotziges Kind den letzten Keks in der Blechdose.
Ich setzte neu an: »Die … aber die – ich meine – es stimmt nicht – ich …«
Der Arzt fragte mich, ob ich ein Beruhigungsmittel wollte, Ich lehnte ab. Ich wollte Sabrina zurückhaben, und wenn das unmöglich war, wollte ich gar nichts mehr.
Die Türen des Notarztwagens wurden geschlossen und das Fahrzeug entfernte sich. Ich blickte hinterher, war versucht, dem Wagen nachzurennen. Als er außer Sicht war, schaute ich mich um und wusste plötzlich nicht, warum ich hier auf der Straße stand. Der Polizist brachte mich zu einem Streifenwagen und nötigte mich, ein paar Minuten Platz zu nehmen.

Irgendwie kam ich zu Hause an, ich kann mich bis heute nicht recht erinnern, was geschah, nachdem die Türen des Notarztwagens geschlossen wurden und ich weinend in dem Polizeifahrzeug Platz genommen hatte. Ich erwartete, Sabrina in der Wohnung zu finden, doch da wartete nur der festlich gedeckte Tisch. Da war niemand, der das Essen vorbereitete oder auftrug. Niemand, der mir ein fröhliches »wie war dein Tag?« entgegen rief. Im Schlafzimmer lag eine Kollektion von Kleidungsstücken auf dem Bett, wie immer, wenn sie sich schönmachen wollte. Sie beklagte sich in solchen Momenten, dass sie nichts anzuziehen hätte, was ich ihr nicht glaubte, denn sie war noch nie nackt in die Philharmonie gegangen oder hatte unbekleidet Gästen die Tür geöffnet. Aber an diesem Abend war da keine Sabrina, die etwas überstreifte und mich fragte: »Sieht das gut aus?«
Meine Antworten waren in solchen Fällen unerheblich gewesen, da ich, wie Sabrina zu sagen pflegte, »sowieso nicht objektiv« sei. Möglicherweise hatte sie recht, denn wie könnte ein Mann je objektiv urteilen, wenn es um das Aussehen der geliebten Frau geht?
Ich setzte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und starrte die Visitenkarte an, die mir ein Polizist gegeben hatte. Die Adresse und Telefonnummer eines Psychologen waren darauf verzeichnet.
Als bald darauf die ahnungslosen Abendgäste klingelten, reagierte ich nicht. Ich saß im Wohnzimmer und starrte auf die Karte. Es klingelte erneut.
Sabrina wird schon aufmachen. Ich bleibe hier sitzen.

Die Zeitungsnotiz im Lokalteil der Berliner Morgenpost am nächsten Tag war kurz und nüchtern: »Der flüchtige Fahrer eines VW-Käfer befuhr die Wismarer Straße in Richtung Ostpreußendamm. Die Ampel an der Kreuzung zeigte nach Angaben von Zeugen bereits mehrere Sekunden Rot für den Fahrzeugverkehr. Der Pkw erfasste eine 32-jährige Fußgängerin, die bei Grün die Straße überqueren wollte. Die Frau erlitt schwerste Kopfverletzungen und starb noch am Unfallort. Während sich die Augenzeugen um die Verletzte kümmerten, entfernte sich der Fahrer unbemerkt. Die Polizei bittet Zeugen des Unfalls, die den flüchtigen Fahrer beschreiben können, sich zu melden.«
Viel mehr erfuhr ich auch später nicht in meinen Gesprächen mit den ermittelnden Beamten. Der Fahrer des alten Käfers war mit ziemlich hoher Geschwindigkeit durch die Kurve vor der Kreuzung gefahren, den Spuren nach zu urteilen kam das Fahrzeug ins Schleudern und der Mann riss das Steuer nach rechts, zum Straßenrand. Sabrina habe das Fahrzeug kommen sehen, sagten einige Zeugen, und versucht, auszuweichen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie prallte auf die Motorhaube, rutschte nach vorne ab. Ihr Kopf wurde zwischen dem Auto und dem massiven Sammelbehälter für Glasflaschen am Straßenrand zerquetscht.
Die Beschreibungen des Fahrers durch die Unfallzeugen waren so unzureichend, dass man nicht einmal ein Phantombild zustande brachte. Er sei »in jugendlichem Alter« gewesen, habe »längere Haare« gehabt – das war so ziemlich das Einzige, was die Befragten übereinstimmend aussagten. Einige meinten, ein Nasenpiercing gesehen zu haben. Andere hielten ihn für einen Türken oder Araber. Aber niemand konnte verwertbare Angaben manchen, die bei der Fahndung geholfen hätten.
Der VW war bereits am Vortag als gestohlen gemeldet worden. Die Untersuchungen des Fahrzeugs ergaben, dass die Reifen nicht mehr die vorgeschriebene Profiltiefe hatten, aber ob das Geschehen nun wegen der Reifen, wegen der überhöhten Geschwindigkeit oder aus sonstigen Gründen passiert war, interessierte mich nicht, denn es änderte nichts an den Folgen. Sabrinas Leben war ausgelöscht worden. Man erklärte mir, dass aufgrund der Verletzungen der Tod sofort eingetreten sei, dass meine Frau zumindest keine Schmerzen hatte erleiden müssen. Ein gewisser Trost lag in diesem Wissen, aber das machte den Verlust auch nicht leichter. Es war so unnötig und sinnlos, dass wegen eines Jugendlichen und seiner Raserei mit einem gestohlenen, nicht verkehrstüchtigen Auto ihr Leben enden musste.
Oder wegen der vergessenen Weinflaschen – denn deswegen war Sabrina noch einmal zum Supermarkt gegangen. Auf dem Küchentisch zu Hause hatte ihre Notiz gelegen, die letzten paar Buchstaben, die sie in ihrem Leben geschrieben hatte: Ich bin schnell Wein kaufen und gleich zurück. Ich liebe Dich! Sabrina.
Je länger ich grübelte, desto sicherer war ich, dass ich Schuld war. Ein paar Tage zuvor hatte ich eigentlich unsere Weinvorräte auffüllen sollen. Die Weinhandlung lag auf dem Weg vom Büro nach Hause, ich musste noch nicht einmal einen Umweg fahren. Doch der kleine Parkplatz war voll, ich war müde und so verschob ich den Einkauf.
Wäre ich nicht so bequem gewesen, hätte ich ein paar Straßen entfernt geparkt und den Einkauf erledigt, würde Sabrina noch leben.
Ich wünschte, es wäre ihr nicht eingefallen, dass der Wein fehlte. Ich wünschte, sie wäre eine Minute früher losgegangen, oder eine später. Ich wünschte, man könnte wie in dem Film Lola rennt noch mal von vorne anfangen, wenn die Ereignisse eine schreckliche Wendung nehmen. Doch dies war die Realität, kein Film, alles Wünschen und Grübeln war vergebens. Mein Verstand kümmerte sich allerdings herzlich wenig um die Vernunft. Immer wieder meinte ich, in der leeren Wohnung ihre Schritte zu hören. Morgens wachte ich auf und wunderte mich darüber, dass Sabrina schon vor mir aufgestanden war, denn ihre Betthälfte war leer. Beim Einkaufen legte ich ihr Lieblingsduschgel in den Korb…
Die Visitenkarte des Psychologen hatte ich weggeworfen. Ich wollte allein mit meinem Schmerz fertig werden. Mein Leben irgendwie weiterführen. Oder auch nicht. Manchmal zweifelte ich daran, dass sich die Mühe lohnen würde.
Ich konnte in den folgenden Wochen nicht an jener Kreuzung vorüber fahren, ohne Sabrinas leblosen Körper zwischen Glascontainer und Volkswagen vor mir zu sehen. Wenn man mich zu ihr gelassen hätte, wenn ich sie hätte betrachten, berühren dürfen, statt nur einen kurzen Blick auf die Gestalt im Notarztwagen zu erhaschen, der man ein grünes Tuch über den Kopf gelegt hatte – wäre meine Fantasie weniger eigenwillig gewesen? Hätte ich mehr Gewissheit gehabt, dass ich mich mitten im wahren Leben und nicht in einem bösen Traum befand? Aber ich hatte keine Gelegenheit bekommen, einen letzten, Abschied nehmenden Blick auf meine Frau zu werfen. Ich hatte nichts weiter als den Blick in den Notarztwagen aus etlichen Metern Entfernnung: Ihre schlanken Beine, das neue, hellblaue Seidenkleid mit dem dezenten Design aus cremefarbenen Blumen, ihre blutverschmierte Hand, die seltsam verdreht herabhing, das grüne Tuch über ihrem Kopf. Soweit noch ein Kopf vorhanden sein mochte.
Gelegentlich suchte mich bei meinen Grübeleien ein Gefühl heim, das ich schon am Unfallort gespürt hatte. Da ist noch etwas. Da ist ein Detail. Das könnte alles ändern.
Das Detail, wenn es denn eines geben sollte, blieb mir jedoch verborgen. Und zu ändern war ja nun nichts mehr.
Ich wehrte mich gegen diese Bilder, lange Zeit vergebens. Manchmal bedauerte ich es, den Psychologen nicht wenigstens einmal aufgesucht zu haben. Hätte er meine Fassungslosigkeit über die Sinnlosigkeit des Unglücks mindern können? Ein Unfalltod ergibt selbstverständlich niemals einen Sinn. Das Schicksal, blind wie es nun einmal ist, schlägt zu, und dann bleibt nichts als die Illusion, das Ganze sei ein Albtraum, aus dem man bald erwachen wird. Allerdings wacht man nie auf.

Der Blitz war doch ein zweites Mal in den gleichen Baum eingeschlagen. Wieder hatte ich meine Ehefrau durch einen – das Schicksal mochte blind sein, liebte aber offensichtlich die grausame Ironie – Verkehrsunfall verloren.

Kapitel 2

And I know it aches and your heart it breaks,
you can only take so much.
U2 (Walk On)

Ich weiß, liebe Leser, dass Sie neugierig auf Sabrinas Geheimnis sind, und bisher haben Sie so wenig Ahnung davon, wie ich nach diesem Unfall ahnte, was noch auf mich zukommen würde. Aber erlauben Sie mir, an dieser Stelle von Esther zu erzählen. Auch mit Sabrina hatte ich immer wieder über sie gesprochen, und einiges, was Sie später in diesem Buch lesen werden, ist leichter einzuordnen, wenn Sie jetzt Esther ein wenig kennen lernen.
Ach so, was ich eigentlich schon im Prolog sagen wollte, will ich hier nachholen: Wenn ich Sie mit Leser anrede, dann meine ich die Damen genauso wie die Herren. Ich finde dieses unsägliche »LeserInnen« so albern wie die ständige Doppelung »Leserinnen und Leser«. Ich hoffe, Sie können mir das nachsehen. Doch das sei nur am Rande angemerkt.

Esther, meine erste Frau, war am 23. Dezember vor elf Jahren auf dem Weg von der Bushaltestelle zu unserer Wohnung verunglückt und am ersten Weihnachtsfeiertag »ihren Verletzungen erlegen«, wie es in der Pressenotiz hieß. Eine harmlose Umschreibung für das, was ich im Krankenhaus gesehen hatte.
Ein Lastkraftwagen, mit Streugut für die Straßendienste in Berlin beladen, schleuderte wegen der Glätte, geriet auf den Gehweg und klemmte Esther zwischen Fahrzeug und Hauswand ein, verwandelte in einem Augenblick ihren schmächtigen Körper in eine Figur aus einem minderwertigen Horrorfilm. Die Beine waren unversehrt, der Kopf ebenfalls, dazwischen gab es eine Masse aus Knochensplittern, zerrissenen, gequetschten Organen sowie Rost und Schmutz von Fahrzeug und Hausmauer.
Als ich sie im Krankenhaus sah, erkannte ich ihr Gesicht kaum wieder. Schläuche und Drähte führten zu Geräten, deren Funktion ich nicht verstand. Ich begriff lediglich, dass dieser Körper nur von den Maschinen auf der Intensivstation am Leben gehalten wurde, und als der Stationsarzt mir am frühen Weihnachtsmorgen bestätigte, dass Chancen für eine Besserung nicht bestünden, dass darüber hinaus seit dem Unfall keine Hirntätigkeit mehr messbar gewesen war, gab ich mein Einverständnis, die Geräte abzuschalten. Ich hielt Esthers Hand, während die Monitore still und dunkel wurden.

Verwandte, Freunde und Bekannte hatten uns als Traumpaar bezeichnet, obwohl – oder gerade – weil wir harte Kämpfe hatten durchstehen müssen und lange Geduld mit der Familie meiner Frau vonnöten gewesen war. Esther war Jüdin, ihrer Verwandtschaft eine familiäre Verbindung mit einem Deutschen zunächst unvorstellbar. Angesichts der Geschichte meines Volkes, unserer historischen Schuld, konnte ich in gewisser Weise verstehen, dass den Eltern ein anderer Partner für ihre Tochter lieber gewesen wäre.
Wir hatten uns in Frankreich kennengelernt. Ich besuchte in Paris ein zweiwöchiges Seminar über die unterschiedlichen Erfahrungen mit teamorientierten Führungsstilen in Europa. Esther hatte keine weite Anreise, sie lebte nur drei Straßen vom Tagungshotel entfernt. Sie war als Vertreterin der Firma Renault zu dem Kolloquium gesandt worden.
Wir unterhielten uns in den Pausen und fanden bald Gefallen aneinander. Sie war von zarter Gestalt, ihre schwarzen, lockigen Haare trug sie offen. Sie kleidete sich ausgesucht elegant und bewies hervorragende Umgangsformen. Zwei Grübchen über den Mundwinkeln zeugten von ihrer heiteren Natur.
Mich beeindruckten ihre fundierten und selbstsicheren Beiträge bei den Diskussionen. Sie scheute nicht davor zurück, dem Dozenten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zu widersprechen, wenn sie anderer Meinung war, zu abweichenden Schlüssen kam als dieser Theoretiker. Esther konnte das, was sie zu den Podiumsrunden beitrug, durch Praxisbeispiele illustrieren. Ich beobachtete sie, war fasziniert und gab mir Mühe, sie nicht aufdringlich anzustarren.
Am vierten Abend besichtigten wir eine Ausstellung zeitgenössischer Malerei und saßen anschließend einige Stunden in einem Café, genossen ausgezeichneten Rotwein zu einem leichten Salat – und verliebten uns. Sie sprach recht gutes Deutsch, da sie von früher Jugend an eine Vorliebe für deutsche Literatur entwickelt hatte. Gelegentlich musste ich schmunzeln, wenn Ausdrucksweisen, die bei Thomas Mann noch ganz natürlich gewirkt hatten, im heutigen Sprachgebrauch aber weitgehend verschwunden waren, ihre Sätze schmückten.
Das Wochenende nach dem Seminar verbrachten wir gemeinsam. Meinen Rückflug hatte ich von Freitag auf Sonntag umgebucht und das Hotelzimmer stand mir zur Verfügung, da es noch nicht reserviert war. In Berlin wartete niemand auf mich.
Esther zeigte mir Paris, allerdings hatte ich eher Augen für sie als für Gebäude, Plätze und Parks. Ein paar Stunden vor meiner Abreise stellte mich Esther ihrer Familie vor. Bis zu diesem Moment war ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es ein durch die Abstammung verursachtes Problem geben konnte; Esther allerdings auch nicht, denn sonst wäre der Besuch sicher besser vorbereitet oder auf später verschoben worden. Zwar hatte sie mir beiläufig erzählt, sie sei jüdischer Abstammung, doch war dies für mich nicht bedeutsamer als wenn ihre Vorfahren Schweden oder Tschechen gewesen wären.
Auf dem Weg zu ihren Eltern erzählte sie mir, was sie von ihren Großeltern wusste. Beide waren in Deutschland geboren und aufgewachsen. Trotz warnender Stimmen vor dem Unheil, das die Nazis bringen würden, waren sie geblieben, bis sie aus dem Land, das sie als Heimat verstanden und liebten, nach Warschau deportiert und dort in ein Getto gesperrt wurden. Esthers Großvater, ein begabter Musiker, spielte im Getto unbeirrt weiter Musik auch von deutschen Komponisten. Bis zu dem Tag, an dem er in einen Waggon getrieben wurde, glaubte er daran, dass der Nazispuk schnell vorübergehen, dass das Land, dem Schiller, Goethe und Thomas Mann entstammten, in dem Bach, Brahms und Beethoven unsterbliche Musik geschaffen hatten, zur Zivilisation zurückfinden musste.
Seine Frau sah ihn nie wieder. Als sie einige Tage nach dem Abtransport der Männer aus dem Getto fliehen konnte, wusste sie noch nicht, dass sie schwanger war. Esthers Mutter kam in einem Versteck zur Welt, das eine Bauernfamilie in ihrer Scheune für eine Handvoll Flüchtlinge eingerichtet hatte.
Esthers Großmutter hatte nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Auch ihren Eltern war eine Reise nach Deutschland unvorstellbar. Alles, was »vor Hitler« gewesen war, Literatur und Musik vor allem, hatte an Wertschätzung nichts eingebüßt, an der deutschen Gegenwart bestand hingegen keinerlei Interesse.
Esthers Vater war Literaturkritiker, schrieb für die großen französischen Zeitungen, hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht. Er ignorierte alle Werke, die von deutschen Schriftstellern der Gegenwart stammten. Er hatte eine einzige Ausnahme gemacht, als Marcel Reich-Ranickis »Mein Leben« erschienen war. Er lobte das Buch in einem Artikel, allerdings mit der Anmerkung, dass Reich-Ranicki kein Deutscher, sondern Jude sei, der eigentlich nicht in Deutschland leben sollte.
Seine Frau gab eine kleine aber feine Literaturgazette heraus, in der unbekannte Dichter ihre ersten literarischen Gehversuche der Öffentlichkeit vorstellen konnten. Es wurden Autoren aus vielen Ländern gedruckt, jedoch kein einziger Deutscher.
Esther hatte sich wie ihre Eltern zunächst mit der Literatur beschäftigt. Doch nach einigen Semestern Literaturwissenschaft wandte sie sich dann der Betriebswirtschaft, insbesondere dem Personalwesen, zu. Die Literatur schien ihr, wie sie mir schon bei unserem ersten Kennenlernen während des Seminars erzählt hatte, keine ausreichend sichere finanzielle Grundlage für das Leben zu bieten. Vater und Mutter verdienten allerdings gut damit – so mochte bei Esthers Entscheidung durchaus auch das Abnabeln vom Elternhaus eine Rolle gespielt haben, ein Ausbrechen aus dem Zwang der Familientradition sein. Mir fiel Katja Manns berühmter Satz »Es muss in dieser Familie einen Menschen geben, der nicht schreibt!« dazu ein. Esther wollte ihren eigenen Weg finden und gehen, in der Industrie. Die Liebe zur Literatur gab sie ja damit nicht auf.
Als ich an jenem Sonntag im Wohnzimmer von Esthers Familie in der Rue Raphael saß, spürte ich die Ablehnung fast körperlich in der Atmosphäre. Obgleich ich, 1955 geboren, die sogenannte Gnade der späten Geburt besaß, war ich als Angehöriger der Nation, die dem Volk meiner Gastgeber unaussprechliches Leid angetan hatte, nicht willkommen.
Esthers Großmutter wirkte körperlich gebrechlich, aber geistig hellwach. Die Unterhaltung verlief höflich und reserviert; ich hatte es schließlich mit gebildeten Menschen zu tun, deren Umgangsformen keinen Raum für Taktlosigkeit ließen – nicht einmal einem Deutschen gegenüber. Esther und ich waren noch kein Paar, sondern lediglich seit ein paar Tagen befreundet; doch bereits diese Freundschaft wurde, unausgesprochen aber deutlich spürbar, als ungehörig empfunden. Wie konntest du nur einen Deutschen ins Wohnzimmer unserer Familie bringen schienen die Blicke zu sagen, die Esthers Mutter ihrer Tochter zuwarf.
Dieser erste Besuch war kurz, was ich nicht bedauerte. Wir verließen die Wohnung nach zwei Tassen Kaffee und einem Stück Kuchen. Bis zu meinem Abflug blieben noch einige Stunden. Wir setzten uns wieder in das Café, in dem wir unseren ersten gemeinsamen Abend verbracht hatten.
»Meine Eltern und Großmutter waren nicht besonders liebenswert, nicht wahr?«, fragte sie und sah mich mit besorgtem Blick an.
»Stimmt. Sie haben uns beide behandelt wie ungebetene Fremde – nun ja, ich bin ja immerhin ein Fremder. Dass ich so unerwünscht war, hatte ich allerdings nicht vermutet.«
Sie runzelte die Stirn, suchte offenbar nach einer Möglichkeit, mir das Verhalten ihrer Familie plausibel zu machen.
»Es ist«, fing sie an, »doch ein größeres Problem, als ich gedacht hatte. Es gibt wohl zwei Dinge, die meiner Familie nicht recht sein werden, falls aus uns ein Paar wird. Ich hätte übrigens nichts dagegen.«
Sabrinas GeheimnisIch nahm eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und reichte sie Esther. Dann nahm ich mir selbst eine. Wir rauchten einen Moment schweigend.
»Ich glaube, ich weiß, welches die beiden Probleme sind«, sagte ich schließlich.
»Dann erzähl. Die Kugel ist bei dir!«
Ich lachte, möglicherweise etwas zu laut für die gediegene Umgebung. Esther blickte mich irritiert an.
»Ich lache nicht über dich«, beeilte ich mich zu erklären, »sondern über diesen köstlichen Ausdruck. Ich weiß schon, was du meinst. Die Kugel ist bei mir. Herrlich.«
»Sagt man das nicht?«
»Nein, das sagt man nicht.«
»Aber man sagt das in Französisch.«
»Mag sein, so gut ist meine Sprachkenntnis nicht. Aber in Deutsch sagt man so was wie du bist dran oder du bist am Ball oder na dann schieß los.«
»Ich will nicht, dass du schießt. Ich bin für den Frieden!«
Wir amüsierten uns eine Weile über eigentümliche Metaphern in unseren Sprachen, bevor wir zum Thema zurückkamen.
Beim zweiten Glas Wein nahm ich den Faden wieder auf: »Also, ich gehe davon aus, dass ein Problem in der Tatsache liegt, dass ich Deutscher bin. Wäre ich Spanier, Amerikaner, von mir aus auch Eskimo, dann wäre die erste Hürde gar nicht vorhanden.«
»Das heißt Inuit, nicht Eskimo«, belehrte sie mich. »Eskimo ist nämlich ein abfälliger Ausdruck, der soviel bedeutet wie »jemand, der rohes Fleisch isst«. Inuit dagegen entstammt der Sprache des Volkes und heißt einfach »wahrer Mensch«. Aber deine Vermutung stimmt. Und was ist das zweite Problem?«

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Der Garten des Teufels

Wenn ein Mensch im Traum durch das Paradies gehen könnte,
und das Geschenk einer Blume wäre ein Unterpfand dafür, dass seine Seele wirklich dort war,
und wenn er beim Erwachen diese Blume in der Hand halten würde … dann wahrlich! … ja, was dann?
-Samuel Taylor Coleridge: Anima Poetae

And you can send me dead flowers every morning
Send me dead flowers by the mail
Send me dead flowers to my wedding
And I won’t forget to put roses on your grave
-The Rolling Stones: Dead Flowers

Das Unterpfand

Verwelkt, zerdrückt, keine Schönheit mehr, aber dennoch ein Gegenstand höchsten Wertes. Nein, kein Gegenstand, das war der falsche Ausdruck. Ein Lebewesen, das zum Sterben verurteilt war, abgetrennt von den Leben spendenden Wurzeln.

Renate betrachtete, was von der filigranen Blüte und dem zarten Stängel übriggeblieben war. Sie wagte kaum zu atmen, um dem Gewächs nicht noch mehr Schaden zuzufügen.

Die Blütenblätter waren so dünn, dass man hindurchsehen konnte. Ein elfenbeinfarbenes Gewebe, im Licht der frühen Sonne schimmernd wie Seide. Eine einzige Blüte, auf einem Halm, den spiralförmig feingefächerte Blätter umgaben, die von einem tiefen Grün zu den Spitzen hin in ein wohltuendes Blau überblendeten. Selbst jetzt, in diesem erbärmlichen Zustand, war die Blume noch schöner als alles, was Renate bisher an schmückenden Gewächsen gesehen hatte. Und sie hatte viele gesehen, ging sie doch täglich in ihrem Fachgeschäft für Floristik mit der Flora in ihren schönsten Formen um.

Sie legte das kostbare Unterpfand vorsichtig auf dem Nachttisch ab und schloss wieder die Augen. Peter hatte ihr die Blume geschenkt. Sie wollte zurück zu Peter und wusste um die Torheit dieses Wunsches.

Bild von sxc.hu

Die Ananasblüte

Zehn Jahre zuvor hatte ein merkwürdiger Mann ihren Weg gekreuzt. Männer waren ihre Hauptkundschaft, das Geschäft lag nahe am Bahnhof, unzählige Geschäftsreisende ließen ein Taxi draußen warten, um bei der Heimkehr zu ihrer Familie, Frau oder Freundin einen Blumengruß präsentieren zu können. Andere kamen auf dem Weg zum Bahnhof in das Geschäft, denn mit einer Rose in der Hand ist der Mann gut ausgestattet, wenn die Geliebte aus dem Zug steigt. Es kamen auch Frauen, die für ihr Heim oder den Besuch bei Verwandten und Bekannten ein dekoratives Geschenk suchten, aber die männliche Kundschaft überwog. Renate war stolz darauf, dass ihre Kunden, Herren oder Damen, stets zufrieden waren. Sie verkaufte nicht einfach lustlos zusammengebundene Sträuße; bei ihr bekam man das Ausgefallene, das man in den beiden Läden direkt im Bahnhof und auch sonst in der Stadt vergeblich suchte. Kunstwerke aus natürlichen Materialien, von der Rinde einer knorrigen Eiche bis zur winzigsten Kakteenblüte – Renate verarbeitete zu Unikaten, was immer sie im Großmarkt und in der Natur finden konnte.

Wollte ein schüchterner und nicht allzu bemittelter junger Mann eine einzelne Rose für die Dame seines Herzens, dann bekam er für fünf Euro eine Rose, langstielig, frisch. Doch nicht nur die Rose gab sie dann dem Liebenden, um den Stiel wand sich ein hauchdünner Halm mit herzförmigen winzigen Blättern. Sie hatte diese Pflanze, die sie in keinem Lexikon der Botanik finden konnte, einst in Nicaragua entdeckt und züchtete das Liebesgras, wie sie es getauft hatte, seither in ihrem geräumigen Gewächshaus. Dort gab es noch zahlreiche andere Züchtungen und Pflanzen, die sonst nirgends zu finden waren. Natürlich hütete sie ihre Geheimnisse mit starken Schlössern, einer Alarmanlage und ihrem Mozart, einem kräftigen und als Wächter ausgebildeten Schäferhund.

An jenem Morgen vor zehn Jahren war ein Herr mittleren Alters durch die Türe getreten, einen Aktenkoffer in der einen, den Hut in der anderen Hand. Die elektrische Tür schloss sich hinter ihm und er betrachtete anerkennend die ausgestellten Kunstwerke. Renate ließ ihm Zeit, sich umzusehen, beobachtete, wie sein Blick an einer Komposition aus Ananasblüte, verschiedenen Gräsern und einer Fontäne aus fein geschnittener Birkenrinde hängenblieb und wusste, dass der Kunde gleich nach dem Preis fragen würde.

»Guten Morgen«, begann er, »ich suche ein Geschenk.«

Freundlich lächelnd erkundigte sich Renate: »Für eine Dame?«

»Ja und nein, aber sagen wir ruhig, es sei für eine Dame.«

Renate nahm die Antwort gelassen entgegen. Sie schätzte, dass der Kunde etwa fünfzig Euro ausgeben wollte, und zeigte ihm einige Arrangements für fünfundsiebzig Euro.

»Dies hier«, erklärte sie, »ist eine tropische Orchidee, die Blüte wird sich heute Nachmittag öffnen, umgeben von Schößlingen eines seltenen griechischen Beerengewächses, gepflanzt in Erde aus Malaysia. Selbstverständlich bekommen Sie bei mir immer die notwendigen Düngemittel, Erden und Gefäße, damit sie viele Jahre Freude an den Pflanzen haben, und selbstverständlich erkläre ich meinen Kunden sehr genau, wo die Pflanze stehen muss, wie sie zu behandeln ist.«

»Ich weiß, deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen.«

Sie nickte selbstsicher. Seit fünf Jahren führte sie das Geschäft, hatte nie Werbung gemacht außer den Auslagen in ihrem Fenster. Zufriedene Kunden waren und blieben die beste Investition. Die meisten Käufer kamen nicht per Zufall in ihr Geschäft, sondern auf Empfehlung oder als Stammkundschaft.

»Schnittblumen habe ich natürlich auch«, meinte sie lächelnd.

»Diese Ananasblüte dort, was würde die kosten?«

Aha, sie hatte richtig getippt. Der Mann wollte diese Blüte und nichts anderes. Und er würde sie bekommen.

Renate öffnete die Glasvitrine und stellte das Gesteck behutsam auf den Verkaufstisch. »Dies ist etwas ganz Besonderes, allerdings eine Schnittblüte, das heißt, dass sie nach etwa zwei Wochen ihre Schönheit verlieren wird. Diese Ananas werden von mir selbst gezüchtet, die Farbschattierungen, die sie hier sehen, finden Sie nirgends sonst.«

»Sie ist wunderschön.«

»Ja, das ist sie. An einem schattigen Ort, nicht zu heiß, hält sie sich bei entsprechender Pflege etwa zwei, vielleicht sogar drei Wochen.«

»Und was kostet sie nun?«

»Wie viel wäre sie Ihnen denn wert?«

Renate hatte keine Preisschilder in ihrem Geschäft. Der Kunde bestimmte den Wert der Ware, und selten versuchte jemand, etwas billig zu bekommen. Solche Leute blieben in der Regel draußen vor der Türe.

Der Mann hob den Blick von der Blüte und sah Renate forschend an. »Ich würde meinen, dass fünfzig Euro angemessen wären.«

»Da stimme ich Ihnen zu.«

»Das Problem ist nur, dass ich kein Geld bei mir habe.«

Renate erklärte freundlich: »Visa, Eurocard, American Express und EC-Karten sind willkommen.«

Der Kunde legte lächelnd seinen Aktenkoffer auf den Verkaufstisch, öffnete den Deckel und drehte den Koffer zu Renate herum. »Wie wäre es damit als Gegenwert zu Ihrer Blüte?«

Das Vermächtnis

Renate bereute den Tausch nie. Seit sie die Ananasblüte gegen den Koffer des Fremden getauscht hatte, war sie im Besitz eines unermesslichen Schatzes. Sie war schon vorher wohlhabend, seit frühester Jugend durch eine erhebliche Erbschaft, aber nun war sie reich. Unverschämt reich, genau genommen. In einem nicht materiellen Sinn.

Dass sie trotz ihres Vermögens Tag für Tag in ihrem Geschäft stand, Abend für Abend und manche Nacht im Gewächshaus zubrachte, lag daran, dass sie ihre Schützlinge liebte. Mehr als sie jemals für einen Menschen empfunden hatte konnte sie mit ihren Pflanzen fühlen, leiden, sich freuen.

Sie hatte, um das geerbte Geld irgendwie anzulegen, noch vier weitere Geschäfte eröffnet, in denen allerdings nur das übliche Sortiment an Schnittblumen und Topfpflanzen verkauft wurde, von allerbester Qualität zwar, aber nichts wirklich Ausgefallenes. In den vier Filialen arbeiteten 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, außerdem beschäftigte Renate für ihre Wohnung eine Haushälterin, damit sie selbst keine Zeit mit Putzen oder Einkaufen verschwenden musste. Jeder in ihrer Umgebung wusste, dass sie vermögend war, aber wie reicht sie wirklich war, wussten nur ihr Steuerberater und sie selbst. Das Finanzamt hatte keine Ahnung, aber das verursachte Renate kein schlechtes Gewissen. Es war Aufgabe des Steuerberaters, sich darum zu kümmern, dass möglichst viel Geld übrig blieb. Er war mehr ein Finanzmanager als ein Steuerberater, Renate überließ ihm weitgehend ihr Vermögen zur Verwaltung. Sein Honorar war fürstlich, und er leistete dafür hervorragende Arbeit. Details wollte sie von ihm nicht wissen, und wahrscheinlich wollte er sie sowieso lieber für sich behalten. Als vor einer Weile CDs mit Kontodaten deutscher Bürger bei ausländischen Banken seitens der Regierung angekauft wurden, hatte er nur gelächelt. Seine Methoden waren offensichtlich ausgefeilter als die Eröffnung von Bankkonten in der Schweiz.

Sie dachte gerne zurück an jenen Morgen, als sie den Koffer in das kleine Büro hinter den Geschäftsräumen stellte. Der Kunde war zufrieden mit dem sorgsam eingepackten Ananaskunstwerk seines Weges gegangen. Sie hatte es kaum erwarten können, den Laden am Abend zu schließen und sich mit dem Koffer in ihr Gewächshaus zurückzuziehen.

Schließlich war es so weit gewesen. Renate schloss die Türe hinter sich ab und legte den unscheinbaren Lederkoffer auf den Arbeitstisch. Sie schob die Arbeitsleuchte zurecht und öffnete dann bedächtig den Deckel, eine fast zeremonielle Handlung.

Sechsunddreißig kleine Leinenbeutel lagen darinnen. Die Beutel waren leicht, dünn, schlicht. Aber der Inhalt war kostbarer als es Juwelen oder Banknoten gewesen wären. In jedem der sechsunddreißig Beutel waren Samenkörnchen eingenäht. Die Beutel trugen Nummern, sauber mit einer verblassten Tinte auf die jeweils linke obere Ecke geschrieben, 1 bis 36. In dem Fach im Kofferdeckel steckte eine Klarsichthülle, und darin war ein handgeschriebenes Dokument verwahrt, das nicht nur alt, sondern antik war.

An der Echtheit zweifelte sie keinen Moment, die Schrift kannte sie aus einem Buch, das sie in einem Tresor bei ihrer Bank verwahrte. Es war, an einigen Eigenheiten unzweifelhaft zu erkennen, ein Dokument des Pater Petrus Datura Suaveolens. Der Autor des kostbaren Buches – und offensichtlich auch dieses Dokumentes aus dem Koffer – hatte das, was von ihm an Hinterlassenschaft bekannt war, stets mit einem charakteristischen Schriftzug unterzeichnet.

Datura Suaveolens (WikiCommons)»Pater Petrus Datura Suaveolens«, flüsterte Renate. Die Datura Suaveolens ist eine Zierpflanze, die überhaupt nicht seltene Engelstrompete, ursprünglich in Mexiko beheimatet, aber seit vielen Jahren bei Hobbygärtnern und städtischen Gartenämtern auch hierzulande geschätzt und weit verbreitet. Renate zweifelte daran, dass die Menschen, die diese Pflanze in ihren Gärten und Grünanlagen anpflanzten, eine Ahnung von der Wirkung der Blütenblätter hatten. Diese enthielten Atropin und Scopolamin, hochgiftige Alkaloide. In grauer Vorzeit hatte man damit Geisteskranke ruhiggestellt, heutzutage benutzte man die Pflanze als Zierde.

Der Pater hatte sich den Namen »Datura Suaveolens« sicher mit Überlegung zugelegt, das »Petrus« davor war vermutlich eine Konzession an die Kirche gewesen.

Sein Buch, das Renate einst von einer weiten Reise mitgebracht hatte, war alles andere als kirchliche Lektüre. Es enthielt für damalige Zeiten pure Hexerei, aus heutiger Sicht war das Werk ein Almanach der zerstörenden und heilenden Wirkungen von Pflanzen aller Art, vom unscheinbaren Moosgeflecht bis zum majestätischen Baum und seiner Rinde. Die exotischsten Gewächse wurden detailliert beschrieben, ihre Pflege anschaulich erklärt und die Wirkungen auf menschliche und tierische Organismen ausführlich erläutert.

Renate hatte sich oft gefragt, woher dieser Pater die Pflanzen gekannt haben mochte. Entweder hatte er weltweite Verbindungen gehabt oder er war selbst viel gereist. Das schien jedoch kaum vorstellbar, bei der seinerzeit üblichen Reisegeschwindigkeit hätte der Mann mehrere Leben benötigt, um all die Gegenden und Pflanzen zu erkunden, von denen er jedes Detail zu kennen schien.

Dieser Koffer, besser gesagt sein Inhalt, war nun das, was Renate für nicht existent gehalten hatte, obwohl die sechs mal sechs Leinenbeutel in dem Buch als Hinterlassenschaft erwähnt waren. Es waren sechsunddreißig Samenarten, sechsunddreißig Pflanzen, von denen sie in Petrus Buch gelesen hatte, die ihr aber völlig unbekannt und die in keinem botanischen Werk zu finden gewesen waren. Sie studierte das Verzeichnis und ließ ihre Fingerspitzen liebevoll über die Leinensäckchen gleiten. Es war unglaublich. Das höchste Glück, das sich Renate vorstellen konnte.

Auf dem Weg vom Geschäft zum Gewächshaus hatte sie aus ihrem Tresor das Buch geholt und sie blätterte nun mit größter Vorsicht durch die brüchigen Seiten zum Kapitel »6 mal 6 Gewächse aus dem Garten des Teufels«. Sie verglich Punkt für Punkt. Sorgfältig, gewissenhaft. Auf der Liste aus dem Koffer standen genau diese Bezeichnungen. Sie hatte das Vermächtnis des Paters in den Händen.

In den nächsten Wochen studierte sie geduldig zunächst die Zucht- und Pflegeanleitungen, dann besorgte sie die notwendige Ausstattung, was nicht immer einfach war. In einem Fall handelte es sich um Schlick aus einer von Pater Petrus genau bezeichneten Bucht an der Nordspitze Schwedens, in einem anderen um ein Gemisch aus Erde und Staub aus der Gegend knapp unterhalb der Baumgrenze des Himalaja.

Sie ließ von Technikern einen Anbau an ihr Gewächshaus konstruieren, in dem verschiedene Räume mit verschiedenen klimatischen Bedingungen entstanden, ein Computer steuerte die Beleuchtung für Tag- und Nachtwechsel, überwachte Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und steuerte die variable Länge der Tage und Nächte je nach Jahreszeit. Geld spielte für dieses Projekt keine Rolle.

Selbst bei den Pflanzgefäßen hielt sie sich penibel an die Anleitungen des Pater Petrus Datura Suaveolens, ließ einiges von einem Töpfer herstellen, bei dem sie sich darauf verlassen konnte, dass er die vorgeschriebene Rezeptur für den Ton, die Trockenzeiten, die Temperatur des Ofens und viele weitere Details einhalten würde.

Gelegentlich fragte sich Renate, wie der Pater Petrus Datura Suaveolens in der Lage gewesen sein konnte, auch nur einen Bruchteil der notwendigen Bedingungen zu schaffen, damit diese Pflanzen gedeihen konnten. Es war schlichtweg unvorstellbar. Entweder er hatte sich auf die Beschreibungen beschränkt und die Samen für eine Zeit aufbewahrt, in der Dinge möglich wurden, die ihm unvorstellbar sein mussten, oder es war – mittelalterlich gedacht – Hexerei im Spiel gewesen.

In jedem Säckchen steckten sechs Samen, wenn alle aufgingen, hatte sie 6 mal 6 mal 6 Pflanzen. Sie wollte zunächst von jedem der Samen einen aussäen und fünf behalten, dann würde sie für Jahre Vorrat haben und gegebenenfalls eine misslungene Züchtung wiederholen können. Zeit musste sie sich ohnehin lassen, weil sogar der Stand des Mondes für die Pflanzzeit vorgeschrieben war.

Neun Monate nach dem Tausch Ananas gegen Koffer konnte Renate die ersten zarten Spitzen aus dem Erdreich sprießen sehen.

Als der Traum im Gewächshaus – besser gesagt in seinem Anbau – dann Gestalt annahm, als die ersten Blätter sichtbar wurden, trat der seltsame Kunde wieder in Renates Leben, in gewisser Weise zumindest.

Die Saat

Es dauerte dann noch sechs lange Monate, bis Renate endlich wusste, ob der Mann tatsächlich oder nur im Traum ihr Gefährte geworden war.

Sie träumte das erste Mal von ihm, als die Saat in einem Tonschälchen aufging, als sich zarte grüne Spitzen dem Licht entgegenstreckten. Sie träumte, dass sie in ihrem Verkaufsraum stand, eine frische Ananasblüte in der Hand, um sie in die Vitrine zu stellen. Dabei dachte sie, dass der Kunde mit dem Koffer an diesem Exemplar seine Freude haben würde.

Die Türe öffnete sich und er betrat mit einem zufriedenen Lächeln auf den Zügen das Geschäft. In der Hand trug er wieder den Hut, in der anderen hielt er eine Blume, die Renate unbekannt war, und das wollte etwas heißen.

»Guten Morgen«, grüßte er höflich, »lassen sie die Ananas ruhig gleich auf dem Tisch, ich nehme sie.«

»Guten Morgen, mein Herr. Ich freue mich sehr, Sie wieder zu sehen. Es ist lange her.«

»Neun Monate und vier Tage.«

»So genau wissen Sie das?«

»Sie etwa nicht, Renate?«

»Doch, ja. Ich werde nie vergessen, was ich empfand, als ich den Inhalt des Koffers studierte. Darf ich Sie, Herr – äh …«

»Peter. Nennen Sie mich einfach Peter.«

»Gut, also, darf ich Sie, Peter, fragen, woher Sie den Koffer beziehungsweise den Inhalt hatten?«

»Sie dürfen fragen, aber die Antwort werden Sie mir kaum glauben. Ich habe die Samen selbst gesammelt und eingenäht.«

»Und woher hatten Sie das Dokument?«

»Selbst geschrieben. Ich gebe zu, es ist viel Zeit vergangen, ich hatte es zusammen mit der Saat gut verwahrt, bis ich die richtige Erbin gefunden hatte.«

»Sie machen Witze, Peter.«

Er schmunzelte und betrachtete aufmerksam die Ananasblüte. Dann zuckte er mit den Schultern und erklärte ruhig: »Ich wusste doch, dass Sie mir nicht glauben. Aber würden Sie mir wohl diese Blüte überlassen? Zu einem fairen Preis?«

»Ich schenke sie Ihnen. Der Koffer war viel mehr wert als das, was Sie bekommen haben.«

»Irren Sie sich nur nicht. Ich habe mehr bekommen, als es schien. Und ich bitte um Ihr Verständnis: Geschenke nehme ich nicht an. Ich biete Ihnen diese Blume zum Tausch.«

Behutsam stellte er die Pflanze auf die samtene Unterlage. Das Gewächs wirkte wie aus einer anderen Welt. Die Blütenblätter waren so dünn, dass man hindurchsehen konnte. Ein elfenbeinfarbenes Gewebe, im Licht Nächtliche Visionen... - Bild von sxc.huder frühen Sonne schimmernd wie Seide. Eine einzige Blüte thronte auf einem Halm, den spiralförmig feingefächerte Blätter umgaben, die von einem tiefen Grün zu den Spitzen hin in ein wohltuendes Blau überblendeten. Ein Blatt war abgebrochen, an der Bruchstelle war ein winziger Tropfen zu sehen, rot, wie Blut, dachte Renate, es sieht aus wie Blut.

»Es ist Blut, wenn Sie so wollen, denn was ist der Lebenssaft einer Pflanze anderes als der, der im menschlichen oder tierischen Körper pulsiert?«

Renate bemerkte gar nicht, dass Peter auf etwas geantwortet hatte, was sie nur gedacht, aber nicht gesagt hatte. Sie war fasziniert und gefangen genommen von der überirdischen Schönheit der Blüte, des Stieles und der Blätter.

»Woher stammt dieses Gewächs? Wie heißt es?« fragte sie fast flüsternd, andächtig in den Anblick versunken.

»Es stammt aus einem großen Garten, wo es noch viele davon gibt. Es heißt Lebenskraft. Ich finde, das ist ein passender Name.«

Sie beugte sich hinab und atmete den schwachen Duft ein, wie lieblich und wohltuend war er, so unverwechselbar, so überirdisch wie die ganze zarte Pflanze.

Dann war Renate in ihrem Bett aufgewacht. Sie starrte einige Minute an die Decke und meinte, noch immer den Duft der Lebenskraft wahrnehmen zu können. Aber sie lag in ihrem Bett, es gab keine Blume. Als sie in ihrem Geschäft war, stellte sie eine frische Ananasblüte in die Vitrine. Doch niemand kam durch die Ladentür.

Je größer die Pflanzen aus dem Garten des Teufels gediehen, und jedes einzelne der ausgesäten Samenkörner ging auf, jede einzelne Pflanze entwickelte sich kräftig und gesund, desto öfter und intensiver träumte Renate von Peter. In ihren Träumen lud er sie ein, ihn zu besuchen, sie folgte ihm in eine Villa, die äußerlich unscheinbar wirkte, im Inneren jedoch unvergleichliche Schätze barg, Kleinode aus aller Welt, herrliche Gemälde, eine Bibliothek mit unzähligen handgeschriebenen Werken, darunter mehrere Bibeln sowie zahlreiche theologische Werke, die laut Peter aus einem Kloster stammten, von dem die meisten Menschen, die den erfolgreichen Roman eines italienischen Philosophen und Schriftstellers über dieses Kloster gelesen hatten, annahmen, dass die gesamte Bibliothek mit dem Kloster abgebrannt sei.

»Sprichst du von Umberto Eco? Der Name der Rose?«

Peter nickte versonnen. »Ja, und dies hier sind die kostbarsten Bände aus jenem Kloster. Nicht alles ist verbrannt, einiges wurde vor dem Feuer in Sicherheit gebracht.«

Renate machte sich nichts daraus, dass in einem Traum Bücher und Schauplätze aus einem Roman real waren, denn in Träumen nimmt man alles hin, was geboten wird.

Renate verfiel ihrem Peter mehr und mehr. Sie duzten sich längst, häufige Berührungen blieben nicht aus. Allerdings schliefen sie nicht miteinander in diesen Träumen, so sehr sich Renate auch danach sehnte. Peter brach liebevoll, aber entschieden jede Umarmung ab, aus der mehr werden konnte. »Später«, meinte er dann, »wenn wir vereint sind. Später.«

Den ganzen Tag wartete sie nur darauf, dass es endlich Abend wurde, dass sie endlich ihr Tagewerk beenden und ins Bett gehen, träumen konnte.

Mit dem Gedeihen der Saat aus dem Koffer gediehen ihre Träume, wurden realistischer, langsam und unmerklich schwand die Realität und wurde zum Traum, während die Träume zur Realität wurden. Renate wusste gelegentlich nicht, ob sie wachte oder träumte.

Die Ernte

Sechs Monate waren seit dem ersten Traum von Peter vergangen. Renate betrachtete, was von der filigranen Blüte und dem zarten Stängel übriggeblieben war. Sie wagte kaum zu atmen, um dem Gewächs nicht noch mehr Schaden zuzufügen.

Endlich hatte sie heute ein Unterpfand mitbringen können aus dem Paradies, und dann hatte sie wohl im Schlaf darauf gelegen. Aber dennoch – die etwas zerdrückte Blume war noch immer von überirdischer Schönheit. Und vor allem – sie war hier. Im Diesseits. In ihrem Schlafzimmer, herübergebracht aus dem Traum. Oder träumte sie noch? Nein, entschied sie, sie war im Diesseits, im Hier und im Jetzt. Aus dem Radiowecker hörte sie aktuelle Nachrichten, neben dem Bett stand eine Plastikflasche mit Mineralwasser, und vor allem war Peter nicht hier. Also träumte sie nicht. Sie atmete tief den Duft der Blüte ein.

Renate legte das kostbare Unterpfand vorsichtig auf dem Nachttisch ab und schloss die Augen. Peter hatte ihr die Blume geschenkt. Sie wollte zurück zu Peter und konnte nicht. Es war sein Abschiedsgeschenk gewesen. Niemals wieder würde sie ihn sehen, fühlen, seine Küsse schmecken, niemals wieder seine lieb gewonnene Stimme hören. Und niemals würden ihre Leiber verschmelzen, denn das Später war ihr versperrt in diesem Leben.

Es sei denn, sie gab alles auf, was sie hatte, es sei denn, sie folgte ihm endgültig und nicht nur im Traum. Das Unterpfand, hatte er gesagt, sollte ihr Gewissheit geben, dass manchmal zwei Welten zu verschmelzen in der Lage waren, dass Peter wirklich auf sie wartete.

Das Licht der Morgensonne schien jetzt auf die Blüte. Renate musste mitansehen, wie die Blume starb. Die Blütenblätter wurden dunkler, braun, dann schwarz, während sie ihre sanfte Geschmeidigkeit verloren, trocken und brüchig wie Jahrhunderte altes Pergament wurden. Die winzigen Blättchen am Stiel rollten sich ein und fielen vom Stängel ab, der Stil selbst verlor sein sattes Grün und wurde grau. Die Blume »Lebenskraft« und die Sonne vertrugen sich nicht. Es dauerte nur etwa zwei Minuten, dann genügte ein leichter Hauch, und nichts als Staub blieb auf dem Nachttisch zurück.

Staub, nichts als Staub würde auch von ihr zurückbleiben, aber was war schon dieses Leben als Tauschobjekt gegen eine Ewigkeit mit Peter? Sie hatte die Blume mitgebracht aus dem Paradies, sie hatte ein Unterpfand bekommen dafür, dass sie wirklich dort gewesen war. In dieser Nacht und in all den Nächten zuvor. Was in ihrem Verstand noch daran gezweifelt hatte, war nun überzeugt.

Renate stand auf. Es gab viel zu tun an diesem Tag. Sie zögerte und überlegte nicht mehr. Sie hatte sich entschieden.

Gewissenhaft führte sie die Anweisungen aus, die Peter ihr gegeben hatte, falls sie zu ihm kommen wollte. Das Buch des Pater Petrus Datura Suaveolens und das Verzeichnis mit den sechs mal sechs Gewächsen verstaute sie sorgfältig in dem Koffer, dazu sechs mal sechs Beutel mit jeweils sechs Samenkörnern. Sie hatte inzwischen dank der üppig gediehenen Pflanzen aus dem Garten des Teufels reichlich davon, aber es sollten jeweils sechs sein, keines weniger und keines mehr. Es mochten viele viele Jahre vergehen, bevor jemand diesen Koffer und seinen Inhalt sehen würde. Sie schloss ihn in einen feuer- und hitzebeständigen Metallkoffer ein, diesen wiederum in einen Kunststoffkoffer, luftdicht, wasserdicht, eine Errungenschaft der modernen Technik. Schließlich vergrub sie das Ganze zwei Meter tief unter ihrem Gewächshaus. Die Grube hatte sie bereits in den letzten Tagen ausgehoben, aber noch gezögert, bis sie an diesem Morgen ein Unterpfand in Händen gehabt hatte.

Das Erdreich war schnell aufgefüllt und mit einer Walze eingeebnet. Dann zog Renate gerade Furchen in das Rechteck, pflanzte junge Datura Suaveolens hinein, beschriftete das neue Beet ordentlich mit einem Steckschildchen und betrachtete zufrieden ihr Werk. Ein frisches Beet, mehr nicht.

Sie ging hinüber in den Anbau, verstaute sorgfältig die dort vorhandenen Gewächse in Holzkisten, lud sie in ihr Auto und fuhr los. Überall in der Stadt verteilte sie die Pflanzen aus dem Garten des Teufels. Auf Spielplätzen, in öffentlichen Parks, auf Brachflächen, in Kleingartenkolonien. Niemand wunderte sich oder sprach sie gar an. In ihrer grünen Gärtnerinnenkleidung, mit den Kisten voll Pflanzen und dem professionellen Werkzeug hielt man sie für beauftragt und befugt, ihrer Arbeit nachzugehen. Kein Mensch fragt ja auch den Mann, der die kleinen Steine in den Gehweg hämmert, ob er das denn dürfe.

Renate wusste, was sie tat. Sie wusste, dass sie mit den Pflanzen das Böse verteilte. Es ging um weit mehr als um Gifte oder Heilkräfte. Aber das war nicht ihre Sorge, und auf dieser Welt würde sie sowieso niemand mehr zur Rechenschaft ziehen können.

Am frühen Nachmittag war sie fertig. Sie fuhr noch einmal an ihrem Geschäft vorbei, es war ordentlich verschlossen, die Lichtschutzjalousien heruntergelassen. Vielleicht würde man am nächsten Tag einige Pflanzen dort herausholen und retten, vielleicht auch nicht. Sie hatte keine Erben, das Geld hatte sie in gleichen Teilen zwei Kinderhilfswerken vermacht. Ihr Steuer- und Finanzberater würde alles ordnungsgemäß abwickeln. Sie dachte an die Millionenbeträge und lächelte bei dem Gedanken, dass man ihr vermutlich ein Denkmal setzen würde.

Renate fuhr zurück zum Gewächshaus. Sie schlenderte durch die Reihen der Pflanzen, betrachtete liebevoll Abschied nehmend die Vielfalt der Gewächse. Dann schnitt sie die schönste der Ananasblüten ab, für Peter. Sie trat in den Anbau und vergewisserte sich, dass nichts aus dem Garten des Teufels hier zurückgeblieben war.

Neben dem Vorrat an Tongefäßen hatte sie eine Liege vorbereitet, Kissen und Decke bereitgelegt. Dort würde sie schlafen. Auf einem Tischchen stand das Getränk, das sie nach einem Rezept aus Pater Petrus Datura Suaveolens Buch bereitet hatte. Sie würde schnell und schmerzlos hinüberwechseln. Um 22:00 Uhr der Trunk, dann hatte sie noch etwa zehn Minuten ungetrübten Bewusstseins, in denen sie sich auf ihre Liege zur Ruhe begeben konnte. Um 22:15 spätestens würde sie bewusstlos und um 22:30 tot sein.

Peter - auch bekannt als Randal Flagg - WikiCommonsFür die Polizei würde es nach einem alltäglichen Selbstmord aussehen: Eine reiche, alleinstehende Floristin, des Lebens wohl überdrüssig, an ihrer Einsamkeit zugrunde gegangen, oder woran auch immer. Es war fraglich, ob das Gift analysiert werden konnte, aber das kümmerte Renate nicht. Nichts würde sie jemals mehr kümmern, ging sich doch zu ihrem Peter.

Renate sah ihn schon von weitem am Eingang seiner Villa stehen, den Kopf unter dem Hut gesenkt. Sie eilte ihm entgegen. Als sie zwei Schritte vor ihm war, hob er seine Augen. Renates Schrei des Entsetzens war im Diesseits nicht zu hören.

»Das muss ein sehr schreckliches Ende gewesen sein«, meinte der Gerichtsmediziner am nächsten Tag, als er in das verzerrte Gesicht der toten Floristin blickte. »Als hätte sie etwas Grauenhaftes gesehen oder gefühlt in ihren letzten Sekunden.«

 

Ein verliebter Jüngling zupfte verstohlen eine Blume aus einem Beet im Stadtpark. Niemand beobachtete ihn. Er war auf dem Weg zu seiner Freundin und fand, dass er nicht mit leeren Händen kommen sollte.

Er hatte keine Ahnung, was für eine Blume das sein mochte, aber sie hatte ihn geradezu angelockt mit ihrer exotisch anmutenden Blüte. Und dieser Duft, den er einsog …

Wer bist du, Jessika?

Eine Vorbemerkung: »Jessika« ist der Titel einer Kurzgeschichte, die in meinem Buch »Gänsehaut und Übelkeit«, ISBN 978-3-8334-9074-3, erschienen ist. Sie, liebe Leser, müssen diese Geschichte nicht kennen, um diese hier zu verstehen, aber natürlich freue ich mich, wenn Sie nicht nur kostenlose Texte aus meiner Feder lesen, sondern auch mal eines meiner Bücher kaufen.

Falls Sie das tun möchten: https://gjmberlin.wordpress.com/bucher/

»Wer bist du, Jessika?« können Sie übrigens auch als E-Book kostenlos herunterladen, im Format Epub, PDF und für den Kindle: [Download-Auswahl]

So, genug der Vorrede. Nun geht es los. Viel Spaß mit der Frage, wer Jessika wohl sein mag.

— — —

Zwei Wochen nach ihrem Einzug in seine Wohnung wusste er genauso viel von ihr wie am ersten Tag – im Grunde nichts. Er beschloss, das zu ändern, und zwar jetzt, auf der Stelle, im Abendsonnenschein auf der Terrasse der Pizzeria.
Jessika bestellte einen Krug Carpineto und zwei Gläser.
»Moment, bitte, ich hätte lieber ein Bier«, sagte Bernd, bevor der Kellner verschwinden konnte.
Jessika sah überrascht auf. Sie wirkte einen Moment sehr konzentriert – dann entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder und ihr Lächeln kehrte zurück, dieses Lächeln, das ihn von Anfang an gefangen genommen hatte.
»Zwei Bier dann, bitte.«
»Du kannst ruhig Wein trinken, wenn du …«
»Zwei Bier«, wiederholte Jessika und der Kellner ging mit einer leichten Verbeugung und freundlichem Schmunzeln seines Weges.
»Du wolltest Wein, Bernd, aber noch wichtiger war dir, nicht das zu wollen, was ich wusste, dass du es willst. Warum? Was mache ich falsch?«
Die Frage war gut gestellt. Es gab keine Antwort, die Bernd hätte in kurze Sätze fassen können. Falsch machte Jessika eigentlich nichts, sie machte alles richtig, und genau das war verkehrt. Jedes menschliche Wesen ist mal ungeschickt, irrt sich, sagt ein Wort zur falschen Zeit, ist unausgeschlafen wenn der Partner hellwach ist oder überdreht wenn der Partner gerade müde wird – Jessika passierte nichts dergleichen. Sie gab die richtigen Antworten, hatte die richtigen Stimmungen, die Harmonie zwischen Bernd und ihr war so perfekt, dass sie zu Bedenken Anlass gab.
Bernd war glücklich, wie noch nie in seinem Leben. Er war so glücklich, dass die Gedanken, es könne sich um einen sehr lebhaften Traum handeln, gelegentlich kaum zu unterdrücken waren. Es war eben alles zu glatt, zu poliert – so sah kein normales menschliches Leben aus. Ein Traum, womöglich, aber niemals die Realität. Zusätzlich irritierte ihn, das er weder Jessikas Vergangenheit, noch ihre Wünsche, Ziele oder Träume kannte.
»Ich weiß nichts von dir, Jessy. Nichts. Das macht mich verrückt.«
Sie sah ihm in die Augen, und er meinte, nur Unverständnis für diese Bemerkung in ihrem Blick zu lesen.
»Aber du weißt doch alles, Bernd! Wenn nicht du, wer denn dann? Du hast mich doch hervorgerufen.«
Er bemühte sich, konzentriert und logisch zu bleiben, ausnahmsweise keine Emotionen zuzulassen. Allein der Blick ihrer wunderbaren Augen wollte ihn alles vergessen lassen, was er eigentlich fragen oder sagen wollte. Doch heute Abend wehrte er sich dagegen. Er wollte ein Homo sapiens sein, mit der Betonung auf sapiens.
»Jessika, können wir für einen Moment, eine oder zwei Stunden vielleicht, einfach mal beide ganz normale Menschen sein? So amüsant das Rollenspiel auch sein mag, ich möchte jetzt gerne wissen, wo du herkommst, wo du gelebt hast, warum du hier aufgetaucht bist. Ich liebe dich, Jessika, das weißt du. Vielleicht ist es dadurch um so schwerer zu ertragen, dass ich für dich ein aufgeschlagenes Buch bin und du für mich ein Buch mit sieben Siegeln.«
Sie nickte ernst. Ihre schmalen Finger zogen zwei Zigaretten aus der Schachtel, beide nahm sie in den Mund. Bernd griff nach dem Feuerzeug und zündete beide Zigaretten an, dann reichte sie ihm seine. Ein Ritual, das sich bereits anfühlte wie seit Jahren, Jahrzehnten gar, eingeübt. So war es beim ersten gemeinsamen Rauchen gewesen. Und geblieben. Er schwieg und wartete.
Jessikas Augen sagten ich liebe dich, grenzenloses Vertrauen, bedingungslose Zuneigung waren in ihre Züge geschrieben.
»Es ist kein Rollenspiel. Ich bin die Jessika, die du vor Jahren für eine Kurzgeschichte erfunden hast.«
»Bitte, lass das. So etwas ist unmöglich. Wir sind doch beide intelligente und realistische Menschen, wollen wir nicht heute einmal auch entsprechend miteinander reden, anstatt romantische Ideen auszuschmücken? Ich liebe dich, Jessika, egal woher du kommst, ob aus dem Bordell, aus dem Gefängnis, aus dem Kloster…«

Der Kellner brachte das Bier und verschwand wieder mit einem freundlichen »zum Wohle«.
Jessika seufzte. »Okay, Bernd. Hör mir einfach zu, woran ich mich erinnere. Ich habe dich nie angelogen und werde es auch nicht tun. Es wäre leicht, dir zu erzählen, ich sei aus Hamburg oder Mainz gekommen, wäre bisher ein Freudenmädchen in Paris oder eine Nonne in Afghanistan gewesen, ich hätte mich in dich verliebt, alle deine Bücher gelesen, deinen PC angezapft, um an die unveröffentlichten Texte zu kommen und so weiter. Aber ich will das nicht. Ich will dir nichts als die Wahrheit erzählen. Hörst du mir zu und sagst erst etwas, wenn ich fertig bin?«
»Einverstanden. Leg los, Jessika. Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich, Bernd.«
Sie beugte sich über den Tisch und küsste ihn, liebevoll, zärtlich.
»Meine erste Erinnerung sieht so aus«, fing sie an zu erzählen, »dass du an deinem Schreibtisch sitzt, auf den Bildschirm starrst und eine Geschichte mit dem Titel Jessika schreibst. Wie meistens, wenn du schreibst, fängst du einfach mit einem Satz, einer Idee, an, und die Geschichte entsteht beim Tippen. Du hast nie die komplette Handlung im Kopf, wenn du beginnst.«
Sie trank einen Schluck Bier. Bernd nickte, sie hatte recht. Aber das hatte er im Vorwort zu einem seiner Bücher der ganzen Welt – soweit sie denn seine Bücher las – verraten. Keine große Zauberei also, dass Jessika dies wusste.
»Du sitzt da jedenfalls, es ist Nachmittag, gegen 14:00 Uhr, und du hast gerade beschrieben, wie eine Frau einem Mann mit einem Brotmesser genüsslich und langsam den Bauch aufschlitzt, dem hervorquellenden Blut zuschaut und abschätzt, wie lange er noch durchhalten wird, weil sie ihm im letzten bewussten Augenblick seines Lebens den Penis abschneiden und ihm das Organ vor die sterbenden Augen halten will.«
»Dass du die Geschichte kennst, ist mir nicht neu, Jessika. Ohne mich zu rühmen: Tausende haben sie gelesen, sie war sehr erfolgreich.«
»Du wolltest einfach zuhören.«
»Ja, sorry. Ich bin ja schon still.«
»Du starrst auf den Bildschirm, und plötzlich hast du ein Gesicht vor Augen oder im Kopf, ein kleines Mädchen, plötzlich siehst du die Geschichte. Das Mädchen wohnt im gleichen Haus und weiß alles. Nur die Hausmeisterin ahnt nicht, dass Jessika, denn so nennst du deine kleine Heldin, ihr blutrünstiges Geheimnis kennt. Die Idee ist da, und du schreibst die ganze Geschichte in der ersten Version fürbass am Stück in den Computer. Dann schaust du um 17:00 Uhr erstaunt auf deine Armbanduhr und fragst dich, wo die Zeit geblieben ist.«
Bernd zündete schweigend zwei weitere Zigaretten an, die Jessika aus der Packung genommen hatte. Er zwang sich, nichts zu sagen, versprochen war versprochen. Sein Job war jetzt das Zuhören. Jessika hatte recht, genau so war es gewesen mit der kleinen Horrorerzählung.
Bernd winkte dem Kellner und deutete auf die beiden leeren Gläser. Jessika nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette und fuhr fort: »Also, du hast die Erzählung beendet, die erste Fassung, hast die Datei gespeichert und bist mit dem Hund spazieren gegangen. Dann hast du die ganze Nacht daran gearbeitet, und am Morgen, acht Stunden und sechs Dosen Bier später, war die endgültige Fassung fertig. Du hast mehrmals überlegt, ob du den Schluss so offen lassen oder Jessika doch lieber umbringen solltest.«
Bernd nickte nachdenklich. Das konnte sie nun wirklich nirgends gelesen haben, hatte er es womöglich in einem Gespräch erwähnt?
Jessika redete bereits weiter. »Ich war dafür, mich am Leben zu lassen, sintemal ich erst dreizehn war, und mich doch schon in dich verliebt hatte. Mir war gleichzeitig klar, dass du eine Dreizehnjährige niemals an dich heranlassen würdest, denn das, was du in anderen Erzählungen über Angelina oder die Kinder in Rothberg geschrieben hast, würde dir nicht im Traum im wirklichen Leben einfallen. Ich wusste, dass ich erst erwachsen werden musste. Also wartete ich sechs Jahre, bis ich neunzehn war. Dann schien mir die Zeit reif.«
»Wofür reif? Wo warst du inzwischen?« Bernd hatte mittlerweile vergessen, dass Jessikas Geschichte erfunden sein musste. In diesem Moment glaubte er, was sie erzählte.
»Das ist eben schwer zu beschreiben, Bernd. Ich war und war doch nicht. Ich war nicht fort aus dieser Welt, aber ich war auch nicht real. Nicht in dieser Form, nicht als Frau. Dessenthalben hat es so lange gedauert.«
Bernd grinste. »Sag mal, Jessika, erst sagst du fürbass, dann sintemal und jetzt dessenthalben. Diese Worte sind etwas aus der Mode.«
»Eben, Bernd. Ich halte nichts von Mode. Genau wie du. Darf ich jetzt weiter erzählen?«
»Ja, aber ich glaube, ich kann dir nicht glauben.«
»Das ist – du bist doch ein gläubiger Mensch, das ist bei einigen deiner Texte ja deutlich herauszulesen.«
»Ja und doch nein. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es von manchen Kanzeln gepredigt wird. Oder nicht mehr. Ich bin älter geworden und habe vieles gesehen, was ich lieber nicht gesehen hätte. Ich habe vor allem gelernt, selbst zu prüfen, selbst zu hinterfragen, nicht einfach als unumstößlich anzunehmen und nachzuplappern, was ein Pastor oder Politiker oder sonst jemand verkündet. Mir ist eine gewisse Blauäugigkeit abhanden gekommen. Es ist im Leben mehr möglich, als man auf den ersten Blick meinen möchte.«
»Und trotzdem bist du bereits überzeugt, dass meine Geschichte, die doch deine ist, nicht wahr sein kann.«
Er überlegte seine Antwort gründlich. Wenn er von etwas überzeugt war, dann davon, dass man nichts von vorne herein als unmöglich abtun sollte. Das hatten die Menschen getan, bevor sich das erste Flugzeug in den Himmel erhob, bevor es Medikamente gegen bis dahin tödliche Krankheiten gab… Die Menschheit neigte dazu, erst einmal alles als Teufelswerk abzutun, was unvorstellbar schien, sei es das Fliegen, sei es die Heilkunst.
»Ich versuche, zuzuhören, Jessy, und erst später eine Meinung zu bilden. Ist das okay?«
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich, Jessika. Erzähl mir, wo oder was du gewesen bist in den sechs Jahren.«
»Ich war zumindest zum Teil Angelina. Aber ich mochte sie nicht sonderlich. Du warst von ihr abgestoßen und fasziniert zugleich. Ich war auch ein wenig Sophia, aber sie ist zu jung, mit ihren fünfzehn Jahren. Und sie ist nicht so, wie ich sein wollte. Ein zu vernünftiges, zu erwachsen wirkendes Mädchen, eine weise Frau im Teenagerkörper. Du hast jedenfalls Recht, dass du den Roman noch nicht veröffentlicht hast. An Sophia musst du noch arbeiten, bis sie glaubwürdig wird. Ich wollte Jessika sein, eine erwachsene Jessika, die Jessika, die mit dreizehn Jahren in der Hausmeisterwohnung einen Menschen verspeist hat, zumindest seine Leber und das Gehirn. Mit meiner Vergangenheit, aber kein Kind mehr. Daher habe ich so lange äh – gehofft – oder verharrt, bis du mich jetzt endlich wieder hervorgeholt hast.«
»Hat’s geschmeckt bei der Hausmeisterin?«, fragte Bernd trocken und griff zum Bierglas, das dritte inzwischen.
»Die Leber ja, das Gehirn nein. Prost.«
»Zum Wohlsein.«
Während das Zigarettenritual sich entfaltete, forschte Bernd in seiner Erinnerung. Wenige Wochen zuvor hatte er begonnen, über eine Fortsetzung der rabenschwarzen kleinen Horrorgeschichte nachzudenken. Nicht mit der Hausmeisterin, sondern mit dem Mädchen aus der Nachbarwohnung. Die Versuche waren nicht gelungen, er brachte es nicht fertig, Jessika als Kind wieder aufleben zu lassen. Die Figur entglitt ihm jedes Mal. Doch dann kam er auf die Idee, die Fortsetzung etliche Jahre später anzusiedeln. Warum sollte aus der Dreizehnjährigen nicht eine junge Frau geworden sein? Sie konnte womöglich mit jemandem auf einer Terrasse sitzen, ihrem nächsten Opfer, aber das Opfer ahnte natürlich nichts von seinem Schicksal. Das Opfer konnte ein Mann sein, der sich in Jessika verliebt hatte. Am besten, die beiden lebten bereits etwa zwei Wochen zusammen, dann eines Abends…
Jessikas Stimme unterbrach seinen Gedankengang: »Bin ich nun oder bin ich nicht, Bernd?«
»Ich weiß nicht, wer du bist, aber dass du bist, ist mir klar«, meinte Bernd. »Immerhin sitzen wir hier am Tisch und nachher liegen wir voraussichtlich im Bett, um dem nächsten Tag entgegen zu schlafen.«
»Hinterher«, erklärte Jessika und kniff erst das rechte, dann das linke Auge zu.
Die erotische Komponente ihrer Liebe war so vollkommen wie das ganze Zusammenleben, das ihn zunehmend irritierte. Zu schön, zu gut, zu perfekt, um wahr zu sein. Und eigentlich für seinen Geschmack – oder besser gesagt für seine Persönlichkeit – viel zu schnell Wirklichkeit geworden.
Kennen gelernt hatte er Jessika vor rund vier Wochen, überfallartig, unversehens, aus heiterem Himmel und auf eine Weise, die er für seine literarischen Figuren als unglaubwürdig verworfen hätte. Kein Leser würde einem Autor so etwas abnehmen, zumindest kein Leser mit nennenswerter Intelligenz. Aber das Leben hatte wieder einmal bewiesen, dass er weitaus merkwürdiger sein konnte als die Fiktion.
Er hatte auf dem Weg zum dringend notwendig gewordenen Lebensmitteleinkauf wie üblich den Aufzug benutzt. Das Licht, das normalerweise das Kommen der Kabine signalisierte, flackerte kurz und erlosch wieder, er hörte jedoch das Poltern und Quietschen, das diesem altertümlichen Fahrstuhl eine fast schon persönliche Note gab. In den zwanzig Jahren, die Bernd hier wohnte, hatte er kein einziges Mal beobachtet, dass eine Wartung oder Überprüfung des Aufzuges durchgeführt worden wäre. Er hätte in jedem anderen Gebäude einen solchen Lift misstrauisch gemieden, aber die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der Mühsal, acht Stockwerke zu Fuß zu bewältigen, überwog jegliche Bedenken, die gelegentlich bei besonders misstönendem Quietschen aufkamen. Es war zwanzig Jahre lang nichts passiert, also machte er sich wenig Sorgen, wenn er die knarzende Kabine betrat.
In Gedanken noch mit einer Idee beschäftigt, aus der gerade eine neue Kurzgeschichte werden wollte, stieg er ein und drückte auf die Taste mit dem E.
Im sechsten Stockwerk hielt der Lift, eine ihm unbekannte junge Frau stieg zu, der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung, um dann zwischen dem vierten und dritten Stockwerk mit einem Ächzen stehen zu bleiben. Das magere Licht in der Kabine verlosch. Eine Notbeleuchtung war genauso wenig vorhanden wie ein Alarmknopf oder gar ein Telefon, wie man es in moderneren Fahrstühlen fand.
Sein Mobiltelefon lag in der Wohnung auf dem Schreibtisch; zum Einkauf pflegte er es nicht mitzunehmen. Eigentlich vergaß er es so gut wie immer, wenn er das Haus verließ. Er mochte Telefone grundsätzlich nicht, das Mobilgerät hatte er nur angeschafft, um unterwegs im Notfall Hilfe anfordern zu können. Abgesehen von einer Autopanne wegen defekter Batterie vor zwei Jahren war der Notfall noch nicht eingetreten. Jetzt, im Fahrstuhl stecken geblieben, zweifellos ein geeigneter Fall für einen Notruf, war das Gerät nicht zur Hand.
»Sagen Sie«, fragte Bernd in die Finsternis hinein, »haben Sie ein Telefon bei sich?«
Die junge Frau sagte nichts. Stattdessen fühlte er, wie sich eine warme Hand auf seinen Arm legte und sanft seine Haut zu streicheln begann. Er war irritiert, aber unangenehm fühlte sich das nicht an. Eine zweite Hand begann, sein Haar zu durchfurchen.
»Moment mal, bitte, was soll das?«, fragte er.
Die Antwort bestand aus weichen Lippen, die sich auf seinen Mund drückten. Verdattert, aber dann doch nicht widerwillig, gab Bernd nach. Er war sicher, die junge Dame nicht zu kennen, dennoch empfand er diesen unerwarteten Moment wie vertraut, als küssten sie sich täglich viele Male, seit Jahren, ein ganzes Leben lang… – seine Gedanken kamen ihm abhanden, während die Unbekannte sich eng in seine Arme schmiegte. Bernd war sicher, dass er träumte. Einen ziemlich angenehmen, womöglich gar feuchten Traum offensichtlich, denn die Veränderung unterhalb seiner Gürtellinie blieb weder ihm noch derjenigen verborgen, die sich nun noch enger an ihn drückte.
Er versuchte, sich zu erinnern, wie die junge Frau eigentlich aussah. Als sie den Lift betrat, hatte er sie kaum angeschaut, nur einen kurzen Blick geworfen, ob es sich um jemanden handelte, den man grüßen, mit dem man ein paar Worte wechseln musste. Aber sie war ihm fremd gewesen. Also hatte er »Guten Tag« gemurmelt und wieder weggeschaut, auf die Stockwerksanzeige, denn in einer engen Kabine jemanden anzustarren war so unhöflich wie ein Sarrazin auf Hochtouren, wenn es um kleine Kopftuchmädchen ging. Er erinnerte sich nur an dunkle Haare, glatt, schulterlang, ein unauffälliges aber durchaus hübsches schmales Gesicht. Soweit er sich ihr Bild vergegenwärtigen konnte, trug sie Jeans und eine violette Bluse. Seine Hände ertasteten Seide über warmer Haut. Verstand und Zeit standen still.
Die Unbekannte sprach noch immer kein Wort, als runde fünf Minuten später das Licht anging und der Lift sich rumpelnd wieder in Bewegung setzte. Bernd betrachtete ihr Gesicht, ihr feenhaftes Lächeln, die klitzekleinen Grübchen in ihren Wangen. Er hatte die Frau noch nie gesehen, und doch war sie so vertraut, als hätte er bereits ein halbes Leben mit ihr geteilt. Das Gefühl der Unwirklichkeit nahm zu. Vermutlich würde er gleich aufwachen, mit Bedauern. Aber noch träumte er offensichtlich.
»Wer sind Sie?«, fragte Bernd.
Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoß und nach einem Zwinkern, an dem erst das rechte, dann das linke Auge beteiligt war, verschwand die junge Frau leichtfüßig durch den Flur hinaus auf die Straße.
In der Tür drehte sie sich kurz um und sagte »Jessika«.
Bernd stand noch immer fassungslos in der Fahrstuhlkabine und wartete darauf, nun in seinem Bett aufzuwachen. Erst als die Türe sich schließen wollte, setzte auch er sich in Bewegung. Auf der Straße waren Menschen unterwegs, aber nach Jessika suchten seine Blicke vergeblich.
Während er dem Supermarkt zustrebte, fuhr der Lift wieder in den achten Stock hinauf. Familie Aksu, die seit zwei Jahren neben Bernd wohnte, stieg ein zur letzten Fahrt des altertümlichen Fahrstuhles. Herr Aksu wog 110 Kilogramm, seine Frau 75. Die vier Kinder hätten zusammen 160 Kilogramm auf die Wage gebracht, wenn es ihnen gelungen wäre, gemeinsam auf eine zu steigen. Auf eine solche Idee waren sie natürlich nie gekommen. Und in einer halben Minute sollte es mit allen Ideen sowieso für immer vorbei sein. Der Fahrstuhl war für drei Personen zugelassen, 280 Kilogramm stand auf dem Messingschild als Höchstbelastung. Doch die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der auch Bernd zueigenen Bequemlichkeit, überwog seit Monaten – schließlich waren sie immer, zwar in drangvoller Enge, aber doch sicher, hinauf und hinunter gefahren.
Herr Aksu drückte auf den Knopf mit dem E, ruckelnd setzte sich die Kabine in Bewegung. Das charakteristische Quietschen der Mechanik verlor jeden halbwegs romantisch-freundlichen Charakter, während die Verankerung der Seile nachgab und die Kabine ungebremst abstürzte.

Dreißig Minuten später bog Bernd wieder in seine Straße. Die Feuerwehr war noch dabei, die Leichen zu bergen. Zwei Polizisten wollten ihm den Zugang zum Haus verwehren, sein Personalausweis überzeugte die Beamten jedoch, dass Bernd ein Hausbewohner war. Was passiert war, wollten oder konnten sie ihm allerdings nicht sagen. Er solle zügig weitergehen und die Rettungsarbeiten nicht behindern, mahnte man ihn.
Er trug den gut gefüllten Einkaufskorb die Treppe hinauf. Im sechsten Stockwerk war Jessika zugestiegen, er setzte den Korb ab, um die Klingelschilder zu studieren. Links wohnte eine alte Dame, rechts ein zerstrittenes Ehepaar in den Vierzigern und in der größeren Wohnung in der Mitte eine Gruppe Studenten. Früher hatte man so etwas Kommune genannt und als anrüchig betrachtet, heutzutage waren studentische Wohngemeinschaften in Berlin an der Tagesordnung. Es standen keine Namen an der Tür, sondern »WG Jura«. Die mittleren Wohnungen im Haus hatten vier Zimmer, Bernd bewohnte selbst eine solche.
Er hatte nie Kontakt mit den Studenten, der Beschriftung nach wohl angehende Juristen, gehabt, sah hin und wieder junge Leute im Treppenhaus oder im Fahrstuhl, aber wer nun dort wohnte oder nur Besucher war, wusste er nicht. Er hatte auch nie besonders auf die Nachbarn geachtet. Er lebte allein und zurückgezogen, seit er mit siebzehn Jahren das Elternhaus verlassen hatte. Die kurze Episode mit Monika lag sechzehn Jahre zurück, und sie war so kurz gewesen, dass weder sie noch er überhaupt einen Gedanken an eine gemeinsame Wohnung verschwendet hatten. Kurz, aber nicht ohne Folgen.

»Guten Morgen«, grüßte eine Stimme hinter ihm, als er zwei Wochen später den Hausbriefkasten auf Post kontrollierte. Er drehte sich um und da stand sie.
Jessika.
Sie trug weiße Jeans, Sandalen und ein weißes T-Shirt. Bernd betrachtete ihre gebräunte Haut und die dunklen klaren Augen unter langen Wimpern, ihre jugendliche Frische ohne erkennbares Make-up gefiel ihm. Die dunkelblonden Haaren trug sie in der Mitte gescheitelt, zwei winzige Diamanten als Ohrstecker, um den Hals ein feingliedriges silbernes Kettchen.
»Guten Morgen, Bernd«, wiederholte sie.
»Äh, hallo Jessika. Guten – also – äh – wie geht es Ihnen – äh dir?«, stotterte er. Er nahm an, dass nach dem Vorfall im Fahrstuhl das unpersönliche Sie nicht mehr angebracht war.
»Gehst du gerade oder kommst du?«, fragte sie statt einer Antwort.
»Ich wollte ins Café an der Ecke, frühstücken«, erklärte Bernd. »Die haben da einen Raucherraum. Darf ich Sie – dich einladen?«
»Gerne.«
Sie legte ihm den Arm um die Taille, zögernd umfasste Bernd ihre Schultern. Wie ein verliebtes Paar gingen sie die Straße hinunter. An diesem warmen Sommermorgen überlegte Bernd erneut, ob er in einem Traum gefangen sei. Er war überhaupt nicht der Typ Mann, der mit fremden Frauen flirten konnte oder wollte, nicht der Draufgänger, der keine Gelegenheit ausließ, sich zu paaren. Ganz im Gegenteil. Die letzte erotische Zweisamkeit mit einer Frau lag 16 Jahre zurück. Und Monika war keine Fremde gewesen, von der er nichts wusste außer ihren Namen.
Nun verhielt er sich mit dieser rätselhaften Jessika, als seien sie seit langem ein Paar. Und vor allem, das war das Sonderbarste, wollte dieses unerklärliche Gefühl der Vertrautheit nicht weichen. Sie konnten nur so, in engem Körperkontakt, nicht etwa einfach nebeneinander, die Straße hinuntergehen. Alles andere wäre unangebracht, fehl am Platze, gewesen. So unangebracht, wenn er nüchtern überlegte, wie die Minuten im Fahrstuhl.
»Also neulich, als der Lift stecken blieb«, sagte er zögernd, »war ich – was war das? Wieso hast du…?«
»Du schuldest mir eine Revanche«, meinte sie lächelnd.
»Was schulde ich? Ach, äh, nein nein, das Ganze ist einfach unglaublich. So etwas passiert nicht. Wer bist du überhaupt?«
»Ich bin 19 oder 26. Und du?«
Offenbar konnte sie so gut wie nie auf eine einfache Frage eine klare und eindeutige Antwort geben. Sie hätte Politikerin werden sollen, womöglich war sie es ja sogar? Nein, zu jung. Er betrachtete sie aufmerksam von der Seite, während sie das Café betraten. Sie wirkte älter als 19 und jünger als 26, aber es mochte auch eine der beiden Angaben stimmen. Im Schätzen des Alters seiner Mitmenschen war er nicht sonderlich treffsicher.
»Einundvierzig«, antwortete er, als sie an einem Tisch am Fenster Platz nahmen. »Damit bin ich mindestens 15 Jahre älter als du, höchstens 22. Findest du das nicht etwas befremdlich?«
Jessika sagte: »Wie viel dummer Unfug und schwachsinniger Aufruhr war nötig, um euch beide zusammenzubringen.« Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.
»Was? Ich verstehe nicht.«
»Ein Zitat aus einem Buch. Amanda Cross hat es geschrieben, es heißt Eine feine Gesellschaft.«
»Ach so, ja. Ich habe es vor Jahren gelesen. Ein Krimi im Universitätsmilieu, soweit ich mich erinnere.«
Jessika griff nach der Zigarettenschachtel, nahm zwei Pall Mall heraus. Bernd gab ihr Feuer. Eine Zigarette reichte sie ihm.
»Wann erscheint dein nächster Roman?« fragte sie, nachdem sie zwei tiefe Züge inhaliert hatte.
Bernd sah seine Begleiterin erstaunt an. Kaum jemand in der Nachbarschaft wusste, dass er unter einem Pseudonym Bücher schrieb.
Hakan, Inhaber und am Vormittag einziger Mitarbeiter des kleinen Cafés, stellte ein Kännchen Kaffee, einen kleinen Milchkrug, eine große Tasse und ein Croissant vor Bernd auf den Tisch. Sein Stammgast wollte immer das Gleiche und musste schon lange nicht mehr darum bitten. Hakan lächelte Jessika fröhlich zu: »Was darf es für die junge Dame sein?«
»Kaffee, mit Milch und ein Croissant«, antwortete Jessika, »wie Bernd.«
»Kommt sofort.«
Hakan ging zur Theke und Jessika sagte: »Tut es dir denn jetzt eigentlich leid um die Familie Aksu?«
Bernd brauchte einen Augenblick, um die Frage zu verstehen. Seine Gedanken waren nicht bei dem Fahrstuhlunglück gewesen. Er entgegnete: »Natürlich tun mir diese Menschen leid. Es ist schon eine Tragödie. Die ganze Familie auf einen Schlag tot…«
Jessika runzelte wie nachdenklich die Stirn. »Ich dachte, das war in deinem Sinne…«
Als sie eine Stunde später auf dem Weg zu Bernds Wohnung waren, wusste er immer noch nichts über Jessika außer ihren Namen und die sonderbare Altersspanne, wobei er nicht sicher war, ob das vermeintliche Wissen stimmte. Sie mochte genauso gut Juppi heißen, oder Alexandra. Oder Elke. Esmeralda. Kassiopeia. Anna Karenina…
Sie schien mehr über ihn zu wissen, als ihm lieb war. Dass sie seine Bücher kannte, nun ja, das schmeichelte seinem Autorenego. »Wenn einer nicht egozentrisch ist, dann wird er nicht Dichter. So waren sie alle, von Goethe bis Brecht. Nur vermochten Goethe oder Brecht diese Egozentrik einigermaßen zu verbergen«, hatte das Büchernörgele, wie Michael Ende Herrn Reich-Ranicki einst getauft hatte, unlängst festgestellt. Bernd nahm sich da nicht aus. Natürlich will ein Autor gelesen werden, und je mehr er davon weiß, dass er gelesen wird, desto wohler wird es seiner Dichterseele. Aber Jessika hatte auch Details aus seinem Leben angesprochen, die er für sorgsam gehütete Geheimnisse gehalten hatte. Er war nun auf der Hut. Dass Jessika keine normale Person war, keine Zufallsbekanntschaft, das war so sicher wie die Tagesschau um 20 Uhr. Eine Stalkerin? Eine Verwirrte?
Sein Arm um ihre Schultern gelegt, ihre Hand auf seiner Hüfte, schlenderten sie zurück zum Haus mit dem nach wie vor gesperrten Fahrstuhl. Als sie die Treppen emporstiegen, fiel ihm wieder die Bemerkung ein, die er am Cafétisch nicht weiter hinterfragt hatte, weil sich zu viele Fragen gleichzeitig in seinem Kopf gedreht hatten.
Er ging, wie es sich für einen Herrn mit Benimm gehörte, einen halben Schritt hinter Jessika die Stufen empor. Zwischen dem dritten und vierten Stockwerk fragte er: »Letzte Woche sind sechs Menschen abgestürzt. Warum sollte das in meinem Sinne sein?«
Sie drehte den Kopf zu ihm zurück, mit erstaunter Mine. »Das ist doch ein schöner Tod, wenn man nicht weiß, dass es so weit ist. Einfach von einem Moment zum anderen ist man über die Schwelle getreten.«
»Na ja, schon, besser als unheilbarer Krebs wie Dennis Hopper oder ein langes bitteres Entdämmern hinein in die Hilflosigkeit wie Walter Jens. Aber wieso sollte der Unfall mit dem Fahrstuhl in meinem Sinne gewesen sein? Ich kannte die Familie Aksu kaum, gar nicht im Grunde genommen, vor allem aber hatte ich keine Veranlassung, ihren Tod zu wünschen.«
»Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit. Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten.«
»Das Zitieren biblischer Texte beantwortet meine Frage nicht, Jessika.«
Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm. Eine Stufe höher als er stehend nahm sie ihn fest in die Arme, Stirn an Stirn geschmiegt. »Manche Antworten kommen von selbst, wenn es an der Zeit ist. Manche Antworten kommen nie. Und manche Antworten würde man am liebsten nie bekommen haben, wenn sie da sind.«
»Aber ich…«
Sie küsste ihn liebevoll, sanft, wie vor zwei Wochen in der Finsternis der Fahrstuhlkabine. Ein Gedanke, der sich gerade näherte, kam ihm abhanden. Eine Frage, die gestellt werden wollte, eine fast formulierte Vermutung, aber sie war noch zu zart, flüchtiger Nebel, sie entschwand.
Bernd schloss die Türe auf, ließ ihr den Vortritt und Jessika ging unbekümmert voran. Sie warf vom Flur aus einen kurzen Blick in die Küche, ins Arbeitszimmer, ins Wohnzimmer. Das Gästezimmer, dessen Tür geschlossen war, ließ sie unbeachtet und ging zielstrebig ins Bad. Bereits im Flur ließ sie ihre Kleidungsstücke fallen. Sekunden später stand sie unter der Dusche, die Badezimmertüre blieb sperrangelweit offen.
Bernd konnte immer weniger verstehen, was eigentlich mit ihm, seinem Leben vor sich ging. Ich dachte, das war in deinem Sinne… – irgendetwas lauerte im Hintergrund seines Bewusstseins. War es ein Bild? Eine Erinnerung? Fast hatte er zugreifen können, auf der Treppe, vor dem Kuss.
»Bernd?«
Was konnte, sollte, mochte der Gedanke gewesen sein? Wieder regte sich das nicht Greifbare, zu weit entfernt, im Nebel. Nicht deutlich genug, zu verschwommen noch…
»Bernd? Kommst du?«
Er trat zögernd, verloren, an die Tür zum Badezimmer. Jessika winkte ihn herein und zog ihn aus. Es war alles so richtig, so unabwendbar, so natürlich, so unwirklich vertraut. Solche Dinge ereigneten sich vielleicht in Romanen und Erzählungen, wenn die Charaktere einen entsprechenden Charakter hatten und die Autoren ihrer Phantasie die Zügel locker ließen, aber niemals im Leben.

Jessikas Körper, den er erfühlt hatte beim Kuss vor zwei Wochen. Ohne Scheu ließ sie sich im leichten Dunst der feuchter werdenden Luft betrachten. Bernd gingen flüchtige Gedanken an Aids, an Verhütung, an Religion und Moral durch den Kopf, aber er wollte genau das, was offensichtlich Jessika im Sinn hatte. Er, der zurückhaltende Gentleman, der schüchtern einen Bogen um zweideutige Situationen zu machen pflegte, ausgerechnet er ließ sich willig von einer Frau entkleiden, die unter seiner Dusche stand, die er erst vor einer guten Stunde mehr oder weniger kennen gelernt hatte, die ihn zwei Wochen zuvor im festsitzenden Aufzug ungefragt geküsst hatte, um anschließend wortlos zu verschwinden. Nun gut, ein Wort hatte sie immerhin gesagt: Jessika. Der Klang ihrer Stimme war ihm Tag und Nacht nicht aus dem Sinn gewichen in den beiden Wochen.
Sie zog ihn zu sich und an sich unter die Dusche. »Du brauchst keine Angst vor Aids oder sonst etwas zu haben, ich bin kerngesund, und die Pille nehme ich auch. Wir beide sind ein Fleisch, in gewissem Sinne, dagegen bringt kein Gott Einwände vor. Und die Moral, die ist doch relativ, nicht wahr? Also entspann dich, Bernd.«
»Kannst du eigentlich Gedanken lesen?«
»Das hat dein Maler auf der Insel Fehmarn seine Angelina auch gefragt, bevor die Nacht vom Himmel gefallen ist.«
»Du kannst meine Gedanken nicht lesen. Das gibt es nämlich nicht. Dies ist kein Roman, Jessika.«
Sie stand fast reglos an ihn geschmiegt, er genoss den leichten Druck ihrer Haut gegen seinen Unterleib. Der warme Regen aus der Brause hüllte die Engumschlungenen mehr und mehr in feinen Nebel, löste sie aus dem Badezimmer, versetzte sie in Ungewisses, Unwägbares, Ungesehenes. Im Nebel wird Orientierung schwer. Im Nebel verlieren Entfernungen ihr Maß. Im Nebel gehen Geräusche eigensinnige Wege. Im Nebel kann etwas lauern, was man nicht zu sehen wünscht, aber im Nebel wird es sich auch nicht zeigen.
Jessikas Hand strich sanft über seinen Rücken. »Ich bin doch deine Schöpfung«, flüsterte sie im Rauschen des Wassers gerade noch hörbar, »du hast mich erträumt, erschaffen, erwünscht, nenn es wie du willst. Jetzt bin ich da. Für dich. Ich weiß doch, wie du denkst, was du empfindest. Ich brauche zu diesem Behufe keine Gedanken lesen, ich bin ein Teil von dir.«
Natürlich war das Unfug. Vollkommener Blödsinn. Aber Bernd mochte jetzt nicht mehr grübeln, nachsinnen, abwägen, den verlorenen Gedankenhauch zu finden suchen, sich wehren. Wozu auch. Der Nebel hatte alles entfernt, was an der Wirklichkeit wirklich sein mochte. Sie waren die einzigen Menschen auf der Welt, Mann und Frau, und sie verschmolzen, noch unter der Dusche, und dann im Schlafzimmer, mehrfach, zu einem Fleisch.

Am späten Nachmittag wachte Bernd auf, allein zwischen zerwühlten Laken. Aus dem Wohnzimmer hörte er gedämpft Musik, Bob Dylan sang gerade beyond here lies nothin‘, but the mountains of the past. Jessika war vermutlich dort im Wohnzimmer, hatte – wie passend! – Together Through Life aufgelegt, oder war sie schon wieder verschwunden für Wochen? Was wäre ihm eigentlich lieber? Eine Fortsetzung des Unwirklichen oder eine Rückkehr in die Welt, die er gekannt hatte, in der er sich zurechtfand? Wenn er ehrlich mit sich zu Rate ging, dann wollte er Jessika. Nicht nur ihr Körper zog ihn an, das war sicher sicher auch der Fall, keine Frage angesichts der vorangegangenen Stunden, aber es war viel mehr, was ihn förmlich zu ihr hinsog. Als wäre sie ein einst abhanden gekommener Teil seiner Person, die nie vollständig hatte sein können, solange Jessika fehlte.
Das Gefühl nahm zu, sie würden sich seit Monaten kennen, nein, seit Jahren. Natürlich war sie eindeutig nicht normal, irgendwie nicht ganz richtig im Kopf, ausgeflippt, verdreht, aber auf eine angenehme Weise. Anders als jener Besucher, der in einer Geschichte von Stephen King einen Autor mit der Anschuldigung konfrontierte, seine Geschichte gestohlen zu haben. Wie hieß doch die Erzählung? My Secret Window war der Titel der Verfilmung, aber die Geschichte hieß nicht so. Sie war in einem Sammelband zu finden. Irgendwas mit Midnight.
Bernd stand auf und sah sich nach seinen Kleidungsstücken um, dann fiel ihm ein, dass die im Badezimmer auf dem nassen Boden liegen mussten. Er nahm Boxershorts aus der Wäscheschublade und legte sie dann zurück. Es war warm genug, und immerhin war dies seine Wohnung, in der er sich auch sonst unbekleidet aufhielt, wenn die Witterung entsprechend war. Sein Balkon war von außen nicht einsehbar, gerne genoss er in seinem Liegestuhl hüllenlos die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut, im Frühling und im Herbst. Die Sommersonne mied er, indem er seine Markise ausrollte.
Er ging ins Wohnzimmer und sah Jessika durch die Balkontüre auf seinem Liegestuhl in der Sonne. Sie trug so viel Kleidung wie er.
»Ich habe dir ein Bier in den Kühlschrank gestellt«, rief sie.
»Danke!«
»Kommst du raus zu mir?«
»Ja. Soll ich dir was mitbringen?«
»Ich habe noch Mineralwasser, einstweilen reicht das.«
Bernd ging zunächst zum Bücherregal und griff nach Four past Midnight um sich zu vergewissern, dass die gesuchte Geschichte Secret Window, Secret Garden in diesem Sammelband zu finden war. Er schlug die Seite 253 auf. “You stole my story”, the man on the doorstep said. “You stole my story and something’s got to be done about it.”
Bernd stellte das Buch zurück. Er würde sich später die Zeit nehmen, seine Situation mit der von Stephen King geschilderten zu vergleichen. Natürlich hatte Jessika nicht behauptet, er hätte ihr etwas gestohlen, schon gar nicht ihre Geschichte. Im Gegenteil. Aber immerhin: Das Buch schilderte, unter gänzlich anderen Umständen zwar, das Auftauchen einer Figur aus der Gedankenwelt in der Wirklichkeit des Autors. Bernd hatte eine Ahnung, eine Hoffnung, womöglich in dieser Erzählung einen Schlüssel zu finden, der jenen flüchtig gewordenen Gedanken zurückholen konnte.
Er trug sein Bier auf den Balkon, Jessika hatte den Liegestuhl zusammengeklappt und die beiden Gartenstühle mit den bequemen Polsterauflagen bereitgestellt. Sie sah hinreißend aus im warmen Nachmittagslicht. Sie zwinkerte ihm zu, erst rechts, dann links. Als Bernd sich setzte, bekam er einen sanften Kuss auf die Stirn. Das kribbelte irgendwo tief im Kopf, hinunter ins Rückenmark, nicht auf der Haut.
»Wer bist du, Jessika?« fragte er.
»Ich erzähle dir, was du gerade schreibst. Es ist die Fortsetzung deiner Geschichte über die mörderische Hausmeisterin. Nein, nicht die Fortsetzung, es ist eine andere Geschichte, nur eine Person taucht wieder auf, die nächtliche Besucherin. Das Mädchen ist inzwischen erwachsen und du fragst dich, was aus ihr geworden sein mag«, meinte sie, während sie ihre Hand auf seinem Oberschenkel ruhen ließ.
»Volltreffer. Warst du an meinem Computer?«
Jessika schmunzelte und küsste ihn mit ihren weichen Lippen. Die Stirn. Das Kribbeln, inwendig.
»Und keine Angst, Bernd. Jessika hat sich geändert. Sie verspeist weder Leichen noch hat sie die unangenehme Eigenart der Hausmeisterin übernommen, Männern ihr Lieblingsorgan abzuschneiden.«
Ihre Hand wanderte am Oberschenkel empor. Bernd schloss die Augen. »Was machst du bloß mit mir?«
»Alles, was du in deinen Manuskripten geschrieben hast. Oder schreiben wolltest, bevor du dann doch die Zügel angezogen hast. Du glaubst, Literatur sei nur Phantasie, Autoren würden samt und sonders alles erfinden, es gäbe eine Wirklichkeit und eine weitere Welt im Kopf des Autors. Zwei Welten, streng getrennt. Zumindest sagst du dir das. Aber glaubst du es denn wirklich?«
Bernd schwieg. Er wartete, wartete auf das, was noch im Nebel verborgen war. Seine Augen hielt er geschlossen, die Abendsonne färbte den blicklosen Blick rötlich. Ein warmes, ein lebendiges Rot, nicht wie die Fahrzeuge der Feuerwehr. Bei der Rückkehr vom Einkauf waren sie vor dem Haus aufgereiht. Sechs tote Menschen mussten aus dem Schacht geborgen werden. Vier Kinder darunter. Ich dachte, das war in deinem Sinne… Und plötzlich lichtete sich der Nebel. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht. Ein Gedanke so deutlich, so unmissverständlich, als hätte ihn jemand laut ausgesprochen. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht.
»So ein Unfug«, murmelte Bernd.
Jessika sagte nichts, ihre Hand massierte, was die Hausmeisterin in jener finsteren Geschichte abzuschneiden pflegte. Vielleicht hätte er sie damals nicht schreiben sollen? Nicht einmal denken sollen? Aber wie kann ein Mensch nicht denken, was in ihm erwacht?
Bob Dylans Stimme klang aus dem Wohnzimmer. You’re as whorish as ever, Baby you could start a fire. I must be losing my mind. You’re the object of my desire. I feel a change coming on and the fourth part of the day is already gone.
Bernd sagte halblaut: »Ich werde mich hüten, meinen mind zu losen.«
Jessika küsste ihn auf die Stirn. Das Kribbeln. Dann das Feuer, dann das Verlöschen der Vernunft.
Am Abend war Bernd so erschöpft wie seit Jahren nicht mehr, auf eine befriedigende, angenehme, ihn tief durchdringende Weise. Jessika dagegen schien ausgeruht und munter, als wäre sie gerade erst aus erholsamem Schlaf erwacht.
»Wo wohnst du eigentlich?«, fragte Bernd, eine Zigarette im Mundwinkel, während er misstrauisch sein Gesicht im Schlafzimmerspiegel betrachtete und sich ernsthaft fragte, was eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, mit so einem alten Schnösel wie ihm anfangen wollte. Sein Bauch war kein Waschbrett, sondern eine deutliche Wölbung, da half auch kein Einziehen und Luftanhalten. Er war kein Schwächling, aber muskulös konnte er sich auch nicht nennen. Er war einfach normal, unauffällig und eindeutig nicht mehr der Jüngste. Alles andere jedenfalls als ein Frauentyp, wie einschlägige Medien ihn darzustellen pflegten.
»Hier, wenn du willst. «
»Ich meine bisher. Du musst doch irgendwo wohnen. Wo sind deine Sachen? Hast du nicht bisher bei den Studenten im sechsten Stockwerk gelebt?«
»Die Studenten kenne ich so gut wie du, nämlich gar nicht. Bisher war ich ein pubertierendes Mädchen, das mit einem Festmahl in der Wohnung der Hausmeisterin zu mitternächtlicher Stunde zu existieren aufgehört hat. Beziehungsweise genau da stehen geblieben ist, stehen gelassen wurde, ohne eine Chance, weiterzukommen. Ich bin sehr froh, dass du mich jetzt endlich nach so vielen Jahren weitergedacht hast.«
Bernd beschloss, zumindest äußerlich das Spiel mitzumachen. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht. Das war ihm, einmal gedacht, schon am Nachmittag eine Tatsache gewesen, obwohl nichts darauf hindeutete. Gewissheit braucht keine Beweise. Daher war Vorsicht geboten. Wer sechs Menschen auf dem Gewissen hat, macht sich kein Gewissen um einen 41jährigen Schreiberling.
»Na dann«, sagte er, »dann ging die Frage natürlich in die falsche Richtung.«
»Der Weg ist das Ziel«, gab sie zurück. »Wenn du willst, wohne ich hier.«
Bernd nickte. Natürlich wollte er das. Nicht ohne Bedenken, aber die konnte er ja später genauer betrachten.

Einige Wochen später hatte er Familie Aksu vergessen. Er hatte sich an Jessika gewöhnt, und manches nahm er hin, ohne es zu verstehen. Eigentlich war sie nicht eingezogen, sondern einfach geblieben. Kein Gepäck brachte sie in die Wohnung, sie schien auch nirgends sonst etwas gelagert zu haben. Und doch fehlte ihr nichts. Das war so bedenklich wie die Sache mit dem Fahrstuhl. Und noch viel mysteriöser. Am Morgen des zweiten Tages hatte sie nach dem Duschen ein blassgelbes Kleid getragen; woher das gekommen war blieb Bernd verborgen. Am Abend ein silbern schimmerndes Cocktailkleid. Ein warmer Pullover für kühlere Abende. Dessous…. Jessika war einfach da, ging mit ihm frühstücken, spazieren, einkaufen, hatte Geld und Kreditkarten. Sie fragte nichts, wusste alles. Wenn Bernd Fragen stellte, erhielt er selten eine Auskunft, mit der er etwas hätte anfangen können. Jessika wich nicht aus, sie schien oft einfach nicht zu begreifen, dass ihre Antworten ganz und gar abwegig waren. Sie passten nicht zu den Fragen, passten nicht zur Realität. Auch ihr Alter blieb ihm rätselhaft. Mal schien sie Mitte Zwanzig zu sein, mal eher ein Teenager. Er wurde nicht schlau daraus. Sie war neunzehn, sie war aber auch sechsundzwanzig. Beides war keine Lüge. Und doch konnte nur eines davon stimmen, oder vielleicht war ein ganz anderes Alter richtig? Eines Morgens, als sie aus dem Bad kam, sah sie einen Moment aus wie ein Kind, zwölf, höchstens dreizehn Jahre alt. Bernd schob es auf das blendende Sonnenlicht, das durch die Fenster auf sein Gesicht fiel, denn als Jessika näher kam, war sie wieder die junge Frau, die er kannte und doch nicht kannte.
»Wie alt bist du, Jessika?« fragte er erneut, als sie sich neben ihn an den Küchentisch setzte.
Sie lächelte das Lächeln, das ihn noch immer wie am ersten Tag verzauberte. »Wie alt bin ich? Wie alt ist der Ozean? Wie alt ist das Universum? Wie alt ist die Musik? Wie alt ist die Kunst? Wie alt bist du?«
»Das zumindest ist leicht und eindeutig. Immer noch Einundvierzig.«
»Meinst du. Wenn ja, dann hat die Liebe dich wesentlich verjüngt. Aber manchmal bist du so weise, als hättest du bereits Jahrhunderte gelebt. Vielleicht bist du Saint Germain?«
»Hast du Umberto Eco gelesen?«
»Du hast ihn gelesen, Das Foucaultsche Pendel bisher fünf Mal in den Jahren seit – nun ja. Aber gut, wenn du meinst, dann bist du eben einundvierzig. Ich liebe dich.«
Sie tranken ihren Kaffee, rauchten dazu zwei Zigaretten, dann zog sich Bernd in sein Arbeitszimmer zurück, um ein paar Stunden zu schreiben. Ein Abgabetermin rückte langsam näher, und sein Verleger liebte Pünktlichkeit. Jessika hatte nichts weiter vor, sie wollte im nahen Park spazieren gehen.

Der Vormittag war mild und sonnig, ein leichter Wind spielte mit den Zweigen. Etwa dreißig vergnügte oder gelangweilte Kinder, einige an ihren Müttern herumzerrend, andere ins Spiel allein oder mit anderen Kindern vertieft, bevölkerten den Spielplatz. Ein alltägliches, ein kaum beachtenswertes Bild.
Am Rand des Sandkastens standen Bänke, zum Teil im Schatten großer Bäume, zum Teil in der Sonne. Auf einer dunkelgrün gestrichenen Bank, ein wenig abseits, saß eine junge Frau. Neben ihr lag eine Tasche, aus der ein paar Spielsachen herausragten, leuchtend gelbe Kinderschaufeln für den Sand, ein rotes Sieb, der passende Eimer stand neben den Füßen der Frau. Sie nickte dem kleinen Jungen, er mochte vier oder fünf Jahre alt sein, aufmunternd zu, ein freundliches Lächeln auf den Lippen: »Natürlich darfst du den Eimer ausleihen, Hauptsache, du bringst ihn später zurück.«
Der Knirps schnappte den Eimer und rannte zum Sandkasten, wo er eifrig begann, mit beiden Händen das Gefäß zu füllen.
»Etwas weiter nach links, Junge«, flüsterte die Frau auf der Bank, und obwohl er das Flüstern aus der Entfernung von etwa zehn Metern auf keinen Fall gehört haben konnte, krabbelt er einen halben Meter nach links, um dort eifrig weiterzuschaufeln.
Die junge Frau warf einen forschenden Blick in die Runde, aber niemand achtete auf sie oder das Kind mit dem geliehenen Eimer. Sie wusste, dass sich das gleich ändern würde, zumindest was den Jungen betraf. Oder das, was übrig bleiben mochte. Sie selbst würde dann bereits durch das Gebüsch hinter der Bank getreten sein und auf dem Hauptweg wie eine von vielen Spaziergängerinnen die Ruhe des Parks genießen.
Der Knabe hatte den Eimer gefüllt, leerte ihn mit einem frohen Lachen hinter sich aus, und begann erneut, zwischen seinen ausgestreckten Beinen zu graben.
Die dritte Ladung Sand landete noch im Eimer, eine vierte Ladung gab es nicht mehr. Stattdessen bestaunte der Junge das merkwürdige Gebilde, das er ausgebuddelt hatte. Es war schwer, sah leicht verrostet aus, und es hatte einen Ring, der so ähnlich aussah wie die Ringe, mit deren Hilfe man eine Dose mit Limonade öffnete. Er probierte es aus, zog, betrachtet das metallene Ei, dreht es hin und her, her und hin. Gerade als er das Interesse verlor und das Fundstück wie zuvor den Sand hinter sich werfen wollte, explodierte die Handgranate mit einem trockenen Krachen. Die Vögel flogen erschreckt aus den Bäumen und Büschen auf, die Köpfe der Menschen wandten sich dem Ursprung des Krachens zu, der Körper des Jungen – oder das, was einmal ein Körper war, landete in kleinen Portionen weit verstreut im Sand und im Gebüsch.
Eine junge Frau ging gelassen den Weg hinunter, streichelte den Kopf eines neugierigen Hundes.

Am nächsten Vormittag hatte Bernd einen Termin beim Zahnarzt. Eigentlich war es ein kurzer Weg am Spielplatz vorbei, aber der gesamte Park war gesperrt, da man ihn nach weiterer Munition absuchen wollte und wohl auch musste. Berlin war beunruhigt, nicht nur durch das tragische Unglück mit der Handgranate. »Bomben, Granaten oder Munition würden auch 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch ständig gefunden, insgesamt etwa 25 bis 40 Tonnen pro Jahr«, hatte die Sprecherin des Senats einer Zeitung gesagt. »Meist handele es sich um kleinere Sprengkörper. Große Funde, wie die beiden 250-Kilo-Fliegerbomben von Dienstag und Mittwoch, die von Spezialisten aufwendig entschärft werden mussten, seien seltener.« Dass unter den kleineren Sprengkörpern auch Handgranaten gefunden wurden, kam kaum vor, war aber nicht ausgeschlossen.
Bernd küsste seine Jessika zärtlich und drückte sie an sich. »Du siehst bezaubernd aus in diesem weißen Kleid, Jessy. Hinreißend. Makellos.«
»Danke. Du bist der bestaussehende Mann auf Gottes grüner Welt, Bernd. Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich.«
Auf dem Weg zur Praxis fragte er sich, woher Jessika das offenbar neue weiße Kleid haben mochte. Sie verbrachten die meiste Zeit miteinander, ohne dass dies einem von ihnen überdrüssig wurde. Sie kauften zusammen ein, aber nie hatten sie Kleidung für Jessika besorgt. Eigentlich fragte er sich weniger woher, denn das war sowieso rätselhaft und das Rätsel nichts neues. Er fragte sich eher, warum.
Am Vorabend, als er sie hingerissen in der weißen Bluse und den engen blauen Jeans betrachtete, während sie im Restaurant von der Toilette zurück zum Tisch kam, hatte er gedacht, dass ihr ein schlichtes, weißes, ärmelloses Kleid, in der Taille mit einem goldenen Gürtel zusammengerafft, hervorragend stehen müsste.
Und heute Morgen hatte sie genau dieses Kleid getragen.
Vor einer Woche etwa hatte er sich nachts im Bett, als sie schon in seinem Arm schlief, vorgestellt, Jessika würde am Frühstückstisch in einem seidenen Kimono sitzen, der lose geschlungene Gürtel würde sich nach und nach lösen und dabei mehr und mehr von ihrer samtenen Haut enthüllen.
Genau das war am nächsten Morgen geschehen, sogar die Farbe des Kimono, ein schimmerndes Blau, das leicht ins Violett spielte, hatte gestimmt.
»Das gibt es alles nicht,« murmelte er vor sich hin, »das gibt es nicht.«
»Doch, alles was Sie möchten gibt es. Was darf es denn sein?«
Bernd sah überrascht auf. Vor ihm stand ein älterer Herr, volles graues Haar, ordentlich gescheitelt, umrahmte den charaktervollen Kopf, eine goldgeränderte Brille vergrößerte die klaren wachen Augen. Der Fremde trug trotz der sommerlichen Hitze einen dunkelblauen Anzug mit Weste, blitzblanke schwarze Schuhe, ein ausnehmend ordentlicher und korrekter Herr, er wirkte etwas deplatziert in der Wärme des Sommertages.
»Entschuldigung, ich habe nur mit mir selbst geredet«, lächelte Bernd.
»Einen schönen Tag wünsche ich dann noch, und grüßen Sie Jessika herzlich von mir.«
Der Mann ging weiter, aber mit zwei Schritten hatte Bernd ihn eingeholt und hielt ihn am Arm fest. »Moment, bitte, mein Herr. Wer sind Sie? Woher kennen Sie Jessika? Wieso wissen Sie, dass ich sie kenne? Woher kennen Sie mich?«
Ein verständnisvolles Lächeln erhellte das Gesicht des Fremden. »So viele Fragen? Die Antworten sind doch in ihrem Kopf, nicht wahr? Sie wissen genau, wer ich bin.«
»Kommissar Schöffler.«
»Kommissar a. D., aber sonst korrekt. Entschuldigen Sie mich, ich muss weiter. Auf Wiedersehen.«
Er ließ Bernd stehen und verschwand mit ausholenden Schritten um die nächste Ecke. Bernd sah hinterher und schüttelte den Kopf. Er hatte außer Kaffee nichts getrunken, andernfalls hätte er das Erlebte leicht als Produkt seiner überreizten, vom Alkohol beflügelten Fantasie abtun können. Kommissar Schöffler war eine Figur, seine Figur, in zwei Kurzgeschichten und einem Roman. Der Roman war fertig, aber noch nicht veröffentlicht. Der Mann hatte genau so ausgesehen, wie er sich beim Schreiben den Kommissar ausgemalt hatte. Etwas älter wirkte er, aber es war eindeutig dieselbe Person. Selbst die Stimme passte.
Bernd betrat das Haus, in dem die Zahnarztpraxis lag. Er lachte halblaut. Ich werde verrückt, so einfach ist das. Mein Gehirn dreht durch, ich werde in kürzester Zeit in der Klapsmühle landen. Es kann sich nur noch um Tage handeln. Wenigstens weiß ich jetzt, was los ist, das ist doch beruhigend. Der ganz normale Wahnsinn hat mich in den Klauen. Das alles passiert gar nicht.
Als er etliche Stunden später nach Hause kam, war er betrunken. Nicht angetrunken, sondern vollkommen blau. Vom Zahnarzt aus hatte er schnurstracks die nächste Kneipe aufgesucht.
Am nächsten Morgen hatte er einen erbärmlichen Kater und eine liebevolle Jessika, die seine Stirn kühlte und alles tat, damit er sich bald besser fühlte. Sie fragte nicht nach dem Vortag, und er erzählte auch nichts. Er wusste nicht mehr, was er wirklich erlebt und was er sich im Suff eingebildet hatte. Aus der Entfernung betrachtet war vermutlich alles, woran er sich zu erinnern glaubte, ein Produkt seiner überreizten Fantasie. Trotz der hämmernden Kopfschmerzen musste er grinsen. Schöffler, das war der größte Witz, den sein Gehirn ihm bisher erzählt hatte. Das war der Witz des Jahrhunderts.
Jessika versprach, ihm aus der Apotheke Aspirin mitzubringen, sie wollte mit dem Bus nach Steglitz fahren, um ein paar Fotos vor der Verwandlung des »Bierpinsel« zu machen, der in ein Kunstwerk umgestaltet werden sollte. Sie fand es spannend, das von Anfang an zu dokumentieren.

Alles Mögliche kann versagen. Auch Menschen. Der eine versagt im Beruf, der andere im Privatleben. Mancher versagt in beiden Bereichen. Der Busfahrer hatte bisher nur im Privatleben versagt, an diesem Tag sollte das berufliche Versagen hinzukommen. Damit war dann auch alles Versagen für immer vorbei.
Er hatte seinen Dienst pünktlich begonnen. Da er alleine lebte, von gelegentlichen Übernachtungen mehr oder weniger unbekannter Damen einmal abgesehen, war er lieber unterwegs, sei es bei der Arbeit oder sonst irgendwo, als zu Hause. Meistens suchte er in seiner Freizeit nach einer Frau, die er irgendwie in sein Bett oder sonst irgendwohin bekommen konnte, wo sich die Gelegenheit zum schnellen und brutalen Sex bot. Er suchte eigentlich nicht die Frauen, sondern ihren Körper, was mit den Personen geschah, war ihm vollkommen gleichgültig. Er brauchte Abwechslung, er schlief nie mit einem Körper ein zweites Mal.
An der Haltestelle Kurfürstendamm stieg eine junge Frau zu, die ihn aufmerksamer als andere Fahrgäste musterte, die meisten würdigten die Chauffeure keines Blickes, streckten ihre Monatskarten oder Fahrscheine hin, er nickte höchstens leicht mit dem Kopf, ignorierte die Fahrausweise. Ihm war es sowieso egal, ob die Leute bezahlten oder nicht. Sein Job war das Fahren und das Verkaufen von Tickets, wenn denn jemand unbedingt einen Fahrschein bei ihm lösen wollte.
Die Frau gefiel ihm. Sie sah ihn aufmerksam an, fast forschend. Er lächelte, sie quittierte das mit einem ganz leichten Anheben der Mundwinkel und setzte sich auf den Behindertenplatz gleich neben der Türe, so dass sie ihn beobachten konnte. Er konnte sie dort ebenso gut mustern wie sie ihn. Ein weiterer Körper zum einmaligen Gebrauch schien sich da womöglich anzubieten. Der Fahrer spürte, wie sein Penis sich in Windeseile aufrichtete.
Ein hellgrauer, knielanger Rock, darunter nackte Beine, die nackten Füße in weißen Sandalen, ordentlich lackierte Zehennägel schauten durch das Ledergeflecht. Eine blassviolette Seidenbluse mit kurzen Ärmeln, und eindeutig keinen BH darunter, ein schmaler, wunderbarer Hals, ein ebenmäßiges Gesicht mit sonderbar grünen Augen, ein Grün, das ins Gelbliche spielte. Halblange, dunkle Haare. Die Arme gebräunt wie die Beine und das Gesicht, eine kleidsame, keineswegs übertrieben dunkle Tönung. Schmale Hände, mit dezent lackierten Nägeln. Wunderbar sanfte Hände, die jetzt den Saum des Rockes höher und höher schoben.
Der Fahrer warf einen raschen Blick in den Spiegel, der Bus war fast leer, niemand achtete auf die Frau oder ihn. Er blickte wieder zu ihr, sie zwinkerte ihm zu, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge. Die geschmeidigen Finger wanderten unter den Rock, der viel höher nicht zu schieben war. Er beobachtete noch den Verkehr, lenkte mit einer Hand, weil die andere im Schoß beschäftigt war, in immer kürzeren Abständen musste er zu diesen schlanken Beinen hinüberschauen. Die waren leicht gespreizt, und der Fahrer sah, dass sein attraktiver Fahrgast unter dem Rock nichts trug als Haut. Glattrasierte Haut. Seine Erektion entlud sich, als sein Bus ungebremst auf einen stehenden Tanklastzug prallte.
Die junge Frau hatte sich beim Aufprall festgeklammert am Sitz, war dann blitzschnell durch die aufgesprungene Tür verschwunden. Die übrigen Passagiere waren nicht so schnell, soweit sie unverletzt geblieben waren und noch hätten schnell sein können. Sie waren nicht schnell genug. Sie brauchten auch nie wieder schnell sein. Das auslaufende Benzin aus dem Tanklastwagen entzündete sich 30 Sekunden nach dem Aufprall.
Die Zeitungen spekulierten am nächsten Tag über Herzversagen des Fahrers, Versagen des Gehirns, aber was immer es auch gewesen sein mochte, ihn konnte man nicht mehr fragen und es war nicht genug von ihm übrig, um Untersuchungen anzustellen. Er war zuerst vom Lenkrad aufgespießt, dann vom Splitterregen der Scheibe gespickt worden und schließlich in der Flammenhölle bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Mit ihm starben vierzehn Passagiere.

Zwölf Wochen nach Jessikas Erscheinen in seinem Leben liebte Bernd sie immer noch wie am ersten Tag, nein, immer mehr sogar, je vertrauter sie miteinander wurden. Das Feuer der Leidenschaft erwies sich als unauslöschlich. Trotz aller Zweifel und offen gebliebener Fragen. Man gewöhnt sich an Ungewöhnliches, ziemlich schnell sogar, wenn die Begleitumstände angenehmer Natur sind.
Jessika schien jede Einzelheit seines Lebens, jede Angewohnheit, jeden Gedanken zu kennen. Das machte ihm nichts mehr aus, erstaunte ihn noch hin und wieder, sorgte aber nicht mehr für Irritationen oder Bedenken. Bernd genoss sein unerwartetes und unverdientes Wohlergehen, gelegentlich tauchte unbestimmte Angst auf, dass so viel Glück auf keinen Fall andauern konnte. Doch im Augenblick, nach rund der Hälfte seines Lebens, meinte es das Schicksal außergewöhnlich gut mit ihm. Wenn die zweite Hälfte so weiterging, wenn die Liebe, die er bisher nur aus seinen und anderen Büchern gekannt hatte, tatsächlich für ihn Realität bleiben würde, dann war er eindeutig der glücklichste Mensch auf dieser Welt.
Es interessierte ihn nicht mehr, ob Jessika aus dem Weltraum, aus seinem Kopf oder schlicht aus einem Kuhkaff irgendwo in Vorpommern gekommen sein mochte. Was zählte war, dass sie mit ihm das Leben teilte und dass sie ihn liebte wie er sie liebte. Nicht nur körperlich, doch auch und gerade diese Komponente war eine Offenbarung.
Bernd hatte über Sex geschrieben, nicht immer so dezent wie ein alter Film, wo die Kamera ausblendete oder den Blick aus dem Schlafzimmerfenster hinaus auf den Sonnenuntergang führte, bevor das Paar im Bett die Decken von sich streifte oder strampelte. Er hatte sich nie gescheut, auch erotische Fantasien zu Papier zu bringen; wie detailliert das jeweils ausfiel, hing einfach von der Zielgruppe ab, für die er schrieb.

Sein eigenes Sexleben war, bis Jessika auftauchte, langweilig. Er hatte keine Partnerin, die Mutter seiner jetzt sechzehnjährigen Tochter lebte seit vierzehn Jahren mit einem anderen Mann zusammen. Bernd hatte Sex nie für etwas gehalten, was für ihn persönlich wichtig oder sogar eine Quelle unendlichen Vergnügens werden konnte. Er hatte seine rechte Hand, every poet masturbates, hatte er einmal in einem Rockkonzert auf dem Riesenmonitor über der Bühne gelesen, und das war die ganze nüchterne Wahrheit. Mit seinen einundvierzig Jahren hatte er auch keine großen Träume oder Ambitionen mehr gehabt, die große Liebe zu finden.
Mit Jessika war alles anders geworden.
Alles.
Anders.
Geworden.
Er wusste als belesener Mensch natürlich, dass Sex gesund und für das allgemeine Wohlbefinden förderlich ist, aber vor Jessikas Erscheinen hatte Bernd keine Ahnung gehabt, in welchem Ausmaß das zutraf. Er erkannte sich selbst kaum wieder. Every poet needs the pain war ein weiterer Satz vom Monitor beim Konzert mit U2 vor vielen Jahren. Wenn das stimmte, war er kein Poet mehr. Jeglicher Schmerz war vergessen, Bernd war einfach nur glücklich und zufrieden.
Und produktiver als je zuvor. Seit Jessika da war, schrieb er phantasievoller und fließender. Er war auch zuvor nicht schlecht gewesen, abgesehen von Gedichten aus Teenagertagen, aber die schrieb vermutlich jeder Pubertierende und jeder schrieb sie gleichermaßen grauenhaft. Seine Geschichten verkauften sich recht gut, seine Bücher erzielten ansehnliche Auflagen. Dahinter steckte sehr viel Mühe und Arbeit, Ringen um die richtigen Worte, Feilen an Formulierungen, Umschreiben oder Verwerfen ganzer Passagen…
Jetzt schrieb er plötzlich leicht und inspiriert, als diktiere ihm eine unhörbare Stimme. Er schrieb manche Nacht durch, Jessika hielt sich im Hintergrund, brachte ein Glas Wein oder Bier genau dann, wenn ihm danach war, leerte hin und wieder den Aschenbecher neben der Tastatur, fragte nichts und unterbrach ihn nicht. Nur manchmal küsste sie ihn auf die Stirn: Kribbeln tief drinnen, irgendwo.
Wenn er nach stundenlangem Arbeiten erzählen wollte, wie weit er war und was er geschrieben hatte, wusste sie es bereits, obwohl sie selten einmal einen Blick über seine Schulter auf den Bildschirm geworfen hatte.
Er hatte nach einer Weile aufgehört, ihr vom Fortschritt der Arbeit erzählen zu wollen, bat sie stattdessen manchmal um einen Kommentar, eine Wertung, Tipps, Hinweise.
Sie hatte gute – nein, sie hatte perfekte Ideen. Kleinigkeiten meist, die jedoch dem Text etwas hinzufügten, was Bernd als genial bezeichnen musste.
Gelegentlich änderten diese Kleinigkeiten die Richtung, die eine Erzählung nahm, waren am Ende ausschlaggebend für den Schluss; und wenn das vorkam, dann war das Ergebnis immer überzeugender und logischer als das, was er zuerst im Kopf oder auf dem Bildschirm gehabt hatte.
»Meine Muse«, nannte er sie dann, »meine Pampelmuse.«
»Willst du jetzt und hier, gleich am Schreibtisch, pampeln?« Zwinkern, erst rechts, dann links.
»Pampeln ist Babysprache.«
»Wir müssen ja nicht sprechen«, gab sie zurück und entledigte ihn seiner Kleidung. Er ließ es gerne geschehen…
Bernd bemerkte nicht, dass Jessika nicht nur seine Arbeit, sondern sein ganzes Leben prägte, mehr und mehr bestimmte. Unmerklich ging die Übernahme vonstatten. Er war immer sehr auf seine Selbstständigkeit bedacht gewesen, und genau darauf nahm Jessika entweder Rücksicht, oder sie machte instinktiv alles richtig. Sie lenkte ihn wie seine Erzählungen, dirigierte seine Gewohnheiten, seinen Tagesablauf, aber stets so, dass es ihm wie seine eigene Wahl vorkam. Jessika brachte ihn dazu, so zu entscheiden, wie sie es wollte.
Manchmal regte sich etwas in ihm. Eines Nachts hatte sie in der Küche hantiert, Bernd saß am Computer und dachte zurück an sein Leben vor Jessika. Wie ein Schatten, der irgendwo im Nebel der Gedanken schlummert, von dem man weiß, dass er irgendwo vorhanden ist, hatte sich etwas bemerkbar machen wollen in seinem Kopf. Aber es war nicht durchgedrungen. Das es-liegt-mir-auf-der-Zunge-gleich-habe-ichs-Gefühl führte nirgendwo hin. Das Etwas war bedrohlich, dunkel, unangenehm. Sehr sehr unangenehm sogar. Bernd wollte es nicht wissen, aber er fürchtete, dass es von entscheidender Bedeutung war. Er musste nachdenken, weil sonst … weil ihm …
Während er noch im Nebel stocherte, kam Jessika mit frisch angemachtem Salat und einer Flasche Rotwein, ihr Lächeln und die willkommene Ablenkung verscheuchten das Gefühl. Bernd dachte wochenlang nicht mehr darüber nach.

In einer Großstadt passiert jeden Tag Schlimmes. Die Menschen sind daran gewöhnt. Sie lesen Meldungen in der Tageszeitung oder sehen Berichte im Regionalprogramm, murmeln vielleicht wie schrecklich oder die armen Menschen, und dann schieben sie sich die nächste Fuhre Kalbsschnitzel in den Mund und spülen mit Bier nach. Oder Pasta mit Rotwein. Oder die Butterstulle und Pfefferminztee.

Ein Handelsvertreter, der von Tür zu Tür seine Reinigungsmittel anbietet, verschwindet spurlos. Niemand weiß, an welcher Tür er zuletzt geklingelt hat.
Ein Bauarbeiter stürzt vom Gerüst, aus dem neunten Stockwerk, er ist sofort tot. Er kann niemandem mehr erzählen, was ihn so erschreckt hat, dass er das Gleichgewicht verlor.
Niemand weiß, ob der zwölfjährige Junge gegen den einfahrenden U-Bahn Zug gesprungen ist oder gestoßen wurde. Viele wissen, dass seine Gehirnmasse auf dem Bahnsteig im Neonlicht funkelte, weil die BILD Zeitung ausführlich darüber berichtet hat, mit Foto natürlich.
Großbrand einer Tankstelle. Zwölf Tote. Keine Zeugen. Kein Bekennerbrief. Aber Spuren von Brandbeschleunigern.
Raubmord in einer Kneipe auf dem Männerklo. Das Opfer ist beim Pinkeln von hinten erstochen worden. Niemand hat gesehen, wer außer dem Opfer die Toilette betreten hat.

All diese Unglücks-und Kriminalfälle aus den Regionalnachrichten waren Bernd unbekannt. Er bekam gar nicht oder nur am Rande mit, was in Berlin an Sex & Crime vor sich ging. Er interessierte sich für die Tagesschau, den Weltspiegel, das Auslandsjournal, aber kaum für lokale Meldungen. Der Berliner Tagesspiegel, den er abonniert hatte, blieb so gut wie immer ungelesen, abgesehen vom Kulturteil und ein paar Schlagzeilen auf der ersten Seite.
Er arbeitete gerade an einer Gute-Nacht-Story für Leute, die schlecht oder gar nicht schlafen wollten. Sein Verlag bereitete einen Auswahlband von Horrorgeschichten vor und Bernd sollte zwei Erzählungen beisteuern. Eine war seit Wochen fertig, es ging um einen Jungen, der im Buddelsand eine Handgranate findet. Die zweite schrieb er gerade. Eine Medizinstudentin, die einmal durch das Examen gefallen war, übte zu Hause eifrig für die Anatomieprüfung, indem sie Menschen aufschnitt und deren Organe untersuchte. Lebendige Menschen, wegen der Frische der Organe. Etwa zwei oder drei Seiten fehlten dem Manuskript noch zum gewünschten Umfang. Bernd beschloss, eine Denkpause einzulegen.
Er setzte sich ins Wohnzimmer und blätterte im Tagesspiegel, um kurz ausspannen, ein paar Minuten weg vom Bildschirm und den Überlegungen zu seiner Geschichte zu sein.
Ermittlungen ergebnislos – Unfallursache bleibt Geheimnis titelte die Zeitung im Lokalteil, den Bernd zufällig aufschlug. Darunter wurde in kurzen Sätzen berichtet, dass die Untersuchungen eines tragischen Unfalls zwischen Linienbus und Tanklastwagen eingestellt worden waren. Vom Fahrtenschreiber war nichts übrig, und Zeugen konnten nichts zur Klärung beisteuern. Der Arzt der Busfahrers konnte lediglich aus seinen Unterlagen ein gesundes Herz und keinerlei Anzeichen für einen drohenden Gehirnschlag oder sonstiger Gefährdungen attestieren. Busfahrer müssen regelmäßig zur Gesundheitsüberprüfung, die letzte war zum Unfallzeitpunkt erst drei Monate her gewesen.
Das Datum des Unfalls war in Klammern angegeben. Bernd starrte auf die Zeitung: »Bei dem Unglück (14. Mai) kamen fünfzehn Menschen ums Leben.«
Ein Kälteschauer überzog Bernds Stirn, dann den Rücken. Am 13. Mai war er beim Zahnarzt gewesen und hatte sich hinterher betrunken wie nie zuvor. Das Datum hatte sich eingeprägt, weil er eine Kurzgeschichte darüber geschrieben hatte. Vollrausch 13-05 hatte er sie genannt.
Am 14. Mai hatte Jessika ihm Aspirin mitgebracht von ihrem Ausflug zum Bierpinsel. Und sie hatte ganz leicht, fast unmerklich, aber eben nur fast, nach verbranntem Gummi, Benzin, Kerosin, was auch immer… sie hatte nach einem unglaublich heißen Feuer, einer Explosion gerochen. Er hatte an ihrem Haar geschnüffelt und gesagt, dass ihn der Geruch an einen abgebrannten Bauernhof erinnerte, den er vor Jahren besichtigt hatte.
Jessika hatte lachend erwidert: »Ich bin eben so heiß auf dich, Bernd, dass man das schon riechen kann. Gleich brenne ich durch!« Kopfschmerz und Übelkeit vergingen dann zügig, nicht nur dank der Tabletten.
Nun starrte er etliche Wochen später auf dieses Datum und fragte sich, ob es einen Zusammenhang gab. Fast wieder riechen konnte er den seltsamen Feuerodem von damals. Das Etwas drängte sich energisch in sein Bewusstsein.
Jessika hat die Familie Aksu umgebracht.
Eine dumme Vermutung, längst vergessen.
Und der Brandgeruch?
Zufall, was sonst.
Wo war Jessika, als der Fahrstuhl abstürzte? Wo war sie, als die Menschen im Bus verbrannten? Wo war sie, als…
Jessika war auf dem Balkon, goss im Evaskostüm die Pflanzen. Bernd legte die Zeitung weg und ging zu ihr hinaus.
»Kommst du gut voran mit der Medizinstudentin?«, fragte sie, obwohl sie natürlich wusste, ob und wie er vorankam.
»Ja, sehr gut. Der Handelsvertreter ist jetzt im neunten Stockwerk und klingelt an einer Tür, an der kein Namensschild befestigt ist.«
»Wie wäre es, wenn er, bevor er klingelt, kurz innehält, weil er ein Geräusch hört?«
»Warum?«
»Er könnte zum Beispiel das gedämpfte Summen eines elektrischen Küchenmessers hören.«
»Und dann?« Er sah Jessika gespannt an. »Was dann? Macht die Studentin mit dem blutverschmierten Messer in der Hand die Türe auf oder was?«
Jessika lachte fröhlich. »Nein, natürlich nicht. Sie weiß ja nicht, wer draußen steht, ob es ein passendes Opfer ist oder nicht. Es könnte ja der Postbote sein oder ein Bekannter oder eine Nachbarin… irgend jemand, der schnell vermisst wird. Nein, sie ist ja nicht blöd. Immerhin studiert die Medizin, hat einen enormen IQ.«
Bernd nickte. »Okay, sehe ich auch so, aber warum soll er dann das Messer hören?«
»Er könnte es hören und dabei beschleicht ihn eine Vorahnung, ein dunkles, undefinierbares Grauen vor diesem an und für sich ja harmlosen Geräusch. Fast will er weitergehen. Fast. Später, als sie dann das Messer ansetzt, sind seine letzten Gedanken, dass er genau dieses Geräusch schon einmal gehört hat, er weiß bloß nicht wo und wie, weil die Angst und Schmerzen ihn am Denken hindern. Dann, als er stirbt, im letzten Augenblick eben, weiß er es wieder. Das summende Geräusch hat er durch die Tür gehört.«
»Gefällt mir sehr gut. Manche Leute werden zwar sagen, ich hätte ein bisschen meine Jessika-Story kopiert, mit der schnittsüchtigen Hausmeisterin, aber die Idee ist gut.«
»Dann schreib das auf«, sagte Jessika und küsste ihn auf die Stirn. Das Kribbeln, tief drinnen, und bis hinunter ins Rückenmark. Die Bewegung unter der Gürtellinie. Das Leben, wie er es vor Wochen nicht gekannt hatte.
Am übernächsten Abend sah Bernd in den Fernsehnachrichten einen kurzen Bericht über das Auffinden mehrerer zum Teil schon verwesender Leichen, denen bestimmte Organe entnommen worden waren. Fachmännisch, dem Vernehmen nach. Das jüngste Opfer war ein Handelsvertreter, der…
Bernd rannte auf die Toilette und übergab sich ausgiebig. Jessika war noch unterwegs, wo auch immer, und ihm dämmerte, dass es vielleicht besser wäre, sie würde nicht zurückkommen.
»Schade, Bernd. Ich dachte, du wärest endlich derjenige, der verstehen würde. Habe ich mich so sehr in dir geirrt?«
Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Es war sinnlos, Jessika etwas vorlügen zu wollen. Sie konnte seine Gedanken lesen, wenngleich sie das Gegenteil behauptet hatte. Aber warum sollte ein solches Geschöpf der Finsternis auch die Wahrheit sagen? Bernd hatte, als sie nach Hause kam, versucht, wie Tom Cullen in Steven Kings bestem Buch einfach nur M-O-O-N zu denken, aber das war gründlich schiefgegangen. Sie sah ihn kurz an, lachte vergnügt und sagte: »M-O-O-N, that spells Bernd hat endlich kapiert was Jessika ist?«
Er hatte kapiert. Zu spät. Viel zu spät. Und dann hatte er auch noch das Bier getrunken, das sie ihm gebracht hatte – offenbar mit irgendwelchen KO-Tropfen vermischt. Jedenfalls war er auf dem Sofa eingeschlafen und nackt auf dem Bett, ausgestreckt, Handgelenke und Fußgelenke an die Pfosten gefesselt, wieder aufgewacht.
Jessika saß auf seinen Schenkeln, gab ihm ausgiebig Gelegenheit, ein letztes Mal ihren makellosen Körper zu bewundern. Er schloss die Augen.
»Es muss nicht das letzte Mal sein, Bernd. Ich liebe dich, und ich möchte, dass es so weitergeht mit uns beiden. Warum auch nicht? Es gibt doch keinen Grund, das alles zu zerstören.«
»Du bringst Menschen um, Jessika.«
»Du auch.«
»In meinen Geschichten, ja, aber doch nicht in Wirklichkeit, nicht im echten Leben.«
Bernd öffnete die Augen wieder. Konnte es doch noch ein Entkommen geben?
Sie wirkte konzentriert, als wolle sie ihm tatsächlich das Unerklärliche erklären. »Warum verstehst du das bloß nicht? Es gibt keinen Unterschied. Deine Erzählungen sind so wirklich wie das, was die Tagesschau sendet oder die Zeitung druckt.«
»Nein, Jessika. Nein.«
»Dann bin ich auch nicht wirklich. Dann ist keine von uns wirklich.«
Bernd horchte auf. Gab es mehrere Jessikas? Oder was meinte sie mit der Pluralform? Er fragte: »Wer oder was seid ihr? Sag mir das, bevor ich sterbe.«
Jessika begann, sanft seinen Körper zu streicheln, voller Zärtlichkeit, Hingabe, Zuneigung.

»Wir sind immer da gewesen. Man nennt uns Musen, man nennt uns Boten oder Inspirationen, man gibt uns viele Namen. Aber die wenigsten Menschen glauben tatsächlich an uns, und noch viel weniger Menschen hatten jemals direkten Kontakt wie du, Bernd. Du bist ein Auserwählter, weil ich in dir etwas Besonderes gesehen habe, etwas was selten ist. Du liebst und lebst die Gestalten deiner Geschichten, du leidest mit ihnen, freust dich mit ihnen, ängstigst dich mit ihnen. Deshalb dachte ich, du würdest verstehen. Zusammenarbeiten.«
»Es ist grausam, Menschen umzubringen. Was haben Inspirationen oder Musen mit den echten Menschen zu tun, die du hast sterben lassen?«
»Es wäre noch grausamer, wenn es den Tod nicht gäbe.«
»Wie meinst du das?«
Er beobachtete erstaunt, dass sein Penis sich unter ihren sanften Berührungen aufrichtete. Damit hatte er in dieser Situation nicht gerechnet. Er war mit größter Wahrscheinlichkeit Minuten vom Tod entfernt, seine Henkerin saß auf seinen Oberschenkeln, das frisch geschärfte große Küchenmesser lag neben seinem Kopf auf dem Kissen… und sein Glied machte, was es wollte, als sei dies nur eine weitere vergnügliche Liebesnacht. Kein Leser würde ihm so etwas glauben, wenn er es in eine Geschichte geschrieben hätte.
Jessika lächelte. Noch immer, trotz allem, verzauberte ihn dieses Lächeln. Sie fuhr fort: »Du bist einer von den Menschen, deren Aufgabe darin besteht, den Rest der Menschheit auf den Tod vorzubereiten. Alle Schriftsteller haben nur diese eine Aufgabe. Wir bringen die Menschen ins Jenseits. Das ist unsere Aufgabe. Und ich glaube immer noch, dass wir beide wunderbar zusammenarbeiten könnten.«
Bernd schüttelte den Kopf. »Das ist Unsinn. Ich kenne einige Autoren, und keiner sieht seinen Job so.«
»Das wissen wir«, entgegnete sie sanft, während sie mit ihrem Becken etwas weiter hinauf rutschte, »dass ihr es nicht wisst. Oder zumindest die meisten Autoren wissen es nicht. Einige ahnen es immerhin, nach vielen Jahren des Schreibens. Alle Literatur dient diesem Zweck, meist ohne Wissen des Schriftstellers. Ein Liebesroman, voller Kitsch, entsetzlich in der Wortwahl, schenkt seinem meist aus älteren Frauen bestehenden Publikum die Illusion, im Leben etwas für die Ewigkeit geleistet zu haben, irgendwo dort drüben eine Belohnung erwarten zu dürfen. Wenn dann hier das Leiden zunimmt, wächst die Freude auf das Jenseits. Die großen Romane der größten Schriftsteller – alle haben das gleiche Ziel, für unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. Auch diejenigen, die sogenannte Gebrauchsliteratur schreiben, tun das Gleiche, nur eben für andere Leser. Ob nun durch Ausmalen des Grauens, das passieren kann oder durch Erhebung des Jenseitigen oder durch Aufwertung des eigenen Leserlebens: Die Angst vor dem Tod mindern, das ist der wahre Zweck der Literatur. Und der Künste überhaupt.«
Bernd begann, zu begreifen, was sie meinte: Die Engel des Todes, die Herbeiführer des Lebensendes versuchten, ihrer Arbeit den Schrecken zu nehmen, und sei es, indem Autoren wie er Unheil in blutroten Lettern vor die Augen der Leser malten. Aber er verstand immer noch nicht ganz, wer oder was Jessika war.
Sie beantwortete die unausgesprochene Frage, während sie sich auf ihn legte. Ihre Lippen nah an seinem Ohr murmelte sie zärtlich: »Du liebst mich, Bernd, sogar jetzt, wo du Angst hast. Dabei brauchst du keine Angst zu haben. Du wirst sterben, heute oder später, Menschen sind nun einmal sterblich. Alles ist sterblich, was auf dieser Welt, die euch so viel bedeutet, existiert. Und wir Musen, unsere eigentliche Aufgabe ist es seit jeher, das Gleichgewicht zwischen Tod und Leben zu wahren. Wir sind nicht nur zur Inspiration der Künste hier, sondern auch zur Ausführung des Lebensendes. Ich war immer gnädig dabei, ich habe immer versucht, die Menschen, deren Zeit gekommen war, in einem Augenblick des Glücks über die Schwelle zu führen.«
»Auch den kleinen Jungen im Sandkasten?«
»Ja, er war glücklich. Uneingeschränkt glücklich. In wenigen Monaten hätte man ein Nephroblastom diagnostiziert.«
»Der Busfahrer und seine Passagiere?«
»Der Busfahrer erlebte gerade, wie ein Traum wahr wurde. Die Passagiere haben nichts kommen sehen, daher hatten sie zumindest keine Angst. Und Schmerzen sowieso nicht.«
»Familie Aksu?«
»Das Unglück mit dem Fahrstuhl hat sie davor bewahrt, beim geplanten Urlaub in der Heimat von radikalen Islamisten verschleppt zu werden.«
»Und der Handelsvertreter? Hast du ihm wirklich bei lebendigem Leib Organe aus der Bauchhöhle geschnitten?«
Ihr Gesicht wurde eine Spur härter, aber ihre Augen sahen weiter voller Liebe und Zärtlichkeit in seine.
»Ja, und das war eine der Ausnahmen. Ich war nicht gnädig. Im Gegenteil. Dieser Mann hatte drei Kinder auf dem Gewissen, deren Zeit noch nicht gekommen war. Er hat die kleinen Mädchen, das jüngste war sieben Jahre alt, das älteste zwölf, vergewaltigt und dann erdrosselt. Ich wollte, dass er leidet. Er hat gelitten.«
Bernd kam nicht umhin, der Logik zu folgen. Jessika war zwar offensichtlich eine Wahnsinnige, aber ihr Irrsin folgte einer inneren Ordnung. Er brauche nicht sterben, hatte sie gesagt. Vielleicht sollte er ihr Spiel mitspielen?
»Und was sollte meine zukünftige Rolle sein?«, fragte Bernd.
»Nichts anderes als bisher. Schreiben, was die Leute lesen müssen, damit sie glauben, dass ihr eigener Tod im Vergleich zu deinen Geschichten geradezu eine Wohltat ist. Das ist alles. Es liegt nur an dir, Bernd, ob deine Erdenzeit weiterläuft oder nicht.«
Er schwieg eine Weile und genoss die langsamen, wohltuenden Bewegungen ihres Körpers. Er dachte darüber nach, ob die Polizei eines Wesens wie Jessika überhaupt habhaft werden konnte. Er überlegte, ob ihr Tun wirklich verwerflich war, denn sterben mussten alle Menschen, da hatte sie recht gehabt. Und er liebte sie, nach wie vor, mehr als er jemals glaubte, lieben zu können.
»Ich liebe dich auch, Bernd. Ich möchte, dass du alt wirst, sehr alt, und dass du glücklich bist bis zum Ende.«
»Bleibst du bei mir? Schreiben wir zusammen weiter vom Tod, vom Schrecken, vom Grauen? Machen wir weiter den Lesern Angst, damit sie die Angst vor dem eigenen Tod vergessen?«
»Ja, Bernd. Ich bin Jessika. Du hast mich nicht erfunden, aber du hast mir diese Gestalt gegeben. Ich bin – in dieser Form, die du so liebst – aus deinem Schreiben, deinem Träumen entstanden. Ich bin für dich geschaffen wie du für mich geschaffen bist.«
»Okay. Ich kann damit leben, Jessika.«
Sie bewegte sich etwas stärker, schneller, als sie spürte, dass sein Orgasmus kurz bevor stand. Im Augenblick der höchsten Lust, schnitt sie ihm mit einer gekonnten und raschen Bewegung die Kehle durch, tief und tödlich, er litt nicht, er begriff nicht einmal mehr, was geschah.
»Du hast es verdient, so glücklich zu sterben.« flüsterte sie und strich ihm liebevoll über die Wangen. »Ich werde noch lange an dich denken.«

Jessika schlenderte über den Kurfürstendamm. Sie dachte an Bernd. Er war ihr schwerster Fall gewesen, denn sie hatte zum ersten Mal erlebt, was wahre Liebe sein konnte. Sie lächelte wehmütig.
»Vielleicht bist du nicht tot, Bernd. Vielleicht denkt sich jemand uns beide aus und holt uns irgendwann wieder hervor für ein neues Leben.«
Ihr Gesicht wurde drohend und hart. Sie blickte mich finster an. »Und wage es ja nicht, nur Bernd zurückzuholen! Wage es nicht!«
Ich speicherte am Freitag, dem 23. April, das letzte Kapitel der Geschichte und stellte die Publizierung im Blog auf Montag, 26. April, 01:01 Uhr ein. Ich las noch einmal die ersten Teile, dann den Schluss. Das bestärkte mich in meinem Beschluss, den Namen Jessika aus meinem Wortschatz zu streichen. Sie hatte mir Angst gemacht, echte Angst. Sie hatte mich fasziniert. Elvis fiel mir ein: You look like an angel, talk like an angel … but I got wise: You’re the devil in disguise.
Die Geschichte hatte sich selbst geschrieben, fast ohne mein Zutun, gelenkt auch von den Leserabstimmungen, aber auf jeden Fall ohne Mühe. Jetzt hatte ich jedoch die Nase voll von Jessika und ihrem Treiben. Und von Bernd, den die Leser zwar knapp, aber immerhin mehrheitlich tot sehen wollten. Mir war es recht.
Am Samstag fand ich eine Postkarte im Briefkasten. Eine sonnendurchflutete italienische Landschaft auf der einen Seite, auf der anderen meine Adresse in sauberen, wohlgeformten Buchstaben. Eine schöne Schrift, sehr angenehm für das Auge, weiblich, formvollendet. Der Poststempel war aus Parma – wir dachten gerade über einen Sommerurlaub dort nach. Eine Absenderadresse gab es nicht.
Neben meine Anschrift war nur ein rotes Herz gemalt; unter dem Herz standen drei Worte: Liebe Grüße, Jessika

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Eine Nachbemerkung: Dieser Text wird Ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt, er darf für private Zwecke kopiert und weitergegeben werden, solange keine Änderungen vorgenommen werden, kein Geld beziehungsweise keine Leistung für das Lesen verlangt wird sowie Autor und Quelle angegeben werden.

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