Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Beim Aufräumen der Festplatten (jawohl, auch die kann und soll man aufräumen!) öffnete ich heute ein Dokument aus dem Jahr 2013, dessen Inhalt ich inzwischen vergessen hatte. Ich war damals angefragt worden, ob ich für eine Zeitschrift einen Heimatkrimi mit etwa 7.000 Anschlägen schreiben würde. Natürlich sagte ich zu. Das heute wiederentdeckte Dokument enthielt den ersten Versuch … der aber von mir nie abgeschickt wurde. Ich habe seinerzeit dann »Frau Schlonske und die ewige Heimat« geschrieben und eingeschickt; die Geschichte wurde abgedruckt.

Doch hier nun das, was ich als ersten Entwurf aufbewahrt habe. Übrigens: Die beiden Redakteure der Zeitschrift, deren Auftrag ich hatte, hießen Michael und Jörg. So. Nun aber:

Der ungeschriebene Heimatkrimi

Bildergebnis für krimiDas viele Blut überall … ich hatte nicht bedacht, dass ein toter Redaktionsleiter eine solche Schweinerei auslösen konnte. Meine Hände waren klebrig, mein Hemd war ruiniert, das Blut ließ sich bestimmt nicht aus dem hellen Stoff auswaschen. Die Hose war sowieso hin, man kann ja schlecht ein so blutgetränktes Kleidungsstück bei der Reinigung abgeben. Ich war aber immerhin unverletzt. Gott sei es gedankt, von Herzen. Denn um ein Haar wäre ich die Leiche gewesen.

Es hatte alles so harmlos begonnen. Ich war mit schlechtem Gewissen, weil ich beichten musste, dass der versprochene Artikel nicht fertig war, in die Redaktion gefahren. Zunächst verlief das Gespräch, falls man es bezüglich meines einsilbigen Gegenübers als solches bezeichnen will, nach meinem Geständnis noch halbwegs normal.

»Ich wollte ja«, beteuerte ich, »ich wollte ja wirklich einen Heimatkrimi schreiben. Ich habe Fragmente, die ich vorweisen kann. Ich habe es ernsthaft versucht.«

»So.«

»Als die Anfrage von deinem Redaktionskollegen Jörg kam, habe ich gleich zugesagt und begonnen.«

»So.«

»Aber dann bin ich nicht weiter gekommen. Die Geschichte wollte sich nicht erzählen lassen. Also habe ich einen zweiten Anlauf versucht, eine neue Handlung erfunden. Ich war sicher, dass das klappt und dass ich einen ganz famosen Heimatkrimi zustande bringen würde. Das Internet beziehungsweise Twitter als Werkzeug des Verbrechers … ein Polizist, der dann den Bösewicht verfolgt … am Ende kommt der Verbrecher davon und die Welt wie wir sie kennen endet. Aber das passt nie und nimmer in den vorgegebenen Rahmen von 7.000 Zeichen.«

»So.«

»Ich lese mal vor, wie die Geschichte anfängt«, schlug ich vor. Da ich keine Widerrede hörte und Michael Z. sogar eine Augenbraue hob als sei er neugierig, holte ich das Dokument auf den Bildschirm meines Notebooks und las:

Der Mann im schwarzen Mantel floh in Richtung Kurfürstendamm und Alfred Kasupske folgte ihm. Er hätte genauso gut im Café verweilen und den Fliehenden ignorieren können, aber er war eben Polizist mit Leib und Seele. Ob er den Mann noch verhaftete oder nicht änderte nichts mehr. Dafür war es längst zu spät. In ungefähr 30 Minuten würde sowieso jede Flucht enden und keine Fesseln der Welt konnten dann noch irgend jemanden daran hindern, sich davon zu machen in die ewige Heimat, falls es ein Jenseits gab. Kasupske war sich nicht sicher. Er war nun mal kein Theologe sondern Polizist.

Die ersten Hinweise auf das, was nun aufzuhalten nicht mehr möglich war, hatte es vor zehn Tagen im Internet gegeben. Tagelang hatte allerdings niemand den Ernst der Lage begriffen. Als dann vorgestern endlich die Sonderkommission in den großen Konferenzraum gerufen wurde, war auf der Leinwand die Twitterseite zu sehen, ein Eintrag hervorgehoben.

»Was ist das denn?« fragte Kasupske den jungen Kollegen, der am Beamer-PC saß.

»Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, falls wir den Täter nicht umgehend finden.«

Kasupske runzelte die Stirn und las die Botschaft – Tweet nannte man so etwas, erfuhr er wenig später.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige betreten wir am Samstag. #bleibende_Heimat_jetzt!

»Das ist alles?«

Überrascht, dass ich mehr als ein So zu hören bekam, wagte ich ein zögernd optimistisches Lächeln. »Leider ja. Als ich an dem Punkt war, wurde mir klar, dass daraus 200 oder mehr Seiten entstehen müssen. Das geht nicht in der für eure Zeitschrift notwendigen Kürze.«

»Hmmm …« brummte Michael Z. »Und der andere, der erste Versuch?«

Ich öffnete die Datei und las vor, was ich zustande gebracht hatte:

»Ick lasse mir von niemand« – sie machte eine bedeutungsvolle Pause – »von niemand lass ick mir hier vertreiben. Dit is meen Zuhause, meene Heimat. Hier kriegt mir keener weg!«

Ich hätte das ernster nehmen sollen, sagte ich mir hinterher. Also nachdem dann passiert war, was passiert ist. Ziemlich weit hinterher. Damals, beim Gespräch mit Antje Schlonzke, hielt ich das nur für Gerede, wie man es in meinem Beruf häufig zu hören bekommt. Die Leute geben Geld aus, das sie gar nicht haben, und wenn dann jemand kommt und an die Rückzahlung erinnert, werden sie laut und frech.

»Frau – äh – Schlonzke«, sagte ich, »wenn Sie in der Lage sind, wenigstens einen Teil der Summe zu überweisen, dann wird das aller Erfahrung nach von der Bank positiv bewertet, so dass der Räumungsbeschluss eingefroren werden kann. Andernfalls kann ich leider nichts für Sie tun. Sie schulden der Bank 350.000 Euro zuzüglich Verzugszinsen, Gebühren, Anwaltskosten.«

»Dit is ja nich meene Schuld! Ick hab allet ins Jeschäft jeschteckt, zwee Verkäuferinnen einjeschtellt, dit Mobiljar jekooft, die Ware beschtellt und injeräumt. Und denn sacht dit Aas im Fernsehn: Tut ma leid, da ham wa uns jeirrt mit die Eröffnung vons Janze.«

Mein Mitgefühl hatte Frau Schlonske zweifellos, sie war nicht die einzige, deren Existenz am Flughafen Berlin-Brandenburg zugrunde gegangen war. Beziehungsweise am Nicht-Flughafen.

»Sie haben wirklich nicht einmal einen kleinen Betrag verfügbar, den Sie der Bank anbieten können? Verwandte, Freunde, die Ihnen bei der Überbrückung helfen? Wenn der Flughafen eröffnet, verdienen Sie ja Geld mit ihrer Boutique dort und können mit der Rückzahlung beginnen. Aber bis dahin will die Bank nun mal nicht mehr warten. Es weiß ja auch keiner, ob und wann der Flughafen fertig wird.«

»Die stecken ja alle unter eener Decke! Banken, Politiker, dit janze Jeschmeiß. Hat der Wowereit, die olle Stinksocke, ooch nur eenen Pfennich einjebüßt? Oder der andere Kerl, dit Buttermilchjesicht aus Brandenburg, Patzich oder wie der heeßt? Nee nee nee! Ick habe nur noch dit kleene Häuschen hier, und ick lasse mir nich von die Dickscheißers die Heimat rauben! Von niemand! Is dit klar?«

»Also können Sie nirgendwo eine Summe auftreiben, um der Bank Zahlungswilligkeit zu signalisieren?«

»Ick kann mir ja mit zwee Pfund Mehl in die Filiale schtellen und ne Jeisel nehmen wie der blitzhageldumme Dorfbengel neulich! Oder soll ick mirn Tunnel zu die Schließfächer buddeln wie die Gaunerbaggage in Steglitz? Denkste Puppe! Ick weeß mir zu wehren!«

Als wir – also die Polizei und ich – dann eine Woche später zum Räumungstermin anrückten, war alles schon zu spät und vorbei.

»Das taugt nichts«, kommentierte Michael Z.

Kleinlaut gab ich zu: »Das weiß ich. Kurzum: Es ist mir nicht gelungen, bis zum Redaktionsschluss einen Heimatkrimi mit 7.000 Zeichen zu schreiben. Ich gebe es zu.«

»So.«

Er war wieder zur Einsilbigkeit übergegangen. Seine Finger spielten mit einem Brieföffner, sein Blick war finster.

»Das kann mich meinen Redaktionsvorsitz kosten«, brummte er und hob die Hand mit der scharfen Klinge.

Ich sprang vom Stuhl auf, packte zu und konnte ihm das Mordwerkzeug entreißen, bevor es mich traf. Und schon lag der Redaktionsleiter auf seinem Schreibtisch. Er blutete noch alles voll, bevor er endlich seinen letzten Schnaufer tat und in die zukünftige Heimat wechselte.

Und nun? Nun kann ich sehen, wie ich das Blut abgewaschen kriege und die Redaktion kann sich ausdenken, wie sie ihrer Leserschaft plausibel machen will, dass es diese Woche keinen Heimatkurzkrimi im Heft geben wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: