Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Unser Ferienlager

Dieser Text steht fast genau so in meinem Buch Neuland – wer bei der Lektüre neugierig auf die anderen dort versammelten Erzählungen wird, darf sich das Werk gerne zulegen. Dazu folgt ein Hinweis nach der Geschichte.

Diese Version ist allerdings die ursprüngliche Fassung, geschrieben vor der unsäglichen Rechtschreibreform, was man beispielsweise am daß leicht erkennen kann. Unser Ferienlager gehört zu meiner Serie Ungeschriebene Aufsätze. Da schreibe ich auf, was Schüler und Schülerinnen schreiben würden, wenn sie für die Schule schreiben dürften, was sie schreiben wollen und sich die Wahrheit zu schreiben trauten.

Falls das die Wahrheit wäre, natürlich. Nur dann. So. Genug der Vorrede.

Unser Ferienlager

gschrieben von Johann E., 15 Jahre alt

Als wir am 19. Juli 1999 aufbrachen, um drei Wochen Ferien im Camp zu verbringen, schien alles gut vorbereitet, geplant und durchdacht zu sein. Unser Ziel war eine Jugendherberge im Allgäu, nahe dem Ort Langenwang gelegen. Die Reise mit dem Zug begann am Montag sehr früh, bereits um 5:00 Uhr trafen wir uns am Bahnhof.

Die Fahrt war eher langweilig, wir versuchten, uns die Zeit so gut wie möglich zu vertreiben. Wir waren zehn Jungen und zwölf Mädchen, alle zwischen 14 und 16 Jahre alt. Als Betreuer fuhren der Pfarrer Münchmann, die Katechetin Sondersohn, der Jugendpfarrer Schneider und die Kindergärtnerin Walper mit. Vor allem Frau Walper ging uns von Anfang an auf die Nerven. Sie konnte ja vielleicht nichts dafür, daß sie nur Ideen zur Beschäftigung hatte, die wahrscheinlich selbst Kleinkindern ein müdes Gähnen entlocken würden, aber andererseits hätte sie sich ja ruhig vor der Reise mal ein paar Informationen einholen können, was man mit Jugendlichen, die zwölf Stunden in einen Zug gesperrt sind, anfangen kann.

Als sie, kurz hinter Probstzella, mit dem Einfall glänzte, wir könnten einen Eierlauf durch den Wagen veranstalten, beschlossen wir, sie loszuwerden. Das setzten wir auch wenige Minuten später in die Tat um.

Sonja, die 15jährige Tochter des Pfarrers Münchmann, schmierte sich auf der Toilette etwas Ketchup ins Gesicht, Ramona ging zu Frau Walper, beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Äh, ich glaube mit Sonja ist was passiert. Können Sie mal kommen?“

Sofort stand die Kindergärtnerin auf und folgte Ramona zur Toilette. Die übrigen Erwachsenen bemerkten nichts davon, da sie über Landkarten gebeugt Pläne für Ausflüge schmiedeten.

Fredy und ich standen an der Zugtüre bereit. Zu unserem Glück war dies einer von den altmodischen Zügen, bei denen die Türen während der Fahrt nicht verriegelt sind. Als Frau Walper sich über die am Boden liegende, anscheinend blutverschmierte Sonja beugte, öffnete ich die Türe und Fredy schubste unsere Betreuerin gekonnt aus dem Zug.

Sonja wusch sich, und wir gingen zurück zu den anderen.

 

Natürlich wurde der halbe Zug auf den Kopf gestellt, das Bahnpersonal alarmiert, am nächsten Bahnhof gab es einen verlängerten Aufenthalt, Passagiere wurden befragt, sogar der Gepäckwagen durchsucht. Frau Walper blieb verschwunden, niemand hatte eine Ahnung, wann sie zuletzt gesehen worden war, die Vermutungen umschlossen die Bandbreite von 9:30 Uhr bis 12:00 Uhr.

Die Bahnfahrt war etwas weniger langweilig geworden.

 

Es gab ein paar Diskussionen, ob die Reise wegen des Verschwindens der Betreuerin abgebrochen werden sollte, aber da alle Jugendlichen versprachen, vernünftiges, folgsames und mustergültiges Verhalten zu zeigen, änderte sich nichts.

Die ersten zwei Tage im Allgäu verbrachten wir mit dem Erkunden der Umgebung, die Abende waren recht kurzweilig, da vor allem Jugendpfarrer Schneider tolle Ideen, zum Beispiel für Rollenspiele, wirklich schwierige Rätsel, interessante Diskussionen und ähnliches, entwickelte.

 

In den Nachmittagsstunden des Donnerstag kam telefonisch die Nachricht, daß Frau Walpers Leiche gefunden worden war. Man untersuchte noch, ob Selbstmord oder ein Unglück die Ursache ihres Ablebens gewesen war.

Wir legten am Abendbrottisch eine andächtige Schweigeminute für die Verblichene ein und Münchmann sagte ein paar andächtige Worte, was er – schließlich ist das Teil seines Berufes – sehr gekonnt bewerkstelligte.

 

Am Freitag fuhren wir mit einem Bummelzug nach Oberstdorf, um das Nebelhorn zu besteigen. Hier wurden wir Johanna los.

Johanna war die einzige, die nichts davon wußte, warum Frau Walper nicht mehr bei uns war. Man konnte Johanna nicht trauen. Sie war eine chronische Miesmacherin, quengelte ständig über irgend etwas: wehe Füße, juckende Mückenstiche, fades Essen, harte Matratzen, rüpelhafte Jungen, dämliche Mädchen…

Den Erwachsenen gegenüber war sie eine so schleimige Arschkriecherin, daß es selbst den Betreuern zuwider war, mit ihr zu tun zu haben. Sie erzählte ungefragt, was keiner der drei wissen wollte: Peter hat hinter dem Haus geraucht, Ramona hat Kondome in ihrem Koffer, Friedrich und Johann (ja, das bin ich) sind um Mitternacht aufgestanden und haben im Fernsehen einen Sexfilm angeschaut…

Sie hielt sich auch bei der Bergwanderung abseits, trottete der Gruppe hinterher und gab unfreundliche Antworten wenn man sie in ein Gespräch einbeziehen wollte. Ich meine, wir haben es wirklich versucht, aber sie wollte eben Außenseiterin sein und bleiben.

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte "Tourismus Oberstdorf"

Wanderer am Seealpsee / Nebelhorn, Bildrechte „Tourismus Oberstdorf“

Der Wanderweg auf das Nebelhorn ist vielfach gewunden, so daß man immer nur ein Stück überblicken kann. Peter und Friedrich ließen sich ein wenig zurückfallen, waren dann am Ende der Gruppe, allerdings noch vor der mißmutig bergauf stapfenden Johanna, die stur auf den Weg starrte und kein Auge für die Landschaft hatte. Die beiden Jungen verschwanden hinter einem Gebüsch und ließen Johanna vorbeigehen. Dann holten sie sie leise ein, stülpten ihr einen Rucksack über den Kopf und fesselten sie in Windeseile mit zwei Gürteln. Es war wichtig, daß sie nicht mitbekam, wer sie überfiel, denn wir hatten nicht vor, sie aus dem Leben an und für sich zu verabschieden. Sie sollte nur uns nicht mehr auf die Nerven gehen.

Friedrich erzählte mir später, daß sie noch nicht einmal geschrien habe. Die beiden trugen sie ein Stück in das Unterholz hinein, um vor den Blicken etwa vorbeikommender Wanderer geschützt zu sein.

Durch einen kräftigen Schlag mit einem stabilen Ast brach Peter ihr den linken Unterschenkel. Wir waren übereingekommen, daß dies die humanste Möglichkeit war, da ein gebrochenes Bein in der Regel gut verheilt und eine eventuelle Narbe dort weniger stört als am Arm. Einen zweiten Schlag bekam sie auf den Kopf, der immer noch im Rucksack steckte. Da die beiden ja Gürtel und Rucksack mitnehmen mußten, war es wichtig, daß Johanna bewußtlos war und nichts wahrnehmen konnte.

Schließlich nahmen die Jungs Johannas Umhängetäschchen, verstreuten den Inhalt, das Bargeld, DM 14,35, nahmen sie mit, damit ein Raubüberfall eine plausible Möglichkeit blieb. Niemand war bereit gewesen, eine auch nur versuchte Vergewaltigung vortäuschen zu wollen. Abgesehen von den vielfältigen Hinweisen, die Kriminalisten aus Spermaspuren gewinnen können, schien es uns als sehr unwahrscheinlich, daß irgend jemand auf dieser Welt beim Anblick dieses pummeligen pickeligen unausstehlichen Mädchens erotische Gelüste empfinden konnte.

Aus der Bergwanderung wurde, sobald das Verschwinden von Johanna bemerkt worden war, eine wunderbar aufregende Suchaktion. Wir hatten es bis zum Gipfel geschafft, dort versammelten wir uns für ein Gruppenfoto und endlich stellte Pfarrer Münchmann das Fehlen eines seiner Ferienschäfchen fest. Natürlich wußte niemand, wann und wo uns unsere Kameradin abhanden gekommen war. Leid tat mir nur Schneider, der sich bitterste Vorwürfe machte, nicht das Ende der Gruppe im Auge behalten zu haben.

Wir suchten den ganzen restlichen Tag, außer uns suchte dann nach ein paar Stunden auch die Bergwacht, gegen Abend, bevor die Dämmerung einsetzte, sogar mit zwei Hubschraubern.

Friedrich und Peter durchkämmten buchstäblich jeden Quadratmeter des Dickichts, in dem sie Johanna zurückgelassen hatten, aber sie war nicht mehr dort. Den Ast fanden sie, es klebte etwas Blut am Ende, aber von Johanna fehlte jede Spur.

 

Unserem Ferienlager drohte das vorzeitige Ende. Wir besprachen die Lage am Samstag nach dem Frühstück. Die Pfarrer Münchmann und Schneider plädierten für eine vorzeitige Abreise, Frau Sondersohn und wir dagegen. Johanna war nicht gefunden worden, in kein Krankenhaus eingeliefert, ihre Eltern auf dem Weg nach Langenwang. Sie flogen von Berlin nach München, von dort aus fuhren sie mit einem Mietwagen. Als sie nach dem Mittagessen eintrafen, gab es noch immer keine Nachricht von ihrer Tochter.

Jedenfalls kamen wir gegen Abend überein, die Reise nicht abzubrechen. Johannas Eltern gaben mit ihrer Meinung, man könne nicht 21 jungen Leuten die Ferienfreude nehmen, weil ein Mitglied der Gruppe verschwunden sei, wohl den Ausschlag. Johanna war, so erfuhren wir, schon zwei Mal durchgebrannt und nach ein paar Tagen wieder aufgetaucht.

 

Das Ende unserer Reise muß ich nun, da ich ja einen Aufsatz und keinen Roman zu schreiben habe, in Kürze schildern.

Alice und Alexandra, beide 14, veranstalteten in der Nacht vom Sonntag zum Montag eine geheime schwarze Messe im Speisesaal. Nur die beiden, die wohl an ihren Hokuspokus glaubten, wußten davon. Sie hatten einen Tisch als Altar geschmückt mit Kerzen und allerlei merkwürdigen Ornamenten. Was genau sie da vorhatten oder taten, weiß niemand. Man fand sie am Morgen, nackt, eng umschlungen, mit angstverzerrten Gesichtern und so tot wie eine ägyptische Mumie nach 2000 Jahren Lagerzeit.

Wir fanden diese Todesfälle bedauerlich, weil beide Mädchen gute Kumpel und sehr liebenswerte Freundinnen für uns alle gewesen waren. Daher beschlossen wir einmütig, den nächstmöglichen Zug zurück nach Berlin zu nehmen.

 

Die Rückfahrt verlief dann ohne Zwischenfälle. Alles in allem war unser Ferienlager weit interessanter, als wir zu Beginn angenommen hatten.

So. Und nun wie versprochen der Weg zum Buch: Neuland, ISBN-10: 1481025287, ISBN-13: 978-1481025287, Leseprobe und Herunterladen hier: Neuland (E-Buch für Kindle) :: Neuland (als Taschenbuch)

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