Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Letzte Ergänzung/Fortsetzung des Textes: 25.10.2016

Darmkrebs. Intensivstation. Darmverschluss seit mehreren Tagen, die Gefahr, dass der mittlerweile auf 15 Zentimeter Durchmesser aufgeblähte Darm reißt oder bricht, ist akut. Ein lebensbedrohender Zustand. Eine Notoperation wird vorbereitet, aber ein Chirurg hat noch eine Idee, eine Hoffnung, wie mir vielleicht, nicht wahrscheinlich aber immerhin auch nicht ausgeschlossen, ein künstlicher Darmausgang erspart werden kann …

Dass sich durch solche Erlebnisse, wenn sie überstanden sind und auch schon während die Krise andauert, im Leben innerlich wie äußerlich einiges ändert, liegt auf der Hand. Mein Leben, das mir geschenkte zweite, das Weiterleben, ist anders. Bleibt anders. Das hat sich bereits auch auf meinem »kunterbunten« Blog, der mehr zu einem persönlichen Tagebuch wurde, bemerkbar gemacht. Ich schreibe auf, was ich nicht vergessen will, für mich selbst zunächst einmal, und wer es lesen möchte, ist herzlich eingeladen. Wer weiß, vielleicht ist sogar für den einen und den anderen etwas dabei, was ihm hilfreich werden kann.

Auf jenem »kunterbunten« Blog gjmatthia.blogspot.com war der hier folgende Text nach und nach zu lesen, ist auch immer noch dort zu finden – allerdings sozusagen verkehrt herum, wie das beim Bloggen eben so ist. Die letzten Einträge stehen oben, man muss weit blättern, um den Anfang zu finden und dann chronologisch von unten nach oben lesen. Daher biete ich nun hier auf meinem textlastigen Blog eine Version an, die das Suchen und blättern überflüssig macht.

Die ersten Aufzeichnungen sind bereits im Krankenhaus entstanden, ich habe alles so, wie es mir in den Sinn kam, übernommen. Unsortiert, ungefiltert, ungeschminkt. Für mich, für später, gegen das eigene Vergessen. Und für diejenigen, die es interessiert.

Das Datum in den Zwischenüberschriften bezeichnet den Tag, an dem ich den jeweiligen Text auf dem Blog veröffentlicht habe, nicht den Tag des berichteten Geschehens.

Am 15. März wurde ich mit dem Notarztwagen in das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin Steglitz eingeliefert. In den ersten Tagen habe ich keine Aufzeichnungen gemacht, da ging es nur darum, zu überleben. Der erste Text aus dem Krankenhaus datiert vom 24. März 2012, 17 Uhr.

24. März 2012 – Ich lebe

Plötzlich steht alles still, was so lange und so ungehindert in Bewegung war, auf einmal ist alles Wichtige vollkommen nebensächlich und was im Alltag so gut wie keine Beachtung fand, ist mit einem Schlag entscheidend wie nichts anderes. Das Überleben der nächsten Stunden und Tage rückt nach vorne, alles andere verschwindet im Nebel der Bedeutungslosigkeit.

So ging es mir, als feststand, dass ich an einem Darmkrebs erkrankt war und der Darm bereits seit mehreren Tagen, fast einer Woche wohl, vollständig verschlossen war. So ging es mir, als ich literweise Kot erbrechen musste, als schon das Luftholen zwischen dem Würgen zur Willensanstrengung wurde. Der Darmdurchmesser auf 15 Zentimeter aufgebläht, viel konnte da bis zum Platzen nicht mehr fehlen, und um den Druck zu mindern, führten die Ärzte auf der Intensivstation immer wieder äußerst aggressive Abführmaßnahmen durch, damit ich noch mehr und noch mehr Kot erbrechen konnte, denn die Magensonde allein schaffte die Mengen nicht, obwohl sie pausenlos Braunes in die Beutel transportierte. Flüssigkeit und ich weiß nicht was für Medikamente wurde durch die Infusionen in meinen Körper zugeführt, der mittlerweile zu schwach war, um noch viel mehr zu tun als auf dem Bett zu liegen.

»Er ist ansprechbar«, wurde meiner Frau nach einer dramatischen Nacht am Telefon gesagt, was gar nicht mal so falsch war, denn ansprechen kann man ja jeden. Die Frage ist, ob derjenige zu antworten in der Lage ist. Das Telefon zu mir herüberreichen, das wäre wohl gegangen, aber ein Gespräch wäre daraus in jenen Stunden kaum geworden.

Während ich jetzt diese Zeilen schreibe, es ist Samstag, der 24. März 2012, liege ich auf der chirurgischen Station, die dreieinhalbstündige Operation wurde am vergangenen Mittwoch, dem 21. März 2012, durchgeführt. Nun fehlt mir ein Stück Dickdarm mitsamt zwei aprikosengroßen Tumoren, und die will ich auch nicht wieder haben. Vom Operationstag bis zum Donnerstagnachmittag behielten mich die Ärzte auf der Intensivstation, dann waren sie wohl so weit mit meinem Zustand zufrieden, dass sie einer Verlegung in den »normalen« Krankenhausbetrieb zustimmten. Es war in den Stunden vor, während und nach der Operation so vieles so unwahrscheinlich positiv verlaufen, dass es an Ignoranz grenzen würde, hier noch von Zufall oder »Glück gehabt« sprechen zu wollen. Das Wort Wunder ist, ob jemand nun gläubig ist oder nicht, eher am Platz.

Habe ich gebetet in jenen schlimmsten Stunden zwischen Leben und Sterben, die so um den Samstag und Sonntag vor der Operation lagen? Nein. Dazu war ich nicht in der Lage. Ich habe in den mehr oder weniger wachen Augenblicken meine Frau vor Augen gehabt, die ich nach der tragischen Familiengeschichte der vergangenen Jahre nicht allein zurücklassen wollte. Ich habe gelegentlich schwarzgesehen, Trauerflor, erschütterte Gesichter meiner Familie und mich gezwungen, die Bilder immer wieder wegzuschieben. Ich wollte leben. Die Schmerzen waren grauenhaft trotz hoch dosierten großzügigen Gaben dessen, was die pharmazeutische Forschung zustande gebracht hat, manchmal dachte ich, es wäre besser, alles ginge jetzt zu Ende, aber nein: Ich wollte leben.

Ich lebe. Und ich schreibe erst einmal ziemlich ungeordnet auf, was so an Bildern, Erinnerungen, Eindrücken auftaucht, um es nicht zu vergessen. Ich habe noch ungefähr zehn Tage im Krankenhaus und dann eine Rehabilitation vor mir, kenne noch keine Resultate, was die Tumorproben betrifft, die ins Labor geschickt wurden (die können den weiteren Behandlungsverlauf ab heute auf circa zehn Wochen verkürzen oder auf viele Monate verlängern). Ich fange heute an, aufzuschreiben, werde morgen vielleicht die Entwicklung bis zu Operation zu notieren versuchen, oder darüber nachsinnen, wie viel es mir bedeutet, dass so viele Menschen Anteil nehmend meine Frau gestützt und mir Segen und Gutes gewünscht haben. Wenn ich in hoffentlich spätestens zehn Tagen, gerne früher, wieder zu Hause bin, soll dieses erste Kapitel auf meinem Blog erscheinen. Nach und nach dann, was ich die nächsten Tage so notieren werde, falls die Kraft reicht. Jetzt ist sie erst einmal ziemlich aufgebraucht, das Schreiben im Bett ist doch anstrengender, als gedacht.

25. März 2012 – Empfindungen

Chronologisch aufschreiben, wie alles kam und verlief … für heute scheint mir das noch zu anstrengend. Stattdessen notiere ich ein paar herausragende Empfindungen, besondere Momente, wertvolle Dinge, die ich nicht vergessen möchte, wenn ich irgendwann wieder zu Hause sein werde.

  • Der tägliche Besuch von Eva, so traurig und entkräftet sie auch aussieht, gibt mir Kraft und Mut und Entschlossenheit: Ich will durchhalten. Vor allem in den Tagen vor der Operation waren diese Stunden mit ihr an meinem Bett unschätzbar wertvoll, um nicht zu verzweifeln. Ich hätte ihr gerne mehr erzählen wollen, fragen wollen, reden wollen, aber alle paar Minuten fielen meine Augen zu … sie war trotzdem da, hielt meine Hand, und Liebe strömte in mich hinein.
  • Besuche von Teresa und meinen Söhnen, Sam auch mit Tanja und einmal sogar den Enkeln – Vico hat es bis an mein Bett auf der Intensivstation geschafft, weil die Schwester gerade abgelenkt war. Niki durfte dann leider nicht mehr herein, schade, aber Tanja hat Videobotschafterin zwischen ihm und mir gespielt … immerhin. Sam nimmt Eva und mir auch eine wichtige Arbeit ab, die termingebunden ist, das ist mir eine gewaltige innere Entlastung, diese Sorge los zu sein. Wichtiger noch als diese ganz praktische Entlastung: Ich sehe all diejenigen, für die es sich weiter zu kämpfen und weiter zu leben lohnt. Ich bin nicht allein, da gibt es eine Familie, die ich liebe und die mich liebt.
  • Die Besuche meines Freundes und Pastors Martin, der zuhört, keine theologischen Patentrezepte aus der Tasche zieht, zugibt, dass er Gottes Handeln oder Nichthandeln nicht verstehen kann. Der für mich am Bett betet – selbst kann ich nicht glauben oder beten, sondern nur hoffen und gegen die Mutlosigkeit kämpfen. Es tut trotzdem ungeheuer gut, dass Martin für mich an höchster Stelle vorspricht, samt der ganzen Gemeinde bei den sonntäglichen Gottesdiensten.
  • Der Besuch meines Freundes Harald. Ich darf endlich weinen, meine Sorge um Eva, die immer erschöpfter und trauriger wirkt, obwohl sie versucht, mir Mut zu machen, aussprechen und ich darf schwach sein, weinen, weinen. Mein Freund ist da und er versteht. Und er erinnert mich, dass der emergente Jesus nicht weniger Kraft hat als der charismatische Jesus. Womöglich sogar viel mehr Kraft, weil nämlich die ausbleibenden falschen Hoffnungen und Versprechungen vor tiefen und großen Enttäuschungen schützen und das angestrengte, qualvolle »ich muss mehr glauben!« wegfällt.
  • Die vielen, wirklich vielen E-Mails und Facebook-Nachrichten, die Eva mir täglich ausgedruckt mitbringt, zeigen mir, wie viele Menschen hinter uns stehen und mit uns leiden und uns mit allen Mitteln, die sie haben, unterstützen. Ich lese die Seiten, wenn Evas Besuch vorüber ist und oft genug fließen die Tränen der Dankbarkeit über so viel Anteilnahme. Ich bin vor allem auch für Eva froh, dass ihr Mut gemacht wird. Ich freue mich über Menschen, die nicht gläubig in irgendeiner typisch christlichen Weise sind, und die für mich und uns »zum Universum« oder wohin auch immer beten – das ist so kostbar! Oder die Daumen drücken, bis sie platt sind – danke! Ich lese die vielen Seiten mehrmals. Und schöpfe Kraft und Hoffnung. Und meine Dankbarkeit wächst.

27. März 2012 – Nächtliche Schweinerei

Täglich ein paar Sätze aufzuschreiben war ein Vorsatz, dessen Erfüllung nicht Realität wurde. Es war und ist doch vieles zu anstrengend, um dann noch die Kraft zu finden, den Computer aus dem Nachttisch zu nehmen. Zum Beispiel das Erbrechen ohne Vorwarnung in der Nacht vom 25. zum 26. März. Als ich wach wurde, es mag gegen 1 Uhr oder 2 Uhr gewesen sein, bemerkte ich, dass es wohl geboten war, sich in die Nähe der Toilettenschüssel zu begeben.

Das ist nun in meinem Fall nicht so einfach wie im normalen Leben. Ich muss zunächst die Klammer, an der der Beutel befestigt ist, in dem sich die Wundsekrete aus dem Bauchraum sammeln, links von vom Bettzeug lösen und am Nachthemd befestigen. Dann rechts am Infusions- und Geräteständer den Netzstecker des Novalgin-Perfusors lösen (die Akkus reichen für rund 40 Minuten). Langsam und vorsichtig wegen diverser Kabel und Schläuche am und im Körper zu Geräten und Beuteln kann ich mich dann aufsetzen und aufstehen. Als Nächstes muss ich die Schmerzmittelpumpe, die wegen der recht kurzen Leitung zum Rückenmark am Galgen über dem Bett hängt, an den Infusionsständer hängen und den Urinbeutel, der am Bett befestigt ist, in die Hand nehmen, damit er nicht am Blasenkatheder zieht. Dann erst kann ich mich in Richtung Toilette in Bewegung setzen.

In jener Nacht reichte es nach der Prozedur noch einen Schritt vom Bett weg, dann ergoss sich schwallartig Erbrochenes auf den Boden, die Füße, die Hausschuhe. An die Klingel auf dem Nachttisch kam ich nicht mehr heran – zum Glück war mein Bettnachbar wach geworden und drückte auf seinen Alarmknopf. Ich holte krampfhaft Luft, schon kam der zweite Schwall. Mein Bettnachbar befürchtete, dass ich umkippen könnte, und er als wie ich relativ frisch Operierter konnte mich sicher nicht auffangen oder halten. Daher eilte er zur Tür und rief in den leeren Gang: »Schwester, es ist wirklich ein Notfall! Dringend!« Nun wurden eilende Schritte hörbar, und bei meinem vierten Schwall (fünf wurden es) betrat die Nachtschwester den Raum.

Als die ganze Schweinerei rund zwanzig Minuten später beseitigt war, bekam ich eine Infusion wegen des erheblichen Flüssigkeitsverlustes und schlief bald ein. Jegliche Übelkeit war verschwunden. Gegen vier Uhr drehte ich mich dann von der einen Seite auf die andere (auf dem Rücken kann ich nur sehr schlecht schlafen) und fühlte dabei, dass mein Po nass war. Ein unangenehmer Gestank kam unter der Bettdecke hervor. Sollte ich etwa – hatte ich womöglich – ach du liebe Güte! So ungern ich auch die Pflegekräfte mittels Alarmknopf holte, in diesem Fall hielt ich es für angebracht, nicht selbst das Unheil noch zu vergrößern, sondern Hilfe in Anspruch zu nehmen. Um es kurz zu machen: Ich hatte ins Bett gemacht, allerdings war es sehr dünne Flüssigkeit und die Nachtschwester versicherte mir, dass ich das im Schlaf ganz einfach nicht merken hätte können, dass ich Patient und im Krankenhaus sei, eine schwere Operation hinter mir hätte und dass ich mich für nichts schämen müsse.

Als ich gesäubert wieder in meinem Bett lag und auf den Schlaf wartete, fiel mir auf, für wie selbstverständlich ich es immer gehalten hatte, Ausscheidungsvorgänge, Körperhygiene und überhaupt die täglichen Dinge wie Duschen, Hände waschen, Pinkeln gehen, selbst und diskret zu erledigen, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Und nun, auf einmal auf Hilfe sogar beim Abwischen nach dem Stuhlgang angewiesen, konnte ich es mir nicht leisten, irgendetwas zu peinlich zu finden. Nun konnte ich mich nicht dagegen wehren, dass mein Körper keine Rücksicht auf meine Hemmschwellen nahm. Natürlich versicherten mir die Pflegekräfte, dass sie mit allen menschlichen Befindlichkeiten und Ausscheidungen umzugehen gelernt hatten, dass ich mich nicht schämen müsse und wirklich in meinem Zustand nichts dagegen tun konnte. Aber wesentlich leichter fiel es mir trotzdem nicht, mich damit abzufinden.

Dass dieser nächtliche Überfall durch Erbrechen und Durchfall noch deutliche Folgen nach sich ziehen würde, über die ich mich letztendlich richtig freuen konnte, wusste ich natürlich noch nicht, als ich da gewaschen und frisch bekleidet in meinem Bett lag.

Für die nächsten Nächte und während der Schlafphasen der Tage zumindest trage ich nun ein vermutlich absolut sexy wirkendes Höschen mit Einlage, damit im Fall des Falles nicht das ganze Bett frisch bezogen werden muss.

Nach solchen Nächten kommen dann Tage, die sowieso ja andere Anstrengungen und Unbill mit sich bringen … zusätzlich die Tatsache, dass wenig Schlaf möglich war … da schreibt man dann nichts mehr auf.

30. März 2012 – Zurück zum 14. März

Die Umstellung von der Schmerzmittelpumpe auf Tabletten könne etwas holperig verlaufen, hatte man mir angekündigt. Na ja. Am Mittwoch war das Gerät morgens leergelaufen und dann abgeschaltet worden, so gegen 7 Uhr. Um 6 Uhr hatte ich bereits Morphin in Tablettenform erhalten, um 8 Uhr bekam ich Novalgin flüssig dazu – und gegen 13 Uhr wüteten die Schmerzen so bösartig in meinem Bauch, dass mich Schüttelfrost und Krämpfe überfielen. Der Zustand besserte sich dann ein wenig, in Nuancen, als via Infusion weiteres Novalgin zugeführt wurde. Erst am Abend, weil es wirklich keine wesentlichen Fortschritte gab, entschlossen sich die Ärzte, die Dosis auf 3 x 20 mg Morphin heraufzusetzen, die 22 Uhr Gabe waren schon 20 mg. Doch war es in der Nacht gegen 1 Uhr wieder so schlimm, alle Novalgin und sonstigen Beigaben halfen nicht, dass eine erfahrene Schwester mir Paracetamol an die Infusion hängte. Und siehe da: Binnen zwanzig Minuten war ich endlich soweit schmerzfrei, dass ich an Schlaf denken konnte.

Am Donnerstag bewährte sich die Dosierung 3 x 20 mg Morphin, am Morgen war noch eine Infusion mit Paracetamol notwendig, dann kam ich mit dem Morphin aus. Ich bekam zwar Tropfen (Novalgin) ans Bett gestellt für zwischendurch, aber die konnte ich stehen lassen.

Und heute, am Freitag, nach einer Nacht ungestörten Schlafes, ohne Übelkeit aufgewacht, bisher auch ohne quälenden Schluckauf, kann ich mir ernsthaft vorstellen, zu Hause besser aufgehoben zu sein als hier. Zum ersten Mal seit dem 15. März, als ich nachts mit dem Notarztwagen hier eingeliefert wurde.

Am 14. März war ich morgens ganz normal aufgestanden, um mich für den Tag im Büro fertig zu machen. In den Tagen zuvor hatte ich hin und wieder Schmerzen und Übelkeit verspürt, es kam wieder zu häufigem Schluckauf und Aufstoßen – alles Symptome, die mich Anfang Februar schon einmal zum Arzt, in ein anderes Krankenhaus und zu der Diagnose Divertikulitis gebracht hatten. Nur war es jetzt nicht so schlimm wie im Februar. Ich stand also auf, ging in die Küche, um der Kaffeemaschine meinen Wunsch nach Café Latte kundzutun, und dann ins Bad, wo die Zeit gerade noch reichte, den Klodeckel hochzuklappen, bevor sich das gestrige Abendessen kaum verdaut aus dem Magen ergoss. Ich war ziemlich überrascht, weil keine Übelkeit vorangegangen war – die kam nach dem Erbrechen und blieb. Ich rief im Büro an, dass ich eher zum Arzt als zur Arbeit fahren würde, und legte mich wieder hin, mit zunehmender Übelkeit. Zweimaliges Erbrechen in den Stunden vor der Praxisöffnung brachte wenig Mageninhalt zum Vorschein, aber doch gewisse Erleichterung, was die Übelkeit betraf.

Die Ärztin, die schon im Februar auf die (wie ich jetzt weiß) Fehldiagnose Divertikulitis hereingefallen war, erklärte mir, ich habe wohl einen Magen-Darm-Virus, solle aber, falls es nicht besser würde, umgehend ein Krankenhaus aufsuchen.

Das geschah dann am 15. März in den Abendstunden mit Notarztwagen, Blaulicht und neugierigen Nachbarn an den Fenstern und vor der Türe. Die Papiere von der Februar-Behandlung aus dem Bethel-Krankenhaus nahm ich mit.

Es war schon am nächsten Tag ziemlich klar, was ich nicht hatte: eine Divertikulitis. Einer der zahlreichen Fachärzte knurrte etwas ungehalten vor sich hin: »Mit Ultraschall diagnostiziert man überhaupt nichts. Niemals.«

Erleichterung gegen die ständige Übelkeit brachte die Magensonde, so unangenehm die Minuten des Einführens durch die Nase auch waren. »Glauben Sie mir, das, was Sie womöglich in den nächsten Tagen über den Magen abführen, möchten Sie nicht im Mund haben. Da ist die Magensonde das kleinere Übel«, erklärte mir eine Chirurgin. Heute weiß ich: Sie hatte recht. Die Magensonde wurde meine Freundin in den folgenden Tagen und Nächten.

Nach zwei Tagen Begutachtung durch alle in Frage kommenden Fachrichtungen wurde ich dann am 17. März auf die Chirurgie verlegt. Mehrere Röntgenuntersuchungen sowie all die Blut- Urin- und sonstigen Proben (Stuhlproben gab es nicht, seit dem 12. März hatte ich keinen Stuhlgang) ließen an der Diagnose Darmverschluss keine Zweifel mehr zu. Wie gefährlich die Lage war, zeigte sich aber erst bei der Computertomografie am Nachmittag des 17. März. Man brachte mich zurück auf mein Zimmer, und kaum dass die Ergebnisse vorlagen, wurde eine sofortige Verlegung auf die Intensivstation vorbereitet. Ich konnte gerade noch der besten aller Ehefrauen mitteilen, dass sie mich am nächsten Tag dort finden würde, da ging es auch schon los: Das Pflegepersonal sammelte meinen persönlichen Besitz ein, um ihn wegzuschließen und ich wurde abtransportiert. Allerdings zuerst zur Endoskopieabteilung, auf dem Weg versuchte mir der Arzt, der persönlich mein Bett schob, weil das Warten auf die Transportkräfte zu lange gedauert hätte, zu erklären, was er vorhatte und versuchen wollte.

Samstag, 31. März 2012 – Vom ZVK und was man sonst noch so an mir befestigt hat

Die »normale« Vorgehensweise, erklärte mir Dr. Kruschewski, wäre eine sofortige Notoperation, um den Darmverschluss zu beseitigen, bevor die aufgeblähte Wand reißt. Er wolle jedoch angesichts meines unübersehbaren Lebenswillens und meiner körperlichen Konstitution, die belastbarer sei als bei den meisten Patienten, mithilfe der Fachärzte versuchen, vom Darmausgang einen Schlauch am Tumor vorbei in den aufgeblähten Bereich zu schieben, durch den Schlauch könne dann einiges abfließen. Je mehr, desto besser, denn je geringer der Unterschied im Durchmesser zwischen den beiden Schnittstellen bei der Operation sei, desto größere Chancen habe er, mir einen künstlichen Darmausgang zu ersparen. »Ich kann nicht einen auf 15 Zentimeter geweiteten Darm mit einem mit 3 oder 4 Zentimeter Durchmesser normal großen Darm zusammennähen. Das geht einfach nicht.«

Ob ich mit dem Versuch, der nicht ohne Risiken sei, einverstanden wäre, wollte er wissen. Ich war einverstanden. Jemand fragte mich: »So, Herr Matthia, wollen Sie ein bisschen schlafen?« Ich hätte gerne mit »ja« geantwortet, war aber schon meines Bewusstseins ledig, bevor ich den Mund öffnen konnte.

Die Zeiträume und –abstände dieser Nacht und der nächsten Tage sind mir etwas unklar geblieben. Ich kam auf der Intensivstation zu mir, wo sich gerade ein Arzt und ein Pfleger damit beschäftigten, mich mit den diversen Geräten zu verbinden. »Wir legen jetzt einen ZVK«, sagte der Arzt zu mir. »Und was ist ein ZVK«? »Ein zentraler Venen-Katheder. Dadurch kommen wir mit verschiedenen Sonden, die unterschiedlich weit reichen, bis an die Herzkammer.« »Na das ist doch sicher eine feine Sache«, meinte ich. »Legen Sie los.« »Das Dumme ist, dass das nur ohne Betäubung geht – und damit wird es schon recht unangenehm für Sie.«

Es war unangenehm, aber als das Werk vollbracht war, hatte ich nun einen ganz patenten »Multimedia-Anschluss«, wie ich meinen ZVK taufte, im Hals. Der taugte zum Blut entnehmen, zum Zuführen von Medikamenten und Flüssigkeit sowie künstlicher Ernährung und war hübsch bunt. Der hellgrüne Anschluss war der Beste, wenn jemand Blut zu zapfen trachtete. Zeitweise brachte mein Multimedia-Anschluss es mit zusätzlichen Adaptern auf neun Schläuche gleichzeitig, die mit ihm verbunden waren.

Das Drehen im Bett war auf der Intensivstation eine noch aufwendigere Angelegenheit als zuvor. Ich hatte nun

  • durch die Nase eine Magensonde
  • unter der Nase zwei Düsen, die mir Sauerstoff zuführten, die aber auch gerne mal verrutschten
  • im Hals den ZVK, der gut fest saß
  • am Finger einen hübsch rot leuchtenden Sensor, dessen Kabel zu den Geräten hinter mir führte
  • im Darm den erfolgreich gelegten Schlauch, an dessen Ende ein Auffangbeutel sich langsam mit flüssigem Kot füllte
  • im Penis einen Blasenkatheder

Nach der Operation kam ein Schlauch aus dem Bauchraum dazu, durch den die Wundsekrete und Blut abließen konnten und eine Leitung zum Rückenmark, durch die Morphin direkt zu den geeigneten Nervenenden fließen konnte. Dafür war dann der Darm-Entlastungsschlauch weg.

Wie gesagt, die Zeiten verrutschten mir ein wenig, wie spät es war, als ich schließlich fertig verkabelt und verschlaucht war und die Müdigkeit mich immer wieder für ein paar Minuten dem ständigen Brummen, Piepsen und Summen um mich herum entriss, weiß ich nicht. Es lagen außer mir drei Patienten in dem Abteil der Intensivstation. Bei irgendeinem von uns musste fast immer etwas getan, justiert, überprüft werden. Dazu sind Intensivstationen ja da und ich bin sehr dankbar, dass ich in den Genuss der technischen Möglichkeiten kommen durfte, die doch vieles erleichterten und schmerzärmer gestalten halfen.

Dann kam es wenig später zu einem ernsthaften Anschlag auf den Erfolg meiner Behandlung. Nicht böswillig, sondern aus gut gemeintem, aber ziemlich einfältigem Handeln eines Pflegers. Man könnte natürlich auch von ziemlich grenzenloser Dummheit reden. Er war, wie ich am nächsten Tag mitbekam, als Leasingkraft für die Nacht eingeteilt und wird wohl nach dem Vorfall mit mir dieses Krankenhaus nie wieder von innen sehen. Ob er überhaupt jemals wieder auf einer Intensivstation arbeiten darf, war, soweit ich die Gespräche der Ärzte verstand, sowieso fraglich.

Hier endeten die Aufzeichnungen, die noch im Krankenhaus entstanden waren, die folgenden Texte habe ich wieder zu Hause aufgeschrieben.

5. April 2012 – Die akzidentelle Entfernung

Im Arztbericht liest sich das, was in dieser Nacht geschah, so:

… erfolgte die weitere Behandlung auf der Intensivstation. Dort kam es zu einer akzidentellen Entfernung der Entlastungssonde, die am Folgetag neu angelegt wurde.

Der Pfleger sah die ihm unbekannte Sonde samt Auffangbeutel, der sich eher langsam füllte. Er wusste aber offenbar nicht, was es mit der Vorrichtung auf sich hatte, dass mir diese Sonde nicht ohne erhebliche Risiken vor wenigen Stunden gelegt worden war, um den Darm oberhalb der Tumore zu entleeren und mir auf diesem Wege wenn irgend möglich einen künstlichen Darmausgang zu ersparen und das Reißen der Darmwand zu verhindern. Natürlich hätte der Pfleger all das in der elektronischen Krankenakte, die auf der Intensivstation direkt neben dem Bett per PC abrufbar ist, nachlesen können. Müssen. Natürlich hätte er einen Arzt fragen müssen, wenn er etwas nicht verstand oder zuordnen konnte. Wäre ich so weit bei Bewusstsein gewesen, dass ich mitbekommen hätte, was der Pfleger tut, hätte ich natürlich Zeter und Mordio geschrien, energisch Einhalt geboten. Es kam aber anders.

Der Pfleger hatte wohl irgendwann irgendwo gelernt, dass es für den Patienten angenehmere Ableitungen bei Darminkontinenz gibt als Sonden mit Schläuchen. Also entfernte er die Sonde und brachte statt dessen irgendeine andere Vorrichtung am Darmausgang an, die selbstverständlich völlig überflüssig war, da der Darm unterhalb der Krebsgeschwüre ja seit Tagen restlos leer war.

Im weiteren Verlauf der Nacht stieß der Pfleger dann auf den blinkenden Hinweis auf meinem Monitor: »Darmsonde spülen mit 200 ml NACL«. Erst jetzt wurde er stutzig, schaute sich die Krankenakte an und murmelte vernehmlich so etwas wie »ach du Scheiße«. Dann ging er zum Telefon und rief den diensthabenden Arzt an.

Die Aufregung an meinem und um mein Bett war groß. Einen gehörigen Teil bekam ich mit, was draußen vor der Tür geredet wurde, natürlich nicht. Der Arzt rief – es war 4 Uhr – meinen Chirurgen zu Hause an, erklärte den Sachverhalt, hörte zu und rief dann die Spezialisten der Abteilung an, auf der die Sonde Stunden zuvor gelegt worden war, um den frühestmöglichen Termin für einen zweiten Versuch zu vereinbaren. Derweil unterzog die Stationsschwester der Intensivabteilung den Pfleger einem Verhör, das von einer weiteren Schwester dokumentiert wurde. »Zum Wohle des Patienten … für ihn angenehmere Variante … erst zu spät in die Krankenakte geschaut«.

Am Morgen kurz nach acht Uhr wurde ich dann wieder eingeschläfert für den nun noch riskanteren zweiten Versuch, die Darmentlastungssonde einzuführen und zu fixieren. Selbstverständlich hatte ich in alle Risiken erneut eingewilligt, denn wenn mir irgendeine Vorstellung grauenhaft war, dann die des künstlichen Darmausganges für vier bis sechs Monate. Danach, so war mir versichert worden, könne man mit einer zweiten Operation den natürlichen Darmausgang wieder aktivieren, was in fast allen Fällen auch gelänge. Aber das wollte ich auf keinen Fall.

Um es kurz zu machen: Die zweite Sonde konnte am 18. März 2012 vormittags eingeführt, an die richtige Stelle gebracht und fixiert werden. Gott sei Dank ohne irgendwelche Schäden an der Darmwand.

Die folgenden Tage bewiesen mir, wie recht die Ärztin gehabt hatte, als es um die Magensonde ging. »Glauben Sie mir: das, was Sie womöglich in den nächsten Tagen über den Magen abführen, möchten Sie nicht im Mund haben. Da ist die Magensonde das kleinere Übel«, hatte sie gesagt. Denn der seit vielen Tagen oberhalb des Darmverschlusses gestaute Kot, den der Körper unbedingt loswerden wollte und musste, floss nicht nur durch die Sonde im Darm ab, sondern zunehmend über den Magen. Zweimal täglich wurden mir zusätzlich sehr aggressive Abführmittel über die Infusion verabreicht. Ich wusste, was mich danach jeweils erwartete. Beide Sonden schafften die Mengen nicht, ich erbrach literweise Kot. Die Details erspare ich mir an dieser Stelle, die vergesse ich garantiert nicht. Das Erbrechen und Würgen dauerte jeweils etwa 30 Minuten an, danach hatte ich Schüttelfrost, war klitschnass geschwitzt und so erledigt, dass ich vom Bett frisch beziehen und Nachthemd wechseln samt vorangehender Wäsche nicht viel mitbekam.

Zur Besuchszeit war ich manchmal so geschwächt durch diese notwendigen Torturen, dass mir, obwohl ich gerne Eva, der besten aller Ehefrauen, manches erzählt hätte und manches erfragen wollte, die Augen zufielen. Aber das war zum Glück nicht immer der Fall.

Die Ärzte vermuteten aufgrund meiner Laborwerte und anderer Befunde inzwischen zusätzlich eine Bauchfellentzündung, daher wurden mir zu den anderen Medikamenten ab dem 19. März Antibiotika verabreicht. Das nahm ich aber eher am Rande zur Kenntnis, es schien mir nicht weiter besorgniserregend, die – wie ich inzwischen wusste – zwei Tumore belasteten meine Gedanken und Gefühle mehr.

6. April 2012 – Woher nimmt er bloß diesen Lebenswillen?

Es dauerte ja, bis die Wahrheit ans Licht kam und bis ich sie nach und nach erfuhr. Eingeliefert worden war ich noch mit dem Verdacht auf eine akute Divertikulitis. Bald wurde klar, dass es sich um einen Ileus, also Darmverschluss, handelte. Es war zunächst die Rede von Zysten, die sich entzündet hatten. Es wurde versucht, auf konventionelle Weise die Darmtätigkeit in Gang zu bringen, als sich das als untauglich erwies, folgten dann CT und Kolonoskopie (Darmspiegelung). Erst danach hörte ich von einem Tumor, dann von zwei Tumoren, und dann fiel schließlich das insgeheim längst befürchtete Wort Darmkrebs.

Vom Hören zum Begreifen und letztendlich Akzeptieren – für mich war das eine mentale Anstrengung. Ich wollte nicht akzeptieren, wollte wegschieben, Ausflüchte für meine Ängste suchen, beschwichtigen: Kann ja sein, dass es doch nur eine Zyste ist. Zwei, von mir aus. Kann ja sein, dass es auch Tumorarten gibt, die kein Krebs sind …

Aber schließlich schaffte ich es, zu sagen: Krebs. Ich habe Krebs.

Und damit war es mir dann auch möglich, weiter zu denken, zu fühlen. Die Tatsache war akzeptiert, und nun musste ich herausfinden, wie ich damit umgehen wollte. Natürlich war da Angst, große Angst. Schwiegervater und Schwiegermutter waren vor wenigen Jahren an Krebs gestorben, kurz nacheinander. Ich hatte in meinem Leben genug über Krebs gelesen, gehört und gesehen, um zu wissen, dass ich es mit einer tödlichen Krankheit zu tun hatte. Einer heimtückischen noch dazu. Mehr als einmal hatte meine Schwiegermutter von Ärzten gehört: »Es ist jetzt sämtliches vom Tumor befallenes Gewebe aus dem Körper entfernt.« An anderer Stelle trat relativ kurz danach dann jeweils ein neuer Tumor in Erscheinung.

Ich will mich, da ich diese Dinge jetzt einigermaßen chronologisch zur eigenen Erinnerung in späteren Jahren notiere, erst einmal auf das beschränken, was ich zur jeweiligen Zeit empfunden und erlebt habe. In diesen Tagen vor der Operation war es eindeutig sehr viel Angst, aber auch immer wieder Trost durch das Wissen, dass sehr viele Menschen mir alles Gute wünschten, an mich dachten, für mich beteten, sogar Freunde, die nicht gläubig sind, schickten Gebete für mich »ans Universum« oder wohin auch immer. Am Anfang dieser Aufzeichnungen hatte ich ja bereits davon berichtet.

Trotz all der Angst, und obwohl mir jegliches Vermögen abhandengekommen war, an ein heilendes Eingreifen Gottes zu glauben, wollte ich leben. Ich wollte nicht resignieren, mich bemitleiden, als armes, unschuldiges Opfer bejammern. Nein. Wenn ich untergehen würde, dann aber nicht als Häufchen Elend, solange ich es irgendwie vermochte, wollte ich ein einziges Ziel im Auge behalten: Gesund werden. Auf die Beine kommen. Für meine Frau, meine Familie, und auch für Freunde und Bekannte da sein. Im Vordergrund stand aber eindeutig Eva, unsere Liebe, unsere gemeinsame Zukunft. Daran wollte ich mich festhalten.

Nach einer der besonders schlimmen Abführ-Erbrechen-Zusammenklappen-Aktionen hörte ich den Arzt zur Schwester sagen: »Woher nimmt er bloß diesen Lebenswillen, diese Kraft? So etwas habe ich noch nie erlebt.« Die Schwester: »Ich auch nicht, ich staune genau wie Sie.«

Heute, im Nachhinein, beim Aufschreiben der Ereignisse, würde ich als Antwort anbieten, dass in mir Gottes Kraft wirkte, die über menschliche Möglichkeiten nun einmal erhaben ist. Ich habe damit im Krankenhaus nicht gerechnet, habe es nicht wahrgenommen, nicht darum gebetet oder auch nur geglaubt; aber woher ich die Kraft sonst gehabt haben soll, wäre mir noch rätselhafter als die Erklärung, dass Gott bei mir war, auch wenn ich damit nicht rechnete.

In den Tagen und Nächten auf der Intensivstation war aufgrund der ständigen Geräuschkulisse und des auch nachts häufig notwendigen hellen Lichtes von ungestörtem Schlaf über längere Zeiträume nicht die Rede. Das war auch meinen Ärzten klar. »Wir wissen, dass Schlafentzug eine anerkannte Foltermethode ist«, sagte mein Chirurg eines morgens zu mir, »aber einstweilen ist das nun einmal das kleinere Übel für Sie. Versuchen Sie, zwischendurch so oft wie möglich zu schlummern, zehn Minuten, eine halbe Stunde … was immer möglich ist. Sobald wir es verantworten können, verlegen wir Sie zurück auf die Chirurgie.«

Am 19. März war es dann so weit, ich durfte die Intensivstation verlassen. Die Operation war für den 20. März vorgesehen. Dass sie dann auf den 21. verschoben wurde und welches Wunder sich in der Nacht vor der Operation ereignete, davon berichte ich im nächsten Kapitel.

7. April 2012 – … auf eine ziemlich unappetitliche, aber außerordentlich erfolgreiche Weise …

Der Arztbericht formuliert nüchtern:

Unter regelmäßigem Anspülen der Entlastungssonde konnte Herr Matthia mehrere Liter Stuhl absetzen, sodass er aus dem Ileuszustand rekompensierte und am 19. 03. auf die Normalstation zurückverlegt werden konnte.

Die Verlegung fand gegen Mittag statt, ich kam in ein Zimmer mit drei Betten, am Fenster lag ein Patient, der schon seit einigen Tagen operiert war und aufstehen konnte, in der Mitte ein kaum jemals das Bewusstsein erlangender Sterbenskranker und dann eben ich, an der Türseite. An mir hatten die Pflegekräfte erst einmal nicht viel zu tun, ich konnte unter Mitnahme des fahrbaren Infusionsständers sowie der drei am Bett befestigten Beutel (Darm- und Blasenausscheidungen sowie Magensondenauffangbeutel) aufstehen, mir die Zähne putzen und mich einigermaßen erfolgreich waschen. Da der Darm unterhalb des Ileus ja seit Tagen restlos leer war und der Urin im Beutel landete, erübrigte sich jeglicher Toilettenbesuch. Ich bekam über die Infusion Flüssigkeit und zwei Mal täglich künstliche Ernährung zugeführt, ansonsten diverse Medikamente, darunter immer noch das Antibiotikum gegen die vermutete Bauchfellentzündung.

Am Abend des 19. März erfuhr ich, dass die Operation auf den 21. verschoben worden war. Die Begründung war, übrigens ein ab und zu auftretendes Phänomen in diesem Krankenhaus, von Person zu Person unterschiedlich. Es sei der Terminplan zu voll, sagte mir ein Arzt. Nein, es ginge um die Entzündungswerte in meinem Blutbild, sagte eine Ärztin. Die Stationsschwester erklärte, mein Bauch sei noch zu geschwollen, man hoffe darauf, dass die Entlastungssonde in den zusätzlichen 24 Stunden noch reichlich Stuhl aus dem Körper fördern würde. Womöglich stimmte ja alles oder nichts – aber für den Patienten wäre es schon einfacher, wenn sich die Ärzte und Pflegekräfte bezüglich möglicher Fragen des Patienten vorher auf jeweils eine Auskunft einigen würden.

In mir sah es so aus, dass die (sicherlich völlig normale) Angst vor der Operation Tag und Nacht nicht weichen wollte. Mal trat sie in den Vordergrund, mal konnte ich sie etwas vergessen. Beim Lesen reichte die Konzentration in der Regel nicht für viel mehr als 20 oder 30 Minuten, dann schloss ich wieder die Augen und dachte nach, schlummerte ein wenig, wurde wieder hellwach …

Wenigstens war im Gegensatz zur Intensivstation in der Nacht mehrstündiger Schlaf möglich, auch tagsüber konnte ich einiges nachholen, da meine Mitpatienten beide ruhige Zeitgenossen waren. Lediglich die beiden am Klinikum stationierten Hubschrauber, deren Anflugweg zum Landeplatz fast direkt an unserem Fenster vorbei führte, verursachten bei ihrer lebensrettenden Tätigkeit einen ziemlichen Lärmpegel.

Am Abend des 20. März kam mein Chirurg zu mir ans Bett, um noch einmal die Operation mit mir durchzusprechen. Er untersuchte meinen Bauch und musste mir dann sichtlich betrübt mitteilen, dass angesichts des doch noch erheblich angeschwollenen Darms ein künstlicher Ausgang für ein paar Monate nicht zu vermeiden sei. Die Entlastungssonde förderte zwar weiter Kot, aber die Menge, die noch im Darm verblieben war, sei doch recht erheblich.

Eine Stunde später erschien dann eine Stoma-Fachkraft, um zwei mögliche Punkte für den künstlichen Darmausgang auf der Haut zu markieren. Im Sitzen und Stehen wurde vermessen, welche Stellen am weitesten von einem Hosengürtel weg lagen, ohne wiederum das Sitzen zu behindern. Die beiden Punkte wurden schließlich auf meinem Bauch gekennzeichnet.

Da lag ich nun, zur Angst vor der Operation kam jetzt die fast 100prozentige Gewissheit, dass das Befürchtete eintreten würde. Der Glaube an einen Gott, der unbedingt das Erbetene tut, wenn man nur a) genug Glauben aufbringt, b) keine Zweifel zulässt, c) fortwährend die Heilung proklamiert und d) noch sonstige Voraussetzungen erfüllt, war mir schon vor einigen Jahren beim qualvollen und nicht mehr menschlich zumutbaren Tod meiner Schwiegermutter abhandengekommen. Ich hatte göttliches Handeln in meinem Leben erfahren, vor vielen Jahren, daran zweifelte ich nicht, denn was man selbst erlebt hat, kann einem ja niemand ausreden. Aber ich hatte ebenso erlebt, dass jedes Flehen, jedes verzweifelte Schreien völlig ohne Antwort blieb, obwohl alle Beteiligten alles »richtig machten«, soweit es die frommen Lehren definierten.

Alles, was ich an diesem Abend vor der Operation noch hatte, war die Hoffnung, dass der häufig so ferne, so unbeteiligte Gott vielleicht eine Ausnahme machen würde. Vielleicht. Das konnte ich mir nicht verdienen, nicht erarbeiten, ich wollte ihm auch nicht irgendwelche abenteuerlichen Versprechungen machen, quasi einen Tauschhandel anbieten: Wenn du mir jetzt hilfst, dann werde ich … was auch immer. Nein, dachte ich, wenn er überhaupt hilft, eingreift, wie auch immer das aussehen mag, dann ist das nichts als ein unverdientes Geschenk. Gnade, um das fromme Wort zu wählen.

Also formulierte ich ein aufrichtiges Gebet, ungefähr so habe ich es in Erinnerung: Du oft so ferner, manchmal aber auch naher Gott, an den zu glauben ich nicht lassen kann und will, ich bitte dich, dass mir der künstliche Darmausgang erspart bleibt. Wie das gehen soll, da kann ich dir keine Vorschläge machen, da ist ja sogar mein Chirurg ratlos. Höchsten ein Verschieben der Operation kann ich mir vorstellen. Dass du helfen kannst, daran habe ich keinen Zweifel, ob du es willst, weiß ich nicht. Aber falls ja, dann würde ich mich ungeheuer freuen und dankbar sein. Letztendlich bin ich ja wohl in deinen Händen, nicht in den Händen der Ärzte, die können aber immerhin als deine Helfer fungieren. Also, wie gesagt, falls du mir zuhörst und meine Bitte gewähren willst, sage ich im Voraus danke. Amen.

Sicher kein mustergültiges Gebet aus einem Katechismus, Gebetbuch oder frommen Erbauungswerk. Aber alles andere wäre gelogen gewesen, und, soviel wusste ich, falls Gott zugehört hatte, wäre ihm ein vorgeheucheltes »hach wie stark ist doch mein Vertrauen!« sicher genauso übel aufgestoßen wie mir selbst. Etwas Trost und Ruhe gab mir auch das Wissen, dass nach wie vor zahlreiche Freunde und Bekannte und Verwandte, gläubig und ungläubig, Atheisten und Christen, für Eva und mich auf ihre jeweilige Weise beteten und hofften und die Daumen drückten, bis sie flach gequetscht waren. Damit schlief ich dann ein.

Die Entlastungssonde musste alle zwei Stunden gespült werden, Tag und Nacht. Der Beutel, der 2 Liter Inhalt speicherte, war in der Regel zwei Mal täglich ausgewechselt worden. Gegen Mitternacht hörte ich ein ziemlich erschrockenes »ach du liebe Güte, was ist denn hier los!« und schlug die Augen auf. Die Nachtschwester stand neben meinem Bett und starrte entsetzt auf den Boden. Ich folgte ihrem Blick und sah die Bescherung: Der Beutel war – ganz offensichtlich wegen Überfüllung – geplatzt, ein gewaltiger See von Kot breitete sich auf dem Fußboden aus. Das Krankenzimmer stank ziemlich erbärmlich.

Zu zweit, die andere Nachtschwester kam zur Hilfe, beseitigten die Damen die Schweinerei und brachten einen neuen Auffangbeutel am Schlauch der Sonde an. Im Verlauf der Nacht wurde ich aus dem Halbschlaf noch vier Mal wach, weil der Beutel voll war, jeweils 2 Liter, und ausgewechselt wurde. In den nächtlichen Stunden vor der Operation floss so viel Stuhl ab, wie an den Tagen zuvor, seit die Darmsonde gelegt worden war, nicht zusammengekommen war. Auch die Magensonde förderte auf einmal bisher nicht da gewesene Mengen Kot, der Auffangbeutel wurde in dieser Nacht zwei mal gewechselt. Ich sah am Morgen das Ergebnis mit eigenen Augen: Der am Vorabend noch deutlich gewölbte, gespannte Bauch war weich und flach und ganz unübersehbar geleert.

Zufall? Schwein gehabt? Ein merkwürdiges medizinisches Phänomen? Eine autosuggestive Reaktion des Körpers?

Man kann selbstverständlich alle möglichen und unmöglichen Erklärungsversuche anstellen. Für mich ist und bleibt die wahrscheinlichste Antwort, bei der ich mein Denken und meinen Verstand am wenigsten verbiegen muss: Der oft so unzugängliche Gott hatte sich zugänglich gezeigt und meine Bitte auf eine ziemlich unappetitliche, aber außerordentlich erfolgreiche Weise erhört. Ganz einfach so, als Geschenk und ohne eine von mir versprochene Gegenleistung.

Wenige Stunden später wurde ich dann zum Operationssaal gebracht.

9. April 2012 – »Ohne!«

In der Medizinern nun einmal eigenen Sprache heißt es:

Am 21.03. führten wir den Eingriff als Hemikolektomie links unter Mitnahme von Anteilen des Zwerchfells durch. Die Darmkontinuität wurde mittels Transversorektostomie wiederhergestellt. Die postoperative Behandlung erfolgte für einen Tag auf der Intensivstation.

Um zehn Uhr wurde ich am 21. März zum Operationstrakt gefahren. Zunächst wurde der Periduralkatheder gelegt, das ist eine Leitung, die wenige Millimeter vom Rückenmark entfernt endet, durch die dann nach der Operation eine Schmerzmittelpumpe Morphin und andere Medikamente direkt zu bestimmten Nervenbahnen führen kann. Dadurch entsteht ein tauber Gürtel rings um den Körper. Man hatte mir diese Methode sowie zwei andere für die Schmerzbehandlung vorgestellt, mir schien die automatische Variante trotz der genannten Risiken (Querschnittlähmung, Impotenz, permanenter Verlust von Gefühl in bestimmten Regionen …) am praktischsten und ich unterschrieb zügig die Belehrung, sodass der Zugang gelegt werden konnte.

Anschließend unterschrieb ich, dass ich über die Risiken und Nebenwirkungen der Narkose aufgeklärt worden war und um 10:30 Uhr schaute ich zum letzten Mal auf die Uhr über dem Durchgang zum eigentlichen Operationssaal. »Wir fangen jetzt an«, sagte jemand, und bevor ich noch ja oder nein dazu sagen konnte, war ich schon weggetreten aus dieser unserer Wirklichkeit.

Der Rest des Mittwochs ist ziemlich vernebelt in der Erinnerung. Um 15:30 kam ich kurz zu mir, bemerkte, dass ich mich wieder auf der Intensivstation befand, und fragte mich, ob das ein schlechtes Zeichen sein mochte. Dann tauchte mein Chirurg in meinem Blickfeld auf, strahlte mich an und sagte: »Ohne!« Es dauerte wohl einen Moment, bis ich verstand. Ich fragte: »Kein künstlicher Darmausgang?« »Nein. Wir müssen abwarten, ob die Nähte halten und der Darm richtig zusammenwächst, aber erst einmal sind Sie ohne davon gekommen.« Ich wollte mich bedanken, aber die Augen fielen wieder zu.

Um 16:30 Uhr war dann Eva, die beste aller Ehefrauen, da. Sie hielt meine Hand, sah sehr müde aus, aber sie lächelte und es tat mir gut, dass sie da war. Viel zu reden war ich nicht in der Lage, immer wieder überwältigte mich der Schlaf, ohne dass ich es wollte, aber immerhin brachte ich es fertig, sie zu fragen, ob ich ihr irgendetwas holen könnte, einen Tee vielleicht?

Ansonsten, wie gesagt, ist der 21. März in meiner Erinnerung nur bruchstückhaft und vernebelt vorhanden. Ich weiß noch, dass zwei Menschen vom Schmerzdienst kamen und mir erklärten, dass die Schmerzmittelpumpe in Betrieb sei und dass ich mich sofort melden solle, wenn ich Schmerzen hätte, die Krankenschwestern oder Ärzte würden dann rund um die Uhr jemanden vom Schmerzdienst erreichen und holen können.

Am nächsten Tag musste ich einige Male Gebrauch davon machen. Im Laufe des Vormittags stellten sich Schmerzen ein, die ziemlich rasch zunahmen. Da niemand von den Pflegekräften und auch niemand von den Ärzten die »sündhaft teure« Schmerzmittelpumpe bedienen oder irgendwelche Einstellungen ändern wollte (»da gehen wir nie und nimmer ran, das machen nur die Spezialisten vom Schmerzdienst«), bekam ich zunächst Tropfen und dann über die Infusion zusätzliche Schmerzmittel. Die Spezialisten für die Pumpe kamen alle paar Stunden vorbei und am späten Nachmittag, als ich schon wieder auf der chirurgischen Station lag, war dann die richtige Dosierung gefunden.

Ich bin ja, da ich schon als Kind Karl May gelesen und mich mental mit Winnetou und Old Shatterhand verbündet hatte, überzeugt, dass ein Indianer (also ich) keinen Schmerz kennt (also nie und nimmer zugibt, dass er ebendiesen erleidet). Im Krankenhaus allerdings machten mir die Ärzte sehr ernsthaft klar, dass es der Heilung förderlich sei, wenn ich tatsächlich völlig schmerzfrei war, denn andernfalls verkrampft sich der Mensch, Indianer hin oder her, und ein verkrampfter Organismus heilt langsamer oder gar nicht an den entscheidenden Stellen.

Was, wie der Arztbericht formuliert, »am zweiten postoperativen Tag allerdings« passierte und inwiefern mir das zugutekam, obwohl es erst einmal ganz böse aussah, davon berichte ich dann in der nächsten Fortsetzung.

10. April 2012 – Norovirus? Clostridienkolitis? Oder eine Wohltat?

Der Arztbericht formuliert es so:

Am zweiten postoperativen Tag kam es allerdings zu heftigem Erbrechen und Durchfällen, sodass wir den Patienten bei V. a. Norovirusinfektion vorsorglich isolierten.

Wie sich dieses Erbrechen und die Durchfälle aus meiner Patientensicht ereigneten, hatte ich bereits weiter oben bei den Aufzeichnungen aus dem Krankenhaus kundgetan.

Ziemlich Hals über Kopf wurde ich am frühen Vormittag nach den nächtlichen Übelkeits- und Durchfall-Attacken aus dem 3-Bett-Zimmer geschoben und fand mich kurz darauf in einem Zimmer für Privatpatienten wieder. Ein Flachbildfernseher von vernünftigen Ausmaßen hing in günstigem Winkel an der Wand, das Mobiliar war aus ansehnlichem Holz gefertigt, ich hatte ein eigenes Badezimmer mit Toilette und Dusche und – da Isolation angeordnet war – ich war allein im 2-Bett-Zimmer.

In Krankenhäusern geht man bei einem Verdacht auf Norovirus wohl heutzutage überall auf Nummer sicher. Ich erfuhr von der Schwester (die mit Mundschutz und Extra-Kittel zu mir kam), dass eine Dame der Reinigungskräfte, die auch in dem Zimmer, in dem ich vorher lag, sauber gemacht hatte, sich am Vorabend wegen Erbrechen und Durchfall krankgemeldet hatte. Als bei mir nachts die gleichen Symptome auftraten, schrillten sofort die Alarmglocken: Norovirus!

Für einen von einer großen und schwierigen Operation geschwächten Organismus ist eine Virusinfektion natürlich noch wesentlich gefährlicher als für den gesunden Körper. Ich erfuhr in den folgenden Tagen sehr viel Aufmerksamkeit, regelmäßig wurden Kreislauf, Puls, Temperatur und Blutwerte kontrolliert. An den ersten beiden Tagen (und zugehörigen Nächten) kamen alle, Ärzte und Pflegekräfte, mit Mundschutz und Überkittel, ich war gehalten, bei meinen noch kurzen Gehversuchen auf dem Gang anderen Patienten weder die Hand zu geben noch ihnen überhaupt zu nahe zu kommen, die Teeküche war verbotenes Terrain für mich und meine Besucher wurden gebeten, von den Desinfektionsmitteln vor meinem Zimmer Gebrauch zu machen.

Nach zwei Tagen waren auf einmal die Masken und Extra-Kittel weg. Der Verdacht hatte sich offenbar nicht bestätigt. Die Stationsärztin erzählte mir etwas von Clostridienkolitis, allerdings eher halbherzig, als suche sie nach einer halbwegs stichhaltigen Begründung, mich nicht in ein 3-Bett-Zimmer zurück zu verlegen.

An dieser Stelle möchte ich etwas erwähnen, was mir im Krankenhaus von der Aufnahmestation über die Intensivstation bis zur normalen Chirurgie aufgefallen ist: Die Mehrzahl der Patienten, soweit sie bei Sinnen und zurechnungsfähig sind, zeichnet sich durch ein gehöriges Maß an Undankbarkeit, rüpelhaftem Benehmen und Mangel an gesellschaftlichen Verhaltensmaßstäben aus. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, woher Ärzte und Pflegekräfte eigentlich die Geduld und Ruhe nehmen, mit solchen Patienten geduldig und freundlich zu bleiben. Mir wäre da öfter mal die Hutschnur geplatzt, obwohl ich ja nur Zuschauer war.

Für mich stand von vorneherein fest: Diese Menschen, vom Reinigungspersonal über Pflegekräfte bis zu den Ärzten, wollen mir mit ihrer Arbeit helfen. Manches, was sie taten, hat mich gequält, mir Schmerzen bereitet, war mehr als nur unangenehm – aber ich wusste ja, dass dahinter nichts anderes stand als der Wunsch, mich einer Heilung und Genesung näher zu bringen. Daher habe ich, soweit es meine Kräfte zuließen, von der ersten bis zur letzten Minute im Krankenhaus jedem ein Lächeln geschenkt, immer danke und bitte gesagt, so oft wie möglich zum Ausdruck gebracht, dass ich die Dienste sehr zu schätzen weiß und so gut wie irgend möglich bei allem aktiv mitgemacht, was ich irgendwie unterstützen konnte.

Ich bin überzeugt, dass mein Verhalten allen Beteiligten gegenüber dafür ausschlaggebend war, dass man mir auch ohne eine medizinische Notwendigkeit das Einzelzimmer bis zum Tag der Entlassung gegönnt hat. Ich genoss dadurch ungestörte Nachtruhe, meine Besucher konnten in angenehmer Umgebung und ohne weitere Anwesende bei mir verweilen und mit mir reden, ich konnte auch am Tag hier und da ein Stündchen schlummern … es war eine Wohltat, ein Extra-Bonus, den ich zwar nicht verdient oder durch eine private Krankenversicherung finanziert hatte, den ich aber dankbar und gerne in Empfang nahm.

Eine Virusinfektion hatte es gar nicht gegeben. Es war ein Fehlalarm, Erbrechen und Durchfall waren lediglich Folgen der Operation gewesen. Ein Fehlalarm, der mir zum Segen wurde.

11. April 2012 – Welcher Idiot hat Ihnen denn das gegeben?

Meine letzte Mahlzeit hatte ich am 14. März zu mir genommen und am 15. morgens wieder erbrochen. Als ich dann am dritten postoperativen Tag, also am 24. März zum ersten Mal wieder etwas anderes als künstliche Ernährung per Infusion zu mir nehmen durfte, nämlich einen schlichten Magerjoghurt ohne Fruchtzusatz, war das ein kleiner Sieg, ein weiterer kleiner Schritt zurück in Richtung normales Leben. Dann kam die erste klare Brühe, der erste Haferschleim … dann Joghurt mit Frucht, dann Gemüsesuppe, das erste Mal Brot …

Vor der Erkrankung war Nahrungsaufnahme eine Selbstverständlichkeit, Gedanken machte man sich höchstens in Richtung »was essen wir morgen« oder »welches Restaurant besuchen wir«, und nun war der Vorgang des Essens auf einmal etwas, worüber ich mich freuen konnte, wofür ich dankbar war.

Zunächst plagte mich noch ziemliche Übelkeit, nach jeder Mahlzeit, so klein sie auch ausfallen mochte, wurde die Übelkeit schlimmer, es kam unweigerlich der gefürchtete Schluckauf dazu, der oft stundenlang anhielt und mehr als einmal musste ich einen Teil des Gegessenen nach ein oder zwei Stunden wieder erbrechen. Ich bekam Medikamente gegen die Übelkeit, nach und nach, jeden Tag ein kleines bisschen, ging es mir beim und nach dem Essen ein wenig besser. Ich kann mich lebhaft an den glücklichen Abend erinnern, als ich eine ganze Brotscheibe mit Butter und Käse schaffte und anschließend keinen Schluckauf bekam, es stellte sich keine Übelkeit ein und ich schlief ohne die Angst ein, gleich nach dem Beutel auf dem Nachttisch greifen zu müssen, der zum Auffangen des Mageninhaltes bereitlag.

Auch die »Spaziergänge« auf dem Gang wurden täglich etwas länger, gelangen mit weniger Schweißaufwand, aus 20 Minuten Bewegung wurden 25, dann 30 … lauter kleine Fortschritte, alle in die richtige Richtung, denn ich wollte nur eins: Zügig zu Kräften kommen, bald nach Hause.

Am 29. März wurde endlich der Schlauch entfernt, der links aus dem Bauch kam und der Drainage diente. Es war reichlich Wundsekret, in den ersten Tagen nach der Operation auch Blut, abgeflossen, und das Problem, dass ständig Nachthemd und Bettzeug feucht oder nass waren, weil Flüssigkeit nicht nur durch den Schlauch, sondern auch am Schlauch vorbei durch das Loch in der Haut abfloss, konnte bis zum Schluss trotz allerlei Variationen des Verbandes und zusätzlicher Drainageumhüllungen nicht wirklich behoben werden. Als dann der Schlauch gezogen worden war, konnte wenigstens ein Druckverband auf der Wunde angebracht werden, der bei regelmäßigem Wechsel nicht durchnässte.

Was die Klammern in der Operationsnaht betraf, erlebte ich wieder mal die kuriosesten Widersprüche. Mein Chirurg meinte am 29., als die Drainage entfernt war, bei der Untersuchung der Naht: »Die Klammern können morgen raus, sagen Sie der Schwester bitte Bescheid.« Das tat ich. Die Stationsschwester (Frühdienst) erklärte: »Nein, auf keinen Fall, das geht frühestens am zehnten Tag nach der Operation.« Die Stationsärztin kam am Nachmittag vorbei, ich fragte sie wegen der Klammern und bekam die Antwort: »Die hätten ja, zumindest jede zweite, schon gestern entfernt werden können. Ich schreibe das nachher in Ihre Akte, dann kann das morgen früh erledigt werden.« Als die Schwester im Spätdienst gegen 17 Uhr zum Verbandwechsel der Drainagewunde kam, schaute sie sich die Naht an und meinte: »Die Klammern müssen aber raus, das ist ja schon ganz rot geworden.« Am nächsten Morgen meinte eine andere Chirurgin: »Nein nein, die lassen wir alle drin, das kann dann, falls Sie am Wochenende entlassen werden, der Hausarzt am nächsten Montag machen.«

Was soll man als Patient tun, außer sich das alles anhören und zu dem Schluss kommen, dass niemand von den Fachkräften so recht weiß, wann und ob solche Klammern entfernt werden können, dürften, sollten. Letztendlich ging es so aus, dass am Tag der Entlassung, also am 31. März, morgens jede zweite Klammer entfernt wurde und am Montag dann die Hausärztin den Rest übernahm.

Ähnliches erlebte ich mit den Ernährungsratschlägen. Ein Diätassistent kam auf Anforderung zu mir, um mir die Ernährung für die nächsten Wochen und einige lebenslange Einschränkungen zu erläutern. Ich bekam von ihm auch eine schriftliche Liste in die Hand gedrückt, auf der es unter anderem heißt: Trinkmenge maximal 1500 ml pro Tag, zwischen den Mahlzeiten, kleine Mengen, ggf. schluckweise. … Ernährung eiweißreich, fettreich, lactosearm … ungeeignete Lebensmittel u. a.: Handelsübliche Milcherzeugnisse (Fruchtjoghurt, Fruchtquark) …

Allerdings bekam ich drei oder vier Fruchtjoghurt pro Tag hingestellt und die Krankenschwestern lagen mir dauernd in den Ohren, ich müsse mehr trinken, zwei Liter sei das Mindeste, besser wären drei Liter pro Tag. Als ich der Stationsschwester dann, als sie mich ermahnte, mehr als die zwei Liter, die ich bereits notiert hatte, zu trinken, das Dokument zeigte, war sie ziemlich entsetzt. »Welcher Idiot hat Ihnen denn das gegeben? Das wäre etwas für jemanden, dem der Magen entfernt worden ist, aber doch nicht für Sie! Ihnen fehlt ein großes Stück Dickdarm, da kann man doch nicht mit einer Dumping-Prophylaxe arbeiten!«

Sie beriet sich dann mit dem Ärzteteam und ich bekam anschließend eine Ernährungsliste, die so gut wie gar nichts mehr mit dem zu tun hatte, was der Fachmann von der Abteilung Ernährungsberatung mir gegeben hatte.

Schließlich konnte ich am 31. März, nach vielen kleinen Fortschritten in den Tagen nach der Operation und auch etlichen Rückschlägen und schwierigen Tagen (ich hatte weiter oben bereits über den Wechsel von der Schmerzmittelpumpe zu oralen Medikamenten berichtet) nach Hause entlassen werden. Dankbar für die insgesamt überraschend zügige Erholung und für das neue Leben, das für mich mit dem Tag der gelungenen Operation begonnen hat.

Vieles ist heute noch offen und unklar. Die Histologie liegt noch immer nicht vor, daher kann über Anschlussbehandlungen (Chemotherapie zum Beispiel) noch nicht gesprochen und entschieden werden. Eine Rehabilitationsmaßnahme ist beantragt, aber ich weiß bisher nicht, wann sie gegebenenfalls beginnen kann und wie lange sie dauert. Die Operationswunde nässt nur noch wenig, ist aber immer noch nicht völlig geschlossen. Ich bin dabei, schrittweise und ärztlich begleitet den Morphinkonsum abzubauen, was bisher sehr gut gelingt und in drei Wochen geschafft sein sollte. Dann kann ich auch auf die Abführmittel verzichten, die jetzt notwendig sind, weil Morphin nun einmal Verstopfung verursacht.

Also manches ist offen – aber ich bin glücklich und dankbar für das, was erreicht und geschafft ist. So soll es jetzt auch weiter gehen. Mein Wunsch ist, dass der Krebs nicht wieder auftritt, weder im Darm noch an anderen Organen. Ich möchte noch viele Jahre leben, mit der besten aller Ehefrauen glücklich sein und dabei dankbar bleiben, nichts mehr für selbstverständlich halten, was dem Menschen – wie ich erlebt habe – von einem Moment zum anderen entrissen werden kann. Möge Gott mir und uns helfen, dass diese Pläne für die Zukunft Wirklichkeit werden.

13. April 2012 – Von der Relativität des Befindens

»Es geht mir gut«, sagt der eine. »Es geht ihr sehr schlecht«, beurteilt jemand den Zustand einer anderen. Dabei mag letztere Dame selbst der begründeten Meinung sein, es ginge ihr gut, während der Erstgenannte aus der Sicht seiner Mitmenschen ziemlich erbärmlich dran sein könnte. Und alle haben irgendwie gleichzeitig recht. Die Ampel leuchtet nicht einfach rot oder grün, nein nein, so leicht ist es nun einmal nicht.

Während der Wochen im Krankenhaus ging es mir nicht gut, objektiv gesehen zumindest, denn wenn es jemandem gut geht, besteht in der Regel keine Veranlassung für einen Aufenthalt im Krankenhaus, Pflege auf der Intensivstation oder Durchführung einer vierstündigen Operation. Doch ging es mir mehrmals durch den Kopf, dass es mir mit Mitpatienten verglichen richtig gut ging.

Da war der Komapatient, der Wochen zuvor aus der Narkose nicht wieder zu sich gekommen war. Täglich bekam er Besuch von seiner Frau, meist kam auch der Sohn. Die beiden erzählten ihm, was sich so im Alltag ereignete, wer einen Brief oder eine Karte geschrieben hatte, wie sich im Garten die ersten Knospen zeigten. Und der Patient reagierte nicht, nicht einmal ein Zucken des Mundes oder eines Fingers konnte als Zeichen gedeutet werden, dass er irgendetwas mitbekam. Die Pflegekräfte sprachen ebenfalls mit ihm, erklärten jeden Handgriff. »Ich wechsle jetzt den Verband … wir drehen Sie jetzt auf die andere Seite … das wird jetzt kalt auf der Haut, wegen des Desinfektionssprays … ich muss Ihnen Blut abnehmen, das piekst gleich ein wenig.« Ich vermochte nicht zu sagen, wer mir mehr leidtat, der Patient oder seine Familie. Aber verglichen mit diesem Mann ging es mir gut.

Da war die serbische Frau auf der Intensivstation (dort werden die Räume nicht nach Geschlechtern getrennt belegt), die wohl nichts oder nur ein paar rudimentäre Brocken von dem verstand, was Ärzte oder Pflegepersonal ihr sagten oder von ihr wissen wollten. Sie war, wenn sie nicht schlief, stets und ausschließlich schlecht gelaunt, brüllte vernehmlich »will nix haben!« oder »nein!«, sobald jemand sie berührte, versuchte ständig, sich vom zentralen Venenkatheder oder anderen medizinischen Vorrichtungen zu befreien … Besuch hatte sie niemals, solange ich auf der Intensivstation war. Eine der Putzfrauen konnte ein paar Worte mit ihr wechseln, das war alles, was an Kommunikation gelang.

Da war der Patient auf der Chirurgie, der Tag und Nacht, rund um die Uhr, alle zwei Stunden (zu Hause mithilfe seiner Frau) seinen künstlichen Darmausgang reinigen und den Auffangbeutel wechseln musste. Seit inzwischen sechs Monaten. Man muss sich das vorstellen: Schlafen gehen mit dem Wissen, dass in zwei Stunden der Wecker klingelt. Weiter schlafen mit dem gleichen Wissen. Egal, wo man ist, was man tut oder nicht tut, alle zwei Stunden … fürchterlich. Er wurde am Tag meiner Entlassung aufgenommen, wir lernten uns nur flüchtig kennen. Es sollte nun der zweite operative Versuch unternommen werden, den natürlichen Darmausgang wieder zu aktivieren, eine vorangegangene Operation hatte nicht das erhoffte Ergebnis gehabt. Verglichen mit diesem Mann ging es mir, da mir der künstliche Darmausgang erspart geblieben und die Operation ohne nachträgliche Komplikationen verlaufen war, rundum gut.

Da waren noch so manche anderen Patienten, deren Schicksal mir so leidtat, dass mir mitunter das Herz schwer wurde, weil ich nichts tun konnte, um ihren Zustand auch nur ein wenig zu verbessern. Mein Mitleid machte es auch nicht besser für diese Menschen, aber es schärfte mir den Blick für die eigene Situation und die vielen oft so klein scheinenden Schritte zur Genesung, die ich an mir beobachten konnte: Gestern konnte ich nur zehn Minuten auf den Beinen sein, heute schon 15. Gestern habe ich das Joghurt wieder erbrochen, heute blieb es im Magen.

Wann geht es einem Menschen also gut, wann geht es ihm schlecht? Und wie geht es mir heute?

Gut würde ich sagen, verglichen mit diesem oder jenem Mitmenschen. Zwar liegt vor mir womöglich noch eine Chemotherapie, deren Nutzen zweifelhaft, deren Nebenwirkungen felsenfest sicher sind – falls ich mich ihr unterziehe. Seit heute erst habe ich die schriftlichen Befunde (die zu verstehen und zu interpretieren mir als medizinischem Laien nicht gelingt). Nächste Woche werde ich mit meinem Hausarzt und dann gegen Ende der Woche mit Fachärzten über die Befunde und Sinn und Unsinn der Chemotherapie reden können. Das liegt vor mir, womöglich. Vor mir liegt auch ein Leben mit der Möglichkeit, dass der Krebs irgendwann irgendwo im Körper wieder auftaucht. Das muss nicht so sein, ich bin auch zuversichtlich und voller Hoffnung, dass es nicht passiert – aber die Wahrscheinlichkeit ist nun einmal größer als bei einem Menschen, der noch nie Krebs hatte. Dennoch: Es geht mir gut, verglichen mit anderen Menschen, die zum Beispiel mitten im Bürgerkrieg in Syrien leben, in Japan den Folgen der Atomverstrahlung nach dem Tsunami wehrlos ausgeliefert sind, Opfer von Gewalttaten oder Unfällen werden … Tag für Tag und überall gibt es schlimmere Schicksale als meines.

Daher geht es mir gut. Darum habe ich genug Grund, dankbar zu sein, mich zu freuen, Gutes ganz bewusst zu genießen und Alltägliches zu schätzen, weil es zwar alltäglich, aber nicht selbstverständlich ist.

17. April 2012 – Notaufnahme und Nebenwirkungen

Gestern (Gründonnerstag) gab es einen gehörigen Schrecken. Von der Hausarztpraxis, wo sicherheitshalber vor den Feiertagen die Operationswunde/narbe in Augenschein genommen wurde, musste ich direkt in die Notaufnahme des Krankenhauses zurück. Eva und ich waren zunächst ziemlich geschockt, wie man sich vorstellen kann, noch nicht einmal eine ganze Woche zu Hause und schon wieder in die Klinik?

In der Notaufnahme kümmerte sich dann eine Chirurgin, die mich bereits recht gut von meinem Aufenthalt kannte, um uns und meine Narbe. Es war alles im grünen Bereich, die Verhärtung darf so sein, wie sie ist, wird auch noch über Monate so bleiben, und dass wieder Wundsekret abgesondert wird, ist auch kein Grund zur Besorgnis. Vorsichtshalber schnitt die Chirurgin ca. einen Zentimeter der Narbe wieder auf – es kam kein Eiter zum Vorschein, und das ist auch gut so.

Also durfte ich, Gott sei es gedankt, wieder nach Hause fahren.

Ansonsten: Es geht weiter in kleinen Schritten täglich bergauf, meine Kraft nimmt zu, ich kann Tag für Tag ein wenig länger aufstehen statt liegen, die Entwöhnung vom Morphin funktioniert in ebenfalls kleinen Schritten bisher reibungslos (in ca. 4 Wochen sollte ich dann, wenn alles weiter so klappt, clean sein).

Aber da ist eine Entscheidung zu treffen, eine schwere Entscheidung. Ich kann mein Leben verlängern oder verkürzen mit dieser Entscheidung und weiß nicht, was der Fall sein wird.

Das Bewusstsein unserer Sterblichkeit ist ein köstliches Geschenk, nicht die Sterblichkeit allein, die wir mit den Molchen teilen, sondern unser Bewusstsein davon. Das macht unser Dasein erst menschlich. -Max Frisch, Tagebuch

Was gibt es nicht alles für schlaue, weniger schlaue und ziemlich dumme Sprüche und Aphorismen über das Sterben und den Tod. Es lässt sich ja auch ziemlich leicht über etwas schwadronieren, was weit weg zu sein scheint. Ganz anders sieht es aus, wenn das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit nicht eine ferne Theorie ist, sondern zu einer Tatsache wird, die unerwartet nah sein könnte.

Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir auf dieser Welt noch bleiben. Ich hoffe und wünsche mir, dass es sehr viele sind. Aber ich komme nun auch nicht mehr an den Fakten vorbei, dass es für Darmkrebspatienten, auch wenn der Tumor operativ vollständig entfernt wurde, ein von Statistik zu Statistik unterschiedlich hohes Risiko einer erneuten Krebserkrankung gibt. Nur derjenige, der fünf Jahre nach der Operation ohne erneutes Auftreten von Krebs übersteht, hat relativ gute Chancen, wirklich geheilt zu sein.

Es wurde bei meiner Operation – soweit ich das, was die Ärzte erklärten und was ich am Befund selbst entziffern kann – sämtliches vom Krebs befallene Gewebe entfernt. Restlos. Keine Metastasen, keine weiteren Tumore sind im Körper verblieben. So weit, so gut.

Jedoch kann es sein, so die Mediziner, dass einzelne Krebszellen, die mikroskopisch nicht festzustellen sind, irgendwo verblieben sind. Verblieben sein könnten. Möglicherweise, vielleicht, unter Umständen … feststellen kann man das schlicht und einfach nicht. Daher ist die Standardprozedur (mir sagte man im Krankenhaus: »Das macht man eben so.«) eine »adjuvante Chemotherapie«. Dabei wird der Körper auf Verdacht hin, dass es womöglich irgendwo solch eine oder mehrere Zellen geben könnte, über sechs Monate mit starkem Gift »beschossen«.

Die Nebenwirkungen sind unstrittig, die habe ich auch schwarz auf weiß vom Krankenhaus mit nach Hause bekommen. Sie treten unabhängig voneinander auf und können ganz ausbleiben oder in verschiedener Stärke (von mild bis tödlich) auftreten: Veränderungen im Knochenmark führen zu Blutbildveränderungen, daher erhöhte Anfälligkeit für Infektionen; Übelkeit und Erbrechen; Appetitlosigkeit; Erschöpfung; Haarausfall; Schleimhautentzündungen; ein paar weitere Nebenwirkungen gibt es auch noch.

Strittig ist der Erfolg. Laut einer Untersuchung in Australien und den USA aus dem Jahr 2005 wird der Gesamtbeitrag adjuvant angewandter zytotoxischer Chemotherapien zur Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Erwachsenen auf 2,3 % in Australien und 2,1 % in den USA geschätzt. Der Facharzt im Klinikum Steglitz, der mich vor der Entlassung noch aufsuchte, um mir die adjuvante Chemotherapie zu empfehlen, behauptete, dass eine Verbesserung um 10 bis 15 % möglich sei. Wem soll man als Laie glauben? Und selbst wenn es 15 % wären … angesichts der bedrohlichen Nebenwirkungen fällt die Entscheidung sehr schwer.

Über die mittel- und langfristigen Schäden, die eine solche Chemotherapie auslöst, gibt es schlicht und ergreifend noch keinerlei verlässliche medizinische Forschungsergebnisse. Dazu ist das Prozedere noch zu neu.

Und nun? Nun sitze, stehe und liege ich da und weiß nicht, was richtig und was falsch ist. Natürlich möchte ich alles tun, um meine Jahre auf der Erde zu verlängern, nichts versäumen, was womöglich positive Wirkung hätte. Aber alles in mir sträubt sich gegen den Gedanken, in die adjuvante Chemotherapie einzuwilligen.

Das Leben verlängern oder verkürzen mit einer einzigen Entscheidung – um nichts weniger könnte es gehen. Muss nicht sein, könnte aber sein. Das ist kein angenehmer Zustand.

Ein wenig Zeit bleibt ja noch. Am Donnerstag beginnt meine ambulante Rehabilitation; vor Ort stehen mir dann – so die Ankündigung – auch Fachärzte zur Verfügung, mit denen ich über die Histologie und das weitere Vorgehen sprechen kann. Und am Dienstag der kommenden Woche habe ich einen Termin bei einer onkologischen Praxis zur Beratung über den gleichen Sachverhalt. So werde ich zumindest zweierlei voneinander unabhängige Meinungen zu hören bekommen.

Am liebsten hätte ich so eine Schrift an der Wohnzimmerwand nach biblischem Vorbild des Menetekel: »Mach die Chemotherapie.« oder »Lass das bloß sein!«. Aber man bekommt ja selten das, was man am liebsten hätte …

19. April 2012 – Der erste Tag in der Rehabilitationsklinik

Das Gefühl, in guten Händen zu sein, ist für den Erfolg medizinischer und therapeutischer Maßnahmen sicher von nicht zu unterschätzendem Wert. Der erste Tag in der Rehabilitationsklinik des Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin hat mir ein solches Gefühl vermittelt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sich erstmals seit ich von meiner Krebserkrankung weiß, eine Ärztin runde 90 Minuten Zeit genommen hat, um mich zu untersuchen und mit mir über die Krankheit, den bisherigen Verlauf, meinen Zustand und die nächste sowie fernere Zukunft zu sprechen. Diese Frau Dr. Brandis betreut mich während der drei Wochen, die ich voraussichtlich in der Rehabilitationsmaßnahme verbringe, als behandelnder Arzt weiter. Auch einige Fragen, die mich bezüglich der Chemotherapie quälen (wirklich quälen), konnte ich bereits stellen, dazu wird es weitere Gespräche mit Antworten geben, wurde mir heute zugesagt.

Andere Ärzte, sei es im Krankenhaus vor und nach der Operation, sei es in der Hausarztpraxis, haben sich auch Zeit genommen, zugehört, Fragen beantwortet, aber immer unter einem spürbaren Termindruck, der aus meiner Sicht auch völlig verständlich ist. Ich war und bin ja nicht der einzige Patient weit und breit, die Wartezimmer sind voll, im Krankenhaus herrscht Personalmangel … beschweren will ich mich nicht, habe auch keinen ernsthaften Grund dazu. Aber das heutige lange und in ruhiger, offener Atmosphäre geführte Aufnahmegespräch war eine wohltuend andere Begegnung mit einer Fachfrau.

Zuerst, nach meiner morgendlichen Ankunft, wurden Untersuchungen durchgeführt: EKG aufzeichnen, Blutdruck messen, Körpergewicht ermitteln, Blut zapfen … na ja, das Übliche eben. (Warum wollte eigentlich niemand Urin haben? Normalerweise will jeder Arzt Urin!) Dann kam das Gespräch mit der Ärztin, anschließend ging ich zur Atemschule und lernte, dass Atmen nicht gleich Atmen ist und wie die Atmung auf Anspannung des Körpers (Beine / Füße / Arme / Hände / Hals / alle zusammen) reagiert.

Es gibt eine tägliche kostenlose Mittagsmahlzeit in der Kantine, heute bekam ich einen Hähnchenschenkel, Kartoffeln, Gemüse (Karotten/Erbsen) und zum Nachtisch einen Joghurt. Das Gericht war … na ja … seien wir mal höflich und nennen es »etwas zerkocht«.

Anschließend durfte ich noch an einer Führung teilnehmen, während der ich erfuhr, in welchem Gebäude und wo dort genau welche Behandlungsräume zu finden sind, wo mein verschließbarer Spind sich befindet, dass ich mit dem Spindschlüssel auch meinen persönlichen Briefkasten im Untergeschoss öffnen kann (wo vielleicht wichtige Informationen zu finden sein könnten) und wie das mit den Flucht- und Rettungswegen so gedacht ist.

Zu guter Letzt lauschte ich nebst anderen heute aufgenommenen Patienten noch einem Vortrag über Inhalte und Ziele der Rehabilitation und was zu tun ist, wenn irgendwelche Maßnahmen oder Therapien dem Patienten nicht gut zu bekommen scheinen.

Und dann? Ja dann! Das ist das, was ich so wunderbar finde: Dann fuhr ich nach Hause, denn meine Rehabilitation ist eine ambulante. Circa sechs, gelegentlich sieben Stunden pro Tag bin ich in der Klinik, der Rest des Lebens spielt sich ohne Kasernierung ab. Darüber bin ich sehr froh.

Morgen werde ich, so der Plan, unter anderem in den Genuss von »PC Ausgleichstraining«, »Atemschule 2«, »Gehtraining (bitte warm anziehen)« und einer »Wirbelsäulen-Gruppe« kommen. Na denn!

24. April 2012 – Das Fatigue-Syndrom

Woher es so ganz genau stammt, wissen die Ärzte wohl bis heute nicht, überwiegend wird vom Zusammenspiel mehrerer Ursachen ausgegangen; bei Krebskranken können das unter anderem psychologische Faktoren, Blutbildveränderungen und Ernährungseinflüsse sein.

Jedenfalls war das Fatigue-Syndrom ein Alarmzeichen meines Körpers, dass er an Krebs erkrankt ist – und ich konnte das Alarmzeichen nicht zuordnen. Daher blieb die Warnung eine vergebliche.

Außergewöhnliche Müdigkeit trat seit Monaten bei mir auf, oft genug fielen mir bei den Nachrichten, beim Tatort oder auch schon tagsüber, beim Lesen, beim Arbeiten am Computer sogar, die Augen zu, obwohl ich nicht weniger schlief als üblich. Wenn es an Feiertagen oder Wochenenden die Möglichkeit zum Ausschlafen gab, konnte ich die in der Regel nutzen und war trotzdem tagsüber häufig müde.

Dazu kam ein zunehmendes Schwächegefühl, ohne dass es dafür einen Anlass (einen mir erklärlichen Anlass jedenfalls) gegeben hätte, es wollte mir auch zunehmend schwer fallen, mich zu Ausflügen oder auch nur Restaurantbesuchen oder Spaziergängen aufzuraffen. Ich raffte mich trotzdem auf, allemal, denn ich bin nun mal keiner, der sich gehen oder hängen lässt.

Traurigkeit ohne Ursache (ohne eine mir erkennbare Ursache) überfiel mich gelegentlich – aber da ich schon mein Leben lang seit der Kindheit damit zu tun gehabt hatte, nahm ich das nicht richtig zur Kenntnis.

Ich dachte an Überarbeitung, Urlaubsreife, widrige Umstände, Sauerstoffmangel im Büro wegen fehlender Durchlüftung … alle möglichen und unmöglichen Erklärungen kamen mir so in den Sinn in den letzten Monaten, aber auf Krebs wäre ich nie gekommen.

Nun weiß ich, seit die Ärztin, die mich während der Rehabilitationsmaßnahme betreut, mir das zum Teil noch unerforschte Fatigue-Syndrom erklärt hat, dass mein Körper mit den Symptomen nur sagen wollte: »Lieber Bewohner dieses Körpers, ich bin vom Krebs befallen, tu mal was dagegen, wenn es geht.«

Durch die mir wahrscheinlich bevorstehende Chemotherapie wird das Syndrom, das mehrere Monate über den Behandlungszeitraum (Operation und Genesung) hinaus anhalten kann, in der Regel weiter verstärkt. Bei manchen Menschen wird es auch erst dadurch »richtig« ausgelöst. Typische Merkmale, weiß Wikipedia, sind »eine anhaltende Schwäche und Abgeschlagenheit trotz ausreichender Schlafphasen, eine Überforderung bereits bei geringen Belastungen und eine deutliche Aktivitätsabnahme im privaten und beruflichen Umfeld.«

Irgendwann, in einigen Monaten oder in einem Jahr, hoffe ich, das Syndrom los zu sein. Bis dahin werde ich mich damit abfinden, dass ich nachts aufwache und dunkle Gedanken in meinem Kopf entdecke: Wie stirbt man eigentlich an Krebs? Völlig zugedröhnt von Drogen? Oder bekommt man mit, dass es zu Ende geht? Wird die Chemotherapie alles noch schlimmer machen oder ist sie die Chance, den Krebs endgültig zu besiegen? Falls er schon durch die Operation vollständig entfernt ist, welche Schäden richtet dann die Chemotherapie an? Falls ich die nächsten fünf Jahre überlebe, oder die nächsten acht Jahre … wie viel von meiner Rente werde ich eigentlich genießen können?

Na und dann, nach einer halben Stunde, schlafe ich doch wieder ein und am Morgen sind die dunklen Gedanken weit weg, irgendwo tief drin verschüttet. Ich kann mich an kleinen und großen Dingen freuen, die der Tag mir bringt. Jeden Tag genießen als Geschenk – denn ich hätte im März auf der Intensivstation auch sterben können. Und bin nicht gestorben.

25. April 2012 – Vom Für, vom Wider und von der Kopfentscheidung

Ausführliche Beratung und Information durch Fachleute ist so gut wie immer wertvoller als »Gefühle« oder das, was irgendjemand irgendwo vom Hörensagen aufgeschnappt hat. Je scherwiegender das Problem, vor dem jemand steht, desto wichtiger dürften auch der Rat und die Hilfe von denjenigen sein, die durch Studium und langjährige Erfahrung wirklich etwas Substanzielles zu sagen haben.

Ich musste mich entscheiden: adjuvante Chemotherapie oder nicht? Ein weiteres Abwarten und Hinausschieben wäre auch eine Entscheidung gewesen, nämlich gegen eine Therapie. Die ist nur sinnvoll, wenn sie innerhalb von vier bis höchstens acht Wochen nach der Operation startet.

Die beste aller Ehefrauen ist ja nicht weniger als ich betroffen von dem, was mit mir geschieht oder nicht geschieht, und es fiel uns beiden nicht leicht, all das Für und Wider abzuwägen, zumal die Fachliteratur auch nicht immer so ganz eindeutig ist – mit gutem Grund, wie die Ärzte erklären: Jeder Mensch reagiert ganz individuell, alle Statistiken und Erfahrungswerte können höchstens aussagen, was in der Mehrzahl der Fälle passiert oder nicht geschieht – aber nie und nimmer würde ein seriöser Mediziner eine Voraussage treffen, was dem einzelnen Patienten bevorsteht oder wie dessen Krebserkrankung sich weiter verhalten wird.

Wir hatten letztendlich als Für an Erkenntnis:

  • Ein nicht zu bemessender Prozentsatz von Patienten, die sich einer adjuvanten Chemotherapie unterziehen, tun dies insofern vergeblich, als in ihrem Körper (nach der gelungenen Operation) gar keine einzelnen Krebszellen unterwegs sind. Es ist schlicht und einfach nicht feststellbar, ob oder ob nicht.
  • Je nach statistischem Modell verbessern sich für Patienten, in deren Körper Krebszellen herumgeistern, die Chancen auf Heilung vom Krebs um 10 bis 15, nach anderen Berechnungsmodellen 3 bis 5 Prozent. Da niemand jedoch im Nachhinein feststellen kann, ob solche Krebszellen unterwegs waren oder nicht, sind all die Zahlenspiele wirklich nicht verlässlich. Sicher ist nur, dass in manchen Fällen die Chemotherapie ein Wiederauftreten der Krebserkrankung verhindert.

Als Wider blieben diese Punkte stehen:

  • Die bei der Chemotherapie über 24 Wochen eingesetzten Giftstoffe wirken auf alle Zellen ein, die sich gerade teilen, nicht nur auf Krebszellen. Also werden immer und unausweichlich blutbildende Zellen im Knochenmark, in den Schleimhäuten und in den Haarwurzeln vernichtet.
  • Durch die Wirkung auf das Knochenmark wird das körpereigene Immunsystem ausgeschaltet. Die Anfälligkeit für Infektionen steigt erheblich, schon ein simpler Husten oder Schnupfen kann tödlich enden, wenn nicht rechtzeitig und vehement mit Medikamenten gegengesteuert wird.
  • Die Chemikalien schädigen zwangsläufig das Nervensystem. Bei den für mich vorgesehenen Wirkstoffen heißt das mit 99%iger Sicherheit: Es kommt zu übersteigerter Kälteempfindlichkeit, schon der Griff in den Kühlschrank nach der Milchpackung kann solche Schmerzen verursachen, dass es unmöglich wird, etwas aus dem Kühlschrank zu nehmen. Auch herbstliche oder winterliche Witterung verursacht allerstärkste Schmerzen. Innerhalb von 12 Monaten nach der Chemotherapie verschwindet diese Schädigung aber so gut wie in allen Fällen wieder.
  • Zu den Nervenschäden, die nicht vermieden werden können, gehört auch (je nach Patient unterschiedlich stark) das Hand-Fuß-Syndrom. Vom Kribbeln in den Händen und Füßen bis zur Taubheit ist alles möglich. Je nach Intensität wird das Gehen und das Hantieren mit Gegenständen erschwert.
  • Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen treten ebenfalls zwangsläufig ein, man kann allerdings mit Medikamenten gegensteuern. Es mag einiges an Geduld brauchen, bis die richtige Mischung von Gegenwirkstoffen gefunden ist … aber dann sollte Übelkeit so gut wie nicht mehr auftreten.
  • Nicht unbedingt auftreten müssen Nebenwirkungen im Verdauungstrakt vom Mund bis zum Enddarm, es kann zu Entzündungen kommen, zu Durchfall oder Verstopfung bis zum Darmverschluss … aber das kann mir auch erspart bleiben, hier liegen die Chancen wohl bei 50 Prozent.
  • Haarausfall ist möglich, muss aber nicht oder nicht vollständig auftreten.
  • Die Erektionsfähigkeit geht mit größter Wahrscheinlichkeit für die Dauer der Behandlung verloren, die Libido verschwindet, Samenbildung findet nicht statt (Letzteres ist nun wirklich in meinem Fall unerheblich). Nach Abschluss der Therapie normalisiert sich das sexuelle Vermögen des Patienten meist wieder.
  • Schließlich haben die Mediziner noch zu bedenken gegeben: Schäden am Lymphsystem, der Leber, der Lunge, dem Herzen und den Nieren sind nicht auszuschließen. Ebenfalls ist nicht auszuschließen, dass eine Chemotherapie Krebs begünstigt oder gar auslöst, zum Beispiel Leukämie.

Die Kopfentscheidung sieht nun so aus: Ich willige in die Chemotherapie ein, denn ich will trotz der erheblichen Risiken und Nebenwirkungen nichts unversucht lassen, was einem Wiederauftreten der Krebserkrankung entgegenwirken könnte. Sechs Monate Chemotherapie sehen unendlich lang aus, aber sie könnten mir und uns – unter Umständen – keiner weiß es allerdings – einige oder viele Lebensjahre schenken.

Es entscheidet in diesem Fall der Kopf, nicht der Bauch oder das Herz. Ich habe Angst vor den Monaten, die vor mir und uns liegen. Aber ich will mir auch nicht in drei oder vier Jahren sagen müssen: Hättest du damals …

Die Behandlung beginnt voraussichtlich in der kommenden Woche. Der Termin steht noch nicht fest.

8. Mai 2012 – Chemotherapie – Tag 1 und 2

Die Behandlung begann gestern mit zwei Infusionen gegen Übelkeit um 14 Uhr, dann folgten zweieinhalb Stunden Infusion des eigentlichen chemischen Wirkstoffes. Die onkologische Praxis, in der ich behandelt werde, verfügt im Therapieraum über Sessel der Senioren-TV-Sorte, elektrisch verstellbar und gar nicht unbequem. Ich las und las und las auf meinem Kindle, während die Substanzen in meinen Körper gepumpt wurden, und merkte nur so nebenbei, dass der rechte Arm, in dem der Zugang steckte, zunehmend wehtat.

Da ich mich für die Infusion-Tabletten-Variante entschieden habe, ist ein sogenannter Port, ein Kästchen unter der Haut, für meine Chemotherapie entbehrlich. Ich wollte nicht schon wieder eine Operation haben, auch wenn es nur darum gegangen wäre, das Kästchen in meinem Körper unterzubringen – dann lieber alle 3 Wochen eine Infusion in den linken oder rechten Arm, auch wenn sie mit (wohl vorübergehender) Pein verbunden ist.

Die Schmerzen wurden dann im Lauf des Abends schlimmer, bis ich es grundsätzlich vermeiden musste, den rechten Arm zu bewegen (was bei solchen Tätigkeiten wie Ausziehen, Waschen, Zähne putzen, Schlafanzug anziehen … eine ziemlich unmögliche Angelegenheit ist). Auch die richtige Schlafhaltung zu finden, war so einfach nicht, und bei so manchen Bewegungen im Schlaf wurde ich in der Nacht dann auch schmerzhaft geweckt.

Ansonsten war mir aber gestern nach der Chemo-Infusion nur absonderlich zumute. Dass ich keine einigermaßen treffenden Worte finde, einen Zustand oder ein Empfinden zu beschreiben, mag manchem meiner Leser merkwürdig vorkommen. Na dann, lieber Leser, merke es dir. Ich fühlte mich nicht so ganz in meinem Körper und auch nicht ganz draußen – irgendwie nicht ganz da und doch nicht fort … eben unbeschreiblich, weil nie zuvor erlebt.

Heute Morgen bemerkte ich dann mit ziemlichem Entsetzen, wie stark die (von den Ärzten vorausgesagte) Kälteempfindlichkeit über Nacht angewachsen ist. Es war mir nicht möglich, mit bloßen Händen Käse, Wurst, Saftflasche und anderes aus dem Kühlschrank zu nehmen. Eine kurze Berührung war (und ist) unangenehm, ein Festhalten wird sehr schmerzhaft, und wenn es nur vom Kühlschrank zur Arbeitsfläche gleich daneben ist. Na ja – mit einem Handtuch oder Geschirrtuch zwischen Gegenstand und Hand geht es dann doch.

Es sind nicht nur die Hände, wie ich schnell festgestellt habe. Ein Glas Wasser mit Zimmertemperatur fühlt sich beim Trinken wie Eiswasser an, ein Joghurt direkt aus dem Kühlschrank schmerzt beim Schlucken, weil viel zu kalt … und von dem nun wirklich nicht künstlich gekühlten Toilettensitz und meinem Hautkontakt bei gewissen Verrichtungen wollen wir hier lieber schweigen.

Dass dieser Nervenschaden (aus der Infusion stammend) so schnell und so intensiv auftritt, hatte ich nicht erwartet. Tröstlich: Spätestens 12 Monate nach der Behandlung sollen angeblich die geschädigten Nerven wieder normal reagieren und ein normales Temperaturempfinden möglich sein. Ich hoffe ja, dass es so lange nicht dauert und schlimmer nicht wird.

Seit etwa einer Stunde ist der Schmerz im Arm fast völlig verschwunden – eine willkommene Wohltat. Wenn es jeweils nur 24 Stunden wehtut, meinetwegen. Ein Indianer kennt keinen … ja ja, ich bin kein Indianer, aber trotzdem!

Die Tabletten (morgens genommen) blieben bisher ohne spürbare böse Nebenwirkungen, ein leichtes Schwindelgefühl begleitet mich durch den Tag, aber damit kann ich gut zurechtkommen. Keine Übelkeit, kein Durchfall, kein Erbrechen und bisher Gott sei Dank auch kein Hand-Fuß-Syndrom. Zwar liegen die (stärkere) abendliche Dosis und weitere zwei Wochen Tabletteneinnahme noch vor mir, und keiner weiß, was kommt, aber am ersten Nachmittag der Behandlung bin ich zumindest recht zufrieden mit meinem Befinden. Weiter als drei Wochen mag ich jetzt sowieso gar nicht denken. Wer will schon etwas von sechs Monaten hören?

12. Mai 2012 – Chemotherapie – Tag 3, 4 und 5

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, behauptet der Volksmund. Manchmal dauert es allerdings ein wenig, bis sich Gewohnheiten entwickelt haben. Gestern beim Wochenendeinkauf im Supermarkt an der Kasse griff ich ganz selbstverständlich nach der Packung Tiefkühlspinat, um sie auf das Band zu legen … einen lauten Schmerzensschrei konnte ich gerade noch zurückhalten (es wurde ein vernehmliches Stöhnen daraus), als meine Hand behauptete, ich hätte in eine offene Flamme gegriffen oder etwas ähnlich Törichtes angestellt.

Meine Onkologin in der Rehabilitationsklinik konnte mir am Mittwoch, als ich wieder in der Lage war, am Programm teilzunehmen, leider, was das Kälte-Schmerz-Syndrom betrifft, keine großen Hoffnungen machen. Sie war (wie ich selbst) überrascht, dass der Nervenschaden so schnell und so vehement eingetreten ist. Es kann, so meinte sie aus langjähriger Erfahrung, eigentlich während der sechs Monate nur schlimmer werden, bestenfalls gleich bleiben, aber eine Besserung während der Behandlung ist nicht zu erwarten.

Nun gut. Ich habe ja Zeit, was das Berühren kühler Gegenstände betrifft, zum Gewohnheitstier zu werden. Zu Hause klappt das schon ganz gut. Neben dem Kühlschrank hängt ein Geschirrhandtuch, mit dessen Hilfe ich zugreifen kann, Joghurt wird etwa eine Stunde vor dem geplanten Verzehr aus dem Kühlschrank genommen, in den Saft zum Frühstück kommt ein Schuss heißes Wasser …

Am Mittwoch, dem Tag 3, ging es mir abgesehen von den Kälteschmerzen und Restschmerzen im rechten Arm recht passabel. Und was den Arm betrifft, so erfuhr ich von meiner Ärztin, dass der Schmerz keineswegs normal oder zu erwarten ist. Es handelte sich offensichtlich um eine Paravasation – fälschlicherweise ist wohl ein wenig Chemie nicht in die für die Infusion vorgesehene Vene gelaufen, sondern in das umgebende Armgewebe. Womöglich ist etwas verrutscht, als ich mit der Infusion im Arm zur Toilette unterwegs war … bei der nächsten Infusion soll ich mich jedenfalls sofort melden, wenn ich bemerke, dass da etwas brennt oder schmerzt.

Am Donnerstag, dem Tag 4, stellte sich dann Übelkeit ein. Darauf war ich vorbereitet, hatte zwar gehofft, verschont zu bleiben, aber was nicht ist, ist eben nicht. Ohne Übelkeit würde ich mir die Einnahme weiterer Medikamente neben dem chemischen Kampfstoff gegen den Krebs ersparen können – aber andererseits muss, brauche und soll ich die Übelkeit gar nicht bis zum Erbrechen anwachsen lassen, denn das würde zu einem weiteren Gewichtsverlust führen. Ich habe seit Beginn der Chemotherapie, obwohl ich reichlich esse und mich bisher kein einziges Mal übergeben musste, schon wieder 1,5 Kilogramm abgenommen. Am kommenden Montag werde ich hoffentlich von meiner Ärztin erfahren, ob und wie ich gegensteuern kann. Vielleicht reguliert der Körper das auch irgendwie ohne weitere Hilfestellung?

Der gestrige 5. Tag, Freitag der 11. Mai, brachte ab Nachmittag dann noch leichten Durchfall in den bunten Strauß der Nebenwirkungen hinein, hoffentlich nur vorübergehend. Heute Morgen (Samstag) ist davon bisher nichts zu spüren und auch die Übelkeit scheint sich bisher ohne Medikamente irgendwo im Hintergrund aufhalten zu wollen. Mal sehen, wie es nach dem Frühstück weiter geht.

14. Mai 2012 – Chemotherapie – Tag 6 und 7

Der Samstag, Tag 6, war rundum ein guter Tag – keine Übelkeit, kein Durchfall … also abgesehen von Fatigue und Kältesyndrom nichts, was mich zusätzlich belastet hätte. Der Sonntag war bis zur Nachtruhe dem Samstag vergleichbar, allerdings setzte gegen Mitternacht Durchfall ein.

Aus meinem Therapietagebuch (Pflichtaufgabe) kann ich Tag für Tag ablesen: es könnte mir auch wesentlich mehr Ungutes zustoßen, als dass es bisher der Fall ist. Da kann man doch nicht meckern und ich bin ganz zufrieden mit dem Status quo.

16. Mai 2012 – Vom Re und vom Habilitatio

Wikipedia ist ja meist recht schlau. Zum Beispiel was die zurückliegenden Wochen und mich betrifft: »Rehabilitation oder Rehabilitierung (mittellat.: rehabilitatio, »Wiederherstellung«) bezeichnet die Bestrebung oder ihren Erfolg, einen Menschen wieder in seinen vormals existierenden körperlichen Zustand zu versetzen.

Es heißt da so schön, dass der Begriff die Bestrebung oder ihren Erfolg bezeichnet. Wenn ich auf meine Rehabilitationszeit vom 19. April bis zum 14. Mai zurückblicke, dann ist eher Ersteres zutreffend.

Ein gewisser Erfolg ist da, obgleich der körperliche Zustand vor der Krebserkrankung nicht, bei Weitem nicht, erreicht worden ist. Das war auch in der relativ kurzen Zeit gar nicht möglich, versicherten mir Therapeuten und die Ärztin, die mich betreute. Die rund 16 Kilogramm Muskelmasse, die ich im Krankenhaus verloren habe, sind eben nicht so schnell wieder aufgebaut, wie der Körper sie von sich geworfen hat. Immerhin: Zwischen Beginn der Rehabilitation und deren Ende habe ich 2,5 Kilogramm zugenommen – was die Ärztin für einen sehr guten Wert hielt.

Erfolg sehe ich auch beim Fahrrad- beziehungsweise Ergometerfahren. Vor dem Krankenhausaufenthalt waren 30 Minuten bei 140 Watt für mich keine nennenswerte Anstrengung. Zu Beginn der Rehabilitation schaffte ich gerade mal mit Mühe 20 Minuten bei 50 Watt – und war ziemlich außer Atem mit stark erhöhtem Puls. Auch bei anderen Übungen im Rahmen der MTT (Medizinische Trainings-Therapie) zeigte sich zwar Erfolg, aber bei Weitem noch keine Wiederherstellung des früheren Leistungsvermögens. Die Beinpresse … vorher: 90 oder 100 Kilogramm ohne große Mühe, jetzt 25 bis 30 Kilogramm. Gewicht mit den Armen von oben ziehen … vorher gerne mal 60 Kilogramm, jetzt mit Mühe 20.

Aber das alles wird sich nach und nach wieder normalisieren, meinten Therapeuten und Ärztin, wenn ich tue, was ich vorhabe: Zwei- bis dreimal wöchentlich Ausdauertraining im Fitnessstudio. Alles, was ich brauche, ist Geduld, wurde mir gesagt. Und was die Chemotherapie betrifft, sei Sport und Bewegung so ziemlich das einzige nachweislich positiv wirkende Mittel, um die Nebenwirkungen zumindest ein wenig zu dämpfen.

Manches werde ich ausprobieren und eventuell sein lassen müssen. Zum Beispiel das Schwimmen. In etwa drei bis vier Wochen sollte meine Operationswunde verheilt sein, und dann könnte es wieder möglich werden, zu schwimmen beziehungsweise schwimmen zu lernen. Der Versuch des Brustschwimmens im Rehabilitationsplanschbecken scheiterte grandios. Ertrinken kann man da ja nicht, viel zu flach, aber erschrecken über die plötzliche Schwimmunfähigkeit ist allemal möglich. Merke: Zum Schwimmen braucht der Mensch Bauchspannung. Wenn der Bauch vom Sternum bis fast zum Os pubis aufgeschnitten wird, um an den Darm zu kommen, werden Muskeln und Bauchfell durchtrennt. Das ist der Bauchspannung abträglich. Wenn noch dazu ein Teil des Zwerchfells mit dem Dickdarm entfernt wurde, ist die Bauchspannung erst mal perdu.

Das alles kann man aber wieder ausgleichen, die Muskeln wachsen zusammen und Bauchspannung wird nach und nach wieder möglich. Ob ich allerdings angesichts des Nervenschadens durch die Chemotherapie, der zur Kälteüberempfindlichkeit geführt hat (und wahrscheinlich eher schlimmer werden wird), mit der Temperatur des Wassers im Fitnessstudio zurechtkomme, wird sich heute oder in den nächsten Tagen zeigen müssen. Das lauwarme Wasser in der Rehabilitationsklinik empfand ich als kühl.

Rückblickend auf die Zeit in der Klinik stelle ich fest, dass mir die Rehabilitation gut getan hat, weil ich feststellen konnte, dass ich trotz des enormen Kräfteverlustes in der Lage bin, wieder Fortschritte zu erzielen. Zwangsläufig auf niedrigem Niveau beginnend, aber das macht ja nichts. Dranbleiben und viel Geduld haben wird nach und nach wieder mehr körperliche Leistungsfähigkeit bringen, trotz der Chemotherapie bis November, trotz der bösen Nebenwirkungen, trotz aller Widrigkeiten.

Gut getan hat es mir unabhängig von der nur teilweise gelungenen körperlichen Wiederherstellung, doch eine Menge über meine Krankheit zu erfahren und so den mentalen Umgang damit besser zu bewältigen. Fakten statt Vermutungen und Ängsten sind hilfreich, auch wenn die Tatsachen unangenehm und unerwünscht sind. Ich komme jedenfalls damit besser zurecht als mit Unsicherheit und Mutmaßungen. Krebs ist und bleibt eine tödliche Erkrankung, aber falls ich die nächsten fünf Jahre überlebe, ist das Risiko, dass erneut Krebs auftritt für mich nicht höher als beim normalen Durchschnittsbürger. Die Chemotherapie kann eventuell und vielleicht und unter Umständen dazu beitragen, dass meine Chancen etwas höher sind.

Solange also ein Hoffnungsschimmer am Horizont sichtbar ist, werde ich genau die Richtung einschlagen, die zum Licht am Horizont führt. So ähnlich mag es der biblische Autor David empfunden haben, als er vom dunklen Todestal schrieb, in dem er kein Unglück befürchtete. Ein solcher Glaubensheld bin ich nicht, denn die Furcht ist (und bleibt wohl für die nächsten Jahre) da. Aber sie ist so gut wie immer zu bewältigen und bestimmt nicht meinen Alltag.

Das ist doch immerhin etwas!

18. Mai 2012 – Vom Fortschritt und von der Solidargemeinschaft

Früher war alles besser? Von wegen. Vielleicht dieses oder jenes, aber nie und nimmer alles. Zumindest aus meiner bescheidenen Sicht:

Eigentlich wäre ich im März 2012 gestorben. Wenn heute früher wäre, meine ich. Denn früher, als so mancher heute selbstverständlich gewordene medizinische und technische Fortschritt noch nicht erreicht war, hätte man mir mit meinem akuten Darmverschluss womöglich Abführmittel und Klistiere verpasst, in der vergeblichen Hoffnung, dass die Krämpfe sich schon irgendwie lösen würden. Man hätte ohne die technischen Geräte der Universitätsklinik nicht sehen können, dass der Darm an zwei Stellen durch Tumore blockiert war. Niemand hätte früher auch nur den Versuch unternommen, an einem Tumor vorbei einen Abfluss für den gestauten Darminhalt zu legen … nein, früher, vermutlich muss man nur so ungefähr eine Generation zurückdenken, früher wäre ich gestorben. Wenn nicht am Darmverschluss beziehungsweise der zwangsläufig folgenden Darmperforation, dann doch jedenfalls am Krebs, denn den hätte man so umfassend und sauber nicht herausoperieren können.

Medizinische Technik und Forschung sowie Weiterentwicklung der medizinischen Technik kosten einen Haufen Geld. Die Behandlung mit den Früchten der Forschung und den Errungenschaften der Technik auch. Geld, das ich nie und nimmer gehabt hätte, als die lebensrettende Behandlung durchgeführt wurde. Allein meine zehn Tage auf der Intensivstation sollen, so hörte ich am Rande mit, rund 20.000 Euro gekostet haben. Dazu kommen eine vierstündige Operation, der Aufenthalt auf der normalen Station, diverse Untersuchungen und Behandlungen, Medikamente … dann Rehabilitation und nun noch einige Monate Chemotherapie …

Ich bin ja gelegentlich versucht, zu jammern, dass ich 2012 bereits rund 400 Euro an Zuzahlungen und Gebühren begleichen musste. Aber wenn ich dann darüber nachdenke, was meine bisherige Behandlung wirklich gekostet hat und was die nächsten Monate noch kosten werden … dann schätze ich mich glücklich, in einem Land zu leben, in dem es eine auf dem Prinzip der Solidargemeinschaft basierende Krankenversicherung gibt (aus der ich eben wegen der Solidarität nie in die scheinbar »bessere« private Versicherung ausgeschieden bin).

Kranken- und Pflegeversicherung für jedermann gab es früher auch nicht. In manchen Ländern ist so etwas bis heute unbekannt.

Früher war alles besser?

Nee.

29. Mai 2012 – Chemotherapie – Zyklus 1

Heute beginnt der zweite von acht Zyklen, gegen 11:30 Uhr hänge ich wieder ein paar Stunden an der Infusion. Zurückblickend auf die ersten drei Wochen muss ich sagen, was ich auch im Gespräch mit Menschen auf die häufige Frage, wie es mir ginge, antworte: unterschiedlich.

Es gibt, das hat U2 auch schon als Lied »Some days are better than others« verkündet, solche und solche Tage, wobei die eher besseren im ersten Zyklus bei mir überwogen haben. An Malaisen wie nächtlichen Durchfall kann man sich gewöhnen, und wenn die Übelkeit die Schwelle zum Brechreiz nicht überschreitet, ist ja schon viel gewonnen. Mit der Kälteüberempfindlichkeit komme ich inzwischen zurecht, es gibt eigentlich keine Ausrutscher mehr: Die Hände wissen jetzt, dass Kühlschranktemperatur verboten ist. Das Hand-Fuß-Syndrom hat sich im ersten Zyklus nicht blicken lassen und auch von wunden Stellen an den Lippen und im Mund sowie vom Fieber bin ich verschont geblieben.

Also alles in allem hat der Zyklus 1 mich zwar beeinträchtigt und seine einstweilen bleibenden Spuren hinterlassen, aber es hätte, wenn ich an all die potenziellen Nebenwirkungen denke, deren Kenntnisnahme ich unterschrieben habe, schlimmer sein können.

Was wünsche ich mir nun für die kommenden sieben Zyklen? Na das ist ja nicht schwer zu erraten.

3. Juni 2012 – Was gut tut

»Für eine Krebstherapie ist die seelische Verfassung ebenso wichtig wie die körperliche. … Durch regelmäßige Bewegung mobilisieren Sie Ihre Energie, dies ist gerade während einer Chemotherapie wichtig. … Aktive Krebspatienten leiden seltener an Kopfschmerzen, Übelkeit, Thrombosen und Infektionen.« Diese Tipps aus dem Therapie-Tagebuch habe ich schon während der Rehabilitationsmaßnahme zur Kenntnis bekommen, von Ärzten und Physiotherapeuten. Und die bisherige Erfahrung gibt dem Rat zum sportlich aktiv sein und bleiben recht.

Zwar war meine Leistungsfähigkeit nach Operation und Krankenhausaufenthalt erst einmal so gut wie verschwunden, aber regelmäßiges Training auf dem Ergometer beispielsweise zeigt inzwischen eine deutliche Verbesserung. In kleinen Schritten, von Mal zu Mal, aber doch merklich. Der umfangreiche Gerätepark in unserem Fit- und Wellnessstudio wird von mir nun erst einmal sehr eingeschränkt benutzt, da ich alle Geräte, die sich dem Training der Bauchmuskeln widmen, einstweilen noch meide, aber es bleibt genug Auswahl an Trainingsmaschinen, die ich unter Anleitung und Aufsicht in der Rehabilitationsklinik benutzen durfte und sollte. Auch hierbei zeigte sich nach der Entlassung aus der Klinik, dass die vor der Krebsdiagnose und –operation gewohnten Gewichte und Zahl der Wiederholungen erst einmal illusorisch wären, aber was macht das schon? Niemand lacht mich aus, wenn ich mit Einstellungen »für schwache Mädchen« trainiere und die langsam steigere. Und wenn jemand lacht – was macht das schon?

Erfreulich war für mich letzte Woche, dass ich wieder schwimmen kann. Auch hierbei sagte ich mir: Wenn ich es nicht schaffe, und jemand amüsiert sich darüber, na dann soll er sich eben amüsieren. Wenn ich es nicht ausprobiere und trainiere, wird von vorneherein nichts daraus. Also ging ich ins Wasser und siehe da: 10 bis 12 Meter schwimmen war möglich, dann 20 Meter, dann eine ganze Bahn. Na bitte!

Eine mentale Hürde, die ich relativ zügig überwinden konnte, hatte auch nur etwas mit den anderen Gästen zu tun: Kann ich diesen verunstalteten Bauch denn in der Umkleidekabine, unter der Dusche, im Schwimmbad und erst recht in der Sauna sehen lassen? Müsste ich mich nicht als muslimische Dame verkleiden und in einen Schleier hüllen? Nein, entschied ich mich, muss ich nicht. In unserem Fitness- und Wellness- und Sportstudio trainieren Dicke, Dünne, Kurze, Lange, Zweibeinige, Einbeinige … und andere Menschen mit Narben. Wer gucken muss, wenn ich auf der Saunabank entspanne, bitteschön. Mich wird es nicht irritieren.

Zwei- bis dreimal wöchentlich trainieren hilft bei der Bewältigung der Nebenwirkungen meiner Chemotherapie, und das ist auch gut so. Selbst wenn vorher der Geist wie beim biblischen Autor Paulus mal willig, der geschundene Leib jedoch schwach ist, lohnt sich das Aufraffen.

13. Juni 2012 – Chemotherapie – Zyklus 2

So mancher Zeitgenosse fragte mich, ob es denn mit den Nebenwirkungen von Zyklus zu Zyklus besser oder schlimmer werde. So wie den Ärzten geht es auch mir mit der Antwort: Man weiß es nicht und muss es schlicht und ergreifend von Tag zu Tag abwarten.

Der zweite Zyklus wird erst am kommenden Sonntag enden, aber so viel kann ich aus meinem Tagebuch immerhin schon mal festhalten: Die erste Woche des zweiten Zyklus war wesentlich schwieriger als die vorangegangenen Wochen, während die zweite Woche keine über das normale Maß hinausgehenden Beeinträchtigungen mit sich brachte. Das »normale Maß« ist eine ständig vorhandene Übelkeit, die Tag und Nacht anhält, aber nicht zum Erbrechen führt und mit der ich Mahlzeiten ohne zusätzliche Medikamente einnehmen und bei mir behalten kann. Das Kreuzchen bei der Spalte mit dem Herrn, dessen Bauch wohl rote Blitze aussendet, mache ich nur dann, wenn es ohne Tropfen (MCP AL, sehr empfehlenswert übrigens) nicht geht.

Durchfall, eine im ersten Zyklus noch recht häufige Plage, glänzte bisher im zweiten durch Abwesenheit. Es gibt zwar keine Nacht, in der ich nicht die Toilette aufsuchen müsste um abzuführen, tagsüber ist vier bis fünf mal die Regel, aber solange das Ergebnis der Besuche auf dem stillen Örtchen einigermaßen geformt ist, kommt bei den barfüßigen Herrn, der aus unerfindlichen Gründen auf seinem Hemd sitzt, kein Kreuzchen in die Spalte.

Das Fatigue-Syndrom verhält sich relativ konstant, indem es wie die Grundübelkeit zum ständigen Begleiter geworden ist. Es gibt Tage, die mühsamer sind und welche, wo sich Fatigue freundlicherweise etwas zurückhält … aber ganz verschwinden will er/sie/es nicht.

Dass der Nervenschaden durch das Oxaliplatin sich einstweilen nicht zurückbilden wird, weiß ich und richte mich darauf ein. Die Baumwollhandschuhe liegen neben dem Kühlschrank bereit und im Supermarkt halte ich mich von Tiefkühlregalen und –truhen fern, da darf jeweils die beste aller Ehefrauen beherzt zugreifen, wenn wir Waren aus den Behältnissen benötigen. Dass ich jemals im Leben zum Händewaschen warmes Wasser nehmen würde, hätte ich vor der Chemotherapie vehement verneint. Inzwischen bin ich nicht nur bekennender Warmduscher, sondern auch Warmhändewascher. So what!

Seit heute früh – das hat mit den Chemotherapiemedikamenten nicht direkt zu tun sondern nur indirekt, durch das ausgeschaltete Immunsystem – leide ich an Halsschmerzen und gelegentlichen Schwindelgefühlen, Fieber ist bisher nicht dabei (und sollte auch möglichst nicht auftreten). Der Arzt meinte jedenfalls vorhin, ich solle erst mal ohne Medikamente versuchen, das zu überwinden, da der Körper schon mehr als genug durch all die Mittel belastet ist. Nur im Falle, dass sich Fieber einstellt, müsste dann doch sofort mit Antibiotika reagiert werden.

Positives gibt es ja immerhin auch festzuhalten aus den letzten (fast) drei Wochen: Einige potenzielle Nebenwirkungen sind nach wie vor nicht eingetreten. Ich habe dank sportmedizinischer Beratung gestern nun einen auf meinen Zustand maßgeschneiderten Trainingsplan für unser Fitness- und Wellnesscenter. Es waren mir und der besten aller Ehefrauen einige sehr schöne Ausflüge möglich. Die Rentenversicherung hat mein Ersatzentgelt für die Zeit der Rehabilitationsmaßnahme überwiesen. Die Krankenkasse hat versprochen, dass in den nächsten Tagen das Krankengeld auf unserem Konto eingehen wird.

Wie es weitergeht? Tja. Man weiß es nicht und muss es schlicht und ergreifend von Tag zu Tag abwarten. Und immerhin ist ja für mich die Tatsache, dass es überhaupt noch Tag um Tag gibt, keine Selbstverständlichkeit sondern Grund zur Dankbarkeit.

Dankbar bin ich auch für all die lieben Freunde und Verwandten (hauptsächlich bei Facebook aktiv, aber auch im »richtigen Leben« und per E-Mail oder Telefon), die mich und uns nach wie vor mit guten Wünschen, Anteilnahme, Gebeten und vielen aufmunternden Worten begleiten.

Am meisten Dank verdient aber sicher die beste aller Ehefrauen, die mir mehr Halt und Mut und Kraft gibt, als ich, der angeblich so gut mit Worten umzugehen weiß, es einigermaßen verständlich auszudrücken in der Lage wäre. Beweisen kann ich es (und will ich es) nicht, aber ich bin mir sicher, dass ich die zurückliegenden Monate ohne Eva nicht so oder gar nicht überstanden hätte. Und da sie weiter an meiner Seite sein wird, so Gott will und wir leben, werden wir gemeinsam auch die kommenden Monate durchstehen.

16. Juni 2012 – Wenn theoretische Nebenwirkungen praktisch werden

»Die bei der Chemotherapie über 24 Wochen eingesetzten Giftstoffe wirken auf alle Zellen ein, die sich gerade teilen, nicht nur auf Krebszellen. Also werden immer und unausweichlich blutbildende Zellen im Knochenmark, in den Schleimhäuten und in den Haarwurzeln vernichtet.«

Das habe ich vor Beginn der Chemotherapie zur Kenntnis genommen und durch meine Unterschrift dokumentiert, dass ich davon weiß. Doch grau, wusste schon Goethe, ist alle Theorie. Das gelernte Wissen, dass das körpereigene Immunsystem ausgeschaltet wird und sich jegliche Heilung dadurch wesentlich in die Länge zieht, das ist das eine. Es zu erleben, das andere.

Seit Mittwoch früh hat sich eine Halsentzündung bei mir eingenistet, die nicht weichen und sich nicht bessern will. Wenn sogar der Schluck kühles Wasser im Hals wehtut, dann wird jedes Schlucken zur Qual. Ein leichter Schnupfen und ein gelegentliches Husten … das ist erträglich, aber gegen die brennenden und unaufhörlichen Halsschmerzen muss ich mit recht starken Medikamenten vorgehen, sonst wäre es undenkbar, Nahrung (und sei es nur ein Joghurt) zu mir zu nehmen. So fünf bis sechs Stunden wirken die Schmerztabletten jeweils insofern, als der Schluckschmerz erträglich wird. Ganz verschwinden will er trotz Höchstdosierung nicht.

Das meist mit Schnupfen, Husten, Halsweh einhergehende Fieber hält sich Gott sei Dank nach wie vor zurück. Ab 38 Grad Körpertemperatur wäre ich gehalten, umgehend einen Notfallarzt zu kontaktieren, seit Mittwoch zeigte das Thermometer zwei Mal 37,9 an, ansonsten sind es meist 36, 5 bis 37 Grad.

Und das alles ausgerechnet in meiner an und für sich medikamentenfreien Woche, die dem Körper als Erholungsphase von den chemischen Giftstoffen dienen soll.

Am Montag geht es mit der nächsten Infusion in den dritten Zyklus. Ich bin gespannt, ob der Onkologe, falls die Halsschmerzen noch anhalten, mir etwas anderes verschreiben kann als Schmerztabletten.

21. Juni 2012 – Verlässlich planbar ist nichts.

Ich hatte hier zuletzt berichtet, dass mich eine Halsentzündung heimgesucht hatte – noch mit dem festen Vertrauen, dass es mit der Chemotherapie wie vorgesehen weiter gehen würde.

imageDoch es zeigte sich einmal mehr: Verlässlich planbar ist in meinem und unserem Leben zur Zeit nichts. Am Montag war keinerlei Besserung eingetreten, so dass mein Onkologe nach Begutachtung meines Halses und Blutbildes davon Abstand nahm, die Infusion durchzuführen. Statt dessen nahm (und nehme) ich nun seit Montag ein Antibiotikum, dessen Wirksamkeit sich seit Dienstag Nachmittag auch anhand des Abklingens der Schmerzen zeigt. Die Chemotherapie soll dann am Mittwoch der kommenden Woche fortgesetzt werden.

Das hieß für mich: Der vereinbarte Termin für die Darmspiegelung musste verschoben werden, da die Untersuchung zwingend in einer Chemo-Medikament-freien Woche liegen muss – und die verschiebt sich mit dem Infusionstermin um 9 Tage. Zum Glück haben die Mitarbeiter in der gastroenterologischen Praxis Verständnis für die Situation und konnten mir einen passenden neuen Termin am 12. Juli reservieren.

Ich war etwas beunruhigt, weil es ja nach der Operation ärztlicherseits hieß, die Chemotherapie müsse möglichst umgehend beginnen, da sonst ihre Wirksamkeit in Frage gestellt oder bei zu langem Zögern vereitelt würde. Da mein behandelnder Onkologe wenig bis gar keine Zeit für ein Gespräch über die Situation hatte, fragte ich die Onkologin meiner Rehabilitationsklinik um Rat. Sie hatte bei meinem Abschied aus der Maßnahme ausdrücklich angeboten, dass ich mich auch später jederzeit bei Unsicherheit, Fragen oder Problemen an sie wenden dürfe. Sie antwortete auch prompt.

… bei einer Chemotherapie müssen immer Nutzen und Risiko abgewogen werden und das immer aufs Neue. Durch die Chemotherapie werden die blutbildenden Zellen immer mit beeinträchtigt. Da bei Ihnen die Option endgültige Heilung besteht, geht man bei der Dosierung der Chemotherapie an die äußersten Grenzen der Verträglichkeit, muss aber entsprechend „justieren“, wenn die Verträglichkeits-Grenze überschritten wurde. Das heißt, es gibt keine andere Möglichkeit, als die Chemotherapie zu verschieben, wenn beispielsweise die Anzahl der abwehrfähigen weißen Blutkörperchen durch den vorhergehenden Zyklus zu stark abgenommen hat. Das bedeutet zwar statistisch eine leichte Minderung der Wirksamkeit, die man aber in Kauf nehmen muss.

Was mir vor allem Mut macht ist die »Option endgültige Heilung«. Drei Monate nach der Operation bin ich zwar keineswegs ein gesunder Mensch, aber mein Zustand ist doch erstaunlich gut, für mich und die Ärzte keine Selbstverständlichkeit sondern eine bemerkenswerte Abweichung vom normalen Verlauf bei Darmkrebspatienten.

Die »Dosierung der Chemotherapie an die äußersten Grenzen der Verträglichkeit« macht mir natürlich zu schaffen, auch noch in den nächsten Monaten, aber andererseits halten sich die Nebenwirkungen angesichts dieser Dosierung bisher nun wirklich in einem erträglichen Rahmen.

Ich bin dankbar für die insgesamt so positive Entwicklung und wünsche mir und der besten aller Ehefrauen, die das alles mit mir durchsteht, dass alles auch weiter so positiv verläuft. Dass wir Verabredungen und Termine nicht verlässlich planen und vereinbaren können, ist dabei dann eine leicht zu verschmerzende Tatsache.

3. Juli 2012 – Vom Alltag und von Kleinigkeiten, die gut oder schlecht sein können

Der Alltag, nach zwei Monaten Chemotherapie, gestaltet sich unterschiedlich. Das war zu erwarten und damit rechne ich auch für die nächsten Monate. Es gibt, je nach Blickwinkel, die guten und die schlechten Kleinigkeiten, die so leicht übersehen werden. Kleinigkeiten sind sie deshalb, weil sie so gar nichts von einer Sensation an sich haben, Spektakuläres fällt auf, die Alltäglichkeiten nicht.

Da gibt es bei mir die ständig vorhandene Übelkeit, an die ich mich inzwischen so gewöhnt habe, dass sie mir nicht mehr auffällt, solange sie einigermaßen im Hintergrund bleibt. Nur wenn, vor allem in den ersten fünf bis sechs Tagen nach der Infusion des Oxaliplatin, aus der Übelkeit ein Brechreiz wird, »bemerke« ich das Gefühl und steuere mit Tropfen und Tabletten dem Erbrechen entgegen. Bisher übrigens durchgehend erfolgreich.
Also ist das nun eine gute Kleinigkeit oder eine schlechte? Angesichts dessen, dass im Therapie-Tagebuch »ein Mal Erbrechen innerhalb 24 Stunden« als Normalfall gilt, der keine Besorgnis beim Patienten auslösen soll, kann ich eigentlich nur die positive Seite der Dauerübelkeit sehen: Es könnte schlimmer sein. Ich kann trotz und mit der Übelkeit alles unternehmen, was wir planen, ich kann trotz und mit der Übelkeit gute Speisen genießen. Ich würde zwar an 90 Prozent der Tage nicht von mir aus auf die Idee kommen, etwas essen zu wollen, aber wenn es denn vor mir steht, dann schmeckt es doch.

Dann ist da der Dauerdurchfall, mit dem zu leben ich mich inzwischen gewöhnt habe. Gewiss nervt es, mehrmals am Tag und ein bis zwei Mal nachts abführen zu müssen, ausschließlich ungeformten Stuhl noch dazu, aber auch hierbei könnte die Situation wesentlich schlimmer sein und es herrscht ja in unserem Land kein Mangel an Toilettenpapier. Wenn es zu schlimm wird, verhilft ein Tag mit Zwieback, Banane und anderen Hausmitteln in der Regel zur Besserung, die Tabletten, die ich gegen den Dauerdurchfall bekommen habe, sind bisher nur an zwei Tagen zum Einsatz gekommen.
Auch eher – aus meiner Sicht – eine positive Kleinigkeit, die mich bei der Teilnahme am Leben zwar ein wenig beeinträchtigt, aber eben nicht davon abhält.

Gewöhnt habe ich mich auch an das Kälte-Syndrom, das sich in der Intensität inzwischen als schwankend herausgestellt hat. An den Tagen nach der Infusion ist der Schmerz beim Berühren kalter Gegenstände oder beim Händewaschen mit kaltem Leitungswasser besonders deutlich, so ab dem vierten oder fünften Tag geht dann die Empfindlichkeit nach und nach zurück, am Ende des Zyklus wird aus Schmerz dann ein unangenehmes Gefühl, solange ich die Haut nicht zu lange der kalten Berührung aussetze.
Auch damit kann ich zurechtkommen, am Alltag teilnehmen, fast alles erledigen, was zu erledigen ist. Nähme ich die Handschuhe mit zum Einkaufen, könnte ich sogar Butter, Käse und womöglich Tiefkühlkost in den Wagen packen.

Am ehesten noch wirklich die Teilnahme am normalen Leben beeinträchtigend ist das Fatigue Syndrom. Wenn bleierne Müdigkeit mich heimsucht, macht es mir große Mühe, mich weiter am Gespräch zu beteiligen oder die Straße entlang zu gehen oder die Saunabank nicht als Schlafstätte zu benutzen. Dann entgehen mir Teile des Gespräches im Freundeskreis (oder der Handlung des Tatort im Fernsehen), dann wird es zur Anstrengung, zu antworten … aber es bleibt immerhin möglich und die Fälle, in denen ich einen Spaziergang ablehnen oder die Gesellschaft anderer Menschen vorzeitig verlassen muss, sind eher selten.
Bisher ist auch das Fatigue Syndrom nicht in der Lage, mich zu isolieren oder vom Leben auszusperren, und das soll sich auch nicht ändern, da bin ich fest entschlossen. Ich lerne nach und nach, wie ich gegensteuern beziehungsweise vorbeugen kann, und das macht mir Mut, dass ich auch damit immer besser zurecht kommen werde.

Einiges an den Nebenwirkungen ist zur Zeit noch unklar für mich: Bleibt das jetzt oder ist das vorübergehend? Wird das schlimmer oder besser? Zum Beispiel ist seit Ende des zweiten Zyklus beziehungsweise der Zwangspause durch die Mandelentzündung keine Erektionsfähigkeit mehr vorhanden – einstweilen oder längerfristig? Ich werde es wohl oder übel ganz einfach abwarten müssen. In den Unterlagen über die Nebenwirkungen, die ich unterschrieben habe, war die Rede davon, dass eine auftretende Impotenz »in der Regel« spätestens innerhalb einiger Monate nach Ende der Behandlung abklingt und sich die normalen sexuellen Fähigkeiten wieder einstellen. Kann aber auch früher passieren. Oder später. Verlässliche Auskünfte ärztlicherseits wird es dazu (wie zu so vielen Nebenwirkungen) nicht geben, da reagiert jeder Patient eben individuell und unvorhersehbar.
Und mal ganz ehrlich: Dass mein Penis nicht steif wird ist verglichen mit so vielem anderen, was sein könnte (oder vor der Operation schon war) nun wirklich kein Weltuntergang.

Vor allem durch die Mandelentzündung und ihre Folgen ist mir klar geworden, was es heißt, ohne funktionierendes Immunsystem zu leben. Dadurch steigt natürlich bei mir die Vorsicht, wenn es darum geht, mit anderen Menschen zusammen zu sein, sei es anlässlich einer Einladung zur Hochzeit oder eines Gottesdienstbesuches oder eines Einkaufs im Supermarkt oder dem Training im Sportstudio … aber Vorsicht heißt nicht Verbot. Ich halte etwas mehr Abstand, achte darauf, ob jemand niest, schnupft, hustet … aber ich kann und darf trotzdem raus aus der guten Stube, mit Vorsicht und Verstand ab und zu hinein ins Leben. Das ist gut so und mir sehr wertvoll.

Der Alltag gelingt trotz der Nebenwirkungen, die sich bisher eingestellt haben. Und das ist etwas, worüber ich mich freuen kann und freuen will und freuen werde. Weder eine Krebserkrankung noch eine Chemotherapie sind etwas Gutes. Aber es gibt trotz einer Krebserkrankung und einer Chemotherapie immer noch Gutes, in Hülle und Fülle. Man muss es nur sehen wollen.

12. Juli 2012: Coloskopie oder Kolonoskopie

Am Dienstag habe ich die letzten Tabletten Xelox des dritten Zyklus genommen, die medikamentfreie Woche begann mit dem gestrigen Mittwoch. So konnte die verschobene Darmspiegelung in Angriff genommen werden. Die Einnahme von Medikamenten verträgt sich nicht sonderlich mit dem Trinken der darmreinigenden Moviprep-Lösung, denn die Tabletten würden mal eben durchgespült werden …

Photo: ... was man unter Nahrungsverzicht alles in sich hineinschüttet, um die morgige Darmspiegelung zu ermöglichen ...Schmeckt das Zeug? Immerhin steht in oranger Farbe »Orange« auf der Packung. Da hofft der Patient auf einen eher angenehmen Geschmack. Und wird dann mit dem ersten Schluck eines Besseren belehrt. Zugegeben: Das Gemisch ohne den Aufdruck »Orange«, das die beste aller Ehefrauen vor ein paar Jahren zu sich nehmen musste, war noch wesentlich widerlicher.

Irgendwie habe ich es geschafft, die vorgesehene Dosis zu trinken und auch nicht gleich wieder rückwärts von mir zu geben. Das im Beipackzettel versprochene Ergebnis »wässriger Durchfall« ließ auch nicht auf sich warten, so dass dann am heutigen Vormittag der Darmspiegelung nichts im Wege stand.

»Alles in Ordnung«, bekam ich zu hören, als ich wieder aus der Narkose erwachte, »keine auffälligen Stellen, die Operationsnaht ist gut verheilt. Noch leicht gerötet, aber das ist normal.« Na da fiel mir dann doch der eine und der andere Stein vom Herzen. Es war ja im Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus zu lesen: »Bei Herrn Matthia konnte präoperativ keine vollständige Kolonoskopie erfolgen. Wir empfehlen daher, diese innerhalb von sechs Monaten postoperativ durchzuführen.«

Nun weiß ich zumindest, dass sich im Darm nicht noch irgendwo ein weiterer Tumor versteckt hält, die beiden operativ entfernten Tumore waren also die einzigen. Das ist eine frohe Botschaft, für die ich sehr dankbar bin. Dabei wird es hoffentlich auch in den nächsten Jahren bleiben. Mir gefällt die ärztlicherseits erwähnte »Option vollständige Heilung«. Möge aus der Option eine Tatsache werden!

Nächste Woche geht es dann in den vierten Zyklus hinein – und wenn der vorbei sein wird, ist die Hälfte der Chemotherapie geschafft.

(Warum der Gastro-Enterologe »Coloskopie« schreibt und der Onkologe »Kolonoskopie«, darüber mögen sich Fachleute Gedanken machen. Mir reicht das erfreuliche Ergebnis.)

19.07.2012 – Fehlstart in den Zyklus 4

Wenn Zytostatika neben dem Blutgefäß ins Gewebe laufen, kann es zu schweren Hautschäden mit nachfolgendem Absterben des Gewebes (Gewebsnekrose), störender Narbenbildung oder Minderdurchblutung des Unterarmes kommen.

So steht es eher nüchtern in den Unterlagen über Risiken und Nebenwirkungen der Chemotherapie, deren Kenntnisnahme ich vor Beginn der Behandlung unterschrieben habe. Als gestern das Infusionsgerät signalisierte, dass die Flüssigkeit restlos in meinen Körper transportiert worden war, ahnte ich noch nichts. Das lag daran, dass ich es einerseits seit dem ersten Zyklus gewohnt bin, dass die Infusionsgegend nach ein paar Stunden weh tut und dass ich andererseits gelesen habe, anstatt ständig meinen Arm zu beobachten.

Als die Arzthelferin kam, um die Nadel zu entfernen, fiel mir zuerst ihr erschrockenes Gesicht auf, noch bevor sie etwas sagen konnte. Sie meinte: »Tut das sehr weh? Das ist ja grausam geschwollen. Ich hole mal einen Arzt.« Es ist ein Vorteil, dass in der onkologischen Schwerpunktpraxis am Oskar-Helene-Heim fünf Onkologen arbeiten, denn mein behandelnder Arzt ist zur Zeit im Urlaub, eine Kollegin war jedoch in Minutenschnelle bei mir. Sie sah sich die Bescherung an, entschuldigte sich kurz, um in der Fachliteratur nachzulesen, was zu tun sei … und dann kam sie ziemlich bedrückt zurück.
Das obige Zitat, Anfang Mai gelesen und unterschrieben, hatte ich natürlich nicht mehr im Kopf, insofern war ich wohl der am wenigsten besorgte Mensch von uns dreien, Arzthelferin, Ärztin und ich.

»Es gibt leider«, sagte die Onkologin, »kein Gegenmittel beim Oxaliplatin. Wir können jetzt überhaupt gar nichts tun.« Sie wandte sich zur bleichen Arzthelferin: »Konnten sie noch etwas wieder herausdrücken?« »Nein«, erwiderte die junge Frau wahrheitsgemäß, »das habe ich gar nicht versucht.« Die Ärztin versuchte, meinem Arm durch Druck noch ein Paar Tropfen wieder zu entlocken, aber vergeblich. Der Effekt beschränkte sich auf rasende Schmerzen, die mir die Tränen in die Augen trieben.

circa 2 Stunden nach der Infusion»Sie dürfen auf gar keinen Fall kühlen. Wir legen jetzt einen leichten Verband an, damit die Haut ein wenig gegen Berührung geschützt ist, wenn der Arm aber weiter anschwillt und der Verband den Blutfluss abdrückt, müssen Sie ihn entfernen. Auf gar keinen Fall dürfen Sie kühlen. Versuchen Sie, den Arm möglichst ständig hoch zu lagern, wenig zu bewegen … und was immer Sie tun, kühlen dürfen Sie nicht.«

Das dreimalige Kühlverbot hatte ich begriffen. »Und nehme ich jetzt wie vorgesehen die Xelox-Tabletten nach dem Behandlungsschema?«

»Nein, auf keinen Fall. Xelox greift ja wie Sie wissen unter anderem die Haut an, und das wäre nun etwas, was wir nicht noch zusätzlich brauchen können. Setzen Sie die Tabletten aus, ich will Sie und ihren Arm spätestens übermorgen hier sehen, dann können wir entscheiden, ob es ein verkürzter Zyklus wird. Wenn die Schwellung noch erheblich zunimmt, wenn die Haut aufplatzt, wenn Sie Fieber bekommen, wenn die Schmerzen unerträglich werden, dann begeben Sie sich bitte unverzüglich in die Notaufnahme des Behring-Krankenhauses. Dort gibt es einen Gefäß- und Hautchirurgen, der auf solche Schäden spezialisiert ist. Ansonsten stellen Sie sich bitte am Freitag hier vor, und bitte versuchen Sie nicht, den Arm zu kühlen. Mir bleibt jetzt nichts, als Ihnen und uns alles Gute zu wünschen, zu hoffen, dass die Schwellung zurück geht und die Schmerzen nachlassen. Das kann dauern, aber es ist auch nicht ausgeschlossen.«

Erst zu Hause, nachdem ich mir die Risiken und Nebenwirkungen noch einmal durchgelesen hatte, begann ich dann, den möglichen Schaden zu begreifen. Schwere Hautschäden mit absterbendem Gewebe … chirurgische Entfernung des Gewebes … keine schönen Aussichten, wirklich nicht. Und die Schuldfrage? Hätte das Personal besser (beziehungsweise überhaupt) die Infusion während der dreieinhalb Stunden überwachen müssen? Hätte ich darauf achten müssen oder können, dass die Nadel nicht verrutscht, ob der Arm anschwillt? Eine müßige Frage, wenn der Schaden erst einmal eingetreten ist. Höchstens für die nächsten Infusionen wäre es wohl wichtig, sowohl die Arzthelferinnen regelmäßig um Begutachtung zu bitten als auch selbst den Arm kritisch zu beobachten.

Der Rest des Tages war ein sehr schmerzhafter, selbst wenn der Arm unbeweglich auf einem Kissen ruhte, tat er ringsherum weh, und jede Bewegung verursachte höllische Schmerzen, am schlimmsten war alles, was die Haut berührte, und sei es auch nur eine leichte Decke gewesen, die ich über mich legte, weil ich mehr und mehr fror. Inzwischen waren unsere Freunde und Verwandten via Facebook informiert und schickten je nach ihren Überzeugungen Gebete zum Himmel, gute Wünsche und positive Gedanken auf den Weg zu uns – es war wieder kostbar für mich, zu wissen, dass wir nicht alleine mit der Situation dastanden. Mein eigenes Gebet hörte sich ungefähr so an: »Ich bin mir sicher, Vater im Himmel, dass es für meinen Schöpfer kein sonderliches Problem darstellt, jetzt heilend einzugreifen. Ob das geschieht, weiß ich nicht, aber ich will dich herzlich bitten: Das Gift soll aus dem Gewebe, wo es nicht hin gehört, entweichen und dabei keine bleibenden Schäden an der Haut oder darunter verursachen. Die Schmerzen, da wäre ich sehr dankbar, sollten nicht noch schlimmer, sondern eher weniger werden. Falls du das Gebet erhören kannst und willst, bedanke ich mich sehr herzlich; falls nicht, dann hilf mir durch die Folgen des Infusionsunfalls hindurch.«

Als gegen 18 Uhr mein Chef zu Besuch kam, war das eine willkommene Ablenkung und Abwechslung für mich. Seit meiner Einlieferung ins Krankenhaus im März hatten wir zwar telefoniert und E-Mails geschrieben, aber gesehen hatten wir uns nicht. Ich freute mich sehr, dass er endlich zu Besuch kommen konnte. Die beste aller Ehefrauen hatte zwei Brote gebacken und Obatzda zubereitet sowie andere Leckereien, so dass der Besucher nach dem langen Bürotag zum Bierchen auch ein paar Bissen zu sich nehmen konnte, was er auch mit Freude tat, während ich diese und jene Neuigkeiten aus der Firma erfuhr. Wir plauderten natürlich auch über andere Dinge … Eva und ich freuten uns beide über die Zeit mit unserem Gast.

Am Abend beim zu Bett gehen sah der Arm eigentlich kaum dünner aus, und wenn ja, dann war da eher der Wunsch der Vater des Gedanken. Den Verband schnitt die beste aller Ehefrauen mir vom Arm, weil ich es nicht riskieren wollte, dass er womöglich im Schlaf einen Blutstau verursachte. Die Nacht war dann mit eher wenig Schlaf versehen, meistens wusste ich nicht recht, wie ich den Arm noch lagern sollte, um möglichst wenig Schmerzen zu verursachen … und weitere Tabletten gegen die Pein wollte ich nicht mehr nehmen. Es pulsierte ziemlich im Arm, was ich einstweilen als gutes Zeichen verbuchte. Als ich nachts gegen zwei Uhr die Toilette aufsuchte, war deutlich sichtbar, dass die Schwellung zurückging. Der Arm war noch nicht wieder wie vorher, aber die Besserung war nicht zu übersehen.

Heute Morgen, 8:30 UhrHeute Morgen dann konnte ich erfreut sehen, dass kaum noch etwas an den Zustand von gestern erinnert. Der Arm ist nur noch ganz leicht geschwollen, die Haut zeigt zumindest optisch keine Veränderungen abgesehen von einer ganz leichten Rötung. Die Schmerzen sind kaum besser, aber diesbezüglich kann ich mich schon in Geduld üben und da ich ein in der Kindheit umerzogener Linkshänder bin, ist der Alltag auch quasi einarmig zu bewältigen.

Ich bin nun zuversichtlich, dass ich nach dem Arztbesuch morgen gute Nachrichten vermelden kann, dass die Chemotherapie (die ja in ihrer erhofften Wirksamkeit an gewisse zeitliche Abstände zur Operation gebunden ist) wie geplant weiter gehen kann und dass die Schmerzen wie die Schwellung möglichst bald das Weite suchen.

Und allen, die uns mit ihren guten Wünschen, Gebeten, poitiven Gedanken und ihrer Anteilnahme begleiten, will ich an dieser Stelle wieder einmal genz herzlich und aufrichtig danken. Das ist nicht selbstverständlich und es ist uns beiden ein kostbares Privileg, dass so viele Menschen mit uns sind.

20. 07. 2012 – Chemotherapie unterbrochen

»Unter Abwägung aller Risiken muss man sich in einem solchen Moment der Vernunft gehorchend für die Lösung entscheiden, die voraussichtlich am wenigsten Schaden anrichtet.«

So ungefähr lässt sich das Resümee des ausführlichen Gespräches mit der Onkologin von heute kurz zusammengefasst formulieren.

imageDer »solche Moment« ist die Tatsache, dass das am Mittwoch ins Gewebe statt ins Blutgefäß gelangte Oxaliplatin Schaden angerichtet hat, mit dem der Körper jetzt erst einmal zurechtzukommen sich bemüht. »Die Schmerzen«, erklärte mir die Ärztin, »werden Sie wohl noch zwei Wochen aushalten müssen, es gibt nun einmal leider kein einziges Gegenmittel. Es sollte langsam immer etwas besser werden, aber mit zwei Wochen müssen Sie rechnen. Zumindest sieht es jetzt, 48 Stunden nach dem Vorfall, so aus, als wären keine chirurgischen Maßnahmen notwendig.«

Der rechte Arm ist nach wie vor geschwollen, im Vergleich zum Mittwoch zwar unwesentlich, aber weg ist die Schwellung nicht. Unter der Haut tut es weh wie bei einem starken Muskelkater und die Haut selbst ist so berührungsempfindlich, dass ich lieber friere als einen Pullover oder ein langärmeliges Hemd zu tragen. Immerhin konnte ich heute früh nach dem Duschen den Arm behutsam trockentupfen, an ein Trockenreiben mit dem Handtuch wäre jedoch nicht zu denken.

Die Chemotherapie muss nun, um dem Körper zu helfen, pausieren und erst am 8. August zum fünften Zyklus wieder aufgenommen werden. Das Medikament Xeloda, mit dem ich es eigentlich jetzt zu tun hätte, könnte – und da sind wir bei der Abwägung der Risiken – zu einer Verschlimmerung der Vergiftung im Arm führen. Im schlimmsten denkbaren Fall (der unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen wäre) endet das mit dem Verlust des Unterarmes. Damit verglichen ist die Einbuße an der Wirksamkeit der Chemotherapie von einigen gedanklichen Prozentpunkten eine Tatsache, mit der ich lieber lebe als ohne rechten (oder durch chirurgische Entfernung von Muskelgewebe verunstalteten und funktionsberaubten) Unterarm.

Es könnte – könnte – natürlich auch alles gut gehen: Xerloda einnehmen und den Arm trotzdem behalten …könnte. Das weiß aber kein Arzt im voraus zu sagen und das will ich nun beim besten Willen und trotz meines Ja zur Chemotherapie nicht riskieren.

Positive Seiten hat die Sache sogar auch: Darm und Magen bekommen drei Wochen Zeit, sich ein wenig von dem chemischen Dauerangriff zu erholen und zu regenerieren. In den drei Wochen kann der Körper sogar wieder ein paar wenige Blutkörperchen produzieren, die dem momentan ausgeschalteten Immunsystem einen kleinen Auftrieb geben. Bis zur nächsten Infusion zumindest.

Ob der geschädigte Arm sich vollständig wieder erholt oder ob gewisse Schäden zurückbleiben, konnte mir die Ärztin nicht sagen, das bleibt wie so vieles abzuwarten. Es hängt eben davon ab, was mein Organismus an Widerstandskraft zu leisten im Stande sein wird. Was ich dazu tun kann, wurde mir auch gesagt: Nicht einigeln, aber bei aller Aktivität (Sport zum Beispiel) besonders aufmerksam auf Signale des Körpers achten. Den Arm schonen, aber auch nicht total auf seinen Gebrauch verzichten. Und, das hörte ich nun heute zum vierten oder fünften Mal: »Auf gar keinen Fall kühlen!«

31.07.12 – Deutlich besser,  noch nicht gut

Seit meinem letzten Bericht hier sind schon wieder 11 Tage vergangen … eigentlich wollte ich ja etwas regelmäßiger meine Leser teilnehmen lassen an meinem Ergehen. Nun ja – vielleicht gelingt das ja auch wieder.

Foto von heute, 31. Juli 2012Die gute Nachricht: Mein Arm schwillt nach und nach ab, die Schmerzen sind so gut wie völlig verschwunden, lediglich das starke Beugen oder vollständige Ausstrecken des Arms ist noch schmerzhaft und wird von mir deshalb gemieden. Aber ich kann fast alle alltäglichen Verrichtungen, zu denen so ein Arm samt Hand am Ende in der Regel tauglich ist, wieder ausüben.

Die Ärztin war bei der Begutachtung in der vergangenen Woche ganz zufrieden damit, wie mein Körper gegen die Vergiftung vom Mittwoch kämpft. Bisher offensichtlich siegreich. Ich brauche aber, sagte sie, noch viel Geduld, erst in etwa zwei Monaten wird man sehen können, ob und welche bleibenden Schäden am Arm vorhanden sein werden.

Einstweilen herrscht weiter Kühlverbot (also ist auch kein Schwimmen nach dem Sport und vor der Sauna erlaubt) und es bleibt dabei, dass Chemo-Tabletten tabu sind. Dieser vierte Zyklus meiner Chemotherapie fällt also ersatzlos aus. Das führt inzwischen dazu, dass meine ansonsten permanent vorhandene Übelkeit deutlich weniger bemerkbar ist und dass die Kälteempfindlichkeit zu schwinden beginnt. Ich kann ohne Handschuhe Gegenstände aus dem Kühlschrank nehmen … ein schon ganz ungewohntes Erlebnis!

Ich darf damit rechnen, dass die Schmerzen und die Schwellung ganz langsam, eben innerhalb von zwei Monaten, verschwinden. Immerhin. Und ich darf hoffen, dass die erhoffte Wirksamkeit der ganzen Chemotherapie durch diesen ausfallenden Zyklus nicht nachhaltig beschädigt ist, sondern dass aus der ärztlicherseits genannten »Option Heilung« eine Realität wird und sich auch langfristig kein Krebs mehr entwickelt.

Dass ich jetzt den Arm schon fast wieder wie vor dem Chemie-Unfall gebrauchen kann, verdanke ich nicht eigenem Bemühen oder unerklärlichen Kräften, die da am Werk sind, sondern den vielen und anhaltenden Gebeten und der anteilnehmenden Begleitung durch Familie und sehr viele gute Freunde, die via Facebook und Blog und (auch das gibt es noch im Jahr 2012!) persönliche Kontakte mit uns durch diese Monate gehen.

Ich danke euch allen und dem Schöpfer, der so offensichtlich auf die vorgetragenen Bitten reagiert.

06.08.12 – Die Nicht-Nachrichten

Wenn eine Nachricht darin besteht, dass es keine erwähnenswerten Nachrichten gibt, dann ist das manchmal eine gute Nachricht. Allerdings ist dann immer noch die Frage offen, was denn erwähnenswert wäre und was nicht. Man kann ja auch mal kleine gute Beobachtungen erwähnen, es muss und soll ja nicht immer Sensationelles passieren.

Seit dem letzten Bericht bezüglich meines bei der Infusion verunglückten Armes hat sich in kleinen Schritten der Zustand weiter gebessert, es gibt noch Stellen, die bei Druck oder bestimmten Bewegungen schmerzen, aber alles in allem ist der Arm so gut wie alltagstauglich. Die Haut ist noch in einigen Bereichen ein wenig taub, aber Gott sei dank nicht gefühllos – das würde auf abgestorbenes Gewebe oder Zellen hindeuten und wäre gar nicht gut.

Dass meine Chemotherapie nun eine Zwangspause macht, hat durchaus (neben der leider in Kauf zu nehmenden Einbuße an erhoffter Krebsbekämpfung) auch seine positiven Auswirkungen: Ich bin seit ein paar Tagen fast rund um die Uhr frei von der Übelkeit, die seit Beginn der Chemotherapie meine ständige Begleiterin war. Ich habe mich selbst damit überrascht, dass ich gelegentlich Appetit auf etwas habe … einfach so.

Auch die Kälteüberempfindlichkeit ist deutlich zurückgegangen, ich kann Dinge aus dem Kühlschrank holen, ohne vorher Handschuhe anzuziehen und kalte Getränke kann ich tatsächlich trinken, ohne sie vor dem Schlucken im Mund anzuwärmen.

Das Fatigue-Syndrom scheint dagegen nicht an Stärke einzubüßen, vielleicht dauert das eben länger als ein paar Wochen?

Ergometer-Resultat vom Sonntag, dem 5. August.Weitere Nicht-Nachrichten wären noch, dass beim Sport meine Leistungsfähigkeit langsam aber stetig zunimmt, was ja ein Zeichen dafür ist, dass der Körper nach und nach die verloren gegangene Muskelmasse wieder aufzubauen in der Lage ist.

Das Nachlassen der Nebenwirkungen ist natürlich flüchtig, wenn, wie vorgesehen, am kommenden Mittwoch die Chemotherapie mit dem fünften Zyklus weiter geht. Ob das der Fall sein wird, erfahre ich am Dienstag anlässlich einer medizinischen Begutachtung aus ärztlichem Mund.

15.08.2012 – Der fünfte Zyklus Chemotherapie …

 … gestaltet sich unterschiedlich. Regelmäßige Leser wissen, dass der vierte Zyklus durch einen verunglückten Infusionsstart, zumindest was die Tabletteneinnahme betrifft, ersatzlos ausfallen musste. Mein Körper hatte (und hat noch immer) genug damit zu tun, gegen die Vergiftung des Gewebes im rechten Arm anzukämpfen.

Gott sei Dank war der Kampf drei Wochen nach dem Missgeschick bereits deutlich erfolgreicher, als es die Ärzte erwartet hatten, so dass heute vor einer Woche der fünfte Zyklus planmäßig begann und nun andauert. Der Arm ist noch immer leicht geschwollen, an einigen Stellen fühlt er sich taub an, beim Strecken gibt es Schmerzen irgendwo in den Unterarmmuskeln und hin und wieder zuckt und ziept es plötzlich im Arm, ohne erkennbaren Anlass. Nun ja. Mir wurde ärztlicherseits gesagt, dass man etwa zweieinhalb Monate nach der Infusion wird sagen oder verlässlich abschätzen können, ob und welche Schäden dauerhaft bleiben. Das wäre dann Anfang Oktober 2012 so weit.

Natürlich erfolgte die Infusion vergangene Woche in den linken Arm, und obwohl nichts von dem chemischen Gebräu daneben lief, schmerzt der Arm bis heute, das kannte ich bisher nicht in dem Ausmaß. Die Haut ist rings um die Injektionsstelle sehr berührungsempfindlich, das alles schwindet dieses Mal nur sehr sehr langsam. Ich vermute als Laie, dass es mit dem andauernden Kampf des Körpers gegen das Gift im rechten Arm zu tun hat.

Auch die Übelkeit schlug heftiger zu als zu Beginn der vergangenen Zyklen, ich brauchte wesentlich häufiger und länger meine MCP AL Tropfen, um dem Erbrechen entgegen zu wirken. Gestern endlich kehrte das Ausmaß an Übelkeit auf das seit Beginn der Chemotherapie gewohnte Maß zurück: ständig da, aber nicht so schlimm, dass sich mir beim Anblick von Speisen der Magen umzudrehen droht.

fortschrittDie Kälteempfindlichkeit kehrte mit der Infusion schlagartig zurück – stärker als zuvor. Dinge aus dem Kühlschrank holen geht auch heute, eine Woche später, nur mit Handschuhen. Ich habe auch, egal wie warm es ist und ob ich Socken trage oder nicht, ständig taube Zehen, sogar daran kann man sich gewöhnen, stelle ich fest. Besonders deutlich wurde mir der diesbezügliche Nervenschaden aber heute im Rahmen des Fitnessprogramms. Erstmalig seit dem Chemieunfall war ich wieder im Schwimmbecken. Innerhalb weniger Minuten im Wasser fühlte sich der rechte Arm deutlich kälter an als der Rest des Körpers, nach 15 Minuten Schwimmen empfand ich ihn dann als eisig. Da war der anschließende Aufenthalt in der Dampfsauna eine Wohltat.

Erfreulich fand ich, dass sich trotz Infusionspanne und verstärkten Nebenwirkungen meine Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit langsam aber stetig steigern. Das Bild zeigt oben die Leistung nach 30 Minuten Ergometertraining vom 21. Juli, unten von heute. Immerhin stieg die Durchschnittsleistung von 79 Watt auf 112 Watt – das ist für meine Verhältnisse eine deutliche Verbesserung, über die ich mich freue. Es muss ja auch solche kleinen Mutmacher-Erlebnisse geben.

Erfreuliches gab es ja noch mehr in den letzten Tagen. Ich konnte am Samstag mithilfe meiner Tropfen und zusätzlicher Anti-Kotz-Tabletten recht unbeschwert an der Einschulung eines Enkels sowie an einem Sommerfest teilnehmen und dort sogar wie geplant als Moderator mitwirken. Ich konnte am Sonntag mit der besten aller Ehefrauen eine 20-Kilometer-Radtour unternehmen, die mir deutlich gut getan hat. Als wir losfuhren, musste ich mich fast auf das Fahrrad zwingen … und dann ging es mit dem Befinden bergauf, je länger wir unterwegs waren. Ich konnte letzte Woche nach dem Auftakt zum Zyklus 5 mein sportliches Programm – mit Einschränkungen, aber immerhin! – durchführen.

So ist es eigentlich immer, wenn mir so nach gar nichts zumute ist, außer in der dunklen Ecke rumliegen und leiden: Aufraffen, etwas unternehmen und sich dann staunend darüber freuen, wie gut das tut.

25.08.2012 – Von Fach- und Hausärzten

Lag so auf dem Schreibtisch des Arztes herum.Heute war ich, nachdem ich es in den letzten Monaten mit lauter Fachärzten wie Onkologen, Gastroenterologen und beinahe einem weiteren Chirurgen zu tun hatte, mal wieder beim Hausarzt. Der verarztet ja bekanntlich keine Häuser, sondern auch Menschen, und ich war wegen der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung da.

Blutdruck messen, Ultraschalluntersuchung, Abtasten … was Ärzte eben so können, und dann ging es ans sogenannte Hautscreening. Auch dabei fand der Doktor nichts auf Anhieb alarmierendes, aber er erklärte mir angesichts einer einzigen zweifelhaften Stelle auf meiner Brust: »Das möchte ich gerne von einem Dermatologen überprüfen lassen, der hat die genaueren Instrumente. Es kommt nämlich vor, so absurd das auch klingt, dass die Chemotherapie einen Hautkrebs anstößt, und der Dermatologe kann mit seiner Ausrüstung auch unter die obersten Hautschichten schauen.«

Nun ja. Die Chemotherapie, die den einen Krebs bekämpft, als möglicher Auslöser für einen anderen, das ist mir nicht neu, denn dass Leukämie aufgrund solcher Behandlungen auftreten kann habe ich wie so vieles vor der Behandlung zur Kenntnis genommen und unterschrieben. Vom Hautkrebs war in den Unterlagen zwar nicht die Rede, aber ich vermute, dass mein Hausarzt schon weiß, wovon er redet.

Nun werde ich also demnächst einen weiteren Facharzt kennen lernen, denn beim Dermatologen war ich noch nie. Und wenn ich mir in einer Sache sicher bin, dann ist es diese: Lieber auf Nummer Sicher als leichtsinnig über vermeintliche Kleinigkeiten hinweggehen.

Im Übrigen meinte mein Hausarzt: »Soweit alles in Ordnung, die Laborwerte holen wir nächste Woche. Sie sind verdammt jung für einen Darmkrebs, aber leider nicht der einzige. Es wäre an der Zeit, dass die Politik sich endlich durchringt, die Altersgrenze für die Krebsvorsorge deutlich zu senken.«

Damit hat er recht. Wäre ich ein oder zwei Jahre früher in den Genuss einer Darmspiegelung gekommen, hätte man die Tumore beziehungsweise ihre Vorstufen rechtzeitig entfernen können, bevor Zwerchfell und Lymphgefäße befallen waren.

Im Grunde wäre, wenn ich mir so anschaue, was meine Behandlung bisher gekostet hat und noch kosten wird, die kostenlose Krebsvorsorge für alle Männer ab 50 Jahren sogar die preiswertete Lösung für die Krankenkassen.

30.08.2012 – … nicht halb leer.

Es stimmt schon, was die Ärzte, namentlich die Onkologen, so häufig zu wiederholen nicht müde werden: Die Intensität der Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen bei meiner Chemotherapie lässt sich nicht voraussagen, und von dem einen Zyklus sollte man nicht auf den nächsten schließen. Es sind zu viele Faktoren, die da eine Rolle spielen und sich gegenseitig beeinflussen können.

Gestern ging es los mit meinem Zyklus Nummer 6 (von 8 insgesamt). Als ich nach der Infusion beim vorherigen Zyklus, am 8. August, wahrheitsgemäß gesagt hatte, dass der Arm erheblich schmerzt nach den knapp 4 Stunden, meinte die Arzthelferin: »Vielleicht sollten wir es mal mit Wärmekissen probieren? Bei Oxaliplatin könnte das ja vielleicht etwas helfen.« Da es schlimmer als vor drei Wochen sowieso kaum werden konnte, erinnerte ich also gestern an den Vorschlag. Die Betreuerinnen wechselten regelmäßig das abkühlende Kissen gegen ein frisches heißes aus. Ich konnte zwar so den Arm nicht beobachten, ob sich womöglich ein Unglück wie am 18. Juli anbahnen mochte, aber da das Wärmekissen ungefähr alle 30 Minuten ausgewechselt wurde, waren Arzthelferin und ich regelmäßig einen prüfenden Blick auf die Infusionsgegen.

Die Hitze auf der Haut tat ihre erhoffte Tiefenwirkung: Die Schmerzen waren wesentlich geringer und sind auch im Laufe des vergangenen Tages und der Nacht nicht stärker geworden. Der Arm fühlt sich jetzt so an, wie bei der letzten Infusion erst nach 10 Tagen. Das ist eine große Erleichterung. Warum es allerdings so lange dauern musste, bis die Helferin mit dem Vorschlag herausrückte, kann ich nicht sagen.

Wesentlich deutlicher ist dagegen das Kältesyndrom zurückgekehrt. Schon als ich gestern nach der Infusion zu Hause ankam und Mineralwasser (Sommer-Zimmertemperatur) trinken wollte, war das so schmerzhaft im Mund, dass ich den ersten Schluck entsetzt ausspuckte. Mit klitzekleinen Portiönchen gelang es dann doch, den Durst zu stillen. Am späten Nachmittag ein Bierchen zu trinken war erst möglich, nachdem das Getränk eine geraume Weile in der Sonne gestanden hatte.

Auch die Übelkeit schlägt mir heftiger auf den Magen als zuvor … aber mit Hilfe von Tabletten und Tropfen lässt sich das Erbrechen verhindern. Ich nehme zwar sehr ungern zusätzlich zu den Chemo-Tabletten (Xeloda) noch andere Medikamente, aber solange die Übelkeit so vehement wütet wie jetzt, ist das dann doch das kleinere Übel.

Relativ neu ist, dass die Zehen zeitweise gefühllos werden. Das ist beim Gehen nicht hinderlich, insgesamt aber doch recht unangenehm. Ich bin gespannt, ob die dafür vorgesehene Spezial-Salbe für Xelodapatienten, die ich heute erstmals ausprobiere, etwas daran ändern wird.

Und der am 18. Juli verunglückte rechte Arm? Der ist nach wie vor leicht geschwollen, die Haut brennt etwas, im Inneren des Armes zwickt und zuckt gelegentlich ein Muskel oder mehrere … ob sich die deutlich spürbare Verhärtung des Gewebes zurückbilden wird, kann man sechs Wochen nach der Vergiftung noch nicht sagen. Da muss ich wohl noch weitere sechs Wochen Geduld aufbringen.

Es gibt jedoch auch Gutes zu berichten: Insgesamt steigert sich meine Leistungsfähigkeit Sogar mehr als halb voll!langsam aber stetig, sowohl beim Sport als auch beim Durchhaltevermögen am Computer … das ist ja, wenn ich wieder arbeiten gehen darf, mein hauptsächliches Werkzeug. Ich bin glücklich, ein Übersetzungsprojekt ohne Zeitdruck zu haben, der Auftraggeber will mit dem Werk sowieso erst 2013 auf den Markt. Das gibt mir Gelegenheit, ohne Stress auszuprobieren, wie weit jeweils pro Sitzung Konzentration und Kraft reichen. Und das eben steigert sich, zwar langsam, aber immerhin. Da ich über die Arbeitsstunden genaue Aufzeichnungen führe, habe ich das prima im Blick und kann mich daran freuen.

Mein Befinden mag nicht jeden Tag einem strahlenden Siegeszug gleichen, aber es geht mir nach wie vor verglichen mit dem, was an Nebenwirkungen so alles möglich wäre, recht gut.

Das Glas ist halb voll, nicht halb leer. Und das ist auch gut so.

14.09.2012 – Der Zyklus VI …

… meiner Chemotherapie neigt sich dem Ende zu, nächste Woche geht es in den vorletzten hinein. Am 30. Oktober wird dann – wenn alles wie vorgesehen weiter läuft – das Ende der Behandlung erreicht sein.

Dieser sechste Zyklus hatte in der ersten Woche, davon hatte ich bereits berichtet, wesentlich stärkere Nebenwirkungen mit sich gebracht als die vorangegangenen fünf, an den ersten paar Tagen der zweiten Woche ging es mir etwas besser, aber die zweite Wochenhälfte war dann wieder ziemlich schwer erträglich. Vor allem die Übelkeit geht ziemlich aufs Gemüt, wenn man sich ständig am Rande des Erbrechens entlang hangelt und doch zumindest zwei Mal täglich etwas essen muss, weil die Chemietabletten auf nüchternen Magen nicht genommen werden dürfen.

Xeloda zum Frühstück. Pfui Teufel ... muss aber sein.Am vergangenen Wochenende, von Freitag Abend bis Sonntag Mittag, waren wir mit unserer Kirchengemeinde zu einer Freizeit im Norden Brandenburgs, die Tage konnte ich mithilfe meiner Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen überwiegend sogar genießen – eine schöne Abwechslung mit vielen wertvollen Gesprächen, Mußestunden und Plaudereien sowie angemessen freundlichem Wetter ab Samstag Mittag. Zum Frühstück und Abendessen gab es exklusiv für mich … na was wohl? Xeloda-Tabletten, wie zu Hause. Aber wie gesagt, genießen konnte ich viele der Stunden trotzdem.

Erst gestern ist die Übelkeit wieder auf ein Maß gesunken, bei dem ich keine Tropfen nehmen muss, was ich dankbar genieße, denn die Tropfen gegen die Nebenwirkungen haben wiederum andere Nebenwirkungen …

Na ja. Der 31. Oktober ist ja nicht mehr so furchtbar weit entfernt. Ob sich dann eine Rehabilitationsmaßnahme anschließt oder ein Hamburger Modell oder was auch immer … das werde ich in ein paar Wochen mit dem Onkologen besprechen.

Heute geht es am Mittag zum Dermatologen, da der Hausarzt einen Fleck auf meiner Haut etwas verdächtig fand. Natürlich hoffe und wünsche ich mir, dass es blinder Alarm ist … mir reicht eigentlich zur Zeit der operierte Darmkrebs und die Chemotherapie. Noch mehr gesundheitliche Baustellen müssen nicht sein.

P.S. um 13:30 Uhr: Abwarten und Kaffee trinken … heißt es mal wieder. Der Dermatologe hat den verdächtigen Hautfleck fachmännisch herausgeschnitten und schickt das Gewebe jetzt an ein Fachlabor irgendwo im fernen Bayern. In circa zwei Wochen liegt dann das Ergebnis der Analyse vor.
Er meinte, das sei mit hoher Wahrscheinlichkeit eine harmlose Stelle, aber ihm und mir ist ein Laborbefund dann doch lieber als Wahrscheinlichkeitsrechnungen, von denen habe ich schon genug anlässlich der Chemotherapie.

21. September 2012 – Vom Wertechaos

Am vergangenen Mittwoch sollte eigentlich Zyklus 7 meiner Chemotherapie beginnen, doch wieder einmal zeigte sich, dass nichts verlässlich planbar ist. Die Blutwerte, insbesondere bei den Granulozyten, aber auch bei den Thrombozyten und Leukozyten, waren so miserabel, dass der Onkologe eine weitere Woche Chemiepause anordnete.

Was beim Arzt so auf dem Tisch herumliegtAnlässlich der Untersuchung beim Hausarzt zeigte sich bereits am 31. August ein Phänomen, das des »biologisch oder medizinisch« nicht gibt, wie mein Arzt meinte: Die Cholesterinwerte sind deutlich gesunken, während gleichzeitig die Blutfettwerte gestiegen sind. Entweder das eine oder das andere Ergebnis müsste eigentlich falsch sein, das Labor hatte aber alles richtig gemacht.

Nun ja. Das mit dem verschobenen Beginn des siebten Zyklus ist eine zwiespältige Sache für mich. Einerseits tut es mir gut, noch eine Woche ohne Medikamente genießen zu können, insbesondere mein Geburtstag am Wochenende wird dadurch wesentlich angenehmer, andererseits zieht sich die ganze Behandlung (leider nicht zum ersten Mal) weiter in die Länge.

Ich hoffe, dass es meinem Rückenmark gelingt, eine ausreichende Menge von Granulozyten und ihren Freunden zu produzieren, damit am kommenden Mittwoch der vorletzte Zyklus beginnen kann. Ich will das Ganze nämlich möglichst bald hinter mir haben und freue mich darauf, anschließend an die Entgiftung des Körpers und Erholung des Immunsystems wieder zur Arbeit gehen zu dürfen. Wann das sein wird, kann allerdings bisher kein Arzt verlässlich abschätzen.

4. 10. 2012 – Zyklus 7, der Vorletzte

KrebspatientenpassMeine Blutwerte am 26. September waren nicht gerade berauschend gut, aber do so weit gebessert, dass der siebte Zyklus der Chemotherapie nach einwöchiger Verzögerung starten konnte.

Die Nebenwirkungen, vor allem das verhasste Hand-Fuß-Syndrom, setzten schon am gleichen Tag ein und schlugen dann am Donnerstag vehement zu. Erst seit Dienstag geht es mir wieder einigermaßen erträglich: Die Übelkeit beschränkt sich auf ein Maß, bei dem ich fast durchgehend ohne zusätzliche Tropfen auskomme und die Schmerzen in den Händen lassen sich mit Handschuhen und Vorsicht bändigen.

Es geht mir, Gott sei es gedankt, nach wie vor besser, als angesichts all der möglichen Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen anzunehmen wäre. Manches, wie die Impotenz und die nach wie vor deutliche Schädigung des rechten Armes, wird wohl erst nach und nach besser werden, wenn die ganze Chemotherapie überstanden ist. Dann sollte sich auch, so die Ärzte, wieder ein Immunsystem aufbauen und letztendlich ein normales Leben einkehren.

Die zusätzliche Woche Chemiepause war – so im Nachhinein betrachtet – ein wahrer Segen, denn meinen Geburtstag konnte ich dadurch unbeschwert von den nunmehr seit Monaten üblichen Symptomen genießen. Die beste aller Ehefrauen hatte für mich eine Überraschungsparty organisiert, zu der Gäste aus nah und ziemlich fern erschienen – eine riesige Freude für mich, eine rundum gelungene Überraschung und wunderbare Stunden mit lieben Menschen – ich war und bin sehr dankbar und glücklich darüber. Eva hatte so geheim gearbeitet, dass ich wirklich keine Ahnung hatte, was da auf mich wartete …

Eine solch wunderbare Frau an meiner Seite zu haben ist ein Geschenk, dessen Wert ich wohl kaum jemals hoch genug einschätzen kann. Ich bin mir sehr sicher, dass ich ohne Eva heute in einem wesentlich schlechteren Zustand wäre – falls überhaupt noch hier auf diesem Planeten. Die beiden Momente im Krankenhaus, bei denen der Tod neben dem Weiterleben eine reale Option war, werde ich wohl so bald nicht vergessen.

Nun heißt es, noch eine weitere Woche die inzwischen ziemlich verhassten Tabletten schlucken, dann eine Woche Pause und schließlich, falls die Blutwerte es zulassen, ab dem 17. Oktober der achte und letzte Zyklus. Wenn auch der überstanden ist, schlage ich dann ein weiteres neues Lebenskapitel auf mit der Überschrift Nach Krebs und Chemotherapie – Fünf Jahre Wartezeit bis zur dokumentierten Heilung.

16.10.12 – Sieben Monate später–der achte Zyklus kommt

Es kommt mir vor, als sei so viel Zeit noch gar nicht vergangen, aber ich kann ja schwarz auf weiß nachlesen, was ich notiert habe:

inf… Am 15. März wurde ich mit dem Notarztwagen in das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin Steglitz eingeliefert. In den ersten Tagen habe ich keine Aufzeichnungen gemacht, da ging es nur darum, zu überleben. …

Sieben Monate – voller Ereignisse mit unterschiedlichen Empfindungen: Höhen, Tiefen, Schrecken, Freude, Hoffnung, Bangen, Aufrappeln, Durchhalten, Angst, Erleichterung … eine ziemliche, nie so recht vorhersehbare Bandbreite. Und alles in allem gesehen kann und darf und muss ich sagen: Es geht mir verhältnismäßig gut.

Warum?

Zum einen ganz sicher deshalb: Eva, die beste aller Ehefrauen, hat treu an meiner Seite gekämpft, durchgehalten, Mut gemacht, Hoffnung geweckt, Freude geschenkt. Sie war und ist da, bei mir, in der Nähe, und schon das gibt mir viel Kraft, selbst wenn sich im Alltag nichts »Besonderes« ereignet. Allerdings hat sie auch so manches Besondere in die Wege geleitet.

Zum anderen sicher auch deshalb: Sehr viele Verwandte und treue Freunde haben uns durch diese sieben Monate begleitet mit ihren lieben und guten Wünschen, Trost- und Hoffnungsworten, Gebeten, Geschenken, Nachfragen, Mitempfinden … manche haben wir erst durch die Krebserkrankung so richtig oder noch besser kennen gelernt.

Morgen wird – falls die Blutwerte dies zulassen – der achte und letzte Zyklus der Chemotherapie beginnen. In drei Wochen dann, am 6. November, ist die Behandlung beendet, falls morgen wie vorgesehen die Infusion stattfinden kann. Dann heißt es viereinhalb Jahre abwarten, von Untersuchung zu Untersuchung. Fünf Jahre nach der Operation würde ich dann, sofern kein Krebs auftaucht, aus medizinischer Sicht als geheilt gelten.

Geheilt – das ist etwas, was ich aber jetzt schon hoffen und glauben möchte, nicht erst im März 2017. Mein Glaube ist ein zurückhaltender, zögerlicher, in gewisser Weise sehr unsicherer Glaube. Der stürmische, feste, unbelehrbar siegreiche Glaube ist mir abhanden gekommen, als beide Schwiegereltern trotz solchen Glaubens (in sich selbst und ringsumher) am Krebs gestorben sind. Dass Gott, wie immer wir ihn auch erkennen und benennen mögen, zu heilen vermag, daran zweifle ich keineswegs, denn das habe ich selbst schon erlebt. Dass wir ihm ein solches Eingreifen nicht abverlangen können, zeigt die traurige Realität nicht nur in der eigenen Familie.

Nichtsdestotrotz: Der vielfältige Beistand, den Eva und ich erleben durften und hoffentlich auch weiter erleben werden, durch so viele mitempfindende Menschen, die Gebete, ob nun »zum Universum« oder zu einem namentlich benannten Gott, von für mich angezündeten Kerzen in katholischen Kirchen bis zu ganz und gar weltlich-irdischen Genesungswünschen … für all das sage ich heute ein herzliches und tief empfundenes Dankeschön!

Donnerstag, 18. Oktober 2012 – Mal wieder abwarten

Eigentlich sollte gestern Zyklus 8 der Chemotherapie beginnen, der letzte Zyklus. Vorausgesetzt natürlich, es taucht nicht irgendwann wieder Krebs auf.

Die Blutwerte waren jedoch wieder so miserabel, dass eine weitere Woche ohne Chemie vonnöten ist. Bei der letzten Verschiebung, vom 19. September auf den 26. September, war die Besserung ausreichend. Mal sehen, was sich nächste Woche am Mittwoch dann herausstellen wird.

Zyklus 8 wird jedenfalls ohne Oxaliplatin und nur mit Xeloda-Tabletten stattfinden, da die Schäden an den Nerven durch das injizierte Metall bereits jetzt so groß sind, dass der Arzt eine weitere Schädigung nicht mehr verantworten kann. Vor allem, erklärte er uns (die beste aller Ehefrauen war dabei), weil Schäden an den Nerven noch bis zu sechs Wochen nach der Infusion auftreten beziehungsweise zunehmen können. Medizinisch ausgedrückt hörte sich das so an: Die periphere-sensorische Neuropathie führt zur Dosislimitierung.

taub

Wie so oft im Leben gibt es zwei Seiten der Medaille. Die Nebenwirkungen sind erheblich, das Blut ruiniert … was ein Zeichen dafür ist, dass auch Krebszellen, falls nach der Operation noch irgendwo in mir welche unterwegs gewesen sein sollten, ruiniert sein müssten. Sollten. Dürften.

Verlässliche Aussagen und Prognosen gibt es nicht, damit lebt man als Krebspatient. Möglicherweise dauert es nach Ende der Chemotherapie drei Monate, bis mein Körper wieder ein funktionierendes Immunsystem aufgebaut hat. Es kann aber auch schneller gehen oder länger dauern. Vielleicht schwinden einige Nervenschädigungen nach und nach. Sie könnten aber auch dauerhaft sein.

Nun denn. Abwarten und Kaffee trinken. Und nie die Hoffnung aufgeben.

24.10.12 – Nun denn. Zyklus 8, der letzte.

Heute startet nun also Zyklus 8 der Chemotherapie. So Gott will und wir leben und kein Krebs mehr auftaucht, der letzte Zyklus.

acht

Die Blutwerte, insbesondere die Granulozyten,sind im Vergleich zum Mittwoch der vergangenen Woche soweit erholt, dass die Behandlung fortgesetzt werden kann. Allerdings sind die Thrombozyten auf einem historischen Tiefpunkt angelangt – was ich schon ohne Blutbild daran gemerkt habe, dass eine Schürfwunde am Ellenbogen einfach nicht zuheilen will. Nun ja, da braucht es, wie bei so vielem, Geduld.

Immerhin geht die Chemotherapie weiter und damit in absehbarer Zeit zu Ende, wie letzte Woche mit dem Arzt besprochen ohne Oxaliplatin-Infusion bei diesem letzten Mal, um die vorhandenen Nervenschädigungen nicht noch zu vergrößern.

Ich bin gespannt, wie lange dann nach Abschluss der Therapie mein Rückenmark braucht, um wieder ein halbwegs gehaltvolles und funktionstüchtiges Blut herzustellen. Sobald das Immunsystem wieder funktioniert, kann ich ins Arbeitsleben zurückkehren – und so wird sich dann nach und nach Normalität wieder einstellen.

30. 10. 12 – Von der Gewöhnung an Ungewöhnliches

Nun neigt sich meine Chemotherapie dem Ende zu, noch zwei Wochen bis zum »offiziellen Ende«. Ein langer Weg war es seit dem 8. Mai … beschwerlich oft, mit Unfällen und Ausfällen … aber andererseits hätte alles schlimmer und sicher noch unangenehmer sein können, wenn der Katalog der möglichen Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen einigermaßen realistisch ist.

Gelernt habe ich, dass es – zumindest für mich – immer die bessere Wahl ist, sich mit einer unguten Situation (einstweilen oder dauerhaft) abzufinden und zu sagen: »So ist es jetzt. Da kann ich nichts ändern. Aber das Leben kann trotzdem weiter gehen, der Alltag kann trotzdem bewältigt werden.« Anstatt mich auf das Sofa zu kauern und zu schmollen (warum ausgerechnet ich) und zu hadern (muss das jetzt auch noch sein) und mich zurückzuziehen (dann mache ich eben gar nichts mehr und bleibe hier sitzen).

Scherben von SXC.huZum Beispiel: Meine Finger sind überwiegend taub, gefühllos. Das beeinträchtigt die Arbeit am Computer … aber ich habe mich an das »taube Tippen« gewöhnt. Mir fällt auch so manches aus den Händen, was ich festzuhalten glaube. Vom Autoschlüssel bis zum Marmeladeglas. Bei ersterem Gegenstand geschieht nichts weiter, als dass ich ihn wieder aufhebe, bei letzterem entsteht ein Scherben-Marmelade-Gemisch, das zu entsorgen ist. Trotzdem decke ich am nächsten Tag wieder den Frühstückstisch. Halte eben die Gegenstände noch etwas fester (soweit das ohne Gefühl graduiert werden kann) und trage kostspieligeres Geschirr mit zwei Händen durch die Gegend anstatt mit einer.
Dabei sind dann Scherben nicht auszuschließen, die schöne grüne Vase hat am Rand nun zwei abgeplatzte Stellen, wir besitzen ein Marmeladegefäß weniger, auch ein Trinkglas ging unlängst den Weg alles Irdischen … aber die Alternative, nichts mehr in die Hand zu nehmen, passt eben nicht zu mir.

Die Zehen sind gleichermaßen taub, als wären sie nicht mehr Teil der Füße. Dadurch stolpere ich leicht … und setzt nun bewusster und womöglich langsamer Fuß vor Fuß, anstatt nicht mehr rauszugehen. Na und? Bin ich etwa in Hektik und Eile? Nein. Wenn die Hunderunde zehn oder zwanzig Minuten länger dauert als sie schnellen Schrittes dauern würde, was macht das schon? Nichts. Max, der Vierbeiner, freut sich und mir schadet es schon gar nichts.

Kleine Wunden heilen sehr sehr langsam zu, eine Abschürfung am Ellenbogen ist nun 2 Wochen alt und noch nicht ganz zu, ein Minischnitt am Finger vom Samstag blutet noch immer gerne frisch vor sich hin, wenn das Pflaster mal ein paar Minuten ab ist. Verständlicherweise bin ich nun mit Messern und anderen auch nur annähernd scharfkantigen Gegenständen (einschließlich der Folienverpackung meiner Chemo-Tabletten, der ich den Schnitt am Finger zu verdanken habe) besonders vorsichtig. Ich gewöhne mich so an die Tatsache, dass mein Blut zur Zeit nicht in einem auch nur halbwegs normalen Zustand ist und deshalb seine Funktionen nicht erfüllen kann. Das wird sich nach Ende der Chemotherapie ja wieder normalisieren, heißt es aus Ärztemund.

Man gewöhnt sich an Ungewöhnliches, auch was die körperliche Tüchtigkeit betrifft, wenn man es nur will. Und mal ehrlich: Verglichen mit jemandem, der auf Rollstuhl und fremde Hilfe angewiesen ist, geht es mir ganz und gar hervorragend.

Dienstag, 6. November 2012 – Die (hoffentlich) letzte Tagesdosis

lastpillsMit dem heutigen Tag und der heutigen Tagesdosis von 3.800 mg schlucke ich hoffentlich zum letzten Mal derartige Tabletten. Ab morgen beginnt dann die hoffentlich letzte siebentägige chemiefreie Phase und mit dem 13. November ist die Chemotherapie offiziell beendet.

Wie so vieles im Leben kann ich die Behandlung rückblickend als vernichtend schlecht oder relativ gut beurteilen … mit einer enormen Bandbreite dazwischen. Es kommt nur darauf an, worauf das Augenmerk sich richtet: Auf das, was hätte sein können, oder auf das, was gewesen ist. Oder auf beides.

Ich wurde mit Oxaliplatin und Xeloda behandelt. Der Xeloda-Beipackzettel verrät unter dem Stichwort Nebenwirkungen alssehr häufig:

    • Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Mundschleimhautentzündung, Bauchschmerzen
    • Hand-Fuß-Hautreaktionen (Handinnenflächen und Fußsohlen kitzeln, werden taub, schmerzen, schwellen an, werden rot), Ausschlag, trockene und juckende Haut
    • Müdigkeit, Schläfrigkeit
    • Appetitverlust

Nicht sehr häufig, aber immerhin häufig treten (unter anderem) auf:

    • Verminderung der Anzahl an weißen und roten Blutzellen
    • Hautausschlag, leichter Haarausfall
    • Fieber, Schwäche, Kopfschmerzen
    • Depressionen
    • Gelenk-, Brust- oder Rückenschmerzen
    • Änderungen im Geschmacksempfinden, Verstopfung, exzessive Blähungen, trockener Mund

Die sehr wahrscheinlichen Folgen der Einnahme des Medikaments haben mich, abgesehen vom Erbrechen, das ich jeweils rechtzeitig vorher mit anderen Medikamenten unterbinden konnte, alle getroffen. Bei den anderen Nebenwirkungen trifft manches zu. Die Veränderungen des Blutes haben zwei Mal eine Therapieverzögerung bedingt, lediglich mit Fieber und Haarausfall hatte ich es nicht zu tun.

Es heißt so schön im Beipackzettel:

Diese Nebenwirkungen können sich verstärken.

Zum Beispiel dadurch, dass ein zweites Medikament zum Einsatz kommt. Beim Oxaliplatin sieht die Liste der sehr häufigen Nebenwirkungen so aus:

    • Reaktionen an der Injektionsstelle
    • Fieber, Müdigkeit, Allergie/allergische Reaktionen, Asthenie, Schmerzen, Gewichtszunahme
    • Periphere sensorische Neuropathie, Kopfschmerzen, sensorische Störungen
    • Diarrhö, Übelkeit, Erbrechen, Stomatitis/Mukositis, Bauchschmerzen, Verstopfung, Anorexie
    • Rückenschmerzen
    • Epistaxis
    • Infektionen
    • Dyspnoe, Husten
    • Hauterkrankungen, Alopezie
    • Geschmacksstörungen
    • Anämie, Neutropenie, Thrombozytopenie, Leukopenie, Lymphopenie
    • Erhöhte alkalische Phosphatase, erhöhtes Bilirubin, Störungen des Blutzuckergehaltes, erhöhtes LDH, Hypokaliämie, erhöhte Leberenzyme (SGPT/ALAT, SGOT/ASAT), Veränderungen des Serumnatriumspiegels

Nun ja, und zu den häufigen Nebenwirkungen zählen unter anderem:

    • Flush
    • Brustschmerzen
    • Schwindel, motorische Neuritis, Meningismus
    • Dyspepsie, gastro-ösophagealer Reflux, Schluckauf
    • Dehydratation
    • Arthralgie, Ostealgie
    • Hämorrhagien, Hämaturie, tiefe Thrombophlebitis, Lungenembolie, rektale Blutungen
    • Depression, Insomnie, Impotenz, Libidoverlust
    • Rhinitis, Infektionen der oberen Atemwege
    • Exfoliation (z.B. an den Händen und Füßen), Erythem, Hautausschlag, gesteigertes Schwitzen, Nagelerkrankungen
    • Dysurie, anormale Miktionshäufigkeit
    • Konjunktivitis, verschlechtertes Sehvermögen
    • Febrile Neutropenie/neutropenische Sepsis (z.B. Neutropenie Grad 3,4 und dokumentierte Infektionen)
    • Erhöhtes Kreatinin

Wer mag, kann ja die Fachbegriffe nachschlagen … jedenfalls haben mich auch von dieser Liste nicht alle möglichen Wirkungen befallen, aber doch etliche – und vor allem die Übereinstimmungen bei den Nebenwirkungen beider Medikamente haben zu der in den Beipackzetteln angekündigten Verstärkung geführt … die Schäden an den Nerven waren Mitte Oktober so stark, dass für den letzten Zyklus das Oxaliplatin gestrichen werden musste.

Mein Rückblick führt mich zu dem Fazit: Es hätte wesentlich schlimmer sein können. Die Zeit zwischen dem 8. Mai und dem 13. November war keine angenehme, es kam zu dem Injektionsunfall am 18. Juli, der zu einer dauerhaften Schädigung des rechten Armes geführt hat, aber dass eine Chemotherapie kein Wohlfühlprogramm ist, war mir von vorne herein klar.

Und ohne Eva, die beste aller Ehefrauen, wäre mir das alles wesentlich schwerer geworden und gefallen. Eine solche liebevolle Stütze an der Seite zu haben … das war und ist unschätzbar kostbar.
Dazu kamen und kommen die Familie und all die Freunde und Bekannten, die uns mit Ermutigung, Gebeten, Unterstützung und vielfältiger Ermutigung begleitet haben und weiter begleiten, auch das ist mir Anlass zu großer Dankbarkeit.

Ob die beabsichtigte und erhoffte Wirkung, für die ich all die Nebenwirkungen in Kauf genommen habe (und nehme, bis sie hoffentlich bald abgeklungen sein werden), eingetreten ist, kann jetzt niemand sagen. Kein Arzt und ich auch nicht. Das wird sich im Lauf der nächsten viereinhalb Jahre zeigen. Entweder, die Therapie war erfolgreich, dann tritt kein Krebs mehr auf, oder sie war vergeblich und die Ärzte finden neue Tumore.

Es ist keine angenehme Situation, mit dieser Ungewissheit leben zu müssen. Aber eine Wahl bleibt ja nicht. Die einzige Wahl war vor der Behandlung die Entscheidung, ja oder nein zur Chemotherapie zu sagen. Das ja fiel nicht leicht … aber nun weiß ich, dass ich nichts ausgelassen habe, was vielleicht zur Heilung beitragen kann.

Nun hoffe ich auf eine schnelle Wiederherstellung der normalen Blutzusammensetzung, denn davon hängt es ab, wann ich wieder ins Berufsleben zurückkehren kann. Darauf freue ich mich. Denn damit kehrt wieder ein Stück Normalität ins Leben zurück.

Donnerstag, 15. November 2012 – Nach der Chemotherapie: Auf geht’s.

Das gestrige längere Gespräch mit meinem Onkologen war das offizielle und endgültige Ende meiner Chemotherapie. Für den ausführlichen Bericht an meinen weiterbehandelnden Hausarzt gingen wir noch einmal vom Anfang bis zum Ende anhand meines Therapietagebuches die Monate durch … und ich kam zu dem an dieser Stelle schon gelegentlich formulierten Fazit: Es hätte schlimmer sein können, und ich bin dankbar, dass die Monate überwiegend erträglich verlaufen sind.

Der vom Infusionsunfall am 18. Juli geschädigte rechte Arm wird wohl, davon ging der Arzt gestern aus, nie wieder völlig normal sein. Die Verhärtung des Gewebes und die Gefühllosigkeit der Haut auf der Oberseite des Armes werden bleiben, genau wie die Schmerzen bei bestimmten Bewegungen der Armmuskulatur. Nun ja – damit kann ich mich abfinden. Auch der Unfall bei der Infusion hätte wesentlich schlimmere Folgen haben können, bis hin zur Amputation. Was sind dagegen schon die verbleibenden Schäden …

Alle anderen Nebenwirkungen sollten sich im Verlauf von sechs Wochen bis drei Monaten (präzisere Mutmaßungen stellen Ärzte wohl wirklich nicht an) bessern und dann verschwinden. Das Blutbild gestern zeigte schon, sicher auch aufgrund des Wegfalls der achten Oxaliplatin-Infusion, eine deutliche Besserung.

ct

Zum Abschied wünschte mir mein Onkologe, dass wir uns nie wiedersehen. Ein guter Wunsch, der in Erfüllung gehen möge.

Nun bin ich ab sofort vierteljährlich beim Arzt, werde alle sechs Monate sämtliche inneren Organe sonografisch betrachten lassen und vorerst alle 12 Monate eine Darmspiegelung im Tiefschlaf hinter mich bringen. Am 26. November gibt es die erste Sonografie – und gleichzeitig ein aktuelles Blutbild. Vielleicht, man kann und darf ja mal hoffen, vielleicht kann ich dann im Januar wieder die Arbeit aufnehmen? Ich würde mich freuen.

Wie zügig oder langsam auch immer die Wiederherstellung eines funktionierenden Immunsystems und das Abklingen der extremen Müdigkeit dauert … nie wieder Krebs, das wäre mein hauptsächlicher Wunsch. Und der von vielen lieben Menschen, die mit uns durch all die Schrecken dieses Jahres gegangen sind. Wir sind dankbar für alle Grüße, Gebete, Wünsche und Ermutigungen, auch in den nächsten Jahren, in denen die Wahrscheinlichkeit eines neuen Tumors langsam aber stetig sinkt.

Im Sommer 2017 darf ich dann, so Gott will, aufatmen und sagen: Der Krebs ist Vergangenheit.

Montag, 26. November 2012: Wenn negativ positiv ist

Beim Arzt kann man ja leicht mal erschrecken, so als Laie. Wenn die Befunde negativ sind, daran muss man sich dann erinnern, dann ist das positiv. Dann gibt es nämlich nichts zu meckern.

Bei der heutigen ersten Nachsorgeuntersuchung nach der Chemotherapie, die außerordentlich gründlich durchgeführt wurde, kam nur Gutes zutage, weil nichts Schlechtes zu finden war. Ich selbst konnte auf dem Monitor zwar nicht so recht erkennen, was genau die beiden Ärztinnen zu sehr zufriedenen Äußerungen (… bildschöne Leber … ganz glatte Kanten an der Galle … die Pankreassektion sieht prima aus …) verleitet hat, aber nach der 40minütigen Inaugenscheinnahme meines Innenlebens erfuhr ich dann in verständlichem Deutsch, dass »alle Organe, die mit dem Ultraschall sichtbar gemacht werden konnten, gesund« sind. Keine Anzeichen für einen Tumor.

Ultraschall ... versteht kein Laie

Die Blutwerte erfahre ich erst morgen oder übermorgen, aber dieser negative Befund stimmt uns, die beste aller Ehefrauen und mich, schon mal positiv und dankbar.

Wir wissen jetzt, dass seit der Operation im März zumindest im Bauchraum soweit man das untersuchen kann kein neuer Tumor gewachsen ist und gehen hoffend davon aus, dass dies auch in Zukunft nicht der Fall sein wird.

Dienstag, 18. Dezember 2012 – Von der Genesung und vom kommenden Jahr

Es wäre, meine ich, mal wieder Zeit für einen aktuellen Beitrag bezüglich meiner Gesundheit, denn viele Freunde und Bekannte fragen nach – das freut mich, es zeugt ja von echtem Interesse und wirklicher Anteilnahme.

narbe

Mein Zustand ist recht schnell beschrieben: Es geht weiter bergauf. Noch ist nicht alles wieder wie vor der Krebserkrankung, aber nach und nach bessert sich wohl alles. Die Nervenschädigungen durch die Chemotherapie gehen weiter zurück, ich habe wieder Gefühl in den Fingerspitzen und Zehen, noch mit Kribbeln und leichter Taubheit verbunden, aber

immerhin: Ich fühle wieder, was ich berühre. Die Übelkeit, die mich monatelang Tag und Nacht begleitet hatte, ist Vergangenheit. Ich kann wieder Dinge aus dem Kühlschrank holen, ohne vorher Handschuhe anziehen zu müssen. Sogar der eigentlich von mir und den Ärzten dauerhaft für taub und verhärtet geglaubte rechte Unterarm zeigt wieder Spuren von Empfindungen, als wären auch dort im vergifteten Gewebe irgendwelche Heilungsprozesse im Gange.

Die Operationsnarbe juckt gelegentlich und ist im oberen Teil noch leicht gerötet. Was sich noch nicht so richtig deutlich gebessert hat, sind Müdigkeit und Impotenz, immerhin aber reichen so ein bis zwei mal täglich ein paar Minuten Kurzschlaf um durch den Tag zu kommen und beim Aufwachen gab es an zwei oder drei Tagen immerhin ein wenig morning wood …  so dass ich eigentlich zuversichtlich bin, dass früher oder später sämtliche Begleiterscheinungen der Chemotherapie verschwinden werden.

Was bringt das nächste Jahr? Das weiß natürlich niemand, so wie niemand vor dem Jahreswechsel 2011 / 2012 geahnt hat, dass meine Krebsdiagnose samt Operation, Rehabilitation und Chemotherapie auf uns zukommt. Die biblische Ermahnung, keine allzu festen Pläne zu machen, sondern stets zu sagen: »wenn Gott will und wir leben, dann …« ist so falsch ja nicht.

Soweit nichts Unvorhergesehenes geschieht, werde ich ab Februar wieder meinen Arbeitsplatz einnehmen, wir können über Urlaub im Sommer nachdenken und kurz vor dem Herbst beim Benefizjogging teilnehmen. Wir werden die aufgrund meiner Gesundung weniger zahlreichen Stunden auf dem Balkon genießen, gelegentlich daran zurückdenken, wie es war, so gut wie jeden Tag in Ruhe und ausgiebig zu frühstücken, die drei bereits gebuchten Konzerte besuchen, viele Bücher lesen …

… aber vor allem werden wir dankbar sein für jeden neuen Tag, jede Woche, jeden Monat des gemeinsamen Lebens. Mancherlei Beschwerlichkeiten und Ärgernisse des Alltags werden an Stellenwert im Leben doch erheblich eingebüßt haben, denn nach diesem Jahr 2012 wissen wir das Geschenk des Lebens auf eine neue und tiefere Weise zu schätzen.

Sonntag, 3. Februar 2013 –

Wenn das Zurück ein Voran ist

Morgen früh breche ich zum ersten mal seit dem 13. März 2012 wieder auf, um zur Arbeit zu fahren. Zurückins Berufsleben – für mich ein weiterer Schritt voran auf dem Weg der Genesung und hoffentlich Heilung vom Krebs.
Foto: (C) puk.comIch bin gespannt, was mich alles an Veränderungen und Neuerungen erwartet, so ein kleines bisschen weiß ich bereits aus einer Besprechung neulich mit meinen Kolleginnen und dem Chef, aber wie das theoretisch Besprochene dann in der Praxis aussieht, da lasse ich mich überraschen. Manche Menschen gehen ja ungerne an ihren Arbeitsplatz, aus ganz verschiedenen Gründen, aber das war bei mir vor dem März 2012 nicht so und ist auch jetzt nicht der Fall. Ich habe es in der Firma mit netten Menschen zu tun, eine interessante und vielseitige Aufgabe und Kaffee gibt es für nur 20 Cent pro Becher – na ja, der Geschmack des Getränkes aus dem Automaten ist in etwa dem Preis angemessen.In den letzten Wochen kam ich, zu Hause allerdings, recht gut ohne Schlafpausen aus, daher bin ich zuversichtlich, auch den acht- bis neunstündigen Bürotag durchhalten zu können. Vor zwei Monaten wäre das noch undenkbar gewesen, da war ich noch gezwungen, mich etwa alle vier Stunden hinzulegen. So langsam, Schritt für Schritt, kehrt Normalität zurück, und die Wiederaufnahme der Arbeit wird ein weiterer, recht großer Schritt sein.Na denn! Auf geht’s.

Sonntag, 10. Februar 2013 –

Aller Anfang ist …

… unterschiedlich. Die erste Woche zurück im Berufsleben war einerseits anstrengend, was nicht anders zu erwarten war, andererseits dank der sehr herzlichen und freundschaftlichen Begrüßung und Begleitung durch Kollegen innerhalb und außerhalb der eigenen Abteilung eine ganz erfreuliche Zeit.

Solch eine lila Krawatte besitze ich übrigens nicht.Einiges hat sich am Arbeitsplatz geändert, zum Beispiel hat unsere Abteilung ein neues, größeres Büro bezogen, es gibt neue Software im Einsatz und Betriebsvereinbarungen, die ich noch nicht kannte, daneben zahlreiche neue Gesichter und Namen … langweilig ist das alles schon mal nicht. Im Gegenteil.

Die ersten beiden Tage waren sehr anstrengend, doch nach fünf Tagen meine ich ziemlich sicher zu sein, dass – vorausgesetzt es geht mir gesundheitlich weiterhin so wie jetzt oder besser – einer dauerhaften Rückkehr ins Arbeitsleben nichts im Wege steht. Das wäre schon gut so.

Die nächsten Untersuchungen stehen bald bevor, am 19. Februar Computertomographie, am 6. März Ultraschall. Natürlich hoffen und beten wir, danach »ohne Befund« zu lesen und zu hören. Aber genauso natürlich ist wohl das mulmige Gefühl der Ungewissheit, das abzuschütteln kaum gelingen dürfte in den nächsten Jahren. Ich versuche, wir versuchen positiv zu denken, das Gute zu erwarten, mit Gottvertrauen in die Zukunft zu blicken, doch das gelingt nicht ständig. Wir sind nun mal nur Menschen, keine Wohlfühlautomaten. Und das ist auch gut so. Was bleibt, ist Dankbarkeit für jeden neuen Tag.

Mittwoch, 6. März 2013 –

Vom steten Tropfen und von acht Kilometern in 62 Minuten

Steter Tropfen, behauptet der Volksmund, höhlt den Stein.
Auch dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt und dass gut Ding Weile haben möchte.

Schon letztes Jahr hatte ich vor, mich am Benefizlauf »Joggathon« zu beteiligen, fing auch an, neben anderer sportlicher Betätigung im Fitness-Studio das Laufband zu probieren, aber dann, regelmäßige Blogleser wissen es, landete ich am 15. März 2012 im Krankenhaus, wurde bald auf die Intensivstation verlegt, operiert … und beim »Joggathon« war ich dann im Juni nur als Zuschauer dabei, dem es trotz gelungener Krebsoperation aufgrund der Chemotherapie nicht sonderlich gut ging.

Der Fortschritt von Anfang Januar bis gesternAm 2. Juni 2013 findet der diesjährige Benefizlauf statt. Im Dezember 2012 habe ich die ersten 10 Minuten auf dem Laufband trainiert, im Januar 2013 schaffte ich 30 und nun, im März 2013, hat sich die eingangs erwähnte Volksmundweisheit als zutreffend erwiesen, denn ich schaffe inzwischen wieder eine Stunde Dauerlauf bei 7,5 bis 8 km/h. Und gestern, das unterste Bild beweist es, waren acht Kilometer in 62 Minuten geschafft.

Dass ich schon vor der Krebsdiagnose sportlich aktiv war hat, wenn man den Ärzten und Therapeuten Glauben schenken mag, dazu beigetragen, dass ich mich von der Operation relativ zügig erholt habe und die Chemotherapie (verglichen mit anderen, inaktiven Patienten) relativ gut durchstehen konnte. Trotz Übelkeit, Schwäche, Lustlosigkeit und oft genug bleierner Müdigkeit war ich seit der Entlassung aus der Rehabilitation (wo körperliche Betätigung natürlich zum Programm gehörte) stur genug, regelmäßig dass Fitness-Studio aufzusuchen und so gut es jeweils ging zu trainieren. Zunächst nur im Schonprogramm … dann etwas leistungsfähiger … dann gingen schon 30 Minuten Ergometertraining am Stück … dann 40 Minuten …

Ganz offensichtlich trägt die Regelmäßigkeit und Hartnäckigkeit dazu bei, weitere Fortschritte zu machen. Nicht nur bei der Leistungsfähigkeit, sondern auch bei der Gesundung. Inzwischen sind die Nebenwirkungen und Schäden fast vollständig verschwunden. Ich habe fast ständig wieder Gefühl in Zehen und Fingern, das Fatigue Syndrom ist so gut wie überwunden und selbst die Impotenz hat sich verflüchtigt.

Nun bin ich gespannt, ob es mir dieses Jahr tatsächlich vergönnt sein wird, als Läufer für den guten Zweck am Benefizlauf teilzunehmen. Selbstverständlich, das habe ich begriffen, ist nichts im Leben. Dass ich lebe und dass ich zu Kräften komme verdanke ich in erster Linie göttlicher Gnade und Hilfe, nur in zweiter Linie dem eigenen Training. Ohne Ersteres gelänge das zweite nicht.

Mittwoch, 10. 4. 2013 – Erektile Dysfunktion durch Chemotherapie – meine Erfahrungen mit der manuellen Lingamtherapie

Eine Vorbemerkung: Selten fiel es mir so schwer, einen Artikel zu schreiben wie in diesem Fall. Ich hatte in meinen Berichten vom Krankheits- und Genesungsverlauf erwähnt, dass die Chemotherapie auch bei mir zur Impotenz geführt hatte und dann etliche Monate später, dass es gelungen war, dem Zustand wieder zu entkommen. Dabei wollte ich es eigentlich belassen.
Doch dann haben mich Zuschriften von Betroffenen erreicht, die mich bewogen haben, nun doch auf das Thema ausführlich einzugehen. Vielleicht kann ich ja damit dem einen oder anderen Menschen oder Ehepaar Mut machen und helfen. Es wird diesbezüglich viel zu viel geschwiegen, was oft genug dazu führt, dass die (völlig fehl am Platz befindlichen) Schuld- und Schamgefühle noch verstärkt werden.
Aber wie schreibt man darüber, ohne dass es anstößig wird? Wie viel Offenheit und Ehrlichkeit verträgt so ein Artikel?
Ich habe mich entschieden, auch dieses Thema so persönlich und authentisch zu schildern wie andere Aspekte meiner Krebserkrankung und ihrer Folgen. Und um Betroffenen überhaupt eventuell helfen zu können, blieb mir auch nichts anderes übrig, als kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Wie gesagt – selten war es so schwierig, die angemessenen Formulierungen zu finden, den richtigen Ton zu treffen … ich hoffe, es ist gelungen. Wer am Thema interessiert ist, möge sich anhand der Lektüre ein eigenes Bild machen. Bitteschön:

Es gibt 1000 Krankheiten, aber nur eine Gesundheit. -Arthur Schopenhauer

Es ist so eine Sache mit dem männlichen Geschlecht und der Potenz. Das geht schon früh los; ein pubertierender Junge ist gleichermaßen irritiert und fasziniert, wenn die seit dem Babyalter vorhandene, aber kaum wahrgenommene Erektionsfähigkeit seines Gliedes sich mit Ejakulationen und Orgasmusgefühlen zu einem Phänomen entwickelt, mit dem halbwegs vernünftig umzugehen erst gelernt werden muss. Die Pubertät ist noch voll von sexuellen Unwägbarkeiten und Peinlichkeiten, aber irgendwann ist es geschafft – man wird zum Mann und ist daran gewöhnt, dass sich eine Erektion einstellt, wenn sie für die Masturbation oder für das Liebesspiel gebraucht wird.

Es gibt natürlich auch Zeiten, in denen wegen Übermüdung oder Krankheit Sex so ziemlich das letzte ist, woran man denkt und wozu man fähig ist. Aber im Grunde genommen kann ein Mann sich bis ins fortgeschrittene Alter auf seine Potenz verlassen.
(C) WikiComons gemeinfreiIch habe nie zu denjenigen Männern gehört, die mit ihrer (vielleicht oft übertriebenen) Potenz protzen – aber solche Geschlechtsgenossen gibt es bekanntlich haufenweise. Wenn allerdings dauerhaft keine Erektion möglich ist, herrscht weithin das große Schweigen. Man kommt sich minderwertig vor, schämt sich … die Impotenz drückt auf das Gemüt, bei Paaren auf das Gemüt beider Partner. Der Verstand weiß, dass es keinen Grund gibt, sich zu schämen oder als nicht vollwertig zu empfinden, aber dieses Wissen ändert nichts am seelischen Unwohlsein. Und das ist nicht gut so.

Als mich wenige Wochen nach der Krebsoperation in der Rehabilitationsklinik beim Aufnahmegespräch einer der Therapeuten fragte, ob ich eine Beratungsstunde bezüglich der durch die Chemotherapie zu erwartenden erektilen Dysfunktion (ein modernerer Name für die Impotenz) wünschte, lehnte ich ab. Insgeheim ging ich wohl davon aus, dass das Thema kein Thema für mich werden würde. Ich war in jenen Tagen noch so von der Operation geschwächt und von Medikamenten (darunter das sowieso libidodämpfende Morphin) beeinträchtigt, dass Sex nicht allzu weit oben auf der Prioritätenliste stand; konnte mir aber nicht vorstellen, dass es zu dauerhaften gravierenden Beeinträchtigungen kommen würde.
Der Onkologe hatte mir vor der Chemotherapie umfangreiches Lesematerial über alle Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen, die bei der Behandlung mit Oxaliplatin und Xeloda auftreten können, zur Kenntnisnahme und Unterschrift gegeben. Libidoverlust und Potenzstörungen waren aufgeführt, wie so vieles andere. Einige der möglichen Nebenwirkungen trafen mich sofort und mit erheblicher Stärke, andere gar nicht oder kaum spürbar.

Dass mir die Erektionsfähigkeit abhanden gekommen war, merkten meine Frau und ich im Juni 2012, als meine körperlichen Kräfte wieder so weit hergestellt waren, dass wir Fahrradtouren, Sport und Ausflüge machen konnten. Die Liebe war uns durch den Krebs nicht abhanden gekommen, im Gegenteil, aber mein Penis reagierte auf nichts. Die Impotenz, mit der ich nicht ernsthaft gerechnet hatte, war da und sie wurde zunehmend zum Problem.
Ich wünschte mir nun, ich hätte seinerzeit mit dem Therapeuten in der Rehabilitationsklinik das Thema besprochen. Doch wie so oft im Leben war der Blick zurück auf das Hätte und das Wäre und das Könnte nicht hilfreich. Es galt, in die Zukunft zu schauen: Wie wird der Penis wieder steif? Gelingt jemals wieder ein Orgasmus?
Nichts tun und abwarten schien mir am wenigsten Erfolg versprechend. Also überwand ich das Gefühl der Peinlichkeit und erklärte meinem Onkologen den Sachverhalt. Ich wollte wissen, ob ich irgendwie schon während oder wenigstens nach der Chemotherapie gegensteuern könnte. Viagra oder ein vergleichbares chemisches Produkt kam erst einmal nicht für mich in Frage (und wurde vom Arzt auch nicht vorgeschlagen). Ich wollte so wenig wie möglich Tabletten zu mir nehmen. Mein Körper hatte genug damit zu tun, mit den Zytostatika zurecht zu kommen. Vermutlich hätte ich mir bei anhaltender Impotenz irgendwann nach einem oder zwei Jahren auch Pillen verschreiben lassen, aber das war keine Option, die ich seinerzeit bereits ernsthaft in Erwägung gezogen hätte.
Stattdessen begann ich, auf vorsichtig zurückhaltende (weil es keine schulmedizinische Behandlung war) Empfehlung des Onkologen, ein für vergleichbare Fälle von manchen Therapeuten empfohlenes Programm, die manuelle Lingamtherapie. Die Übungen entstammen dem indischen Sanskrit, einer ganzheitlichen traditionellen Gesundheitslehre, die seit Jahrhunderten angewendet, aber von der wissenschaftlichen Forschung nicht als »medizinisch« anerkannt wird.

Lingam heißt nichts anderes als Penis, und manuell bedeutet mit der Hand. An dieser Stelle, bevor Sie weiterlesen, will ich daher deutlich auf drei Punkte hinweisen.

  • Erstens: Wer es anstößig finden könnte, über das Berühren des Gliedes, Penismassage, Erektionen und Ejakulationen zu lesen, möge an dieser Stelle bitte die Lektüre des Artikels beenden und sich anderen Aktivitäten widmen.
  • Zweitens darauf, dass die Methode zwar bei mir erfolgreich war, aber bei vielen anderen Betroffenen nicht funktioniert. Ihr Onkologe oder Urologe wird auch Ihnen, falls Sie Krebspatient sind, sicher reinen Wein eingeschenkt haben: Es kann durchaus sein, dass die Impotenz nach einer Chemotherapie von Dauer ist. Es kann genauso gut sein, dass bei Ihnen ganz andere Therapieansätze erfolgreich sind.
  • Drittens: Ich bin weder Psychologe, noch Arzt oder Therapeut. Ich berichte, was ich und wie ich es erlebt habe, weil das vielleicht dem einen oder anderen Leser Mut machen und helfen kann. Aber die Gespräche mit dem Arzt oder Therapeuten muss jeder selbst führen.

Sie lesen also noch weiter? Dann hoffe ich sehr, dass Ihnen meine Erfahrungen helfen können, wir gehen auch gleich in medias res. Nur eines noch vorweg. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, aber dies sei doch noch erwähnt: Schalten Sie alle »normalen« die Potenz dämpfenden Ursachen aus, indem Sie

  • das Rauchen aufgeben (falls Sie dem Laster trotz Krebs noch frönen sollten),
  • für reichlich Aminosäuren in der Nahrung sorgen (also viel Obst und Gemüse essen),
  • grundsätzlich Lebensmittel kaufen, die weitgehend frei von chemischen Bestandteilen und bei Fleisch und Wurst frei von Hormonen und Antibiotika sind (geeignete Produkte tragen im Laden die Aufschrift BIO oder kommen direkt vom ökologischen Bauernhof),
  • indem Sie einen weiten Bogen um Softdrinks wie Fanta, Cola, Sprite und ähnliches machen (lesen Sie mal die Etiketten, wenn E 150 a bis d im Getränk ist, fördert das den Krebs und dämpft gleichzeitig die Libido) und
  • indem Sie sich viel bewegen (Dauerlauf, zügige Spaziergänge, Treppe statt Fahrstuhl, Schwimmen, wenn finanziell möglich am besten in einem Sport- und Fitnessstudio regelmäßig trainieren).

So, nun aber zum Penis, der auch dann schlaff herunterhängt, wenn er steif in die Höhe zeigen sollte und zu den Übungen, die vielleicht auch Ihnen hilfreich sein könnten.

Das Programm wäre auch als Paar durchführbar, aber die Therapeuten raten ab. Die Übungen können nämlich ziemlich frustrierend sein, wenn sie über viele Wochen keinerlei sichtbare Wirkung haben. Es war auch für mich kein sonderlich beglückendes Erlebnis, meinen schlaffen Penis zu streicheln und zu massieren, während dabei noch nicht einmal ein Hauch von Erektion zustande kam. Die Impotenz belastet eine Beziehung unweigerlich, sie muss nicht auch noch anhand des täglichen Programms über Monate vorgeführt werden. Außerdem, so die Therapeuten, geriete ein Mann, wenn er nicht alleine wäre, psychisch noch mehr unter Leistungsdruck (ich muss jetzt sofort eine Erektion bekommen!), selbst wenn der Verstand darüber erhaben sein sollte. Und gerade der Abbau des Leistungsdrucks ist ein wesentlicher Teil der Übungen.
Etwa eine halbe Stunde sollte man täglich einplanen. Ich fand die Zeit im Bad nach dem Aufstehen am ehesten geeignet, da ich mich nicht extra wieder ausziehen musste; aber die Tageszeit spielt keine Rolle. Hauptsache man kann es einrichten, 20 bis 30 Minuten ungestört und ohne Eile die Übungen durchzuführen.

Übung 1: Im Sitzen oder im Liegen streicht man mit den Fingerspitzen sanft, kaum spürbar, vom Ansatz des Penis bis zur Eichel und zurück. Ohne Druck, sehr zart, auf und ab, die Seiten entlang, oben und unten. Man beobachtet, was die Finger tun und erspürt dabei, ob überhaupt und gegebenenfalls wo die Berührung von der Penishaut wahrgenommen und an das Gehirn gemeldet wird.
Wozu das gut sein soll? Ganz einfach: Die Sensibilität der durch Zytostatika geschädigten Nerven kehrt nicht so ohne weiteres und manchmal leider überhaupt nicht zurück. Wer wie ich eine Chemotherapie mit Xeloda und Oxaliplatin hinter sich hat, weiß vermutlich, dass taube Fingerspitzen und Zehen auch über das Ende der Behandlung hinaus »normal« sind. Bei mir sind seit dem Ende der Chemotherapie inzwischen fünf Monate vergangen, aber das Gefühl in Fingerspitzen und Zehen ist noch nicht wieder in vollem Maße zurückgekehrt.
Chemischen Stoffen ist es egal, ob sie Nerven in den Fingern, den Zehen, im männlichen Geschlechtsorgan oder sonst irgendwo im Körper lahmlegen oder zerstören. Im Penis enden bekanntlich erheblich mehr Nerven als in Fingern oder Zehen – es ist nur logisch, dass die angerichteten Schäden sich nicht schamhaft auf Hände und Füße beschränken, sondern dass auch das männliche Glied Empfindsamkeit einbüßt.
Aber, und darum geht es bei dieser ersten und den weiteren Übungen, der Körper oder die Psyche oder beide im Zusammenspiel, da sind sich die Experten nicht einig, lernt »Umwege«. Es dauerte in meinem Fall etliche Wochen, bis ich sehr sanfte Berührungen überhaupt spüren konnte und Monate, bis sich eine Erektion einstellte.
Bei dieser ersten Übung kommen nur die Fingerspitzen zum Einsatz, nicht die Handflächen, und nur der Penis wird berührt, nichts ringsherum. Selbst wenn man weder mit den Fingerspitzen noch mit dem Geschlechtsorgan etwas spürt, fährt man vier bis fünf Minuten mit dem Streicheln fort. Dass dies ziemlich frustrierend sein kann, hatte ich ja bereits gesagt.
Wenn es zur vollen Erektion kommt, beendet man die Übung auch vor Ablauf der Zeitspanne und wartet, bis der Penis wieder weich ist, bevor man fortfährt.

Die zweite Übung lässt sich am besten im Sitzen durchführen, es geht aber auch im Liegen. Daumen und Mittel- oder Zeigefinger umfassen den Penis an der Wurzel und üben ringförmig zwei bis drei Sekunden spürbaren Druck aus. Ein Finger und der Daumen der anderen Hand werden direkt darüber platziert und drücken ihrerseits, während die erste Hand weiter in Richtung Penisspitze zugreift … der ringförmige Druck wandert vom Penisansatz zur Eichel hin, dann greift man wieder am Penisansatz zu, dann direkt darüber … das ganze geht natürlich auch mit nur einer Hand, die nach jedem Druck ein wenig weiter zur Spitze wandert. Nach zwei bis zweieinhalb Minuten wechselt man die Richtung – der Druck wandert nun immer wieder von der Eichel zum Bauch.
Wie die erste Übung führt man auch diese ohne Hektik durch, denn das Ziel ist kein schneller Effekt, sondern der Bau von Brücken oder Umleitungen, die an den geschädigten Nerven vorbei die Durchblutung der Schwellkörper wieder möglich machen. Der Brücken- oder Umleitungsbau erfordert nun einmal Zeit und Ausdauer. Mein Arzt – wie immer bei irgendwelchen Prognosen sehr vage – meinte, dass mancher Mann innerhalb von sechs bis acht Wochen erste Erfolge sieht, mancher nach ein paar Monaten, mancher auch nie. Aber wenn überhaupt, dann sind aller Erfahrung nach Ruhe, Entspannung und sehr viel Beharrlichkeit Voraussetzungen für die Besserung. Der immer wieder am Penis entlang wandernde Druck durch den Finger-Daumen-Ring soll die Schwellkörper stimulieren.
Auch diese Übung wird vier bis fünf Minuten durchgeführt oder dann beendet, wenn es zur vollen Erektion gekommen ist. Hier wird nun im Gegensatz zur ersten Übung nicht abgewartet, bis das Glied erschlafft, sondern man fährt auch im Falle der Versteifung gleich fort.

Übung 3 ist wieder eine Phase des leichten und sanften Streichelns. Mit den Fingerspitzen und jetzt auch Handflächen. Von oben und unten, die Seiten entlang … jeder Zentimeter des Penis wird sanft berührt, auch Hoden und Perineum und der Unterbauch rings um das Glied.
Bei Übung 3 geht es darum zu erspüren und zu trainieren, dass Berührungen der Haut anders und leichter an das Gehirn gemeldet werden, wenn die Schwellkörper aktiviert werden und sich – mehr oder weniger deutlich – gefüllt haben. Auch wenn nichts zu spüren ist, auch wenn sich bei der vorherigen Übung gar kein Blut in den Schwellkörper gesammelt hat (also keinerlei auch nur angedeutete Versteifung passiert ist), sollte das Streicheln wiederum vier bis fünf Minuten durchgehalten werden, ganz entspannt im Sitzen oder Liegen. Wichtig ist, dass es beim sehr zarten Berühren bleibt und in dieser Phase keinerlei Druck auf den Penis ausgeübt wird. Im Falle der vollen Erektion kann auch diese Übung vor Ablauf der fünf Minuten beendet werden (muss aber nicht) und man wartet, bis die Versteifung abgeklungen ist.

Der vierte und letzte Teil des Brückenbauprogramms funktioniert nicht mit einem völlig steifen Glied. Man geht entweder unter die Dusche oder es ist eine Lotion, Öl oder Creme notwendig.
Daumen und ein Finger bilden wieder einen Ring am Penisansatz und ziehen nun mit leichtem Druck am Penis entlang gleitend das Glied in die Länge. Wenn die eine Hand an der Eichel ankommt, greift die andere bereits am Ansatz zu. Am ehesten ist das mit einer Melkbewegung vergleichbar. Empfohlen wird, den Penis auf diese Weise 150- bis 200-mal ruhig, nicht hektisch, in die Länge zu ziehen, was etwa vier bis fünf Minuten dauert. Natürlich nicht so fest, dass es weh tut, aber doch spürbar. Wie gesagt, das geht am besten unter der Dusche mit nasser Haut und etwas Schaum vom Duschgel oder mit einer Lotion oder Creme oder Öl und auch nur dann, wenn die Schwellkörper nicht völlig gefüllt sind. Eine leichte Versteifung des Gliedes hindert nicht an der Fortführung der Übung, aber bei einem wirklich hart gewordenen Penis funktioniert das in die Länge Ziehen nicht. Dann sollte man lieber unterbrechen oder das Programm beenden.
Diese Übung kombiniert Durchblutung der Schwellkörper mit Erspüren von Berührung und soll gleichzeitig ein Training für das Aufrechterhalten des »sexuellen Energieflusses« sein, wie es die indische Sanskritlehre ausdrückt. Dies war übrigens der einzige Teil des täglichen Programms, den ich als angenehm empfand, als mein Penis noch keine Anstalten mache, sich zu versteifen.

Soweit die vier Bestandteile der manuellen Lingamtherapie. Auf folgendes sollte man besonders achten: Sobald es bei einer der vier Phasen oder mehreren zur Versteifung des Gliedes kommt, liegt es nahe, zur Masturbation überzugehen. Aber das ist nicht der Sinn des Unterfangens. Zwei oder drei Mal, als die Erektionsfähigkeit langsam wiederkehrte, habe ich während den Übungen fester zugepackt und den Höhepunkt angesteuert … aber man sollte als von erektiler Dysfunktion Betroffener auf dem Weg zur Besserung nicht vergessen, dass ein schneller Samenerguss nicht Ziel und Sinn dieser Übungen ist, sondern das dauerhafte Überwinden der mentalen und körperlichen Sperren – was dann später Erektion und Orgasmus wieder einigermaßen steuerbar macht.
Wer masturbieren oder sich wieder an das Liebesspiel zu zweit wagen möchte, sollte das daher zusätzlich zum Übungsprogramm tun.
Der entscheidende Punkt bei dieser ganzen Therapie ist, dass man sich überhaupt und zärtlich und vor allem ohne Ärger über die Impotenz mit dem Penis beschäftigt. Das ist nicht leicht, denn wie gesagt: Wenn und solange sich keinerlei Reaktion des Gliedes zeigt, liegt es nahe, frustriert aufzugeben, sich anzuziehen und etwas anderes zu tun, was wenigstens gelingt.
Der Brückenbau funktioniert, so die indische Gesundheitslehre, aber gerade durch das beharrliche »Trotzdem!«. Beim Sport, wo man auch nicht nach der ersten Übungswoche als Muskelprotz aus dem Studio stolziert, ist das ja genauso. Es spielt sich sowieso eine ganze Menge, mehr als man wohl vermutet, im Kopf, im Unterbewusstsein ab, anstatt direkt vor Ort da unten am Bauch. Daher: »Trotzdem! Mein Penis wird nicht mehr steif? Ich werde ihn trotzdem 20 bis 30 Minuten streicheln und massieren.«

Wie lange, mag nun mancher fragen, muss oder soll man durchhalten? Mir wurde zu Beginn empfohlen, auch dann mindestens sechs bis acht Monate nicht aufzugeben, wenn sich nichts zu bessern scheint. Nur falls auch dann noch keine zumindest leichte Erektion möglich sei, könne ich den Versuch als gescheitert betrachten. Wenn sich Erfolge einstellen, dann sollte der Patient langfristig, also über mehrere Jahre, alle zwei bis drei Tage zumindest Teile des Trainingsprogramms beibehalten. Der Rat passt zumindest bei mir recht gut zur erlebten Wirklichkeit.
Nach einigen Wochen bemerkte ich bereits Besserungen. Noch keine richtigen Erektionen, aber immerhin füllten sich die Schwellkörper bei der zweiten Übung ein wenig mit Blut, der Penis fühlte sich etwas weniger weich an. Rund drei Monate nach dem Beginn des Programms wurde der Penis wieder richtig steif, allerdings war er sofort nach den Übungen wieder blutleer.
(C) WikiComons gemeinfreiDie ersten Ejakulationen, als es endlich wieder zu richtigen und anhaltenden Versteifungen kam, waren mit enttäuschend wenig Gefühlen verbunden, aber immerhin konnte ich nach einer Weile überhaupt wieder so etwas wie einen Höhepunkt herbeiführen, wenn er sich auch seltsam gedämpft und anders anfühlte als vor der Chemotherapie.
Nach fast sieben Monaten mit dem Trainingsprogramm bemerkte ich die ersten morgendlichen Erektionen beim Aufwachen, also die Wiederkehr der natürlichen Funktion unabhängig vom Übungsprogramm, und schließlich, etwa neun Monate nach dem Eintritt der Impotenz, war ich wieder zum Geschlechtsverkehr in der Lage, endlich!
Der Orgasmus fühlt sich nach wie vor anders an als vor der Krebserkrankung, gedämpft irgendwie, er ist auch nicht garantiert – trotz stabiler Erektion. Ob sich alles irgendwann wieder völlig normalisiert, weiß ich nicht zu sagen. Ob es auch ohne die manuelle Lingamtherapie zur Besserung gekommen wäre, genauso wenig. Wenn ich allerdings das Trainingsprogramm ein paar Tage auslasse, schwindet die Erektionsfähigkeit deutlich. Also bleibe ich einstweilen beim Training möglichst alle zwei Tage, denn Sex ist nun einmal gut für Körper, Seele und Geist – und nicht zuletzt für eine glückliche Ehe.

Es ist schon so eine Sache mit dem männlichen Geschlecht und der Potenz. Die erektile Dysfunktion ist mehr als ein körperliches Phänomen, sie drückt auf das Gemüt und das Selbstbewusstsein. Obwohl mir die beste aller Ehefrauen keinen Anlass dazu gab, empfand ich meine Unfähigkeit zum Sex als Schmach und mich als minderwertig. Ich konnte ja nichts dafür, aber dennoch schämte ich mich der Tatsache, dass mein Glied nur noch zum Wasserlassen taugte. Und dass mir die Besserung des Zustandes gut tut, dürfte nachvollziehbar sein.
Vergleichbaren Erfolg mit dem hier beschriebenen Übungsprogramm oder einer anderen Behandlung wünsche ich von Herzen jedem Mann, der bei der Chemotherapie die gleiche Nebenwirkung unter der Gürtellinie wie ich erleidet oder erlitten hat. Reden Sie unbedingt mit Ihrem Arzt oder einem Therapeuten, suchen Sie Rat von Fachleuten. Es fühlt sich peinlich an, das Thema anzuschneiden, aber durch Schweigen und Verdrängen kommen Sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht weiter. Mit ärztlichem Rat oder therapeutischer Hilfe, ob nun indisch oder auf andere Weise, immerhin vielleicht.

12. Juli 2013: Vom Leben und vom Sterben

Das größte aller Übel ist, aus der Zahl der Lebenden zu scheiden, ehe man stirbt. -Seneca, Vom glückseligen Leben

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von uns nicht stirbt, ist sehr gering. Ich kenne Fälle, in denen jemand statt zu sterben auf wundersame Weise an einen unerforschlichen Ort entrückt wurde, nur vom Lesen entsprechender Texte oder aus Science-Fiction Filmen. Die Chancen, liebe Blogbesucher, dass wir unser irdisches Dasein nicht mit dem Tod beenden, sind gleich Null.

KerzeSterben werden wir. Wie und wann, das ist uns in der Regel unbekannt. Und wir wollen es, zumindest die meisten Menschen, auch gar nicht wissen. Wir haben womöglich Wünsche, wie unser Abgang aussehen sollte, denken aber lieber nicht allzu viel darüber nach.
Durch die Krebsdiagnose hat sich das bei mir geändert. Die eigene Sterblichkeit ist mehr ins Bewusstsein gerückt als zuvor. Ich habe zwar immer noch meine Lieblingsvorstellung, was meinen Abgang betrifft, ein Flugzeugabsturz, von dem ich schlafend gar nichts mitbekomme zum Beispiel. Gerne auch ohne Flugzeug und Unfall, aber jedenfalls im Schlaf, wäre mir recht. Oder ein gewaltiges Ka-Wumm für uns alle, zum Beispiel ein Weltuntergang meinetwegen um 13:42 an einem Mittwoch – eben noch am Schreibtisch, jetzt schon im Jenseits. Ohne wochen- oder monatelanges Siechtum unter Schmerzen. Ohne ängstliche Überlegungen bezüglich dessen, was »danach« sein oder nicht sein mag. Aber ich weiß, dass solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen müssen.

»Wie stirbt man an Krebs? Sind die Schmerzmittel stark genug, um das Lebensende erträglich zu machen? Bleibt das Bewusstsein ungetrübt, so dass man sich von geliebten Menschen verabschieden kann? Wird man zum Pflegefall, kann nicht mehr aufstehen, sich nicht mehr waschen, nicht mehr zur Toilette gehen, so dass der Tod letztendlich zur ersehnten Erlösung wird? Wenn ich nicht am Krebs sterben werde, woran dann? Wie viele Monate oder Jahre bleiben mir noch?«

Solche und ähnliche Überlegungen wandern mir durch den Kopf. Nicht ständig, nicht einmal häufig, aber ab und zu tauchen sie wie aus dem Nichts auf. Ohne erkennbaren Anlass für ausgerechnet den Moment.

Was tun nun mit solchen Gedanken? Verhindern kann ich sie sowieso nicht, also kann ich sie auch gleich bewusst zur Kenntnis nehmen und mir selbst die Antwort geben, die auf alle derartigen Überlegungen stimmt: Ich weiß es nicht. Alles Grübeln würde keine Erkenntnis bringen, also lasse ich solche Gedanken zu und gestehe mir dann schlicht und einfach ein: Ich weiß es nicht. Punktum.

Würde ich überhaupt Details wissen wollen? Ja, unbedingt, wenn ich sicher sein könnte, dass mein Tod ein angenehmer und noch weit entfernter sein wird. Aber genau das kann ich nicht wissen und mit dem Glauben bin ich aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre, die so manche Erkenntnis mit sich brachten, realistischer und zurückhaltender geworden als ich einst war.

Sicher weiß ich nur eins: Ich kann das Leben bewusst genießen, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Dazu muss nicht rund um die Uhr eitel Sonnenschein herrschen – es kann auch dunkel werden bis zum nächsten Morgen. Es gehört zum Leben dazu, dass hier etwas oder jemand weh tut und dort manches anders läuft als gewollt oder geplant. Dass einiges gar nicht und anderes hervorragend klappt.

Was letztendlich wirklich zählt ist das Leben selbst. Und das nehme ich Tag für Tag gerne und dankbar entgegen. So lange es währt.

11. September 2013: Von Angst und Hoffnung

Am kommenden Freitag steht mir die nächste gründliche Untersuchung bevor. Das ist ja an und für sich eine feine Sache mit der Nach- und Vorsorge, immerhin kann der Patient einigermaßen beruhigt sein, wenn er untersucht wurde und der Arzt nichts gefunden hat, was auf eine Erkrankung hindeutet.

imageNach der Krebsdiagnose und Operation im März 2012 wurde ich zunächst vierteljährlich untersucht, im April 2013 fand der Wechsel zum halbjährlichen Untersuchungsabstand statt, denn die Ergebnisse waren durchweg mutmachend und hoffnungstiftend – lauter negative Befunde. Und das ist bei medizinischen Diagnosen ja eine positive Auskunft.

Ich habe keinerlei Beschwerden oder Anzeichen, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte (abgesehen von den chronischen oder lang anhaltenden Folgen der Operation und Chemotherapie), aber sie ist trotzdem da, die Furcht vor dem, was bei der anstehenden Untersuchung herauskommen könnte, irgendwo im Hintergrund lauert sie ständig. Wenn ich beschäftigt bin, sei es im Büro bei der Arbeit, sei es beim Einkaufen, beim Sport, beim Lesen oder Fernsehen, dann bleibt sie meist im Hintergrund. Dann kann ich die Furcht meist vergessen, ohne Mühe. Aber beim Einschlafen, beim Aufwachen, oder auch einfach so zwischendurch tauchen die ängstlichen Gedanken auf.

Ist der Krebs wieder da? Sind in den sechs Monaten seit der letzten Untersuchung neue Tumore entstanden? Wurden wirklich alle Krebszellen bei der Operation entfernt? Hat die Chemotherapie neben all den schädlichen Effekten auch etwas Gutes getan, nämlich eventuell herumwandernde Krebszellen vernichtet? Werde ich Weihnachten noch gesund erleben? Wird es einen nächsten Sommerurlaub für mich geben?

Mach dir keine Sorgen – das sagt sich leicht. Die Sorgen muss man sich aber gar nicht machen, die sind einfach da. Ungefragt. Ungemacht. Ungewollt.

Das Heimtückische am Krebs ist es ja, dass viel zu lange nichts zu spüren ist. Alles scheint mit dem Menschen in bester Ordnung zu sein … und dann, wenn die Krankheit entdeckt wird, kann es schon zu spät sein für erfolgreiche medizinische Maßnahmen. Vor ein paar Tagen starb eine nur 43jährige Mutter von vier Kindern zwischen drei und acht Jahren aus unserem weiteren Bekanntenkreis am Krebs, der bei ihr vor nicht einmal einem Jahr entdeckt worden war.

In meinem Fall konnten die Ärzte die beiden Tumore vollständig entfernen, so dass ich (in der Bandbreite zwischen 30 und 70 Prozent) echte Heilungschancen habe.

imageNun weiß ja kein einziger Mensch, ob er am nächsten Tag wieder aufstehen wird. Auch nicht der gesündeste in jugendlichem Alter. Darüber denken wir nicht sonderlich viel nach im normalen und unbeschwerten Leben.

Ich stelle fest, dass ich seit dem März 2012 deutlich bewusster lebe und erlebe. Dass ich mehr zu schätzen und zu genießen weiß, was man normalerweise als selbstverständlich oder nebensächlich betrachtet, von einer köstlich zubereiteten Mahlzeit über einen Spaziergang oder Stadtbummel bis zum entspannten Abend im Freundeskreis. Und ich bemerke, dass mich manches nicht mehr ärgern oder gar auf die Palme bringen kann, weil es nämlich nur wichtig erscheinen möchte, tatsächlich aber unbedeutend ist.

Es wäre töricht, sich über eine Krankheit wie den Krebs zu beklagen oder irgendwelche, womöglich sogar übernatürlich-religiösen, Gründe zu suchen, warum jemand Krebs hat während sein Nachbar bis ins hohe Alter vor Gesundheit strotzt. Zwar gibt es zweifellos selbstverschuldete Leiden, die man sich beispielsweise durch übermäßigen Alkoholkonsum, durch den häufigen Besuch von Solarien, Geschlechtsverkehr mit infizierten Partnern, das Rauchen oder ungeeignete Ernährung zufügen kann, aber selbst diesbezüglich reagiert nicht jeder Organismus gleich. Man denke nur an unseren Bundeskanzler Helmut Schmid. Dennoch stimmt es: Der Mensch kann Risiken vermeiden, wenn er will (und diesbezüglich aufgeklärt ist). Aber auch diejenigen, die »gesund leben«, sind nicht davor gefeit, von Krankheit oder Unglück aus dem Leben gerissen zu werden.

Wie eingangs gesagt – die Angst ist da. Mal mehr, mal weniger im Hintergrund. Sie ist natürlich nicht sachdienlich, eher im Gegenteil, aber sie zu leugnen wäre auch keine Lösung. Daher habe ich auch künftig vor, sie zwar zur Kenntnis zu nehmen, mich aber täglich neu zu entscheiden, dass das Leben trotz der Bedrohung lebenswert und wertvoll und schön ist.

18. September 2013: Sorgen muss man sich nicht »machen«

»Mach dir keine Sorgen!« Leicht dahingesagt, aber in vielen Fällen sicher nicht der richtige Rat für betroffene Gemüter. Denn Sorgen muss man sich ja meist nicht »machen«, sie sind von selbst da. Ohne, dass man sie eingeladen oder »gemacht« hätte. Die Sorgen, sind sie erst einmal da, zu vertreiben, fällt nicht leicht. Manch einer versucht, sie zu ertränken und stellt dann fest, dass sie schwimmen können. Andere werfen die Sorgen krampfhaft von sich, indem sie versuchen,. die Existenz der Angst zu leugnen, aber trotz aller Anstrengung kehren die Sorgen umgehend zurück.

Ich bin zur Zeit besorgt, weil bei der letzten Krebsnachsorgeuntersuchung der Arzt mit dem Erscheinungsbild meiner Leber auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes nicht zufrieden sein konnte. Er entdeckte einen runden dunkleren Bereich, wo kein solcher zu erwarten wäre. Eine CT-Untersuchung, die besseres Bildmaterial liefert, soll nun weitere Aufklärung bringen, ob die Leber in Ordnung ist oder nicht.

Die Blutwerte (die sogenannten Tumormarker) sprechen gegen einen erneuten Krebs, sind aber, was die Blutfette betrifft, auffällig. Das ist insofern beruhigend, dass andere Erkrankungen als Krebsbefall in der Regel leichter zu behandeln und weniger tödlich sind. Aber natürlich schleichen sich Befürchtungen, dass es ein Tumor sein könnte, immer wieder in meine und unsere Gedankenwelt, die beste aller Ehefrauen leidet an der Ungewissheit nicht weniger als ich.

Was kann man in einer solchen Situation tun? Mein Umgang mit der Furcht sieht so aus, dass ich die Sorgen wahrnehme, der Bedrohung ins Gesicht sehe, mir aber immer wieder klarmache:

  • Ich kann durch Sorgen und Grübeln nichts ändern.
  • Ich weiß (auch aus eigener Erfahrung), dass unser Vater im Himmel von Krankheit heilen kann, mit oder ohne Zutun von Ärzten.
  • Ich weiß (genauso aus eigener Erfahrung im engsten Familienkreis), dass Gebet und Flehen und Fasten und Glauben und Vertrauen genauso gut gar nichts gegen tödliche Krankheiten bewirken können.
  • Ich kann mir anhaltende Gesundheit nicht erarbeiten und nicht erkaufen.
  • Ich kann nur hoffen und beten, dass mir noch viele Jahre Leben geschenkt werden.
  • Ich kann jeden Tag bewusst leben und genießen.

Die Ergebnisse der CT-Untersuchung, die morgen stattfindet, werde ich wohl frühestens eine Woche später erfahren. Bis dahin heißt es eben, mit der Ungewissheit leben  und unter anderem für sehr viele liebe worte, Zuspruch und Ermutigung von Freunden, Bekannten und der Familie dankbar sein. Auf mich allein gestellt … wäre ich wohl bereits nicht mehr hier.

23. September 2013: Metastasen

Mein Quartier für die nächsten Tage und Nächte … könnte ich mir wahrlich schöner vorstellen.

Bei der Nachsorgeuntersuchung kamen jedoch leider zwei Lebermetastasen zum Vorschein und ein vergrößerter Lymphknoten in unmittelbarer Nähe.
Nun bin ich also am Geburtstag im Krankenhaus gelandet, damit mit Hilfe von weiteren CT-Aufnahmen, Magenspiegelung und Leberpunktion Klarheit über die weitere Behandlung gewonnen werden kann.
Natürlich ist uns beiden bange und Eva und ich hatten den Tag ganz anders geplant. Für jeden guten Gedanken und jedes Gebet sind wir sehr dankbar.

25. September 2013:  Ein Stück Erleichterung–aber noch keine Gewissheit

Es gibt einerseits gute Nachrichten zu vermelden, andererseits ist aber weiterhin ein großes Maß an Unsicherheit dabei.

imageErleichtert und froh sind wir beide, dass bei den gründlichen Untersuchungen in Krankenhaus kein neuer Tumor gefunden wurde. Von der Milz über die Lunge bis zum Darm deutet nichts auf einen neuen Krebs hin. Lediglich der Kopf wurde nicht untersucht, die Wahrscheinlichkeit eines Gehirntumors ist angesichts der Diagnose wohl zu gering.

In der Lunge hat man allerdings zwei 4 bis 5 mm große »pulmonale Rundherde« gefunden, von denen es im Bericht heißt: »Nicht beweisend für Metastasen, z.B. Granulome.« Die Ärztin meinte zu mir, dass man dem nur nachgehen müsse, wenn sich eine Bösartigkeit der fraglichen Stellen der Leber bewahrheitet.

Beruhigend auch im vorläufigen Arztbericht: »Sicher keine mediastinalen Lymphknotenmetastasen.«

Allerdings gibt es endgültige Klarheit erst dann, wenn eine Gewebeprobe von dem vorliegt und untersucht werden kann, was einstweilen weiter Lebermetastasen heißt. Um an diese Gewebeprobe zu kommen, muss eine Punktion durchgeführt werden, die aufgrund der Lage beider Metastasen wohl außerordentlich schwierig und gefährlich ist. Entweder, man müsste durch die ganze Leber hindurch stechen, was ziemlich sicher zu erheblichen Blutungen führen würde, oder man muss zwischen den Rippen durch haarscharf an der Lunge vorbei mit der Nadel zur Leber gelangen. Diesen Eingriff trauen die Ärzte im Universitätsklinikum Steglitz lediglich einem einzigen Kollegen zu, der voraussichtlich erst nächste Woche verfügbar ist. Daher hat man mich nun »auf Abruf« nach Hause entlassen. Sobald das Telefon klingelt, könnte es heißen: Kommen Sie zur Leberpunktion.« Anschließend muss ich mindestens über Nacht im Krankenhaus bleiben, weil die Gefahr von Blutungen sehr hoch ist.

Was also momentan bleibt ist nach wie vor Unsicherheit bezüglich der Gefahr durch die Metastasen und der weiteren Therapie und auch Angst vor der gefährlichen Punktion. Aber auch und vor allem Dankbarkeit für all die positiven Nachrichten.

Spätestens Mitte der nächsten Woche sollten wir dann mehr wissen …

Dienstag, 1. Oktober 2013 – Operation statt Punktion

Die ursprünglich vorgesehene Leberpunktion kann und wird nicht stattfinden. Offenbar liegen die beiden Metastasen so versteckt auf der Leber, dass das Risiko im Vergleich zum Nutzen zu hoch wäre.

Statt dessen werde ich morgen (am Mittwoch) auf der Chirurgie stationär aufgenommen, untersucht, vorbereitet und, da am Donnerstag (Feiertag) nur Notfälle operiert werden, voraussichtlich am Abend beurlaubt. So können wir wenigstens den Feiertag »in Freiheit« verbringen.

Am Donnerstag zur Nacht oder am Freitag um 7:30 muss ich dann im Krankenhaus zur Stelle sein, damit die Operation eingeleitet und durchgeführt werden kann. Die Ärzte wollen beide Metastasen aus der Leber herausschneiden, was angesichts der Unmöglichkeit einer Punktion nun der schnellste und sicherste Weg sein dürfte: Wenn es sich um etwas Gutartiges handelt, dann war die Operation zwar »umsonst«, aber da man es vorher nicht wissen kann, ist es besser und auch mir lieber, auf Nummer Sicher zu gehen und das verdächtige Gewebe zu entfernen. Wann die Ergebnisse der Gewebeanalyse vorliegen werden, weiß ich noch nicht.

Soweit der aktuelle Stand – wir hoffen und beten, dass es dann eine einstweilige Entwarnung gibt. Und wir danken den vielen Menschen, die mit uns hoffen und beten und uns mit ihren guten Wünschen und lieben Worten unterstützen.

Donnerstag, 17. Oktober 2013 – Von einer transmuralen Dünndarmläsion und einer Blitzerholung

Es wird ja nun wirklich Zeit, dass ich meine treuen und geschätzten Blogbesucher auf den aktuellen Stand bringe – die Facebook-Freunde wissen längst mehr, weil eine Statusmeldung dort schnell und auch mobil von unterwegs erstellt werden kann, aber deshalb muss ja der Blog nicht endlos brach liegen bleiben.

Die Operation am 4. Oktober wurde als minimalinvasiver Eingriff begonnen, doch nach kurzer Zeit mussten die Chirurgen dann eine große Operation daraus machen. Warum, das klingt im Bericht so:

Beim Setzen der Trokare entstand leider eine transmurale Dünndarmläsion. Daraufhin wurde auf ein offenes Verfahren konvertiert.

Am Abend nach der Operation auf der IntensivstationIm Klartext: Einer der Chirurgen hat mit dem Instrument die Dünndarmwand durchbohrt, deshalb musste der Bauch durch zwei Schnitte (insgesamt 42 Zentimeter) geöffnet werden und die Operation dauerte über 5 Stunden (anstatt der vorgesehenen 2 bis 2,5 Stunden).

Dennoch, und nur das zählt letztendlich: Die beiden Lebermetastasen konnten »im Gesunden« aus der Leber entfernt werden, das heißt wiederum im Klartext, dass ringsum kein befallenes Gewebe im Körper zurückgeblieben ist. Da der Bauch nun einmal so schön weit offen war, hat man gleich noch die Leber per Ultraschallkopf untersucht und festgestellt, dass sie – abgesehen von den beiden herausgeschnittenen Metastasen – vollkommen gesund ist.

Ich (und auch die beste aller Ehefrauen) hätte nicht damit gerechnet, wie schnell dann nach der Operation die Entlassung nach Hause kam. Natürlich wollte ich schnell wieder auf die Beine kommen, und schon am zweiten Tag nach der Operation tat ich unter unter Aufsicht die ersten Schritte auf eigenen Beinen. Der Aufenthalt auf der Intensivstation war gottlob relativ kurz gewesen, nämlich nur nach der Operation bis zum nächsten Vormittag.

Als ich am zweiten postoperativen Tag darum bat, aufstehen zu dürfen, erntete ich von der Schwester im Frühdienst ungläubig-ungeduldige Ablehnung: »Nein, so schnell geht das nicht, und außerdem habe ich keine Zeit.. Die Schwester der Nachmittagsschicht war von ganz anderem Kaliber. »Selbstverständlich. Setzen Sie sich erst mal auf die Bettkante, ich komme in spätestens fünf Minuten wieder. Wenn Sie sich dann nicht schwindelig fühlen, laufen wir ein paar Schritte.« Gesagt – getan. Erst hielt sie noch meinen Arm, um gegebenenfalls einen Sturz abfangen zu können, dann ließ sie los und meinte nach kurzer kritischer Beobachtung: »Wissen Sie was, Sie können ab sofort ohne Begleitung und jederzeit aufstehen.«

Fortan unternahm ich dann erst kürzere, dann längere Spaziergänge über den Krankenhausflur, den ratternd rollenden Infusionsständer mit Schmerzmittelpumpe und Blasenkathederbeutel stets als treuen Begleiter neben mir. Einer der Pfleger, ein sehr hilfsbereiter, liebenswürdiger und jederzeit gut gelaunter Mann mittleren Alters, sagte am Montag, als er mich wandern sah: »Wir haben auch bessere Infusionsständer, die nicht so klapperig sind und besser rollen. Ich könnte Ihnen einen besorgen – aber so wie Sie sich hier entwickeln, lohnt sich das wohl kaum noch.«

Am Dienstag Abend (also 4 Tage nach der großen und gar nicht so einfachen Operation), Blasenkatheder und Schmerzpumpe waren entfernt und ich brauchte tatsächlich kein Gestell auf Rollen mehr mit mir herumfahren, saß die Stationsärztin in ihrem Glaskasten, schaute mir eine Weile beim flurauf und flurab spazieren zu und erklärte dann nach ein paar Minuten, als ich wieder bei ihr vorbei kam: »Herr Matthia, wenn ich Sie so laufen sehe, dann möchte ich Sie gerne morgen nach Hause entlassen. Da werden Sie schneller wieder gesund und kommen besser zu Kräften als hier.« Ich muss die Ärztin ziemlich entgeistert angeschaut haben, denn sie fügte hinzu: »Ich meine das ernst. Ich rede noch mit den Kollegen, aber was mich betrifft dürfen Sie nach Hause.«

Natürlich hatten Eva und ich zaghaft gehofft, dass ich vielleicht zum nächsten Wochenende nach Hause dürfte, spätestens am Samstag. Aber die Ärzte hatten uns vor der Operation gesagt, dass bei einem minimal-invasiven Eingriff mindestens fünf Tage Krankenhausaufenthalt notwendig würden, falls es zur großen Operation kommen würde, wären es eher zehn Tage. Mindestens. Entsprechend entgeistert war ich nun angesichts der Ankündigung der Chirurgin. Ich beschloss, erst einmal abzuwarten – ob das eine Fata Morgana war oder ernst gemeint.

Etwa eine Stunde später standen dann vier Chirurgen und ein Internist um mein Bett, drückten auf meinem Bauch herum, studierten ihre Unterlagen mit Blutwerten und wasnochalles, fragten nach, wie lange ich auf den Beinen gewesen war, ließen mich Aufstehen und zwei mal durchs Zimmer gehen demonstrieren und verkündeten dann ihre einhellige Meinung: »Es ist dies wohl ein einmaliger Fall, eine Rarität in solch kurzer Zeit, aber wir können hier nichts weiter für Sie tun – zu Hause kommen Sie sowieso schneller wieder zu Kräften.« Es war die Rede von »erstaunlichem Lebenswillen« und »außerordentlicher Kondition« … aber es herrschte doch auch auf Seiten der Ärzte deutliche Überraschung angesichts meiner »Blitzerholung«.

So. Mehr erzähle ich dann morgen oder übermorgen … immerhin sind die lieben Blogbesucher erst mal ein wenig besser auf dem Laufenden.

Freitag, 18. Oktober 2013 – Von 42 Zentimetern Operationswunde und einer einzigartigen Krankenschwester

Ich hatte ja gestern versprochen, heute (oder morgen) weiter zu berichten, wie es mir nach der Operation an der Leber ergangen ist. Hier nun also die Fortsetzung.

Am Morgen des 9. Oktober, also am fünften postoperativen Tag, kam die Ärztevisite in voller Besetzung ins Krankenhauszimmer, noch bevor die Schwester meinen jungen Zimmergenossen und mich geweckt hatte. Diese eine Krankenschwester unterschied sich so grundlegend von gesamten übrigen Pflegepersonal, das ich kennen gelernt hatte, dass sie mir hier doch ein paar Zeilen extra wert sein muss. Sie hat entweder den falschen Beruf gewählt oder sie ist einfach so – pardon, aber anders kann man es kaum sagen – geistig eingeschränkt, dass man sie eigentlich nicht auf Patienten loslassen dürfte. Doch dazu gleich mehr.

Die Ärzteschaft weckte uns also aus dem Tiefschlaf. Mein Bauch wurde erneut gedrückt, begutachtet, abgehört … und dann kam die endgültige Entscheidung: »Sie können sich anziehen und ihre Tasche packen. Sie dürfen nach Hause.«

So kommen 42 Zentimeter Schnittlänge zusammenLange Wartezeiten gewohnt ging ich davon aus, dass es durchaus noch ein paar Stunden dauern würde, bis der Arztbrief geschrieben und die Formalitäten erledigt sein würden. Ich rief die beste aller Ehefrauen an und gab ihr die gute Nachricht weiter, dass es tatsächlich bei der Entlassung blieb. Wenn ich dann wirklich abholbereit sein, die Papiere fertig und alles unterschrieben sein würde, kündigte ich einen weiteren Anruf an.

Die Stationsärztin kam kurz darauf noch einmal strahlend ins Zimmer und sagte: »Im Gesunden! Alles im Gesunden entfernt! Ich freue mich so für Sie!« »Das heißt, dass nichts zurückgeblieben ist?«, fragte ich nach. »Genau. Keine Reste, keine betroffenen Lymphknoten, keine angrenzenden Organe befallen.« »Da bin ich aber froh!« »Ich auch, für Sie. Ich wünsche gute Erholung, die Klammern kann dann wieder wie letztes Jahr der Hausarzt entfernen. Falls die Narbe stark blutet, falls Sie sich unwohl fühlen, falls irgend etwas Sie auch nur ein wenig beunruhigt, dann kommen Sie sofort zu uns, über die Notaufnahme oder direkt auf die Station. Aber damit rechne ich nicht. Alles Gute!« Sie drückte mir die Hand und verschwand. Zehn Minuten später hatte ich den Arztbrief in der Hand, noch bevor ich mit dem Packen der Tasche fertig war, und 15 Minuten später rief ich dann Eva an, dass sie mich abholen könne – was sie natürlich mit großer Freude tat.

Die Ärzte und das Pflegepersonal, mit denen ich es zu tun hatte, waren samt und sonders freundlich, hilfsbereit, jederzeit zur Stelle, wenn es Not tat und ich hatte immer das Gefühl, gut betreut und bestens versorgt zu sein. Aber. Ach ja, vermutlich muss es in jeder Suppe ein Haar geben, denn alles wäre rundum bestens gewesen, wenn nicht Schwester – na ja, nennen wir sie hier mal Schantall – gewesen wäre.

Schantall war ihren Aufgaben so lange gewachsen, wie alles sich in auswendig gelernte Abläufe fügte. Doch wehe, auch nur eine Kleinigkeit tanzte aus der Lehrbuchreihe. Dann war es aus und vorbei.

Beispiel eins: Schantall bringt mir gegen 11:30 Uhr zwei Beutel Movicol. »Davon nehmen Sie einen morgens und einen abends«, erklärt sie mir. »Kann ich den ersten jetzt noch nehmen? Es ist ja nach 11 Uhr«, frage ich. »Na einen morgens, den anderen abends.« »Ja, schon, das habe ich verstanden. Aber der Morgen ist ja nun vorbei. Kann ich denn die Dosis jetzt noch zu mir nehmen?« »Man nimmt morgens einen, und abends einen. In Wasser aufgelöst.« Ich gab es auf, ließ Schantall den Raum verlassen und bereitete mir um 11:40 den morgendlichen Movicoltrunk.

Beispiel 2: Der Beutel, in den mein Blasenkatheder den Urin leitete, ist gegen 13 Uhr voll. Eindeutig und unmissverständlich voll. Ich läute. Es erscheint ein junger, sehr freundlicher und wirklich immer hilfsbereiter Schülerpraktikant. Ich zeige ihm den Beutel und frage, ob er ihn auswechseln oder entleeren könne. »Das darf ich nicht, aber ich sage es der Schwester.« Ich weiß, wer Dienst hat, nämlich Schantall und bin gespannt. Zwei Minuten später ist der junge Mann wieder da und verkündet etwas kleinlaut: »Sie sagt, der Beutel ist nicht voll.« Ich schaue ihn wohl recht entgeistert an, denn er verteidigt sich: »Ich habe ihr gesagt, dass er voll ist. Aber sie sagt, das kann nicht sein, eben war er noch halb voll.« Schantall war seit mindestens vier Stunden nicht mehr im Zimmer gewesen. »Und nun?«, frage ich. »Ja ich weiß auch nicht, ich bin ja nur Praktikant. Ich darf das nicht.« »Ich mache Ihnen ja keinen Vorwurf«, beruhige ich, »aber wenn das Ding in den nächsten Minuten platzt oder überläuft – ich muss die Schweinerei dann ja nicht wegputzen.« Er gibt sich einen Ruck und sagt: »Ich komme gleich wieder.« Kurz darauf erscheint die Schwester, die für die andere Hälfte der Station zuständig ist, sieht die zum Bersten gefüllte Bescherung und ruft: »Um Himmels Willen, das kommt Ihnen ja gleich zu den Ohren raus!« Sie schickt den Schüler, sofort einen großen Messbecher holen und lässt dann 2.250 ml Urin aus dem 2.000 ml fassenden Beutel ab. »Schwester Schantall sagt, der Beutel ist nicht voll«, höre ich die Stimme des jungen Mannes, dem es nicht so recht gelingen will, ein Grinsen aus dem Gesicht zu verbannen.

Beispiel 3: Als die Schmerzmittelpumpe zum Rückenmark abgeschaltet ist, bekomme ich vier mal täglich Tabletten und die Zusicherung, jederzeit, maximal allerdings alle 30 Minuten, Tropfen abfordern zu dürfen, falls die Schmerzen zu stark werden. Gegen 10 Uhr klingele ich aus eben diesem Grund und bitte Schantall um die Zwischendosis Tropfen. »Ja, gleich«, sagt sie und verschwindet. Um 10:45 ist immer noch nichts passiert. Um 10:50 quält mich der Schmerz dann so, dass ich wieder die Klingel drücke. »Ich hatte um die Tropfen gebeten«, erinnere ich Schantall. »Ich habe gerade einen Zugang bekommen, ich kann jetzt nicht.« »Dann vielleicht jemand anderer?« »Ich mach das schon.« Weg ist sie wieder. Um 11:20 wütet der Schmerz so, dass ich erneut die Klingel drücke, obwohl ich kaum noch Hoffnung habe. Es erscheint der Praktikant. Ich erkläre ihm, dass ich seit fast eineinhalb Stunden auf Schmerztropfen warte, die ich angeblich jederzeit abfordern kann. Er – das war mir klar – darf sie nicht besorgen und geht die Schwester suchen. Er findet sie nirgends. Er sagt mir kurz Bescheid und sucht noch einmal Zimmer für Zimmer, Schwesternzimmer, Aufenthaltsraum und Küche ab, umsonst. Ratlos kommt er zurück. Ich beschließe, jetzt die Tabletten zu nehmen, die für 14 Uhr vorgesehen sind und dann von der Nachmittagsschicht mehr Hilfe zu erhoffen. – Als gegen 13:30 die Stationsärztin vorbeischaut und fragt, wie ich mit den Schmerzen zurechtkomme, sage ich ihr, obwohl ich Petzen nicht mag, dass es mir unmöglich war, die versprochenen Tropfen abzufordern. Sie runzelt die Stirn, seufzt tief und murmelt: »Ach ja, Schantall hat Dienst … es tut mir sehr leid, Herr Matthia. Ich werde dafür sorgen, dass das nicht noch einmal passiert.« Fortan hat mir dann das Pflegepersonal jeweils zwei oder drei Becherchen auf Vorrat hingestellt, so dass ich schließlich einigermaßen schmerzarm sein konnte.

Ach Schantall! Welcher Teufel hat dich geritten, Krankenschwester zu werden? KFZ-Mechanikerin, Holzfällerin, Gärtnerin … alles, was nicht mit Dienst an Menschen zu tun hat, wäre für dich geeignet. Du könntest auch Straßen teeren oder eine Druckmaschine bedienen, Plakatwände bekleistern oder verstopfte Rohre reinigen. Ach Schantall!

Montag, 21. Oktober 2013 – Vom Kopf, der nicht im Sand steckt

Heute waren wir bei der »Tumorsprechstunde« des Klinikums Benjamin Franklin hier in Berlin Steglitz. Dieses segensreiche Angebot dient dazu, dass abseits von der Hektik des Stationsalltags ein Arzt Zeit für ein ruhiges, ausführliches Gespräch hat.

Die Beratung und Information brachte keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse zutage, damit war auch nicht zu rechnen, aber doch ein wenig mehr Klarheit oder Bestätigung des bereits Vermuteten in bestimmten Punkten:

  • Die beiden am 4. Oktober 2013 entfernten Lebermetastasen waren mit großer Wahrscheinlichkeit bereits im März 2012, als die beiden Darmtumore entfernt wurden, als mikroskopische Ansiedlungen auf der Leber vorhanden. Die Chemotherapie letztes Jahr hat verhindert, dass sie wuchsen – aber »getötet« hat sie die Krebszellen auch nicht.
  • Es gibt für mich nach wie vor eine Chance auf Heilung – das heißt, dass der Krebs nicht wieder auftritt. Die Chance ist nicht riesengroß, aber sie ist auch nicht ausgeschlossen.
  • NURSE 1Eine Chemotherapie zum jetzigen Zeitpunkt würde lediglich zu Dauerschäden an sowieso bereits angegriffenen Nerven führen. Es gibt keinerlei Untersuchungen, Versuchsreihen oder langfristige Erkenntnisse, dass ich irgend einen Vorteil beim Kampf gegen den Krebs dadurch gewinnen könnte. Es gibt allerdings auch keine Untersuchungen, die das ausschließen würden. Angesichts der Schäden, die dem Körper zugefügt würden, raten die Ärzte deutlich ab.
  • Warum die »Tumormarker« im Blut trotz wachsender Lebermetastasen im unverdächtigen Bereich geblieben sind, kann niemand sagen. Man muss sie weiter beobachten, aber die totale Unauffälligkeit der Werte ist ein Beleg dafür, dass sie zwar hilfreich sein können, jedoch keineswegs als zuverlässige Diagnose taugen.
  • Um eventuelle neue Metastasen oder Tumorherde frühzeitig zu erkennen, wird alle 6 Monate ein CT vonnöten sein. Die durch das relativ häufige CT verursachten Risiken (Strahlenbelastung, Gefährdung der Nierenfunktion …) sind im Vergleich zum Gewinn (rechtzeitiges Erkennen) zu vernachlässigen.
  • Vor allem Lunge und Leber sind beim Darmkrebs die Organe, die später von Metastasen und Tumoren befallen werden.
  • Es hängt in den nächsten Jahren eine Menge von meinem Immunsystem ab. Das kann ich nur auf die bereits seit 2012 praktizierte Weise stärken: Sportliche Betätigung und gesunde (= möglichst chemiefreie) Ernährung. Alles andere, was so angeboten wird (Misteltherapie und Konsorten) dient weniger dem Immunsystem des Patienten und mehr dem Einkommen der Hersteller. Gegebenenfalls wird sogar Schaden angerichtet.

Wie viele Jahre bleiben mir noch? Das kann keiner sagen. Das kann auch bezüglich deines Lebens, lieber Blogbesucher, keiner sagen. Vom Verkehrsunfall bis zum plötzlichen Gehirnschlag gibt es zahlreiche Gründe, warum auch jüngere Menschen aus dem Leben scheiden.

Ich habe mich entschlossen, genau wie letztes Jahr nach der Darmoperation, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern jeden Tag, den ich erlebe, bewusst und dankbar als Geschenk entgegen zu nehmen. Viele Alltagsdinge, die gerne ungeheuerlich wichtig erscheinen wollen, verlieren deutlich an Gewicht, wenn man sich täglich im Klaren ist, dass unser Leben endlich ist. Nicht in ferner Zukunft, sondern schon heute und hier und jederzeit. Ich werde alles tun, so schnell wie möglich wieder richtig auf die Beine zu kommen und mich auch im Tal der Todesschatten nicht ängstigen lassen.

Gelingt das immer und jederzeit? Nein. Aber es gelingt oft genug und das Leben ist es wert, dass man trotz Angst und Traurigkeit nicht aufgibt. Und da die beste aller Ehefrauen fest an meiner Seite steht, gilt sowieso: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Mittwoch, 6. November 2013 – Auf dem Weg zurück in den Alltag

»Das ist aber sehr früh nach einer solchen Operation«, wunderte sich gestern abend eine Freundin, als ich in der Pause des Improvisationstheaters erwähnte, am kommenden Montag wieder meine Arbeit aufnehmen zu wollen. »Das ist wirklich sehr sehr früh …« meinte sie.

Damit hat sie ja auch völlig Recht. Am 4. Oktober wurde operiert, nur fünf Wochen ist das her. Aber es ging ja so gut wie alles seit der Operation schnell und ohne große Komplikationen. Von der Blitzerholung mit der vollkommen überraschenden Entlassung schon am fünften postoperativen Tag hatte ich ja hier bereits berichtet. Das »Ausschleichen« des Morphin konnte ich dann auch zügiger gestalten als vorgesehen und meine Leistungsfähigkeit kehrte zügig wieder in einen halbwegs normalen Bereich zurück.

Es gab schwierige Tage, mit gehäuften Schmerzen und Malaisen längst überwunden geglaubter Art, die plötzlich aus heiterem Himmel auftraten. Zum Beispiel die Nervenschäden aus der Chemotherapie an den Extremitäten – am vergangenen Montag, nach einer mit viel Schmerzen im Bauch unruhig verbrachten Nacht morgen waren sie da, als habe ich gerade eine Oxaliplatin-Infusion hinter mir.

Herr Beethoven freut sich über meinen Besuch im TiergartenAber. Und darauf kommt es mir an: Aber! Trotzdem aufstehen. Trotzdem Mantel und Schuhe und – ist doch mir egal, was Passanten davon halten! – Handschuhe anziehen und gut behütet mit dem Maisel-Winterhut raus in die stürmisch-nassen Herbsttage. Trotzdem ein Brot essen, ausschließlich aus Vernunft, nicht etwa mit Appetit. Trotzdem das Geschirr aus der Spülmaschine räumen und den Staubsauger in die Hand nehmen. Trotzdem …

Natürlich weiß ich dabei die Grenzen des Machbaren zu beachten. Es war am vergangenen Montag mehrfach notwendig, dass ich mich flach hingelegt habe. Gegen Mittag war auch die Einnahme einer Schmerztablette unumgänglich. Anders hätte ich den Tag nicht überstehen können. Aber Gott sei Dank habe ich ein Gefühl oder Gespür dafür entwickeln können, was der Körper unbedingt braucht und was die Seele gerne aus Bequemlichkeit hinzufügen würde. Nach einer Stunde auf dem Sofa war der Körper so weit ausgeruht, dass ich ohne weiteres wieder aufstehen konnte. Aber andererseits war es ungeheuer kuschelig unter der Wolldecke, bequem in der Rückenlage, und es gab sowieso nichts zu tun, was unaufschiebbar gewesen wäre … in solchen Situationen sage ich mir dann: »Wenn es nicht klappt, wenn ich merke, die Schmerzen nehmen wieder zu, wenn der Kreislauf zusammenzubrechen droht – na dann lege ich mich eben wieder hin. Aber jetzt stehe ich erst mal auf.«

Und genau so gehe ich gedanklich an die Wiederaufnahme meiner Arbeit heran. Wenn ich feststelle, dass ich die Bürostunden nicht durchhalte, wenn sich herausstellt, dass zehn Stunden ohne die Möglichkeit, sich hinzulegen, zu viel ist, na dann habe ich es wenigstens versucht und weiß, dass es zu früh war.

Manche Zeitgenossen wundern sich ja, dass ich nicht so lange wie möglich Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen einreiche, sondern wieder ins Büro will. Aber es ist nun mal so, dass ich meine Arbeit gerne verrichte, dass ich die vielfältigen Kontakte mit genauso vielfältigen Menschen zu schätzen weiß und dass darüber hinaus der Schritt zurück ins Berufsleben gleichzeitig ein Schritt weg vom Krebs ist. Gedanklich. Gefühlt. In meinem inneren Empfinden. Und das innere Empfinden macht eine ganze Menge aus, was das seelische Gleichgewicht in meinem Leben mit einer tödlichen Krankheit betrifft.

Die Liebe eträgt alles und überwindet alles.Die beste aller Ehefrauen an meiner Seite ist der eigentliche Halt, der wirkliche Grund, trotz aller Umstände die Hoffnung auf ein Morgen nicht aufzugeben. Ohne sie würde ich vermutlich die Kraft nicht sammeln können, nicht sammeln wollen, die Wolldecke beiseite zu legen und die Schuhe anzuziehen, um Herrn Beethoven im Tiergarten einen Besuch abzustatten oder im Botanischen Garten einen Sonnenstrahl einzufangen oder auch im Regen den Mauerweg entlang zu spazieren. Ohne sie gäbe es keinen solch starken Antrieb, dem faulen inneren Schweinehund, der sich so gerne selbst bemitleidet, einen Vogel zu zeigen und mich aufzuraffen.

Also bin ich doch nun wirklich reich beschenkt.

Freitag, 13. Dezember 2013 – Von Ungewissheiten und Hoffnungen

Ich möge, meinte mein Arzt, bitte nicht in Panik geraten und mir keine unnötigen Sorgen machen. »Mit großer Wahrscheinlichkeit ist nichts weiter los, als dass die Leber, aus der immerhin zwei kastaniengroße Stücke herausgeschnitten wurden, noch etwas Zeit braucht, bis sich die Werte normalisieren.« Ohne meine Vorgeschichte wäre noch nicht einmal Grund genug gegeben, weitere Untersuchungen folgen zu lassen.

Injection Needle: An injection needle filled with a red substance over a white reflective surfaceAber – sie ist nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, meine sogenannte Vorgeschichte. Und die heißt nun einmal Darmkrebs und Lebermetastasen. Daher ist ein ALKP02-Wert von 192 zusammen mit dem GAGT02 von 300 eben doch Veranlassung, genauer hinzuschauen. Das soll dann Anfang Januar geschehen: MRT des Bauches und CT oder Röntgen der Lunge.

Natürlich versuche ich, mir keine Sorgen zu machen, und in Panik werde ich so schnell sicher nicht geraten. Ich weiß ja, dass die Sorgen nichts ändern können – zumindest nicht zum Guten. Sorgen haben eher negative Auswirkungen auf den Organismus.

Sie lassen sich nicht völlig ausschalten, das ist andererseits auch wahr. »Wenn nun irgendwo, zum Beispiel in der Lunge, neue Metastasen sind? Wenn ein anderes Organ vom Krebs befallen ist?« Und so weiter. So melden sie sich zu Wort, die Sorgen.

Ich versuche, sofort mit Hoffnung zu reagieren, den Sorgen die guten und positiven Dinge entgegenzusetzen, die ich seit der Diagnose Krebs im März 2012 erlebt habe. Und meist gelingt das auch recht gut.

Anfang Januar wird dann die eine oder andere akute Ungewissheit beseitigt – und das ist ja auch nicht verkehrt.

Donnerstag, 9. Januar 2014 – … nicht die Absicht, mich unterkriegen zu lassen.

Die regelmäßigen Untersuchungsserien, denen ich mich im Verlauf der Krebsnachsorge unterziehe, lösen jedes Mal Befürchtungen aus, so richtig und wichtig sie auch sind. Keine regelmäßige Nachsorge zu haben wäre töricht – denn nur ein früh entdeckter Tumor kann in der Regel so entfernt werden, dass kein vom Krebs befallenes Gewebe im Körper zurückbleibt. Trotzdem – mit Bangen warten Eva und ich jedes Mal auf die Befunde.

Die Intensität der Angst hatte sich bei mir bis zum Herbst 2013 bereits gemindert, da es von Untersuchung zu Untersuchung seit der Darmkrebsoperation im März 2012 ausschließlich gute Nachrichten gegeben hatte. Man gewöhnt sich sehr leicht daran, dass jedes Mal bei den Befunden »negativ« steht, dass die sogenannten Tumormarker in einem ganz und gar unverdächtigen Bereich liegen und dass man abschließend hört: Alles in Ordnung.

Als wir im September 2013, eineinhalb Jahre nach der Darmoperation, dann die Worte »zwei Metastasen« im Befund der Leberuntersuchung lasen, war der Schock erheblich. Eineinhalb Jahre lang war alles wie erhofft und erbeten gut gegangen – und dann solch ein Tiefschlag.

Am 4. Oktober 2013 wurde die zweite Krebsoperation durchgeführt. Eigentlich, genau betrachtet, die dritte. Denn bereits Anfang 2002 war ein Hodentumor diagnostiziert und operiert worden, der allerdings in einem so »harmlosen« Stadium gewesen war, dass noch nicht einmal eine Chemotherapie oder eine andere Nachbehandlung folgte.

Nach fünf Jahren gilt ein Krebs als geheilt, wenn keine Metastasen auftreten, also konnte ich den Hodenkrebs spätestens 2007 als »erledigt« betrachten. Ich hatte ihn bereits viel früher gedanklich abgehakt. Zehn Jahre später war er dann soweit aus dem Bewusstsein verdrängt, dass ich bei der Aufnahme ins Krankenhaus 2012 zunächst gar nicht daran dachte, die so weit zurückliegende Operation zu erwähnen.

Der Darmkrebs hatte auch ursächlich nichts mit dem Tumor von 2002 zu tun, das ergaben die Laboruntersuchungen im April 2012. Da ich wieder im selben Krankenhaus war, konnten die archivierten Befunde zum Vergleich herangezogen werden. Es handelte sich um einen neuen, einen anderen Krebs.

Wie eingangs erwähnt schien sich 2012 und 2013 die Heilungsgeschichte zu wiederholen, obwohl beim Darmkrebs das Tumorstadium 3 in einem der beiden Tumore diagnostiziert wurde und ich mich einer Chemotherapie mit acht Zyklen unterzog, da auch einzelne Lymphgefäße vom Krebs befallen waren. Die zum Teil irreversiblen Schäden aus der Chemotherapie und die permanente Verkürzung des Darms waren (und sind) im Vergleich zu Tumoren im Körper durchaus in Kauf zu nehmen; immerhin kann ich mit einigen Einschränkungen bei der Ernährung weitgehend normal am Leben teilnehmen. An taube Finger- und Zehenspitzen habe ich mich genauso gewöhnt wie an die bleibenden Schäden im rechten Arm durch eine verunglückte Infusion von Zytostatika während der Chemotherapie.

imageDoch zurück zu den aktuellen Untersuchungen und den damit verbundenen seelischen Befindlichkeiten. Dass 18 Monate nach der Darmoperation Lebermetastasen gefunden wurden, hat die (zugegeben voreilige) Hoffnung auf eine bereits eingetretene Heilung vom Krebs zunichte gemacht. Mein Optimismus war zwar, solange er anhielt, für das seelische Befinden wohltuend, aber je höher die Erwartungen angesiedelt sind, desto tiefer ist natürlich die Enttäuschung, wenn es dann anders kommt als erhofft. Der Krebs in der Leber war schon ein herber Rückschlag, eine bittere Enttäuschung und ein deutlicher Dämpfer für zukünftige Hoffnung.

Daher lösten die Nachsorgetermine im Januar 2014 ziemlich deutliche Ängste aus. Natürlich sind nicht die Untersuchungen an und für sich zu fürchten. Blut abnehmen lassen, für ein MRT auf die Pritsche legen, für Aufnahmen der Lunge hinstellen – ein Kinderspiel. Was Ängste auslöst, ist vielmehr die Frage, was die Mediziner nach der Auswertung an Ergebnissen präsentieren.

Die Furcht, den Kampf gegen den Krebs zu verlieren, ist seit der Entdeckung der Lebermetastasen, also seit bald vier Monaten, immer wieder da. Gelegentlich raubten mir düstere Gedanken den Schlaf. Es fiel und fällt mir schwerer als zuvor, solche Überlegungen abzuweisen und aktiv umzudenken, Gutes zu erwarten.

Ein Anruf aus der Arztpraxis, dass die Leberwerte aus der Blutuntersuchung vom 3. Januar so bedenklich seien, dass baldmöglichst der Doktor mit mir darüber beraten wolle, half nicht gerade bei der Aufrechterhaltung oder Wiedergewinnung des Seelenfriedens. Der Termin wurde auf den 17. Januar festgelegt, weil dann auch die MRT- und Röntgenuntersuchung ausgewertet sein würden.

Ein ziemlich gewichtiger Stein fiel mir aber am 7. Januar vom Herzen, als der Radiologe im Röntgeninstitut mir gleich nach den Röntgenaufnahmen die gute Nachricht verkündete, dass die beiden seit der Lungenuntersuchung im Oktober 2013 fraglichen »pulmonalen Rundherde« keinen Anlass zur Besorgnis darstellten. Es handele sich, erklärte er mir, um vermutlich ältere harmlose Stellen, die sich seit der vorigen Aufnahme nicht verändert hätten. Da bei Darmkrebspatienten am ehesten Leber und Lunge von Metastasen befallen werden, sei jedoch auch zukünftig eine regelmäßige Lungenkontrolle, spätestens alle zwölf Monate, wichtig.

Ich fragte den Radiologen, die Gelegenheit beim Schopfe packend, nach den Blutwerten, die meinem Hausarzt so bedenklich schienen. Er meinte: »Sie sind doch erst vor drei Monaten an der Leber operiert worden. Zwei recht große Stücke wurden herausgeschnitten – wie sollen denn da jetzt schon die Leberwerte im Blut unauffällig sein? Das kann sechs bis zwölf Monate dauern, bis sich das normalisiert hat. Bei manchen Patienten sogar noch länger.«

Nun gut, dachte ich, der eine Arzt findet es beunruhigend, der andere hält es für normal. Obwohl besonders der eine auffällige Wert (neben zahlreichen anderen möglichen Ursachen) auf einen Tumor im Körper hindeuten könnte, tendiere ich eher dazu, den Blutwerten keine allzu bedrohliche Bedeutung zuzuordnen, denn vor der Leberoperation, während also in meinem Organismus Metastasen wuchsen, waren gerade diese Werte im Normalbereich gewesen.

Eine »Entwarnung« empfinde ich andererseits nicht, aber immerhin eine leichte Beruhigung, ein Fünkchen mehr Hoffnung.

Nun heißt es noch ein paar Tage abwarten, wie die Befunde des MRT aussehen und was bei der Besprechung am 17. Januar an Empfehlungen und gegebenenfalls Behandlungsvorschlägen herauskommt.

Als medizinischer Laie bleibt mir nichts übrig, als Rat von Fachleuten zu suchen und anzunehmen. Im Gegenteil, ich bin froh und dankbar für die hervorragenden Ärzte und unser Sozialversicherungssystem, das mir eine gute medizinische Versorgung ermöglicht. Krebspatienten in manchen anderen Ländern geht es da viel schlimmer …

Wenn es um einen kleinen Schnupfen geht oder andere unbedeutende Wehwehchen, dann gehe ich natürlich nicht zum Arzt. Wenn es um Überlegungen geht, ob Sport oder gesunde Ernährung eine Rolle beim Gesundwerden beziehungsweise -bleiben spielen, brauche ich auch keine medizinische Beratung. Da reicht mein Verstand aus.

Anders sieht es bei speziellen Fragen aus:

  • Wie hoch darf ich die Herzfrequenz beim Training treiben?
    Antwort meines Arztes: Kurzzeitig bis 160 Schläge/Minute, beim gesamten Ausdauertraining sollte der Durchschnittswert nicht über 150 liegen.
  • Darf ich nach der Leberoperation abends ein Glas Wein trinken?
    Auskunft einer Ärztin bei der Entlassung aus dem Krankenhaus: Ja. Ein Glas ist okay. Auskunft meines Hausarztes, nachdem die Blutwerte dauerhaft ungut blieben: Nein. Kein Alkohol.

imageDass ich mich an solchen ärztlichen Rat dann auch halte, versteht sich von selbst. Ich will und werde tun, was in meiner Macht liegt, um noch viele Jahre am Leben zu bleiben. Viel kann ich sowieso nicht dazu beitragen – aber auslassen will ich natürlich auch nichts.

Einen Rat, der keineswegs neu ist, will ich gerne abschließend meinen geschätzten Blogbesuchern genauso wie mir selbst in Erinnerung rufen: Sorgen und Grübeln ist niemals eine gute Idee, denn keiner von uns kann dadurch seinem Leben auch nur eine Minute hinzufügen. Dankbarkeit für jeden neuen Tag und bewusstes Erleben jeder Stunde verhelfen dagegen zu seelischem Gleichgewicht und die Heilungskräfte, die daraus erwachsen, sind so unbedeutend nicht.

Es gelingt mir nicht rund um die Uhr, den Ängsten Einhalt zu gebieten, aber ich habe nach wie vor nicht die Absicht, mich unterkriegen zu lassen.

Eine ähnliche Haltung und dazu noch göttlichen Beistand wünsche ich meinen Lesern, soweit sie bis zum Ende dieses langen Beitrages gelesen haben, falls sie ebenfalls mit ernsthaften Bedrohungen zu kämpfen haben.

Dienstag, 14. Januar 2014 – Vom dankbaren Aufatmen

n3Das schier unerträglich lange Warten auf die Befunde der MRT-Untersuchung hatte heute endlich ein Ende. Der Brief ist endlich angekommen. Schwarz auf Weiß können wir so oft wir wollen nachlesen, was der Blick unter die Haut ergeben hat: Keine neuen Metastasen, keine geschwollenen oder sonst auffälligen Lymphknoten.

Da können wir aufatmen und erleichtert aus tiefem Herzen »Gott sei Dank« sagen.

Zwar sind allerlei Schäden, durch die Operation vor drei Monaten verursacht, noch vorhanden und eine gründliche Ultraschalluntersuchung am kommenden Freitag steht noch aus, auch die Frage der schlechten Blutwerte ist noch ungeklärt … aber wenn das MRT keine Metastasen offenbart, dann sind auch zur Zeit keine vorhanden. So viel ist sicher und das ist die Hauptsache!

Ich hatte ja kürzlich hier berichtet, wie es sich mit all der Ungewissheit so anfühlt. Wir atmen heute erleichtert und dankbar auf, wissen aber trotzdem, dass die nächste Untersuchung oder die übernächste wiederum niederschmetternde Ergebnisse bringen könnte. Damit muss der Mensch leben, wenn der Krebs einmal aufgetreten ist. Aber jetzt können wir erst einmal froh und mit neuer Hoffnung ausgestattet den kurz bevorstehenden Geburtstag der besten aller Ehefrauen feiern.

Die beiden Fotos, oben kurz nach der Operation und unten ziemlich aktuell, zeigen, dass sich auch äußerlich eine Normalisierung einstellt. Zwar werde ich meine Karriere als Mr. Universum wohl abhaken können, aber es gibt ja auch andere Freizeitbeschäftigungen.

Wer sich also mit uns freuen will, darf das gerne tun. Und wer weiter an uns denkt und uns mit guten Gedanken, Wünschen und Gebeten durch die kommenden Monate und Jahre begleitet, dem danken wir ganz herzlich.

Samstag, 18. Januar 2014 – Von steten Tropfen, vom Krebs und unserer Blauäugigkeit

Steter Tropfen, das wissen wir alle, höhlt den Stein. Und doch handeln wir oft so, als käme es auf unbedeutend Scheinendes nicht an, obwohl die steten Tropfen ein immer größeres Loch im felsenfesten Grund entstehen lassen.

Dass vor allem in den »zivilisierten« Ländern der westlichen Welt eine bestürzende Zunahme von Krebserkrankungen festzustellen ist, halte ich nicht für Zufall oder gar die Strafe einer erzürnten Gottheit. Ich bin ziemlich überzeugt, dass wir es mit einer selbst angerichteten Entwicklung zu tun haben, dass die vielen steten Tropfen inzwischen eine Höhlung gegraben haben, die deutlich sichtbar ist. Auch ich habe die Tropfen jahrzehntelang unbeachtet gelassen, mein Um- beziehungsweise Nachdenken begann erst vor ein paar Jahren und auf manche Tropfen wurde ich erst nach und nach aufmerksam.

Als mich zu Beginn der Chemotherapie im Frühjahr 2012 die mich betreuende Ärztin in der Rehabilitationsklinik fragte, ob ich denn bereit sei, zukünftig meinem Körper zu helfen, Krebszellen abzuwehren, habe ich natürlich bejahend geantwortet. Da hatte ich viele der Tropfen bereits abgestellt – allerdings wie gesagt nach vielen vielen Jahren der Unwissenheit oder Ignoranz.

Wer würde seinen Körper nicht schützen und bewahren wollen – ob nun gegen Krebs oder andere schwere Erkrankungen? Sie, geschätzter Leser dieser Zeilen, wollen doch sicher Ihr Immunsystem nach Kräften beim Kampf gegen Angriffe auf die Gesundheit unterstützen.

Das Fatale ist, dass jeder Tropfen für sich allein betrachtet harmlos ist. Es sind Summierung und Stetigkeit, die zum tödlichen Risiko führen können. Und solange wir gar nicht wissen, wo die schleichende Schwächung unserer Abwehrkräfte stattfindet, können wir nicht aktiv werden. Ich will hier daher einige der steten Tropfen beim Namen nennen, die ich über Jahrzehnte auf den vermeintlich unzerstörbaren Grund habe fallen lassen. Vielleicht finden Sie sich ja bei der Lektüre an der einen oder anderen Stelle wieder?

Tropfen Nummer 1: E 150 a bis d – den meisten Menschen sagt das gar nichts. Auch ich habe den Angaben der Inhaltsstoffe auf Getränkeverpackungen nie Interesse entgegen gebracht, bis ich 2009 – nach etlichen Jahrzehnten unbekümmerten Genusses – las, welche Zeitbombe (abgesehen vom schädlich hohen Zucker- oder Süßstoffgehalt) in sogenannten Soft-Drinks oder Erfrischungsgetränken, ob sie nun aus dem Hause Coca-Cola, Pepsi oder einem Billigproduzenten für Aldi und Co stammen, enthalten ist. Eine Langzeitstudie über 30 Jahre hatte gezeigt, dass das Krebsrisiko bei Menschen, die regelmäßig zu solchen Getränken greifen, um bis zu 60 Prozent erhöht ist. Und das liegt allein an den Beigaben E 150 a bis d.

Bildschirmfoto vom verlinkten Spiegel-BeitragDen Herstellern drohte seit einigen Jahren in den USA die Auflage, die Etiketten mit dem gleichen deutlichen Warnhinweis wie bei Zigaretten, nämlich dass der Genuss tödliche Folgen haben kann, versehen zu müssen. Schließlich wurde für den amerikanischen Markt 2013 die Rezeptur verändert – die E-Stoffe werden seither durch natürliche Beigaben ersetzt. Auf dem Rest der Welt verkaufen die Konzerne unbekümmert weiter ihre Getränke mit den chemischen Zeitbomben in jeder Flasche. Die sind nämlich preiswerter und Profit ist nun einmal wichtiger als die Gesundheit der Kunden.

Übrigens: Die E…-Farbstoffe finden sich auch in Knabberartikeln, Süßigkeiten und diversen anderen Lebensmitteln. Ein Blick auf die Inhaltsangaben beim Einkaufen kann sehr aufschlussreich sein.

Die Industrie behauptet, dass der Genuss eines Glases Cola oder Limonade nicht gesundheitsschädlich sei. Das stimmt sogar. Das eine Glas Coca-Cola, die eine Flasche Fanta wird niemanden ins Grab bringen, genauso wie eine Zigarette keine Bedrohung für den Organismus wäre. Auch zwei oder drei.

Tropfen Nummer 2: Auch dabei spielt der Profit (so funktionieren Wirtschaftssysteme nun einmal) die große Hauptrolle, gepaart allerdings mit dem Geiz der Verbraucher, die alles so billig wie möglich haben wollen. Eigentlich genügt der gesunde Menschenverstand, um den giftigen Tropfen zu identifizieren: Wenn das Fleisch im Supermarkt pro Kilogramm 4,99 Euro kostet, nachdem beim Verkauf trotzdem der Händler Gewinn macht, der Transportunternehmer, der die Waren ins Geschäft liefert etwas verdient hat, die Verpackung samt Gewinn für den Hersteller im Preis enthalten ist und auch die Fleischfabrik und der Tierzüchter nicht draufgezahlt haben – wie mag es dann wohl um die Tiere bestellt gewesen sein, deren Fleisch als Billigangebot im Kühlregal landet?

Foto von: Daniel Acker/Bloomberg via Getty ImagesWer möchte, kann sich ausführlich aus frei zugänglichen Quellen informieren, wobei die Zustände in der Fleischindustrie bei den meisten Menschen ziemliche Übelkeit hervorrufen dürften. Ich beschränke mich hier auf die logische Erkenntnis, dass profitable Fleischerzeugung bei den billigen Supermarktpreisen nur möglich ist, wenn den Tieren massiv Hormone, Antibiotika, Wachstumsbeschleuniger und andere chemische Keulen verabreicht werden. Ende 2013 wurde eine Studie veröffentlicht, nach der mehr als 25.000 (Fünfundzwanzigtausend) Todesfälle in Europa allein deshalb nicht verhindert werden können, weil die Patienten durch den jahrelangen Genuss von Billigfleisch an Infektionen mit resistenten Krankenhauskeimen zugrunde gehen.

Und unsere Lebensmittelkontrolle? Funktioniert die nicht? Doch, denn auch beim Fleisch gilt: Der Verzehr eines solchen Schnitzels, eines Hamburgers bei McDonald oder einer anderen Fast-Food-Kette ist nicht gesundheitsschädlich. Auch zwei oder drei bringen niemanden um. Genau wie eine Zigarette allein keine Bedrohung für den Organismus ist.

Tropfen Nummer 3: Was beim Fleisch gilt, ist bei anderen Lebensmitteln nicht anders. Mit welchen chemischen Keulen wird wohl das Huhn am Leben erhalten, und unter welchen Bedingungen fristet es sein Dasein, wenn das Ei für ein paar Cent bei Lidl und Co zu haben ist? Wie viele Giftstoffe sind im Ei enthalten, das von einem solchermaßen geschundenen Geschöpf, das noch dazu sein Leben lang kein einziges Körnchen natürliches Futter erhält, gelegt wurde? Denken Sie daran: Von der Eierlegefabrik bis zum Supermarkt, in dem Sie einkaufen, haben alle in der Handelskette bereits Geld verdient.

Foto von http://www.lebensmittellexikon.de/g0002440.phpOder denken Sie über Obst nach, das an Bäumen wächst, die regelmäßig, auch von der Blüte bis zur Ernte, mit Insektengiften eingesprüht werden. Oder Gemüse, das in Böden heranreift, in denen kein Würmchen und kein Insekt und keine Pflanze, die man als Unkraut bezeichnet, überleben kann – das soll durch simples Abwaschen oder Schälen plötzlich frei von Schadstoffen sein? Die Milch von Kühen, die nur durch Medikamenteneinsatz überhaupt die Bedingungen überleben, unter denen sie gehalten werden und deren Milchfluss mit Hormonen angekurbelt und in Gang gehalten wird, die Milch ist plötzlich frei von jeglichen unnatürlichen Zusätzen, wenn wir sie mit unserem Kaffee zu uns nehmen? In den letzten Jahren wird nun auch noch mit genetisch verändertem Obst und Gemüse experimentiert … die Folgen des Verzehrs sind völlig unbekannt.

Ich esse aus gutem Grund nicht in der firmeneigenen Kantine. Dort werden billige Mahlzeiten angeboten, die portionsweise tiefgekühlt angeliefert und zurEine Mahlzeit in der Firmenkantine ...Mittagszeit erhitzt werden. Was auf den Etiketten an Inhaltsstoffen steht, liest ja niemand: Antioxidationsmittel (warum Lebensmittel oxidieren sollten, ist mir schleierhaft), sogenannte Geschmacksverstärker (es handelt sich um Nervengifte, die künstlich Appetitgefühle im Gehirn erzeugen), Emulogatoren zweifelhafter Herkunft … und so weiter. Solch eine Mahlzeit kostet etwa 3 bis 4 Euro. Bis sie in der Kantine serviert wird, haben der Lieferant, der Verpackungshersteller, der Großküchenbetrieb, die Zulieferer und die Erzeuger Geld verdient, von vielen weiteren beteiligten Unternehmen ganz zu schweigen. Wer davon ausgehen möchte, dass solche Preise bei schadstofffreier Beschaffenheit der Lebensmittel möglich sind, der muss schon eine gewisse Blauäugigkeit mitbringen.

Natürlich gilt auch bei diesem Tropfen, dass die eine Mahlzeit in der Kantine, das eine oder andere Ei und so weiter keinen Schaden anrichten wird. So wie die eine Zigarette völlig bedenkenlos geraucht werden könnte.

Drei Beispiele – es gäbe noch einiges mehr zu nennen, aber wer erst einmal anfängt, über Zusammenhänge nachzudenken, wird ziemlich schnell selbst dahinter kommen. Mir ist das ja auch gelungen. Stichworte wie Solarium, Chemie in der Kleidung und Kosmetikartikeln et cetera fallen bestimmt jedem schnell ein.

Das sei zu teuer, sagen manche Menschen, wenn es um biologisch erzeugte Lebensmittel (oder fair hergestellte und gehandelte Waren) geht. Das können sie sich nicht leisten, behaupten sie.

Stimmt das wirklich? Es mag für Sozialhilfeempfänger tatsächlich zutreffen, dass sie bei Lidl und KiK und so weiter einzukaufen gezwungen sind. Aber der Großteil der Bevölkerung hat durchaus die Wahl: Muss ich so gut wie jeden Tag Fleisch essen, oder sind vielleicht eine oder zwei Mahlzeiten pro Woche, dafür dann mit biologisch einwandfreiem Fleisch, ausreichend? Wie viel Geld ist mir meine Gesundheit (oder die meiner Familie) wert? Ist der neue Flachbildfernseher wichtiger als die langfristige Gesundheit?

Steter Tropfen, das wissen wir alle, höhlt den Stein. Und wenn es dann noch verschiedene Tropfen sind, die regelmäßig auf den Stein unserer Abwehrkräfte prallen? Vielleicht sollten wir alle etwas genauer hinschauen, wo in unserem Leben solch regelmäßiges Plitsch und Platsch stattfindet?

Freitag, 7. Februar 2014 – Gute Nachrichten vom Gamma-GT und von der alkalischen Phosphatase

pic_4_blogHeute liegen sie mir vor, die Ergebnisse der Blutuntersuchung vom vergangenen Mittwoch. Und sie sind Gott sei Dank erfreulich, weil sich zum ersten Mal seit der Operation an meiner Leber die Tendenz gewendet hat. Es waren zwei Werte, die den Ärzten und mir Sorgen machten.

1. Gamma-GT
Als Normalwert gelten bis zu 60 U/l (was meines Wissens für units per litre, also Einheiten pro Liter steht). Mein aktueller Wert liegt mit 215 zwar noch deutlich über dem, was als normal gilt, aber im Vergleich zum Januar, als 325 U/l gemessen wurden, ist das eine ganz offensichtliche Besserung.
Das Beunruhigende an diesem Blutwert: »Erhöhte GGT-Werte können viele Ursachen haben und müssen im Zusammenhang mit anderen Laborwerten wie Alkalische Phosphatase, ALT/GPT, AST/GOT oder Bilirubin interpretiert werden. Stärkere Erhöhungen findet man bei chronischer Hepatitis, Leberzirrhose, Lebermetastasen oder Schädigungen der Leber.« (Wikipedia)
Nun ist ja sonnenklar: Die Leber wurde geschädigt. Durch die Operation von zwei Metastasen an unterschiedlichen Stellen des Organs. Wenn zwei kastaniengroße Stücke aus dem Organ herausgeschnitten werden, ist das zweifellos ein Schaden. Da die Werte vor der Entdeckung der Metastasen im September 2013 nicht erhöht waren, war der vehemente Anstieg mit großer Wahrscheinlichkeit lediglich der lebensrettenden Operation geschuldet. Bei den Kontrollen via Ultraschall und MRT seither wurde besonders die Leber angeschaut und für frei von Metastasen befunden.
Ich war also durch den stetigen Anstieg seit Oktober nicht verängstigt, aber eine wachsende Beunruhigung will ich auch nicht leugnen. Die Erleichterung darüber, dass es jetzt nicht weiter bergauf, sondern endlich bergab geht mit dem Gamma-GT, ist demgemäß eine spürbare.

2. Alkalische Phosphatase
Der andere Wert, der seit der Operation auffällig war, nennt sich »Alkalische Phosphatase«. Im Januar wurden noch 175 U/l festgestellt, jetzt sind es 155 – normal wäre ein Wert zwischen 40 und 130; 155 ist ja so weit nicht mehr davon entfernt.
Das Alarmierende bei diesem Indikator: »Eine der häufigsten Ursachen für eine AP-Erhöhung sind maligne Tumoren, die in den Knochen metastasiert sind (Knochenmetastasen).« (Wikipedia)
Nun ist es beim Darmkrebs, an dem ich erkrankt war, sehr unwahrscheinlich, dass es zu Knochenmetastasen kommt. Weil der Wert jetzt ebenfalls erkennbar sinkt, scheiden Metastasen als Ursache mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus. Ganz festlegen wird sich ein Arzt nie und nimmer, aber ich bin jedenfalls mit Fug und Recht auch diesbezüglich beruhigt.

Die völlige Abstinenz von alkoholischen Getränken dürfte (neben der weiterhin gesunden Ernährung ohne Billigfleisch und chemieverseuchtes Obst oder Gemüse, siehe Blogbeitrag zum Thema) zur Trendwende beigetragen haben. Weder das Schnäpschen im Restaurant auf Kosten des Hauses, noch den kleinen Kelch Sekt bei der firmeninternen Feier, noch das Glas Wein zum Wochenende oder das Bier zum deftigen Mittagsmahl habe ich akzeptiert. Und siehe da: exitus acta probat. Eine Leber, die nicht ständig Giftstoffe (Chemierückstände aus Lebensmitteln oder Alkohol) abbauen muss, erholt sich leichter. Daher beabsichtige ich auch zukünftig, wenn eines Tages die Leberwerte wieder komplett im Normalbereich sein werden, die jetzige Erfahrung fortzusetzen, dass ein Leben ohne Alkohol keineswegs weniger angenehm ist als das in unserer Gesellschaft übliche Mittrinken bei passenden und unpassenden Gelegenheiten. Ich vermisse den Alkohol genauso wenig wie seit März 2012 das Nikotin. Und das ist auch gut so und darf ruhig so bleiben.

So sind also die aktuellen Ergebnisse aus der Blutanalyse ein weiterer Grund zum dankbaren Aufatmen, den ich meinen treuen, Anteil nehmenden Blogbesuchern (und damit gleichzeitig den gleichermaßen Anteil nehmenden Facebook-Freunden) in der solchermaßen erneut ein wenig gestärkten Hoffnung auf dauerhafte Krebsfreiheit nicht vorenthalten will.

Freitag, 28. Februar 2014 – Vom Tinnitus und vom Kortison

Der Tinnitus ist eine auditive Wahrnehmung, die zusätzlich zu dem auf das Ohr einwirkenden Schall ein- oder beidseitig wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung beruht auf einer Störung der Hörfunktion. Der Höreindruck des Tinnitus hat keinen Bezug zum Schall in der Umgebung des Patienten. Die Art der scheinbaren Geräusche ist sehr vielfältig. [Wikipedia]

In meinem Fall handelt es sich – das hat die Hals-Nasen-Ohrenärztin nachmessen können, um einen Pfeifton bei ca. 8000 Hz. Der hat sich in meinem Gehör festgesetzt und mag nicht freiwillig weichen. Die medizinische Diagnose nach der mehr als zweistündigen Untersuchung: Hörsturz mit nachfolgendem akutem Tinnitus. Weil er noch keine drei Monate alt ist, bestehen Chancen, dass er nicht zum chronischen Tinnitus wird.

Woran das liegt … die möglichen Ursachen sind Legion.

Fremdkörper im Gehörgang, Knalltrauma, Entzündungen des Ohrs, Otitis media, Otitis externa, Mittelohrerkrankungen mit Störung der Schallübertragung (z. B. Otosklerose), Virale und bakterielle Infekte (z. B. Borreliose), Schalltrauma (akut oder chronisch), Hörsturz, Tauchunfälle, Dekompressionskrankheit, Barotrauma, Morbus Menière, Costen-Syndrom, Hydrops cochleae, Endolymphschwankungen, Autoimmunerkrankungen des Innenohrs, Ototoxische Substanzen, Akustikusneurinom (ein Tumor der Gehörnerven), Bogengangsdehiszenz, Schwerhörigkeit/Hypakusis, Arzneimittel, Craniomandibuläre Dysfunktion … und viele mehr. [Wikipedia]

pillsDas meiste aus der Liste konnte durch Befragung und Untersuchung ausgeschieden werden. In meinem Fall ist es am wahrscheinlichsten, dass wegen der Leberoperation und der nachfolgenden mangelnden körpereigenen Hämoglobinproduktion eine Mangeldurchblutung zum Tinnitus geführt hat. Inzwischen haben sich die Leberblutwerte wieder gebessert – sie waren zuletzt noch nicht normal, aber die Tendenzwende war offensichtlich – so dass die Ursache, wenn sie es denn war, am Schwinden ist.

Letztendlich ist also – falls diese Ursache zutrifft – der Tinnitus wiederum auf den Darmkrebs zurückzuführen, der die Lebermetastasen verursacht hat. Doch die Ursachenforschung ist weniger interessant als die Frage, ob und wie ich den Pfeifton wieder loswerde.

Die von der Ärztin empfohlene Therapie wende ich nun seit drei Tagen an. Zum Start hochdosiertes Kodein (140 mg), die Dosis sinkt dann von Morgen zu Morgen, das Ganze dauert zehn Tage.

Wie alle Medikamente hat Kortison mögliche Nebenwirkungen.

Bei kurzfristiger, hochdosierter systemischer Anwendung können vor allem neuropsychiatrische Symptome auftreten, wie Konvulsionen, Schwindel, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit,Euphorie, Impotenz, Depressionen und Psychosen, Hautveränderungen, »Mondgesicht«. Darüber hinaus kann die hoch dosierte Anwendung zur Manifestation einer latenten Epilepsie führen. [Wikipedia]

Zum Schutz des Magens nehme ich begleitend täglich zwei Kapseln »Omep«, da sonst bei der hohen Anfangsdosierung und bei zehn Tagen Magenprobleme nicht nur möglich, sondern sicher wären.

Heute, am dritten Tag, stelle ich fest, dass einerseits der Tinnitus noch rund um die Uhr da ist, andererseits empfinde ich das Geräusch als etwas dezenter. Und die Nebenwirkungen sind in einem erträglichen Rahmen geblieben. Schlafstörungen gibt es, gelegentlich Schwindel, Durchfall und hin und wieder Magendruck. Im Ganzen fühle ich mich vor allem nach der morgendlichen Einnahme ziemlich ramdösig – aber das ist nach vier oder fünf Stunden dann wieder weg.

Noch bin ich recht guter Hoffnung, dass es gelingen wird, den Tinnitus wieder los zu werden. Mal sehen. Ich werde berichten.

Freitag, 4. April 2014 – Erleichtertes Aufatmen

In den letzten Tagen vor der heutigen Krebsnachsorgeuntersuchung habe ich immer wieder an Manfred Stolpe, den ehemaligen Ministerpräsidenten unseres benachbarten Bundeslandes, gedacht. Bei ihm wurde vor nunmehr fast elf Jahren Darmkrebs diagnostiziert, seither hat er es immer wieder etwa alle zwei Jahre mit Metastasen zu tun, zunächst in der Leber, inzwischen ist auch die Lunge betroffen – aber er gibt den Kampf und die Hoffnung nicht auf.

Nun bin ich ja einige Jahre jünger. Und ich weiß, trotz einiger Parallelen, dass man die Krankengeschichten von Krebspatienten nicht miteinander in dem Sinne vergleichen kann, dass man aus der eines anderen die eigene Zukunft ablesen könnte. Aber es ist nun mal so, dass vor jedem Untersuchungstermin düstere Gedanken immer häufiger auftreten, je näher der Tag rückt.

Foto von heute, dem 4.4.2014Umso erleichterter durften wir heute wieder aufatmen: Die Blutwerte haben sich weiter verbessert, insbesondere der tückische Gamma-GT-Wert ist weiter zurückgegangen. Obwohl er noch nicht im Normalbereich liegt, meinte der Arzt, das könne auch aufgrund der Leberoperation dauerhaft erhöht bleiben. Solange die Werte aber so deutlich unter denen von Oktober 2013 bis Februar 2014 liegen, ist das wohl kein Grund zur Sorge. Die Leber zeigt natürlich im Ultraschallbild deutlich die Narben von der Operation, aber weder sie noch Lymphknoten, Nieren, Milz oder Blase zeigen irgendwelche Anzeichen von Metastasen.

Anfang Juli steht die nächste Untersuchung mit Blutbild und Ultraschall an und im Herbst dann Darmspiegelung, Thorax-Computertomographie und Röntgen der Lunge. Trotz der mittlerweile doch deutlichen Strahlenbelastung durch all die Untersuchungen ist das immer noch das kleinere Übel als ein zu spät entdeckter neuer Tumor.

Doch jetzt genießen wir erst einmal das erleichterte Aufatmen angesichts der heutigen Gott sei Dank durchweg hoffnungsvollen Ergebnisse.

Mittwoch, 16. April 2014 – Bio-Skandale und Autos ohne Bremsen

Es ist schon verwunderlich, wie kurzschlussartig manche Mitmenschen denken. Oder kann da vom Denken schon keine Rede mehr sein?

»Es gibt ja immer wieder Skandale bei Bio-Produkten«, sagte kürzlich eine ältere Dame im Gespräch zu mir, »deshalb kaufe ich mein Fleisch und meine anderen Lebensmittel bei XXXX.« (Statt XXXX nannte die Dame einen Billigdiscounter.) Bei den Kommentaren auf Facebook zu einer Meldung der Berliner Abendschau über das falsch deklarierte Fleisch bei Neuland behauptet jemand: »… solange nicht alle Inhaltsstoffe in Klarschrift genannt werden müssen, ist es absolut egal, was man wo kauft.« Eine andere Stimme an gleicher Stelle: »… gucke ich selten nach der Herkunft. Wie man sieht, stimmt das ja sowieso nicht.«

Da kaufen also Menschen bewusst mit Antibiotika und künstlichen Farb-, Konservierungs- und sogenannten Geschmacksverstärkerstoffen verseuchte Lebensmittel, weil es auch unter den Zulieferern der auf unbedenkliche Waren spezialisierten Lebensmittelhändler Betrüger gibt. Frei nach dem Motto: »Es könnte ja sein, dass auch in dem Biofleisch mal Schadstoffe sind, also kaufe ich von vorne herein vergiftetes Fleisch.« Eine solch verquere Logik will sich mir nicht erschließen.

Natürlich ist es ärgerlich und kriminell, wenn ein Händler wie Neuland von einem Zulieferer betrogen wird und unwissentlich Produkte aus industrieller Fleischproduktion weiterverkauft. Kein vernunftbegabter Mensch wird das gut finden oder beschönigen. Natürlich darf man aufgebracht sein, wenn einem für gutes Geld minderwertige Ware untergejubelt wurde. Aber ist das denn ein Grund, künftig von vorne herein zu gesundheitsgefährdenden und erwiesenermaßen schädlichen Waren zu greifen? Für mich jedenfalls nicht.

Foto: Wikipedia, Common LicenseWenn solche Skandale aufgedeckt werden, ist das ein gutes Zeichen, denn immerhin wird sichtbar, dass Kontrollmechanismen funktionieren. Ob im Fall Neuland zu selten oder zu lasch kontrolliert wurde, das sei dahingestellt. Dass die Kontrollen einsetzen und wirken sollten, bevor die Ware beim Kunden in der Einkaufstasche landen, wäre dringend geboten. Kriminelle werden trotzdem immer wieder ihre Geschäfte zu machen versuchen, das bleibt nicht aus. Sie werden auch in Zukunft vermutlich hin und wieder eine Weile unentdeckt bleiben. Aber würde jemand grundsätzlich nur Autos ohne Bremsen kaufen, weil auch beim teureren Fahrzeug mit Bremsanlage eben diese mal versagen kann?

Der eigentliche Skandal liegt für mich darin, dass Lebensmittel aus der industriellen Massenproduktion auch von nicht völlig bildungsfernen oder bitterarmen Menschen gekauft werden, weil sie so billig sind – genau wie Textilien, die unter menschenverachtenden Bedingungen von Sklavenarbeitern, oft genug im Kindesalter, hergestellt werden.

Wenn solches Zeug nicht mehr gekauft würde, müssten die Hersteller umstellen auf gesundheitlich unbedenkliche und unter menschenwürdigen Bedingungen produzierte Ware. Das ginge sogar ziemlich schnell, sobald der Umsatz fehlen würde. Aber solange »Geiz ist geil« die Maxime der Verbraucher ist, wird sich wohl nichts ändern. Außer der dezimierten Lebenserwartung derer, die ständig industrielle Fleischprodukte und giftstoffbelastete Gemüseerzeugnisse verzehren, natürlich. Aber das ist den Betroffenen so lange egal, bis eines Tages der große Schrecken einsetzt, weil die Auswirkungen im und am eigenen Körper nicht mehr verborgen bleiben.

Foto »Hühnerkäfige in der Massentierhaltung« von [Wikipedia, Common License]

Dienstag, 20. Mai 2014 – Von angepriesenen Healing Codes und von gesunder Skepsis

Aus Erfahrung, sagt der Volksmund, wird der Einsichtsreiche klug. Um Erfahrungen zu machen, muss man natürlich erst einmal etwas unternehmen, ausprobieren, wagen, versuchen. Wenn jemand von vorne herein sagt »das hilft nicht, das geht nicht, das funktioniert nicht«, dann wird er nie wissen, ob er nicht doch eine Chance verpasst hat.

hecoAls mir eine Dame, die an meinem und unserem Ergehen seit der Krebsdiagnose sehr Anteil nimmt, das Buch »Der Healing Code – die 6-Minuten Heilmethode« auslieh, war ich sehr skeptisch, mehr als skeptisch sogar. Denn wenn es ein Mittel gäbe, mit dem so gut wie jede Krankheit, Krebs eingeschlossen, heilbar ist, und das so gut wie bei jedem Menschen, dann wäre das ja wohl bekannt. Weithin bekannt, bei Ärzten und Patienten. Allzu viele angebliche Wunderheiler treiben ihr Unwesen, indem sie für viel Geld leidenden Menschen Gesundheit und noch viel mehr versprechen. Wenn der Patient dann nicht gesund wird, rückt natürlich keiner dieser Scharlatane das Geld an die Hinterbliebenen wieder heraus.

Einerseits war ich also nicht geneigt, das Buch überhaupt zu lesen.

Andererseits neige ich (aus Erfahrung!) nicht dazu, etwas von vorne herein auszuschließen, bloß weil die chemisch-technisch-biologische Schulmedizin nichts davon weiß oder wissen will. Im Zweifelsfall probiere ich lieber aus, ob sich Erfolge einstellen.

Regelmäßige Leser werden sich erinnern, dass ich der durch die Chemotherapie ausgelösten Impotenz durch eine Methode außerhalb der Schulmedizin entkommen konnte – auf Anraten meines Onkologen (also eines Schulmediziners), der (wiederum aufgrund seiner Erfahrungen) traditionellen Heilmethoden gegenüber aufgeschlossen war.

Also las ich das Buch, Seite um Seite. Skeptisch. Manchmal innerlich etwas widerwillig, wenn es gar zu »amerikanisch« wurde. Das will ich erklären:

Es handelt sich bei der Lektüre um eine zweitweise recht mühselige und zwiespältige Angelegenheit. Da werden von der ersten bis zur 249sten Seite überwiegend Berichte von angeblich durch die Healing Codes von ihren diversen Krankheiten geheilten Menschen dargeboten, die zu überprüfen ich als Leser natürlich keine Möglichkeit habe. Gleichzeitig wird regelmäßig darauf hingewiesen (wohl eine Vorsichtsmaßnahme wegen drohender Haftung), dass mit den Healing Codes keine Methode zur Heilung von Krankheiten angeboten wird. Zwischendurch werden ein paar Grundlagen erläutert, die Zusammenhänge zwischen Energie, Atomen, Körperzellen und Krankheiten betreffen. Wer schon beim Gedanken, dass es außer biologisch-chemischen Wirkungen und Wechselwirkungen im Körper noch andere Vorgänge gibt, die sich der westlichen Wissenschaft entziehen, wird das Buch als unbrauchbar beiseite legen, wenn er zum x-ten Mal liest, dass Einsteins Energieformel etwas mit Krebs und Herzkrankheiten zu tun haben soll.

Aber – und da ist man als Betroffener vermutlich wesentlich offener als jemand, der nur über tödliche Krankheiten theoretisiert – aber es gibt sie nun mal, die Erfolge von traditioneller chinesischer Medizin, Akupunktur, indischen und anderen Heilmethoden, die nicht im Lehrbuch der modernen Medizin verzeichnet sind. Nicht ohne Grund bezahlen die meisten Krankenkassen Akupunkturbehandlungen und beispielsweise Qi Gong Kurse. Wenn es keine messbaren Erfolge gäbe, würde dafür kein Cent locker gemacht. Garantiert.

Und es gibt, abseits von allen Showbusinessveranstaltungen der Benny-Hinn-Liga, auch nachgewiesene und dokumentierte Heilungen durch Gebet, durch göttliches Eingreifen. Nicht bei jedem Gebet und nicht in jedem Fall, aber immerhin, es gibt sie.

Die beiden Autoren sind ausgebildete Mediziner und bezeichnen sich als Christen. Sie hängen auch dem bis zur 249sten Seite gehüteten Geheimnis, was es mit dem Healing Code auf sich hat, ein christliches Mäntelchen um, obwohl sie gleichzeitig versichern, dass die Methode bei Atheisten oder Andersgläubigen genauso funktioniert wie bei Christen. Es käme, so Alex Loyd und Ben Johnson, nicht darauf an, ob man an den Erfolg glaubt oder nicht. Der stelle sich so oder so ein.

Schließlich erfährt der Leser dann im letzten Teil des Buches, was es mit der so wundersam heilsamen Methode auf sich hat: Eine Meditationsübung mit vier Gesten, die sechs Minuten lang wiederholt werden. Drei Mal täglich. Und dann, versprechen die Autoren, werden sich gesundheitliche und gleich auch andere Probleme verflüchtigen, früher oder später.

Meine Skepsis ist durch die Lektüre des Buches nicht geringer geworden. Im Gegenteil. Da die Autoren, typisch amerikanisch möchte man sagen, auch materiellen Segen, Wohlstand und beruflichen Aufstieg durch die Healing Codes versprechen, bin ich um so mehr geneigt, das Buch der charismatisch-esoterischen Gedlverdienerecke zuzuordnen. Auf der zugehörigen Webseite von Loyd und Johnson geht es auch überwiegend darum, für eine Menge Geld zusätzliche Geheimnisse und Vertiefungen zu verkaufen. Da schrillen denn doch bei mir so einige Alarmglocken.

Andererseits sage ich mir: Es kann ja nichts schaden, das Verfahren an und für sich auszuprobieren. Genauso wie ich in der Rehabilitationsklinik am ärztlich verordneten Qi Gong teilgenommen habe (ohne für mich erkennbaren Gewinn), kann ich durchaus ein paar Wochen lang die Healing Codes ausprobieren und mal sehen, ob sich zum Beispiel der Tinnitus bessert.

Dass Entspannung, zur Ruhe kommen, Stress abbauen und Meditation dem Körper wie dem Geist gut tun, wird auch hierzulande von der Medizin nicht mehr bezweifelt. Die in diesem Buch propagierte Methode dienst letztendlich dem zur Ruhe kommen, drei Mal täglich. Loyd und Johnson empfehlen, mit einem Gebet zu beginnen:

Ich bete darum, dass alle bekannten und unbekannten negativen Bilder, ungesunden Glaubenssätze, destruktiven Zellerinnerungen und meine körperliche Beeinträchtigung durch __________ (hier nennt man das Problem, zum Beispiel Kopfschmerzen, Erinnerung als Kind …) aufgespürt, erschlossen und geheilt werden mögen, indem mich das Licht, das Leben und die Liebe Gottes erfüllen. Ich bete darum, dass sich die Wirkkraft dieser Heilung um das Hundertfache oder mehr steigern möge. (Quelle: Buch »Der Healing Code«)

Die Autoren betonen, dass es auch ohne Gebet – und ohne Glauben – geht, hilfreich wäre das Gebet aber auch für Ungläubige allemal.

hecopanoAnschließend werden die vier Übungen ausgeführt. Man zielt mit den Fingerspitzen beider Hände auf vier Regionen an Kopf und Hals:

  • Erste Haltung – Brücke. In der Mitte zwischen Nasenwurzel und der Mitte der Augenbrauen zur Stimulation der Hypophyse und der Zirbeldrüse.
  • Zweite Haltung – vorne in Höhe des Kehlkopfes (Stimulation von Rückenmark, zentralem Nervensystem und Schilddrüse).
  • Dritte Haltung – zu beiden Seiten des Kopfes hinter dem Kieferknochen (Stimulation des reaktiven emotionalen Gehirns, inkl. Amygdala und Hippocampus sowie Rückenmark und zentralem Nervensystem)
  • Vierte Haltung – zu beiden Seiten des Kopfes, etwa 1 Zentimeter oberhalb der Schläfen und 1 Zentimeter Richtung Hinterkopf (Stimulation von rechter und linker Gehirnhälfte, sowie Hypothalamus).

Zwischendurch kann man, wenn die Arme ermüden, die Hände auch auf die entsprechenden Regionen legen. Bevor man anfängt, soll man sich ein Problem herausgreifen und auf einer Skala von 1-10 (1 wenig intensiv, 10 sehr intensiv) einschätzen. Dann soll das Gefühl ermittelt werden, mit dem das Problem verknüpft ist. Während der Durchführung der Übungen soll man seine Gedanken auf etwas Positives richten (Heilung, Gesundheit, Ruhe, Frieden…) – und nach der Durchführung dann wiederum die Skala von 1 bis 10 bezüglich der Gefühle betrachten.

Mit dieser Skala kann ich nichts anfangen. Mein Problem, zum Beispiel Tinnitus, ist ein Problem. Nicht lebensbedrohend, aber auch kein Mückenstich. Welche Gefühle damit verbunden sein sollen und wie ich die auf einer Skala unterbringen soll, ist mir schleierhaft.

Jedoch hindert auch das – so die Autoren – nicht die Wirksamkeit des Healing Code. Es muss wohl noch mehr Menschen wie mich geben, denen solche Gefühlsskalen böhmische Dörfer sind und bleiben.

Schaden kann es ja nicht anrichten, im Verlauf des Tages drei Mal für jeweils sechs bis zehn Minuten zur Ruhe zu kommen. Drei Monate habe ich (aufgrund der vielen sogenannten Heilungsberichte im Buch) dafür angesetzt. Wenn sich Mitte August nichts verbessert hat, dann weiß ich wenigstens, dass ich keine Chance versäumt habe. Wenn der Tinnitus verschwindet, dann kann ich darüber nachdenken, ob an den Healing Codes doch etwas dran ist. Denn nur aus Erfahrung wird der Einsichtsreiche klug.

Die ersten drei Wochen des Experiment liegen bereits hinter mir – ohne spürbare Ergebnisse. Doch wie sagt der Volksmund ebenfalls so treffend? Geduld ist die Mutter aller Tugend.

Na denn, schaun mer mol. P.S.: Falls jemand sich für das Buch, das ich weder empfehlen noch verwerfen mag, interessieren sollte: Der Healing Code: Die 6-Minuten-Heilmethode

P.S.: Das Ergebnis des Tests steht inzwischen weiter unten mit Datum 12. August 2014. 

Bildquelle: Buch »Der Healing Code«.

Mittwoch, 21. Mai 2014 – Café au lait mit ganz viel E

Man möchte ja meinen, dass Milch in einem Milchkaffee wäre. Das mag auch zutreffen, je nachdem, wo man den Milchkaffee erwirbt. Wer ihn selbst zubereitet, weiß ja sowieso, was er tut. Aber wie sieht es unterwegs aus?kaffeetastenBei Kaffeeautomaten kann man ziemlich sicher sein, dass Milch weit und breit Mangelware und schon gar nicht im Kaffee zu finden ist. Das ist ja so logisch, dass alles andere an ein Wunder grenzen würde. Milch müsste ja gekühlt werden, da müsste regelmäßig gründlich und hygienisch gereinigt und frische Ware nachgefüllt werden … das wird kein Automatenaufsteller seinem Personal beziehungsweise seiner Kalkulation zumuten. Wo bliebe denn da der Gewinn aus dem Verkauf!Es ist also nur logisch, dass auch in dem »Café au lait«, der in einer mir nicht unbekannten Kantine angeboten wird, keine Milch enthalten ist. Was als Milchersatz dient, wollte ich schon lange wissen. Auf dem Automaten sucht man ja eine Auflistung der Inhaltsstoffe vergebens. Nun bot sich mir die Gelegenheit, die Verpackung des so genannten Kaffeeweißers in Augenschein zu nehmen. Mit der Folge, dass ich zukünftig den bisher schon seltenen Kaffeebezug aus der Maschine wohl ganz einstellen und mir lieber eine größere Thermoskanne für selbst mitgebrachten Kaffee zulegen werde.

kaffeeweißerNeben Glucosesirup (eine Lösung, die aus Traubenzucker und Fruchtzucker besteht), gehärtetem pflanzlichen Fett (Fetthärtung ist ein Verfahren, bei dem fette Öle verfestigt werden; dabei werden durch Hydrierung die Doppelbindungen der ungesättigten Fettsäuren-Reste mit Wasserstoff – in Gegenwart geeigneter Katalysatoren (Nickel) – abgesättigt) und einer nicht weiter spezifizierten Menge an Milcheiweiß werden nämlich Becher für Becher im sogenannten Milchkaffee beziehungsweise Café au lait die folgenden leckeren Zutaten ausgeschenkt:

  • E340 und E452: Chemisch erzeugte Phosphate. Beim Verzehr größerer Mengen wurden ein Abfall des Calcium-Spiegels sowie ein Anstieg des Parathormonspiegels beobachtet. Es wird diskutiert, ob ein Zuviel an Phosphat auch mit einem erhöhten Risiko für Knochenbrüchigkeit im Kindes- und Jugendalter einhergeht. Verbraucherschützer raten von einem häufigen Verzehr ab.
  • E471: Ein Emulgator. Emulgatoren sind Stoffe, die es ermöglichen, eigentlich nicht miteinander mischbare Komponenten in eine beständige Emulsion zu bringen. Emulgatoren zeichnen sich durch die Eigenschaft aus, sowohl in Wasser als auch in Fett löslich zu sein. Achtung! Wenn Sie Allergiker sind und/oder tierische Produkte meiden und/oder Gentechnik in Ihren Lebensmitteln ablehnen und/oder einen hohen Verzehr von Lebensmitteln mit diesem Zusatzstoff haben, beachten Sie bitte folgende Hinweise: Kann auch gentechnisch produziert werden, kann tierischen Ursprungs sein. Auch für Kosmetika zugelassen.
  • E551: Der Zusatzstoff Siliciumdioxid gilt als gesundheitlich unbedenklich, da diese chemische Verbindung vom menschlichen Organismus nicht aufgenommen und unverdaut wieder ausgeschieden wird. Diskutiert wird allerdings, ob dieser Zusatzstoff in Nano-Form schädlich sein könnte. Verbraucherschützer raten daher zu erhöhter Vorsicht bei Produkten mit Siliciumdioxid.
  • Farbstoff E160a: Carotine gelten zwar weitestgehend als unbedenklich, stehen jedoch im Verdacht, das Risiko für einige Krebsarten zu erhöhen. Ein erhöhter Verzehr kann auch zu Ablagerungen im Gewebe und in der Haut führen.

Was nun »häufiger Verzehr« ist, wo »größere Mengen« beginnen, wie viel von welchem Stoff pro Becher Kaffee enthalten sein mag … das sei dahingestellt. Bekanntlich höhlt ja der klitzekleine stete Tropfen irgendwann auch den Stein. Meiner Gesundheit zuliebe werde ich lieber Geld in eine größere Thermoskanne investieren, anstatt auch zukünftig am Kaffeeautomaten in der Kantine (oder sonstigen derartigen Maschinen irgendwo unterwegs) auf die Taste »Café au lait« zu drücken.

P.S.: Auf die Gelegenheit, auch einen ungestörten Blick auf die Verpackung des Stoffes, der als »Kaffee« in dem Automaten landet, zu werfen, warte ich noch. Was da wohl alles drin sein mag?

Quellen der Informationen über die Inhaltstoffe: lebensmittellexikon.de, das-ist-drin.de und wikipedia.de. Hier gekürzt/auszugsweise wiedergegeben.
Foto: Selbst angefertigt am Tatort des Kaffeeverkaufs.

Donnerstag, 29. Mai 2014 – Eine ungewohnte Fremdsprache

Fremdsprachen lernen – dem einen fällt es leicht, dem anderen schwer. Die eine versteht zügig viele Worte, die andere müht sich lange mit dem Lernen von Vokabeln ab. Und nicht jede Sprache lernt sich gleichermaßen mühelos oder ähnlich beschwerlich.

Mir geht es mit der Fremdsprache, in der ich mich seit rund zwei Jahren zurechtzufinden versuche, unterschiedlich. Vieles erschließt sich sehr leicht, weil die schulischen Kenntnisse aus dem Lateinunterricht erstaunlicherweise noch recht präsent und daher abrufbar sind. Bei manchen Begriffen und Formulierungen muss ich allerdings die Bedeutung nachschauen – was dank Internet ja heutzutage ein Kinderspiel geworden ist.

ärztischUm welche Sprache es hier geht, fragt sich und mich der irritierte Blogbesucher womöglich an dieser Stelle. Da sei mit einer Antwort nicht länger hinter dem Berg gehalten: Ich versuche, mehr und mehr Ärztisch zu verstehen. Weil ich all die Befunde und Analysen gerne so lesen möchte, dass ich auch begreife, was da über mich beziehungsweise meinen Körper geschrieben wird. Die Mediziner wissen am besten, welche Schlüsse aus den Befunden zu ziehen sind, und da vertraue ich mich den Ärzten auch gerne an. Aber verstehen, was gegebenenfalls gefunden und diagnostiziert wurde, möchte ich schon.

Ein Beispiel aus der ärztischen Geheimsprache? Bitteschön:

Z.n. Resektion von zwei Leberfiliae bei Z.n. Colon-CA

Manches im ärztischen Wortschatz ist (wie bei abkürzungswütigen Schreiberlingen in anderen Sprachen gleichermaßen) pure Faulheit. Wenn ich »Z.n.« oder gar »Zn« lese, dann weiß ich: »Zustand nach« ist gemeint. In obigem Beispiel ist sogar von einem »Z.n. bei Z.n.« die Rede, also vom Zustand nach einem Ereignis beim gleichzeitigen Zustand nach einem anderen Ereignis. Eine hübsche Konstruktion, das muss ich anerkennen.

»Resektion«, das weiß der Latein gelernt habende Mensch, bedeutet Zurückschneiden und auch die »filia«, die Tochter, kennt man auch noch aus dem Unterricht auf dem Gymnasium. Der Plural bei lateinischen Vokabeln, die auf a enden, wird bekanntlich mit ae gebildet; »filiae« sind also Töchter, das ist ganz leicht. Kombiniert man nun die deutsche Leber mit den lateinischen Töchtern, hat man im zitierten Satz »Lebertöchter« und einen »Zurückschnitt« beim primären »Zustand nach«.

Nun hat allerdings nicht etwa meine Leber zwei kleine Lebermädchen auf die Welt gebracht. Es handelte sich vielmehr um Töchter aus dem anderen »Z.n.«, dem Zustand nach »Colon-CA«.

Was ein Semikolon ist, weiß man ja. Wenn man ihm nun das Semi wegstreicht und den Rest, das kolon beziehungsweise colon, vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt, bleibt der Darm übrig. »CA« steht im Ärztischen nicht für die Texitlvertriebskette C&A und auch meist nicht für das chemische Element Calcium, sondern für Carzinom – Krebs. Zusammenfassend heißt also »Z.n. Resektion von zwei Leberfiliae bei Z.n. Colon-CA«, dass ich mich im »Zustand nach der Entfernung zweier Tochtertumore des Darmkrebs aus der Leber« befinde.

So weit, so simpel – alles ohne Nachschlagen zu verstehen. Wenn ich aber dann weiter unten im Befund auf den Begriff »Suszeptibilitätsartefakte« stoße, komme ich ins Grübeln und an meine sprachlichen Grenzen. Natürlich ist mir der Begriff Artefakt geläufig und verständlich, aber was eine Suszeptibilität sein soll – … keine Ahnung. Ein Rezeptor wäre ein Empfänger – doch was ist ein Suszeptor? Fängt der auch irgend etwas?

In diesem Fall ist die ärztische Zunge also nicht so einfach zu verdolmetschen. Aber Tante Google hilft wie meist und ich lese:

»Verschiedene Ursachen können das Entstehen eines MRT-Bildes stören. Vor allem eisenhaltige Metalle können zu dieser Bildstörung führen. Diese Bildstörung heißt auch Suszeptibilitätsartefakt. Suszeptibilitätsartefakte können die Auswertung der MRT-Bilder schwieriger machen. Sie können aber auch nützlich sein. So können beispielsweise kleinste Blutungen im Gehirn gefunden werden, weil eisenhaltiges Material beim Abbau von Blut im Gewebe zurückbleibt.«

Aha. So so. Danke, Tante Google und Onkel Wikipedia.

Endlich verstehe ich, dass es in diesem Befund darum geht, dass an den beiden Stellen, an denen aus der Leber Stücke herausgeschnitten wurden, Reste kleiner Blutungen zu sehen sind. Und das ist ja nun vollkommen normal und kein Grund zur Beunruhigung.

Wir sehen, liebe Blogbesucher, so kann man sich recht unterhaltsam und durchaus horizonterweiternd mit Dokumenten befassen, die auf Ärztisch verfasst sind. Man lernt eben im Leben nie aus – und das ist auch gut so.

Montag, 2. Juni 2014 – Gar nicht so leicht: Dem Stress Einhalt gebieten

 Stress, Hektik, Leistungsdruck und Ärger sind Blei auf der Seele. Und Risikofaktoren für eine Vielzahl von Krankheiten, dafür gibt es seit Jahrzehnten wissenschaftliche Belege. 2012 konnte eine schottische Forschergruppe anhand von Langzeitausstudien an mehr als 68.200 Menschen auch nachweisen, dass selbst leichte stressbedingte Symptome die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Starke stressbedingte Symptome führen, das zeigte diese Studie deutlich, auch zu einer höheren Krebsrate.

Nun ist für mich seit der Diagnose 2012 klar, dass ich alles in meiner Macht stehende tun will, um im Kampf gegen den Krebs siegreich zu sein. Regelmäßiger Ausdauersport ist ein Mittel, das mir zur Verfügung steht. Gesunde, so weit wie irgend möglich schadstoff- und hormon- sowie medikamentenfreie Nahrungsmittel macht die zweite Maßnahme aus, die mir (und so gut wie jedem anderen Menschen) verfügbar ist. Und das dritte was ich beitragen kann, von der Bedeutung gleichgewichtig mit den beiden erstgenannten, ist die Vermeidung und Abwehr von Stress.

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? So leicht ist das nicht, stellt man im Alltag ziemlich schnell fest, wenn man dem Stress den Krieg erklärt hat. Sport treiben – da muss man sich lediglich vom bequemen Sofa erheben, in die Sportklamotten schlüpfen und loslegen. Das kostet am Anfang Überwindung, aber das kleine Opfer an Bequemlichkeit ist der enorme gesundheitliche Gewinn allemal wert.

Gesund ernähren – da muss man nur anfangen, die Etiketten zu lesen, zu recherchieren und dann entsprechend einkaufen. Das ist teurer als bei Lidl & Co einzukaufen, aber auch das ist mir und uns die Gesundheit wert.

Aber der Stress? Wie wird man den los, wenn man doch arbeiten gehen muss und überhaupt im Alltag und Leben bestehen will? Das hat, obwohl es auch einiges kostet, weder etwas mit Bequemlichkeit noch mit dem Geldbeutel zu tun.

Was ist das überhaupt, Stress?

Stress ist nicht nur negativ. Er kann zu Höchstleistungen anspornen, etwa beim Leistungssportler. Als Lampenfieber kann Stress Künstler zu grandiosen Vorstellungen beflügeln. Der so genannte kurze Stress ist eine positive und sinnvolle Reaktion – sie stammt aus der Frühgeschichte der Menschheit, als es darum ging, blitzschnell zwischen Flucht und Angriff zu wählen und dann alle Kräfte zu mobilisieren.

Erst der Dauerstress, die häufige oder gar unaufhörliche Anspannung macht uns krank und behindert oder verhindert sogar die Heilung, weil – anders als bei Flucht oder Angriff – der Stress sich nicht »entladen« kann.

Die häufigsten Folgen von zu viel Stress sind laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse

  • Hoher Blutdruck,
  • Verdauungsbeschwerden,
  • ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt,
  • Spannungskopfschmerzen,
  • mehr Infektionen,
  • Depressionen,
  • Migräne,
  • Zyklus- und sexuelle Störungen.

Die Techniker Krankenkasse erklärt:

Stress stört die Immunabwehr. In stressigen Zeiten ist man besonders anfällig für Erkältungen und andere Krankheiten. Stress hat Einfluss auf die Arbeit verschiedener Immunzellen. Klar ist: Dauerstress wirkt anders als kurzer Stress.

Ich weiß natürlich, dass ich durch meine Bemühungen (Sport, Ernährung, Stressverhinderung) keine Garantie erlange, dauerhaft vom Krebs geheilt zu bleiben. Aber egal ist es eben auch nicht, ob und wie der Mensch es seinem Körper und Immunsystem leichter macht. Recht anschaulich erklärt die Techniker Krankenkasse die Zusammenhänge:

Das Immunsystem verteidigt den Körper gegen schädliche Eindringlinge oder körpereigene, falsch entwickelte Zellen (Krebszellen). Unser Körper produziert täglich Millionen von Zellen. Dabei passieren auch manchmal Baufehler: Das Erbgut der Zelle mutiert. Körpereigene Reparaturprozesse sorgen dafür, dass kein Schaden entsteht. Sie benötigen dazu bestimmte Enzyme. Unter Stress sind diese Enzyme weniger aktiv. Dadurch entstehen unter Umständen mehr von solchen Zellen, die Krebsgeschwulste ausbilden können.

Außerdem sinkt die Zahl der Immunzellen im Blut bei Dauerstress und diese natürlichen Killerzellen sind weniger aktiv. Die T-Lymphozyten teilen sich langsamer. Erreger haben leichtes Spiel.

Nein sagen

Mein festes Vorhaben, Stress abzuweisen, ist in der Praxis nicht immer so leicht durchzusetzen. Meist stehe ich mir da selbst im Wege. Ich neige nämlich dazu, mich für wichtig, womöglich gar unverzichtbar zu halten. (Ob es den geschätzten Lesern auch so geht, sei dahingestellt.) Ich jedenfalls weiß, dass ich beispielsweise am Arbeitsplatz früher oft so empfunden und gehandelt habe, als bräche alles zusammen, wenn ich nicht da wäre.

Stress? Nö.So etwas wird natürlich ausgenutzt: »Herr Matthia, könnten Sie noch schnell …« – »Machen Sie mir doch mal eben …« – »Ich brauche noch dringend …« »Aber bitte zeitnah!« Und immer wieder und unermüdlich und egal wie spät es war habe ich dann selbstverständlich gemacht und erledigt und getan. Ob es nun zu meinen eigentlichen Aufgaben, für die ich bezahlt werde, gehörte oder nicht. Meist waren solche Anforderungen sowieso nicht in meinen Aufgabenbereich angesiedelt. Auf die Idee, einfach »nein« zu sagen, kam ich seinerzeit so gut wie nie.

Als ich dann im März 2012 völlig unvorbereitet aus dem Berufsleben gerissen wurde, stellte sich heraus, dass es auch ohne mich ging. Zwar rief mein Chef sogar noch an, als ich auf der Intensivstation lag, weil er mit manchen Dingen nicht alleine zurecht kam, aber die Firma nahm keinen Schaden und die Welt drehte sich auch ohne mich weiter. Meine Illusion, unverzichtbar zu sein, war ich los geworden und das war und ist auch gut so.

Dass es uns schwer fällt, ein klares Nein zu sagen, hat seine Gründe. Bereits in der Kindheit lernen wir, dass wir gemocht werden, wenn wir »nützlich« sind, wenn wir tun, was man uns aufträgt. Das Geschirr in die Küche bringen, beim Abwasch oder Saubermachen helfen, den Müll vor die Tür tragen … schon ernten wir Lob und Lächeln der Eltern, womöglich sogar eine materielle Belohnung. Natürlich ist es richtig und keineswegs zu tadeln, wenn Kinder nach und nach Aufgaben im Haushalt übernehmen. Aber wenn sie nur dann Liebe und Zuneigung und Aufmerksamkeit bekommen, so lange sie »funktionieren«, dann prägt sich ein: Ich muss alles dafür tun, gemocht zu werden. Ich muss etwas leisten, um geliebt zu werden. Es reicht nicht aus, dass ich einfach ich selbst bin.

In der Schule ist es nicht anders. Gute Leistung spiegelt sich in guten Noten – und gute Noten ebnen den Weg ins Berufsleben. Wer nicht ständig etwas für den Erfolg tut, wer nicht auf Freizeit verzichtet um zu lernen, wird das ein Leben lang bereuen, weil er höchstens zweit- oder drittklassige Jobs bekommt, wenn überhaupt.

Gegen derartige Prägungen, auch wenn sie nur abgemildert vorliegen (meine Mutter hat mich immer wissen lassen, dass sie mich als Person liebt, unabhängig von meinem Verhalten) muss man sich bewusst entscheiden.

Bei meiner Rückkehr an den Arbeitsplatz nach der Darmkrebsoperation und Chemotherapie hatte ich mir vorgenommen: Ich erledige meine Aufgaben so gut und vollständig wie möglich, darüber hinausgehende Dinge nur dann, wenn ich noch Zeit und Kraft übrig habe. Wer mich nicht mag, weil ich ihm nicht dauernd seinen Mist abnehme, der soll es eben bleiben lassen.

Die Angst vor beruflichen Konsequenzen war mir abhanden gekommen. Ich hatte im März 2012 die Schwelle zum Tod vor Augen, und dadurch ändern sich Werte und Prioritäten im Leben nachhaltig. Ich arbeite, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, damit wir uns dieses und jenes leisten können … aber ich lebe nicht, um zu arbeiten.

Auch ein Ja ist möglich

Natürlich will ich hier nicht zur Leichtsinnigkeit raten. Ein »Nein« kann schon Konflikte auslösen und einen hundert Prozent sicheren Arbeitsplatz hat kaum jemand. Man muss die eigene berufliche Situation schon möglichst objektiv und realistisch abwägen. Manchmal empfiehlt sich ein Ja, zweifellos. Übrigens ist auch gar nichts daran verkehrt, hilfsbereit, entgegenkommend, freundlich zu sein. Es gibt Menschen, die schnorren und betteln sich wie selbstverständlich durchs Leben; zu denen habe ich nie gehört und das soll auch nicht so werden. Ich helfe gerne und unterstütze andere, wo es mir möglich ist, aber ich weiß inzwischen Grenzen zu ziehen. Mir selbst. Und anderen. Ich versuche zu unterscheiden, wo wirklich Hilfe gebraucht wird und wo es sich um reines Ausnützen meiner Gutmütigkeit handelt.

Ich bin also kein hundertprozentiger Neinsager. Ich sage auch aus Überzeugung und gerne ja. Jedoch nicht aus dem Grund, Konflikte unbedingt zu vermeiden und auch nicht ständig und immer und jederzeit. Wer nämlich das eigene Tun und Lassen ausschließlich anhand der möglichen oder tatsächlichen Reaktionen von Kollegen und Vorgesetzten ausrichtet, tut sich keinen Gefallen sondern öffnet der Manipulation durch die Anderen so weit die Tür, dass er letztendlich wo immer es geht ausgenutzt wird. Und das hat gesundheitliche Konsequenzen. Unausweichlich sogar.

Ich bin nicht unverzichtbar. Das Ego flüstert gerne: »Ohne dich geht es nicht weiter. Wenn du jetzt nein sagst, bist du ein Versager.« Ich flüstere zurück: »Irrtum. Ich sage nein – und gerade das macht mich zum Sieger.«

Quelle der Zitate, Zahlen und weiterer Informationen: [Techniker Krankenkasse]

Donnerstag, 19. Juni 2014 – Von Angstabbau und Schuldabweisung

Vom Patienten (passiven Empfänger medizinischer Dienstleistungen) zum Agenten (aktiv Mitwirkenden am Gesundungsprozess) zu werden, das ist für jemanden wie mich, der vom Krebs heimgesucht wurde, eine der wichtigsten Voraussetzungen, um den Kampf zu gewinnen. Natürlich gilt das nicht nur für mich oder an Krebs erkrankte Menschen – sondern für jedermann. Auch gesunde Menschen sollten und dürften daran interessiert sein, wie sie ihren Körper dabei unterstützen können, das Immunsystem weiterhin wirksam zu erhalten.

Das Wissen um die Immunfunktion des Darms beispielsweise ist durch solide wissenschaftliche Studien belegt – wenn nun (wie in meinem Fall) ein erheblicher Teil des Darms operativ entfernt werden musste, ist es um so wichtiger, diese dauerhafte Schwächung des Immunsystems auszugleichen. Die Medizin geht heute davon aus, dass der Darm rund 70 Prozent unseres Immunsystems ausmacht.

Ich berichte hier regelmäßig von Erkenntnissen, Einsichten, Versuchen und Erfolgen sowie Misserfolgen im Kampf gegen den Krebs. Zahlreiche Zuschriften zeigen mir immer wieder, dass andere Menschen davon profitieren, und das macht mich froh. Krebs ist rundherum und absolut nichts Gutes. Aber wenn aus meinem Erleben und Berichten Gutes für andere erwächst, dann freue ich mich einfach mit. In diesem Sinne möchte ich heute ein paar Gedanken über Angst und Schuld mit meinen Lesern teilen.

Ein großer Teil der Sorgen besteht aus unbegründeter Furcht. -Jean Paul Sartre

Dass Ängste krank machen, ist mittlerweile ein alter Hut. Angst ist ein wesentlicher Stressfaktor, der das Immunsystem empfindlich stören kann, speziell durch die Produktion von Interleukin und anderen Eiweißen. Sich von Ängsten wirklich und dauerhaft zu lösen, bleibt dennoch oft eine schwierige Aufgabe, denn nicht immer fällt es leicht, die Ursachen zu erkennen. Und wer die Ursachen nicht kennt, wird deren Auswirkungen nicht los.

Es gibt die durchaus begründeten und für unser Leben und Überleben wichtigen und richtigen Ängste. Vielleicht ist Ängste hier auch nicht der richtige Begriff – ich sollte womöglich von Einsichten oder Erkenntnissen sprechen. Dass man sich an einer Flamme verbrennen kann und dass dies Schmerzen verursacht, haben wir wohl alle in der Kindheit irgendwann festgestellt. Dass wir uns daher hüten, in eine Flamme zu greifen, ist eine gute und wertvolle Einsicht. »Angst« vor dem Feuer – eine prima Sache, die dazu beiträgt, unverletzt durch das Leben zu gehen.

Zwischen solcher, absolut gesunder Vorsicht und krankmachender Angst zu unterscheiden ist (im wahrsten Wortsinn) notwendig.

Ängste, die keine Not abwenden, schaden unserer Gesundheit nachhaltig. Oft werden sie uns schon in jungen Jahren beigebracht und eingeimpft, ohne dass wir uns in der Kindheit dagegen zu wehren wüssten. Doch auch im Erwachsenenleben hört das nicht auf. Eine der Hauptverursacherinnen von solchen Ängsten ist die eingeredete Schuld. Vorreiter dabei ist unter anderem die institutionalisierte Religion.

Auf den ersten Blick mag das paradox anmuten, denn dass ein solides Glaubensgefüge und Gebet (für andere Menschen genauso wie für sich selbst) messbare positive Einflüsse auf den Krankheits- oder besser gesagt Genesungsverlauf haben, ist unter Wissenschaftlern längst als gesicherte Erkenntnis etabliert.

Dass andererseits krank machende Schuldgefühle (und dadurch ausgelöste Ängste vor Strafe) von Religionsgemeinschaften (ob nun christlich oder andersgläubig) bewusst als Mittel eingesetzt werden, um die Schäfchen im eigenen Stall einzusperren, ist genauso unstrittig. Das geht sogar so weit, dass Krankheit beziehungsweise ausbleibende Heilung als Strafe Gottes für ein angebliches Fehlverhalten des Menschen gepredigt wird. In manchen Kreisen auch heute noch.

Wie wird man solche Ängste los? Ich will und kann nur für mich sprechen: Zur Befreiung waren einige Schritte notwendig.

  1. Am Anfang stand die bittere und schmerzhafte Erkenntnis, dass von der Kanzel (der charismatischen Gemeinde, die wir besuchten) nicht die Wahrheit, sondern Lüge gepredigt wurde. Der zu frühe Tod beider Schwiegereltern hätte gemäß der Lehre, die wir hörten und befolgten, gar nicht stattfinden können.
  2. Anstatt das Kind mit dem Bade auszuschütten, also jeglichen Glauben an einen Gott über Bord zu werfen, musste ich mich aktiv erinnern, dass es in meinem Leben Ereignisse gegeben hat, die jenseits der menschlich erklärbaren Möglichkeiten gelegen hatten. Einige davon sind in meinem Buch »Es gibt kein Unmöglich!« aufgezeichnet.
  3. Anstatt weiter irgendwelchen frommen Leitern blind zu folgen oder das Christsein an und für sich zu verwerfen begann ich nach dem Motto de omnibus dubitandum, zu hinterfragen, zu recherchieren und den Verstand zu gebrauchen, was dann relativ zügig zu einigen befreienden Erkenntnissen führte. Zum Beispiel, dass die Bibel (für den Koran oder andere Schriften wird ähnliches gelten) natürlich nicht »Wort Gottes« sein kann, sondern widerspiegelt, wie im Verlauf von Jahrhunderten Menschen sich Gott vorgestellt haben, in ihrer jeweiligen individuellen Situation.
  4. Anstelle der Buchstaben von »heiligen Schriften« den Geist zu erkennen, der aus ihnen sprechen will, ermöglicht dann eine ganz andere und befreiende und im Sinne des Wortes erlösende Beziehung zu Gott.
  5. Als ich die Bibel (als kulturelles Zeugnis) schließlich ernst nahm, statt sie wörtlich (als buchstäbliches Wort Gottes) zu nehmen, waren die in Kindheit und Jugend eingepflanzten religiösen Ängste erledigt – eine ungeheure Entlastung für Seele, Geist und Körper.

Weiter will ich das hier nicht ausführen, das würde den Rahmen sprengen. Dies soll nur als ein Beispiel dienen, wie man sich von Ängsten lösen kann.

Dieser Prozess fand bei mir statt, bevor ich die Krebsdiagnose erfuhr. Hätte ich im März 2012 noch an den »alten« Gott aus meiner Kindheit und Jugend geglaubt, wäre ich mit Schuldgefühlen (Was hast du falsch gemacht? Warum straft dich Gott so? Welche schlimme Sünde hat Gott dir nicht vergeben?) zusätzlich belastet gewesen, anstatt das befreiende und Kraft spendende Wissen zu erleben: Gott ist bei mir, mitten in dieser Katastrophe.

Mancher hat keine derartigen religiösen Ängste – Gott sei Dank! – und sollte sich trotzdem fragen, ob und wo vergleichbares in seiner Seele lauert. Schuldgefühle können aus der Kindheit stammen (oft genug unabsichtlich von den Eltern verursacht) oder später im Leben durch traumatische Ereignisse ausgelöst werden.

Ich musste mir beispielsweise sagen und mich überzeugen, dass ich nicht am Selbstmord eines Mitschülers Schuld war (indem ich ihn hätte kommen sehen und verhindern müssen). Tief in mir lauerte und nagte dieses Erlebnis und ich musste mich aktiv damit auseinandersetzen, um das Nagen zu beenden. Vermutlich wird so ziemlich jeder Leser hier und da in der eigenen Historie auf Ereignisse stoßen, die Schuldgefühle und Ängste eingepflanzt haben.

Wenn es gelingt, sich von bewussten und unbewussten Lasten zu befreien – Ängste sind nichts weiter als Lasten – dann ist ein großer Schritt zur Gesundung (beziehungsweise zum gesund bleiben) gelungen.

Um trotz einer Krebserkrankung gesund zu werden und dauerhaft gesund zu bleiben, genügt es nicht, sich auf die Schulmedizin zu verlassen. Die deckt nur einen relativ kleinen Bereich dessen ab, was zur Gesundheit notwendig ist – das anerkennen inzwischen auch die Schulmediziner selbst.

Die Befreiung von unbegründeten und schädlichen Ängsten gehört unbedingt auch dazu. Das erfordert Aufmerksamkeit und Wollen, es geschieht nicht irgendwie automatisch.

Vielleicht kann der eine oder andere Leser aus diesen Zeilen positive Impulse für das eigene Ergehen entnehmen. Ich würde mich freuen!

Foto von rgbstock

Mittwoch, 9. Juli 2014 – Mal schnell, mal langsam: die Zeit

Es ist schon eine sehr subjektive Empfindung, wie schnell oder langsam die Zeit vergeht. Natürlich vergeht sie jederzeit in der gleichen Geschwindigkeit, nämlich pro Tag 24 Stunden, also 1.440 Minuten oder, wenn man es ganz genau nehmen will, 86.400 Sekunden pro Kalendertag. Daran wird sich nichts ändern. Ob uns diese Sekunden, Minuten und Stunden jedoch kurz oder lang vorkommen, ist vollkommen von unserer Befindlichkeit abhängig. Und das Empfinden ist keineswegs statisch.

Mal scheint es mir »schon wieder« drei Monate her zu sein, dass wir beim Arzt die erlösenden Worte hörten: Alles in Ordnung. Mal fühlt es sich an wie »damals, vor drei Monaten« – lange her. Der Blick nach vorne auf dem Zeitstrahl wird ähnlich variabel empfunden: Am Freitag werde ich wieder untersucht, das kann je nach Augenblick noch sehr weit weg oder schon ganz nah sein. Wenn dieser Beitrag auf dem Blog erscheint, habe ich noch rund 49 Stunden vor mir, bis ich mich auf der Untersuchungsliege ausstrecke. Das sind mal 49 lange, mal 49 kurze Stunden.

http://www.rgbstock.com/photo/mq2xH1k/SundialEs gelingt mitunter in den Zeiten zwischen den Untersuchungen, hoffnungsvoll und zuversichtlich zu sein, und mitunter überwiegt die Angst vor möglichen schlechten Erkenntnissen. Je weiter der nächste Termin entfernt ist, desto sorgloser fühle ich mich, je näher er rückt, desto öfter versuchen die negativen Gedanken, die Oberhand zu gewinnen.

Was tun? Mir fällt nur ein, was wir sowieso tun: Ganz bewusst und ganz normal leben, soweit das möglich ist. Jeden Tag bewusst leben und erleben, jede Stunde wahrnehmen als lebendig sein, ob die Stunde nun mit Arbeit ausgefüllt ist oder der Entspannung dient. Und wo immer es gelingt, jeglichen Ärger und Stress vermeiden.

Und ich will dankbar bleiben für das geschenkte Weiterleben seit dem Frühjahr 2012. Für die Liebe der besten aller Ehefrauen, die mir Kraft und Lebensmut gibt. Und für die vielen Verwandten und Freunde und sogar fremde Menschen, die Anteil nehmen, Mut machen, Gebete sprechen und uns auf vielerlei Weise auch aus der Ferne zur Seite stehen.

Dann fällt es relativ leicht, hoffnungsvoll auf den Freitag Vormittag und in die weitere Zukunft zu blicken.

Foto: Free Stock Photos

Freitag, 11. Juli 2014 – Wieder aufatmen dürfen

Kurz und knapp für all die lieben Leser, die an meinem und unserem ergehen Anteil nehmen: Wir dürfen wieder einmal aufatmen.

Aufatmen nach der UntersuchungDie heutige Untersuchung ergab keine Auffälligkeiten bei den inneren Organen einschließlich Lymphsystem und weiter gebesserte Blutwerte, die alle bis auf das Gamma-GT erstmals seit Oktober 2013 wieder im Normalbereich liegen, der Gamma-GT ist immerhin auch deutlich gesunken.

Die Lunge soll, um sicher zu gehen, in den nächsten Tagen noch einmal per Röntgenuntersuchung kontrolliert werden, bekanntlich ist sie bei Darmkrebs nach der Leber die häufigste Sprungstation für Krebszellen. Es deutet zwar nichts darauf hin, dass irgendwo im Körper ein Tumor wächst, aber mein Arzt und ich gehen da lieber auf Nummer Sicher.

Im Oktober ist dann neben der Sonographie wiederum eine Darmspiegelung vorgesehen, aber bis dahin haben wir jetzt, von der Lungenuntersuchung abgesehen, wieder drei Monate vor uns, in denen der Gedanke an Tumore weiter nach hinten rückt.

Gott sei Dank und allen Freunden, Bekannten und Verwandten ebenso für alle lieben Grüße, Gebete, Gedanken, Wünsche und das Anteilnehmen.

Dienstag, 12. August 2014 – Healing Codes–ohne nachweisbare Wirkung

 Drei Monate habe ich (aufgrund der vielen sogenannten Heilungsberichte im Buch) dafür angesetzt. Wenn sich Mitte August nichts verbessert hat, dann weiß ich wenigstens, dass ich keine Chance versäumt habe.

Das hatte ich mir öffentlich auf diesem Blog vorgenommen, als ich im Mai 2014 das Buch »Der Healing Code – die 6-Minuten Heilmethode« gelesen hatte. [Beitrag hier] Nun sind die drei Monate vorüber.

Ich habe so gut wie keinen Tag ausgelassen. Ich habe fast täglich drei Mal die im Buch vorgeschlagene Übung durchgeführt. Ich habe das ernst genommen, wie im Mai geschrieben:

Es kann ja nichts schaden, das Verfahren an und für sich auszuprobieren. Genauso wie ich in der Rehabilitationsklinik am ärztlich verordneten Qi Gong teilgenommen habe (ohne für mich erkennbaren Gewinn), kann ich durchaus ein paar Wochen lang die Healing Codes ausprobieren und mal sehen, ob sich zum Beispiel der Tinnitus bessert.

Gezielt eingesetzt habe ich die Übungen gegen den Tinnitus, gegen eine Warze am Ellenbogen und eine schadhafte Stelle am rechten Daumen. Geheilt ist von den drei Dingen nun nach den drei Monaten nichts.

Es ist nichts schlimmer geworden, das sei allemal zugestanden, aber die im Buch versprochene (und gleichzeitig aus Haftungsgründen verneinte) Besserung kann ich bei mir nicht feststellen. Punkt.

Natürlich heißt das nicht, dass andere Menschen nicht ganz andere Ergebnisse erleben können. Ich will niemandem abstreiten, dass er mit der Healing Codes Methode Linderung von leiden erlebt hat. Ich weiß nun aber: Für mich ist das nicht als Heilmittel geeignet.

Es tut gut, drei Mal täglich für rund zehn Minuten zur Ruhe zu kommen, und es schadet auch nichts, das mit Hilfe des Healing Code zu tun. Es mag durchaus sein, dass ich die Gewohnheit nun beibehalte, diese Inseln der Ruhe und Besinnung im Alltag aufzusuchen. Aber Heilungswirkungen werde ich von der im Buch beschriebenen Methode nicht mehr erwarten.

Montag, 15. September 2014 – Wie ein Fragebogen Anlass zur Dankbarkeit werden kann

Rund 15 Minuten sollte die Bearbeitung des dritten Fragebogens im Rahmen einer Darmkrebs-Studie dauern, hatte die Forschungsgruppe der Charité geschrieben. Es dauert aber deutlich länger, weil ich die Antworten so genau und richtig wie möglich geben will. Sonst könnte ich es ja gleich sein lassen, die Teilnahme ist natürlich freiwillig. Statt schnell überfliegen heißt es für mich also gründlich lesen, überlegen und dann die am ehesten passende Möglichkeit auswählen. Manchmal will keine so recht in Frage kommen.

01Und es dauert aus einem zweiten Grund länger: die Gedanken schweifen immer wieder ab, während ich von Seite zu Seite des Fragebogens vordringe. Natürlich schweifen sie ab, mit Vorliebe sogar, denn sie verweilen naturgemäß ungern beim Thema Krebs. Und doch will ich mich damit beschäftigen, denn ein im Sand versteckter Kopf ändert ja nicht die Realität.

Ob ich davon ausgehe, dass es mir gelingen wird, eine positive Einstellung zu bewahren, wird da beispielsweise gefragt. Ich würde gerne antworten: Das kommt darauf an, ob … – aber das ist nicht vorgesehen. Also kreuze ich Feld Nummer 8 an, weil ich ziemlichsicher bin. Denn wenn mir unter den gegenwärtigen Umständen die positive Einstellung verloren gehen möchte, dann versuche ich immer, mich und mein Ergehen in eine vernünftige Relation zur Lebenswirklichkeit auf dieser unserer Welt zu setzen. Dadurch wird mir in der Regel sehr schnell klar, wie gut es mir geht, relativ betrachtet.

  • Ich muss nicht wegen meines Glaubens, wegen meiner Hautfarbe oder wegen meiner sexuellen Orientierung um mein Leben bangen oder gar alles zurücklassen und in ein hoffentlich besseres Land flüchten.
  • Ich muss nicht ohne medizinische Versorgung und Behandlung leiden, darben und sterben.
  • Ich muss nicht Durst oder Hunger leiden.
  • Ich muss nicht Nacht für Nacht einen Schlafplatz suchen, der dann alles andere als bequem oder sicher ist.
  • Ich muss nicht 24 Stunden am Tag, bei jeder Verrichtung vom Essen bis zum Stuhlgang auf Assistenz angewiesen sein.

Und so weiter. Die Liste ließe sich ergänzen.

02Als ich dann endlich alle Fragen bearbeitet habe, hoffe ich, dass meine Mitarbeit zukünftigen Krebspatienten auf irgendeine Weise hilfreich werden kann. Und ich bin wieder einmal froh, dass es mir – relativ gesehen – so gut geht. Das ist mir Grund genug, ein dankbares Gebet gen Himmel zu schicken, als ich den Fragebogen abschicke.

Auch die Charité zeigt sich dankbar und schreibt mir:

Sehr geehrte/r Studienteilnehmer/-in,
wir bedanken uns sehr herzlich bei Ihnen, dass Sie an unserer Studie teilnehmen und sich so viel Zeit für das Ausfüllen der Fragebögen genommen haben. Sie haben uns damit für unsere weitere Arbeit sehr geholfen …

So viel Dankbarkeit kann also ein schnöder Fragebogen auslösen.

Montag, 10. November 2014 – Wenn nichts Außergewöhnliches zu sehen ist …

… ist das nicht langweilig, sondern eine gute Nachricht. Für mich. Und die beste aller Ehefrauen. Beim regelmäßigen Arzttermin zur Krebsnachsorge. So geschehen wieder am vergangenen Freitag.

Beim sonografischen Blick ins Innere meines Leibes plaudert mein Arzt gerne ein wenig über das, was er da so sieht. Zum Beispiel jedes Mal über die Klammer in der Leber, mit der vermutlich, genau weiß man das nicht so recht, ein Blutgefäß abgeklemmt wurde. Die Klammer wird da bleiben, gehört da jetzt hin. Sie stört ja nicht.

Dass ich sportlich aktiv bin, hat sich übrigens deutlich ausgewirkt: Verkalkungen in Blutgefäßen, die vor zwölf Monaten noch Anlass waren, über eine medikamentöse Behandlung nachzudenken, sind verschwunden. Weg. Fort. Sozusagen als Nebeneffekt – eigentlich ist ja der Sport in meinem Fall neben der auf diesem Blog schon zur Sprache gekommenen Ernährung [zum Beispiel kürzlich hier und hier] und meiner Verweigerung, was Stress, Multitasking und Überlastung betrifft [zum Beispiel dort und dort], meine hauptsächliche Waffe im Kampf gegen den Krebs. Mehr kann ich zum Gesundbleiben nicht beitragen, sondern die verliehene Gesundheit nur dankbar und glücklich als Geschenk annehmen.

Auch meine Leber erholt sich –Gamma-GT im Blut mehr als zwölf Monate nach der Operation nähert sich der kritische Gamma-GT-Wert weiter einer normalen Größe (unter 60 U/l). Mein Arzt erklärte mir am Freitag, dass der Wert, jetzt bei 95 U/l,  durchaus erhöht bleiben könnte, aber das wäre dann bei der Vorgeschichte nicht alarmierend. Jedenfalls ist der beängstigende Anstieg bis auf 325 U/l im Januar 2014 seither gestoppt und hat sich in eine Abwärtskurve verwandelt. Ich bin gespannt, ob sich bei der nächsten Untersuchung, die für Ende Februar / Anfang März 2015 vorgesehen ist, eine weitere Normalisierung zeigt. Ein Verbleib auf dem gegenwärtigen Niveau wäre auch schon prima.

Wir durften am 7. November 2014 aufatmen, wieder einmal. Dankbar und erleichtert.

So – das wollte ich meine treuen Blogbesucher und die vielleicht ab und zu mal oder erstmalig hereingeschneiten Leser wissen lassen, weil ich weiß, dass viele Anteil nehmen an meinem Ergehen. Gute Nachrichten soll man ja mit möglichst vielen Menschen teilen, dann vervielfältigt sich die Freude.

Donnerstag, 25. Dezember 2014 – Ein Blick zurück in Dankbarkeit

»Wie 2014 wird, das bleibt abzuwarten. Ich hoffe und wünsche mir und bete darum, am Ende des kommenden Jahres noch am Leben und bei robuster Konstitution zu sein, aber ich weiß auch, dass der Krebs innerhalb weniger Monate den Schlusspunkt unter mein Leben setzen kann. Meine Chancen, dauerhaft gesund zu bleiben, liegen bei 50 Prozent, dem Onkologen im Klinikum zufolge.«

Mit diesen Worten begann ich meinen Jahresrückblick 2013. Ich kann heute einfach die Jahreszahl austauschen … denn die gleiche Hoffnung, auf der »gesunden Seite« der 50 Prozent zu bleiben, wird die beste aller Ehefrauen und mich auch in das Jahr 2015 begleiten.

Weihnachten 2014Mein Rückblick auf 2014 ist ein sehr dankbarer. Zunächst, weil ich noch lebe, denn das ist nicht selbstverständlich. Doch ich lebe nicht nur irgendwie gerade noch so, sondern es geht mir von einigen Malaisen abgesehen sogar sehr gut.

Ich hatte, abgesehen von einem Hörsturz mit seither anhaltendem Tinnitus im Februar, keine neuen gesundheitlichen Probleme. Dass mein Verdauungsapparat deutlich sensibler ist als vor der Krebserkrankung, daran habe ich mich längst gewöhnt und damit kann ich zurechtkommen. Dass der durch einen Unfall bei der Chemotherapie geschädigte rechte Arm mal mehr, mal weniger schmerzt, auch daran habe ich mich längst gewöhnt. Ich bin sogar froh, dass dies so ist, denn in vielen Fällen, das bestätigte meiner Frau kürzlich wieder unser Interviewer von der Krebsforschung der Charité, führt ein solcher, extrem seltener, aber dennoch nicht auszuschließender Unfall zum Verlust des Unterarms. Und ich habe meinen Arm behalten dürfen – das wiegt schwerer als Schmerzen, die auszuhalten sind. Und wer weiß, vielleicht bessert sich das auch im Lauf der Zeit noch. Es gibt zu wenige vergleichbare Fälle, um da Prognosen zu wagen.

Das gilt auch für die Zehen- und Fingerspitzen, die seit der Chemotherapie taub und kalt sind. Kürzlich in der Sauna fiel mir zum ersten Mal und eher zufällig auf, dass ich mit den Zehenspitzen die Unebenheiten der Fliesen fühlen konnte. Zumindest in der Hitze der Dampfsauna war das Gefühl vorübergehend zurückgekehrt. Daraus eine hoffnungsvolle Tendenz abzulesen will mir nicht gelingen, aber immerhin war es eine deutliche Veränderung des normalen Zustandes.

Meine Blutwerte haben sich seit Januar kontinuierlich gebessert. Der Gamma-GT-Wert ist zwar noch deutlich erhöht, aber im Vergleich zu den alarmierenden Gipfelstürmen nach der Leberoperation im Oktober 2013 ist er inzwischen fast schon im Tal der Normalität angekommen.

Viele Gründe also, dankbar zu sein. Für die verliehene Gesundheit.

Aber darüber hinaus gab es 2014 noch viele weitere Anlässe für dauerhafte Dankbarkeit. Wir konnten zwar keine »große« Urlaubsreise unternehmen, aber statt dessen hatten wir an etlichen verlängerten Wochenenden Gelegenheit, uns bisher unbekannte Gegenden und Orte zu erkunden. Im Müritz-Nationalpark und im Erzgebirge waren wir unterwegs, aber auch in und um Berlin haben wir manche wunderschönen und interessanten Ausflüge erlebt, vom Dahlienfeuer und Teufelsberg bis Caputh und Potsdam, vom Straßenfest bis zu mehreren Theater- und Ausstellungsbesuchen. Auch ein paar wunderbare Konzerte konnten wir genießen.

Nicht alles, was wir uns an Unternehmungen so ausgemalt und vorgenommen hatten, haben wir dann auch verwirklicht, denn manchmal ist es einfach schöner, einfach nur zu Hause zu entspannen und manchmal gibt es zu viel zu tun (wer selbständig arbeitet, kennt eben in der Regel keine »ordentlichen« Arbeitszeiten sondern richtet sich nach den Anforderungen der Kunden).

P5259046Viel Freude gemacht hat mir im Mai die Teilnahme am Benefizlauf »Joggathon 2014«. Dass ich nur acht Monate nach der Leberoperation immerhin zehn Runden schaffen (und damit 245 Euro für den guten Zweck erlaufen) würde, hätte ich vorher nicht erwartet. Jetzt, am Jahresende 2014, fallen mir zehn und mehr Kilometer Dauerlauf in 60 Minuten nicht sonderlich schwer. Falls es also 2015 wieder einen Benefizlauf gibt und ich gesund bleibe, könnte ich aus heutiger Sicht von einem noch besseren Ergebnis ausgehen. Doch das ist Zukunftsmusik. Zurück zum Rückblick auf das vergangene Jahr.

Dankbar bin ich auch für ausreichende finanzielle Versorgung, denn dass man Arbeit hat, beziehungsweise Aufträge von zahlungsfähigen Kunden, ist heutzutage nicht selbstverständlich. Neben meiner 40-Stunden-Woche als Personalreferent hatte ich Kraft genug, im Rahmen unserer selbständigen Tätigkeit neben kleineren Textarbeiten auch umfangreiche CD-Produktionen und mehrere Übersetzungen zu fertigen.

Einiges, was mir vorschwebte, habe ich nicht verwirklicht – vielleicht komme ich ja 2015 dazu? Zum Beispiel die Überarbeitung und Neuauflage meines Romans »Es gibt kein Unmöglich!« und die Arbeit an einem gemeinsamen Buch mit der besten aller Ehefrauen über unser Leben und Erleben seit und mit der Krebsdiagnose.

Der Blick auf das beinahe vergangene Jahr ist jedenfalls geprägt von sehr viel Dankbarkeit und der Blick auf das kommende Jahr ein hoffnungsvoller: Ich werde weiter für die Kräftigung meines Immunsystems und Körpers tun, was in meiner Macht liegt – wenn Gott mir dazu weiterhin Gesundheit verleiht, darf ich auch 2015 wieder Weihnachten feiern.

Meinen geschätzten Blogbesuchern wünsche ich von Herzen ein gutes und gesundes und frohes neues Jahr.

Freitag, 6. Februar 2015 – Vom Auf und vom Ab und vom Akzeptieren

Vom Fernsehsender Arte wurde am Welt-Krebs-Tag der faszinierende Film »Heute bin ich blond« ausgestrahlt. Er erzählt die wahre Geschichte einer 21jäghrigen, die aus heiterem Himmel erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist – mit einer 15prozentigen Überlebenschance. Der Kampf gegen die Krankheit, den die junge Frau aufnimmt, führt auf etliche Höhen und in manche Tiefen, die in eindringlichen Bildern gezeigt werden. Der Film endet mit der guten Nachricht, dass der Tumor restlos verschwunden ist.
Dass damit die Geschichte für Sophie van der Stap, so heißt die junge Frau im wirklichen Leben, nicht zu Ende ist, wird zwar nicht erzählt, aber es ist zu vermuten. Derart aggressive Chemotherapien und Bestrahlungen hinterlassen Schäden, sicher auch in einem so jungen Körper. Vielleicht berichtet Frau van der Strap in ihrem Buch darüber mehr, das habe ich nicht gelesen.
Der Arm zwei Stunden nach dem ChemieunfallMir geht es mit den Spät- und Dauerfolgen nicht immer gleich. Ich beobachte ein Auf und Ab, das keinem regelmäßigen Rhythmus folgt und auch keine Ursachen erkennen lässt.
Zum Beispiel der bei der Chemotherapie geschädigte rechte Arm:Als es vor ein paar Wochen kalt wurde in Berlin, nahmen die Schmerzen deutlich zu, es ging so weit, dass ich den Arm kaum noch zu benutzen wagte und beispielsweise Notizen während der Arbeit mit der linken Hand anfertigte. Haushaltstätigkeiten wie Staubsaugen musste ich gänzlich einstellen oder eben »mit Links« bewältigen. Nachts wachte ich öfter auf, weil die Schmerzen durch eine ungünstige Lage des Arms überhand nahmen. Meine Vermutung war, dass die kalte Witterung dieses Ab verursachte – obwohl ich mich nicht an etwas derartiges im letzten Winter erinnern konnte. Heute ist es draußen immer noch kalt, aber das Schmerzniveau im Arm ist wieder auf das übliche Maß, das ich im Alltag kaum wahrnehme, zurückgegangen.So ist es auch mit anderen Phänomenen, von der Verdauung über die erektile Dysfunktion und Fatigue bis zum Taubheitsgefühl in Fingern und Zehen: Auf und Ab, ohne für mich erkennbare Ursachen oder Zusammenhänge.
Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende. ~Demokrit
Ich will meinen Lesern, die selbst an Krebs erkrankt sind oder erkrankte Verwandte haben, und solche Leser gibt es wie ich weiß eine Menge, Mut machen: Seit ich vor längerem beschlossen habe, anstatt mit dem Schicksal oder Gott zu hadern und mich zu bemitleiden, werde ich damit besser fertig. Das heiß nicht, dass so etwas schön wäre oder leicht fällt. Das heißt nicht, dass ich mich zurückziehe und den Kampf auch gegen solche Symptome aufgebe. Nein, das heißt es nicht. Aber es liegt eine Menge Kraft im Akzeptieren von Tatsachen.
Der Arm drei Tage nach dem UnfallDas sieht bei mir, um auf das erste Beispiel zurückzukommen, so aus: Anstatt zu sagen: ich wünschte, mein rechter Arm wäre nicht beschädigt worden; anstatt zu jammern: warum musste eine so seltene Katastrophe ausgerechnet mich treffen; anstatt Schuldige zu suchen: warum haben die Ärzte bei der Infusion nicht besser aufgepasst, warum hat Gott kein Auge auf die Situation geworfen …
… sage ich mir: Das Gewebe ist zum Teil zerstört, die Nerven sind zum Teil irreparabel beschädigt. Das ist jetzt so. Der gesunde Arm ist Vergangenheit und kommt nicht wieder. Das ist die Situation, und nun schaue ich, wie ich aus den Tatsachen das Beste mache. Kann ich durch Vermeidung bestimmter Bewegungen Schmerzen vermeiden? Was kann ich alles auf die linke Hand übertragen? Kann ich durch Massage oder bestimmte Haltungen für eine Kräftigung der verbliebenen Muskeln sorgen?
Ich probiere manches einfach aus, weil es hinreichende medizinische Erkenntnisse und ärztlichen Rat bei solch seltenen Fällen nicht gibt.Manches hilft. Manches geht mal, dann wieder nicht. Was nicht funktioniert, funktioniert eben nicht. Damit finde ich mich ab und prüfe, ob es und wie es vielleicht auf andere Weise Besserung und Abhilfe gibt.
So ist es eben. Einiges gelingt. Anderes misslingt. Mal wird etwas deutlich besser, dann plötzlich wieder schlechter. Auch das kann ich akzeptieren, anstatt darüber zu jammern. Mein Glas ist nämlich immer noch halb voll, selbst wenn die Hälfte der Inhaltes verschüttet wurde und nicht wieder aufgefangen werden kann.
Und manchmal, das hat die Geschichte von Sophie van der Stap mir wieder vor Augen geführt, reichen sogar 15 Prozent.

 …

Samstag, 23. Mai 2015 – Wieder dankbar aufatmen …

Meine Facebook-Freunde haben es gestern schon gelesen – aber auch die vielen regelmäßigen Blogbesucher, die bei Facebook nicht registriert sind, dürfen es wissen:

Die Krebsnachsorgeuntersuchung am Donnerstag wurde abgebrochen, aber am Freitag fand sie dann statt und die Ergebnisse lassen uns ein weiteres mal dankbar aufatmen: Alles in Ordnung, nichts Auffälliges wurde gefunden.

Aufatmen

Eventuell wird demnächst die Galle gesondert untersucht, weil sie sich bei der Sonografie nun schon seit über sechs Monaten beharrlich versteckt. Allerdings deutet nichts bei den Blutwerten auf irgend ein Problem mit der Galle hin und Beschwerden habe ich auch nicht.

Wir sind natürlich beide sehr froh, die Pfingstfeiertage nun unbeschwert genießen zu können und bedanken uns bei allen, die nicht müde werden, uns zu ermutigen und durch ihre Anteilnahme oder/und Gebete unsere Last ein wenig mittragen.

Gott sei Dank und den geschätzten Blogbesuchern ebenso: Danke!

Montag, 24. August 2015 – Vom Rumflattern und vom Nestbau

Es ist, dachte ich mir, mal wieder an der Zeit, meine treuen Leser an meiner gesundheitlichen Entwicklung teilhaben zu lassen. Dass davon länger nicht die Rede war, abgesehen von einer kurzen Notiz bezüglich der letzten Krebsnachsorgeuntersuchung, ist durchaus als gutes Zeichen zu verstehen: Es gab und gibt keine besorgniserregenden Symptome oder Ergebnisse. Das heißt, dass es mir gut geht, und es gibt Grund genug zur Freude und Dankbarkeit.

Nun ist das mit dem »gut gehen« wie so vieles im Leben relativ. Gerade die Leser, die selbst vom Krebs betroffen sind oder Krebspatienten unter den Verwandten und Freunden haben, wissen um diese Relativität. Dass es mir gut geht, heißt nicht, dass die Schäden und deren Folgen durch den Krebs, die beiden Operationen und die Chemotherapie verschwunden wären. Das ist nicht der Fall und auch nicht zu erwarten. Ein um die Hälfte verkürzter Dickdarm wächst nicht nach. Durch Chemotherapie zerstörte Nervenzellen werden nicht – oder nur sehr langsam – ersetzt, diesbezüglich forscht die Wissenschaft noch fleißig. Das durch die Krebserkrankung ausgelöste Fatigue Syndrom ist hartnäckig, die meisten Mediziner gehen davon aus, dass eine Heilung auch bei langjähriger Krebsfreiheit nicht möglich oder sehr unwahrscheinlich  ist.

Würde ich also fortwährend betrachten, was nicht in Ordnung ist, hätte ich schnell einiges zusammengestellt, worüber ich klagen könnte. Statt dessen richte ich aber meine Achtsamkeit viel lieber auf all das, woran ich mich erfreuen kann. Und das ist immer noch, trotz der unleugbaren Schäden, jeden Tag eine ganze Menge.

Clipboard01Es lässt sich nicht verhindern, soll Martin Luther sinngemäß gesagt haben, dass die Vögel (womit er dunkle Sorgen und Ängste gemeint haben soll) den Kopf umkreisen. Das heißt aber nicht, dass sie auch ein Nest bauen dürfen.

Ich kann es nicht verhindern, dass oft unvermittelt und ohne erkennbaren Anlass Ängste auftauchen:

  • Demnächst habe ich Geburtstag. Von den geladenen Gästen habe ich mir gewünscht, dass sie, soweit sie mich beschenken möchten, Amazon-Gutscheine oder Bargeld wählen, damit ich mir einen langjährigen größeren Wunsch erfüllen kann: Ein spezielles Objektiv für meine Kamera. Als ich beim Schreiben der Einladungen war, kam prompt der Gedanke angeflogen: Lohnt sich das denn überhaupt noch? Vielleicht bist du ja bald tot und hast dann gar nichts mehr davon.
  • In den nächsten Monaten möchte ich mich, da der Roman »Jessika« jetzt endlich fertig ist (und Anfang September erhältlich sein wird), einem weiteren Buchprojekt widmen. Und prompt flatterte, als ich darüber nachdachte und die ersten Vorbereitungen erledigte, der Gedanke herbei: Das wird ja sowieso nicht zu deinen Lebzeiten fertig. Warum willst du dir die Mühe machen?
  • Beim Aufwachen vor ein paar Tagen meinte ich (wohl ein Restüberhang aus einem Traum), im Krankenhaus zu liegen und auf eine Lungenoperation zu warten, weil bei einer Röntgenkontrolle Metastasen entdeckt wurden.

Ja, so sind sie, die Vögel der dunklen Sorgen und Ängste. Sie kommen angeflogen, ohne dass man sie eingeladen hätte. Es hat keinen Sinn, ihr Flattern und Kreisen zu leugnen. Wer einmal an Krebs erkrankt war, wird solche Gedanken vermutlich nicht mehr oder nur sehr langsam los. Aber ich kann wirklich verhindern, dass derartiges Federvieh sich häuslich einrichtet und bequeme Nester baut, indem ich mich in solchen Momenten immer wieder bewusst entscheide, mich positiven Gedanken zuzuwenden. Denn es gibt Grund genug, Grund in Hülle und Fülle, dankbar und froh zu sein.

Und dann fliegen sie in der Regel auch zügig wieder davon, die Sorgenvögel.

Montag, 5. Oktober 2015 – Zwei Jahre ohne …

Für die beste aller Ehefrauen und mich ist die Zeitspanne von nunmehr 24 Monaten, in denen keine neuen Metastasen aufgefunden wurden, Grund für große Dankbarkeit und Freude. Und sicher sind auch Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft gestärkt – allerdings wissen wir beide, dass es keine Garantie für anhaltende Gesundheit gibt. Zwischen der Darmkrebsoperation im März 2012 und dem Leberkrebs im September 2013 lagen auch eineinhalb Jahre, in denen alles in Ordnung zu sein schien.

2years»Angst essen Seele auf« lautete der Titel eines (in der damaligen Zeit sehr beeindruckenden) Filmes aus dem Jahr 1974. In dem Melodram ging es nicht um Krebs, es ist aber etwas grundsätzlich Wahres dran an der Aussage. Zumindest kenne ich das aus eigenem Erleben seit März 2012: Vor jedem der vierteljährlichen Nachsorgetermine mehren sich die dunklen Gedanken und Befürchtungen. Das nimmt nicht ab. Und wer weiß, vielleicht ist das ja sogar gut so? Jedenfalls wird mir (beziehungsweise uns) auf diese Weise regelmäßig in Erinnerung gebracht, dass die verliehene Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und sein wird.

Ich habe mich entschieden, die Angst nicht zu ignorieren (was sowieso schier unmöglich wäre) oder zu verdrängen (was ein törichtes Unterfangen wäre), sondern sie bewusst zur Kenntnis zu nehmen: Ich habe Angst vor einem Wiederkehr der Krebserkrankung. Das ist so. Punkt.

Das Entscheidende ist, wie ich mit dieser Angst umgehen möchte. Lasse ich zu, dass sie die Seele aufisst? Bin ich ihr wehrlos ausgeliefert?

Nein. Ich kann ihr einerseits durchaus Substantielles entgegensetzen, indem ich so krebsfeindlich wie möglich lebe, meine regelmäßigen Blogbesucher wissen, was damit gemeint ist. Ausdauersport, Bewegung, entsprechende Ernährung.

Wenig Bewegung, schlechte Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. All das fördert das Risiko für Darmkrebs. Er ist mit jährlich etwa 62.000 Neuerkrankungen die dritthäufigste Tumorerkrankung in Deutschland.
-Spiegel/Gesundheit online

Andererseits weiß ich um die göttliche Schöpfungskraft, die ihre heilende Wirkung auch heute noch beweisen kann. Es gibt keinen Mechanismus, keinen Automatismus dafür, das wissen wir aus bitterer familiärer Erfahrung. Ich würde auch nie behaupten, das Wirken oder Nichtwirken Gottes verstehen oder erklären zu können. Aber das ändert nichts daran, dass ich eben diese Kraft am eigenen Leib erlebt habe und daher auch für meine Zukunft weiß, dass es bei Gott kein Unmöglich gibt.

Wen die Dankbarkeit geniert,
Der ist übel dran.
Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen den beiden Fotos, die diesen Blogbeitrag illustrieren, liegen rund zwei Jahre. Zwei Jahre ohne Metastasen. Das ist Grund zum Freuen und bei all der Freude möchte ich die Dankbarkeit nie vergessen.

Montag, 9. November 2015 – Es gibt wichtigeres im Leben als Politik

wwEin sichtlich vom Kampf gegen den Krebs gezeichneter Guido Westerwelle war gestern in der Gesprächsrunde bei Günther Jauch zu Gast, zusammen mit der jungen Leukämiepatientin Eva Fidler, die wie Westerwelle zuerst einmal aufatmen kann. Geheilt sind sie noch lange nicht, aber immerhin haben sie Stammzellentransplantation und Chemotherapie überstanden. Der »alte« Westerwelle, der auf mich oft etwas überheblich gewirkt hatte, war so gut wie gar nicht mehr erkenntlich.

Er hat, genau wie ich, Tagebuch geführt, um mit der Diagnose Krebs innerlich irgendwie zurecht zu kommen. Bei einem prominenten Menschen wie ihm war natürlich der Journalist nicht weit, der daraus ein Buch gemacht hat und es wird auch kein Problem gewesen sein, einen Verleger zu finden. Ich möchte, soweit mir weiterhin Gesundheit verliehen wird, zusammen mit der besten aller Ehefrauen ebenfalls meine und ihre Erinnerungen und Aufzeichnungen in ein Manuskript umarbeiten – allerdings wird das noch eine ganze Weile dauern, da ich weder prominent noch vermögend bin. Der Broterwerb macht es einstweilen unumgänglich, meiner Arbeit in einem Industriebetrieb nachzugehen.

Aber anderes haben Herr Westerwelle, Frau Fidler und ich doch gemeinsam: Einen anderen, dankbareren und viel aufmerksameren Blick auf das Leben, auf jeden neuen Tag. Die Gewichtungen haben sich durch die Diagnose Krebs deutlich verschoben. Was mich einst aufregen konnte, was mir ungeheuer wichtig erschien, ist erheblich geschrumpft. Wo ich früher geradezu verbiestert gestritten hätte, mische ich mich überhaupt nicht ein, zum Beispiel bei den manchmal erschreckend aggressiven Diskussionen in sozialen Netzwerken über die sogenannte Flüchtlingskrise, wo es nur noch zwei Extreme, Gutmenschen oder Nazis, zu geben scheint und jegliches vernunftbasiertes Austauschen von Argumenten fehlt.

Der Focus schreibt zum gestrigen Auftritt von Guido Westerwelle:

Kein Wort zur Politik? Zum großen Flüchtlingswillkommenheißen der Kanzlerin, zu kleinen und großen Regierungsverwerfungen. Günther Jauch, der auf den letzten Metern noch so etwas wie eine politische Sendung machen will, geht in Vorleistung: „Wir gehen davon aus, dass wir kein Wort dazu hören.“ Sagt Westerwelle nur „genau“. Und dann ist es aus. Es gibt Wichtigeres im Leben als die Politik. Spätestens dann, wenn es ums Überleben geht.
Quelle: [Focus Online]

So ist es bei Herrn Westerwelle und so ist es bei mir. Und das ist auch gut so.

Ich wünsche ihm, der Frau Fidler und allen Prominenten und Unbekannten, die gegen den Krebs ankämpfen, aus tiefstem Herzen viel Kraft, Mut und Gottes Segen dazu.

P.S.: Die Bücher, die ich schon geschrieben habe, und über deren Verkauf an interessierte Leser ich mich sehr freue, findet man hier: [Günter J. Matthia bei Amazon]

P.P.S: Mein »Tagebuch«, so wie es entstanden ist und entsteht, findet man, bis irgendwann ein Buch daraus wird, auf meinem anderen Blog: [Aufzeichnungen seit der Krebsdiagnose]

P.P.P.S.: Foto: REUTERS via Süddeutsche Zeitung

Mittwoch, 25. November 2015 – Weg sind sie, die Rundherde

Als Darmkrebspatient ist man besonders auf der Hut, wenn es um Leber und Lunge geht, denn das Auftreten von Metastasen ist statistisch gesehen in diesen beiden Organen am häufigsten zu beobachten. Nachdem bei mir, passend zur Statistik, im Herbst 2013 Lebermetastasen gefunden und operiert wurden, ist es sicher verständlich, dass ich über zwei »Rundherde« in der Lunge durchaus beunruhigt war. Diese Rundherde wurden beim Röntgen im März 2012 anlässlich der Darmkrebsbehandlung entdeckt, also begleiteten sie mich gedanklich schon eine ganze Weile.

Für solche Lungenrundherde gibt es zahlreiche Ursachen, zu den häufigsten zählen:

  • Tumore wie Bronchialkarzinom oder Metastasen
  • Infektionen wie Tuberkulose
  • Granulome wie Sarkoidose oder Granulomatose mit Polyangiitis

Bei Krebspatienten sind Tumore das, worauf man zunächst kommt. Im Januar 2014 wurde daher meine Lunge erneut durchleuchtet. Die beiden Rundherde waren unverändert vorhanden.

rundherde2014-01-08

Immerhin war es ein kleiner Lichtblick, dass sie nicht größer geworden waren, aber als Entwarnung konnte ich (genau wie mein Arzt) das nicht werten. Sechs Monate später, im Juli 2014, wurde erneut eine Röntgenaufnahme gemacht, bei der sich wiederum keine Veränderung zeigte.

rundherde2014-07-16

Etwas über zwei Jahre seit der ersten Aufnahme und kein Wachstum der Rundherde – das deutete auf eine harmlose Ursache hin. Jede Röntgenuntersuchung ist, genau wie die zahlreichen CT-Diagnosen, die ich seit 2012 erlebt habe, mit einer Strahlenbelastung für den Organismus verbunden. Die Strahlung wiederum ist als Risikofaktor für das Auftreten von Tumoren hinreichend bekannt, also muss man das Maß auf das wirklich Notwendige beschränken, ohne jedoch andererseits zu riskieren, dass Metastasen nicht sehr frühzeitig entdeckt werden. Es ist von Fall zu Fall eine Entscheidung, die mein Arzt und ich gemeinsam treffen, ein Abwägen von Vorteilen gegen Nachteile.

Nun wurde kürzlich, mit rund 15 Monaten Abstand, die nächste Kontrolluntersuchung der Lunge durchgeführt. Und siehe da, was ich überhaupt nicht erwartet hatte, las ich gestern schlicht und kurzgefasst im frisch eingetroffenen Befund:

rundherde2015-09-29

Keine Rundherde. Womöglich, das werde ich bei der nächsten Gelegenheit meinen Arzt fragen, hat der regelmäßige Ausdauersport, bei dem ja auch die Lunge reichlich zu tun bekommt, etwas damit zu tun?

Wie auch immer. Wir beide, die beste aller Ehefrauen und ich, sind außerordentlich erleichtert, überrascht und dankbar.

Mittwoch, 23. März 2016 – Zweieinhalb krebsfreie Jahre

2013 im Herbst und 2016 im MärzNach der heutigen Krebsnachsorgeuntersuchung können wir beide wieder aufatmen und das bevorstehende Osterfest unbeschwerter genießen und feiern: Wiederum wurden keine Metastasen oder sonstigen Auffälligkeiten festgestellt. Die Ergebnisse aus dem Labor bekomme ich zwar erst am 6. April, aber diesbezüglich bin ich recht gelassen.

Zweieinhalb Jahre – das bedeutet Halbzeit. Nach fünf Jahren gilt man medizinisch als geheilt. Das heißt natürlich nicht, dass man nie wieder Krebs bekommen kann, aber die Wahrscheinlichkeit liegt dann wieder auf dem gleichen Niveau wie vor der Diagnose.

Bis dahin, bis zum Herbst 2018, habe ich nach wie vor eine Überlebenschance von 50 Prozent. Das zu wissen steigert die Dankbarkeit für die bis hierher verliehene Gesundheit und die Entschlossenheit, auch künftig alles in meiner Macht stehende zu tun, einer erneuten Tumorbildung entgegenzuwirken. Bekanntlich gibt es da zwei Gebiete: Ausdauersport mindestens dreimal wöchentlich für mindestens 45 Minuten und eine Ernährung, die soweit wie möglich frei von chemischen Zusatzstoffen ist und industriell beziehungsweise maschinell verarbeitete Lebensmittel ausschließt, wo immer das geht.

Meinen Blogbesuchern, die mich immer wieder ermutigen und Anteil nehmen, will ich an dieser Stelle wieder einmal ausdrücklich danke sagen! Und allen, die ebenfalls gegen den Krebs kämpfen (oder in deren Familie das der Fall ist) kann diese Halbzeitnachricht hoffentlich Mut machen.

Foto: Oktober 2013 auf der Intensivstation und heute nach der Untersuchung

Sonntag, 26. Juni 2016 – Das sind doch sehr schöne Bilder …

innen… meinte mein Arzt beim Blick auf die Resultate der 50minütigen MRT-Untersuchung.

Ich gebe zu, dass ich auf den hunderten von Bildern eher weniger zu erkennen in der Lage bin als mein Doktor und der Radiologe, aber das macht nichts. Ich habe ja auch nicht Medizin studiert. Gut dass es Fachleute gibt. Und gut, dass man heute ohne weiteres solch genaue Einblicke in den Körper gewinnen kann, ohne ihn aufzuschneiden.

Um es kurz zu machen, liebe Blogbesucher: Auch diese sehr gründliche Untersuchungsserie lässt uns erleichtert und dankbar aufatmen, denn es gibt erneut keinerlei Hinweise auf neue Tumore. Weder der Darm, wo ja der ursprüngliche Krebs auftrat, noch die Leber, die eineinhalb Jahre später betroffen war, zeigen irgendwelche Auffälligkeiten (abgesehen von den Operationsnarben). Im Medizinerdeutsch klingt das so:

  1. Keine Lebermetastasen. Subkapsuläre Zyste S4a ventral. Suszeptibilitasartefakte lateral am rechten Leberlappen nach Resektion zweier Metastasen.
  2. Kein Anhalt für ein locoregionäres Rezidiv bei Zustand nach Kolon-Ca links
  3. Milz, Pankreas, Nebennieren, Nieren (bis auf kleine Parenchymzysten), Lymphknotenstationen und kleines Becken regelrecht.

So. Diese guten Nachrichten wollte ich meinen  geschätzten Blogbesuchern,  die ja bei weitem nicht alle via Facebook mit mir verbunden sind, nicht vorenthalten.

Natürlich verleihen solche konstant positiven Erkenntnisse von Untersuchung zu Untersuchung neuen Mut und Hoffnung, dass es auch weiterhin dabei bleibt, dass der Krebs besiegt ist. Aber Gewissheit gibt es natürlich nicht, das ist uns auch klar. Mit diesem Wissen lebt es sich anders, bewusster und dankbarer für jeden neuen Tag, jede neue Woche, jeden neuen Monat. Und das, liebe Blogbesucher, ist sogar sehr sehr gut so.


Mittwoch, 12. Oktober 2016 – Drei Jahre ohne …

WP_20161012_09_29_15_Pro… neue Tumore – ein gewaltiger Grund für Freude und Dankbarkeit.

Wie immer habe ich bei der Sonografie zwar auf dem Bildschirm mitverfolgen können, was mein Arzt da so in meinem Inneren betrachtet, ohne vorher den Bauch aufzuschneiden, aber ich würde nicht behaupten wollen, da auch nur annähernd irgend etwas zu erkennen. Daher bin ich auf seine Kommentare angewiesen, und die waren auch heute von guter Laune und guten Nachrichten geprägt. Es gibt keine Anzeichen von Veränderungen an den Organen, die Lymphknoten und Lymphgefäße sind vollkommen unauffällig und die Blutwerte zeigen keine Anzeichen für »raumgreifende Veränderungen« im Körper. Die beiden Tumormarker sind konstant auf ihrem unauffälligen Niveau geblieben.

Ich wollte meinen geschätzten Blogbesuchern, soweit sie nicht bei Facebook mit mir verbunden sind, diese gute Nachricht des heutigen Tages nicht vorenthalten. Demnächst werde ich mich hier wieder etwas regelmäßiger melden. Mehrere Menschen haben mich gefragt, warum ich meine de facto unkündbare Berufstätigkeit aufgegeben und damit eine sehr deutlich spürbare finanzielle Einbuße in Kauf genommen habe. Meine Antwort in vier Worten wäre diese: Der Klügere gibt nach.

Das will ich gerne etwas ausführlicher in Worte kleiden, demnächst an dieser Stelle.

 


Freitag, 21. Oktober 2016 – Du musst hier raus … – Teil 1

 Etliche Menschen haben mich gefragt, warum ich meine de facto unkündbare Berufstätigkeit aufgegeben und damit eine schmerzlich spürbare finanzielle Einbuße in Kauf genommen habe. Meine Antwort in vier Worten: Der Klügere gibt nach.

Das würde ich gerne ausführlicher schildern, allerdings gilt eine Verschwiegenheitsverpflichtung bezüglich der Vorgänge und Zustände bei einem Arbeitgeber über das Ende des Arbeitsverhältnisses hinaus. Stattdessen will ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nun einfach eine Geschichte erzählen. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen und wirklichen Orten – Sie ahnen das ja schon – wären rein zufälliger Natur und sind nicht beabsichtigt.

Nehmen wir einmal an, es hätte einen Arbeitnehmer namens Johannes Matthäus gegeben, der in einem Industriebetrieb – nennen wir ihn QVL-Werke GmbH & Co. KG (kurz QVL) – als Personalreferent gearbeitet hat. Nehmen wir ferner an, es hätte dort einen Vorgesetzten – nennen wir ihn Herrn Immermüller – gegeben und zwei Mitarbeiterinnen im Personalbüro – nennen wir sie Frau Mosdrich (wie der Mostrich, aber mit d) und Frau Hirte. Und schließlich nehmen wir an, man schriebe den 4. Februar 2013. An diesem Tag kehrt Johannes Matthäus an den Arbeitsplatz zurück, den er runde zwölf Monate zuvor, am 13. März 2012 um 16:03 Uhr, verlassen hatte, ohne zu ahnen, was ihm bevorstand.

Anfang Februar 2012 war er bereits sechs Tage lang wegen starker Krämpfe und Bauchschmerzen arbeitsunfähig gewesen. Nach einer Untersuchung im Krankenhaus hatte man ihn wieder nach Hause entlassen und Antibiotika verordnet. Es handele sich um eine Entzündung im Darmbereich, eine Divertikulitis, hatte es geheißen. Vier Wochen lang waren die Schmerzen immer wieder aufgetaucht, trotzdem fuhr Johannes Matthäus Tag für Tag ins Büro, denn er machte seine Arbeit gerne. Ab dem 10. März 2012 aber wurden die Beschwerden zu quälend und es kamen Erbrechen sowie ständige Übelkeit hinzu. Sein Zustand verschlimmerte sich dermaßen, dass er schließlich am 13. März abends vom Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Es folgten die Diagnose Darmkrebs, eine Operation, eine Rehabilitation und acht Zyklen Chemotherapie.

Und nun, am 4. Februar 2013, 46 Wochen später, wollte Johannes Matthäus wieder arbeiten. Einen Schritt zurück in die Normalität tun.

Die Abteilung war in ein anderes Büro umgezogen und um Frau Hirte, die als Krankheitsvertretung eingestellt worden war, ergänzt worden. Herr Immermüller hatte Johannes Matthäus einmal zu Hause besucht und ihm eine Zeichnung des neuen Büros zukommen lassen, auf der er sich seinen zukünftigen Arbeitsplatz aussuchen hatte dürfen. Doch als er nun an diesem Morgen zum ersten Mal das neue Büro betrat, hatte man ihm den schlechtesten Platz von allen zugewiesen: Mit dem Rücken zum offenen Raum und zur Tür, und – das war das wirklich Schlimme – gegenüber von Frau Hirte, die sich schnell als lichtscheues Wesen entpuppte.

Solange es wirklich dicke, schwere Wolken am Himmel gab, konnten die Jalousien oben bleiben. Doch schon bei Schleierbewölkung, ohne dass die Sonne auch nur vervorlugte, fühlte sich Frau Hirte geblendet und verdunkelte ohne zu fragen den Raum. Wenn Johannes Matthäus protestierte, blieb er ohne Erfolg, denn Frau Mosdrich, früher etwas weniger lichtempfindlich, hatte sich die Lichtfurcht inzwischen angeeignet. Was Frau Mosdrich schon immer ausgezeichnet hatte und geblieben war, war ihre feste Überzeugung, bei der kleinsten Luftbewegung krank werden zu müssen. Daher durfte, wenn ein Fenster gekippt war, auf keinen Fall die Tür offen sein. Tischventilatoren betrachtete sie als Mordwerkzeug. Die ehemalige Kollegin Frau Maladhaus, inzwischen seit ein paar Jahren in Rente, hatte seinerzeit einen Tischventilator unter dem Schreibtisch versteckt gehabt, um bei Sommerhitze wenigstens an den Beinen eine kleine Erleichterung zu verspüren.

So saß also fortan Johannes Matthäus Sommer wie Winter, Herbst wie Frühling im total abgedunkelten Büro, falls nicht schwere Wolken den Himmel verdeckten. Die Sauerstoffzufuhr war minimal, da Frau Mosdrich und Frau Hirte sich einig waren, dass es entweder zu kalt draußen oder zu heiß draußen war. Seinen Tischventilator konnte Johannes Matthäus nur auf niedrigster Geschwindigkeitsstufe laufen lassen, weil sonst die fünf Meter entfernt sitzende Frau Mosdrich wütend und lauthals meckerte, dass sie »im Zug säße« und sich den Tod holen würde.
Und Herr Immermüller? Was tat Herr Immermüller? Nichts.

Johannes Matthäus bat ihn mehrmals, eine andere Sitzordnung durchzusetzen: Die Frauen einander gegenüber auf der einen Seite des Büros, sein Schreibtisch auf der anderen. Dann hätte eine Hälfte des Büros abgedunkelt werden können, die andere bekäme Licht. Dann hätte ein Fenster, weit von Frau Mosdrich entfernt, geöffnet werden können, ohne dass sie einen tödlichen Lufthauch abbekäme. Dann wäre die Arbeitssituation so gewesen, wie ursprünglich beim Besuch des Herrn Immermüller während der Arbeitsunfähigkeit vorgesehen und versprochen. Vor allem aber so, dass Johannes Matthäus längerfristig – trotz der bleibenden Folgen seiner Erkrankung – seine Arbeit hätte tun können.

Er erklärte seinem Vorgesetzten die Auswirkungen des Fatigue Syndroms und wie stark sein Wohlbefinden, seine Leistungsfähigkeit und letztendlich seine Gesundheit von Tageslicht und guter Sauerstoffversorgung abhängig waren. Herr Immermüller, selbst natürlich mit einem Einzelbüro ausgestattet, in dem er lüften und die Helligkeit regeln konnte wie er wollte, hörte sich alles an und versprach: »Ich werde mal sehen, was ich da tun kann.«

Was das bedeutete, wusste Johannes Matthäus allerdings seit Jahren. Herr Immermüller versprach gerne …

Samstag, 22. Oktober 2016 – Du musst hier raus … – Teil 2

Wir erinnern uns, liebe Blogbesucher, dass wir hier eine Geschichte lesen. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen und wirklichen Orten – Sie ahnen das ja längst – wären rein zufälliger Natur und sind nicht beabsichtigt. 

Herr Immermüller versprach gerne, wenn es um eine Gehaltsanpassung ging, dass er anlässlich der nächsten Tariferhöhung »sehen werde, was er tun könne«. Er tat allerdings entweder nichts, oder er wollte oder konnte sich bei der Geschäftsführung nicht durchsetzen. Seit Jahren. Eine ehrliche Antwort wäre Johannes Matthäus lieber gewesen: »Ich kann/will keine Gehaltserhöhung für Sie durchsetzen.« Da weiß man dann, woran man ist. Aber dieses »ich werde mal sehen« – über Jahre wiederholt – sorgte natürlich dafür, dass die Glaubwürdigkeit des Herrn Immermüller schrumpfte und schrumpfte.

Johannes Matthäus hatte ihn bereits am 15. Februar 2013 im Rahmen des jährlichen »Mitarbeitergespräches« gefragt, warum er sein Wort bezüglich der Büroaufteilung nicht gehalten hatte. Eine Erklärung fiel dem Vorgesetzten nicht ein. Es sei nun eben mal so gekommen.

86fd213a886411e18cf91231380fd29b_7Ein gesunder Mensch kommt natürlich mit solchen und noch viel schlimmeren Arbeitsbedingungen zurecht. Johannes Matthäus hatte sich vorgenommen, den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu versuchen – falls der Versuch nicht von Erfolg gekrönt sein sollte, würde die Welt nicht untergehen. Und nun war er hin- und hergerissen zwischen Durchhalten und Resignation. Da er aber von seiner ganzen Natur her eher zum Durchhalten und wo notwendig Durchbeißen neigte, blieb er. Er schätzte auch die sehr guten, zum Teil freundschaftlichen Beziehungen zu den Mitarbeitern, die er betreute. Wie wohl in jeder Firma gab es auch im Hause QVL Menschen, mit denen er nicht so gut zurechtkam. Aber bei rund 95 Prozent der Beschäftigten freute sich Johannes Matthäus über ein rundum gutes berufliches Miteinander. Und das wog seinem Empfinden nach doch zumindest einen Teil der Beeinträchtigungen auf, denen er durch die Starrsinnigkeit von Frau Mosdrich und Frau Hirte ausgesetzt war.

Womöglich wäre es ihm angesichts seiner Schwerbehinderung von 60 Prozent gelungen, juristisch einen leidensgerechten Arbeitsplatz durchzusetzen. Den Versuch unternahm er jedoch nicht, da es ihm zutiefst fremd gewesen wäre, gegen einen Arbeitgeber zu klagen.

Im Rahmen der vierteljährlichen Krebsnachsorgeuntersuchungen erfuhr er dann an seinem Geburtstag, dem 23. September 2013, dass zwei Lebermetastasen diagnostiziert worden waren. Johannes Matthäus fand sich von heute auf morgen im Krankenhaus wieder. Es folgte eine fast sechsstündige Operation, die Gott sei Dank erfolgreich verlief. Der Leberkrebs konnte »im Gesunden«, das heißt, ohne dass etwas vom Tumorgewebe zurückblieb, entfernt werden.

Schon sieben Wochen nach der Operation kehrte Johannes Matthäus an seinen Arbeitsplatz zurück. Man mag daran ablesen, dass er seine Tätigkeit mochte, dass er gewillt war, den Kampf gegen den Krebs nicht aufzugeben, sondern ein so normales Leben wie irgend möglich zu führen.

Die Situation hatte sich natürlich nicht geändert, die Sitzordnung war die gleiche geblieben, von einem leidensgerechten Arbeitsplatz war keine Rede. Johannes Matthäus versuchte, durch regelmäßige Unterbrechungen seiner Arbeit durchhalten zu können. Er ging dann aus dem Büro an einen möglichst ungestörten Ort – häufig eine der Toiletten – und genoss am offenen Fenster ein paar Minuten Licht und Luft.

Am 21. Februar 2014 sprach Johannes Matthäus im Rahmen des Mitarbeitergespräches erneut seinen Vorgesetzten darauf an, dass eine andere Aufteilung des Büroraumes möglich und angesichts der Fatigue notwendig sei. Ohne Erfolg, wenn man das folgenlose »ich will mal sehen, was ich machen kann« nicht als Erfolg rechnen möchte.

Johannes Matthäus hielt durch. Im Frühjahr 2014 reagierte sein Körper auf die Belastungen mit einem Hörsturz, der zu einem chronischen Tinnitus und einem Verlust von 60 Prozent der Hörfähigkeit im linken Ohr führte.

An diesem Punkt angekommen dachte er erstmals ernsthaft darüber nach, seine geliebte Berufstätigkeit aufzugeben, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen oder ganz aufzuhören. Für einen 59jährigen war es natürlich nicht allzu aussichtsreich, auf dem Arbeitsmarkt eine passende Stelle zu finden.

Johannes Matthäus nahm fortan etwas mehr Rücksicht auf seinen Zustand. Er lehnte konsequent alle Arbeitsaufträge ab, die über die Stunden, für die er bezahlt wurde, hinausgegangen wären oder die seine jeweilige Leistungsfähigkeit überforderten. Herr Immermüller hörte nun immer häufiger ein Nein, wenn er kam und sagte: »Könnten Sie noch schnell …?« Es dauerte eine Weile, aber schließlich war dem Vorgesetzten klar, dass Johannes Matthäus jetzt feste Grenzen setzte.

Es soll sich nun an diesem Punkt der Erzählung kein falsches Bild in den Köpfen der geschätzten Leser festsetzen. Herr Immermüller und Johannes Matthäus kamen gut miteinander aus. Sie kultivierten ein freundlich distanziertes berufliches Miteinander, Johannes Matthäus blieb hilfsbereit und kooperativ, aber er ließ sich nicht mehr ausnutzen. Das akzeptierte der Vorgesetzte, die Positionen waren abgesteckt. Beim Abschied rund zweieinhalb Jahre später gingen Herr Immermüller und Johannes Matthäus im besten Einvernehmen und Frieden auseinander – aber so weit sind wir ja noch nicht mit dieser Geschichte.

Es gab Ende 2014 einen vermeintlichen Lichtblick – denn es stand ein erneuter Umzug innerhalb der Firmenzentrale an und Herr Immermüller hatte zugestimmt, dass Johannes Matthäus den Arbeitsplatz am linken Ende des Raumes (mit einer zusätzlichen Fensternische) bekommen würde. Das hätte eine so große Erleichterung bedeutet, dass Johannes Matthäus sogar Hoffnung schöpfte, die Auswirkungen der Fatigue könnten sich nach und nach mildern. Immerhin hatte der Vorgesetzte ja zugestimmt.

Doch auch dieses Versprechen …

Montag, 24. Oktober 2016 – Du musst hier raus … – Teil 3

Wir erinnern uns, liebe Blogbesucher, dass wir hier eine Geschichte lesen. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen und wirklichen Orten – Sie haben das noch im Kopf – wären rein zufälliger Natur und sind nicht beabsichtigt. 

Doch auch dieses Versprechen wurde gebrochen. Am Tag des tatsächlichen Umzugs musste Johannes Matthäus zur regelmäßigen Krebsnachsorgeuntersuchung und war deshalb nicht in der Firma. Als er am nächsten Tag bei QVL eintraf, hatte Frau Hirte den Platz eingenommen, der ihm versprochen worden war. Johannes Matthäus saß wiederum mit dem Rücken zur Tür gegenüber der vermutlich lichtscheusten Person im ganzen Betrieb. Frau Mosdrich und Frau Hirte hatten so entschieden.

Natürlich protestierte Johannes Matthäus. Er verlangte, dass Frau Hirte den Platz wechseln sollte. Sie weigerte sich, auch nur aufzustehen. Es hätte wohl körperlicher Gewalt bedurft, und das kam natürlich nicht in Frage.

Und Herr Immermüller? Was tat Herr Immermüller? Sie ahnen es ja schon, liebe Leser: Nichts. Ein lahmes »es ist nun mal so, und so bleibt es jetzt auch« war alles. Er bestritt nicht seine Zusage bezüglich der Raumaufteilung, aber er hatte nicht den Mut oder den Willen, sein gegebenes Wort nun auch durchzusetzen, obwohl Johannes Matthäus noch einmal eindringlich daran erinnerte, welche Auswirkungen das Fatigue Syndrom unter den gegebenen Umständen auf seine Leistungsfähigkeit, seine Konzentration und letztendlich auf seine Lebensqualität hatte. Das alles zählte nicht. Dass er die wesentlich längere Betriebszugehörigkeit und ein deutlich höheres Lebensalter hatte, dass er Schwerbehinderter war … hatte kein Gewicht.

An diesem Punkt war Johannes Matthäus klar, dass sein Vorgesetzter keinen Wert auf seine langfristige weitere Mitarbeit legte. Es folgten zwei weitere Ereignisse, die dann den Ausschlag gaben, die Firma zu verlassen.

Das eine Ereignis war der Tod einer Mitarbeiterin, zwei Jahre jünger als Johannes Matthäus. Er hatte sich mit ihr stets bestens verstanden, die berufliche Zusammenarbeit war sehr angenehm, und die beiden konnten auch über Gott und die Welt plaudern, wenn sich die Gelegenheit ergab. Dann wurde Darmkrebs – also die gleiche Erkrankung wie bei ihm selbst – diagnostiziert. Nur neun Wochen später war sie tot. Der Krebs war zu spät entdeckt worden.

Johannes Matthäus wusste bei allem Optimismus und allem Durchhaltewillen, dass aus medizinischer Sicht seine Chancen, die nächsten drei Jahre zu überleben, bei fünfzig Prozent lagen. Er dachte nicht ständig darüber nach, aber vor jeder der vierteljährlichen Untersuchungen häuften sich naturgemäß entsprechende Gedanken und Befürchtungen. Umso größer dann die jeweilige Erleichterung, weil keine neuen Metastasen gefunden wurden und alle Laborwerte auf Tumorfreiheit hindeuteten. Der Tod dieser Kollegin traf ihn sehr und wurde ihm zur eindrücklichen Mahnung, wie schnell und unerwartet das Leben, jedes Leben, enden kann. Sollte er sich wirklich noch bis zur Regelrente den Leiden aussetzen, die ihm durch die Situation im Büro zugefügt wurden?

Das andere, letztendlich dann ausschlaggebende Ereignis begab sich nach seinem Sommerurlaub 2015. Er konnte es zuerst kaum glauben, aber Herr Immermüller hatte tatsächlich Frau Hirte und Frau Mosdrich dazu bewegt, Listen mit Fehlern zu erstellen, die Johannes Matthäus angeblich bei seiner Arbeit machte. Allein die Vorstellung, dass einem Vorgesetzten so etwas einfallen konnte, war absurd. Dass die beiden dann tatsächlich jeweils ein Blatt vollgekritzelt hatten, offenbarte deren Auffassung von Kollegialität überdeutlich.

Johannes Matthäus ging die beiden Listen Punkt für Punkt mit Herrn Immermüller zusammen durch. Punkt für Punkt zeigte sich, dass die angeblichen Fehler keine waren. Von beiden Din-A-4-Blättern blieb buchstäblich nichts übrig, außer dass Johannes Matthäus bei einem mehrseitigen Vertragsdokument vergessen hatte, die Kopfzeilen der Folgeseiten anzupassen. Alles andere, was die beiden Schnepfen, wie Johannes Matthäus sie hinfort für sich bezeichnete, aufgeschrieben hatten, war schlichtweg falsch, oder sie hatten Zusammenhänge nicht verstanden.

WP_20161024_09_11_13_ProGab es im Anschluss eine Entschuldigung von Herrn Immermüller für diesen Vorfall? Nein. Von den Schnepfen? Nein.

Johannes Matthäus überlegte ein paar Tage, ob er den Betriebsrat über diesen ungeheuerlichen Vorgang informieren sollte, aber dann beschloss er, stattdessen seinen Ausstieg vorzubereiten. Das Klima im Personalbüro war so nachhaltig und endgültig vergiftet, jegliche Glaubwürdigkeit seines Vorgesetzten war zerstört. In dieser Umgebung und Situation noch weitere fünf Jahre bis zur regulären Rente zu arbeiten, hätte einen solch gewaltigen Verlust an Lebensqualität und Gesundheit bedeutet, dass es mit dem Gehalt nicht aufzuwiegen war. Er wusste aufgrund seiner Erkrankung ja nicht, ob er überhaupt 65 Jahre alt werden würde. Er wusste aber, dass er schon bei der Fahrt zum Arbeitsplatz oft genug verkrampfte, während der Stunden im Büro zunächst die Mittagspause und dann den Feierabend herbeisehnte, und dass er zu Hause so erledigt war, dass es ihm noch nicht einmal gelang, den Abendnachrichten zu folgen, ohne dabei einzuschlafen.

Am 8. April 2016 saß er dann beim jährlichen »Mitarbeitergespräch« dem (noch) gut gelaunten und wohl nichtsahnenden Herrn Immermüller gegenüber und ergriff das Wort: »Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie auf meinen Verbleib in der Firma keinen Wert legen. Sie haben es ja schon vor einiger Zeit geschafft, dass ich Ihnen grundsätzlich kein Wort mehr …

Dienstag, 25. Oktober 2016 – Du musst hier raus … – Teil 4 (Ende)

Liebe Blogbesucher, wir haben ja sicher nicht vergessen, dass wir hier eine Geschichte lesen. Falls doch, möchte ich erinnern: Die Handlung und alle handelnden Personen, Bezeichnungen und Lokalitäten sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen oder Lokalitäten und Bezeichnungen wären rein zufällig.

Am 8. April 2016 saß er dann beim jährlichen »Mitarbeitergespräch« dem (noch) gut gelaunten, wohl nichts ahnenden Herrn Immermüller gegenüber und ergriff das Wort: »Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Sie auf meinen Verbleib in der Firma keinen Wert legen. Sie haben es ja schon vor einiger Zeit geschafft, dass ich Ihnen kein Wort mehr glauben kann, wenn Sie etwas versprechen. Daher will ich in diesem Gespräch von Ihnen auch keine Zusagen mehr hören, was Sie eventuell zu tun gedenken. Ich will Ihnen nur mitteilen, dass ich lieber heute als morgen die Firma verlassen würde, um dieser Situation, die mich zunehmend krank macht, zu entkommen …«

Damit war das Leitlinien-Konzept für ein solches Gespräch zunichte gemacht. In den nächsten dreißig Minuten ging es nur noch darum, wie der Ausstieg vonstatten gehen konnte. Eine Kündigung seitens der Firma kam nicht in Frage, da Johannes Matthäus 18 Jahre Betriebszugehörigkeit hatte und schwerbehindert war. Er lehnte es ab, selbst zu kündigen, da ihn das ohne jegliche finanzielle Abfederung hätte dastehen lassen und schlug einen Aufhebungsvertrag aus gesundheitlichen Gründen vor. Sollte diese Einigung nicht zustande kommen, würde er so gut wie möglich durchhalten. Dass er aber zukünftig öfter krankheitsbedingt ausfallen würde, war absehbar. Er erklärte seinem Vorgesetzten die Zusammenhänge zwischen Krebserkrankung, Chemotherapie und Fatigue Syndrom, seine gesundheitlichen Einschränkungen und die Unzumutbarkeit der Zwangsverdunkelungen und mangelnden Frischluftzufuhr zum nunmehr vierten Mal. Erstmals hatte er den Eindruck, dass Herr Immermüller das alles tatsächlich zur Kenntnis nahm.

b13d1dc8832411e1abb01231381b65e3_7Johannes Matthäus hatte alle Varianten des Ausstiegs vorher mit seiner Frau besprochen. Sie hatten die Vorausberechnungen der vorzeitigen Rente bekommen und hin- und hergerechnet, was finanziell noch machbar war und was nicht. Johannes Matthäus hatte sich mit seinem Arzt beraten, der aus medizinischer Sicht eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses dringend empfahl. Eine Freundin der Familie, die ihr gesamtes Berufsleben bei der Rentenversicherung verbracht hatte, hatte bei der Entschlüsselung der für Laien unverständlichen Rentenauskunft geholfen und sofort Fehler aufgespürt.

Johannes Matthäus hatte mit sich gehadert, denn er war nun mal ein Mensch, der nicht zum Aufgeben neigte. Er kämpfte eher als zu kapitulieren. Aber er hatte sich auch nichts vorgemacht: Es würde sich nichts bessern an seinem Arbeitsplatz. Absolut nichts. Das machte ihm zusehends mehr zu schaffen. Sich zusammenreißen, sich einen Ruck geben – das funktionierte nicht mehr. »Du musst hier raus!« – die innere Stimme wurde immer lauter und deutlicher.

Johannes Matthäus rechnete, als er nun seinem Vorgesetzten gegenübersaß, aufgrund der in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen nicht damit, dass er mit seinem Vorschlag Gehör finden würde. Es war zwar so manches Gebet um einen Ausweg aus der Lage zum Himmel gestiegen, aber all die Enttäuschungen der Vergangenheit ließen nichts Gutes ahnen. Doch zu seiner großen Überraschung wirkte Herr Immermüller nicht nur ehrlich überrascht, sondern aufmerksam und zugewandt. Damit hatte er offenbar nicht gerechnet. Er sagte keine Ergebnisse zu, versprach lediglich, dass er sich die Sache in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen lassen und dann der Geschäftsleitung unterbreiten wollte.

Nach einer Woche signalisierte Herr Immermüller, dass er einverstanden sei und sich bei der Geschäftsleitung für das Modell Aufhebungsvertrag stark machen wolle. Johannes Matthäus war skeptisch. Zehn Tage später allerdings waren dann die Vertragsinhalte ohne Abstriche an den Vorgaben von Johannes Matthäus abgestimmt, und die Aufhebungsvereinbarung wurde unterschrieben. Herr Immermüller hatte sein Wort gehalten. Johannes Matthäus hatte lediglich noch fünf Monate im Hause QVL vor sich.

Schon dieses Wissen war eine Erleichterung, die innerliche Verkrampfung löste sich ein wenig. Er konnte aufatmen. Durchatmen. Beschwerliche Stunden leichter überstehen. Die verbliebene Zeit wurde darüber hinaus durch die glückliche Fügung erträglicher gestaltet, dass Schnepfe 1 für längere Zeit ausfiel – so konnte das Büro in den Sommermonaten ordentlich belüftet werden, Fenster und Tür standen weit offen, es herrschte herrlicher Durchzug. Schnepfe 2 war eine Weile im Urlaub, so dass es Licht an Johannes Matthäus Arbeitsplatz gab. Er brauchte seinen Resturlaub auf und arbeitete schließlich in den letzten vier Wochen seinen Nachfolger ein.

Die Geschäftsleitung organisierte eine Feier zur Verabschiedung und überraschte ihn mit einem großzügigen Geschenk sowie einer gelungenen Ansprache eines Geschäftsführers. Auch die Belegschaft hatte gesammelt und so ein weiteres Geschenk ermöglicht. Auf der begleitenden Karte voller Autogramme fehlten Schnepfenunterschriften, aber das überraschte Johannes Matthäus nicht. Es kamen so gut wie alle Angestellten zur Feier, um sich zu verabschieden, mit vielen lieben Worten, sogar Umarmungen und ein paar Tränen in manchen Augen.

Mit Herrn Immermüller hatte es ein paar Tage zuvor ein letztes ausführliches Gespräch gegeben, bei dem dieser sein Bedauern ausgedrückt hatte, dass es ihm nicht gelungen war, Johannes Matthäus seine Wertschätzung zu vermitteln. Es wurde nicht mehr diskutiert oder gestritten, sondern die beiden gingen in allem Frieden und gutem Einvernehmen darüber auseinander, dass ein Einvernehmen in manchen Punkten nicht möglich war und auch nicht sein würde. So etwas passiert nun mal im Leben. Damit kann man sich arrangieren. So konnten sich die beiden dann bei der Abschiedsfeier in die Augen sehen und mit einem festen Händedruck endete nach achtzehneinhalb Jahren Johannes Matthäus Berufstätigkeit im Hause QVL.

Dieser harmonische und versöhnliche Ausklang nach so langer Zeit in der Firma tat ihm gut. Er wusste noch nicht, wie es finanziell weitergehen würde, da die beteiligten Behörden im ihnen eigenen Tempo arbeiteten. Aber sein Gottvertrauen war gestärkt und von Tag zu Tag erholte er sich mehr. Er wusste, dass er das chronische Fatigue Syndrom nicht loswerden konnte, aber nun gab es keine Umstände mehr, die zur Verschlimmerung der Auswirkungen führten. Das deutliche Plus an Lebensqualität wog schwerer als die voraussichtlichen finanziellen Einbußen.

Niemand weiß, wie lange sein Leben währt. Bitter wäre es, wenn man eines Tages feststellen müsste, dass das, was man für das Stimmen der Instrumente gehalten hatte, schon das Konzert gewesen ist.

 


Fortsetzungen folgen, sobald sie vorliegen

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Kommentare zu: "Mein Leben seit dem Darmkrebs" (20)

  1. Alfred Steiner schrieb:

    Guten Abend, ich habe Sie erst heute Abend im Internet gefunden. Ich war auf der Suche nach einem bestimmten Thema. – Nachdem ich kürzlich meine Frau nach 43 Ehejahren verloren habe, hat mich ihr Bericht sehr angesprochen und berührt. Sie litt ca. 20 Jahre an Brustkrebs. Die letzten 10 Jahre ging es leider nur noch bergab. Chemo, Chemo, am Anfang mit Erfolg, später ohne Erfolg. Meine Frau war mein ganzer Inhalt.
    Ich habe meine Frau nach meiner Pensionierung begleitet. Viele Jahre. Jetzt, da sie nicht mehr da ist, bin ich in eine tiefe Depression gefallen. Alles ist plötzlich zusammengebrochen (ich kann es leider nicht so gut beschreiben wie Sie).
    Heute Abend bin ich nun am Bildschirm gesessen und habe nach „Lebenshilfen“ gesucht. Obwohl ich in einer Freikirche lange mitgearbeitet habe fand ich dort keine grosse Unterstützung. Aber das Lesen einiger von Ihnen verfassten Texte haben mir gut getan. Vielen herzlichen Dank.
    Ihnen wünsche ich weiterhin alles Gute und gutes Gelingen in allem was Sie tun. Gott segne Sie.
    Mit herzlichen Grüssen Alfred

    • Günter J. Matthia schrieb:

      Lieber Alfred,

      es tut mir sehr leid, dass Ihre Frau den Kampf gegen den Krebs nicht gewonnen hat – ein schwerer Verlust für Sie. Ein langer Kampf, wie Sie ihn erlebt haben mit zuletzt ständiger Verschlechterung ist bitter für Betroffene und Angehörige. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie nach und nach Trost finden, die Trauer wird im Herzen bleiben, aber das Leben kann und soll weiter gehen. Patentrezepte gibt es nicht, die aus der Depression heraushelfen würden, und eine Kirche, welcher Konfession auch immer, ist kein Garant für Zufriedenheit und Glück. Uns hat es geholfen, mit Menschen – Freunden und Verwandten – (auch aus unserer Freikirche, aber nicht nur) über die vielen Fragen (auf die es keine Antwort gibt, aber dennoch sind sie da) und den Schmerz reden zu können, als vor einigen Jahren kurz hinterienander beide Eltern meiner Frau an Krebs starben. Als dann ich selbst mit Darmkrebs im Krankenhaus lag, waren es wiederum die Menschen, Freunde, die uns zur Seite standen, die meiner Frau und mir sehr gut getan haben. Die Fragen und Vorwürfe und Klagen, die man Gott gegenüber vorzubringen sich ruhig trauen sollte, bleiben größtenteils ohne befriedigende Antworten, aber wir haben dennoch erlebt, dass Gebete um Besserung, Kraft, Hoffnung … vielfältige Wünsche … erhört wurden.

      Ich wünsche Ihnen, lieber Alfred, dass Sie möglichst in Ihrer Umgebung Menschen finden, die Ihnen zur segensreichen Begleitung werden können. Die müssen gar nicht viel tun, aus unserer Erfahrung, sondern einfach nur da sein. Zuhören. Mit weinen. Mit hoffen. Das ist schon alles – und es kann unendlich viel bedeuten.

      Herzliche Grüße und alles, wirklich alles Gute für Sie!

      Günter

    • Friderike Laube schrieb:

      Auch ich habe meinen Mann durch Darmkrebs verloren, wir haben es nur auf 9 gemeinsame Jahre geschafft, aber wir haben über alles, alles gesprochen, was uns wichtig war.
      Es gibt keinen Trost und es gibt keinen Sinn, warum er sterben musste.
      Ich weiß nur, ich muss weiterleben, allein, und auch weiterkämpfen um seine Ziele, die nun meine geworden sind.
      Ich wünsche Ihnen von Herzen alles , alles Gute und viel Kraft.
      Friderike Laube aus Ingolstadt

      • Gnter J. Matthia schrieb:

        Ich wnsche Ihnen viel Kraft und Durchhaltevermgen, Frau Laube. Es gibt keinen Sinn, da haben Sie recht. Dass Sie dennoch irgendwann Trost finden, ein wenig zumindest, hoffe ich sehr fr Sie!

  2. Weber, Angelika schrieb:

    Hallo!
    Mein Mann hatte im September 2012 Operation-Blasenkrebs, hatte künstlichen Ausgang verlegt bekommen. Nun ist er am 04.03.2013 wieder ins Krankenhaus gekommen. Diagnose Darmkrebs. Er wird voraussichtlich am 11.03.2013 operiert und bekommt den nächsten künstlichen Ausgang. Ich bin verzweifelt und ich merke auch meinem Mann an, dass er nicht weiter weiss. Was kann ich tun, ich traue mich nicht ins Krankenhaus, weil ich soviel weine.

    • Am besten ist es in einer solchen Situation, gemeinsam weinen zu können. Niemand muss sich dafür schämen, Krebs zu haben oder verzweifelt zu sein weil der geliebte Partner Krebs hat oder deswegen zu weinen.
      Ich kann Ihnen nur raten: Setzen Sie keine Masken auf. Sie müssen keine Antworten haben und Sie dürfen traurig und ratlos sein. Wenn es Familie oder gute Freunde gibt, teilen Sie ihren Schmerz und Ihre Ratlosigkeit und halten Sie zu einander. Da ändert nichts an der medizinischen Diagnose, aber er kann Kraft geben und helfen, das durchzuhalten.

  3. oemmel schrieb:

    danke, ich habe auch darmkrebs und kämpfe gegen taubheit in hand und fuss.kann kaum noch schreiben. ein gigantischer bericht und alles liebe für die zukunft.

  4. Martina Jantzer schrieb:

    Hallo Günter,
    ich habe gerade deine kompletten „Werdegang“ gelesen – und ein dejà-vu erlebt. Bei meinem Mann wurde auch auf diese Symptomatik ein Darmtumor festgestellt. Auch er bekam eine Darmentlastung, um ihm ein Stoma zu ersparen.
    Mittlerweile hat er 5 Zyklen mit Oxaliplatin/Xelox geschafft, allerdings sind bei ihm die Pausen meistens 3-4 Wochen, da die Thrombozytenwerte zu lange brauchen, um wieder an die 100.000 zu gelangen.
    Jetzt will der Onkologe allerdings die Chemo „nur“ 6 Monate durchziehen, d.h. es werden wahrscheinlich nur 6 statt 8 Zyklen sein. ich hoffe ja, dass – “ nicht die Dosis “ das Gift macht und das halbe Jahr wirklich ausreicht.

    Aber dein Bericht hat mir richtig Mut gemacht, dass noch alles gut werden kann, vielen Dank dafür….

    Ich wünsche dir alles Gute, und dass dieser „Scheisskerl“ bleibt wo der Pfeffer wächst 🙂

    Liebe Grüße

    Martina

    • Friderike Laube schrieb:

      Liebe Martina, ich kann Euch nur alles Glück dieser Erde wünschen, dass ihr das schaffst.
      Der Sinn dieser beschissenen Krankheit ist schwer zu verstehen, aber zusammen stehen, zusammen alles durchzuhalten und bei ihrem Mann zu sein, das ist das wichtigste überhaupt.
      Mein Mann ist ständig um mich herum, auch wenn er am 28.9 verstorben ist.

      Ich habe durch seine Krankheit gelernt, weiterzuleben, nicht aufzugeben und für andere Menschen da zu sein.
      Alles, alles Liebe. Friderike Laube

  5. Ich bedanke mich auch für diese Kommentare herzlich.
    „Oemmel“, ich wünsche dir baldiges und nachhaltiges Abklingen.
    Martina, ich hoffe und wünsche auch euch von Herzen, dass der Krebs verschwunden bleibt.
    Und Friederike: Für andere da zu sein – trotz des schmerzenden Verlustes – das ist kostbar!

  6. Hallo, mich hat das selbe Schicksal erlitten. Ein Freund von mir hat sich mit dem Thema beschäftigt http://darmkrebs-symptome24.de/darmkrebs-anzeichen . Du kannst mir gerne mal eine e-mail schreiben um Gedanken auszutauschen

  7. Karin B. schrieb:

    Hallo, lieber Herr Matthia,
    wir wissen seit 4 Wochen, daß mein Mann hat Darmkrebs Stufe IV mit Metastasen.
    Grade hat die 1. Chemo begonnen. Ihr Blog hat uns schon sehr geholfen!
    Bitte schreiben Sie weiter so! Ihr Lebenswille und Kampfgeist ist absolut ansteckend!

  8. Hallo Petra und Karin B.,
    ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und Trost!
    Petra, das mit den Anzeichen ist eine sehr zwiespältige Sache, denn die können, müssen aber nicht auftauchen. Bei mir war erst der durch den Tumor verursachte Darmverschluss »spürbar«. Dennoch ist es gut, auf solche Anzeichen zu achten. Leider sind übrigens sämtliche Artikel so voller Fehler, dass der Besucher zumindest davon ausgehen muss, dass dem Betreiber des Blogs Sorgfalt und Mühe beim Schreiben fremd sind – das mindert erheblich die Glaubwürdigkeit (trotz zum Teil zutreffenden Inhalten). Da würde ich doch zu mehr Sorgfalt raten.
    Karin, Sie haben eine Zeit vor sich, in der es Ihrem Mann oft nicht gut gehen wird – und wenn Sie es schaffen, ihn seelisch aufzurichten, obwohl es Ihnen selbst ja nur zum Heulen zumute ist, dann tun Sie etwas ganz kostbares.
    Liebe Grüße und alles erdenklich Gute!

  9. Lieber Günter, dein Besuch auf meiner Seite hat mich daran erinnert, dass ich schon länger nicht mehr bei dir gestöbert habe. Nun bin ich dann gleich auf diese bewegende Dokumentation gestoßen. Wow!
    Alles ein bissl viel und will wohl erst einmal verarbeitet werden, denn bisher kannte ich nur die kurzen Facebook – Berichte. Aber eins kann und will ich schon sagen: Ich freue mich, dass du es zu diesem Punkt, an dem du jetzt stehst, geschafft hast. Sei gesegnet und behütet.

    Liebe Grüße, Gert

  10. Lieber Gert,
    danke für den Zuspruch und Segen!
    Liebe Grüße aus der Hauptsatdt,
    Günter

  11. Arno Reith schrieb:

    Hallo Herr Matthia,

    eine Freundin hat mich auf Ihren Blog aufmerksam gemacht, weil ich selbst auch ein Betroffener bin.
    Inzwischen habe ich mich durchgeackert. Mal betroffen, mal erfreut aber immer interessiert.
    Mir geht es „besser“ als Ihnen, aber wie sie so gerne sagen, ist gut immer relativ.
    Ich bin wie sie auch meistens positiv eingestellt und gehe offen mit meiner Krankheit um, was sich für mich auch bewährt hat.
    Dennoch wollte ich Ihnen für Ihren Bericht danken, da er mich in meiner Sicht der Dinge bestätigt hat und das tut eben auch gut.
    Für die Zukunft wünsche ich Ihnen einen weiterhin guten Verlauf und die Kraft zur Bewältigung. Schreiben Sie weiter! Das ist eine gute Sache und viele können es – so wie ich – nicht.

    Liebe Grüße und Gottbefohlen

    Arno

  12. Vielen Dank, lieber Arno, für Ihren Zuspruch und Ihre lobenden Worte. Ich freue mich immer, wenn ich von jemandem höre, dass meine Berichte Mut machen, weiter helfen oder Inspiration für das eigene Umgehen mit dem Krebs oder anderen schweren Erkrankungen sein können.
    Herzliche Grüße und weiterhin viel Gutes!
    Günter J. Matthia

  13. Ich kam auf Ihre Seite, weil ich über Healing Codes recherchiere. Das Buch werde ich mir nun nicht kaufen.
    Haben Sie sich schon mal mit der neuen germanischen Medizin nach Dr. Hamer befasst? Wenn Sie so experimentierfreudig sind und die Healing Codes ausprobiert haben, warum probieren Sie dann nicht einfach mal aus, das Lied „Mein Studentenmädchen“ Tag und Nacht laufen zu lassen? Gibts kostenlos im Netz. Ich bin keine Expertin, was die neue Medizin betrifft, aber ich lese immer wieder auch Erfahrungsberichte von Patienten, kenne die Homepage von Pilhar in Österreich und von Andreas Baumeister, habe Bücher gelesen. In jedem Falle ist etwas dran. Und wie Sie schon selbst schreiben: Körper und Psyche sind untrennbar! Jede Krankheit beruht auf einem Konflikt.
    Meine 20 jährige Katze, die fast gestorben wäre, kriegt nun ständig das „Studentenmädchen“ zu hören. Sie hat sich wieder aufgerappelt und ihr gehts gut! Und Katzen können sich ganz gewiss nichts einbilden.
    Ich hab irgendwo gelesen, dass ein amerikanischer Arzt gesagt hat: Chemo ist gefährlicher als der Krebs selbst!
    Ich drücke Ihnen die Daumen und wünsche Ihnen alles Gute!
    Viele Grüße
    Elke

  14. Petra Kober schrieb:

    Vielen Dank für diesen Blog, der Mut und Hoffnung gibt. Ihnen und der besten aller Ehefrauen alles erdenklich Gute für die Zukunft. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude, doppelte Freude.

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