Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Dieser Artikel, vor vielen Jahren für das Magazin »Männer auf dem Weg« entstanden, richtet sich an Jungen und Männer. Für Mädchen und Frauen gilt manches gleichermaßen, aber sie sind hier nicht angesprochen. Natürlich schadet es auch ihnen nicht, mehr über die männliche Masturbation zu erfahren, aber die durchaus vorhandenen, zum Teil ähnlichen Aspekte der heilsamen weiblichen Selbstbefriedigung werden hier nicht behandelt. Das würde zu weit führen und sollte sowieso eher von Frauen für Frauen und Mädchen geschrieben werden.

Grundsätzliche Gedanken zur Masturbation stehen in einem anderen Artikel: Ein frommes Tabu

Sexuelle Energie beherrschen, nicht beherrscht werden

Auf den ersten Blick klingt es widersprüchlich, dass die Beherrschung der sexuellen Energie ausgerechnet durch das Üben und Stärken der sexuellen Empfindsamkeit und Empfänglichkeit verbessert werden kann. Ist nicht gerade eine große Empfindlichkeit Auslöser für unbeherrschbare Ejakulationen?

Die systematische Praxis der Meister des Tantra (eine indische Philosophie und Gesundheitslehre) und Tao (eine chinesische Philosophie und Weltanschauung) weist seit Jahrhunderten darauf hin, dass Jungen und Männer durch Empfindsamkeit für die zartesten und feinsten erotischen Gefühle tatsächlich die Kontrolle über eben diese Empfindungen und damit über die sexuelle Energie, die von ihnen ausgelöst wird, erlangen können. Die in diesem Artikel beschriebenen Übungen machen in genau diesem Sinne die sexuelle Energie beherrschbar, steigern die erotische Empfindsamkeit und stabilisieren sogar in vielen Fällen die mentale und körperliche Gesundheit. Das geschieht ganz einfach durch Stimulierung – ohne Ejakulation.

Masturbation kann viel mehr

In der westlichen Gesellschaft werden einige Bereiche des Wissens über Sexualität und sexuelle Energie ausgeklammert. Über biologische Zusammenhänge und die »Techniken« beim Sex weiß so gut wie jeder Bescheid – aber Sexualität wird hierzulande nicht als natürlicher und integrierter Teil des Menschseins an und für sich empfunden, sondern eher rein sachlich als Mittel zur Fortpflanzung oder Lustbefriedigung, zu der man durch die Pubertät fähig wird. Die europäisch-amerikanische Körperfeindlichkeit und Tabuisierung der Sexualität hat ihre historischen Wurzeln in den mittelalterlich-katholischen Moralvorstellungen und wirkt trotz aller modernen Aufgeklärtheit noch heute auf vielfältige Weise nach.

Wenn Kinder mit ihren intimen Körperregionen spielen, reagieren viele Eltern schnell mit dem Befehl, die Finger aus der Hose zu nehmen. Das hält natürlich kein Kind davon ab, hinter der verriegelten Badezimmertür oder unter der Bettdecke im Dunkeln zu masturbieren, aber das Gefühl der Schuld und Schande ist so bereits eingepflanzt, die Selbstbefriedigung wird fortan verheimlicht und geleugnet und sogar zum Inhalt abwertender und schmutziger Witze und Bemerkungen gemacht.

Die Lehrer des Tao und Tantra dagegen halten die Masturbation von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen, die auch als »Solokultivierung« oder »Geschlechtstraining« bezeichnet wird, für eine wesentliche Methode, um die sexuelle Energie zu beherrschen und sie durch den gesamten Körper zirkulieren zu lassen, der auf diese Weise erfrischt und neu belebt wird. Das hat mit Alter und Geschlecht nichts zu tun.

Man muss nun keineswegs ein Jünger des Tantra oder Taoismus werden, um die positiven Wirkungen der hier beschriebenen Übungen und Überlegungen zu erleben, da diese überhaupt nicht von Religion oder Weltanschauung abhängig sind. Genauso, wie man kein Italiener sein muss, um Pasta zu genießen, muss man nicht an indische oder chinesische Götter glauben, um heilsame Masturbation zu erleben.

Eins ist wichtig, und das solltest du bei der weiteren Lektüre dieses Artikels nicht vergessen: Der Samenerguss gehört zu keiner der hier behandelten Formen der Solokultivierung dazu! Gerade das ist der entscheidende Unterschied zum hierzulande verbreiteten Verständnis von Masturbation.

Spielerisch lernt der Mensch viele Dinge am leichtesten. Das Spiel mit dem eigenen Körper ist eine hervorragende Methode, die eigenen Geschlechtsorgane zu kräftigen und die sexuelle Energie zu erhöhen, während unverkrampft und mit Spaß an der Sache die vielfältigen Reaktionen des Körpers auf verschiedene Reize erkundet werden.

Gelegentlich hört man auch von seriösen Stimmen, dass »zu viel Masturbation« nicht förderlich sei. Wenn man gelernt hat, die sexuelle Energie so zu kontrollieren, dass keine zwangsläufige Ejakulation stattfindet, gibt es jedoch kein solches Problem. Im Gegenteil. Das Problem entsteht vielmehr dann, wenn es durch Masturbation oder auch Geschlechtsverkehr zu sehr häufigen Samenergüssen kommt, denn der jeweils verfügbare Vorrat an Samen ist begrenzt und eine Erektion wird schwierig bis unmöglich, wenn alles ausgestoßen wurde.

Die Studien von Dr. Kinsey und anderen haben gezeigt, dass die meisten Jungen und Männer nur auf die Ejakulation abzielen, statt ihre sexuelle Energie zu kultivieren. Vor allem das Verbot der Selbstbefriedigung, die Ächtung des natürlichen Spiels mit dem eigenen Körper, führt dazu, dass schon Heranwachsende sich sexuelle Höhepunkte »stehlen«, indem sie so schnell wie möglich und heimlich zum Orgasmus kommen, damit niemand sie beim Masturbieren erwischt.

Wenn Jungen schon früh lernen würden, empfindsam, langsam und mit viel Zeit zu masturbieren, wären sie viel bessere und ausdauernde Liebhaber, wenn sie später in einer Partnerschaft sexuell aktiv werden. Die Lehren des Tantra und Tao helfen schon vor und in der Pubertät, sich sehr genussvoll ohne Ejakulation befriedigen zu können, bis hin zum Orgasmus ohne Samenausstoß.

Bei Teenagern, die zu häufig ejakulieren, lässt sich tatsächlich ein Nachlassen der Motivation und Energie für andere Aktivitäten feststellen. Sie könnten, wenn sie nur wüssten wie, genau das Gegenteil durch ihre Masturbation erreichen.

Doch auch für Erwachsene ist es nicht zu spät, denn der hier beschriebene heilsame Umgang mit der sexuellen Energie lässt sich ein Leben lang erlernen.

Pornos brauchst du nicht

Wenn erotische Magazine, Filme oder Material aus dem Internet benutzt werden, um sexuelle Erregung zu erzeugen, dann liegt der gedankliche Schwerpunkt auf externer Stimulierung, die körperliche Empfindungen auslösen soll. Erotisches Material kann sehr von den körperlichen Gefühlen ablenken – im Mittelpunkt der Masturbation steht dann der schnelle Orgasmus mit Samenerguss. Daher ist es besonders wichtig nicht zu vergessen, dass die Ejakulation bei der Solokultivierung nicht das Ziel ist. Es geht vielmehr darum, erotisches Wohlbehagen in unterschiedlicher Abstufung zu empfinden. Dazu ist eine Hinwendung zum Inneren notwendig, keine mehr oder weniger geschmackvollen Vorlagen aus Heften, Filmen oder dem Internet. Du willst und sollst ja dein eigenes, ganz individuelles Vergnügen empfinden, nicht das, was ein anderer Mensch für erotisches Vergnügen hält und dir vormacht.

Also lass Sexseiten, Pornohefte und erotische Filme beiseite. Dein Körper ist alles, was du brauchst, um viel mehr zu erleben und zu empfinden als einen schnellen Höhepunkt.

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Wer bisher beim Masturbieren die Hoden ignoriert hat, sollte das ändern. Sie reagieren nämlich bei vielen Jungen und Männern sehr gut auf empfindsame und sanfte Berührungen, manche empfinden sogar etwas kräftigeren Druck als angenehm. Ein rollendes Massieren der Hoden erhöht die Testosteron-Produktion, wodurch die Potenz gestärkt und gleichzeitig die Produktion von Spermien angeregt wird, was wiederum die Gesundheit des gesamten Organismus unterstützt.

Auch der Damm, der Bereich zwischen Anus und Penis, sollte bei der Stimulation nicht ausgelassen werden. Ein gewisser Druck an dieser Stelle kann eine Ejakulation verzögern und, wenn man herausgefunden hat welche Stelle wie reagiert, sogar verhindern. Doch am Anfang geht es nur darum, den Bereich zu erkunden und den Genuss zu empfinden, den Berührung und Druck erzeugen können. Vom sanften Streicheln bis zum Pressen im richtigen Maß kann hier eine Fülle von unterschiedlichen, allesamt angenehmen Gefühlen entstehen, bis hin zur zusätzlichen Durchblutung des Penis, die zu wohltuenden Vibrationen im Glied führt. Rhythmischer Druck im Bereich zwischen Glied und Po imitiert nämlich die Kontraktionen der Prostata, die normalerweise einen Orgasmus begleiten.

Der Dammbereich sollte übrigens stimuliert werden, wenn bereits eine Erektion vorhanden ist, vorher ist davon wenig Wirkung zu erwarten. Falls das experimentelle Berühren und Drücken und Streicheln trotz steifem Glied nicht zu angenehmen Gefühlen führt, kann man sich vermehrt Hoden und Penis zuwenden. Nicht jeder ist überall gleich empfindlich – wir sind alle Individuen.

Wichtig ist auch, dass der gesamte Penis stimuliert wird. Viele beschränken sich auf die Eichel, weil das Glied dort am empfindlichsten ist – eben wegen des schnellen »Erfolges« Ejakulation. Aber die ist ja nun gerade nicht das Ziel bei heilsamer und wohltuender Solokultivierung.

Die traditionelle chinesische Medizin ordnet übrigens verschiedene Teile des Penis bestimmten korrespondierenden Körperorganen zu – so soll nach deren Auffassung die Massage des gesamten Penis allen inneren Organen zugute kommen. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Doch auch unabhängig von dieser Vorstellung ist es wichtig, die unterschiedlichen Empfindungen an verschiedenen Stellen des Geschlechtsorgans kennen zu lernen. Also beschränke dich nicht auf die Spitze, sondern stimuliere den Penis von der Basis bis zur Eichel, oben und unten und ringsherum.

Etwas später folgen in diesem Artikel noch einige Hinweise darauf, dass es in der Praxis nicht nur um die Intimregion geht … doch dazu weiter unten.

Lass dir genug Zeit

Es ist sehr wichtig, dass du genügend Zeit zur Verfügung hast, um die Empfindungen zu genießen und dich darauf zu konzentrieren. So lernst du es, die Ejakulation hinauszuzögern und zu vermeiden. Die sexualwissenschaftliche Forschung geht heutzutage davon aus, dass ein Mann, der 15 bis 30 Minuten masturbieren kann, ohne dass es zum Samenerguss kommt, dann beim Liebesspiel seine Ejakulation so lange hinauszögern kann, wie er möchte. Der Zeitraum von 15 bis 30 Minuten scheint die entscheidende Schwelle zu sein. Wer das schafft, hat die Kontrolle über seine sexuelle Energie so gut wie vollständig erlangt.

Wer daran gewöhnt ist, in zwei bis drei Minuten »fertig« zu sein, mag 15 oder gar 30 Minuten für unerreichbar halten, aber das ist nicht so. Es mag Monate dauern, aber es gelingt mit regelmäßigem Training jedem Jungen und Mann, diese Zeitspanne der Erregung ohne Erguss zu erreichen.

Sobald man das erotische Erlebnis der Stimulation empfinden und genießen kann, ohne dass man auf die Ejakulation fixiert ist, werden auch mehrere sexuelle Höhepunkte ohne Samenerguss hinter einander möglich und die heilsame erotische Energie kann durch den gesamten Organismus fließen.

Aber natürlich soll und darf aus der Solokultivierung kein mechanischer Akt oder gar eine Last werden. Genau wie der Liebesakt muss auch die Selbstbefriedigung nicht auf eine festgelegte Zeit oder über Stunden hinweg ausgedehnt werden. Eigenliebe und Liebe zu zweit hängen immer von der Situation, der verfügbaren Zeit und der Stimmung ab.

Wenn es also zu langweilig oder mühsam wird, sollte man sich fragen, warum das geschieht. Hat sich Routine eingeschlichen? Sind die Berührungen mechanisch geworden? Liegt der Fokus zu sehr auf den Genitalien? Lenkt etwas von der Selbstbefriedigung ab?

Vielleicht helfen ein paar Konzentrationsübungen vor der Masturbation, wenn jemand Probleme damit hat, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Auch ein heißes Bad zuvor kann helfen, oder eine entspannende Massage (wenn man die Möglichkeit hat, bei der Masturbation nicht alleine sein zu müssen). Gedämpftes Licht, Kerzen … eine angenehme und intime Atmosphäre kann sich fast jeder schaffen.

Manchen Männern hilft es, vor einem Spiegel zu sitzen und den Körper bei den sanften Berührungen aufmerksam zu beobachten, angefangen von den Armen, Füßen, Beinen, der Brust, den Brustwarzen über die Hüften, den Bauch … das sanfte Erforschen und Streicheln des gesamten Körpers weckt die Empfindsamkeit in uns auf.

Sublimieren – was soll das denn sein?

Viel wichtiger als irgendwelche Techniken ist es gemäß der Tradition des Tantra, dass wir das Sublimieren der sexuellen Energie lernen, damit sie durch den Organismus zirkulieren kann. Sexuelle Energie baut sich überwiegend im Genitalbereich auf. Wenn sie dort konzentriert bleibt und ansteigt, gibt es den Augenblick, an dem es unweigerlich und ohne das noch beherrschen zu können zur Ejakulation kommt. Das kennt jeder Junge und Mann – plötzlich gibt es keine Bremse mehr.

Wer aber gelernt hat, die sexuelle Energie zu sublimieren, kann ganz leicht auch die ansteigende Intensität der Empfindung und Erregung aushalten, ohne die Kontrolle darüber zu verlieren. Hierin liegt das Geheimnis des mehrfachen Orgasmus mit dem ganzen Körper.

Man versucht dabei, sich die sexuelle Energie bewusst zu machen und sie dann an der Wirbelsäule entlang in den Körper hinauf zu schicken, als würde sie von Kontraktionen des Dammbereiches hinauf gepumpt.

Das klingt recht theoretisch und gelingt auch nicht jedem gleich gut. Es gehört einiges an Vorstellungskraft dazu. Dieses Sublimieren ist hilfreich und gut – aber es ist keine Voraussetzung für den Erfolg beim Erlernen der ausdauernden Masturbation ohne Samenerguss. Wenn es dir gelingt, dieses innere Bild zu erzeugen, prima. Wenn nicht, dann musst du dich aber auch nicht grämen.

Der Unterschied zwischen Orgasmus und Ejakulation

Wie das nun ganz praktisch aussieht, möchte der eine oder andere sicher wissen. Hier folgt eine kurze Schritt-für-Schritt-Anleitung. Einige Details werden später noch genauer erläutert.

  1. Öle den Penis ein – Babypflegeöl ist genauso geeignet wie zum Beispiel reines Olivenöl. Cremes und Lotionen trocknen in der Regel zu schnell.
  2. Berühre und streichle Bauch, Brustwarzen und Hüften, Beine und Füße, bevor die Hände zum Penis wandern.
  3. Masturbiere langsam und aufmerksam. Denke daran, den gesamten Penis, den Dammbereich und die Hoden einzubeziehen, nicht nur die Eichel.
  4. Mach dir die unterschiedliche Intensität der Erregung bewusst: Das Kribbeln an der Peniswurzel, die unterschiedlich starke Erektion, wie sich Herzschlag und Atmung verändern.
  5. Wenn du merkst, dass die Ejakulation gleich unvermeidbar wird, höre mit den Berührungen auf und atme tief durch. Spanne die Beckenmuskeln an, versuche es mit Druck auf den Bereich zwischen Anus und Penis, Zusammenpressen der Eichel und gedanklicher Konzentration auf etwas anderes. Hier kommt es darauf an, verschiedene Methoden auszuprobieren – jeder wird herausfinden, was bei ihm am wirksamsten ist. Es kann auch eine Kombination sein. Hauptsache, du achtest beim Masturbieren genau auf die Intensität der Empfindungen und lernst es, rechtzeitig vor dem Samenerguss zu bremsen.
  6. Wenn die sexuelle Energie bei dir zu stark ist, um sie kontrollieren zu können, versuche es in den entscheidenden Augenblicken vor dem unumkehrbaren Erguss mit der Vorstellung, wie sie die Wirbelsäule hinaufsteigt, während du gleichzeitig die Beckenbodenmuskulatur mehrmals anspannst. Zusätzlich kannst du dich bei Bedarf auf die bewusst langsame Atmung konzentrieren.
  7. Sei aufmerksam – du kannst die »automatischen« Kontraktionen der Beckenbodenmuskulatur und des Anus erspüren lernen. Sie werden von deinem Nervensystem ausgelöst und gehören als Teil der unwillkürlichen Anspannung des Körpers zum Orgasmus.
  8. Wenn du mehrmals hintereinander solche Kontraktionen und die dazugehörigen Gefühle ohne Samenerguss erlebt hast, hast du den Unterschied zwischen Orgasmus und Ejakulation in der Praxis kennen gelernt und kannst zukünftig viel besser und umfassender deine sexuelle Energie steuern. Das regelmäßige Wiederholen dieser Übung sorgt dafür, dass dies auch so bleibt und dass deine Gefühle sich weiter intensivieren können.

Nach einer solchen Übung fühlst du dich friedlich und gleichzeitig voller Lebenskraft und Energie. Spüre der sexuellen Energie nach, die jetzt in deinem Organismus zirkuliert. Es kann sein, dass sie sich als dezentes Jucken bemerkbar machen, als Kribbeln oder Prickeln, aber auf jeden Fall sehr angenehm.

Es fällt kein Meister vom Himmel. Wenn du die Bremse nicht rechtzeitig findest und beim Punkt 4 zu schnell oder ohne gegensteuern zu können ejakulierst, dann gib nicht auf. Versuch es morgen wieder. Und übermorgen. Zu einer anderen Tageszeit vielleicht. Schaffen kann es jeder, und wenn es Monate dauert, ist das ja auch kein Beinbruch. Niemand hetzt dich beim Entdecken und Erlernen der Solokultivierung.

Liebe und Sexualität – zweierlei?

Ganz wichtig ist in diesem Lernprozess, bei der Stimulation von Körper und Geschlechtsorganen, dass du die Notwendigkeit erkennst, deine Liebe zu kultivieren. Wer die Sexualität von der Liebe zu trennen versucht, wird keinerlei Gefühle für die »heilige Komponente« der Erotik, die Liebe, entwickeln können. Beim Tantra wird sexuelle Energie immer dazu eingesetzt, die Liebe zu stärken und zu vermehren. Es ist daher konsequent, dass die Liebe andererseits die Grundlage aller tantrischen sexuellen Praktiken ist. Die Liebe wird intensiver und reiner durch diese Übungen. Letztendlich ist das Ziel die Vereinigung des femininen und maskulinen Prinzips beim Erleben sexueller Lust.

So gut wie jeder Junge und Mann praktiziert Selbstbefriedigung, aber nur sehr wenige in der westlichen Zivilisation nutzen sie als Gelegenheit, die Liebe wachsen zu lassen. Dass in jedem Mann auch weibliche Aspekte und in jeder Frau männliche verankert sind, ist schon auf der physischen Ebene einsehbar, denn Männer und Frauen haben sowohl »männliche« als auch »weibliche« Hormone. Genauso hat auf der psychologischen Ebene jede Frau männliche Prägungen und jeder Mann weibliche. Wie weit sich das manifestiert, wie sehr uns das bewusst wird, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Man kann aber lernen, bewusst darauf zu achten.

Die ist vor allem insofern für dieses Thema interessant, als wir die Masturbation durchaus auch als Liebesakt mit unserem innewohnenden weiblichen Gegenstück betrachten können. Der Sexualforscher Jung nennt dieses weibliche Gegenstück des Mannes Anima, die männlichen Aspekte in einer Frau Animus. Ein Mensch mit gesundem Liebesempfinden liebt immer auch sich selbst, nicht aus Narzissmus oder psychischen Störungen heraus, sondern auf ganz natürliche und selbstverständliche Weise. Das ist vollkommen normal.

Solokultivierung ist heilsam

Es geht beim Kultivieren der sexuellen Energie um einen Zuwachs an Intensität und Menge. Weil die sexuelle Energie als Basis aller Gefühlsempfindungen betrachtet wird, spielt sie eine so große Rolle für Geist und Seele; auch für den physischen Körper stellt sie eine Grundlage des Befindens dar. Zu wenig sexuelle Energie kann körperliche Leiden begünstigen, viel sexuelle Energie bedeutet gestärkte Gesundheit. Eine insgesamt positive und fröhliche innere Haltung tut dem gesamten Menschen wohl, und die sexuelle Energie trägt als »Empfindungsverstärker« erheblich dazu bei. Ein Zuwachs und eine Intensivierung von sexueller Energie wird auch größere und stärkere Liebe erzeugen.

Im Verständnis, wie die sexuelle Energie unsere Emotionen »ernährt«, sowohl bezüglich der eigenen Person als auch in der Partnerschaft, liegt ein bedeutender Schlüssel. Wer seine sexuelle Energie vermehren und damit die Liebe stärken kann, erschafft eine bessere Kontrolle über die körperlichen Funktionen (einschließlich Samenerguss) – genau wie es in allen Lebensbereichen schwierig für den Menschen ist, seine Reaktionen zu beherrschen, wenn statt Liebe und Gelassenheit Hass oder Ärger die Oberhand gewinnen.

Daher pflegt die tantrische Tradition auch Übungen, in denen man sich beim Liebesakt vorstellt und ausmalt, wie ein Energiekanal die Genitalien mit dem Herzen verbindet. Dadurch soll die sexuelle Energie auf der Ebene des »Anahata chakra« (Herzchakra) sublimiert werden, soll die Liebe »ernähren« und stärken, die man beim Geschlechtsverkehr empfindet.

Dafür gibt es auch den Begriff »sexual continence«, was man etwa mit »Beherrschen der sexuellen Energie« (im Gegensatz zum beherrscht werden von Trieben) umschreiben kann.

Ein Mann aus der westlichen Welt erklärt dazu (auf der All about Tantra Seite): »Bevor ich anfing, »sexual continence« zu lernen, wollte ich Sex und Gefühle immer gerne von einander trennen. Inzwischen habe ich entdeckt, dass Penis und Hoden und andere sexuell relevante Organe ganz eng mit meinem Herzen verbunden sind. Ich kann inzwischen meine Frau viel mehr lieben – und auch fremden Menschen gegenüber bin ich deutlich liebevoller geworden.«

Die Taoisten kennen eine ganz einfache Übung, die Herz und Genitalien verbindet – anders ausgedrückt Liebe und Sexualität auf harmonische Weise verknüpfen hilft: Wenn du dich vor dem Liebesakt gereizt, frustriert oder abgelenkt fühlst, lege die rechte Hand auf die Genitalien und die linke auf das Herz. Auf diese Weise schaffst du eine Verbindung zwischen den beiden Körperregionen. Dies ist eine symbolische Yogaübung, die weder Vorkenntnisse noch Übung braucht.

Ärger und Zorn sollten übrigens immer aus der Seele geschafft werden, bevor man sich der sexuellen Liebe widmet. Die »Hatha Yoga asana-s« (eine Yoga-Stellung zur Stärkung des Gliedmaßen und der Geschmeidigkeit) hilft dabei, die sexuelle Energie durch den gesamten Körper fließen zu lassen und Blockaden zu entfernen. Wer möchte, kann sich andernorts über Yogaübungen informieren.

03Doch zurück zum Thema, der heilsamen Masturbation. Sich selbst lieben – masturbieren – das hat gar nichts mit Narzissmus und Egoismus zu tun. Es ist im Gegenteil eine sehr wichtige Übung im Tantra für Geist, Seele und Leib. Es geht – daran sei noch einmal erinnert – nicht um die Ejakulation, sondern darum, dass du deine Gefühle bewusst wahrnimmst, kennen lernst, herausfindest, wo dein Körper besonders sensibel ist und welche ganz unterschiedlichen Empfindungen entstehen können, je nachdem, wie und wo du dich berührst. So lernst du nebenbei und ohne Anstrengung, die Kontrolle über deine Erregung zu erlangen und wirst zu mehreren Orgasmen fähig. Wenn du erst einmal die Kontraktionen deiner Beckenbodenmuskeln fühlen und die Ejakulation vermeiden kannst, bist du auf dem besten Weg.

»Wenn ich nahe an dem Punkt bin, an dem der Samenerguss unvermeidlich wird, mache ich eine Pause, entspanne mich und atme tief durch«, berichtet jemand, der sich in tantrischer Masturbation übt. »Es ist als ob ich mich einem inneren Orgasmus ohne Ejakulation hingebe. Manchmal kann ich die angenehmen Kontraktionen der Prostata fühlen, manchmal manifestieren sich die Empfindungen hauptsächlich im Penis … der Orgasmus ist meistens fast so intensiv wie der mit Samenerguss, gelegentlich sogar intensiver.«

Man muss kein Taoist werden, um bewusste und heilsame Masturbation zu lernen

Wie weit jemand in das Gebiet der tantrischen Sexualität vordringen möchte, bleibt natürlich jedem überlassen. Aber auch Jungen und Männer der westlichen Welt sollten kennen lernen und erfahren, dass Masturbation viel mehr sein kann als die schnelle und heimliche Ejakulation, womöglich noch mit schlechtem Gewissen. Selbstliebe macht stark – und fähig, andere Menschen stärker zu lieben.

Und natürlich heißt das kennenlernen der Solokultivierung nicht, dass es keinen Orgasmus mit Samenerguss geben darf oder soll. Man kann ihn entweder als Abschluss einer längeren Masturbation oder unabhängig davon zu einem anderen Zeitpunkt genießen.

Die hier beschriebenen Grundlagen und Gedanken kann jeder Junge und jeder Mann verstehen und die Übungen anwenden. Dazu muss man keiner indischen (oder anderen) Religion anhängen, dazu muss man lediglich den Willen mitbringen, die eigene Sexualität kennen zu lernen und bisherige Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen.

Die wichtigsten Punkte noch einmal zusammengefasst:

  1. Öle deinen Penis sehr gut ein. Das Öl intensiviert die Empfindungen und macht die Berührung der Eichel überhaupt erst möglich und angenehm. Cremes und Lotionen trocknen in der Regel zu schnell ein, daher ist Olivenöl oder Babyöl die beste Wahl.
  2. Zuerst streichelst du deinen Körper, Arme, Brust, Hüften, Beine, Füße … auch Hoden und Dammbereich solltest du nicht auslassen. Beim Penis beschränke dich nicht auf die Eichel, sondern massiere und streichle das ganze Organ.
  3. Achte genau auf die unterschiedlichen Grade der Erregung und die damit verbundenen Gefühle. Entsteht ein Kribbeln am Penisansatz? Fühlt sich das sanfte Streicheln anders an, wenn der Penis noch nicht steif ist, sich halb aufrichtet oder eine vollständige Erektion erreicht? Wie ändert sich dein Herzschlag, deine Atmung?
  4. Wenn du die bevorstehende Ejakulation empfindest, lege eine Pause ein. Nimm die Hände vom Körper, atme tief durch. Fühlst du, dass sich Muskeln im Beckenboden bewegen? Es kann eine ganze Weile dauern, bis du in der Lage bist, diese Muskelkontraktionen zu fühlen, ohne zu ejakulieren. Achte einfach jedes Mal darauf.
  5. Wenn du dich wieder in der Lage siehst, deine Erregung zu kontrollieren, kannst du weiter streicheln und massieren und drücken – wiederum nicht auf den Penis oder die Eichel beschränkt. Kommst du dann wieder nahe an den Punkt, wo ein Samenerguss unvermeidbar wird, lege die nächste Pause ein. Und so kannst du dich weiter und weiter mit wunderbaren Gefühlen beschenken und nebenbei eine Menge Gutes für deinen Körper, deine Seele und den Geist tun.
  6. Ein Abschluss mit Ejakulation ist genauso möglich wie ein Abschluss ohne.

Quellen:

Textquellen: All About Tantra Website, eigene Übersetzung und behutsame Ergänzung

Bild 1: WikiCommons

Bild 2: WikiCommons

Bild 3: Egyptian Penis Art

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Kommentare zu: "Wie Masturbation Liebe und Leben stärken kann" (1)

  1. […] Und ein Artikel, der für eine spätere Ausgabe vorgesehen war: Sexuelle Energie beherrschen lernen durch bewusste Masturbation […]

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