Sakrales und Säkulares friedlich vereint

imagePass auf, kleines Auge, was du siehst!
Pass auf, kleines Auge, was du siehst!
Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich,
drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!

In der Kinderstunde, die parallel zum Gottesdienst der Erwachsenen veranstaltet wurde, sangen wir dieses Lied. Der Finger zeigte auf das Auge, dann hinauf zum wachsamen Vater im Himmel, dann wieder auf das Auge. Weiter ging es mit »Pass auf, kleine Hand, was du tust … kleiner Mund, was du sprichst … kleiner Fuß, wohin du gehst …« Und beim »kleinen Fuß« brach ein Mädchen neben mir in Tränen aus. Sie weinte bitterlich. Wir waren beide so etwa acht oder neun Jahre alt, ein Alter, in dem man als Junge von Mädchen nicht allzu viel hielt und doch schon ein wenig darauf bedacht war, bei ihnen einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Warum weinst du denn?«
Sie schüttelte nur den Kopf, gab keine Antwort. Die Kinderstundenleiterin, von uns Tante Helga genannt, schien von den Tränen ungerührt. Mir war, als blicke sie sogar mit verurteilend-strenger Miene auf meine weinende Nachbarin im Kreis. Mit ernstem Blick auf die Schluchzende stimmte sie die nächste Strophe an: »Pass auf, kleines Ohr, was du hörst …«
Das gefiel mir nicht. Erwachsene, noch dazu Kinderstundentanten, waren dazu da, traurige Kinder zu trösten, nicht dazu, sie böse blickend zu mustern, Lied hin oder her. Ich nahm das Mädchen am Arm und führte sie trotz des wilden Kopfschüttelns der Leiterin vor die Türe. Sagen konnte Tante Helga nichts, weil sie ja den Gesang leitete, und in den Händen hielt sie ihre Gitarre.
Draußen legte ich meinen Arm um die Schultern des Mädchens und es brach aus ihr heraus, was sie so bekümmerte: »Ich war gestern bei meiner Schulfreundin und dann sind wir in ein Schallplattengeschäft gegangen und haben uns Schlagermusik angehört. Dort hat uns Tante Helga gesehen. Jetzt hat Gott mich nicht mehr lieb, weil ich so viel auf einmal gesündigt habe …«
Aus heutiger Sicht ist mir manches schier unvorstellbar, aber so war es damals wirklich für uns Kinder: Schlager- und Popmusik war Sünde. Kino war Sünde. Zirkus war Sünde. Nicht zur Kinderstunde wollen war Sünde. Sich »da unten« anfassen war Sünde.
Für die christlichen Teenager war Tanzen Sünde, von unkeuschen Berührungen vor der Hochzeit ganz zu schweigen. Die Erwachsenen hatten auch so ihre Sündenkarteien: Eine Frau in Hosen statt Rock oder Kleid – Sünde. Alkohol trinken – Sünde. Fasching feiern – Sünde. Und all das blieb dem wachsamen »Vater im Himmel« natürlich nicht verborgen. Er schien geradezu darauf zu warten, uns bei einem Fehltritt zu ertappen. Das Höllenfeuer loderte schon, in dem man wegen solcher Sünden unweigerlich landen würde, wenn man nicht umgehend und dauerhaft »echte Buße« tat.
Wir wurden damals von traditionell-kirchlich orientierten und ungläubigen Menschen ringsum nicht recht ernst genommen. Die Pfingstler, das waren die etwas verrückten, sektiererischen, weltfremden Leute. Ich glaube, inzwischen werden solche Sündenbegriffe sogar von Erzpfingstlern größtenteils nicht mehr vertreten.
Doch obwohl viele Christen »moderner« geworden sind: Das Sündenverständnis in Gesellschaft und Gemeinde liegt heute noch weiter auseinander als in meiner Kindheit. Es gibt noch eine »Verkehrssünderkartei«, »Modesünden«, manches mag »sündhaft teuer« sein oder so erstrebenswert, dass es »eine Sünde wert« ist. Doch nichts von dem, was heute als Sünde bezeichnet wird, macht eine Erlösung notwendig. Der Begriff »Sünde« ist losgelöst von jeglichem Bezug zu dem, was die Kirchen damit meinen.

Der Sündenbegriff im Glaubenskontext

»Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann«, heißt es im Augsburger Bekenntnis von 1530, »soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Was nun aber Sünde ist und was nicht, darüber gingen die Meinungen schon immer, nicht erst in unserer Zeit, auseinander. Der Sündenbegriff wird vor allem im Judentum, Christentum und Islam verwendet, aber nirgends wirklich endgültig und umfassend definiert. Folgt man dem biblischen Bericht in 1. Mose 3 – wenngleich der Begriff »Sünde« dort gar nicht vorkommt – dann ist Sünde Ungehorsam einer Anordnung Gottes gegenüber. Es gab eine klare Vorgabe: Die Früchte dieses Baumes sind tabu! Der Mensch verspeiste sie dennoch. Mit weit reichenden Folgen: »Da sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt« (1. Mose 3, 22).
Diese klassisch als »Sündenfall« bezeichnete Bibelstelle gibt jedenfalls keine Definition dessen her, was nun im Einzelnen gut oder böse ist, sondern sie schildert lediglich den Akt des Ungehorsams einem Verbot gegenüber. Und sie stellt nüchtern fest, dass der Mensch damit geworden ist wie Gott: Er kann Gut und Böse unterscheiden. Nun muss und wird nicht jeder diesen Bericht für authentisch halten, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die weit gehend säkularisiert ist. Dennoch wissen die meisten Menschen, gläubig oder nicht, zu benennen, was Gut und was Böse ist – wobei es allerdings erhebliche Abstufungen in der Gewichtung gibt. Sowohl innerhalb der Gesellschaft, als auch im Wandel der Zeiten.
Der griechische Ausdruck hamartia des Neuen Testaments und das hebräischen Wort chat’at des Alten Testamentes bedeuten »Verfehlen eines Ziels« – konkret und im übertragenen Sinn. Beide Begriffe werden in deutschen Bibelübersetzungen mit »Sünde« wiedergegeben. Damit ist jedoch das Ziel nicht definiert, das jeweils verfehlt wurde. Um herauszufinden, ob etwas Sünde, also Zielverfehlung ist, muss man zunächst herausfinden, welche Ziele gelten. Und für wen. Und wann. Und da geht es schon los: Als die Bücher der Bibel geschrieben wurden, galt es als unanstößig, wenn ein Mann mehrere Frauen hatte, zum Beispiel Jakob mit Rahel und Lea. In bestimmten Fällen (Leviratsehe) verlangte sogar das Gesetz, dass ein Mann eine weitere Frau zu sich nahm. Da Paulus in seinen Briefen an Timotheus und Titus anweist, dass Diakone bzw. Älteste nur eine Frau haben sollen, ist davon auszugehen, dass die Mehrehe bei den frühen Christen verbreitet, wenn auch von Paulus abgelehnt war (der grundsätzlich nicht viel von der Ehe hielt, sie eher als Notlösung gegen Unzucht verstand). Heute und in unserem Kulturkreis würde vermutlich kein Pastor einen Mann mit mehreren Frauen verheiraten wollen.
Und weiterhin: Für die ersten nichtjüdischen Christen stellte sich bereits die Frage, ob die jüdischen Gesetze und Regeln zu befolgen sind oder nicht. Darf man Fleisch aus dem Götzenopfer verzehren? Wie soll man mit homosexuellen Gemeindemitgliedern umgehen? Hat der Sabbat irgendeine Bedeutung für Christen?
Auf manche dieser Dinge geht Paulus in seinen Briefen ein, häufig aus seiner gesellschaftlichen Prägung und persönlichen Ansichten heraus, wie er im 1. Brief an die Korinther mehrfach mit Wendungen wie »Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr … habe ich kein Gebot des Herrn; ich gebe aber eine Meinung als einer, der vom Herrn die Barmherzigkeit empfangen hat … Ich rede als zu Verständigen. Beurteilt ihr, was ich sage! … Wenn es aber jemand für gut hält, streitsüchtig zu sein, so soll er wissen: wir haben eine derartige Gewohnheit nicht« ausführt.

Jesus über Gesetz und Propheten

Jesus hatte mehrfach gegen die starren Regeln seines Volkes und Glaubens verstoßen, was ihn in den Augen der religiösen Elite zum Sünder machte. Er erklärte seinen irritierten und verunsicherten Nachfolgern, dass alle Gebote – also Zielvorgaben – in zwei Dingen zusammenzufassen sind: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten« (Matthäus 22, 37-40).
Mit dem ersten Teil kann unsere Gesellschaft nichts anfangen, da es beliebig viele Götter – durchaus auch den der Christen, aber nicht nur – gibt. Jeder darf seinen jeweiligen Gott lieben, solange er nicht die Freiheit der anderen einschränkt, die keinen oder einen anderen Gott haben.
Der zweite Teil ist noch eher im gesellschaftlichen Bewusstsein zu finden. Gut und Böse wird in der Regel so definiert, ob jemand anderen Menschen Schaden zufügt oder nicht. Der Mörder ist böse, da herrscht Konsens. Beim Tyrannenmord sieht es schon wieder anders aus, denn der Tyrann schadet seinem Volk, ergo ist seine Beseitigung eine gute Tat. Der sogenannte Ehrenmord islamischer Familien wird verurteilt, genau wie andere religiös begründete Gewaltanwendung. Aber die Vereitelung von terroristischen Anschlägen darf durchaus mit der Tötung der Attentäter einhergehen. Wenn ein Unternehmen Steuern hinterzieht, ist die Aufregung und gesellschaftliche Verurteilung gewaltig. Wenn Lieschen Müller in ihrer Steuererklärung den Nebenjob »vergisst«, dann lächelt man milde. Ein »Umweltsünder« wird hierzulande geächtet und streng bestraft, während eine erotische Eskapade von Prominenten eher bewundernde Schlagzeilen in der Klatschpresse verursacht.

Sünde ist irrelevant geworden

Es ist mehr als schwierig, Menschen der postmodernen Gesellschaft zu vermitteln, dass sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen. Wer nicht an ein Jenseits mit Himmel oder Hölle glaubt, sich selbst für durchschnittlich gut hält und mit dem Leben recht zufrieden ist, wird auf Bußpredigten nicht reagieren. Angst vor der Sünde haben eigentlich – makaber aber wahr – nur noch die Christen, die ja gerade befreit von Furcht leben sollten. Wir haben als Gläubige oft aus den Augen verloren, dass Gott nicht mit dem Notizbuch bereit sitzt, um unsere Sünden penibel zu notieren und nur widerwillig etwas auszuradieren, wenn wir tränenreich genug Buße tun.
Unsere glaubensfremden Mitmenschen finden das sowieso lächerlich, was gar nicht mal so verkehrt ist, denn es kann uns als Christen darauf aufmerksam machen, dass Jesus etwas ganz anderes von seinen Nachfolgern erwartete als Hölle und Verdammnis zu predigen: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt« (Johannes 13, 34-35).
Nicht an Predigten über Höllenfeuer, Schwefelgestank und ewige Pein. Nicht an Kinderliedern über den Vater im Himmel, der argwöhnisch auf unsere Sünden wartet. Nicht an Sündenregistern und Du-sollst-nicht-Katalogen. Überhaupt nicht an Predigten und Ansprachen. Sondern an der Liebe, die wir beweisen, die wir leben. Das wird die Menschen neugierig machen, denjenigen kennen zu lernen, der uns zu solcher Liebe verhilft.

Ein netter Nebeneffekt: Keine Sünde wird so richtig reif

Und: Ein solches Leben der praktizierten Liebe vereitelt gleichzeitig die Gefahr, zu sündigen. Sünde ist – zur Erinnerung – nicht eine bestimmte Tat, sondern das Verfehlen eines Zieles. Das Ziel hat Jesus definiert: Liebe. Alles andere folgt daraus. Denn wenn wir lieben, werden wir nicht das begehren, was anderen zusteht. Falls doch, dann wird uns die Liebe davon abhalten können, dass aus der Begierde Sünde wird: »Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor« (Jakobus 1, 15).
Vielleicht ist es also eher gut, dass der Begriff »Sünde« in unserer Gesellschaft seine religiöse Bedeutung eingebüßt hat? Das könnte uns Jesus-Nachfolger dazu veranlassen, vermehrt Christsein zu leben als zu predigen. Der Rest (zum Beispiel die sogenannte Sündenerkenntnis) ist sowieso – und war es schon immer – die Aufgabe des Geistes Gottes, der dann in einem Menschen wohnt, wenn dieser Jesus erkannt und anerkannt hat. Und nicht etwa umgekehrt.
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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 36 der Zeitschrift »The Race« erschienen.
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