Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Leseprobe aus dem Roman

Wenn die Nacht vom Himmel fällt

When you cease to exist, then whom will you blame?

I’ve tried my best to love you but I cannot play this game.

Your best friend and my worst enemy is one and the same, Angelina!

(Bob Dylan: Angelina)


1

Diese Augen. Dieser Strudel des Lebens, der in ihnen wirbelte. Die unendliche Tiefe, in die ihr Blick mich hineinzog. »Fenster der Seele« hatte mal ein kluger Mensch die Augen des Menschen genannt, aber Angelinas Augen waren mehr. Ich konnte in ihnen versinken. Ich wollte in ihnen versinken. Und wenn ich dort ertrank… konnte es ein angenehmeres Ende des irdischen Daseins geben?

Ich war immer wagemutig gewesen, nahm Herausforderungen an, ging lieber ein paar Schritte zu weit, als vorsichtig zurückzuweichen, wenn ich unbekanntes Gelände betrat. Risiken nahm ich gerne in Kauf, schließlich ist das ganze Leben ein Risiko. Man muss eben das Bestmögliche herausholen. Ich überließ das große Kuchenstück nicht anderen, wenn ich es selbst bekommen konnte, schließlich schenkte mir auch niemand etwas. Ich war nicht rücksichtslos, handelte nie auf Kosten anderer Menschen, aber wenn ich eine Chance bekam, nutzte ich sie, während andere noch zögern mochten.

Als ich Angelina zum ersten Mal sah, dachte ich nicht an ein erotisches Abenteuer, wollte sie vielmehr mit meinen Farben auf der Leinwand verewigen und sie dabei kennen lernen. Portraits malte ich am liebsten, denn ich hatte dabei Gelegenheit, stundenlang mit dem Menschen, der vor mir saß, zu reden, meine Eindrücke von seinem Wesen in das Bild hineinfließen zu lassen. Malerei ist mehr als Fotografie, so stimmungsvoll die Produkte guter Lichtbildkünstler auch sind. Ein Foto kann aber nie mehr zeigen als das, was vor der Linse ist. Natürlich haben  Fotografen im digitalen Zeitalter Möglichkeiten, von denen frühere Generationen nicht einmal geträumt haben. Ob digital bearbeitete Fotos noch ein ehrliches Werk sind, sei dahingestellt… Ich hielt meine Kunst für aufrichtig, denn ich gab von vorne herein durch meine Bilder mit Pinsel und Farbe nicht Spiegelbilder der Wirklichkeit wieder, sondern meine sehr persönliche Interpretationen des Gesehenen.

Sie mochte ungefähr fünfundzwanzig sein, ihre glatten Haare flossen in weichen schwarzen Wellen über die Schultern. Verspielt zauberte der schwache Wind mit den Spitzen der Fransen, die ihr über die harmonisch geschwungenen Augenbrauen fielen, immer neue Muster auf ihre Stirn. Ich sah sie, als ich einen Platz an den Tischen vor dem kleinen Eiscafé am Marktplatz suchte.

Fehmarn wurde von einem Bilderbuchsommer verwöhnt. Sonnenhungrige Touristen bevölkerten die glühend heißen Strände, in meiner Heimatstadt Burg auf Fehmarn wimmelten sie in den Geschäften und Restaurants. Ich saß gerne dicht am Gewühl und beobachtete die geschäftig hin und her strömenden Massen, fertigte gelegentlich Bleistiftskizzen und verstand nie all die Hektik. Obwohl sie doch Urlaub hatten, schienen sie die Betriebsamkeit des Alltags nicht hinter sich lassen zu können, sie drängelten vor den Geschäften, sie eilten durch die Straßen, sie zogen quengelnde Kinder hinter sich her und sie schleppten halbe Haushaltsausrüstungen zu den Stränden, wo sie sich dann ihre weißen Bäuche verbrennen ließen.

Angelina saß auf meinem Lieblingsplatz nahe am unermüdlichen Strom der Touristen. Es gab zwar einen zweiten Stuhl an dem kleinen runden Tisch, aber da noch andere Plätze frei waren, setzte ich mich nicht zu der Fremden. Aufdringlich wollte ich natürlich nicht wirken. Allerdings wählte ich meinen Sitzplatz so, dass ich sie beobachten konnte.

Eddy ließ sich mit einem Seufzer neben meinem Stuhl nieder. Er mochte Stadtspaziergänge nicht, lieber war es ihm, wenn wir hinaus in die Landschaft wanderten. Ich hatte ihn, damals nur eine Handvoll Hund, vor drei Jahren am Rand der Landstraße zwischen Burg und Landkirchen gefunden. Seine Knopfaugen blickten mich ängstlich an, er wimmerte leise und war zu schwach, um auf die Beine zu kommen. Ich brachte ihn zum Tierarzt. Ein paar Tage später sprang er schon munter hinter mir her und wusste nicht, wohin mit seinen überschäumenden Kräften. Woher er stammte, blieb ein Geheimnis. Ich vermutete, dass ihn jemand ausgesetzt hatte, denn man verliert ja nicht einfach einen jungen Hund mitten in einer unbewohnten und überschaubaren Gegend.

Seinen Namen hatte er Edward Hopper zu verdanken. Als ich mit ihm vom Tierarzt nach Hause kam, setzte ich ihn in einen Wäschekorb. Der Korb stand zufällig unter Edward Hoppers »House by the Railroad«. Die ersten Tage sprach ich das Fellbündel mit Edward an, dann wurde Eddy daraus. Dabei war es geblieben, obwohl er zu einer imposanten Größe herangewachsen war. Es mochte Bobtails unter den Vorfahren geben, aber Eddy war ein Mischling, ohne dass man sagen konnte, welche Rassen da gemischt worden waren. Sein helles Fell zeigte alle Schattierungen von Milchreis bis Milchkaffee, es war zottelig und mit keiner Bürste in irgend eine Form zu bringen. Ich fragte mich manchmal, wie die Welt wohl aussehen mochte, wenn man sie durch seinen Vorhang von Locken betrachtete, aber das blieb sein Geheimnis.

Eddy blinzelte nach der Kellnerin, die ihm gleich einen großen Aschenbecher voll Wasser bringen würde. Ich blinzelte nach der schönen Unbekannten.

Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre ich vermutlich fluchtartig aufgebrochen. Die Aussicht auf die folgenden Wochen hätte mich wohl veranlasst, das Weite zu suchen, ohne einen weiteren Blick auf die junge Frau zu werfen. Ein Abenteuer durfte gefährlich sein; wenn ich jedoch der Meinung war, der Einsatz lohne sich nicht, verschwendete ich keine weiteren Gedanken.

Sie trank eine Tasse Kaffee und blätterte unkonzentriert in einem Magazin. Ihre Augen suchten mehr den Marktplatz ab, als dass sie in die Zeitschrift schaute. Sie wartete offenbar auf jemanden, ich war gespannt, wer es sein würde. Ich stellte mir einen großen, ebenfalls dunkelhaarigen und leicht gebräunten Mann in ihrem Alter vor, sportlich musste er sein, wenn er zu ihr passen sollte. Sie war schlank, die weiße Leinenhose und ihre pastellviolette Seidenbluse ließen die Harmonie ihrer Figur erahnen. Ihre Haut war nicht übertrieben dunkel, wie man es oft bei Solarienkunden beobachten kann, sondern sie sah natürlich und gesund aus. Sie trug keinen Ring am Finger, auch sonst keinen Schmuck, außer einer golden in der Sonne glitzernden Kette, die von ihrem schmalen Nacken in den Ausschnitt der Bluse floss. Ob ein Anhänger daran hing, verbarg sich meinen Blicken, aber ich vermutete ein schweres Schmuckstück, so wie die Kette nach unten gezogen wurde.

Ihr suchender Blick traf mich und ihre Reaktion war so unerwartet, dass ich fassungslos zurückstarrte. Sie erschrak zu Tode, als hätte sie ein Gespenst gesehen, das im Begriff war, sich auf sie zu stürzen.

Ich hielt mich keineswegs für den schönsten Mann der Insel, aber ich war auch mit Sicherheit kein Scheusal, das Menschen mit seinem Anblick in Angst und Schrecken versetzen konnte. Für einen Vierzigjährigen hatte ich mich, wie ich fand, gut gehalten, mein hellblondes Haar und die vom häufigen Aufenthalt im Freien gesunde Gesichtsfarbe waren sicher nichts, was junge Frauen in eine solche entsetzte Panik versetzen konnten.

Ihre Hand zitterte, sie verschüttete den Kaffee über ihre strahlend weiße Hose, als sie versuchte, das Gefäß auf dem Tisch abzustellen. Aus ihrer Handtasche holte sie, ohne den Blick von mir zu wenden, einige Münzen hervor, legte sie auf den Tisch und sprang auf, um in der Menge zu verschwinden.

Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken, ihr zu folgen, aber dann besann ich mich und zündete mir eine Zigarette an, als die junge Kellnerin ungefragt meinen Kaffee und Eddys Wasser brachte. Als Stammgast genoss ich den Vorteil, dass sie wusste was sie mir bringen sollte. Ich besuchte das Eiscafé fast täglich, trotz Eddys Abneigung gegen die Innenstadt. Mein Portrait der Kellnerin hing bei ihren stolzen Eltern im Wohnzimmer. Ich hatte es im letzten Jahr gemalt, sie hatte es ihnen zu Weihnachten geschenkt.

Meine Gedanken folgten der jungen Frau, die in Panik verschwunden war, zweifellos wegen mir. Warum hatte sie mich mit solchem Entsetzen angestarrt? Schade, dass ich es wohl nicht erfahren würde. Die Chancen, ihr ein zweites Mal zu begegnen, waren gering, aber vielleicht würde mir der Zufall helfen. Schließlich ist Fehmarn immer noch eine Insel und Burg keine Großstadt.

Ich sah sie schon am gleichen Abend wieder. Sie fuhr in einem schwarzen Mercedes Cabriolet mit Münchner Kennzeichen an mir vorbei, als ich aus dem Kino kam. Der offene Wagen schlich in der Kolonne vorwärts, die sich in Richtung Strand aus der Stadt heraus quälte. Unsere Straßen sind eng und im Sommer, wenn die Touristen uns besetzt halten, fast immer verstopft. Es war ein Leichtes, sie zu Fuß einzuholen. Sie hörte Musik, zu meiner Freude von Bob Dylan. Ich ging ein paar Meter neben dem Wagen her und betrachtete sie, bis sie endlich herüberschaute.

Ich nickte ihr freundlich lächelnd zu, hielt das Tempo entsprechend ihrer langsamen Fahrt. In ihren Augen las ich Zorn anstelle des fassungslosen Entsetzens vom Nachmittag. Die Augen faszinierten mich. Sie wirkten unter dem Licht der Bogenlampen völlig schwarz. Sie wandte den Kopf ab und starrte auf den vor ihr einher schleichenden Wagen.

Mir fiel nur die blödeste Anmache ein, die es gibt. »Darf ich Sie zu einem Drink einladen?«, rief ich hinüber. Sie würdigte mich keines Blickes, ignorierte mein Angebot und meine Anwesenheit. Die  Musik war nicht so laut, dass sie mich nicht gehört hatte. Es war offenbar viel interessanter, die Rücklichter des vor ihr schleichenden Opel zu betrachten.

»Bitte, oder haben Sie keine Zeit?«, versuchte ich es erneut.

»Komm, steig ein«, meinte sie mit einem kurzen Blick, der mich frösteln ließ. Lodernder Hass und Wut funkelten mir aus ihren großen Augen entgegen, aber ich folgte ihrer Aufforderung und stieg ein. Das war so einfach nicht, da sie die Fahrt kein bisschen für mich verlangsamte. Etwas unbeholfen plumpste ich auf den Sitz und zog die Tür wieder zu. »Danke«, sagte ich. Höflichkeit ist der wirkliche Adel eines Menschen, pflegte meine Mutter mir schon als Kind einzutrichtern.

Immer noch stur die Heckpartie des Opel fixierend fauchte sie: »Wie hast du mich hier gefunden? Woher weißt du, dass ich auf Fehmarn bin?«

Was ich schon vermutet hatte, wurde nun zur Gewissheit. Sie musste mich mit jemandem verwechseln. Und dieser jemand schien kein angenehmer Zeitgenosse zu sein, schloss ich aus ihrem Verhalten. Also stellte ich mich vor, um zunächst dieses unangenehme Missverständnis aus der Welt zu schaffen.

»Mein Name ist Gerhard Geiger, Sie scheinen mich aber für eine andere Person zu halten.«

»Du hast viele Namen.«

Davon wusste ich zwar nichts, aber man lernt ja immer gerne etwas dazu. Ich war sehr gespannt, wie ich noch heißen würde.

»Nicht, dass ich wüsste. Ich habe Sie – oder darf ich auch du sagen? – heute Mittag zum ersten Mal gesehen.«

»So. Zum ersten Mal. Aber ich kenne dich, besser als du glaubst, weißt du?«

Ich ging kurzerhand davon aus, dass sie mir damit das vertrauliche Du genehmigt hatte.

Wir hatten die Stadt hinter uns und waren auf dem kurzen Stück Landstraße, das Burg mit dem Ferienzentrum am Strand verbindet. Sie fuhr jetzt zügig, zufrieden schnurrte die Maschine, der kühle Fahrtwind spielte mit unseren Frisuren und formte sie eigenwillig nach seinem Geschmack. Ich konnte im schwachen Schimmer der Armaturenbeleuchtung ihre makellose hohe Stirn betrachten, ihre gerade Nase, den hübschen Mund, der allerdings leider immer noch ärgerlich zusammengekniffen war. Bob Dylan sang: I saw thousands who could have overcome the darkness, for the love of a lousy buck, I’ve watched them die. Stick around, baby, we’re not through, don’t look for me, I’ll see you, when the night comes falling from the sky.

Vor uns wurden die Lichter der Hoteltürme sichtbar. Sie lenkte den Wagen auf den Parkplatz, stellte den Motor ab und sah mich abwartend an. Die Musik schaltete sie erst nach den Worten This time tomorrow I’ll know you better, when my memory is not so short… aus.

»Wie wäre es jetzt mit einem Glas Wein, Frau Namenlos?«

»Angelina.«

Es war, das will ich gerne zugeben, meine zweite dämliche Bemerkung des Abends, aber ich hörte mich tatsächlich sagen: »Ein wunderschöner Name. Er passt zu dir.«

»Du nennst dich Gerhard Geiger? Wenig einfallsreich.«

Die Angst vor mir schien sie überwunden zu haben, auch die Feindesseligkeit war wohl gewichen, ich hörte aber unmissverständlich Verachtung und Hohn in ihrer angenehm tiefen Stimme. Manche Frauen sind bildschön und haben eine Stimme, die in den Ohren Schmerzen verursacht. Wenn Angelina sprach, war das wie Balsam. Schade, dass sie meinen Namen nicht mochte, aber schließlich hatte ich ihn mir nicht ausgesucht. Ich heiße nun einmal Gerhard Geiger.

Ich musterte sie ungeniert, mochte sie mich ruhig für neugierig halten. Ich war ja neugierig. Sie trug jetzt eine enge schwarze Jeans, einen leichten hellgrauen Sommerpullover, die grazilen Füße steckten in Sandalen, die den Farbton des Pullovers wieder aufnahmen. Kein Nagellack, weder an den Zehen noch an den Fingernägeln. Kein Make-up, soweit ich das im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung erkennen konnte, zumindest nichts Auffälliges. Ihre Haut sah so samtig aus, dass ich am liebsten mit den Fingerspitzen ertastet hätte, ob sie sich auch so weich anfühlte, wie sie wirkte. Aber das war natürlich nur ein Gedanke, ich weiß mich zu benehmen. Sie zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und streifte dabei mit dem Arm mein Handgelenk. Zuckte ihr Mundwinkel leicht nach oben? Mir war so, aber sicher war ich nicht.

Was für eine merkwürdige Person war mir da bloß über den Weg gelaufen. Angelina tat es mir gleich und maß mich mit ihren kalten Blicken. Jetzt endlich musste sie doch ihren Irrtum erkennen.

»Gerhard? Wirklich nur Gerhard?«

»Ja, tut mir leid, mit mehr Namen kann ich nicht dienen, noch nicht mal mit einem zweiten Vornamen. Da waren meine Eltern etwas geizig. Ich bin nicht der, mit dem du mich verwechselt hast.«

»Also, was ist jetzt mit dem Glas Wein?«

»Okay, lass uns reingehen.«

Wir fanden einen unbesetzten kleinen Marmortisch, der gerade Platz für zwei Personen bot. Ich setzte mich, wie ich es nach Möglichkeit immer tue, mit dem Rücken zur Wand, so dass ich einen guten Überblick hatte. In irgendeinem Westernfilm hatte ich diese Angewohnheit aufgeschnappt, der Held, gejagt von den obligatorischen Bösewichten, wollte den Rücken frei behalten. Nachdem ich mir die Platzwahl mit einer Wand hinter meinem Stuhl seit Jahren zur Gewohnheit gemacht hatte, fühlte ich mich jedes Mal unwohl, wenn ich irgendwo keine entsprechende Sitzgelegenheit fand, obwohl hinter mir meines Wissens keine Revolverhelden her waren.

»Wer bist du? Was möchtest du von mir?«, wollte Angelina wissen, als wir bestellt hatten.

»Das erzähle ich gerne, wenn du mir dann auch etwas über dich verrätst. Einverstanden?«

»Wer hat denn hier wen angesprochen? Was ich sage oder nicht sage, ist meine Sache.«

Was Recht war, sollte auch Recht bleiben, und Angelina hatte Recht. Also erzählte ich, dass ich meine Zeit damit verbrachte, Menschen auf den Plätzen und Straßen zu beobachten, Bilder malte und gelegentlich verkaufte und im übrigen tat, was mir gerade Spaß machte. Ich hatte ein Vermögen, das es mir erlaubte, meine Zeit so zu verbringen, wie ich wollte und wo ich wollte. Ich erklärte, dass ihr Äußeres den Künstler in mir angesprochen hatte.

»So so, den Künstler«, kommentierte sie.

Ich beteuerte schmunzelnd: »Den Künstler. Jawohl. Der wohnt in mir drin und kommt hervor, wann immer er etwas sieht, was er malen möchte. Eine Landschaft. Oder eine Person. Der Künstler in mir.«

»Wer mag da wohl noch wohnen?«

»Ein kleiner Junge«, zählte ich auf, »der ständig neugierig und waghalsig ist, dann ein Mann, der weibliche Schönheit zu schätzen weiß und schließlich ein Krösus, der Geld ausgibt ohne nachzudenken.«

Natürlich war sie neugierig, woher ich so reich sei, aber ich sah keine Veranlassung, Auskünfte zu geben, solange ich keine Ahnung hatte, wer da eigentlich mit mir am Tisch saß und am griechischen Wein nippte.

»Und welcher von den vielen Bewohnern deines Körpers hat mich so plump angesprochen?«, fragte sie.

Ich blieb bei der Wahrheit, zunächst war der Künstler aufmerksam geworden. Sie hatte sein Interesse geweckt, durch ihr bezauberndes Aussehen, das wohl jeden Maler dieser Welt dazu animiert hätte, es festzuhalten, aufzubewahren, tausend mal täglich zu betrachten. Vermutlich gleichzeitig, höchstens Minuten später jedenfalls, hatte sie mich natürlich als Mann fasziniert, schließlich war ich für weibliche Reize nicht blind. Aber angesprochen hatte ich sie schließlich wegen ihrer panischen Reaktion am Nachmittag, ich wollte wissen, was sie so erschreckt hatte. Also war der kleine Junge mit seiner Neugier und Abenteuerlust derjenige, der letztendlich verantwortlich dafür war, dass wir jetzt zusammen Wein tranken.

Statt meine Erklärungen zu kommentieren, sagte sie: »Ich habe dich schon früher gesehen.«

»Wann und wo, Angelina? Und vor allem, unter welch unerfreulichen Umständen?«

Sie schüttelte nur den Kopf auf meine Fragen. Ich konnte ihr nicht gänzlich unsympathisch sein, das spürte ich, aber es gab kein Vertrauen zwischen uns, woher auch, nach der halben Stunde, die wir beisammen saßen.

Ihre linke Hand zupfte an einer Strähne, die sich hinter dem Ohr vorgewagt hatte. »Ich suche. Ich suche und warte«, war ihre einzige Reaktion auf meine Frage. Kryptisch, geheimnisvoll, was mich – den kleinen Jungen in meiner Seele – unweigerlich anstachelte, weiter zu stochern.

Aber sie gab nichts preis, was mir einen Einblick in ihr Leben, ihre Persönlichkeit gewährt hätte. Sicher, wir unterhielten uns angeregt, Angelina berichtete von weiten und langen Reisen, die sie unternommen hatte, von kleinen Erlebnissen im Alltag, wir stellten fest, dass wir einen sehr ähnlichen Geschmack hatten, was Musik betraf, und dass auch unsere politischen Anschauungen nicht weit auseinander lagen. Aber es kam nichts aus ihrem Mund, was mir diese junge, bildschöne Frau auch von ihrem Wesen her näher gebracht hätte. Was ihr Alter betraf, so hatte ich mich mit fünfundzwanzig etwas verschätzt, tatsächlich war sie neunundzwanzig Jahre alt, wenige Wochen vor dem dreißigsten Geburtstag.

Ich versuchte es immer wieder. Woher kam sie? Warum war sie auf Fehmarn? Hatte sie Verwandte hier? War dies eine Urlaubsreise? Wer sah mir so ähnlich und warum fürchtete sie ihn? Es gelang mir nicht. Ich kam nicht an sie heran.

»Wer bist du?«

»Angelina.«

Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger ihrer linken Hand tasteten nach der Strähne.

Ich gab nicht auf. Es musste doch möglich sein, etwas mehr als nur einen Namen zu erfahren, so hübsch er auch sein mochte, so gut er auch zu ihrer ganzen engelsgleichen Erscheinung passte. Ich dachte an Rembrandt, der Engel als blond gelockte Kinder oder ebenfalls blond gelockte Erwachsene abgebildet hatte, an Da Vincis biedere geflügelte Gestalt in der »Verkündigung«, die unscheinbare Engelsgestalt in Raphaels »Madonna mit dem Fisch«…. all diese großen Künstler hatten einen großen Fehler gemacht. Sie alle hätten stattdessen Angelina malen sollen. Hier saß ein Engel.

»Nein, heute erfährst du nichts. Und danke für das Kompliment.«

Ich war, was selten geschieht, sprachlos. Es mochte ja sein, dass der Wein meine Reaktionen etwas verlangsamt hatte, dass mein Geist ein wenig träge arbeitete, aber ich hatte bestimmt nicht laut gedacht. Ich starrte sie an. Konnte sie etwa Gedanken lesen?

»Ja, kann ich. Aber mach dir nichts daraus, du hast ja nichts Schlechtes gedacht.«

Ich muss schon sehr belämmert ausgesehen haben, denn sie lachte, zum ersten Mal an diesem Abend, es klang vergnügt und überhaupt nicht mehr distanziert, als sei das Eis zwischen uns in einem Augenblick geschmolzen.

»Keine Angst, ich mache das nicht dauernd«, beruhigte sie mich. Ihre Finger ließen die Haarsträhne frei und griffen nach meinen Zigaretten.

»Darf ich?«, fragte sie.

»Bitte, gerne.«

Das Buch gibt es erst einmal exklusiv im Kindle-Format für 2,68 € hier: Wenn die Nacht vom Himmel fällt

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Kommentare zu: "Neuer Roman, exklusiv bei Amazon für den Kindle" (4)

  1. menno.
    schon zuende.
    schade.

  2. …geht mir auch meistens so, wenn ich eine leseprobe gelesen habe – das »menno«-gefühl soll zum kauf anreizen. autoren möchten nämlich auch mal ein buch verkaufen oder zwei…

  3. ja, bestimmt.
    aber nicht fürs kindle.

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