Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Wie bitte, Herr Petrus?

»Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen.
Heute würde ich über dieses Thema anders schreiben. Vielleicht tue ich das sogar eines Tages … 
Mehr über die innere Entwicklung, die im Lauf der Zeit auch für felsenfest gehaltene Überzeugungen wandeln kann, in diesem Artikel: Hoffentlich liest das niemand …

»Was steht da eigentlich?« fragte ein Teilnehmer ratlos, nachdem im Hausbibelkreis folgender Text vorgelesen worden war:

Da seine göttliche Kraft uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt hat durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen seid: eben deshalb wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe!
Denn wenn diese Dinge bei euch vorhanden sind und zunehmen, lassen sie euch im Hinblick auf die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus nicht träge und nicht fruchtleer sein. Denn bei wem diese Dinge nicht vorhanden sind, der ist blind, kurzsichtig und hat die Reinigung von seinen früheren Sünden vergessen.
Darum, Brüder, befleißigt euch um so mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen! Denn wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niemals straucheln. Denn so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus.
(1. Petrus 1, 3-11; Revidierte Elberfelder Übersetzung)

»Was steht da eigentlich?« Eine sehr gute, eine richtige Frage. Es wird wohl kaum jemanden geben, der sie klar und knapp auf Anhieb beantworten kann. In unserer Runde jedenfalls war niemand zugegen, dem das gelungen wäre.

962108_gospel_reading.jpgDie Hauskreisleiterin hatte uns an diesem Abend eine Aufgabe gestellt: »Findet jeweils zu zweit mindestens zwei Fragen zu diesem Text.«

Wenn jedoch der gesamte Text unverständlich scheint, wie soll man dann Fragen aus ihm entwickeln? Die Ratlosigkeit hatte in unserem Hausbibelkreis Platz genommen.

»Was heißt hier allen Fleiß aufwenden?«, fragte jemand. »Wieso fleißig, worin fleißig – verstehe ich irgendwie nicht.«

Da hatten wir den Salat, der so oft serviert wird: Man nehme einen Ausschnitt aus der Bibel und versuche, ihn zu verstehen. Genau das geht häufig nicht.

Der Brief, dem diese Verse entstammen, wurde von Petrus als Brief geschrieben. Nicht als Reihe von kleinen Lehreinheiten in überschaubaren Abschnitten, sondern als ein Brief.

Man liest normalerweise Briefe vom Anfang bis zum Ende, anstatt sich einige Zeilen herauszusuchen – zumindest ich halte es so. Als die beste aller Ehefrauen und ich uns kennen und lieben lernten, schrieben wir uns lange, sehr lange Briefe. Acht Seiten waren keine Seltenheit. Ich wäre nie und nimmer auf die Idee gekommen, von Seite 3 den untersten Absatz zu lesen, in der Hoffnung, dass ich verstehen würde, was meine zukünftige Frau mir in diesem Brief mitteilen wollte.

Die Antwort, was Petrus mit dem zitierten Auszug aus seinem Schreiben ausdrücken wollte, inwiefern er es für notwendig hielt, dass die Empfänger »allen Fleiß aufwenden« sollten, erschließt sich – auch in der Elberfelder Übersetzung – recht leicht, wenn man den Brief als Brief behandelt – indem man ihn komplett liest.

Der Anlass des Schreibens wird zum Beispiel aus diesen Sätzen verständlich:

Ich halte es aber für recht, solange ich in diesem Zelt bin, euch durch Erinnerung aufzuwecken, da ich weiß, dass das Ablegen meines Zeltes bald geschieht, wie auch unser Herr Jesus Christus mir kundgetan hat. Ich werde aber darauf bedacht sein, dass ihr auch nach meinem Abschied jederzeit imstande seid, euch diese Dinge ins Gedächtnis zu rufen.
(2. Petrus 1, 13-15)

Das kann man verstehen. Petrus wusste, dass er bald sterben würde, und er wollte mit diesem Brief die Gläubigen an das erinnern, was sie von ihm und den anderen Aposteln über das Leben als Christen gelernt hatten. Der Anlass eines Briefes ist ja nicht unerheblich, wenn man den Inhalt verstehen möchte. Interessant ist natürlich auch die Frage, an wen Petrus eigentlich schrieb.

Diesen zweiten Brief, Geliebte, schreibe ich euch bereits, in welchen beiden ich durch Erinnerung eure lautere Gesinnung aufwecke…
(2. Petrus 3, 1)

Aha. Da gibt es also einen ersten Brief, wenn dies der zweite ist. Also blättern wir in der Bibel zurück und erfahren etwas genauer, wer die Empfänger waren und in welcher Lage sie sich befanden. Petrus schrieb nämlich, wie er im ersten Satz des ersten Briefes deutlich machte, an ganz bestimmte Menschen:

Petrus, Apostel Jesu Christi, den Fremdlingen von der Zerstreuung von Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, die auserwählt sind nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, in der Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi: Gnade und Friede werde euch immer reichlicher zuteil!
(1. Petrus 1, 1-2)

Da kann man schon konkreter forschen: Wer sind denn diese »Fremdlinge von der Zerstreuung?« Es sind diejenigen Juden, die aufgrund der Verfolgung in ihrer Heimat in fremde Länder geflohen waren. Asylanten, gläubige Judenchristen im Exil. Menschen, die sich zu Christus bekehrt hatten, worauf hin sie Hab und Gut verloren, aus ihrer Heimat vertrieben wurden und nun in Städten und Gegenden wohnten, die »heidnisch« waren.

Die Umgebung färbt leicht auf den Menschen ab. Ein Mensch, der fliehen musste, der erlebt hat, dass sein Glaube an den Erretter Jesus Christus zur Vertreibung aus der Heimat geführt hat, mag darüber hinaus den einen oder anderen Gedanken bewegen, ob denn die Entscheidung wirklich richtig war. Vielleicht hatte er sich vorgestellt, dass nun sein Leben leichter, erfüllter, schöner werden würde? Hatte nicht Jesus all die Grausamkeiten durchlitten und war auferstanden, damit sein Sieg das Christenleben zu einem glorreichen Siegeszug über Umstände und Feinde machen würde?

An Menschen in solcher Lage schrieb Petrus. An Menschen, deren Zweifel und deren Angst verständlich waren. Ihnen legte Petrus ans Herz, »allen Fleiß aufzuwenden«, auch wenn und obwohl er selbst demnächst sterben würde.

Dieser Hintergrund macht schon etwas klarer, was in den eingangs zitierten Sätzen eigentlich steht. Zugegeben, die Elberfelder Übersetzung ist nicht jedermanns Sache. Dazu kommt, dass Petrus dazu tendierte, so kompliziert wie möglich zu schreiben. Vielleicht wollte er es dem Paulus gleichtun? Schrieb er doch am Ende dieses Briefes:

…wie auch unser geliebter Bruder Paulus nach der ihm gegebenen Weisheit euch geschrieben hat, wie auch in allen Briefen, wenn er in ihnen von diesen Dingen redet. In diesen Briefen ist einiges schwer zu verstehen…
(2. Petrus 3, 15-16)

Mit Verlaub, lieber Bruder Petrus, auch in deinen Briefen ist einiges schwer zu verstehen. Doch zurück zum Ausgangstext. Mir hilft es beim Verständnis, solche Bandwurmsätze in kleinere, überschaubare Formulierungen umzustellen. Den ersten Abschnitt könnte man beispielsweise so zerstückeln:

  • Seine göttliche Kraft hat uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt.
  • Und zwar durch die Erkenntnis dessen (Jesus Christus), der uns berufen hat, durch seine eigene Herrlichkeit und Tugend.
  • Dadurch hat er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt, damit wir durch sie Teilhaber der göttlichen Natur werden.
  • Wir sind dem Verderben, das durch die Begierde in der Welt ist, entflohen.
  • Petrus fordert uns auf: Eben deshalb wendet aber auch allen Fleiß auf und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Enthaltsamkeit, in der Enthaltsamkeit aber das Ausharren, in dem Ausharren aber die Gottseligkeit, in der Gottseligkeit aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe!

Das Darreichen – nun ja, man kann es verstehen, oder? Es heißt, dass die Gläubigen, die dem Verderben entflohen sind, sich nun nicht gehen lassen sollen, sondern dass es einer gewissen Anstrengung bedarf, treu zu bleiben. Vor allem angesichts der(oben beschriebenen) Lage, in der sie sich befanden.

Das führt zu Tugend (Tüchtigkeit, Fähigkeit), diese Tüchtigkeit führt dazu, dass die Erkenntnis wächst. Wer mehr Erkenntnis hat, kann den Verführungen besser widerstehen, ist also fähig zur Enthaltsamkeit, was Sünde betrifft. Das ist kein einmaliger Schritt, sondern Ausharren ist notwendig, um Gottseligkeit (Gottesfurcht) aufrecht zu erhalten. Wer das schafft, ist fähig, die Brüder (Mitchristen) wirklich zu lieben und wird schließlich in der Lage sein, auch die Nichtchristen zu lieben – das ist dann die Liebe, die das Ziel ist.

»Was heißt hier allen Fleiß aufwenden?«, war die Frage eines Hausbibelkreisbesuchers gewesen. Die Antwort fällt nun leicht. Ein Blick auf den Zusammenhang, in dem der Autor die Sätze geschrieben hat, die Bandwurmsätze etwas zerstückelt, und alles wird – auch im Elberfelder-Deutsch – begreifbar.

Dies mag genügen, um zu verdeutlichen, was ich nicht müde werde zu schreiben und (beispielsweise im Hausbibelkreis) zu sagen: Ein Häppchen hier und ein Bissen dort aus der Bibel sind keine solide Ernährung. Wir müssen, wenn wir unseren Glauben stärken und vorankommen wollen, die biblischen Bücher so lesen, wie sie geschrieben wurden. Natürlich kann man aus einzelnen Abschnitten eine Menge lernen und erkennen, aber das sehe ich als Ergänzung, als Intensivierung, nicht als Grundlage. Es gab in den Briefen meiner damals noch zukünftigen Ehefrau Abschnitte, die ich immer wieder las, aber nie und nimmer hätte ich mich auf einzelne Abschnitte beschränken wollen. Wir lernten einander auch durch die Briefe kennen, wollten einander verstehen und begreifen – und nicht nur zur Kenntnis nehmen.

Wenn ich Gott kennen lernen will, wenn ich mehr über Jesus, den Heiligen Geist, den Vater erfahren möchte, dann muss ich, um noch einmal Petrus zu zitieren, »allen Fleiß aufwenden«. Das geht nicht mit drei Minuten Tageslosung und ein oder zwei Versen vor dem Einschlafen.

Die von mir favorisierte Elberfelder Übersetzung ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Das macht ja nichts, es gibt zahlreiche andere Übersetzungen. Aber lesen muss schon jeder selbst…

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Kommentare zu: "Wie bitte, Herr Petrus?" (2)

  1. Barbara schrieb:

    Der Gesamtzusammenhang eines Textes, eines Bibeltextes,
    ist natürlich wichtig.
    Allerdings ist meist jedes Zitat, jede Tageslosung, aus dem
    Textzusammenhang herausgerissen.

    Meine persönliche Erfahrung ist, dass mich jedoch meist kurze prägnante Worte innerhalb eines Textes oder Tageslosungen bzw. Zitate, die mit meiner Lebenssituation im Zusammenhang stehen, direkt ins Herz treffen und somit Veränderung bewirken…

    Diese „Häppchen“ müssen keinen oberflächlichen Charakter haben, wenn sie als Botschaften des Geistes mit ins stille
    Gebet genommen werden, dort nachwirken, sich vertiefen und so zur Kraftquelle werden!

    So meine ich, dass auch eine Tageslosung, wenn sie in der
    rechten Gesinnung, eben nicht nur in drei Minuten gelesen wird, sondern im Gebet immer wieder wiederholt wird, durchaus nachhaltiges zu bewirken vermag…

  2. Hallo Barbara,

    ich meine wirklich, dass eine Ernährung nur mit Häppchen ungesund ist und nicht zum »Erwachsenwerden«, wie Paulus es beschreibt, führt.
    Häppchen sind eine prima Ergänzung zur Hauptnahrung, aber kein Ersatz.

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