Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Leuchtturm 118

»Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen.
Heute würde ich über dieses Thema anders schreiben. Vielleicht tue ich das sogar eines Tages … 
Mehr über die innere Entwicklung, die im Lauf der Zeit auch für felsenfest gehaltene Überzeugungen wandeln kann, in diesem Artikel: Hoffentlich liest das niemand …

Ein Psalm kann ein Leuchtturm sein. Es gibt Zeiten, in denen nichts ist, wie es sein sollte. Im Gegenteil. Die Probleme türmen sich auf, von Tag zu Tag mehr. Enttäuschungen kommen dazu, selbst liebe Menschen tragen zum Schwinden jeglicher Hoffnung bei. Die Orientierung geht verloren, das Leben verliert an Sinn… – da kann ein Leuchtturm helfen, Standort und Kurs wieder zu finden.

König David ist jemand, der in seinem Leben schlimme Umstände erleben musste, depressiv war, lebensmüde wurde, und der dennoch – oder gerade aus dieser Erfahrung heraus – an seinem Gott festhielt. Er hat Leuchttürme hinterlassen, eine ganze Menge Psalmen. Die helfen mir, wenn wieder mal kein Land in Sicht ist. Beispielsweise Psalm 118:

Preist den HERRN, denn er ist gut, denn seine Gnade/Güte währt ewig! Es sage Israel: Ja, seine Gnade/Güte währt ewig! Es sage das Haus Aaron: Ja, seine Gnade/Güte währt ewig! Es sagen, die den HERRN fürchten: Ja, seine Gnade/Güte währt ewig! (Das hebräische Wort bedeutet gleichermaßen Gnade und Güte)

Man könnte annehmen, dass der Autor solcher Zeilen ein behütetes Leben in den besten Umständen verbracht haben muss. Aber:

Aus der Bedrängnis rief ich zu Jah. Jah antwortete mir in der Weite (schuf mir Raum).

David hatte Todfeinde. Er musste sich verstecken, mittellos als Flüchtling in fremden Ländern leben, kannte Hunger, Durst, Schmerzen, Trauer, Verrat und Verleumdung. Aber er schrieb weiter:

Der HERR ist für mich, ich werde mich nicht fürchten. Was könnte ein Mensch mir tun? Der HERR ist für mich unter denen, die mir helfen. Ich werde herabsehen auf meine Hasser.

Solche Zuversicht kann nur jemand haben, der unerschütterlich um die Gnade und Güte Gottes weiß, egal, wie die Umstände aussehen. Menschen, denen im Leben nichts Schlechtes widerfahren ist, können sich kaum in solche Situationen hineinversetzen.

Wir neigen wohl alle dazu, uns erst einmal an den Haaren aus dem Sumpf ziehen zu wollen. Ich jedenfalls weiß um meinen Hang zur Selbsthilfe – und ich kenne viele, die ähnlich auf Not reagieren. Wenn beispielsweise die Schulden wachsen, dann leisten wir noch mehr Überstunden, rackern uns mit noch mehr Nebenjobs ab, suchen Hilfe bei Kreditinstituten, bei Freunden…

David gibt eine andere Empfehlung:

Es ist besser, sich bei dem HERRN zu bergen, als sich auf Menschen zu verlassen. Es ist besser, sich bei dem HERRN zu bergen, als sich auf Edle zu verlassen.

Es fällt schwer, das normale Muster zu durchbrechen. Meistens reagieren wir doch so: Es existiert eine Not. Wir nehmen sie zur Kenntnis. Wir bitten Gott um sein Eingreifen. Dann werden wir selbst tätig. Dazu stacheln uns liebe, wohlmeinende Mitmenschen oft noch an: »Tu doch endlich was…«

Aber ist das ein »sich beim Herrn bergen«, wie David es ausdrückt? Der König machte folgende Erfahrung:

Alle Nationen hatten mich umringt. Im Namen des HERRN – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatten mich umringt, ja, mich eingeschlossen. Im Namen des HERRN – ja, ich wehrte sie ab. Sie hatten mich umringt wie Bienen. Sie sind erloschen wie Dornenfeuer. Im Namen des HERRN – ja, ich wehrte sie ab. Hart hat man mich gestoßen, um mich zu Fall zu bringen. Aber der HERR hat mir geholfen.

Wie sah die Stärke Davids aus? Waren es Soldaten, Verbündete, Waffen? Keineswegs. Auf solche Hilfe und Stärke vertraute er nicht, denn er war überzeugt von der Gnade und Güte Gottes:

Meine Stärke und mein Gesang ist Jah. Er ist mir zur Rettung geworden.

Die Weigerung, sich selbst zu helfen, führt dazu, dass wir uns auch nicht selbst rühmen können, wenn eine Not gewendet ist. Statt dessen bekommt Gott die Ehre:

Klang von Jubel und Heil ist in den Zelten der Gerechten. Die Rechte des HERRN tut Gewaltiges. Die Rechte des HERRN ist erhoben, die Rechte des HERRN tut Gewaltiges. Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Taten Jahs erzählen.

Im nächsten Vers kommt David darauf zurück, dass ihm Schwierigkeiten und Not nicht von vorne herein erspart geblieben sind. Er sagt:

Hart hat mich Jah gezüchtigt, aber dem Tod hat er mich nicht übergeben.

Hier stutzen viele Christen. Straft Gott also doch? Züchtigt er mit Unglück und Not seine Kinder? Ist es doch Gott, der Krankheit, Leid und Not verursacht?
Nein, denn dann würde er sich selbst widersprechen. Allein die Aufforderung Jesu an uns als seine Nachfolger, die Kranken zu heilen, wäre unsinnig, wenn Gott Krankheiten als Erziehungsmaßnahmen anwenden würde.

Gott kann und wird allerdings Sünde nicht gutheißen, schönreden oder tolerieren. Das geht einfach nicht. Der Mensch verlor das Paradies, als die Sünde auftrat. Dass wir sterben müssen ist eine Konsequenz daraus. Das ewige Leben ist wiederum eine Konsequenz des Glaubens.

Gott ist unveränderlich gnädig und gütig. Er ist die Liebe selbst. Er ist daran interessiert, dass seine Kinder durch die Not hindurchkommen und triumphieren. Und hier sind wir gefragt: Ohne unsere Mitwirkung wird sich nichts ändern. Allerdings ist nicht die Selbsthilfe gefragt, sondern die Besinnung auf den, der helfen will und kann. Die Band U2 bringt es in dem Song Vertigo auf den Punkt:

I’m at a place called vertigo. It’s everything I wish I didn’t know … but your love is teaching me how to kneel.

Wer nicht Gott um Hilfe bittet, sondern menschlichen Hilfsmitteln vertraut, kann und wird den Sieg nicht erleben, den David beschreibt. Wenn David hier also sagt, dass der Herr ihn »hart gezüchtigt« hat, dann kann uns das nicht als Argument gegen die Güte und Gnade Gottes dienen. David hatte gesündigt – einen Mord begangen um einen Ehebruch zu vertuschen – und er erntete die Frucht dieser Saat. Aber er erlebte, dass Gottes Gnade selbst in dieser Situation triumphierte, als er die Sünde bereute und bekannte.

Aus notvollen Situationen dürfen wir nicht schließen, dass Gottes Güte und Gnade Pause machen würden. (Und in den seltensten Fällen hat unsere persönliche Not irgend etwas mit Züchtigung – Folge von Sünde – zu tun.)

David hat klar erkannt, was aus den Schwierigkeiten erwachsen wird, nämlich Lobpreis und Anbetung:

Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit! Ich will durch sie eingehen, Jah will ich preisen. Dies ist das Tor des HERRN. Gerechte ziehen hier ein. Ich will dich preisen, denn du hast mich erhört und bist mir zur Rettung geworden.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom HERRN ist dies geschehen, es ist ein Wunder vor unseren Augen. Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat! Seien wir fröhlich und freuen wir uns in ihm!

Dies ist der Blick in die Zukunft. Denn noch steht David den Problemen gegenüber, und er nimmt sie im nächsten Vers noch einmal zur Kenntnis:

Ach, HERR, hilf doch! Ach, HERR, gib doch Gelingen!

David sieht die Not, in der er im Augenblick noch steckt, aber er bekennt mit seinem Mund bereits den Sieg:

Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN. Vom Haus des HERRN aus haben wir euch gesegnet. Der HERR ist Gott. Er hat uns Licht gegeben. Bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars! Du bist mein Gott, ich will dich preisen! Mein Gott, ich will dich erheben.

Am Schluss kommt er noch einmal auf die bereits in den ersten Versen mehrfach festgestellte Güte Gottes zurück, an der es trotz der Schwierigkeiten keinen Zweifel geben kann:

Preist den HERRN, denn er ist gut! Ja, seine Gnade währt ewig!

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Kommentare zu: "Leuchtturm 118" (1)

  1. Barbara schrieb:

    Nach wie vor ein schönes Symbol, dass ein
    Psalm wie ein richtungsweisender Leuchtturm
    sein kann… !

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