Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Vorbemerkung im Sommer 2014: »Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen. Heute würde ich über dieses Thema anders schreiben. Vielleicht tue ich das sogar eines Tages …
Mehr über die innere Entwicklung, die im Lauf der Zeit auch für felsenfest gehaltene Überzeugungen wandeln kann, in diesem Artikel: Hoffentlich liest das niemand
E
nde der Vorbemerkung.

Wir kennen die Grufties, die vielleicht am liebsten auf dem Friedhof wohnen würden, sich aber zumindest mit Insignien des Todes zu schmücken pflegen. So ganz neu sind sie nicht: „Und als er aus dem Boot gestiegen war, begegnete ihm sogleich von den Grüften her ein Mensch mit einem unreinen Geist, der seine Wohnung in den Grabstätten hatte; und selbst mit Ketten konnte ihn keiner mehr binden, da er oft mit Fußfesseln und mit Ketten gebunden worden war und die Ketten von ihm in Stücke zerrissen und die Fußfesseln zerrieben worden waren; und niemand konnte ihn bändigen. Und allezeit, Nacht und Tag, war er in den Grabstätten und auf den Bergen und schrie und zerschlug sich mit Steinen.
Und als er Jesus von weitem sah, lief er und warf sich vor ihm nieder; und er schrie mit lauter Stimme und sagt: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!
Denn er sagte zu ihm: Fahre aus, du unreiner Geist, aus dem Menschen!“
Hier scheint mir zweierlei besonders bemerkenswert. Erstens: Der Mensch mit dem unreinen Geist kommt zu Jesus und wirft sich ihm zu Füßen. Zweitens: Es spricht offensichtlich nicht der Mensch mit Jesus, sondern der Geist aus dem Menschen.
Der Mann war in einem Zustand, der es ihm unmöglich machte, in menschlicher Gesellschaft zu leben. Heute haben wir Institutionen, in die solche bedauernswerten Menschen gebracht und wo sie mit Medikamenten ruhiggestellt werden, die Symptome werden gemindert, die Ursache bleibt unbehandelt. Jesus dagegen beseitigt die Quelle der Selbstzerstörungswut, indem er dem unreinen Geist gebietet, diesen Mann zu verlassen.
Es gibt jedoch Widerspruch. Der Dämon beschwört Jesus bei Gott, ihn nicht zu quälen. Er weiß, dass Gott real ist und er weiß, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Er schlussfolgert, da er ein Geist ist, der den Menschen quält, dass nun Jesus ihn quälen möchte, sozusagen Gleiches mit Gleichem vergelten.
Das hat Jesus jedoch gar nicht vor. „Und er fragte ihn: Was ist dein Name? Und er spricht zu ihm: Legion ist mein Name, denn wir sind viele. Und er bat ihn sehr, dass er sie nicht aus der Gegend fortschicke.“
In vielen Seminaren und Büchern wird auf diesen Bericht Bezug genommen, um das Gespräch mit Dämonen, die Befragung des unreinen Geistes in einem Menschen zu rechtfertigen. Zweifellos lässt sich Jesus hier auf eine solche Unterredung ein. Allerdings möchte ich anmerken, dass es keine Bibelstele gibt, in der er seinen Nachfolgern einen derartigen Auftrag geben würde. Wenn wir es mit Dämonen zu tun bekommen, müssen wir nicht unbedingt den Namen oder die Anzahl kennen. Was wir unbedingt wissen müssen, ist ganz einfach: Durch Tod und Auferstehung Jesu ist jegliche Macht der Finsternis bereits besiegt. Wir sind durch Buße, Umkehr, Taufe und Erfüllung mit dem Heiligen Geist zu Miterben dieses Sieges geworden und haben ohne Abstriche grundsätzlich die gleiche Vollmacht wie Jesus sie hier demonstriert. Wir haben keine Angst vor unsauberen Geistern, sondern sie fürchten sich vor uns. Das Gespräch mit Dämonen ist im Markusevangelium ein Einzelfall. Wir lesen mehrmals, dass die Geister Jesus als Sohn Gottes erkennen, aber eine derartige Unterhaltung wird ansonsten nicht geschildert.
Ein zweites fällt mir auf: Die Dämonen wollen in der Gegend bleiben. Es wurde schon viel über territoriale Mächte geschrieben und spekuliert, in diese Diskussion will ich mich an dieser Stelle nicht einmischen. Ich will nur anmerken, dass ich kürzlich in einer Stadt war, in der ich vom ersten bis zum letzten Moment des Aufenthaltes das Gefühl hatte, es liege ein Fluch auf der Gegend. Es mag an dem äußerlich sichtbaren Verfall gelegen haben, aber nach meinem Empfinden war der nur Ausdruck einer geistlichen Realität. Ich habe während der etwa zwei Stunden mehrfach einfach beim Gehen durch die Straßen den Ort gesegnet, dafür gebetet, dass sich dort Christen einfinden, die entsprechend reagieren.
Zurück zu Markus. Hier liegt zweifellos ein solcher Fall von territorialem Wohnrecht für unreine Geister vor, den Jesus sogar respektiert: „Es war aber dort an dem Berg eine große Herde Schweine, die weidete. Und sie baten ihn und sagten: Schicke uns in die Schweine, damit wir in sie hineinfahren! Und er erlaubte es ihnen. Und die unreinen Geister fuhren aus und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, etwa zweitausend, und sie ertranken in dem See.“
Man könnte hier allerlei Deutungen und Auslegungen ableiten, dies ist jedoch nicht meine Absicht, Ich möchte ja mit dem interessierten Leser nur das betrachten, was der Text aussagt, und das ist wieder ganz einfach. Die unreinen Geister bitten darum, eine neue Wohnstätte beziehen zu dürfen. Eine Schweineherde ist in der Nähe. Jesus erlaubt den Wohnungswechsel und die Schweineherde begeht kollektiven Selbstmord. Was wird nun aus den unreinen Geistern? Wir erfahren es nicht. Wichtig ist allerdings, dass wir folgendes beachten: Jesus vernichtet die Dämonen nicht, sondern er verbietet ihnen, diesen Menschen weiter zu quälen. Er hat diese Autorität, das endgültige Gericht über den Teufel und seine Heerscharen folgt jedoch erst am Ende der Zeiten.
„Und ihre Hüter flohen und verkündeten es in der Stadt und auf dem Land; und sie kamen, um zu sehen, was geschehen war. Und sie kommen zu Jesus und sehen den Besessenen, der die Legion gehabt hatte, bekleidet und vernünftig sitzen, und sie fürchteten sich. Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, wie dem Besessenen geschehen war und das von den Schweinen. Und sie fingen an, ihn zu bitten, dass er aus ihrem Gebiet weggehe.“
„In den ersten Jahrhunderten waren Christen oft die einzigen, die sich nicht vor Dämonen fürchteten. In der Gegenwart sind Christen manchmal die einzigen, die sich vor Dämonen fürchten“, schrieb neulich mein Freund Harald Sommerfeld. Hier allerdings scheinen sich die Menschen davor zu fürchten, dass Dämonen ausgetrieben werden. Man hatte sich an den Mann in den Grabstätten gewöhnt, nun sitzt er befreit im Kreis der Jünger. Die Schweineherde ist dahin und die Menschen bekommen es mit der Angst zu tun. Angst vor der Vollmacht, über die sonst niemand verfügt? Angst vor dem, was womöglich noch alles geschehen kann? Jedenfalls will man diesen Jesus hier nicht haben.
Jesus drängt sich nicht auf, wo er nicht willkommen ist. „Und als er in das Boot stieg, bat ihn der, der besessen gewesen war, dass er bei ihm sein dürfe. Und er gestattete es ihm nicht, sondern spricht zu ihm: Geh in dein Haus zu den Deinen und verkünde ihnen, wie viel der Herr an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat. Und er ging hin und fing an, im Zehnstädtegebiet auszurufen, wie viel Jesus an ihm getan hatte; und alle wunderten sich.“
Wir haben vorher gesehen, dass Jesus nicht daran gelegen war, wenn die Dämonen ihn als Sohn Gottes hinausposaunten. Diesem von einer Legion unreiner Geister befreiten Mann gibt er dagegen den Auftrag, von seinen Erlebnissen zu berichten. Jesus verlässt die Gegend, in der er nicht willkommen ist, aber es gibt nun jemanden, der berichten kann, wie viel Jesus für ihn getan hat. Das ist dem Herrn willkommen, wenngleich es zunächst nicht zum Glauben führt, sondern zur Verwunderung.
Oder hat der Mann doch eine Saat in den Herzen unterbringen können? Wer möchte, kann an dieser Stelle zu Markus 7, 31 bis Markus 8, 9 springen und feststellen, dass da wohl doch mehr als Verwunderung entstanden ist.Doch zurück zu unserer chronologischen Lektüre. In der Folge berichtet Markus einige Heilungen und Wunder, auch davon, dass Jesus aufgrund des Unglaubens in seiner Heimatstadt kaum einem Menschen zu helfen vermag. Die zwölf Jünger, die ja bereits vorher Vollmacht bekommen hatten, werden nun in ein Praktikum ohne ihren Meister geschickt. „Und er ruft die Zwölf herbei; und er fing an, sie zu zwei und zwei auszusenden, und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. Und er gebot ihnen, dass sie nichts mit auf den Weg nehmen sollten als nur einen Stab; kein Brot, keine Tasche, keine Münze im Gürtel sondern Sandalen untergebunden. Und zieht nicht zwei Unterkleider an!“
Vollmacht über die unreinen Geister und Verzicht auf Reisegepäck – hat das etwas miteinander zu tun? Ich meine, ja. So unverzichtbar es ist, dass die Vollmacht von Jesus verliehen wird, so unverzichtbar ist es, dass die Abhängigkeit von Gott uns auch in Erinnerung bleibt. Wenn Kleidung, Brot und Unterkunft entweder von Gott kommen oder fehlen, ist dem Menschen auch ständig bewusst, dass nicht aus ihm, sondern von Gott die Vollmacht über unreine Geister und die Kraft, Kranke zu heilen, stammen.
Dass die Jünger nicht überall willkommen sein werden, haben sie bereits mit Jesus zusammen erlebt, er gibt ihnen für solche Fälle eine Verhaltensregel mit auf den Weg: „Und er sprach zu ihnen: Wo ihr in ein Haus eintretet, dort bleibt, bis ihr von dort weggeht! Und welcher Ort euch nicht aufnehmen und wo man euch nicht anhören wird, von dort geht hinaus und schüttelt den Staub ab, der unter euren Füßen ist, ihnen zum Zeugnis!“
Die Ergebnisse beim Praktikum der Jünger schildert uns der Chronist so: „Und sie zogen aus und predigten, dass sie Buße tun sollten; und sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Schwache mit Öl und heilten sie.“
„Viele“, das Wort steht hier zweimal. Viele Dämonen, die ausgetrieben, viele Schwache, die geheilt wurden. Nicht ein paar, nicht einige, sondern viele. Nicht durch Jesus, sondern durch die Zwölf, die Pfingsten noch nicht erlebt, jedoch Vollmacht für diesen Auftrag bekommen haben.
Markus schiebt dann einen Absatz über den Tod des Täufers Johannes ein und nimmt anschließend den Faden wieder auf: „Und die Apostel versammeln sich zu Jesus; und sie berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten. Und er sprach zu ihnen: Kommt, ihr selbst allein, an einen öden Ort und ruht ein wenig aus! Denn diejenigen, die kamen und gingen, waren viele, und sie fanden nicht einmal Zeit, um zu essen.“

Die Jünger hatten zu diesem Zeitpunkt selbst Dämonen ausgetrieben, viele Dämonen, wie wir gelesen haben. Sie hatten Jesus bei der Ausübung seiner Vollmacht beobachtet. Man sollte meinen, dass sie eins inzwischen begriffen haben: Unreine Geister, Wesen der Finsternis, fürchten sich vor demjenigen, der in der Vollmacht Gottes kommt, nicht umgekehrt. Sie mögen ein wenig maulen und betteln, nicht aus der Gegend vertrieben zu werden beispielsweise, aber sie gehorchen, haben gar keine Wahl. Das haben die Jünger nun häufig erlebt. Also fürchten sie kein Wesen aus dem Jenseits? Von wegen!
„Und als er (Jesus) sie beim Rudern Not leiden sah, denn der Wind war ihnen entgegen, kommt er (zwischen drei und sechs Uhr morgens) zu ihnen, indem er auf dem See einherging; und er wollte an ihnen vorübergehen. Sie aber sahen ihn auf dem See einhergehen und meinten, es sei ein Gespenst und schrieen auf; denn alle sahen ihn und wurden bestürzt.“
Woher kommt diese Vergesslichkeit der Jünger? Warum sind sie bestürzt und fürchten sich, wenn da ein Einzelgespenst vorbeigeht, nachdem sie miterlebt haben, dass Jesus einen Mann von einer Legion Dämonen befreit hat? Weil er in dieser nächtlichen Stunde nicht bei ihnen ist? Wir erinnern uns, dass sie gerade von einer ausgedehnten Reise ohne Jesus zurückgekehrt sind, jeweils nur zu zweit, bei der sie „viele unreine Geister“ ausgetrieben haben. Jetzt sind sie alle beisammen und schreien entsetzt auf, angesichts einer einzelnen Gestalt auf dem See.
Sie entsetzen sich noch viel mehr, als sie Jesus erkennen und im Boot haben, denn es geschieht etwas ganz Unerhörtes: Das Wetter ändert sich. „Und er stieg zu ihnen in das Boot, und der Wind legte sich. Und sie entsetzten sich sehr über die Maßen; denn sie waren …. nicht verständig geworden, sondern ihr Herz war verhärtet.“
Ist es vorstellbar, dass ein Menschenherz dermaßen verhärtet ist? Ich habe manches Mal jemanden sagen hören, dass er wohl glauben könnte, wenn er solche Wunder erleben würde, wie die Bibel sie berichtet. Diese Episode zeigt jedoch, dass das ein Trugschluss ist. Zuvor hatte Jesus eine große Volksmenge mit übernatürlich vermehrtem Essen versorgt, die Jünger hatten nicht nur Wunder gesehen, sondern selbst gewirkt, und dennoch fürchten sie sich zuerst vor einem Gespenst und dann vor der Tatsache, dass auch das Wetter Jesus gehorchen muss. Nein, das Miterleben von Zeichen und Wundern, von Dämonenaustreibungen und übernatürlichem Eingreifen Gottes ist keine Garantie für Glauben. Der Glaube ist Voraussetzung für das Erleben der Kraft Gottes, nicht umgekehrt.

Einige Zeit später kommt Jesus in das Gebiet von Tyrus und „sogleich hörte eine Frau von ihm, deren Töchterchen einen unreinen Geist hatte, kam und fiel nieder zu seinen Füßen; die Frau aber war eine Griechin, eine Syro-Phönizierin von Geburt; und sie bat ihn, dass er den Dämon von ihrer Tochter austreibe.“ Zunächst verweigert Jesus die Hilfe, weil sein Dienst den Angehörigen seines Volkes gilt, aber die Frau bleibt hartnäckig. Über diese Begebenheit habe ich in meinem Artikel „Der unbequeme Jesus“ mehr geschrieben, in unserem Zusammenhang hier will ich die Details nicht erneut untersuchen.
Interessant wäre es nebenbei zu fragen, woher die Frau so genau Bescheid wusste, dass ihre Tochter nicht einfach krank, sondern von einem unreinen Geist geplagt war. Ich vermute, dass auch Menschen, die nicht zum jüdischen Volk zählten, genau wie die Mitbürger Jesu wussten, was uns abhanden gekommen ist: Es gibt eben auch übernatürliche Ursachen, die sich als Krankheitsbild zeigen.
Schließlich lesen wir: „Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin! Der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging weg in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon ausgefahren.“ Es ist nicht einmal notwendig, dass Jesus die Tochter aufsucht, ein Wort aus der Ferne genügt, damit der unsaubere Geist sich davonmacht.

Ausführlich berichtet Markus einige Absätze später vom missglückten Versuch der Jünger, die verliehene Vollmacht über unreine Geister anzuwenden. „Und als sie (Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes) zu den übrigen Jüngern kamen, sahen sie eine große Volksmenge um sie her und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. … Und er fragte sie: Worüber streitet ihr mit ihnen? Und einer aus der Volksmenge antwortete ihm: Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht, der einen stummen Geist hat; und wo er ihn auch ergreift, zerrt er ihn zu Boden, und er schäumt und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich sagte deinen Jüngern, dass sie ihn austreiben möchten, und sie konnten es nicht.“
Heute würde ein aufgeklärter und gebildeter Mensch von Epilepsie sprechen und medizinische Maßnahmen anraten, Aber sowohl für den Vater des Jungen als auch für die übrigen Anwesenden ist klar, dass ein „stummer Geist“ den Patienten quält. Genauso klar ist, dass die Jünger versagt haben.
Ein Gedanke drängt sich hier auf: Wir haben Kranke in unseren Kirchen und Gemeinden, die nicht geheilt werden, sondern krank bleiben und an ihren Leiden sterben. Ist es vermessen, darüber nachzudenken, ob wir vielleicht zu selten die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass unser Dienst in manchen Fällen nicht die Heilung des Kranken, sondern der Befehl an einen unsauberen Geist sein könnte, den Patienten zu verlassen? Das soll nun keineswegs heißen, dass ich in jedem kranken, der nicht geheilt wurde, einen unreinen Geist vermuten würde. Es ist nur ein Gedankenanstoß, die Möglichkeit einer solchen Ursache nicht von vorne herein auszuschließen.
Zurück zu Markus. Jesus ist etwas ungehalten: „Er aber antwortete ihnen und spricht: O ungläubiges Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen? Bringt ihn zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und als der Geist ihn sah, zerrte er ihn sogleich; und er fiel zur Erde, wälzte sich und schäumte.“
Mit dem „ungläubigen Geschlecht“ – wen mag Jesus gemeint haben? Immerhin hat der Vater des Jungen so viel Glauben, dass er sich an die Jünger Jesu um Hilfe wendet. Dass die Schriftgelehrten mit den Jüngern streiten, ist nicht verwunderlich, sie streiten ja auch mit Jesus, wo sich die Gelegenheit ergibt, eben weil sie nicht glauben wollen. Die Volksmenge weiß von nichts, woher sollte ihr Glaube kommen? „Ungläubig“ nennt Jesus wohl eher diejenigen, die Vollmacht über Dämonen haben und hier nichts ausrichten können.
Jesus befragt zuerst den Vater: „Wie lange ist es her, dass ihm dies geschehen ist? Er aber sagte: Von Kindheit an; und oft hat er ihn bald ins Feuer, bald ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen.“ Wie bei dem Besessenen in den Grabhöhlen ist auch dieser Geist darauf aus, den Menschen zu vernichten, in dem er wohnt. Der Vater fährt fort: „Aber wenn du etwas kannst, so habe Erbarmen mit uns und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Wenn du das kannst? Dem Glaubenden ist alles möglich. Sogleich schrie der Vater des Kindes und sagte: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“
Interessant ist für mich, dass der Vater den fehlenden Glauben bei sich selbst vermutet und um Hilfe bittet. Nicht bei den Jüngern, die gescheitert sind, nicht bei Jesus, der ihn befragt.
„Als aber Jesus sah, dass eine Volksmenge zusammenläuft, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du stummer und tauber Geist, ich gebiete dir: fahre von ihm aus, und fahre nicht mehr in ihn hinein! Und er schrie und zerrte ihn heftig und fuhr aus; und er wurde wie tot, so dass die meisten sagten: Er ist gestorben. Jesus aber nahm ihn bei der Hand, richtete ihn auf, und er stand auf.“
Eine einfache, unmissverständliche Anordnung: „Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!“ Keine stundenlangen Analysen und Sitzungen, keine Beschwörungen und Riten oder Formeln. Wer Autorität hat, kann etwas befehlen und es geschieht.
Die Jünger sind natürlich ratlos, warum sie selbst nichts haben bewirken können. „Und als er in ein Haus gegangen war, fragten ihn seine Jünger allein: Warum haben wir ihn nicht austreiben können? Und er sprach zu ihnen: Diese Art kann durch nichts ausfahren als nur durch Gebet.“
Wir lesen hier nicht, dass Jesus für oder mit dem Jungen betet, bevor er den Dämon vertreibt. Er betet nicht mit dem Vater der Patienten, nicht mit der Volksmenge. Wir wissen aber, dass Jesus nächtelang im Gebet verbringt, weil er weiß, dass er die Gemeinschaft mit seinem Vater für seinen Auftrag braucht. Ich habe über diese Zusammenhänge zwischen Vollmacht und Gebet ausführlich in meinem Buch „Ich aber habe für dich gebetet“ geschrieben, daher soll hier dieser Hinweis genügen.

Markus berichtet abschließend von den letzten Tagen Jesu, wie er seine Jünger auf das Kommende vorbereitet, ihren Glauben stärkt, ihnen vieles erklärt. Er wird gefangen genommen und hingerichtet, dann kommt der Auferstandene zu den trotz aller Vorbereitungen verängstigten und verwirrten Jüngern und gibt ihnen schließlich einen Auftrag: „Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer gläubig geworden und getauft worden ist, wird errettet werden; wer aber ungläubig ist, wird verdammt werden. Diese Zeichen aber werden denen folgen, die glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden, werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Schwachen werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.“
Wir wissen aus der Apostelgeschichte und den übrigen Schriften des Neuen Testamentes, dass Jesus kein Versprecher unterläuft, als er die Vollmacht über den Kreis der zwölf Jünger hinaus auf diejenigen ausweitet, die glauben. Damit sind auch heute immer noch alle gemeint, die an Jesus Christus als Sohn Gottes, an sein Werk der Versöhnung zwischen Mensch und Gott glauben. Jesus sagt nicht, dass dieser Auftrag nur für die nächsten paar Jahre gilt, sondern 2000 Jahre später stimmt es immer noch, dass wir das Evangelium der ganzen Schöpfung zu predigen haben und dass uns dabei Dämonen genauso gehorchen müssen wie Krankheiten. Jesus redet nicht davon, dass man dazu ein theologisches Seminar besuchen und eine Bibelschule absolvieren muss. Er redet nicht von Vollmacht für Pastoren oder Priester. Er erläutert keinen Ritus, er empfiehlt keine Zurückhaltung oder gar Furcht vor der Macht dessen, den er mit Tod und Auferstehung ein für alle Male entmachtet hat.
Nein, es ist ganz simpel: „In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden, werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Schwachen werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.“ Unsere Realität sieht anders aus. Muss das so bleiben?

Wer ein Patentrezept erwartet, den muss ich enttäuschen. Auch Geheimwissen über die Mächte der Finsternis habe ich nicht anzubieten. Ich habe bewusst für diese Betrachtung des Markusevangeliums auf jegliche Querverweise zu anderen Bibelstellen verzichtet. Das soll nicht heißen, dass ich etwas dagegen hätte, die Bibel mit Konkordanz und Erläuterungen zu studieren, das tue ich selbst regelmäßig. Aber ich habe etwas dagegen, einzelne Sätze und Fragmente aus ihrem Zusammenhang zu reißen und zu häufig abenteuerlichen Lehren neu zusammenzusetzen. Ich will mit diesem Text den Leser auffordern und animieren, die biblischen Bücher vor allem so zu lesen, wie sie geschrieben sind, vom ersten Wort bis zum letzten Wort – denn nur so sieht man den Zusammenhang, in dem die Autoren jeweils etwas mitteilen.
Ich habe, das ist offensichtlich, vieles aus dem Markusevangelium nicht zitiert, da mein Augenmerk hier der Frage nach dem Umgang mit satanischen Kräften gilt. Ich will den Leser anreizen, sich die Zeit zu nehmen, das gesamte Evangelium zu lesen, wenn er sich mit den angesprochenen Fragen, ob und wie Jesus und die Jünger mit Dämonen umgegangen sind, beschäftigt. Und natürlich nicht nur Markus, sondern alle Evangelien und die Apostelgeschichte. Ich kann und will nur Gedankenanstöße geben.

Es gibt unübersehbar viele Bücher über dieses Thema. Viele, die ich gelesen habe, sind durch die Erlebnisse und Erfahrungen der jeweiligen Autoren gefärbt. Menschen neigen dazu, das persönliche Erlebnis zum Rezept zu machen, nach dem alle anderen handeln sollen. Mir sind solche Rezepte auch schon unterlaufen. Daher habe ich in diesen Zeilen alles herausgelassen, was ich selbst mit Dämonen und Engeln, der Kraft Gottes und der menschlichen Ohnmacht erlebt habe. Ich will den Blick dafür öffnen, dass die einzige wirklich verlässliche Richtschnur für unser Handeln, ob es nun um Dämonen oder Krankheit, Evangelisation oder Hirtendienst oder sonst etwas geht, die Bibel ist, und nicht das, was Menschen über die Bibel schreiben. Mich eingeschlossen.

Markus beendet seinen Bericht: „Der Herr wurde nun, nachdem er mit ihnen geredet hatte, in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. Jene aber zogen aus und predigten überall, während der Herr mitwirkte und das Wort durch die darauf folgenden Zeichen bestätigte.“
Das möchte ich erleben, nichts anderes. Mein Herr sitzt auch heute zur Rechten Gottes, und er will noch heute mitwirken, indem er das Wort durch die darauf folgenden Zeichen bestätigt. Einschließlich der Autorität über unreinen Geister.

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Kommentare zu: "Einer gegen Legionen – Teil 2" (1)

  1. sigrid schrieb:

    Zitat:
    …..
    Aber ich habe etwas dagegen, einzelne Sätze und Fragmente aus ihrem Zusammenhang zu reißen und zu häufig abenteuerlichen Lehren neu zusammenzusetzen. Ich will mit diesem Text den Leser auffordern und animieren, die biblischen Bücher vor allem so zu lesen, wie sie geschrieben sind, vom ersten Wort bis zum letzten Wort – denn nur so sieht man den Zusammenhang, in dem die Autoren jeweils etwas mitteilen.
    …..
    Ich will den Blick dafür öffnen, dass die einzige wirklich verlässliche Richtschnur für unser Handeln, ob es nun um Dämonen oder Krankheit, Evangelisation oder Hirtendienst oder sonst etwas geht, die Bibel ist, und nicht das, was Menschen über die Bibel schreiben.

    danke, günter!

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