Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Als ich beim Jogging, ziemlich außer Atem und nassgeschwitzt, meiner leichtfüßig voraneilenden Frau hinterher laufe, sehe ich am Wegesrand etwas liegen, was eine halb verbuddelte Leiche sein könnte. Es ist keine Leiche, sondern eine alte Wolldecke, aber dieser Blick im Vorüberlaufen reicht, um eine Geschichte in meinem Kopf anzustoßen: Wir sind harmlose Jogger, am Wegesrand liegt eine gerade ermordete Frau, das Blut noch kaum geronnen. Der Mörder im Gebüsch – beim Verbuddeln durch uns gestört – beobachtet, ob wir etwas bemerken. Je nachdem, ob wir nun stehen bleiben oder nicht, wird die Geschichte sich entwickeln.Der Mörder im Gebüsch – bedauert er seine Tat? War es ein Versehen, ein Unfall wie in Stings Song I hung my head?

Der Gedanke führt mich, während ich weiter meiner Frau hinterher laufe, zu Johnny Cash, der dieses Lied von Sting meisterhaft interpretiert hat. Dann summe ich, trotz keuchender Atmung, einen anderen Song von Johnny Cash: I killed a man they said so they said, killed a man they said so they said. Killed the man they said and I smashed in his head and I left him a layin‘ dead, damn his eyes.

Wer zum Mörder geworden ist, landet in der Welt der Literatur und der Musik gelegentlich auf dem elektrischen Stuhl. Auch davon singt Johnny Cash: Into the mercy seat I climb, my head is shaved, my head is wired, and like a moth that tries to enter the bright eye I go shuffling out of life. Just to hide in death awhile, and anyway I never lied…

Dieses Lied wiederum ist eine Komposition von Nick Cave, und damit bin ich – noch immer joggend, immer noch meiner Frau hinterher – bei den Gemeinsamkeiten von Johnny Cash, Nick Cave und mir gelandet: Uns drei (und viele andere Musiker und Autoren wie John Grisham) verbindet ein scheinbarer Zwiespalt: Passion für das Reich Gottes, „christliche“ Themen und gleichzeitige Faszination für Spannendes, Unheimliches, Humorvolles oder Erotisches, zweifellos aber „Weltliches“ in unseren Liedern und Erzählungen.

Nun möge niemand diese Zeilen so interpretieren, als wolle ich mich auf eine künstlerische Ebene mit den genannten stellen, das sei ferne! Aber mir erwachsen aus diesen Überlegungen beim Jogging ein paar Gedankengänge zu einer Frage, die mir bereits mehrmals gestellt wurde: Warum schreibe ich nicht nur über Themen wie Erlösung oder Erfahrungen mit Gott, sondern auch über Banales, Erfreuliches, Unfug, Peinliches, gelegentlich Erotisches und häufiger Verbrechen?

Nick Cave, ein enger Freund von Johnny Cash, ist beim Verschmelzen solcher Themen zur Meisterschaft gelangt. In dem bereits zitierten Lied The Mercy Seat spannt er den Bogen vom begangenen Verbrechen zum Thron Christi und wieder zurück auf die Erde und die Hinrichtung: In Heaven His throne is made of gold, the ark of His Testament is stowed. A throne from which I’m told all history does unfold. Down here it’s made of wood and wire and my body is on fire. And God is never far away.

Auf seinem bisher letzten Album Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus vereint Nick Cave Lobpreis und Anbetung – Get ready for love! Praise Him! Calling every boy and girl, calling all around the world: Praise Him till you’ve forgotten what you’re praising Him for. Then praise Him a little bit more! – mit einer umwerfend komischen Humoreske über Orpheus, der aus Langeweile die Leier erfindet und deshalb auf ein bitteres Ende zusteuert – Look what I’ve made, cried Orpheus, and he plucked a gentle note. Eurydice’s eyes popped from their sockets and her tongue burst through her throat. O Mamma! O Mamma – einer an alttestamentliche Propheten erinnernden Gerichtsandrohung – Looka yonder! A big black cloud come! O comes to Tupelo. Distant thunder rumble, rumble hungry like the beast. The beast it cometh, cometh down to Tulepo! Ya can say these streets are rivers, ya can call these rivers streets, ya can tell ya self ya dreaming buddy, but no sleep runs this deep! No! No sleep runs this deep! Women at their windows, rain crashing on the pane, writing in the frost Tupelos‘ shame. Tupelo’s shame! O God help Tupelo! O God help Tupelo! – bis zu einem Song, der mit Selbstmordgedanken beginnt und dann im Jubel über die Erlösung durch Jesus Christus endet: Pass me that lovely little gun, my dear, my darting one. The cleaners are coming, one by one, you don’t even want to let them start. … O children, lift up your voice, lift up your voice. Children, rejoice, rejoice! … Hey, little train! Wait for me! I once was blind but now I see. Have you left a seat for me? Is that such a stretch of the imagination?

In der hervorragenden Biographie von Steve Turner über Johnny Cash kann man nachlesen, dass die Freundschaft zwischen Cash und Cave entstanden ist, weil die beiden in den Liedern des jeweils anderen eine Seelenverwandtschaft entdeckt hatten und einander unbedingt kennen lernen wollten: Mord, das Böse… und gleichzeitig die Hoffnung und Erlösung des Evangeliums.

Der gleiche scheinbare Zwiespalt existiert auch bei Schriftstellern. Manch einer, John Grisham zum Beispiel, nach eigenem Bekenntnis und dem Zeugnis anderer gläubiger Christ, schreibt Bestseller über Verbrecher und Verbrechen, ohne dabei erkennbare Berührungsängste zu haben. C. S. Lewis erschuf abenteuerliche und unheimliche Welten in seinen Büchern, die heute noch neue Leser finden und begeistern – und er ist andererseits Autor theologischer Werke. Einige der schönsten Zeugnisse über die Kraft des Glaubens und einen helfenden Gott findet man in den Büchern von Stephen King, so in Desperation oder The girl who loved Tom Gordon.

Man freut sich an der Lektüre, genießt die Musik, und dann treten Zeitgenossen vor, die dazwischenfunken: Das können gar keine Christen sein. Sonst würden sie so etwas nicht schreiben / singen! Es gebe schließlich auch, darauf wird dann gerne verwiesen, „christliche“ Musik und Bücher.

Stimmt.

Es gibt sie, die Lobpreis-CDs, Anbetungs-Alben, biblischen Romane und Sachbücher zu christlichen Themen. Darunter sind – wie unter den „weltlichen“ Werken – hervorragende, durchschnittliche und miserable Kreationen zu finden. Es gibt Autoren und Musiker in der frommen Szene, die sich auf den sakralen Bereich beschränken; mancher braucht den Qualitätsvergleich mit der säkularen Szene nicht zu scheuen. Solche Künstler verleihen in jedem ihrer Werke ihrem Glauben Ausdruck. Wenn ein Kunstschaffender seine Grenzen so ziehen möchte, sei ihm das unbenommen, jeder kreativ tätige Mensch muss einen persönlichen und einzigartigen Weg finden.

Was mir aber immer wieder sauer aufstößt, ist das Urteil mancher Christen, wenn ein Autor oder Musiker die Grenzen nicht so eng – oder gar nicht – ziehen möchte. Dann ist schnell der Vorwurf zu hören, das könne kein „echter“ Christ sein.

Woran mag das liegen?

Zum einen zweifellos an Unkenntnis. „Stephen King? Der schreibt doch diese Horror-Schocker“, sagte mir kürzlich jemand. Richtig ist, dass Stephen King früher hauptsächlich, heute noch gelegentlich, Texte mit Horrorelementen verfasst hat. Die vielen anderen Werke wie The Green Mile oder Dolores, die einfach nur hervorragende Literatur sind, das Endzeitepos The Stand und andere Bücher, die mit Horror nun wirklich nichts zu tun haben, kennen solche Kritiker gar nicht. Natürlich gibt es in The Stand grauenhafte Szenen, aber das Ende der Welt wird nun einmal kein Sonntagsausflug ins Grüne sein. Sicher ist Annie nicht gerade zimperlich im Umgang mit ihrem unfreiwilligen Gast Paul, dem Erfinder von Misery, aber es geht um etwas ganz anderes als die Füße des Opfers. Oder Stand by Me – dieser wunderschöne Bericht über das Überschreiten der Schwelle von der Kindheit zur Jugend… nur jemand, der Stephen King nicht gelesen hat, wird ihn für einen Horrorautor halten können.

Ein schon ernstzunehmenderer Grund könnte sein, dass es zahlreiche Texte und Musik aus säkularen Quellen gibt, die tatsächlich einen Gläubigen abstoßen. Es gibt Bücher, die legt man als Christ angewidert aus der Hand, nachdem die ersten Seiten gelesen sind, es gibt Musik, die Satan verherrlicht oder – über Stilfragen hinweg – in die Depression führt. Daher schütten viele das Kind mit dem Bade aus und urteilen: weltlich = schlecht, christlich = gut. Folgerichtig muss dann Literatur oder Musik mit weltlichen Themen von Menschen stammen, die schlecht sind – in gemeindlichen Bücherstuben und christlichen Katalogen wird man sie vergebens suchen. (Anders herum funktioniert das viel unverkrampfter: Im säkularen Handel sind die Bücher von Peter Hahne oder die CDs von Delirious? ohne weiteres zu haben…)

Mit Geschmacksfragen hat es meist wenig zu tun. Der eine mag schluchzende Geigen, der andere harte Gitarrenriffs. Die eine schmilzt bei schwülstigem Stil dahin, die andere liest lieber sachlich formulierte Texte. Es gibt fromme wie weltliche Musik, bei der ich das Weite beziehungsweise den Ausschaltknopf suche, es gibt Texte aus dem säkularen und christlichen Lager, die mich daran zweifeln lassen, dass die Autoren sich überhaupt darum bemühen, gut zu schreiben.

Da kommt mir die Bibel in den Sinn, unbestritten ein christliches Buch.

Das Hohelied ist von der ersten bis zur letzten Zeile Liebesdichtung, ein Lob der Erotik, selbst oralen Verkehr vermag der eine oder andere zu entdecken. Man kann natürlich geistliche Botschaften in diese acht Kapitel hineininterpretieren, aber genauso kann ich ohne große Mühe dem Zauberberg von Thomas Mann eine biblische Botschaft unterjubeln.

Die Sprüche Salomos haben überwiegend wenig Bezug zu Gott, handeln vielmehr von Vernunft, Klugheit, einem weisen, überlegten Lebenswandel. Nicht umsonst hat so mancher Vers als geflügeltes Wort den Weg in den Volksmund gefunden, auch wenn das Volk mit Gott nichts zu tun hat: Wer andern eine Grube gräbt…

Das Buch Ruth, so interessant es zu lesen ist, berichtet mit keinem Wort davon, dass Gott in irgend einer Weise bei dieser Geschichte eingegriffen hätte. Es ist einfach nur gute Literatur, ein poetisches Buch. Benjamin Franklin hörte eines Tages am französischen Hof mit an, wie einige Aristokraten über die Bibel lästerten; dass es ihr an Stil mangele und dass die Lektüre unwürdig und Zeitverschwendung sei. Er schrieb daraufhin das Buch Ruth ab, wobei er alle Namen durch französische ersetzte. Dann las er das Manuskript der versammelten Elite Frankreichs vor – die Reaktion war Begeisterung über die Eleganz und den hervorragenden Stil dieser bezaubernden Erzählung… es war den Anwesenden sichtlich peinlich, als sie erfuhren, dass sie einem Text aus der Bibel applaudiert hatten.

Das Buch Prediger schließlich erzählt einseitig, ausschließlich, aus der Sicht eines Menschen ohne Gott; wir finden depressive Gefühlswelten und philosophische Gedankengänge, die ins Leere münden. Etliche Aussagen stehen im krassen Widerspruch zur restlichen Heiligen Schrift. Wenn man das „unter der Sonne“ außer acht lässt, hat dieses Buch überhaupt keine im christlichen Sinne verwertbare Aussage.

Doch würde wohl kaum ein gläubiger Mensch auf die Idee kommen, diese Kapitel aus seiner Bibel zu entfernen.

Wir joggen unverdrossen den engen Weg entlang. Eine Dame hält am Rand an und hält ihren Hund am Halsband, um uns vorbei zu lassen. Wir bedanken uns: „Sehr rücksichtsvoll, vielen Dank!“

Man muss doch auch als Autor Rücksicht auf die Mitmenschen nehmen? Ein gewichtiges Argument. Aber: Ist nicht der Leser und die Leserin verantwortlich für die Lektüre? Es möge doch bitte niemand im Restaurant Kartoffeln bestellen, wenn er lieber Nudeln mag. Es möge doch bitte niemand eine Erzählung aus der Rubrik Krimi lesen, wenn er lieber biblische Geschichten mag.

Ich werde mich auch in Zukunft nicht auf Themen beschränken, die in einen engen „frommen Rahmen“ passen. (Das Wortspiel mit eng und Stirn, das sich hier gewaltsam aufdrängen möchte, schiebe ich mal als Platitüde energisch beiseite.) Meine Phantasie will sprudeln, ich kann ihr gelegentlich Zügel anlegen, wenn sie davon galoppieren möchte, aber warum sollte ich sie gänzlich ersticken?

Wir laufen durch den einsetzenden Nieselregen und die Leiche im Gebüsch ist gar keine. Sie kann aber durchaus eine werden, wie ich mich kenne. In einer Erzählung, in einem Roman. Als kleine Episode am Rande oder als Thema. Der Mörder, der gar nicht auf uns lauert, kann Gestalt gewinnen und – je nach dem – der Gerechtigkeit zugeführt werden oder ungeschoren davon kommen. Ich weiß es noch nicht, da diese Geschichte ungeschrieben ist, vielleicht auch nie geschrieben wird.

Vom I killed a man they said, so they said, and I smashed in his head and I left him a layin‘ dead, damn his eyes bin ich bei der Bibel und dem Buch Prediger und schließlich wieder bei der Wolldecke im Gebüsch gelandet, ohne dass mir das befremdlich vorkommt. Und während das Ende unseres Laufes näher rückt, bin ich damit rundum zufrieden. Ich muss nicht aus jedem meiner Texte eine Predigt machen, ich muss nicht meinen Themenkreis auf Fragen rund um den Glauben einschränken. Ich kann Autoren, die sich derartige Grenzen setzen, verstehen. Sie haben ihren Weg, ihren Stil, ihr Thema definiert, und das ist auch gut so. Jede und jeder findet früher oder später zum eigenen schöpferischen Kosmos, wenn die Beschäftigung mit Literatur oder Musik ernsthaft ist. Ich schreibe über Gott und die Welt – und bin damit glücklich.

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Kommentare zu: "Nick Cave, Stephen King und ich" (4)

  1. Thomas-BDD schrieb:

    Das mit Nick Cave finde ich sehr interessant.
    Ich schrieb ja schon mal in einem Artikel für
    das (temporär ?) untergegangene Glaube.de,
    dass ich mich an den Tag und die Stunde meiner
    inneren Bekehrung erinnern kann. Dabei hörte
    ich: Get ready for love! Praise Him! Calling every boy and girl, calling all around the world: Praise Him till you’ve forgotten what you’re praising Him for. Then praise Him a little bit more! Ich hatte die CD gerade
    per Post bekommen. Mir war sofort klar, was der
    Text bedeutet, auch für mich.

    Hinsichtlich der Verteidigung der weltlichen Kunst
    in der Christenheit kann ich Bob Briners Buch
    „Roaring Lambs“ empfehlen, dass sich an in in die
    Welt gesendete Christen wendet, hauptsächlich an
    solche, die in den USA im Kulrubetrieb tätig sind.
    Eine der Fragen auf seiner Roaring-Lamb-Checklist
    lautet: Hast Du diesen Monat schon ein weltliches Buch gelesen? Die sollte mit ja beantwortet werden.

  2. Wolfgang N. schrieb:

    Finde ich gut, dass Du das eine nicht ausläßt, um das andere zu tun. Gäbe es doch mehr Autoren wie John Grisham, Stephen King und Dich!

    Sagt und grüßt der Wolf

  3. DANKE!!!

    Die Welt wäre ziemlich einseitig, wenn es „nur“ die geschätzten Autoren der christlichen Bücher geben würde. Bitte nicht falsch verstehen, ich schätze diese Bücher sehr, aber ich bin dennoch überaus dankbar, dass es auch noch etwas anderes gibt.

    Und über die meisterhafte Verflechtung von biblischen Aussagen in „weltlicher“ Literatur bin ich mehr als froh, wie sollen sonst die Menschen von Gott hören? Viele Wege führen zu Gott und wenn dies über Liedtexte oder Bücher funktioniert, dann ist das einfach genial 🙂

    Weiterhin gute Einfälle von Oben!

    Viele Grüße

    Tina We

  4. Schön, dass es außer mir noch andere Menschen gibt, die keine Berührungsängste kennen. In der Welt, nicht von der Welt – für mich und Euch kein Widerspruch.

    🙂

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