Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Haben wir da was vergessen?

»Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen.
Heute würde ich über dieses Thema anders schreiben. Vielleicht tue ich das sogar eines Tages …
Mehr über die innere Entwicklung, die im Lauf der Zeit auch für felsenfest gehaltene Überzeugungen wandeln kann, in diesem Artikel: Hoffentlich liest das niemand …

Ich habe neulich mal wieder Trockenübungen im Gespräch über Gott, im frommen Jargon als „Zeugnis geben“ bekannt, gemacht.Das geht so: Ich stelle mir einen Gesprächspartner vor, und erzähle ihm in Gedanken von Jesus.
Irgendwann fragt der imaginäre Mensch mich in diesem Gespräch: Und was hat das nun mit mir zu tun?
Ich: Jesus liebt Dich und ist für Dich gestorben. Damit ist ein Weg für dich frei geworden, mit Gott ins Reine zu kommen.
Er: Und wie geht das?
Ich: Willst du dein Leben in Zukunft mit Ihm zusammen leben anstatt ohne Ihn?
Im Idealfall sagt der Gesprächspartner an dieser Stelle: Ja, kannst du mit mir beten?
Natürlich bete ich mit ihm und nun ist er ein Kind Gottes.

Da kommt eine Störung in mein Gedankenspiel: Da habe ich doch aber was vergessen?

Mt 4, 17: Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen!

Wie jetzt, was vergessen? Ich habe von Gottes Liebe erzählt, davon, was ich mit Gott erlebt habe.

Mt 11, 20 f: Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan.

Ich habe auch davon gesprochen, daß das Leben erst mit Jesus einen Sinn bekommt, ein Ziel hat und daß es nach dem irdischen Tod weitergeht.

Mt 12, 41: Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier.

Ich habe erklärt, wie sehr Gott uns, seine Geschöpfe liebt: So sehr, daß Er Seinen Sohn geopfert hat.

Mk 1, 4: Johannes trat auf und taufte in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.

In diesem imaginären Gespräch fragt mich jetzt mein Gegenüber (und stößt mich mit der Nase auf das, was ich immer noch nicht sehe): Und warum genau mußte Jesus sterben?
Meine Antwort: Weil die Folge der Sünde unausweichlich der Tod ist. An unserer Stelle ist Jesus gestorben, als unschuldiges Opfer für uns, die wir schuldig sind. Dann ist er von Gott auferweckt worden. Er lebt noch heute und lädt uns ein, uns mit Gott versöhnen zu lassen, also sozusagen wieder in Seine Familie aufgenommen zu werden. Unsere Sünde wird vergeben.

Mk 1, 15: und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Störgedanke: Was vergessen! Was vergessen!

So langsam dämmert mir, was das ist.

Mk 6, 12: Und sie zogen aus und predigten, daß sie Buße tun sollten.

Ich habe sehr viel über Gottes Liebe und Vergebung und Fürsorge und Annahme und Führung und Kraft erzählt, also all die positiven Aspekte des Glaubens erläutert.

Lk 3, 3: Und er kam in die ganze Landschaft am Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden;

Ich habe auch erwähnt, daß wir Menschen Sünder sind, daß keiner von uns in Gottes Augen gerecht und rein ist.

Lk 3, 8: Bringt nun der Buße würdige Früchte; und beginnt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch, daß Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.

Nichts von dem, was ich in diesem Gespräch gesagt habe, war falsch. Aber es war unvollkommen, weil das Wichtigste fehlte.

Lk 5, 32: ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.

Buße. Jesus ruft Sünder zur Buße. Nicht Sünder zum Ich-nehme-dich-in-mein-Herz-auf-Gebet, sondern Sünder zur Buße. Darum ist Jesus gekommen.

Lk. 10, 13: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie, in Sack und Asche sitzend, Buße getan.

So, und nun habe ich in meiner Gedankenkette, der Trockenübung im Zeugnisgeben, ein Problem.
Kann ich jemandem erklären, was Buße ist und daß Buße notwendig ist? Kann ich überhaupt jemanden in das Reich Gottes hinein begleiten, wenn dieser entscheidende wichtige erste Schritt der Buße nicht vorkommt?

Lk 11, 32: Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas hin; und siehe, hier ist mehr als Jona.

Natürlich sagt man im Gebet: Herr, vergib mir meine Schuld oder Danke für die Vergebung meiner Sünden. Aber ist das Buße? Wird man so gerettet?

Lk 13, 3: Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.

Ich denke an meine eigene Bekehrung vor nunmehr fast 30 Jahren zurück. An den inneren Kampf, der da tobte. An die Angst, das Entsetzen, als ich verstand, daß Gott mich ganz persönlich meint. An das Begreifen, daß ich vor diesem Heiligen Gott voller Schmutz und Dreck dastand. Daß ich mich am liebsten vor Ihm versteckt hätte, aber wo versteckt man sich vor Gott? Wie ich versuchte, mir einzureden, das sei nichts für mich, oder vielleicht ein anderes Mal.

Lk 13, 5: Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.

Ich erinnere mich an die Tränen, die ich in jener Nacht vergossen habe. Den Schmerz über meine Sünde. Die Verzweiflung über so vieles in meinem Leben, was mich auf einmal wie eine Zentnerlast niederdrückte.

Lk 15, 7: Ich sage euch: So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben.

Schließlich denke ich zurück an das Gefühl, als ich aus dieser ganz tiefen Verzweiflung heraus Buße tat, Gott sagte, wie leid mir alles tat. Einiges konnte ich beim Namen nennen, aber ich wußte, daß das nicht alles war. Daß ich weinte über meine Sünde und darüber, daß ich ihm so lange widerstanden hatte.
Ich erinnere mich, daß ich nicht nüchtern gesagt habe: Sorry, ich hab wohl ein paar Sachen im Leben falsch gemacht, sei nicht mehr böse, lieber Gott. Nein, ich habe geheult wie ein verlassener Hund an der Autobahnraststätte, weil mir meine Sünde weh getan, leid getan hat.
Ich erinnere mich auch an das, was dann folgte. Es war und ist bis heute nicht mit Worten zu beschreiben, wie ich mich fühlte, als auf einmal die Gewißheit da war, daß Gott mir vergeben hatte. Man konnte mir die innere Veränderung ansehen. Ich war endlich frei uneingeschränkt glücklich.

Lk 15, 10: So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Es ist wie gesagt lange her (am 31.12.2002 um 23:50 werden die 30 Jahre voll), aber ich habe diese Minuten nie vergessen. (Und die vielen weiteren Gelegenheiten in meinem Leben, Buße zu tun, denn es gelingt mir bis heute nicht, perfekt zu sein.)
Ich habe aber in manchen Gesprächen vergessen, weiterzusagen, wie wichtig Buße ist, um ein Kind Gottes werden zu können.

Lk 16, 30: Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht, so werden sie Buße tun.

Es spricht sich so viel leichter über Gottes Liebe und Vergebung, stimmts? Wer möchte schon seinem Gegenüber zu schlechten Gefühlen verhelfen. Und eins ist sicher: Buße gehört mit schlechten Gefühlen zusammen, bevor Raum für die guten Gefühle da ist. Buße ohne Gefühle geht überhaupt nicht.

Lk 24, 46 f: So steht geschrieben, und so mußte der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen aus den Toten, und in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen, anfangend von Jerusalem.

Ich habe heute die Evangelien der Elberfelder Bibelübersetzung nach dem Begriff Buße durchsucht (fein, daß es Computer und Online-Bibeln gibt). Das, was ich oben kursiv zwischen meine Gedanken gesetzt habe, ist dabei herausgekommen.

Ich werde in Zukunft mehr als bisher darum beten, daß der Herr meinen Gesprächspartnern (nicht den imaginären, den echten!) Sündenerkenntnis (typisch christlicher Slang, weiß jemand ein besseres Wort?) gibt, denn niemand wird Buße tun, wenn er gar nicht begreift, wie er ohne Vergebung in den Augen eines heiligen Gottes aussieht.
Weiß in unserer Gesellschaft noch irgend jemand, was Sünde ist? Zwei Flugzeuge ins Wold Trade Center steuern, okay, das gilt als böse. Und damit verglichen haben die meisten Leute in ganz reines und ruhiges Gewissen.

Ich möchte Menschen kein schlechtes Gewissen einreden. Wenn ich jemandem etwas einrede, wird nichts für das Reich Gottes dabei herauskommen. Daß jemand seinen Zustand wirklich innerlich begreift und bereut, kann und will der Heilige Geist bewirken. Das war bei mir jedenfalls so, niemand mußte mir meine Sünden aufzählen.

Aber ich möchte nicht verschweigen, daß es ohne Buße keine Errettung gibt. Und ich nehme mir neu vor, Sünde beim Namen zu nennen. Nicht vorwurfsvoll, denn niemand von uns ist ohne Sünde, aber wem ist mit einer das-ist-ja-nicht-so-schlimm-Haltung gedient?

Nur wenn jemand begreift, was in den Augen Gottes schlecht und böse ist, kann er sich davon abwenden. Und Umkehr, Bekehrung, ist genau dieser Vorgang. Es ist der Beginn eines Weges, nicht das Ziel. Oder hat Gott Sein Wort diesbezüglich irgendwann umgeschrieben?

Nicht, daß ich wüßte.

Apg. 2, 38: Petrus aber sprach zu ihnen: Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden! Und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.

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