Sakrales und Säkulares friedlich vereint

Der schwierige Jesus

Im Neuen Testament finden wir die eine oder andere Begebenheit, die so gar nicht in das Bild passt, das wir in der Regel von Jesus haben. Wenn wir auf solche Passagen stoßen, gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder, die Bibel irrt sich an dieser Stelle, oder wir verstehen etwas falsch beziehungsweise gar nicht.
Gerade bei solchen Texten lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn eine Beschäftigung mit dem „schwierigen“ Jesus kann uns für problematische Situationen im Glaubensleben mit dem notwendigen (eine Not wendenden) Schlüssel versorgen.In Matthäus 15, 21-28 finden wir einen Bericht, in dem Jesus auf den ersten Blick zumindest unfreundlich erscheint, wenn nicht gar feindselig einer Frau gegenüber, die ihn um Hilfe bittet.

Und Jesus ging von dort weg und zog sich in die Gegenden von Tyrus und Sidon zurück; und siehe, eine kanaanäische Frau, die aus jenem Gebiet herkam, schrie und sprach: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen.
So weit, so normal. Viele Menschen kamen mit ihren Nöten zu ihm, auch wenn diese Nöte Verwandte, Freunde oder Diener betrafen. Auch die Anrede, Sohn Davids, war durchaus angebracht. Doch anstatt sich ihr zuzuwenden, ignoriert Jesus diese Frau: Er aber antwortete ihr nicht ein Wort.
Wie hätte ich mich an ihrer Stelle wohl gefühlt und verhalten? Der Mann, der dem Vernehmen nach so viele Wunder getan hat, der jedem gerne hilft, antwortet mir mit keinem Wort. Er lässt mich links liegen. Ich bin Luft für ihn. Hat er schlechte Laune? Ist er überarbeitet? Müde? Ist ihm mein Problem doch zu schwierig?
Manch einer gibt an dieser Stelle auf. Ich habe oft von Menschen gehört oder gelesen: „Ich habe Gott um dieses und jenes gebeten, und es ist nichts passiert.“ Man bittet, es geschieht nichts, keine Antwort, keine Erhörung, und man schließt daraus: „Gott will eben nicht.“ Und dabei belässt man es.
Diese Frau aber gibt nicht auf. Sie ignoriert ihrerseits, dass Jesus sie ignoriert, und schreit weiter. Wir lesen: Und seine Jünger traten hinzu und baten ihn und sprachen: Entlass sie! Denn sie schreit hinter uns her.
Offenbar hatten die Jünger keine Lust, sich das Geschrei weiter anzuhören, waren womöglich auch auf ihren und ihres Meisters guten Ruf bedacht. Was für ein Bild ist das auch: Eine Hilfesuchende schreit und weint und bettelt, und der Meister, der Rabbi geht unbekümmert seines Weges, als sei die Frau Luft für ihn. Dann soll er sie doch wenigstens entlassen, wegschicken, damit wieder Ruhe einkehrt.
Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Zumindest haben die Jünger (und die Frau) nun eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten: Die Sorgen von Ausländern gehen ihn und seinen Dienst nichts an. Nun hätte die Hilfesuchende aufgeben können, denn noch klarer konnte man ihr ja kaum sagen, dass sie an der falschen Adresse war. Sie hätte, enttäuscht und unter Tränen, nach Hause gehen und sich mit dem harten Schicksal, eine vom Bösen gequälte Tochter zu haben, abfinden können. Hätte ich mich zurückgezogen? Eingesehen, dass es eben Gottes Wille ist, dass mein Kind unter diesen schrecklichen Umständen leben muss? Hätte ich es für eine „von Gott auferlegte Last“ gehalten?
Die Frau jedoch gibt sich mit der schroffen Abfuhr nicht zufrieden: Sie aber kam und warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
Sie akzeptiert nicht, dass es für sie und ihre Bitte ein „Unmöglich!“ geben soll. Sie weiß, dass Jesus anderen Menschen in ihrer Not geholfen hat, und sie weiß, dass er es auch in ihrem Fall tun kann. Sie wirft sich vor ihm nieder, eine Geste der Demut und Verzweiflung gleichermaßen, und sie bleibt dabei, ihre Bitte zu wiederholen, so oft es denn nötig sein mag.
Jesus wird nun, man mag es kaum glauben, noch unhöflicher: Er antwortete und sprach: Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen.
Hunde waren damals keine Schoßtiere, verhätschelt und gepflegt. Jemanden mehr oder weniger deutlich mit den Hunden auf eine Stufe zu stellen – sicherlich eine Zumutung. Eine erneute schroffe Zurückweisung ihrer Bitte. Spätestens jetzt muss sie doch begreifen, dass sie keine Hilfe finden wird. Das mögen zumindest die Jünger gedacht haben.
Wäre ich nun endlich meiner Wege gezogen, hätte diesen unfreundlichen und nicht zur Hilfe bereiten Rabbi in Ruhe gelassen, der mich vor aller Ohren mit den Hunden auf eine Stufe stellt? Wäre das endlich der Moment gewesen, in dem ich innerlich verbittert gedacht hätte: „Na dann eben nicht! So lasse ich mich nicht behandeln, schließlich habe ich meine Menschenwürde.“
Die Frau handelt anders. Sie aber sprach: Ja, Herr; doch es essen ja auch die Hunde von den Krumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen.
Sie wagt es, zu widersprechen. Sie argumentiert. Sie akzeptiert sogar, dass sie als Angehörige einer anderen Nation nicht gleichwertig ist, aber sie bleibt dabei, dass Jesus derjenige ist, der ihr helfen kann und muss, ob sie nun ein Kind oder ein Hund ist. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.

Letztendlich ist es der Glaube, den diese Frau durch ihre Beharrlichkeit beweist, der für die Erhörung ihrer Bitte ausschlaggebend ist. Der Glaube, der nicht aufhört, wenn die Umstände dagegen sprechen. Der Glaube, der sich nicht erschüttern lässt, wenn die Antwort zunächst ausbleibt und dann sogar wie ein Nein klingt. Der Glaube, der das Ziel hinter dem Problem sieht: die Gesundheit der Tochter.

Markus berichtet die gleiche Begebenheit (Markus 7, 24-30), etwas knapper als Matthäus, aber mit den gleichen Schwerpunkten: Von dort aber brach er auf und ging weg in das Gebiet von Tyrus; und er trat in ein Haus und wollte, dass niemand es erfahre; und er konnte nicht verborgen sein.
Wollte Jesus Urlaub machen? Ausspannen? Warum ging er in diese Gegend, wenn er verborgen bleiben wollte? Dem biblischen Bericht zufolge war eine Auseinandersetzung mit den Pharisäern und Schriftgelehrten vorausgegangen, diese waren extra aus Jerusalem angereist, um Jesus und seine Jünger kritisch in Augenschein zu nehmen (Markus 7, 1 ff beziehungsweise Matthäus 15, 1 ff). Ich kann mir vorstellen, dass es Jesus darum ging, weiteren Diskussionen für eine Weile zu entfliehen. Nach der Begegnung mit dieser hilfesuchenden Mutter wird uns nichts weiter berichtet, als dass Jesus zurückkehrt nach Galiläa (Markus 7, 31 beziehungsweise Matthäus 15, 29).
Oder war er nur wegen dieser Frau in das Gebiet von Tyrus gekommen? Damit seine Jünger, die gerade die Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten miterlebt hatten, sehen konnten, was der Glaube vermag, worauf es wirklich ankommt?
Verborgen bleiben konnte er jedenfalls nicht, zu viele Menschen wussten von seinen Wundern.
Aber sogleich hörte eine Frau von ihm, deren Töchterchen einen unreinen Geist hatte, kam und fiel nieder zu seinen Füßen; die Frau aber war eine Griechin, eine Syro-Phönizierin von Geburt; und sie bat ihn, dass er den Dämon von ihrer Tochter austreibe. Und er sprach zu ihr: Lass zuerst die Kinder satt werden, denn es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen.
Auch diese kürzere Schilderung lässt die Sache mit den Hunden nicht aus. Es muss für die Zeugen des Vorfalls sehr eindrücklich gewesen sein, wie Jesus diese Frau zunächst abweist. Die Antwort der Frau kennen wir schon: Sie aber antwortete und spricht zu ihm: Ja, Herr; auch die Hunde essen unter dem Tisch von den Krumen der Kinder.
Es kommt auf den Glauben an, der beharrlich ist, das wird auch aus der Schilderung bei Markus klar: Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin! Der Dämon ist aus deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging weg in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon ausgefahren.

Wenn der Glaube unzureichend ist – was dann?

Einige Zeit nach dieser Begebenheit hat es Jesus mit einem verzweifelten Vater zu tun, der zwar hilfesuchend zu Jesus kommt, aber feststellt, dass sein Glaube auf schwachen Beinen steht – möglicherweise, weil die Jünger vergeblich versucht haben, das kranke Kind zu heilen (Markus 9, 14 ff). Der Mann ist nicht felsenfest überzeugt, Hilfe zu finden, sondern sagt mit gewisser Einschränkung: Aber wenn du etwas kannst, so habe Erbarmen mit uns und hilf uns!
Jesus antwortet ihm: Wenn du das kannst? Dem Glaubenden ist alles möglich.
Der Mann hätte denken und sagen können: „Schade, dann wird es wohl nichts mit der Heilung. Die Jünger dieses Mannes haben es nicht geschafft, und nun soll es am Glauben liegen. Wenn die nicht genug Glauben haben, wie denn dann ich, der nicht zu den Nachfolgern gehört? Einen Versuch war es wert, aber er hat eben leider nicht den erhofften Erfolg gehabt.“
Aber statt dessen schreit der Mann: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!

Ich sehe in der Beschäftigung mit diesem „schwierigen“ Jesus, mit anderen Beispielen aus der Bibel, in denen Beharrlichkeit und Ausdauer eine Rolle spielen, eine ganz praktische Hilfestellung, eine Anleitung für mein eigenes Leben. Wenn mich Zweifel beschleichen, wenn mein Verstand sagt, dass es aussichtslos sei, wenn Jesus taub zu sein, wenn meine Bitte um Hilfe ungehört zu verhallen scheint – dann entscheide ich mich, trotzdem an den Verheißungen festzuhalten. Dann rede ich mit Gott und sage ihm, dass ich Zweifel habe, bitte ihn um den Glauben, der mir fehlt.
Das widerspricht zwar dem Verstand, der in unserer Gesellschaft so hoch angesiedelt wird, aber wenn ich mich für den Glauben entscheide, ist das doch sowieso eine Torheit in den Augen der Welt. Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird, schreibt Paulus an die Korinther (1. Korinther 2, 14). Also bin ich lieber noch ein bisschen törichter als der aufgeklärte Verstandeschrist, der alles mit dem Intellekt bewältigen will, und glaube weiter, obwohl die Umstände mich überzeugen wollen, dass es aussichtslos ist. Wenn ich merke, dass Zweifel aufkommen, bete ich: Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!

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