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Linda 2 und Linda 4

Liebe und AlltagGelegentlich fragen mich Leser, wann ich denn wisse, dass ein Text »fertig« sei. Die ehrliche Antwort lautet, dass meine Texte nie fertig sind. Irgendwann werden sie den Lesern präsentiert, und fünf Minuten später sehe ich dieses und jenes, was ich hätte anders machen sollen…

Manche Erzählung bleibt jahrelang unveröffentlicht, andere kommen relativ schnell aus der (virtuellen) Schublade, weil meine Bearbeitung mir »fertig« scheint. Und dann wird doch wieder gefeilt, geschrubbt und poliert. Nun will ich anlässlich des Erscheinens von »Liebe und Alltag« den geneigten Lesern einen direkten Vergleich zwischen erster veröffentlichter Fassung (auf meinem Blog und im Kurzgeschichten-Forum) und der Version für das Buch gestatten, und zwar anhand der kurzen Kneipenszene, die »Linda« heißt, obwohl Linda schon längst weg ist.

Linda – zweite Version für Blog und Forum

»Jemand sollte Linda aufhalten«, murmelte einer in unser Gruppe am Tresen. »Sie hat eine Pistole in der Handtasche und ist auf dem Weg zu ihrem Verlobten.«
Linda war schon durch den Ausgang der Bar verschwunden. Keiner von uns bewegte sich, obwohl wir wussten, dass wir etwas hätten unternehmen sollen. Oder rechtzeitig den Schnabel halten, aber niemand hatte bemerkt, dass Linda in die Bar gekommen war, und wir plauderten unbekümmert miteinander.
Eigentlich war das Gespräch nur zufällig darauf gekommen, dass Lindas Verlobter mit Jenny geschlafen hatte. Haben sollte. Eventuell. Keiner wußte etwas, alle mutmaßten und ein Wort gab das andere, wie es eben so ist, wenn man an der Bar sitzt und schon ein paar Bierchen intus hat.
Jetzt war Linda wieder weg.
»Er weiß ja noch nicht einmal, dass sie auf dem Weg zu ihm ist«, meinte ich, »sie klopft an die Tür und peng!«
»Was ist nur aus dieser Welt geworden…«, sagte der ältere Herr mit der braunen Mütze, von dem keiner so recht wusste, wer er war. Er saß so gut wie jeden Abend in der Bar, wie wir alle.
Mein Vater hatte mir immer gesagt, dass zwischen Liebe und Hass nur eine hauchdünne Grenze existieren würde. Ist die erst einmal überschritten, gibt es kein zurück mehr. Vielleicht stand ich deshalb nicht auf, um Linda zu folgen, nahm ich deshalb nicht das Telefon in die Hand, um ihren Verlobten zu warnen.
»Früher«, sagte Jack, »gab es noch Treue. Heute gilt das alles nichts mehr. Man kann gar nichts machen.«
»Das geht nicht gut aus«, mutmaßte Paul. Paul meinte immer, er sei eben Realist, wir hielten ihn für einen unverbesserlichen Pessimisten. »Ich habe da ein ganz böses Gefühl, der Typ sollte auf der Hut sein, Linda hat eine Knarre und Linda ist stinksauer.«
Ich entgegnete: »Warum muss er auch mit Jenny rummachen, er hat ja die Kiste der Pandorra selbst geöffnet!«
»Jemand sollte Linda aufhalten«, murmelte wieder einer, ich glaube, es war Jack. Seine Stimme klang aber nicht so wie sonst. So, als kämpfte er mit den Tränen. Ausgerechnet unser harter Jack!
Paul meldete sich wieder zu Wort, nachdem er sein Glas in einem Zug geleert hatte: »Es sind immer die Frauen, die den Männern zum Verhängnis werden.«
»Simson wegen Delilah, Ahab wegen Jezebel, König David wegen Bathseba«, stimte ich zu. Ich gab gerne mit meiner Bildung ein bisschen an. Die anderen kannten das nicht anders.
Paul nickte: »Und steckte nicht auch eine Frau dahinter, als Johannes der Täufer geköpft wurde?«
»Linda hat geweint«, sagte die tränenschwangere Stimme. Es war tatsächlich Jack. »Die ganze Schminke verschmiert, und sie hat sich noch nicht einmal das Gesicht gewaschen, ist einfach losgestürmt. Hat in ihre Handtasche geschaut, die Pistole halb rausgezogen, wieder reingesteckt und weg war sie. Jemand sollte Linda aufhalten!«
Ich ergänzte: »Eine Beretta, sie hat eine Beretta.«
Wir nickten, alle, glaube ich. Der Wirt stellte volle Gläser auf den Tresen.
Ich trank einen großen Schluck.
Sandra quetschte sich zwischen mich und Paul. »Hast du schon was vor?«, fragte sie mich.
»Wie, vorhaben?«
»Na ja, ich würde jetzt nach Hause gehen und bin so alleine.«
»Lass mich noch austrinken, dann gehen wir«, meinte ich und legte ihr den Arm um die Schultern.

Linda – vierte Version für Buchdruck

»Jemand sollte Linda aufhalten«, murmelt einer in unser Gruppe am Tresen. »Sie hat eine Pistole in der Tasche und ist auf dem Weg zu ihrem Verlobten.«
Linda ist schon durch den Ausgang der Bar verschwunden. Keiner von uns bewegt sich, obwohl wir wissen, dass wir etwas unternehmen sollten. Wir hätten rechtzeitig den Schnabel halten müssen, aber niemand hatte bemerkt, dass Linda in die Bar gekommen war, und wir plauderten unbekümmert miteinander.
Eigentlich war das Gespräch nur zufällig darauf gekommen, dass Lindas Verlobter mit Jenny geschlafen hatte. Haben sollte. Eventuell. Keiner wusste etwas, alle mutmaßten und ein Wort gab das andere, wie es eben so ist, wenn man an der Bar sitzt und schon ein paar Bierchen intus hat.
Jetzt ist Linda wieder weg.
»Er weiß ja noch nicht einmal, dass sie auf dem Weg zu ihm ist«, meine ich, »sie klopft an die Tür und peng!«
»Was ist nur aus dieser Welt geworden…«, sagt der ältere Herr mit der braunen Mütze, von dem keiner so recht weiß, wer er ist. Er sitzt so gut wie jeden Abend in der Bar, wie wir alle.
Mein Vater hatte mir immer gesagt, dass zwischen Liebe und Hass nur eine hauchdünne Grenze existieren würde. Ist die erst einmal überschritten, gibt es kein zurück mehr. Vielleicht stehe ich deshalb nicht auf, um Linda zu folgen, nehme ich deshalb nicht das Telefon in die Hand, um ihren Verlobten zu warnen.
»Früher«, sagt Jack, »gab es noch Treue. Heute gilt das alles nichts mehr. Man kann gar nichts machen.«
»Das geht nicht gut aus«, mutmaßt Paul. Paul meint immer, er sei eben Realist, wir halten ihn für einen unverbesserlichen Pessimisten. »Ich habe da ein ganz böses Gefühl, der Typ sollte auf der Hut sein, Linda hat eine Knarre und Linda ist stinksauer.«
Ich entgegne: »Warum muss er auch mit Jenny rummachen, er hat ja die Kiste der Pandora selbst geöffnet!«
»Jemand sollte Linda aufhalten«, murmelt wieder einer, ich glaube, es ist Jack. Seine Stimme klingt aber nicht so wie sonst. So, als kämpfte er mit den Tränen. Ausgerechnet unser harter Jack!
Paul meldet sich wieder zu Wort, nachdem er sein Glas in einem Zug geleert hat: »Es sind immer die Frauen, die den Männern zum Verhängnis werden.«
»Simson wegen Delilah, Ahab wegen Jezebel, König David wegen Bathseba«, stimme ich zu. Ich gebe gerne mit meiner Bildung ein bisschen an. Die anderen kennen das nicht anders.
Paul nickt: »Und steckte nicht auch eine Frau dahinter, als Johannes der Täufer geköpft wurde?«
»Linda hat geweint«, sagt die tränenschwangere Stimme. Es ist tatsächlich Jack. »Die ganze Schminke verschmiert, und sie hat sich noch nicht einmal das Gesicht gewaschen, ist einfach losgestürmt. Hat in ihre Handtasche geschaut, die Pistole halb rausgezogen, wieder reingesteckt und weg war sie. Jemand sollte Linda aufhalten!«
Ich ergänze: »Eine Beretta, sie hat eine Beretta.«
Wir nicken. Alle, glaube ich. Jack ist jetzt still. Der Wirt stellt volle Gläser auf den Tresen.
Ich trinke einen großen Schluck.
Sandra quetscht sich zwischen mich und Paul. »Hast du schon was vor?«, fragt sie mich.
»Wie, vorhaben?«
»Na ja, ich würde jetzt nach Hause gehen und bin so alleine.«
»Lass mich noch austrinken, dann gehen wir«, antworte ich und lege ihr sanft den Arm um die Schultern.

Neues Buch: Liebe und Alltag

Oft genug prägt die Liebe unseren Alltag, noch häufiger jedoch der Alltag die Liebe, und nie sind wir wirklich sicher, wohin sich Alltag oder Liebe entwickeln werden. Von den nervösen Momenten vor dem »ersten Mal« bis zum friedlichen Abschied vom Diesseits zeichnet der Autor in 16 Erzählungen eine Vielzahl von Empfindungen und Hoffnungen, Ernüchterungen und Erkenntnissen auf. (Klappentext)

Kürzlich beim Abendessen im Hause eines befreundeten Ehepaares beschwerte sich die Gastgeberin: »In deinem Buch Gänsehaut und Übelkeit ist ja nun wirklich kaum etwas für zarte Gemüter wie mich enthalten.«
Ich antwortete: »Deshalb heißt es ja auch so, wie es heißt. Und ziert nicht ein blutverschmiertes Messer den Umschlag?«
»Na ja, das stimmt natürlich. Ich war vorgewarnt. Aber das mit dem Auge, gleich am Anfang… grauenhaft! Wie kommt man bloß auf solche Ideen?«
»Man muss nur«, schlug ich vor, »am 2. Januar eine Tageszeitung aufschlagen und nachlesen, welche Unfälle es mit Feuerwerkskörpern gegeben hat.«
»Hmmm hmmm. Nimm doch noch Pasta, es ist so viel da. Und schreib doch mal was Nettes, vielleicht ein wenig romantisch oder so. Noch ein Bierchen?«

Die liebe Gastgeberin und andere Leser können aufatmen: Für das Buch Liebe und Alltag habe ich unblutige Erzählungen verfasst, diese mit einigen älteren Texten zusammengestellt und dann alles noch einmal überarbeitet. Die Geschichten haben – nomen est omen – irgendwie mit Liebe und Alltag zu tun. Falls also jemandem Gänsehaut und Übelkeit zu blutrünstig war: Womöglich gefällt diese Sammlung eher.
Einen Hinweis will ich jedoch unbedingt loswerden. Sie sollten dieses Buch nicht kaufen, wenn Sie auf der Suche nach Herz-Schmerz-Literatur sind. Hedwig Courts-Mahler gehört nicht zu meinen literarischen Vorbildern.
Zur Sprache kommen die unerhörte, die verdorrte, die verschmähte Liebe, aber durchaus auch die andere, wohltuende, nach der wir uns wohl alle sehnen. Die kommt in diesem Buch natürlich ebenso zu Wort.
Auch die Alltagserlebnisse beschränken sich keineswegs auf die Art, die unsere Mundwinkel unweigerlich nach oben zieht. Solche gibt es auch, allemal, aber ich will nicht verhehlen, dass manches Ereignis von jener Art ist, bei der wir ein Tintenfass nach dem Störenfried werfen, wenn denn eines zur Hand sein sollte.

Ach so: Falls Ihnen Gänsehaut und Übelkeit gefallen hat, sollte dies natürlich kein Hindernis darstellen, sich auch mein neues Buch zu leisten, zumal es etwas preiswerter ist…

Interessiert? Prima!

Liebe und Alltag
16 Erzählungen
ISBN 978-3-8370-8186-2
bod Norderstedt
Paperback, 136 Seiten
€ 9,95 (inkl. MwSt.)

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Martin Luther, der die Bibel ins Deutsche übertrug, war ein Mensch seiner Zeit, geprägt von den Gegebenheiten der Epoche. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, es geht uns allen so. Mission war für ihn etwas, was irgendwo auf der Welt geschieht; seine Heimat verstand er als »christlich«. Zu Hause gab es folglich so gut wie nichts zu missionieren, höchstens aufzuklären und zurechtzurücken.
Wer allerdings heute noch davon ausgeht, dass das »christliche Abendland« ein solches wäre, muss schon mit erstaunlicher Blindheit geschlagen sein. Es sei denn, er definiert Christsein anders als das Neue Testament.
In Apostelgeschichte 4, 12 erklärt Petrus: »Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen.« Wenn Christsein also bedeutet, dass jemand verstanden und erkannt hat, dass Jesus Christus, von Gott gesandt, gestorben und auferstanden ist, und dass er diesem Jesus Christus anhand dieser Erkenntnis nachfolgt, also sein Jünger wird, dann kann nicht die Rede davon sein, dass wir in einem »christlichen« Land leben.
Es genügt, wenn wir die biblischen Berichte ernst nehmen, offensichtlich nicht, irgendwie an einen mehr oder weniger konkret benannten Gott zu glauben; das tun viele in unserer Nachbarschaft heute und hier. Von Kornelius heißt es, dass er »fromm und gottesfürchtig (war) mit seinem ganzen Haus, der dem Volk viele Almosen gab und allezeit zu Gott betete.« (Apostelgeschichte 10, 2) Wenn das ausreichen würde, wäre es nicht notwendig gewesen, dass Petrus in sein Haus kam, um das Evangelium von Jesus zu verkünden.

Folglich leben wir in einem Missionsgebiet, wenn wir die Aufforderung Jesu Christi aus Matthäus 28 ernst nehmen. Und da geht das Dilemma los. Die Lutherbibel in der Version von 1984 gibt die Sätze so wieder:

Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Eine klare Reihenfolge von Tätigkeiten. 1.: Geht hin. 2. Macht zu Jüngern. 3. Tauft sie. 4. Lehrt sie. So verstehen wir auch meist das, was als »Missionsbefehl« geläufig ist und fügen gedanklich hinzu: 5. Fertig.
Doch die Revidierte Elberfelder Übersetzung weist mit ihren Anmerkungen bereits darauf hin, dass hier womöglich eine etwas missverständliche Gewichtung vorliegt:

Und Jesus trat zu ihnen und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht (oder »Vollmacht«) gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie (wörtlich »sie taufend«) auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie (wörtlich »sie lehrend«) alles zu bewahren (oder »zu halten«), was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (griechisch »Äon«).

Die meisten englischen Bibelübersetzungen zeigen das gleiche, von Luther abweichende Bild:

Then Jesus came to them and said, All authority in heaven and on earth has been given to me. Therefore go and make disciples of all nations, baptising them in the name of the Father and of the Son and of the Holy Spirit, and teaching them to obey everything I have commanded you. And surely I am with you always, to the very end of the age. (New International Version)

So sind es plötzlich nur noch zwei Tätigkeiten: 1. Geht hin. 2. Macht zu Jüngern. Schritt 2 geschieht, indem getauft und gelehrt wird – ein kleiner, aber doch entscheidender Unterschied. Denn damit ist es nicht mehr unser Auftrag, dass wir eine Liste abarbeiten und anschließend fertig sind. Dann haben wir es mit einer fortwährenden Aufgabe zu tun, und dann passt das Ganze auch wirklich zu dem, was Paulus beispielsweise in seinen Lehrbriefen an Gemeinden – also an Menschen, die bereits Christen sind – tut. Auf die Milch des Evangeliums folgt feste Nahrung, die Gemeinde wird zu einem lebendigen, sich weiter entwickelnden Organismus, der nicht irgendwann »fertig« ist. Ein Organismus, dessen Existenz sich positiv verändernd auf die Umgebung auswirkt, die Nachbarschaft nicht unberührt lassen wird. Und vor allem gehört jeder einzelne Christ mit seinen ganz spezifischen Gaben und Aufgaben dazu, damit der »Leib«, wie Paulus die Gemeinde gerne nennt, gesund sein und wachsen kann.

Nun stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie das denn im Alltag aussehen kann. Sicher nicht so, wie wir es, mich eingeschlossen, über Jahrzehnte gekannt und für »normal« gehalten haben: Evangelistische Aktivitäten sind das Mittel, um Ungläubige in das Gemeindeleben zu integrieren. Die Gemeinde ist der sichere Hort vor der bösen Welt ringsum. Diese böse Welt darf die Gemeinde aufsuchen, um sich erretten zu lassen, aber es handelt sich um zwei getrennte Welten, auf deren Grenzen man unbedingt zu achten hat. »Weltliches« darf nicht toleriert werden, denn schließlich ist die Gemeinde ja der abgeschottete Ort der »Heiligen«.

Warum es so nicht weitergehen kann? Dieses Verfahren hat dazu geführt, dass wir nach sehr optimistischen Schätzungen höchstens noch von ca. 5% Christen (entsprechend der obigen Definition von Petrus) in unserer Bevölkerung ausgehen können. Es mag regionale Unterschiede geben, aber das »christliche« Abendland existiert schon längst nicht mehr.
Darüber kann man lamentieren. Man kann es auch bedauernd als schicksalhaft gegeben hinnehmen. Man kann darauf warten, dass »Erweckung« vom Himmel regnet und unsere Kirchen und Gemeindesäle füllt. Man kann sogar zahlreiche »Prophetien« nachlesen, die von einer kommenden großen geistlichen Welle schwärmen, die uns irgendwie heimsuchen wird. Allerdings gab es solche Ankündigungen bereits so häufig, dass angesichts des Ausbleibens der Erfüllung schon kaum noch jemand etwas davon hören will. Zuletzt sollte, einem bekannten amerikanischen Propheten gemäß, im Jahr 2006 die Riesenerweckung über Deutschland hereinbrechen. Erlebt haben wir zwar einiges im Jahr 2006, zum Beispiel die Fußballweltmeisterschaft, aber von mit Anbetungsversammlungen gefüllten Stadien und Lobpreis auf den Straßen und Plätzen mag man ja nicht ernsthaft reden, es sei denn, der fragliche Gott heißt »König Fußball«.

Wenn es uns ernst ist mit der Nachfolge Christi, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Offenheit für ein anderes Denken und Leben. Wir können unsere Nachbarschaft offensichtlich nicht durch evangelistische – herkömmlich missionarische – Aktionen erreichen, das hat sich ja zur Genüge gezeigt.
Es gilt, zunächst die Tatsache zu akzeptieren: Wir leben in einer Gesellschaft, die für althergebrachte Methoden nicht mehr empfänglich ist, haben es mit völlig anderen Lebensmodellen zu tun als frühere Generationen.
Wir brauchen und dürfen nun deshalb nicht das Evangelium neu erfinden, aber wir müssen zwingend darüber nachdenken, auf welche Weise das Evangelium den Menschen überhaupt vermittelt werden kann.
Die strikte Trennung von Kirche und Welt hat sich als untauglich erwiesen, weil inzwischen weithin zwei parallele Gesellschaften existieren, zwischen denen es so gut wie keine Berührungspunkte mehr gibt. Anstatt bei denen, die Christus nicht kennen, salzende Wirkung zu haben, sind wir zu einem Salzspeicher geworden, von dem die Gesellschaft nichts hat, weil nämlich das Salz nicht dort ankommt, wo es benötigt wird. Die guten alten missionarischen Aktivitäten funktioniert – in unserer Gesellschaft zumindest – nicht mehr.

Viele, die umzudenken bereit sind, reden von »missionaler Gemeinde« – das Wort ist zunächst nur ein Begriff, ein Versuch, neue Ansätze zu umschreiben. Wenn es bei der Theorie bleibt, vollkommen überflüssig, aber es zeigt sich, dass auf das Umdenken häufig ganz praktische Änderungen im Gemeindeleben folgen.
Es geht nicht um neue Theologie, sondern um eine Rückbesinnung auf das Leben, das Jesus seinen Jüngern vorgelebt hat. Es heiß im Grunde nichts anderes, als sich wie Jesus und die ersten Generationen von Christen dorthin zu begeben, wo die Menschen sind und ihnen nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit unseren Werken zu demonstrieren, was das Reich Gottes eigentlich ist. Wenn wir nämlich »neue Menschen« geworden sind, dann ist es vorbei damit, dass wir hauptsächlich an unsere eigene Versorgung, unsere eigene Gesundheit, unser eigenes Wohlergehen als Gemeinde oder Kirche denken.
Das heißt konkret, dass wir nicht in erster Linie predigen, sondern dass wir unsere Fähigkeiten, Kenntnisse und Gaben verschenken, wo immer es Gelegenheit dazu gibt. Dass wir nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen, sondern dass wir uns ihnen zuwenden. Nicht wie jemand, der sie einfangen, sie vereinnahmen will, sondern als Menschen, die etwas zu geben, zu verschenken haben. Nicht als Herrscher, die gnädig den Zugang zur geheiligten Parallelgesellschaft gewähren, sondern als Diener, die sich selbst verschenken.
Als Jesus sagte, dass »die Füchse Höhlen und die Vögel des Himmels Nester haben, aber der Sohn des Menschen nichts hat, wo er das Haupt hinlege«, meinte er nicht, dass Obdachlosigkeit ein erstrebenswertes Ziel sei (Matthäus 8, 20). Er meinte vielmehr, dass seine Priorität darin lag, das Reich Gottes sichtbar werden zu lassen. Sicher, er hat gelehrt und gepredigt, aber er hat es nicht dabei belassen, sondern ganz praktisch Not gelindert, wo sie zu finden war. Er war in den Synagogen anzutreffen, aber man fand ihn auch auf den Straßen und Plätzen, am Krankenlager und bei den Bettlern.

Missional leben, das heißt, sich den Mitmenschen zuwenden wie Jesus, ihre Nöte und Sorgen lindern, ihnen Brot zu essen geben, sich ihren Fragen stellen. Beim Lösen der Probleme helfen.
Das kann nicht nur der große Evangelist, das kann auf seine Weise jeder von uns. Unser Problem mit unseren Mitmenschen beginnt meist schon damit, dass sie überhaupt keinen »geistlichen Mangel« empfinden. Sie glauben an irgendetwas oder nichts, sind mehr oder weniger zufrieden mit ihrem Seelenleben. Wenn sie körperliche, finanzielle Nöte haben, wenn ihnen Bildung oder Chancen fehlen, dann sind sie daran interessiert, wie diesem Mangel abgeholfen werden kann, und nicht daran, was nach dem Tod geschehen könnte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns zuhören, wenn wir etwas von Jesus Christus zu erzählen haben, ist wesentlich größer, wenn sie zunächst unsere Zuwendung erlebt und erfahren haben, und zwar ohne Fußangeln und Hintergedanken nach dem Muster »ich helfe dir, damit du dich bekehrst«.
Die Gemeinde, die Kirche gehört nicht in sakrale Räume und Gebäude, sondern mitten in die Gesellschaft. Dorthin, wo die Armen sind und dorthin, wo die Reichen sich treffen. In den Fußballverein und in die Stadtteilkonferenz. In die Nachhilfegruppe und in den Künstlerclub.

Heißt das nun, dass wir die Gemeinde, die Kirche nicht mehr brauchen? Das wäre Unfug. Es ist vollkommen richtig und notwendig, dass Christen miteinander Gemeinschaft haben, von einander lernen, gemeinsam Gott anbeten, einander helfen und miteinander feiern. Die Gebetsgruppen und Bibelgesprächskreise sind unbedingt notwendig.

Aber dürfen wir die Welt weiter aussperren beziehungsweise nur dann einladen, wenn wir missionieren möchten? Darf sich unser Christsein darauf beschränken, ansonsten unter uns zu bleiben und einander zu segnen?

Oder sollte das Salz dorthin, wo zur Zeit überhaupt nichts salzig schmeckt?

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