Alles nur Show, sagte sich Astrid

Just like every cop is a criminal and all the sinners saints
As head is tails just call me Lucifer ‘cause I’m in need of some restraint
The Rolling Stones

Es ist ja nichts Neues, Generation für Generation entdeckt irgendwann, dass Eltern einem Teenager sehr auf die Nerven gehen können. Astrid empfand das wieder einmal an einem Abend im April, und sie war stinksauer. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es ausgerechnet wegen dieses Konzertes zu einer Auseinandersetzung kommen würde.

»Du weißt ja gar nicht, wohin du da gehen willst«, sagte ihr Vater.

»Natürlich weiß ich das. Sabine und Evi gehen auch, ich verstehe das Theater nicht.«

»Aber ich habe es dir doch erklärt. Ich habe nichts gegen Rock oder Pop oder sonst eine Musik, das weißt du, schließlich waren wir oft genug zusammen bei Konzerten und du kennst unsere Platten und CDs. Aber diese Gruppe – das ist was anderes!«

Selbstverständlich hatten sie einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Das war normal, jede Generation hat ihre Vorlieben, die meist denen der Eltern kaum entsprechen. Astrids Eltern liebten Paul Simon, Van Morrison, Neil Diamond,Bob Dylan, und natürlich die Beatles. Astrid stand auf Death, Cynic, Pestilence und Gorefest. Gelegentlich hörte sie auch Agathodaimon, Bethlehem oder Eisregen. Und sie war der größte Fan von 7th Hell.

Der Auftritt der fünf Amerikaner in Berlin war für den 13. Mai angekündigt. Überall hingen die Plakate, die auf die Tour zum aktuellen Album Meet Your Demons aufmerksam machten. Blutrote Schrift auf schwarzem Hintergrund, die Musiker in der Maske der Dämonen, die sie ihrem Publikum offensichtlich auf ihrem Konzert vorstellen wollten.

»Das ist doch nur Show, so wie ihr damals euren Alice Cooper und eure Rolling Stones hattet. Sympathy For The Devil, wo ist da der Unterschied zu Meet Your Demons?«, wollte Astrid wissen.

»Sympathy heißt Mitleid, es ging bei den Stones nicht um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel. Man spielt nicht mit okkulten Dingen, dabei haben sich schon viele Menschen die Finger verbrannt.«

Herr Heller sah seine Tochter prüfend und besorgt an. Warum verstand sie bloß nicht, was er meinte?

»Papa, du weißt genau, dass ich nicht an übernatürlichen Quatsch glaube. Du kannst ja glauben, was du willst, aber du wirst es mir nicht aufzwingen. Das nervt!«

»Es sollte Warnhinweise wie bei Zigarettenwerbung geben. Der Besuch dieses Konzertes gefährdet Ihre psychische Gesundheit, liebe Gäste…«, brummte Astrids Vater.

Ihm fiel eine Zeile aus einem uralten Lied von Udo Lindenberg ein: Bitte geh da nicht hin, tu mir das nicht an! Es gibt doch heute Abend auch ein schönes Fernsehprogramm… Nein, so albern wie die von Lindenberg beschriebenen Eltern wollte er sich nicht benehmen. Er seufzte. Sie hatten ihre Tochter zur Selbstständigkeit erzogen, stets an die Vernunft apelliert, und im Allgemeinen wusste die jetzt 15jährige auch, was gut für sie war und was nicht. Sie pendelte manchmal, das hielt er jedoch für normal in diesem Alter, zwischen vernünftiger junger Frau und eigensinnigem Kind. Sie war aber durchaus wählerisch bei ihren Freunden, ging nicht mit Typen aus, die »nur Sex im Kopf« hatten, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie hatte seit sechs Monaten einen Freund, Martin, der ein Jahr älter war als sie; soweit die Hellers wussten, war es eine kameradschaftliche Beziehung, die über einen Kuss zur Begrüßung und zum Abschied bisher nicht hinausgegangen war. Und sie wussten recht gut Bescheid, denn es herrschte ein tiefes Vertrauen zueinander, es gab keine Themen, über die man in dieser Familie nicht offen reden konnte. Darum redeten sie jetzt auch über 7th Hell.

Astrid schmollte ein paar Minuten und fragte dann mit unsicherer Stimme: »Du verbietest mir also, zum Konzert zu gehen?«

»Ich verbiete dir das nicht. Ich habe nur versucht, dir zu erklären, warum ich es in diesem speziellen Fall lieber sehen würde, wenn du nicht gehst. Es ist nicht gut für dich, ich glaube, dass solche Gruppen es wirklich mit Mächten zu tun haben, mit denen man sich nicht einlassen sollte. Diese Black Metal Szene ist gefährlich. Ob du nun daran glaubst oder nicht.«

Das Fatale an der Situation war ja, dass er zum Beispiel Black Sabbath, die er in seiner Jugend geliebt hatte, nicht absprechen konnte, wunderbare Musik zu machen. Ja, sie produzierten hervorragende Aufnahmen, diese Gruppen, die mit dem Okkulten spielten, damals wie heute, aber er spürte irgend etwas Finsteres hinter den Kulissen, was ihm Angst machte, Angst um seine Tochter.

»Das ist kein Black Metal, Papa, hör dir doch die CDs mal an. 7th Hell ist Rock und Blues. Aber ich überlege es mir. Echt, ich denke noch mal darüber nach, was du gesagt hast.«

… … …

Sie überlegte es sich, und zwei Tage später kaufte sie die Eintrittskarte. Martin würde bei ihr sein, ebenso ihre Freundinnen, was sollte schon passieren? Sie fand nun einmal diese Musik toll, es ging lediglich um ein Konzert, keine Hinwendung zu irgendwelchen finsteren Sekten. Papa war einfach etwas altmodisch, so lieb er es auch meinen mochte.

… … …

Die Halle war ausverkauft. Astrid stand mit ihrer Clique in der  Schlange ziemlich weit vorne, sie wollten gute Plätze, selbstverständlich möglichst dicht an der Bühne. Seit 15 Uhr hatten sie vor dem Eingang gewartet, verbissen für einander die eroberte Stelle vor den Toren verteidigt, wenn jemand auf die Toilette musste. Um 19 Uhr endlich war der Einlass geöffnet worden. Einer Stunde später sollte es losgehen. Es gab die üblichen Stände mit CDs, T-Shirts, Postern, Base-Caps und Programmheften zur Tour, aber das Taschengeld war knapp, ihre Eltern hatten keinen Cent extra für das Konzert herausgerückt. Die 79,00 Euro waren eine ziemliche Belastung für Astrid gewesen, aber sie konnte ihren Eltern auch nicht böse sein deswegen. Es war okay, wenn sie diese Gruppe nicht mochten, dass sie dann auch nicht den Eintritt bezahlten.

Die Bühne war schwarz dekoriert, rechts und links die Lautsprechertürme, in der Mitte der Halle wie üblich das Mischpult. Vor der Bühne stand eine Reihe kräftiger Ordner, die finster auf die heranstürmenden ersten Fans blickten. Astrids Gruppe kam immerhin in die dritte Reihe, von hinten wurde gedrängelt und gedrückt, sie standen eingekeilt, so dass sie sich kaum bewegen konnten. Aber auch das war nicht ungewöhnlich bei Konzerten, bei Justin Bieber war es schlimmer gewesen, hatte es eine Reihe von ohnmächtigen Teenagern gegeben. Astrid wäre natürlich nie und nimmer zu einem Auftritt dieses Milchbubis gegangen.

»Wie damals bei den Beatles«, hatte ihr Vater belustigt angemerkt, als sie im Fernsehen bei den Lokalnachrichten der Abendschau die Szenen sahen.

Doch das hier war ein anderes Publikum. Keine kreischenden Teenies, die ihr Idol mit Plüschtieren bewerfen würden. Astrid und ihre Freunde schienen mit zu den jüngsten Anwesenden zu gehören. Viele waren schwarz gekleidet, man sah etliche T-Shirts mit den für diese Szene üblichen Aufdrucken. Kill Your Idols stand unter einem schmerzverzerrten Jesusgesicht, direkt vor Astrid. In dem Hemd steckte ein blass geschminktes Mädchen, ein Gruftie. Es gab sehr viele von ihrer Sorte vor der Bühne.

Alles nur Show, sagte sich Astrid, so wie damals die Blumen und Kettchen bei den Hippies. Trotzdem mochte sie das Shirt nicht, das ihr ständig vor Augen war.

Um 20 Uhr begannen die Pfeifkonzerte. Auf der Bühne tat sich nichts, das Saallicht blieb an, aus den Lautsprechern kam immer noch Musik vom Band. Die meisten Stücke kannte Astrid nicht, Martin wusste gelegentlich, welche Band da gerade gespielt wurde.

Dann kam ein hypnotisierender Rhythmus, die Lautstärke stieg an, Congas, Percussion – Astrid erkannte das Stück sofort, ihr Vater hörte gerne die Rolling Stones. Sympathy For The Devil. Gleichzeitig mit Mick Jaggers höflich vorgetragener Bitte Please allow me to introduce myself … wurde die Beleuchtung dunkler und das Klatschen und Rufen der Fans schwoll an. Es schien soweit zu sein, 7th Hell würde auf die Bühne kommen.

Pleased to meet you, hope you guess my name! peitschten die Stones aus den Boxen, die Lautstärke war fast bis zur Schmerzgrenze angeschwollen. Astrid nahm sich vor, ihren Vater zu belehren, dass es in dem Song eben doch um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel ging. What’s puzzling you is just the nature of my game! Es war vollständig finster, nur irgendwo in der Ferne glommen die Notausgangsschilder. I shouted out, who killed the Kennedys, well and after all, it was you and me!

Von hinten schoben die Fans, um doch noch näher an die Bühne zu kommen, aber vergeblich, da war kein Platz mehr. Das massive Gitter hielt die Masse auf, dahinter lauerten, momentan nicht erkennbar, die Ordner auf jeden, der einen Versuch machen würde, hinüberzuklettern.

So if you meet me, have some sympathy … Eine Gänsehaut überzog Astrids Körper. Sie bekam Angst vor der Dunkelheit, vor den drängenden Körpern hinter sich, griff nach Martins Arm, um sich festzuhalten. Sie zitterte, schwitzte, und Mick Jagger hämmerte in ihre Ohren: Pleased to meet you, hope you guess my name!

Das Lied hatte kein Ende an der Stelle, wo es auf der CD aufhörte. Ein rotes Glimmen auf der Bühne ließ langsam erkennen, dass 7th Hell unmerklich in den Rhythmus eingestimmt hatte, sie hörten nicht mehr die Stones vom Band, das Konzert hatte bereits begonnen, dichter Nebel ließ die fünf Musiker unwirklich über dem Boden schweben, als sie da aus der Finsternis langsam sichtbar wurden..

Immer noch das gleiche Lied, mit einer neuen Textstrophe. Please allow me to introduce my friends, they have come with us today. You´re gonna meet your demons here tonight, and when we leave you, they will stay!

Danach folgten Stücke aus den beiden 7th Hell CDs. Die Musik war hervorragend. Die Stimmung in der Halle auf dem Siedepunkt. Die Fans tanzten, warfen sich hin und her, soweit die Enge vor der Bühne das zuließ. Astrid war nach kurzer Zeit klatschnass geschwitzt, der Bass vibrierte in ihrem Körper, sie tanzte, wie noch nie, ausgelassen, wild, animalisch. Ab und zu spielte 7th Hell Coverversionen älterer Stücke. Es war alles solider Bluesrock, meisterhaft vorgetragen. Astrid genoss das Konzert, Papa hatte sich geirrt und offensichtlich wenig Ahnung von der heutigen Musik.

Martin schien etwas geistesabwesend zu sein. Er blickte sich immer wieder um, einen verängstigten Ausdruck auf dem Gesicht. »Mein Gott, wo bringen die uns hin?«, murmelte er, aber seine Stimme war unhörbar bei der Lautstärke der Bühnenanlage.

»Was hast du gesagt?«, schrie ihm Astrid ins Ohr.

»Irgendwas stimmt nicht, ich will hier raus!«, brüllte er zurück.

Astrid schüttelte den Kopf. »Ist dir schlecht?«

»Ich habe Angst! Die bringen uns…«

Mehr konnte Astrid nicht verstehen. Sie nahm an, dass Martin ein wenig mulmig war wegen der ständigen Schubserei, weil sie so eingeklemmt waren.

7th Hell spielte jetzt einen alten Titel der Eagles, Hotel California. Sie kannte das Original und sang mit. Such a lovely place

»Ich muss hier raus, ich will da nicht hin«, sagte Martin. Aber es war hoffnungslos. Aus dieser Menge gab es kein Entkommen, bis das Konzert zu Ende sein würde. Er fühlte sich wie in einem Sog, dem er nichts entgegenstellen konnte, der ihn in eine Richtung zwang, in die er nicht wollte. Die fünf schwarzgekleideten Musiker auf der Bühne hatten ihn im Griff wie das ganze Publikum, zwangen ihm Bilder auf, die er nicht sehen mochte. Da war Astrid neben ihm, sie tanzte, ihre Haare klebten in der Stirn. Er beobachtete sie, plötzlich war sie nackt, tanzte mit einem großen finsteren Wesen, die Halle war verschwunden, Dornengestrüpp umrahmte das Gras, auf dem der Dämon im Mondlicht lüstern Astrid an sich zog. Martin kniff die Augen zusammen, blinzelte, und sie hatte wieder ihre Jeans und das enge weiße T-Shirt an, den begeisterten Blick auf die Bühne gerichtet. Keine Dornen, keine Wiese. Nur die Konzerthalle und die Masse von verzückten Fans.

We haven´t had this spirit here since 1969

Astrids Augen glänzten. Sicher, dieser Geist war seit 1969 nicht mehr da gewesen, sie kannte ihn nur aus dem Film Woodstock, den sie mit ihren Eltern angeschaut hatte. Aber jetzt war er in der Halle, und er war freundlich. Er versprach Freiheit, das Ende aller Bevormundungen und Beschränkungen. Er versprach hemmungslose Lust, Träume konnten heute endlich wahr werden. Ihr Körper wiegte sich, die Hüften kreisten, sie hatte ein herrliches Gefühl im Unterleib, das gleiche, das sie vom abendlichen Masturbieren unter der Bettdecke kannte, die Knospen ihrer Brüste waren hart und standen deutlich sichtbar in dem nassen Shirt hervor. Sie sah, dass Martin sie anstarrte, lächelte ihm zu. Sie nahm seine Hand und zog ihn an sich, sie wollte ihn spüren, mit ihm zusammen in diesem Rausch versinken.

We are all just prisoners here, of our own device …

Martin sah, wie sich Astrids Lippen zum Text bewegten, sie sang mit, sie schien so fern von ihm zu sein, obwohl er ihre Hand auf seinem Rücken spürte, die ihn mit in den Rhythmus zwang. Er blickte wieder zur Bühne, routiniert kam das Gitarrensolo aus den Boxen, der bärtige Sänger schien direkt auf Astrid zu schauen, schien nur für sie zu spielen. Sie warf die Arme hoch, schwenkte sie wie tausend andere Zuhörer, ihr Körper wand sich im universellen Takt der Tanzenden.

Astrid spürte den Blick, sah hinauf in diese unergründlichen schwarzen Augen, irgend ein Scheinwerfer schien ein blau-weißes Glühen in ihnen zu erzeugen. Und wieder hatte 7th Hell dem Lied eine eigene Strophe hinzugefügt, ein heißes Zittern durchlief ihren erregten Körper, als es nach dem Break weiterging: And I know you are fifteen, but you will carry my child. You will give me a daughter, you will receive her tonight. No, you won´t make me jealous with that boy you love, for that child will be my child and there will be no help from above. Welcome to the Hotel California …

Astrid glühte, ihr Herz zuckte, Hitze strömte durch ihren Leib, such a lovely place, such a lovely place sang sie. Etwas bahnte sich in ihr an. Kann man vom Tanzen einen Orgasmus bekommen? Eine Welle der Lust durchströmte ihren Körper, so dass sie sich an Martin festhalten musste.

Martin glaubte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihn frösteln ließ. Doch dann war das Lied zu Ende und die Gruppe begann mit dem nächsten Stück, wieder ein eigenes. Er hoffte, dass das Programm bald vorbei sein würde.

Um 22.13 Uhr begannen die Zugaben, um die das Publikum 15 Minuten gekämpft hatte. 7th Hell spielte noch einmal 20 Minuten, dann war mit einer furiosen Wiederholung von Sympathy For The Devil endgültig Schluss, unmerklich war die Musik wieder in die Version der Rolling Stones vom Band übergegangen, 7th Hell verschwand im Nebel. Die Saalbeleuchtung ging an, und langsam leerte sich die Halle. Martin hatte seinen Arm um Astrid gelegt, sie schlenderten durch ein Meer von zertretenen Bechern zum Ausgang. Den Rest ihrer Clique hatten sie längst aus den Augen verloren.

… … …

Es war nicht kalt, der Mai sorgte für angenehme Temperaturen. Obwohl ihr Shirt und die Jeans nass geschwitzt waren, fror Astrid nicht, als sie auf die Straße traten. Sie schmiegte sich an Martin.

»Hat’s dir gefallen?« fragte sie.

»Ja, war toll«, log er. Er wollte ihr den Abend nicht vermiesen, nachdem sie sich so gut amüsiert hatte. Er war nicht begeistert, zwar war seine Bedrückung irgendwann verschwunden, aber so richtig wohlgefühlt hatte er sich nicht.

Astrid strahlte ihn an. In ihren Augen funkelte die Abenteuerlust. »Was machen wir jetzt noch?«

»Wie jetzt – machen? Du musst doch – wir müssen doch nach Hause!«

»Nee, keine Lust. lass uns noch was unternehmen.«

»Assi, du bist 15 und ich bin 16, was denkst du dir, was uns unsere Eltern erzählen werden? Es ist so schon reichlich spät!«

»Morgen ist Samstag, du Knallkopf! Wir können ja anrufen, damit sie wissen, wo wir sind!«

Man kann von einem 16jährigen nicht allzu viel Vernunft erwarten. Müde war Martin nicht, das Konzert hatte dafür gesorgt, dass sie sich beide aufgekratzt fühlten, obwohl sie stundenlang auf den Beinen gewesen waren. Irgendwo noch ein bischen schmusen … auf dem Heimweg … Er wollte jedenfalls nicht in ein Lokal mit ihr. Martin konnte Astrid schließlich dazu überreden, sich auf den Heimweg zu machen.

Die U-Bahn brachte sie nach Steglitz, auf den Nachtbus wollten sie nicht warten, also liefen sie los, in Richtung Lichterfelde.

»Lass uns am Kanal langgehen«, schlug Astrid vor. »Das ist so schön gruselig bei Nacht.«

Also bogen sie in die Klingsorstraße ab und marschierten bis zur Brücke. Dort gingen sie rechts in den verlassenen Park, stolperten die Treppe hinab und raschelten über den schmalen Pfad am Ufer. Der Mond war noch fast voll und zeigte ihnen die Wurzeln und Dornen, denen sie ausweichen mussten.

Warm lag Martins Hand auf Astrids Schulter, sie schmiegte sich eng an ihn und streichelte über seine Hüfte. Astrid bog vom Weg ab, sie gingen zwischen Bäumen und Sträuchern die Böschung hinunter, wo es einen kleinen Flecken Gras gab. Dort blieb sie stehen und zog Martin dicht an sich. Sie konnte seine Erregung durch den Stoff der Jeans spüren, sanft strichen seine Hände über ihren feuchten Rücken.

»Liebst du mich?«, fragte sie ihn.

»Ja, ich liebe dich.«

Sie wollte ihn, jetzt, dies war die Nacht für den ersten Sex ihres Lebens. Die Vernunft war ausgeschaltet, die Lust pulsierte in ihrem Körper. Dies war die Nacht der Freiheit, der Geist von 1969 regierte, endlich war er zurückgekehrt. Sie presste ihren Unterleib fester gegen seinen, mit einem leichten Wiegen in den Hüften zum Rhythmus in ihrem Kopf. Such a lovely place … summte sie leise.

»Astrid, ich weiß nicht – hier am Kanal – lass uns lieber nach Hause gehen.«

»Ich dachte, du liebst mich«, schmollte sie.

»Natürlich, ja, ich liebe dich.«

Er wollte sie auch, hatte oft genug in seiner Fantasie diesen Moment ausgekostet, sich ausgemalt, wie es wohl wäre, beim ersten Mal. Sie hatten über Sex gesprochen, aber er hatte sie nie gedrängt, und sie hatte ihn immer gebremst, wenn er mehr wollte, als einen Kuss und eine liebevolle Umarmung. Er konnte warten, und er wollte vor allem warten, bis sie bereit war. Jetzt öffnete sie seinen Gürtel und die Jeans und strich sanft mit ihrer Hand über Stellen, die kein Mädchen je berührt hatte. So kannte er sie nicht, fast wurde sie ihm unheimlich. Andererseits hatte er diesen Moment lange genug herbeigesehnt.

»Ich habe kein Kondom, Astrid, wenn nun was passiert?« Irgendwo regte sich noch ein Funke Verstand, während sie ihm das Shirt über die Schultern streifte. Ihre Augen wanderten an ihm herab und sie lächelte verträumt.

»Dann wird es das süßeste Baby der Welt, weil du der süßeste Junge bist!«

Astrid schlüpfte aus ihren Jeans, streifte ihren Slip ab und er durfte sie betrachten. Das Aufregendste, was er bisher von ihr gesehen hatte, war der bezaubernde Anblick, wenn sie beim Baden ihren Bikini trug. Jetzt sah er endlich alles. Einen Augenblick tauchte das Bild vor ihm auf, wie sie mit dem Schattenwesen tanzte, aber seine Erregung ließ sich nicht mehr besänftigen. Er gab seinen schwachen Widerstand auf und sie sanken in das weiche Gras zwischen den rankenden Dornen.

»Was haben wir denn da für Turteltäubchen?« kicherte eine raue Stimme.

Fünf Gesichter blickten auf Astrid und Martin herab.

»Wenn du fertig bist mit ihr, dürfen wir dann auch mal ran, Milchgesicht?«

Sie trugen schwarze Lederkleidung, Nietengürtel glänzten im weißen Licht des Mondes. Einer hielt ein langes Messer in der Hand. Man konnte nicht viel erkennen im nächtlichen Schimmer, aber die fünf Gestalten wirkten bedrohlich genug.

Astrid erstarrte. Sie hatten sich zärtlich gestreichelt, die Nähe und Wärme der unbekleideten Körper genossen, aber noch war es nicht zur Vereinigung gekommen. Sie hatten alles um sich herum vergessen, nichts davon bemerkt, dass sich jemand näherte, hingerissen von dem herrlichen Gefühl der liebevollen Hände des Partners auf der Haut.

Die fünf Männer musterten das Pärchen in aller Ruhe. Sie ermunterten Martin: »Nun steck ihn schon rein, sie wartet doch darauf.«

»lasst uns in Ruhe! Was soll das?«

»Hey, Milchgesicht, nicht frech werden. Wir wollen nur bei Eurer Party mitfeiern.«

Astrid griff nach ihren Kleidern, wollte schnellstens ihre Blöße vor den lüsternen Blicken verbergen. Aber der Wortführer riss ihr die Jeans aus der Hand. Sein Messer blinkte nahe an ihrem Hals.

»Nicht so eilig, Baby! So was Hübsches darf man doch nicht in Stoff einpacken!«

»Was wollt ihr? Wir haben euch doch nichts getan«, protestierte Martin erneut.

»Wir wollen die Show sehen! Kapiert? Du bumst sie jetzt, und dann sehen wir weiter.«

»Nein, lasst mich, ich bin doch erst 15«, bat Astrid.

»Und was hattest du mit deinem Kumpel vor? Wolltet ihr nur den Mondschein genießen? Es sah nach was ganz anderem aus«, gab der Rocker zurück.

Aber war es ein Rocker? Sein bärtiges Gesicht erinnerte sie an irgend etwas, aber sie konnte sich nicht besinnen, woran. Der Mond ließ seine Augen aufblitzen, ein weißes Schimmern, ein leichtes leuchtendes Blau, als würden sie glühen.

Astrid rief um Hilfe. Sofort schlugen zwei der schwarzen Gestalten auf sie ein. »Schnauze halten, sonst sorgen wir für Ruhe.«

Die Messerspitze drückte gegen ihren Hals. Sie verstummte.

Die beiden rührten sich nicht. Offenbar dauerte das Schweigen dem Mann zu lange. Er ritzte mit seinem Messer eine dünne Linie in Martins Arm. Kleine Tropfen Blut traten hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Da siehst du, dass mein Messerchen scharf ist. Wenn du willst, dass deine süße Freundin ihr hübsches Gesicht behält, dann fang jetzt an mit der Vorstellung. Du steckst deinen Schwanz dahin, wo er hingehört. Sonst male ich ihr ein paar schöne Linien auf die Stirn. Oder an eine andere Stelle …«

»Ich kann nicht. Haut doch ab! Sie ist doch erst 15.«

»Wenn du nicht kannst, dann müssen wir es dir wohl vormachen?«, grinste der große Bärtige. »Los, du bist der erste!« stieß er einen seiner Begleiter an, die nach wie vor stumm daneben standen.

Gehorsam begann der, seine Lederhose zu öffnen.

»Nein, lasst sie in Ruhe, bitte«, weinte Martin.

»Du oder wir. Entscheide dich endlich!«

Astrid zog Martin an sich heran. »Komm, es hat keinen Sinn. Die Kerle sind bewaffnet.«

»Lasst ihr sie dann in Ruhe?« fragte Martin.

»Okay, wenn du es gut machst.«

So hatten sie sich ihren ersten Sex beide nicht vorgestellt. Es war abscheulich, erniedrigend. Sein Penis war längst geschrumpft, sie half ihm mit ihren Händen, bis eine schwache Erektion zustande kam. Martin drang in sie ein, er tat ihr weh, obwohl er versuchte, vorsichtig zu sein. Die fünf Beobachter kommentierten das Geschehen, machten Witze, gaben Ratschläge und schienen sich köstlich zu amüsieren. Zum Glück ging es schnell vorbei, ohne Lust, ein mechanischer Vorgang, eine biologische Funktion.

»Na, da musst du noch eine Weile üben«, meinte der Mann mit dem Messer, als Martin sich zurückzog. Martin hielt Astrid beschützend im Arm. Beide weinten und sahen die fünf schwarzen Schatten ängstlich an. Würden sie jetzt endlich verschwinden? Was kam noch auf sie zu?

»Was meint ihr, sollen wir es auch versuchen?«, fragte der Wortführer seine Begleiter.

Keiner reagierte. Sie schauten nur stumm auf Astrids Körper, waren sich unschlüssig, was ihr Anführer von ihnen wollte. Martin zitterte vor Angst, aber er nahm sich vor, Astrid so gut er konnte zu verteidigen. Er hatte keine Chance gegen die fünf kräftigen Männer, aber er würde kämpfen, wenn es sein musste.

Der Chef der Gruppe meinte schließlich: »Gut, lassen wir es sein. Wer weiß, ob die Kleine Aids hat. Die Show war zwar nicht die beste, aber immerhin haben sich die Kinder Mühe gegeben.«

Sie griffen nach den Kleidern der beiden und warfen sie lachend im hohen Bogen ins Wasser. »Es ist so schön warm heute Nacht, da braucht ihr keine Klamotten.«

Sie verschwanden. Astrid klammerte sich an Martin. »Sind sie weg?«

»Ich glaube, ja. Scheiße.«

Sie standen auf. Von ihren Jeans und Shirts war nichts mehr zu sehen, ruhig trieb das dunkle Wasser vorüber. Martin überlegte, ob es sinnvoll war, im Wasser zu suchen, aber es war wohl zwecklos.

»Es tut mir so leid, Astrid. Ich wollte das nicht, nicht so.«

»Uns blieb doch keine Wahl. Schau dir deinen Arm an.«

Es blutete nicht mehr, aber der Schnitt brannte. Sanft strichen Astrids Fingerspitzen über die dunkle Linie. »Mein armer Martin. Aber du hast mich vor diesen Kerlen gerettet. Danke.«

»Und was machen wir jetzt? Zur Polizei?«

Astrid schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, nackt, in die Wache, nein, ich kann nicht. Wir gehen zu mir nach Hause.«

Sie begegneten niemandem auf dem Weg durch die stillen Straßen von Lichterfelde. Immer wieder glaubten sie, Schritte hinter sich zu hören, aber es war niemand zu sehen. Martins Arm um ihre Schultern gab ihr Geborgenheit, sie gingen schnell, bogen in ihre verlassene Straße ein und sahen Licht in der Villa.

»Meine Eltern sind noch wach«, stellte Astrid fest. »Was wird mein Vater sagen?«

Sie mussten klingeln, denn ihre Schlüssel waren samt Telefonen und Portemonnaies im Kanal verschwunden.

Herr Heller öffnete die Tür und starrte seine weinende Tochter mit ihrem Freund an. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Blöße zu bedecken, Martins blutverschmierter Arm lag auf Astrids Schulter, seine Tochter sah ihn an mit einem Blick, der um Hilfe bat.

»Papa«, flüsterte sie.

Er sagte kein Wort, ihm fiel absolut nichts ein, was er hätte sagen sollen. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer und schloss die Türe. Dann holte er aus Astrids Zimmer ein paar Kleidungsstücke für seine Tochter und nahm aus seinem eigenen Schrank eine Unterhose, Jeans und ein Hemd für Martin. Die Sachen würde ihm zu groß sein, aber er konnte den Jungen ja nicht unbekleidet stehen lassen. Seine Frau, die schon im Bett lag, sah ihn fragend an.

»Sie sind nackt, beide.«

»Was sind sie? Wer? Wie bitte?«

»Astrid und Martin. Und sie weinen.«

Sie stand auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und folgte ihm ins Wohnzimmer.

»Danke«, sagte Martin, als er die Kleidung entgegennahm. Frau Heller umarmte ihre Tochter und wischte ihr die Tränen vom Gesicht. »Zieht euch erstmal was an.«

Stumm standen die Eltern dabei, während sich Astrid und Martin die Kleidung überstreiften. »Und nun erzählt uns mal, warum ihr nachts um 1 Uhr nackt durch Lichterfelde spazieren geht.«

Astrid blickte ihrem Vater in die Augen. »Du hattest recht. Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen.«

Wieder flossen die Tränen. Herr Heller schaute zu Martin, auch dessen Mund zuckte verdächtig. Was um Himmels willen war hier los? Er bat sie mit einer Bewegung, sich zu setzen und eng aneinandergeschmiegt sanken sie auf das Sofa. Auch Frau Heller setzte sich, betrachtete forschend ihr Kind. Martin konnte ihr nichts angetan haben, sonst würde sie nicht so sehr seine Nähe suchen.

»Moment noch, ihr beiden. Ich rufe nur kurz Martins Eltern an, die machen sich genauso Sorgen wie wir. Sie haben schon zwei Mal nach Euch gefragt, eure Telefone waren wohl ausgeschaltet? Oder willst du selbst anrufen?«

Martin schüttelte den Kopf. Er konnte jetzt nicht mit ihnen reden, war dankbar, dass Herr Heller das übernahm. Er würde noch genug Fragen zu beantworten haben.

Astrids Vater telefonierte nur kurz, berichtete, dass die beiden Vermissten eingetroffen waren. Ja, Martin gehe es gut. Seine Eltern waren erleichtert und schließlich einverstanden, dass er die Nacht bei Astrids Familie blieb, sie waren froh, dass beide unverletzt aufgetaucht waren, mehr schien sich nicht zu interessieren, zumindest im Augenblick..Er konnte ruhig im Gästezimmer bei Hellers übernachten.

Und dann erzählte Astrid alles. Sie blieb bei der Wahrheit, verschwieg nichts. Sie hatte mit Martin schlafen wollen, in dieser Nacht, nach dem Konzert. Die Lust hatte einfach Besitz von ihr ergriffen. Daher waren sie am Kanal gelandet, und dann waren die fünf Männer aufgetaucht.

Martin redete nicht viel, er fühlte sich schuldig, unbehaglich. Man stand ja auch normalerweise nicht nackt vor den Eltern seiner Freundin in der Tür, so modern und unkompliziert sie auch sein mochten. Man hörte auch normalerweise nicht zu, wie die Freundin ihren Eltern vom ersten Geschlechtsverkehr erzählte, zwar keine Einzelheiten, aber doch, unter welchen Umständen es schließlich dazu gekommen war. Es war ihm peinlich, aber es war auch richtig und notwendig, nichts zu verschweigen, Astrid musste es sich von der Seele reden.

»Es tat weh, Mama, ich weiß, dass Martin nichts dafür kann, aber es war so schrecklich mit diesen Gestalten, die jede Bewegung beobachteten. Sie lachten uns aus, ich konnte nur die Augen schließen und hoffen, dass es bald vorbei sein würde.«

»Tut mir leid, Astrid«, sagte Martin, »ich – ich wollte, es wäre nie geschehen.«

Sie drückte ihn an sich. »Nein, du hast keine Schuld. Es wäre anders gewesen, wenn sie nicht gekommen wären, oder nicht, Mama?«

Frau Heller seufzte. Dies schien ihr eine völlig unmögliche Situation für ein Gespräch über Sex beim ersten Mal, aber ihre Tochter brauchte sie jetzt und hier, wenn das Vertrauen bleiben sollte. Astrid war natürlich längst aufgeklärt, ihr Freund Martin auch, aber das gerade erlebte war ein entsetzlicher Gegensatz zur Theorie von der himmlischen ersten Liebesnacht gewesen. Was sollte sie ihrem Kind sagen, das sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah? Hilfe suchend blickte sie zu ihrem Mann. Der nickte ihr nur zu, schließlich hatte Astrid ja ihre Mutter gefragt.

»Beim ersten Mal kann es etwas wehtun, Astrid, vor allem, wenn der Mann zu schnell vorgeht, aber ihr hattet keine Chance, die schöne Seite der Liebe kennenzulernen. Das ist bitter für euch beide, und ich hoffe, die Kerle werden dafür büßen.«

Astrid erzählte dann, wie sie ihre Kleider losgeworden und wie sie schließlich nach Hause gekommen waren, der einzige Platz, an dem sie Sicherheit erwarteten.

Es gab keine Vorwürfe, keine Schuldzuweisungen. Es gab kein Habe ich dich nicht gewarnt?, die Hellers wussten, dass damit niemandem geholfen wäre. Sie wollten am nächsten Morgen Anzeige erstatten gegen die fünf Unbekannten, immerhin waren die beiden Jugendlichen mit einer Waffe bedroht und Martin leicht verletzt worden. Eine vernünftige Personenbeschreibung war ihnen allerdings nicht zu entlocken, vielleicht war das bei den gegebenen Umständen auch nicht zu erwarten gewesen.

Astrid beruhigte sich allmählich. Ihre Mutter tröstete sie, so gut es ging. Sie meinte, dass es wesentlich schlimmer hätte kommen können, wenn die fünf Männer sich nicht zurückgezogen hätten. Martin habe schließlich keine Wahl mehr gehabt, ihn treffe gewiss kein Vorwurf. Natürlich war es leichtsinnig gewesen, nachts den Uferweg zu wählen, und dann ins Gebüsch zu verschwinden, aber das war nun nicht mehr zu ändern.

Sie waren alle müde, und um 3 Uhr gingen sie schlafen. Astrid duschte lange, es tat ihr wohl, das reinigende Wasser zu spüren. Martin wartete, bis sie fertig war, dann machte auch er sich auf den Weg ins Bad. Auf dem Flur wünschte er Astrid eine gute Nacht, mit einem schüchternen Kuss auf die Wange. Sie verschwand in ihrem Zimmer, und er wusch sich sauber. Dann schlich er, die geborgten Kleider in der Hand, zurück in das Gästezimmer und zog die Decke über sich.

Martin schlief unruhig, im Traum sah er sich und Astrid, umringt von fünf Dämonen, die ihn mit hässlichem Grinsen aufforderten, mit Astrid zu schlafen. Die finsteren Wesen sahen aus wie die Musiker von 7th hell. Ihre blau glühenden Augen durchbohrten ihn, eine eitrige Klaue ritzte seine Haut auf. Er spürte den Schmerz am Arm, aber es gab keine Gegenwehr. Er sah Astrids aufgerissene, ängstliche Augen, hörte ihr Weinen und das grässliche Lachen der fünf Zeugen seiner Tat.

Auch Astrid träumte den gleichen Traum, und wieder fühlte sie Martin in sich eindringen, spürte die Angst vor den fünf Schattengestalten, die sie umstanden. Sie wollte schreien, aber es ging nicht, Martins Gesicht über ihr wurde zu einer Fratze, ein blauweißes Schimmern drang zwischen den wulstigen Augenlidern des Dämons hervor. Sie wachte auf und starrte in die Dunkelheit ihres Zimmers. Das helle, blaue Licht, das sie im Augenblick des Erwachens über ihrem Bett gesehen zu haben glaubte, war verschwunden.

Martin lag reglos da und lauschte, aber das höhnische Lachen aus seinem Traum war verklungen, obwohl es noch einen Moment im Zimmer gehallt hatte. Zumindest hatte er den Eindruck. Da öffnete sich leise die Tür und Astrid schlüpfte in den Raum.

»Halt mich fest, ich habe Angst«, flüsterte sie, als sie unter seine Decke kroch.

»Ich auch, Astrid. Ich habe geträumt, sie wären wieder da.«

Martin hatte nichts an, nur Astrids dünnes Nachthemd trennte ihre Körper, als sie eng umschlungen im Gästebett lagen. Er wollte es nicht, aber die Erregung kam ungefragt. Astrid spürte seine Reaktion und begann, ihn sanft zu streicheln.

»Martin«, flüsterte sie, »halt mich fest, beschütze mich vor ihnen. Lass mich nie allein, bitte. Bleib bei mir. Dann kommen sie nicht wieder.«

Er hielt sie fest an sich gedrückt. Ihre Nähe dämpfte seine eigene Angst, half ihm, das gehässige raue Lachen zu vergessen. Astrid schlüpfte aus ihrem Nachthemd.

Die Vereinigung war schön, ruhig, sanft. Sie liebten sich und konnten es beide genießen, so unerfahren sie auch waren. Die drohenden Schatten blieben verschwunden und schließlich schliefen sie erschöpft und entspannt ein.

… … …

Astrids Vater stand in der Tür des Gästezimmers und schüttelte den Kopf. Die Sonne schien warm durch das Fenster auf die beiden Schlafenden, das Nachthemd seiner Tochter lag am Boden. Sie sah friedlich und glücklich aus in Martins Armen. Er weckte sie nicht, sondern schloss leise wieder die Türe.

Hätte er Martin in der Nacht doch nach Hause bringen sollen? War es nicht zu leichtsinnig gewesen, die beiden Tür an Tür schlafen zu lassen? Hätte er es verhindern müssen? Können? Nein, wenn nicht hier, dann hätten sie sich anderswo gefunden, die Liebe war nicht aufzuhalten. Er schmunzelte, dachte daran, wie es damals mit ihm und seiner Frau gewesen war. Sie hatten einen besseren Start gehabt, aber viel älter waren sie auch nicht gewesen.

Nun war es also passiert, ein paar Jahre zu früh nach seiner Meinung, aber nicht mehr zu ändern. Sein Mädchen wurde zur Frau.

Beim Frühstück sagte er: »Martin, es wäre wohl gut, wenn ihr beide euch über Verhütungsmittel Gedanken machen würdet, oder?«

Martin bekam einen roten Kopf. Astrid schaute ihre Mutter an und sagte: »Was empfiehlst du uns, Mama? Die Pille?«

Was für ein Thema am Frühstückstisch, dachte Martin. Und wie peinlich, dass ich immer rot werde. Andererseits toll, wie offen sie mit ihren Eltern reden kann.

Astrid gab ihm einen Kuss. »Musst nicht rot werden.«

Er sah ihr glückliches Lächeln und murmelte etwas, was niemand verstehen konnte. Sein Kopf glühte, Frau Heller fragte freundlich: »Was meintest du, Martin?«

»Ich – ich meine, ich kann mir Kondome besorgen«, stotterte er.

»Das wird auch gut sein, ich möchte eigentlich noch nicht Großvater werden«, brummte Astrids Vater und nahm sich noch ein Brötchen.

Doch Herr Heller wurde zum Großvater.

Die fünf Männer wurden nie gefunden. Nach ein paar Wochen schloss die Staatsanwaltschaft die Akte mit dem Hinweis, dass bei neuen Erkenntnissen die Ermittlungen wieder aufgenommen würden. Es war ja nichts weiter passiert, und warum mussten zwei Jugendliche auch nachts am Kanal nach Hause gehen, wenn es Busse und beleuchtete Straßen gab. Außerdem hatten sie sich ja dann freiwillig vom Weg entfernt und entkleidet, eine Vergewaltigung hatte es auch nicht gegeben. Der Schnitt am Arm des Jungen war harmlos. Also kaum ein Fall für die Justiz, es gab wichtigere Ermittlungen.

Mit der Zeit vergaßen Astrid und Martin die Stunden nach dem Konzert von 7th Hell, sie hatten nun andere Sorgen und Probleme. Die Schwangerschaft, die Schule, die erbitterten Widerstände ihrer Umgebung, als klar wurde, dass Astrid das Kind nicht abtreiben wollte. Ihre Eltern waren auf ihrer Seite, aber Martins Eltern bedrängten ihren Sohn und seine Freundin, das Übel aus der Welt zu schaffen. Die Lehrer stimmten ein in den Chor, der nichts davon wissen wollte, dass eine 15jährige ihr Kind zur Welt brachte. Doch Astrid und Martin blieben fest. Es war ihr Kind, viel zu früh, viel zu jung beide Eltern, aber was konnte das Baby dafür? Und sie liebten sich wirklich, wollten zusammenbleiben, unter allen Umständen.

… … …

Die Entbindung zwei Monate nach Astrids 16. Geburtstag war unkompliziert. Die Frucht der ersten Liebe war ein Mädchen, für die beiden glücklichen Eltern war es zweifellos das süßeste Baby der Welt. Nachts, wenn ihre jungen Eltern schliefen, hatten Jennifers Augen manchmal einen seltsamen Schimmer, als glühten sie von kaltem blauen Feuer.

Sabrinas Geheimnis

Sabrinas Geheimnis

Nichts ist vorbei. Nichts kann jemals die Bilder auslöschen, die ich gesehen habe.

Prolog

We are all just prisoners here,
of our own device.
The Eagles (Hotel California)

Vor rund zwei Jahren, im April 2009, hat meine Frau einen respektablen Geschäftsmann erschossen. Gezielt, gewollt, mit voller Absicht. Und das ist auch gut so.

Wenn Sie mir durch die Zeilen dieses Buches folgen möchten, werden Sie am Ende womöglich ebenfalls der Meinung sein, dass Christine wegen der drei Schüsse nicht zu tadeln ist. Es kann auch sein, dass Sie anderer Meinung sein werden, womöglich gar Anzeige gegen uns erstatten möchten. Das, liebe Leser, bleibt Ihnen unbenommen.
Mein Name ist Jörgen Maurer, meine Frau heißt Christine Maurer, geborene Dietrichs. Unser Sohn Viktor war 15 Jahre alt und wie ich Augenzeuge, als der Geschäftsmann neben seinem Auto von den Schüssen getroffen zu Boden sank. Wir leben in Hamburg, in einer komfortablen Villa. Das alles können Sie getrost der Polizei erzählen. Fragen Sie nach Kommissar Meinhardt, der wird Ihre Aussagen protokollieren und dann, kaum sind Sie wieder aus dem Präsidium verschwunden, die Aufzeichnungen in seinem Reißwolf verschwinden lassen.
Sie selbst werden voraussichtlich unbehelligt weiterleben dürfen. Wenn Sie es dabei belassen, ausgesagt zu haben. Falls Sie jedoch weiter nachbohren, wäre ich mir da nicht so sicher.

Doch das bleibt ohnehin abzuwarten. Vielleicht haben Sie ja auch kein Mitleid mit dem toten Geschäftsmann. Erst sollen Sie die Geschichte meines – unseres Lebens kennenlernen. Sie dürfen dabei Sabrinas Geheimnis erfahren. So wie ich es erfahren habe. Stück für Stück.

Alles fing damit an, dass ich auf dem Weg vom Büro nach Hause im für den Berliner Stadtverkehr üblichen Stau stand.

Kapitel 1

It ain’t why why why.
It just is!
Van Morrison (Summertime in England)

Der Volkswagen hatte mehr als dreißig Jahre seinen Dienst getan. Er erfuhr ganz offensichtlich regelmäßige Pflege, sein Lack glänzte so tiefschwarz in der Nachmittagssonne, dass man hätte meinen können, das Fahrzeug sei gerade vom Band gerollt. Von Weitem betrachtet war der Käfer, der die Fahrbahn zur Hälfte blockierte, ein Schmuckstück.
Als ich an jenem 17. Juli, der alles änderte, um 16:48 Uhr die Unfallstelle erreichte, ging mir der Gedanke so schlimm kann es gar nicht sein durch den Kopf. In meiner Aufregung hatte ich das kurze Telefonat wohl missverstanden.

Ich war auf dem Heimweg vom Büro gewesen, als mir einfiel, dass wir vergessen hatten, ein paar Flaschen guten Wein für den Abend zu kaufen. Wir erwarteten Gäste und eigentlich war alles für einen gemütlichen Abend besorgt – bis auf das passende Getränk.
Der Verkehr war, etwas anderes konnte man um diese Zeit in Berlin auch kaum erwarten, zähflüssig, stand immer wieder still. Zwei Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen hatten sich vor einer viertel Stunde auf der engen Straße am Stau, in dem ich mich mit zahlreichen anderen Verkehrsteilnehmern befand, vorbei gequält. Es ging nur sehr mühsam voran und ich hoffte, dass die Behinderungen bald aus dem Weg geräumt sein würden, damit noch etwas Zeit blieb, um Sabrina zu Hause den Tisch decken zu helfen und das Essen vorzubereiten, bevor unser Besuch kam.
Im Autoradio lief Red Red Wine von UB 40. Ich summte mit, und dabei kam mir der Gedanke an den vergessenen Wein, also rief ich Sabrinas Mobiltelefon an. Es mochte ja immerhin sein, dass sie das Versäumte bereits erledigt hatte. Die praktischen Aspekte des Lebens hatte sie besser im Griff als ich.
Anstelle meiner Frau antwortete eine mir unbekannte männliche Stimme: »Ja bitte?«
Verwählt haben konnte ich mich nicht, da ich die Speichertaste benutzt hatte.
»Wer ist da«, fragte ich, »und wie kommen Sie an das Telefon meiner Frau?«
Der Mann behauptete, Polizist zu sein. Er fragte, wo ich mich gerade befände. Ich erklärte etwas irritiert, dass ich auf dem Weg nach Hause gerade die Osdorfer Straße passiert habe und bestand darauf, zu erfahren, was der Polizist, wenn er wirklich einer war, mit dem Telefon meiner Frau zu schaffen hatte.
Ich ahnte in jenem Moment bereits, dass ich eine schlechte Nachricht bekommen würde. Wenn die Polizei den Anruf an einem privaten Mobiltelefon beantwortet, dann sicher nicht, um über das Wetter oder die Verkehrslage zu plaudern. Kennen Sie das Gefühl, wenn einem an einem warmen Sommertag plötzlich eiskalt wird? Wenn man nicht weiß, wohin der schneller werdende Herzschlag und der Schweißfilm auf der Stirn im nächsten Augenblick führen werden? Ob man in zwei Minuten noch Herr seiner Sinne oder seines Lebens sein wird? So fühlte ich mich, während ich zuhörte.
Ein Verkehrsunfall sei geschehen, erklärte der Polizist, er habe das Telefon aus der Handtasche meiner Frau genommen, als es läutete. Der Unfall sei an der Kreuzung Ostpreußendamm und Wismarer Straße geschehen. Mehr könne er mir am Telefon nicht sagen.
Ich war nicht mehr weit von der Stelle entfernt. Ohne den unfallbedingten Stau hätte ich zwei Minuten gebraucht, doch an jenem 17. Juli dauerte es unerträgliche elf Minuten, in denen Hoffnung und Angst um die Oberhand kämpften.
Eine Verwechslung.
Warum hat die Polizei dann Sabrinas Telefon?
Nur eine Schramme, meinetwegen ein gebrochenes Bein. Sie kann nicht schwer verletzt sein.
Warum nimmt sie dann den Anruf nicht selbst entgegen? Sie stirbt oder ist schon tot.
Unsinn, warum sollte sie tot sein. Außerdem kann das gleiche Schicksal nicht zwei Mal den gleichen Menschen treffen.
Ach nein? Wo steht das geschrieben?
Der Blitz schlägt nicht zwei Mal in den gleichen Baum. So schlimm ist es nicht. Gleich wird sich alles aufklären …
Ich hielt hinter einem Polizeifahrzeug an. Die Miene des Polizisten, der auf mein Fahrzeug zu kam, ließ meine Hoffnung bedingungslos vor der Befürchtung kapitulieren.
Doch, es ist schlimm. Noch viel schlimmer.
Zögernd öffnete ich die Türe und stieg aus.
»Herr März?« Der Mann hielt die Brieftasche meiner Frau in der Hand und verglich mein Gesicht mit dem Foto, das sie dort aufbewahrte.
»Ja«, sagte ich. Meine Stimme schien einem Fremden zu gehören. »Ich bin Roland März. Was – wo ist meine Frau?«
»Es tut mir Leid«, murmelte er, »es sieht nicht gut aus.«
Aus der Nähe sah ich jetzt, dass der Volkswagen an der rechten Front eingedrückt war. Auf der Motorhaube klebte etwas, was ich in vielen Träumen der nächsten Monate wieder und wieder sehen würde: Blut und ein paar Klumpen einer grauen Masse.
Das kann irgendetwas sein. Vielleicht Lehm von einem Feldweg.
Allerdings hatte ich noch nie Lehm gesehen, der mich so an Gehirnmasse denken ließ. Ansonsten war das Auto sauber wie ein Ausstellungsstück im Verkehrsmuseum.
Der Notarztwagen, der sich vorhin am Stau vorbei in Richtung Unfallstelle gequält hatte, stand auf der Fahrbahn, die hinteren Türen waren offen. Gestalten beugten sich über einen Körper. Ich erkannte Sabrinas neues Kleid, und noch etwas fiel mir auf, aber das drang nicht bis in mein Bewusstsein vor – es sollte noch Monate dauern, bis mir dieses Detail gewärtig wurde. Dort auf der Straße hatte ich nur einen Gedanken: Ich will zu Sabrina!
Man ließ mich nicht in den Krankenwagen. Mit sanfter Gewalt hielt mich ein Verkehrspolizist zurück, redete beruhigend auf mich ein, appellierte an meine Vernunft, versuchte, mich zu der Einsicht zu bewegen, dass ich mir den Anblick besser ersparte. Ich widerstrebte, wollte seine Hand von meinem Arm abschütteln. Schließlich sagte mir, da ich für rücksichtsvoll formulierte Argumente nicht zugänglich war, ein dem Polizisten zur Hilfe kommender Arzt unumwunden, dass der Kopf meiner Frau zwischen das Auto und den Glascontainer am Straßenrand geraten war.
»Wollen Sie sich das wirklich anschauen?«, fragte er. »Sie würden ihre Frau nicht erkennen.«
Das will ich nicht. Das kann ich nicht. Das ist überhaupt nicht wahr, das kann nicht Sabrina sein. Der Blitz schlägt doch nicht …
»Aber die …« fing ich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Mein Unterbewusstsein hatte etwas aufgeschnappt, ein dringendes, ein wichtiges, ein entscheidendes Detail, behielt es aber für sich wie ein trotziges Kind den letzten Keks in der Blechdose.
Ich setzte neu an: »Die … aber die – ich meine – es stimmt nicht – ich …«
Der Arzt fragte mich, ob ich ein Beruhigungsmittel wollte, Ich lehnte ab. Ich wollte Sabrina zurückhaben, und wenn das unmöglich war, wollte ich gar nichts mehr.
Die Türen des Notarztwagens wurden geschlossen und das Fahrzeug entfernte sich. Ich blickte hinterher, war versucht, dem Wagen nachzurennen. Als er außer Sicht war, schaute ich mich um und wusste plötzlich nicht, warum ich hier auf der Straße stand. Der Polizist brachte mich zu einem Streifenwagen und nötigte mich, ein paar Minuten Platz zu nehmen.

Irgendwie kam ich zu Hause an, ich kann mich bis heute nicht recht erinnern, was geschah, nachdem die Türen des Notarztwagens geschlossen wurden und ich weinend in dem Polizeifahrzeug Platz genommen hatte. Ich erwartete, Sabrina in der Wohnung zu finden, doch da wartete nur der festlich gedeckte Tisch. Da war niemand, der das Essen vorbereitete oder auftrug. Niemand, der mir ein fröhliches »wie war dein Tag?« entgegen rief. Im Schlafzimmer lag eine Kollektion von Kleidungsstücken auf dem Bett, wie immer, wenn sie sich schönmachen wollte. Sie beklagte sich in solchen Momenten, dass sie nichts anzuziehen hätte, was ich ihr nicht glaubte, denn sie war noch nie nackt in die Philharmonie gegangen oder hatte unbekleidet Gästen die Tür geöffnet. Aber an diesem Abend war da keine Sabrina, die etwas überstreifte und mich fragte: »Sieht das gut aus?«
Meine Antworten waren in solchen Fällen unerheblich gewesen, da ich, wie Sabrina zu sagen pflegte, »sowieso nicht objektiv« sei. Möglicherweise hatte sie recht, denn wie könnte ein Mann je objektiv urteilen, wenn es um das Aussehen der geliebten Frau geht?
Ich setzte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und starrte die Visitenkarte an, die mir ein Polizist gegeben hatte. Die Adresse und Telefonnummer eines Psychologen waren darauf verzeichnet.
Als bald darauf die ahnungslosen Abendgäste klingelten, reagierte ich nicht. Ich saß im Wohnzimmer und starrte auf die Karte. Es klingelte erneut.
Sabrina wird schon aufmachen. Ich bleibe hier sitzen.

Die Zeitungsnotiz im Lokalteil der Berliner Morgenpost am nächsten Tag war kurz und nüchtern: »Der flüchtige Fahrer eines VW-Käfer befuhr die Wismarer Straße in Richtung Ostpreußendamm. Die Ampel an der Kreuzung zeigte nach Angaben von Zeugen bereits mehrere Sekunden Rot für den Fahrzeugverkehr. Der Pkw erfasste eine 32-jährige Fußgängerin, die bei Grün die Straße überqueren wollte. Die Frau erlitt schwerste Kopfverletzungen und starb noch am Unfallort. Während sich die Augenzeugen um die Verletzte kümmerten, entfernte sich der Fahrer unbemerkt. Die Polizei bittet Zeugen des Unfalls, die den flüchtigen Fahrer beschreiben können, sich zu melden.«
Viel mehr erfuhr ich auch später nicht in meinen Gesprächen mit den ermittelnden Beamten. Der Fahrer des alten Käfers war mit ziemlich hoher Geschwindigkeit durch die Kurve vor der Kreuzung gefahren, den Spuren nach zu urteilen kam das Fahrzeug ins Schleudern und der Mann riss das Steuer nach rechts, zum Straßenrand. Sabrina habe das Fahrzeug kommen sehen, sagten einige Zeugen, und versucht, auszuweichen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie prallte auf die Motorhaube, rutschte nach vorne ab. Ihr Kopf wurde zwischen dem Auto und dem massiven Sammelbehälter für Glasflaschen am Straßenrand zerquetscht.
Die Beschreibungen des Fahrers durch die Unfallzeugen waren so unzureichend, dass man nicht einmal ein Phantombild zustande brachte. Er sei »in jugendlichem Alter« gewesen, habe »längere Haare« gehabt – das war so ziemlich das Einzige, was die Befragten übereinstimmend aussagten. Einige meinten, ein Nasenpiercing gesehen zu haben. Andere hielten ihn für einen Türken oder Araber. Aber niemand konnte verwertbare Angaben manchen, die bei der Fahndung geholfen hätten.
Der VW war bereits am Vortag als gestohlen gemeldet worden. Die Untersuchungen des Fahrzeugs ergaben, dass die Reifen nicht mehr die vorgeschriebene Profiltiefe hatten, aber ob das Geschehen nun wegen der Reifen, wegen der überhöhten Geschwindigkeit oder aus sonstigen Gründen passiert war, interessierte mich nicht, denn es änderte nichts an den Folgen. Sabrinas Leben war ausgelöscht worden. Man erklärte mir, dass aufgrund der Verletzungen der Tod sofort eingetreten sei, dass meine Frau zumindest keine Schmerzen hatte erleiden müssen. Ein gewisser Trost lag in diesem Wissen, aber das machte den Verlust auch nicht leichter. Es war so unnötig und sinnlos, dass wegen eines Jugendlichen und seiner Raserei mit einem gestohlenen, nicht verkehrstüchtigen Auto ihr Leben enden musste.
Oder wegen der vergessenen Weinflaschen – denn deswegen war Sabrina noch einmal zum Supermarkt gegangen. Auf dem Küchentisch zu Hause hatte ihre Notiz gelegen, die letzten paar Buchstaben, die sie in ihrem Leben geschrieben hatte: Ich bin schnell Wein kaufen und gleich zurück. Ich liebe Dich! Sabrina.
Je länger ich grübelte, desto sicherer war ich, dass ich Schuld war. Ein paar Tage zuvor hatte ich eigentlich unsere Weinvorräte auffüllen sollen. Die Weinhandlung lag auf dem Weg vom Büro nach Hause, ich musste noch nicht einmal einen Umweg fahren. Doch der kleine Parkplatz war voll, ich war müde und so verschob ich den Einkauf.
Wäre ich nicht so bequem gewesen, hätte ich ein paar Straßen entfernt geparkt und den Einkauf erledigt, würde Sabrina noch leben.
Ich wünschte, es wäre ihr nicht eingefallen, dass der Wein fehlte. Ich wünschte, sie wäre eine Minute früher losgegangen, oder eine später. Ich wünschte, man könnte wie in dem Film Lola rennt noch mal von vorne anfangen, wenn die Ereignisse eine schreckliche Wendung nehmen. Doch dies war die Realität, kein Film, alles Wünschen und Grübeln war vergebens. Mein Verstand kümmerte sich allerdings herzlich wenig um die Vernunft. Immer wieder meinte ich, in der leeren Wohnung ihre Schritte zu hören. Morgens wachte ich auf und wunderte mich darüber, dass Sabrina schon vor mir aufgestanden war, denn ihre Betthälfte war leer. Beim Einkaufen legte ich ihr Lieblingsduschgel in den Korb…
Die Visitenkarte des Psychologen hatte ich weggeworfen. Ich wollte allein mit meinem Schmerz fertig werden. Mein Leben irgendwie weiterführen. Oder auch nicht. Manchmal zweifelte ich daran, dass sich die Mühe lohnen würde.
Ich konnte in den folgenden Wochen nicht an jener Kreuzung vorüber fahren, ohne Sabrinas leblosen Körper zwischen Glascontainer und Volkswagen vor mir zu sehen. Wenn man mich zu ihr gelassen hätte, wenn ich sie hätte betrachten, berühren dürfen, statt nur einen kurzen Blick auf die Gestalt im Notarztwagen zu erhaschen, der man ein grünes Tuch über den Kopf gelegt hatte – wäre meine Fantasie weniger eigenwillig gewesen? Hätte ich mehr Gewissheit gehabt, dass ich mich mitten im wahren Leben und nicht in einem bösen Traum befand? Aber ich hatte keine Gelegenheit bekommen, einen letzten, Abschied nehmenden Blick auf meine Frau zu werfen. Ich hatte nichts weiter als den Blick in den Notarztwagen aus etlichen Metern Entfernnung: Ihre schlanken Beine, das neue, hellblaue Seidenkleid mit dem dezenten Design aus cremefarbenen Blumen, ihre blutverschmierte Hand, die seltsam verdreht herabhing, das grüne Tuch über ihrem Kopf. Soweit noch ein Kopf vorhanden sein mochte.
Gelegentlich suchte mich bei meinen Grübeleien ein Gefühl heim, das ich schon am Unfallort gespürt hatte. Da ist noch etwas. Da ist ein Detail. Das könnte alles ändern.
Das Detail, wenn es denn eines geben sollte, blieb mir jedoch verborgen. Und zu ändern war ja nun nichts mehr.
Ich wehrte mich gegen diese Bilder, lange Zeit vergebens. Manchmal bedauerte ich es, den Psychologen nicht wenigstens einmal aufgesucht zu haben. Hätte er meine Fassungslosigkeit über die Sinnlosigkeit des Unglücks mindern können? Ein Unfalltod ergibt selbstverständlich niemals einen Sinn. Das Schicksal, blind wie es nun einmal ist, schlägt zu, und dann bleibt nichts als die Illusion, das Ganze sei ein Albtraum, aus dem man bald erwachen wird. Allerdings wacht man nie auf.

Der Blitz war doch ein zweites Mal in den gleichen Baum eingeschlagen. Wieder hatte ich meine Ehefrau durch einen – das Schicksal mochte blind sein, liebte aber offensichtlich die grausame Ironie – Verkehrsunfall verloren.

Kapitel 2

And I know it aches and your heart it breaks,
you can only take so much.
U2 (Walk On)

Ich weiß, liebe Leser, dass Sie neugierig auf Sabrinas Geheimnis sind, und bisher haben Sie so wenig Ahnung davon, wie ich nach diesem Unfall ahnte, was noch auf mich zukommen würde. Aber erlauben Sie mir, an dieser Stelle von Esther zu erzählen. Auch mit Sabrina hatte ich immer wieder über sie gesprochen, und einiges, was Sie später in diesem Buch lesen werden, ist leichter einzuordnen, wenn Sie jetzt Esther ein wenig kennen lernen.
Ach so, was ich eigentlich schon im Prolog sagen wollte, will ich hier nachholen: Wenn ich Sie mit Leser anrede, dann meine ich die Damen genauso wie die Herren. Ich finde dieses unsägliche »LeserInnen« so albern wie die ständige Doppelung »Leserinnen und Leser«. Ich hoffe, Sie können mir das nachsehen. Doch das sei nur am Rande angemerkt.

Esther, meine erste Frau, war am 23. Dezember vor elf Jahren auf dem Weg von der Bushaltestelle zu unserer Wohnung verunglückt und am ersten Weihnachtsfeiertag »ihren Verletzungen erlegen«, wie es in der Pressenotiz hieß. Eine harmlose Umschreibung für das, was ich im Krankenhaus gesehen hatte.
Ein Lastkraftwagen, mit Streugut für die Straßendienste in Berlin beladen, schleuderte wegen der Glätte, geriet auf den Gehweg und klemmte Esther zwischen Fahrzeug und Hauswand ein, verwandelte in einem Augenblick ihren schmächtigen Körper in eine Figur aus einem minderwertigen Horrorfilm. Die Beine waren unversehrt, der Kopf ebenfalls, dazwischen gab es eine Masse aus Knochensplittern, zerrissenen, gequetschten Organen sowie Rost und Schmutz von Fahrzeug und Hausmauer.
Als ich sie im Krankenhaus sah, erkannte ich ihr Gesicht kaum wieder. Schläuche und Drähte führten zu Geräten, deren Funktion ich nicht verstand. Ich begriff lediglich, dass dieser Körper nur von den Maschinen auf der Intensivstation am Leben gehalten wurde, und als der Stationsarzt mir am frühen Weihnachtsmorgen bestätigte, dass Chancen für eine Besserung nicht bestünden, dass darüber hinaus seit dem Unfall keine Hirntätigkeit mehr messbar gewesen war, gab ich mein Einverständnis, die Geräte abzuschalten. Ich hielt Esthers Hand, während die Monitore still und dunkel wurden.

Verwandte, Freunde und Bekannte hatten uns als Traumpaar bezeichnet, obwohl – oder gerade – weil wir harte Kämpfe hatten durchstehen müssen und lange Geduld mit der Familie meiner Frau vonnöten gewesen war. Esther war Jüdin, ihrer Verwandtschaft eine familiäre Verbindung mit einem Deutschen zunächst unvorstellbar. Angesichts der Geschichte meines Volkes, unserer historischen Schuld, konnte ich in gewisser Weise verstehen, dass den Eltern ein anderer Partner für ihre Tochter lieber gewesen wäre.
Wir hatten uns in Frankreich kennengelernt. Ich besuchte in Paris ein zweiwöchiges Seminar über die unterschiedlichen Erfahrungen mit teamorientierten Führungsstilen in Europa. Esther hatte keine weite Anreise, sie lebte nur drei Straßen vom Tagungshotel entfernt. Sie war als Vertreterin der Firma Renault zu dem Kolloquium gesandt worden.
Wir unterhielten uns in den Pausen und fanden bald Gefallen aneinander. Sie war von zarter Gestalt, ihre schwarzen, lockigen Haare trug sie offen. Sie kleidete sich ausgesucht elegant und bewies hervorragende Umgangsformen. Zwei Grübchen über den Mundwinkeln zeugten von ihrer heiteren Natur.
Mich beeindruckten ihre fundierten und selbstsicheren Beiträge bei den Diskussionen. Sie scheute nicht davor zurück, dem Dozenten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zu widersprechen, wenn sie anderer Meinung war, zu abweichenden Schlüssen kam als dieser Theoretiker. Esther konnte das, was sie zu den Podiumsrunden beitrug, durch Praxisbeispiele illustrieren. Ich beobachtete sie, war fasziniert und gab mir Mühe, sie nicht aufdringlich anzustarren.
Am vierten Abend besichtigten wir eine Ausstellung zeitgenössischer Malerei und saßen anschließend einige Stunden in einem Café, genossen ausgezeichneten Rotwein zu einem leichten Salat – und verliebten uns. Sie sprach recht gutes Deutsch, da sie von früher Jugend an eine Vorliebe für deutsche Literatur entwickelt hatte. Gelegentlich musste ich schmunzeln, wenn Ausdrucksweisen, die bei Thomas Mann noch ganz natürlich gewirkt hatten, im heutigen Sprachgebrauch aber weitgehend verschwunden waren, ihre Sätze schmückten.
Das Wochenende nach dem Seminar verbrachten wir gemeinsam. Meinen Rückflug hatte ich von Freitag auf Sonntag umgebucht und das Hotelzimmer stand mir zur Verfügung, da es noch nicht reserviert war. In Berlin wartete niemand auf mich.
Esther zeigte mir Paris, allerdings hatte ich eher Augen für sie als für Gebäude, Plätze und Parks. Ein paar Stunden vor meiner Abreise stellte mich Esther ihrer Familie vor. Bis zu diesem Moment war ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es ein durch die Abstammung verursachtes Problem geben konnte; Esther allerdings auch nicht, denn sonst wäre der Besuch sicher besser vorbereitet oder auf später verschoben worden. Zwar hatte sie mir beiläufig erzählt, sie sei jüdischer Abstammung, doch war dies für mich nicht bedeutsamer als wenn ihre Vorfahren Schweden oder Tschechen gewesen wären.
Auf dem Weg zu ihren Eltern erzählte sie mir, was sie von ihren Großeltern wusste. Beide waren in Deutschland geboren und aufgewachsen. Trotz warnender Stimmen vor dem Unheil, das die Nazis bringen würden, waren sie geblieben, bis sie aus dem Land, das sie als Heimat verstanden und liebten, nach Warschau deportiert und dort in ein Getto gesperrt wurden. Esthers Großvater, ein begabter Musiker, spielte im Getto unbeirrt weiter Musik auch von deutschen Komponisten. Bis zu dem Tag, an dem er in einen Waggon getrieben wurde, glaubte er daran, dass der Nazispuk schnell vorübergehen, dass das Land, dem Schiller, Goethe und Thomas Mann entstammten, in dem Bach, Brahms und Beethoven unsterbliche Musik geschaffen hatten, zur Zivilisation zurückfinden musste.
Seine Frau sah ihn nie wieder. Als sie einige Tage nach dem Abtransport der Männer aus dem Getto fliehen konnte, wusste sie noch nicht, dass sie schwanger war. Esthers Mutter kam in einem Versteck zur Welt, das eine Bauernfamilie in ihrer Scheune für eine Handvoll Flüchtlinge eingerichtet hatte.
Esthers Großmutter hatte nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Auch ihren Eltern war eine Reise nach Deutschland unvorstellbar. Alles, was »vor Hitler« gewesen war, Literatur und Musik vor allem, hatte an Wertschätzung nichts eingebüßt, an der deutschen Gegenwart bestand hingegen keinerlei Interesse.
Esthers Vater war Literaturkritiker, schrieb für die großen französischen Zeitungen, hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht. Er ignorierte alle Werke, die von deutschen Schriftstellern der Gegenwart stammten. Er hatte eine einzige Ausnahme gemacht, als Marcel Reich-Ranickis »Mein Leben« erschienen war. Er lobte das Buch in einem Artikel, allerdings mit der Anmerkung, dass Reich-Ranicki kein Deutscher, sondern Jude sei, der eigentlich nicht in Deutschland leben sollte.
Seine Frau gab eine kleine aber feine Literaturgazette heraus, in der unbekannte Dichter ihre ersten literarischen Gehversuche der Öffentlichkeit vorstellen konnten. Es wurden Autoren aus vielen Ländern gedruckt, jedoch kein einziger Deutscher.
Esther hatte sich wie ihre Eltern zunächst mit der Literatur beschäftigt. Doch nach einigen Semestern Literaturwissenschaft wandte sie sich dann der Betriebswirtschaft, insbesondere dem Personalwesen, zu. Die Literatur schien ihr, wie sie mir schon bei unserem ersten Kennenlernen während des Seminars erzählt hatte, keine ausreichend sichere finanzielle Grundlage für das Leben zu bieten. Vater und Mutter verdienten allerdings gut damit – so mochte bei Esthers Entscheidung durchaus auch das Abnabeln vom Elternhaus eine Rolle gespielt haben, ein Ausbrechen aus dem Zwang der Familientradition sein. Mir fiel Katja Manns berühmter Satz »Es muss in dieser Familie einen Menschen geben, der nicht schreibt!« dazu ein. Esther wollte ihren eigenen Weg finden und gehen, in der Industrie. Die Liebe zur Literatur gab sie ja damit nicht auf.
Als ich an jenem Sonntag im Wohnzimmer von Esthers Familie in der Rue Raphael saß, spürte ich die Ablehnung fast körperlich in der Atmosphäre. Obgleich ich, 1955 geboren, die sogenannte Gnade der späten Geburt besaß, war ich als Angehöriger der Nation, die dem Volk meiner Gastgeber unaussprechliches Leid angetan hatte, nicht willkommen.
Esthers Großmutter wirkte körperlich gebrechlich, aber geistig hellwach. Die Unterhaltung verlief höflich und reserviert; ich hatte es schließlich mit gebildeten Menschen zu tun, deren Umgangsformen keinen Raum für Taktlosigkeit ließen – nicht einmal einem Deutschen gegenüber. Esther und ich waren noch kein Paar, sondern lediglich seit ein paar Tagen befreundet; doch bereits diese Freundschaft wurde, unausgesprochen aber deutlich spürbar, als ungehörig empfunden. Wie konntest du nur einen Deutschen ins Wohnzimmer unserer Familie bringen schienen die Blicke zu sagen, die Esthers Mutter ihrer Tochter zuwarf.
Dieser erste Besuch war kurz, was ich nicht bedauerte. Wir verließen die Wohnung nach zwei Tassen Kaffee und einem Stück Kuchen. Bis zu meinem Abflug blieben noch einige Stunden. Wir setzten uns wieder in das Café, in dem wir unseren ersten gemeinsamen Abend verbracht hatten.
»Meine Eltern und Großmutter waren nicht besonders liebenswert, nicht wahr?«, fragte sie und sah mich mit besorgtem Blick an.
»Stimmt. Sie haben uns beide behandelt wie ungebetene Fremde – nun ja, ich bin ja immerhin ein Fremder. Dass ich so unerwünscht war, hatte ich allerdings nicht vermutet.«
Sie runzelte die Stirn, suchte offenbar nach einer Möglichkeit, mir das Verhalten ihrer Familie plausibel zu machen.
»Es ist«, fing sie an, »doch ein größeres Problem, als ich gedacht hatte. Es gibt wohl zwei Dinge, die meiner Familie nicht recht sein werden, falls aus uns ein Paar wird. Ich hätte übrigens nichts dagegen.«
Sabrinas GeheimnisIch nahm eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und reichte sie Esther. Dann nahm ich mir selbst eine. Wir rauchten einen Moment schweigend.
»Ich glaube, ich weiß, welches die beiden Probleme sind«, sagte ich schließlich.
»Dann erzähl. Die Kugel ist bei dir!«
Ich lachte, möglicherweise etwas zu laut für die gediegene Umgebung. Esther blickte mich irritiert an.
»Ich lache nicht über dich«, beeilte ich mich zu erklären, »sondern über diesen köstlichen Ausdruck. Ich weiß schon, was du meinst. Die Kugel ist bei mir. Herrlich.«
»Sagt man das nicht?«
»Nein, das sagt man nicht.«
»Aber man sagt das in Französisch.«
»Mag sein, so gut ist meine Sprachkenntnis nicht. Aber in Deutsch sagt man so was wie du bist dran oder du bist am Ball oder na dann schieß los.«
»Ich will nicht, dass du schießt. Ich bin für den Frieden!«
Wir amüsierten uns eine Weile über eigentümliche Metaphern in unseren Sprachen, bevor wir zum Thema zurückkamen.
Beim zweiten Glas Wein nahm ich den Faden wieder auf: »Also, ich gehe davon aus, dass ein Problem in der Tatsache liegt, dass ich Deutscher bin. Wäre ich Spanier, Amerikaner, von mir aus auch Eskimo, dann wäre die erste Hürde gar nicht vorhanden.«
»Das heißt Inuit, nicht Eskimo«, belehrte sie mich. »Eskimo ist nämlich ein abfälliger Ausdruck, der soviel bedeutet wie »jemand, der rohes Fleisch isst«. Inuit dagegen entstammt der Sprache des Volkes und heißt einfach »wahrer Mensch«. Aber deine Vermutung stimmt. Und was ist das zweite Problem?«

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Der Garten des Teufels

Wenn ein Mensch im Traum durch das Paradies gehen könnte,
und das Geschenk einer Blume wäre ein Unterpfand dafür, dass seine Seele wirklich dort war,
und wenn er beim Erwachen diese Blume in der Hand halten würde … dann wahrlich! … ja, was dann?
-Samuel Taylor Coleridge: Anima Poetae

And you can send me dead flowers every morning
Send me dead flowers by the mail
Send me dead flowers to my wedding
And I won’t forget to put roses on your grave
-The Rolling Stones: Dead Flowers

Das Unterpfand

Verwelkt, zerdrückt, keine Schönheit mehr, aber dennoch ein Gegenstand höchsten Wertes. Nein, kein Gegenstand, das war der falsche Ausdruck. Ein Lebewesen, das zum Sterben verurteilt war, abgetrennt von den Leben spendenden Wurzeln.

Renate betrachtete, was von der filigranen Blüte und dem zarten Stängel übriggeblieben war. Sie wagte kaum zu atmen, um dem Gewächs nicht noch mehr Schaden zuzufügen.

Die Blütenblätter waren so dünn, dass man hindurchsehen konnte. Ein elfenbeinfarbenes Gewebe, im Licht der frühen Sonne schimmernd wie Seide. Eine einzige Blüte, auf einem Halm, den spiralförmig feingefächerte Blätter umgaben, die von einem tiefen Grün zu den Spitzen hin in ein wohltuendes Blau überblendeten. Selbst jetzt, in diesem erbärmlichen Zustand, war die Blume noch schöner als alles, was Renate bisher an schmückenden Gewächsen gesehen hatte. Und sie hatte viele gesehen, ging sie doch täglich in ihrem Fachgeschäft für Floristik mit der Flora in ihren schönsten Formen um.

Sie legte das kostbare Unterpfand vorsichtig auf dem Nachttisch ab und schloss wieder die Augen. Peter hatte ihr die Blume geschenkt. Sie wollte zurück zu Peter und wusste um die Torheit dieses Wunsches.

Bild von sxc.hu

Die Ananasblüte

Zehn Jahre zuvor hatte ein merkwürdiger Mann ihren Weg gekreuzt. Männer waren ihre Hauptkundschaft, das Geschäft lag nahe am Bahnhof, unzählige Geschäftsreisende ließen ein Taxi draußen warten, um bei der Heimkehr zu ihrer Familie, Frau oder Freundin einen Blumengruß präsentieren zu können. Andere kamen auf dem Weg zum Bahnhof in das Geschäft, denn mit einer Rose in der Hand ist der Mann gut ausgestattet, wenn die Geliebte aus dem Zug steigt. Es kamen auch Frauen, die für ihr Heim oder den Besuch bei Verwandten und Bekannten ein dekoratives Geschenk suchten, aber die männliche Kundschaft überwog. Renate war stolz darauf, dass ihre Kunden, Herren oder Damen, stets zufrieden waren. Sie verkaufte nicht einfach lustlos zusammengebundene Sträuße; bei ihr bekam man das Ausgefallene, das man in den beiden Läden direkt im Bahnhof und auch sonst in der Stadt vergeblich suchte. Kunstwerke aus natürlichen Materialien, von der Rinde einer knorrigen Eiche bis zur winzigsten Kakteenblüte – Renate verarbeitete zu Unikaten, was immer sie im Großmarkt und in der Natur finden konnte.

Wollte ein schüchterner und nicht allzu bemittelter junger Mann eine einzelne Rose für die Dame seines Herzens, dann bekam er für fünf Euro eine Rose, langstielig, frisch. Doch nicht nur die Rose gab sie dann dem Liebenden, um den Stiel wand sich ein hauchdünner Halm mit herzförmigen winzigen Blättern. Sie hatte diese Pflanze, die sie in keinem Lexikon der Botanik finden konnte, einst in Nicaragua entdeckt und züchtete das Liebesgras, wie sie es getauft hatte, seither in ihrem geräumigen Gewächshaus. Dort gab es noch zahlreiche andere Züchtungen und Pflanzen, die sonst nirgends zu finden waren. Natürlich hütete sie ihre Geheimnisse mit starken Schlössern, einer Alarmanlage und ihrem Mozart, einem kräftigen und als Wächter ausgebildeten Schäferhund.

An jenem Morgen vor zehn Jahren war ein Herr mittleren Alters durch die Türe getreten, einen Aktenkoffer in der einen, den Hut in der anderen Hand. Die elektrische Tür schloss sich hinter ihm und er betrachtete anerkennend die ausgestellten Kunstwerke. Renate ließ ihm Zeit, sich umzusehen, beobachtete, wie sein Blick an einer Komposition aus Ananasblüte, verschiedenen Gräsern und einer Fontäne aus fein geschnittener Birkenrinde hängenblieb und wusste, dass der Kunde gleich nach dem Preis fragen würde.

»Guten Morgen«, begann er, »ich suche ein Geschenk.«

Freundlich lächelnd erkundigte sich Renate: »Für eine Dame?«

»Ja und nein, aber sagen wir ruhig, es sei für eine Dame.«

Renate nahm die Antwort gelassen entgegen. Sie schätzte, dass der Kunde etwa fünfzig Euro ausgeben wollte, und zeigte ihm einige Arrangements für fünfundsiebzig Euro.

»Dies hier«, erklärte sie, »ist eine tropische Orchidee, die Blüte wird sich heute Nachmittag öffnen, umgeben von Schößlingen eines seltenen griechischen Beerengewächses, gepflanzt in Erde aus Malaysia. Selbstverständlich bekommen Sie bei mir immer die notwendigen Düngemittel, Erden und Gefäße, damit sie viele Jahre Freude an den Pflanzen haben, und selbstverständlich erkläre ich meinen Kunden sehr genau, wo die Pflanze stehen muss, wie sie zu behandeln ist.«

»Ich weiß, deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen.«

Sie nickte selbstsicher. Seit fünf Jahren führte sie das Geschäft, hatte nie Werbung gemacht außer den Auslagen in ihrem Fenster. Zufriedene Kunden waren und blieben die beste Investition. Die meisten Käufer kamen nicht per Zufall in ihr Geschäft, sondern auf Empfehlung oder als Stammkundschaft.

»Schnittblumen habe ich natürlich auch«, meinte sie lächelnd.

»Diese Ananasblüte dort, was würde die kosten?«

Aha, sie hatte richtig getippt. Der Mann wollte diese Blüte und nichts anderes. Und er würde sie bekommen.

Renate öffnete die Glasvitrine und stellte das Gesteck behutsam auf den Verkaufstisch. »Dies ist etwas ganz Besonderes, allerdings eine Schnittblüte, das heißt, dass sie nach etwa zwei Wochen ihre Schönheit verlieren wird. Diese Ananas werden von mir selbst gezüchtet, die Farbschattierungen, die sie hier sehen, finden Sie nirgends sonst.«

»Sie ist wunderschön.«

»Ja, das ist sie. An einem schattigen Ort, nicht zu heiß, hält sie sich bei entsprechender Pflege etwa zwei, vielleicht sogar drei Wochen.«

»Und was kostet sie nun?«

»Wie viel wäre sie Ihnen denn wert?«

Renate hatte keine Preisschilder in ihrem Geschäft. Der Kunde bestimmte den Wert der Ware, und selten versuchte jemand, etwas billig zu bekommen. Solche Leute blieben in der Regel draußen vor der Türe.

Der Mann hob den Blick von der Blüte und sah Renate forschend an. »Ich würde meinen, dass fünfzig Euro angemessen wären.«

»Da stimme ich Ihnen zu.«

»Das Problem ist nur, dass ich kein Geld bei mir habe.«

Renate erklärte freundlich: »Visa, Eurocard, American Express und EC-Karten sind willkommen.«

Der Kunde legte lächelnd seinen Aktenkoffer auf den Verkaufstisch, öffnete den Deckel und drehte den Koffer zu Renate herum. »Wie wäre es damit als Gegenwert zu Ihrer Blüte?«

Das Vermächtnis

Renate bereute den Tausch nie. Seit sie die Ananasblüte gegen den Koffer des Fremden getauscht hatte, war sie im Besitz eines unermesslichen Schatzes. Sie war schon vorher wohlhabend, seit frühester Jugend durch eine erhebliche Erbschaft, aber nun war sie reich. Unverschämt reich, genau genommen. In einem nicht materiellen Sinn.

Dass sie trotz ihres Vermögens Tag für Tag in ihrem Geschäft stand, Abend für Abend und manche Nacht im Gewächshaus zubrachte, lag daran, dass sie ihre Schützlinge liebte. Mehr als sie jemals für einen Menschen empfunden hatte konnte sie mit ihren Pflanzen fühlen, leiden, sich freuen.

Sie hatte, um das geerbte Geld irgendwie anzulegen, noch vier weitere Geschäfte eröffnet, in denen allerdings nur das übliche Sortiment an Schnittblumen und Topfpflanzen verkauft wurde, von allerbester Qualität zwar, aber nichts wirklich Ausgefallenes. In den vier Filialen arbeiteten 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, außerdem beschäftigte Renate für ihre Wohnung eine Haushälterin, damit sie selbst keine Zeit mit Putzen oder Einkaufen verschwenden musste. Jeder in ihrer Umgebung wusste, dass sie vermögend war, aber wie reicht sie wirklich war, wussten nur ihr Steuerberater und sie selbst. Das Finanzamt hatte keine Ahnung, aber das verursachte Renate kein schlechtes Gewissen. Es war Aufgabe des Steuerberaters, sich darum zu kümmern, dass möglichst viel Geld übrig blieb. Er war mehr ein Finanzmanager als ein Steuerberater, Renate überließ ihm weitgehend ihr Vermögen zur Verwaltung. Sein Honorar war fürstlich, und er leistete dafür hervorragende Arbeit. Details wollte sie von ihm nicht wissen, und wahrscheinlich wollte er sie sowieso lieber für sich behalten. Als vor einer Weile CDs mit Kontodaten deutscher Bürger bei ausländischen Banken seitens der Regierung angekauft wurden, hatte er nur gelächelt. Seine Methoden waren offensichtlich ausgefeilter als die Eröffnung von Bankkonten in der Schweiz.

Sie dachte gerne zurück an jenen Morgen, als sie den Koffer in das kleine Büro hinter den Geschäftsräumen stellte. Der Kunde war zufrieden mit dem sorgsam eingepackten Ananaskunstwerk seines Weges gegangen. Sie hatte es kaum erwarten können, den Laden am Abend zu schließen und sich mit dem Koffer in ihr Gewächshaus zurückzuziehen.

Schließlich war es so weit gewesen. Renate schloss die Türe hinter sich ab und legte den unscheinbaren Lederkoffer auf den Arbeitstisch. Sie schob die Arbeitsleuchte zurecht und öffnete dann bedächtig den Deckel, eine fast zeremonielle Handlung.

Sechsunddreißig kleine Leinenbeutel lagen darinnen. Die Beutel waren leicht, dünn, schlicht. Aber der Inhalt war kostbarer als es Juwelen oder Banknoten gewesen wären. In jedem der sechsunddreißig Beutel waren Samenkörnchen eingenäht. Die Beutel trugen Nummern, sauber mit einer verblassten Tinte auf die jeweils linke obere Ecke geschrieben, 1 bis 36. In dem Fach im Kofferdeckel steckte eine Klarsichthülle, und darin war ein handgeschriebenes Dokument verwahrt, das nicht nur alt, sondern antik war.

An der Echtheit zweifelte sie keinen Moment, die Schrift kannte sie aus einem Buch, das sie in einem Tresor bei ihrer Bank verwahrte. Es war, an einigen Eigenheiten unzweifelhaft zu erkennen, ein Dokument des Pater Petrus Datura Suaveolens. Der Autor des kostbaren Buches – und offensichtlich auch dieses Dokumentes aus dem Koffer – hatte das, was von ihm an Hinterlassenschaft bekannt war, stets mit einem charakteristischen Schriftzug unterzeichnet.

Datura Suaveolens (WikiCommons)»Pater Petrus Datura Suaveolens«, flüsterte Renate. Die Datura Suaveolens ist eine Zierpflanze, die überhaupt nicht seltene Engelstrompete, ursprünglich in Mexiko beheimatet, aber seit vielen Jahren bei Hobbygärtnern und städtischen Gartenämtern auch hierzulande geschätzt und weit verbreitet. Renate zweifelte daran, dass die Menschen, die diese Pflanze in ihren Gärten und Grünanlagen anpflanzten, eine Ahnung von der Wirkung der Blütenblätter hatten. Diese enthielten Atropin und Scopolamin, hochgiftige Alkaloide. In grauer Vorzeit hatte man damit Geisteskranke ruhiggestellt, heutzutage benutzte man die Pflanze als Zierde.

Der Pater hatte sich den Namen »Datura Suaveolens« sicher mit Überlegung zugelegt, das »Petrus« davor war vermutlich eine Konzession an die Kirche gewesen.

Sein Buch, das Renate einst von einer weiten Reise mitgebracht hatte, war alles andere als kirchliche Lektüre. Es enthielt für damalige Zeiten pure Hexerei, aus heutiger Sicht war das Werk ein Almanach der zerstörenden und heilenden Wirkungen von Pflanzen aller Art, vom unscheinbaren Moosgeflecht bis zum majestätischen Baum und seiner Rinde. Die exotischsten Gewächse wurden detailliert beschrieben, ihre Pflege anschaulich erklärt und die Wirkungen auf menschliche und tierische Organismen ausführlich erläutert.

Renate hatte sich oft gefragt, woher dieser Pater die Pflanzen gekannt haben mochte. Entweder hatte er weltweite Verbindungen gehabt oder er war selbst viel gereist. Das schien jedoch kaum vorstellbar, bei der seinerzeit üblichen Reisegeschwindigkeit hätte der Mann mehrere Leben benötigt, um all die Gegenden und Pflanzen zu erkunden, von denen er jedes Detail zu kennen schien.

Dieser Koffer, besser gesagt sein Inhalt, war nun das, was Renate für nicht existent gehalten hatte, obwohl die sechs mal sechs Leinenbeutel in dem Buch als Hinterlassenschaft erwähnt waren. Es waren sechsunddreißig Samenarten, sechsunddreißig Pflanzen, von denen sie in Petrus Buch gelesen hatte, die ihr aber völlig unbekannt und die in keinem botanischen Werk zu finden gewesen waren. Sie studierte das Verzeichnis und ließ ihre Fingerspitzen liebevoll über die Leinensäckchen gleiten. Es war unglaublich. Das höchste Glück, das sich Renate vorstellen konnte.

Auf dem Weg vom Geschäft zum Gewächshaus hatte sie aus ihrem Tresor das Buch geholt und sie blätterte nun mit größter Vorsicht durch die brüchigen Seiten zum Kapitel »6 mal 6 Gewächse aus dem Garten des Teufels«. Sie verglich Punkt für Punkt. Sorgfältig, gewissenhaft. Auf der Liste aus dem Koffer standen genau diese Bezeichnungen. Sie hatte das Vermächtnis des Paters in den Händen.

In den nächsten Wochen studierte sie geduldig zunächst die Zucht- und Pflegeanleitungen, dann besorgte sie die notwendige Ausstattung, was nicht immer einfach war. In einem Fall handelte es sich um Schlick aus einer von Pater Petrus genau bezeichneten Bucht an der Nordspitze Schwedens, in einem anderen um ein Gemisch aus Erde und Staub aus der Gegend knapp unterhalb der Baumgrenze des Himalaja.

Sie ließ von Technikern einen Anbau an ihr Gewächshaus konstruieren, in dem verschiedene Räume mit verschiedenen klimatischen Bedingungen entstanden, ein Computer steuerte die Beleuchtung für Tag- und Nachtwechsel, überwachte Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen und steuerte die variable Länge der Tage und Nächte je nach Jahreszeit. Geld spielte für dieses Projekt keine Rolle.

Selbst bei den Pflanzgefäßen hielt sie sich penibel an die Anleitungen des Pater Petrus Datura Suaveolens, ließ einiges von einem Töpfer herstellen, bei dem sie sich darauf verlassen konnte, dass er die vorgeschriebene Rezeptur für den Ton, die Trockenzeiten, die Temperatur des Ofens und viele weitere Details einhalten würde.

Gelegentlich fragte sich Renate, wie der Pater Petrus Datura Suaveolens in der Lage gewesen sein konnte, auch nur einen Bruchteil der notwendigen Bedingungen zu schaffen, damit diese Pflanzen gedeihen konnten. Es war schlichtweg unvorstellbar. Entweder er hatte sich auf die Beschreibungen beschränkt und die Samen für eine Zeit aufbewahrt, in der Dinge möglich wurden, die ihm unvorstellbar sein mussten, oder es war – mittelalterlich gedacht – Hexerei im Spiel gewesen.

In jedem Säckchen steckten sechs Samen, wenn alle aufgingen, hatte sie 6 mal 6 mal 6 Pflanzen. Sie wollte zunächst von jedem der Samen einen aussäen und fünf behalten, dann würde sie für Jahre Vorrat haben und gegebenenfalls eine misslungene Züchtung wiederholen können. Zeit musste sie sich ohnehin lassen, weil sogar der Stand des Mondes für die Pflanzzeit vorgeschrieben war.

Neun Monate nach dem Tausch Ananas gegen Koffer konnte Renate die ersten zarten Spitzen aus dem Erdreich sprießen sehen.

Als der Traum im Gewächshaus – besser gesagt in seinem Anbau – dann Gestalt annahm, als die ersten Blätter sichtbar wurden, trat der seltsame Kunde wieder in Renates Leben, in gewisser Weise zumindest.

Die Saat

Es dauerte dann noch sechs lange Monate, bis Renate endlich wusste, ob der Mann tatsächlich oder nur im Traum ihr Gefährte geworden war.

Sie träumte das erste Mal von ihm, als die Saat in einem Tonschälchen aufging, als sich zarte grüne Spitzen dem Licht entgegenstreckten. Sie träumte, dass sie in ihrem Verkaufsraum stand, eine frische Ananasblüte in der Hand, um sie in die Vitrine zu stellen. Dabei dachte sie, dass der Kunde mit dem Koffer an diesem Exemplar seine Freude haben würde.

Die Türe öffnete sich und er betrat mit einem zufriedenen Lächeln auf den Zügen das Geschäft. In der Hand trug er wieder den Hut, in der anderen hielt er eine Blume, die Renate unbekannt war, und das wollte etwas heißen.

»Guten Morgen«, grüßte er höflich, »lassen sie die Ananas ruhig gleich auf dem Tisch, ich nehme sie.«

»Guten Morgen, mein Herr. Ich freue mich sehr, Sie wieder zu sehen. Es ist lange her.«

»Neun Monate und vier Tage.«

»So genau wissen Sie das?«

»Sie etwa nicht, Renate?«

»Doch, ja. Ich werde nie vergessen, was ich empfand, als ich den Inhalt des Koffers studierte. Darf ich Sie, Herr – äh …«

»Peter. Nennen Sie mich einfach Peter.«

»Gut, also, darf ich Sie, Peter, fragen, woher Sie den Koffer beziehungsweise den Inhalt hatten?«

»Sie dürfen fragen, aber die Antwort werden Sie mir kaum glauben. Ich habe die Samen selbst gesammelt und eingenäht.«

»Und woher hatten Sie das Dokument?«

»Selbst geschrieben. Ich gebe zu, es ist viel Zeit vergangen, ich hatte es zusammen mit der Saat gut verwahrt, bis ich die richtige Erbin gefunden hatte.«

»Sie machen Witze, Peter.«

Er schmunzelte und betrachtete aufmerksam die Ananasblüte. Dann zuckte er mit den Schultern und erklärte ruhig: »Ich wusste doch, dass Sie mir nicht glauben. Aber würden Sie mir wohl diese Blüte überlassen? Zu einem fairen Preis?«

»Ich schenke sie Ihnen. Der Koffer war viel mehr wert als das, was Sie bekommen haben.«

»Irren Sie sich nur nicht. Ich habe mehr bekommen, als es schien. Und ich bitte um Ihr Verständnis: Geschenke nehme ich nicht an. Ich biete Ihnen diese Blume zum Tausch.«

Behutsam stellte er die Pflanze auf die samtene Unterlage. Das Gewächs wirkte wie aus einer anderen Welt. Die Blütenblätter waren so dünn, dass man hindurchsehen konnte. Ein elfenbeinfarbenes Gewebe, im Licht Nächtliche Visionen... - Bild von sxc.huder frühen Sonne schimmernd wie Seide. Eine einzige Blüte thronte auf einem Halm, den spiralförmig feingefächerte Blätter umgaben, die von einem tiefen Grün zu den Spitzen hin in ein wohltuendes Blau überblendeten. Ein Blatt war abgebrochen, an der Bruchstelle war ein winziger Tropfen zu sehen, rot, wie Blut, dachte Renate, es sieht aus wie Blut.

»Es ist Blut, wenn Sie so wollen, denn was ist der Lebenssaft einer Pflanze anderes als der, der im menschlichen oder tierischen Körper pulsiert?«

Renate bemerkte gar nicht, dass Peter auf etwas geantwortet hatte, was sie nur gedacht, aber nicht gesagt hatte. Sie war fasziniert und gefangen genommen von der überirdischen Schönheit der Blüte, des Stieles und der Blätter.

»Woher stammt dieses Gewächs? Wie heißt es?« fragte sie fast flüsternd, andächtig in den Anblick versunken.

»Es stammt aus einem großen Garten, wo es noch viele davon gibt. Es heißt Lebenskraft. Ich finde, das ist ein passender Name.«

Sie beugte sich hinab und atmete den schwachen Duft ein, wie lieblich und wohltuend war er, so unverwechselbar, so überirdisch wie die ganze zarte Pflanze.

Dann war Renate in ihrem Bett aufgewacht. Sie starrte einige Minute an die Decke und meinte, noch immer den Duft der Lebenskraft wahrnehmen zu können. Aber sie lag in ihrem Bett, es gab keine Blume. Als sie in ihrem Geschäft war, stellte sie eine frische Ananasblüte in die Vitrine. Doch niemand kam durch die Ladentür.

Je größer die Pflanzen aus dem Garten des Teufels gediehen, und jedes einzelne der ausgesäten Samenkörner ging auf, jede einzelne Pflanze entwickelte sich kräftig und gesund, desto öfter und intensiver träumte Renate von Peter. In ihren Träumen lud er sie ein, ihn zu besuchen, sie folgte ihm in eine Villa, die äußerlich unscheinbar wirkte, im Inneren jedoch unvergleichliche Schätze barg, Kleinode aus aller Welt, herrliche Gemälde, eine Bibliothek mit unzähligen handgeschriebenen Werken, darunter mehrere Bibeln sowie zahlreiche theologische Werke, die laut Peter aus einem Kloster stammten, von dem die meisten Menschen, die den erfolgreichen Roman eines italienischen Philosophen und Schriftstellers über dieses Kloster gelesen hatten, annahmen, dass die gesamte Bibliothek mit dem Kloster abgebrannt sei.

»Sprichst du von Umberto Eco? Der Name der Rose?«

Peter nickte versonnen. »Ja, und dies hier sind die kostbarsten Bände aus jenem Kloster. Nicht alles ist verbrannt, einiges wurde vor dem Feuer in Sicherheit gebracht.«

Renate machte sich nichts daraus, dass in einem Traum Bücher und Schauplätze aus einem Roman real waren, denn in Träumen nimmt man alles hin, was geboten wird.

Renate verfiel ihrem Peter mehr und mehr. Sie duzten sich längst, häufige Berührungen blieben nicht aus. Allerdings schliefen sie nicht miteinander in diesen Träumen, so sehr sich Renate auch danach sehnte. Peter brach liebevoll, aber entschieden jede Umarmung ab, aus der mehr werden konnte. »Später«, meinte er dann, »wenn wir vereint sind. Später.«

Den ganzen Tag wartete sie nur darauf, dass es endlich Abend wurde, dass sie endlich ihr Tagewerk beenden und ins Bett gehen, träumen konnte.

Mit dem Gedeihen der Saat aus dem Koffer gediehen ihre Träume, wurden realistischer, langsam und unmerklich schwand die Realität und wurde zum Traum, während die Träume zur Realität wurden. Renate wusste gelegentlich nicht, ob sie wachte oder träumte.

Die Ernte

Sechs Monate waren seit dem ersten Traum von Peter vergangen. Renate betrachtete, was von der filigranen Blüte und dem zarten Stängel übriggeblieben war. Sie wagte kaum zu atmen, um dem Gewächs nicht noch mehr Schaden zuzufügen.

Endlich hatte sie heute ein Unterpfand mitbringen können aus dem Paradies, und dann hatte sie wohl im Schlaf darauf gelegen. Aber dennoch – die etwas zerdrückte Blume war noch immer von überirdischer Schönheit. Und vor allem – sie war hier. Im Diesseits. In ihrem Schlafzimmer, herübergebracht aus dem Traum. Oder träumte sie noch? Nein, entschied sie, sie war im Diesseits, im Hier und im Jetzt. Aus dem Radiowecker hörte sie aktuelle Nachrichten, neben dem Bett stand eine Plastikflasche mit Mineralwasser, und vor allem war Peter nicht hier. Also träumte sie nicht. Sie atmete tief den Duft der Blüte ein.

Renate legte das kostbare Unterpfand vorsichtig auf dem Nachttisch ab und schloss die Augen. Peter hatte ihr die Blume geschenkt. Sie wollte zurück zu Peter und konnte nicht. Es war sein Abschiedsgeschenk gewesen. Niemals wieder würde sie ihn sehen, fühlen, seine Küsse schmecken, niemals wieder seine lieb gewonnene Stimme hören. Und niemals würden ihre Leiber verschmelzen, denn das Später war ihr versperrt in diesem Leben.

Es sei denn, sie gab alles auf, was sie hatte, es sei denn, sie folgte ihm endgültig und nicht nur im Traum. Das Unterpfand, hatte er gesagt, sollte ihr Gewissheit geben, dass manchmal zwei Welten zu verschmelzen in der Lage waren, dass Peter wirklich auf sie wartete.

Das Licht der Morgensonne schien jetzt auf die Blüte. Renate musste mitansehen, wie die Blume starb. Die Blütenblätter wurden dunkler, braun, dann schwarz, während sie ihre sanfte Geschmeidigkeit verloren, trocken und brüchig wie Jahrhunderte altes Pergament wurden. Die winzigen Blättchen am Stiel rollten sich ein und fielen vom Stängel ab, der Stil selbst verlor sein sattes Grün und wurde grau. Die Blume »Lebenskraft« und die Sonne vertrugen sich nicht. Es dauerte nur etwa zwei Minuten, dann genügte ein leichter Hauch, und nichts als Staub blieb auf dem Nachttisch zurück.

Staub, nichts als Staub würde auch von ihr zurückbleiben, aber was war schon dieses Leben als Tauschobjekt gegen eine Ewigkeit mit Peter? Sie hatte die Blume mitgebracht aus dem Paradies, sie hatte ein Unterpfand bekommen dafür, dass sie wirklich dort gewesen war. In dieser Nacht und in all den Nächten zuvor. Was in ihrem Verstand noch daran gezweifelt hatte, war nun überzeugt.

Renate stand auf. Es gab viel zu tun an diesem Tag. Sie zögerte und überlegte nicht mehr. Sie hatte sich entschieden.

Gewissenhaft führte sie die Anweisungen aus, die Peter ihr gegeben hatte, falls sie zu ihm kommen wollte. Das Buch des Pater Petrus Datura Suaveolens und das Verzeichnis mit den sechs mal sechs Gewächsen verstaute sie sorgfältig in dem Koffer, dazu sechs mal sechs Beutel mit jeweils sechs Samenkörnern. Sie hatte inzwischen dank der üppig gediehenen Pflanzen aus dem Garten des Teufels reichlich davon, aber es sollten jeweils sechs sein, keines weniger und keines mehr. Es mochten viele viele Jahre vergehen, bevor jemand diesen Koffer und seinen Inhalt sehen würde. Sie schloss ihn in einen feuer- und hitzebeständigen Metallkoffer ein, diesen wiederum in einen Kunststoffkoffer, luftdicht, wasserdicht, eine Errungenschaft der modernen Technik. Schließlich vergrub sie das Ganze zwei Meter tief unter ihrem Gewächshaus. Die Grube hatte sie bereits in den letzten Tagen ausgehoben, aber noch gezögert, bis sie an diesem Morgen ein Unterpfand in Händen gehabt hatte.

Das Erdreich war schnell aufgefüllt und mit einer Walze eingeebnet. Dann zog Renate gerade Furchen in das Rechteck, pflanzte junge Datura Suaveolens hinein, beschriftete das neue Beet ordentlich mit einem Steckschildchen und betrachtete zufrieden ihr Werk. Ein frisches Beet, mehr nicht.

Sie ging hinüber in den Anbau, verstaute sorgfältig die dort vorhandenen Gewächse in Holzkisten, lud sie in ihr Auto und fuhr los. Überall in der Stadt verteilte sie die Pflanzen aus dem Garten des Teufels. Auf Spielplätzen, in öffentlichen Parks, auf Brachflächen, in Kleingartenkolonien. Niemand wunderte sich oder sprach sie gar an. In ihrer grünen Gärtnerinnenkleidung, mit den Kisten voll Pflanzen und dem professionellen Werkzeug hielt man sie für beauftragt und befugt, ihrer Arbeit nachzugehen. Kein Mensch fragt ja auch den Mann, der die kleinen Steine in den Gehweg hämmert, ob er das denn dürfe.

Renate wusste, was sie tat. Sie wusste, dass sie mit den Pflanzen das Böse verteilte. Es ging um weit mehr als um Gifte oder Heilkräfte. Aber das war nicht ihre Sorge, und auf dieser Welt würde sie sowieso niemand mehr zur Rechenschaft ziehen können.

Am frühen Nachmittag war sie fertig. Sie fuhr noch einmal an ihrem Geschäft vorbei, es war ordentlich verschlossen, die Lichtschutzjalousien heruntergelassen. Vielleicht würde man am nächsten Tag einige Pflanzen dort herausholen und retten, vielleicht auch nicht. Sie hatte keine Erben, das Geld hatte sie in gleichen Teilen zwei Kinderhilfswerken vermacht. Ihr Steuer- und Finanzberater würde alles ordnungsgemäß abwickeln. Sie dachte an die Millionenbeträge und lächelte bei dem Gedanken, dass man ihr vermutlich ein Denkmal setzen würde.

Renate fuhr zurück zum Gewächshaus. Sie schlenderte durch die Reihen der Pflanzen, betrachtete liebevoll Abschied nehmend die Vielfalt der Gewächse. Dann schnitt sie die schönste der Ananasblüten ab, für Peter. Sie trat in den Anbau und vergewisserte sich, dass nichts aus dem Garten des Teufels hier zurückgeblieben war.

Neben dem Vorrat an Tongefäßen hatte sie eine Liege vorbereitet, Kissen und Decke bereitgelegt. Dort würde sie schlafen. Auf einem Tischchen stand das Getränk, das sie nach einem Rezept aus Pater Petrus Datura Suaveolens Buch bereitet hatte. Sie würde schnell und schmerzlos hinüberwechseln. Um 22:00 Uhr der Trunk, dann hatte sie noch etwa zehn Minuten ungetrübten Bewusstseins, in denen sie sich auf ihre Liege zur Ruhe begeben konnte. Um 22:15 spätestens würde sie bewusstlos und um 22:30 tot sein.

Peter - auch bekannt als Randal Flagg - WikiCommonsFür die Polizei würde es nach einem alltäglichen Selbstmord aussehen: Eine reiche, alleinstehende Floristin, des Lebens wohl überdrüssig, an ihrer Einsamkeit zugrunde gegangen, oder woran auch immer. Es war fraglich, ob das Gift analysiert werden konnte, aber das kümmerte Renate nicht. Nichts würde sie jemals mehr kümmern, ging sich doch zu ihrem Peter.

Renate sah ihn schon von weitem am Eingang seiner Villa stehen, den Kopf unter dem Hut gesenkt. Sie eilte ihm entgegen. Als sie zwei Schritte vor ihm war, hob er seine Augen. Renates Schrei des Entsetzens war im Diesseits nicht zu hören.

»Das muss ein sehr schreckliches Ende gewesen sein«, meinte der Gerichtsmediziner am nächsten Tag, als er in das verzerrte Gesicht der toten Floristin blickte. »Als hätte sie etwas Grauenhaftes gesehen oder gefühlt in ihren letzten Sekunden.«

 

Ein verliebter Jüngling zupfte verstohlen eine Blume aus einem Beet im Stadtpark. Niemand beobachtete ihn. Er war auf dem Weg zu seiner Freundin und fand, dass er nicht mit leeren Händen kommen sollte.

Er hatte keine Ahnung, was für eine Blume das sein mochte, aber sie hatte ihn geradezu angelockt mit ihrer exotisch anmutenden Blüte. Und dieser Duft, den er einsog …

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