Liebe machen

Kein Sex vor der Ehe! Diesen Grundsatz haben die meisten Christen wohl bereits einmal gehört. Aber was ist mit dem Sex in der Ehe? In den meisten Gemeinden scheint dieses Thema nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt. Eine Auseinandersetzung mit der schönsten Privatsache der Welt.

// Es herrscht kein Mangel an Büchern, Artikeln, Online-Ratgebern und anderen Quellen, die samt und sonders Auskunft versprechen, wie das mit Liebe, Lust und Leidenschaft am besten funktioniert. Qualität und Niveau der Angebote umspannen die Bandbreite von wissenschaftlich bis vulgär. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, durchaus auch etwas für Menschen ohne Geschmack.
Dennoch besteht Bedarf: »Wenn es um Sex geht, tun die meisten verheirateten Christen das, was für sie funktioniert. Wenn sie etwas entdeckt haben, was ihnen Befriedigung, Vergnügen, Nähe und einen Orgasmus bringt, werden sie in der Regel diese Praxis beibehalten. Dabei werden manche Paare allerdings von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich fragen, ob ihr Tun vielleicht sündig ist«, schrieben vor etlichen Jahren Melissa und Louis McBurney, professionelle Eheberater, in Christianity Today.(1) Sie berichteten, dass sie unzählige Anfragen bekommen, ob bestimmte Sexpraktiken »erlaubt« seien, weil in den Kirchen und Gemeinden das Thema Sexualität ignoriert und in den Kleingruppen auch nicht angesprochen wird. Die meisten »christlichen« Ehebücher bleiben schwammig oder stiften noch mehr Verwirrung, da der eine Autor dieses, der andere jenes verurteilt oder gutheißt – selbstverständlich immer biblisch belegt.

Biblische Moral bleibt unklar
Wer will, kann anhand der Bibel auch nachweisen, dass Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist: Die Tatsache, dass der Glaubensheld Abraham mit seiner Magd – im Einvernehmen mit der Ehefrau und sogar auf deren Vorschlag hin – einen Sohn zeugte, wird in der Bibel nicht getadelt, sondern lediglich der Beweggrund: mangelnder Glaube, dass die betagte Sarah trotz göttlicher Verheißung noch schwanger werden könnte. Nur eines von mehreren Beispielen in der Heiligen Schrift.
Die biblischen Bücher geben – im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext – diverse Hinweise zu Moral und Ethik, aber die Bibel war nie ein Ratgeber zum Sex in der Ehe. Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges und vielseitiges Portrait Gottes. Die zahlreichen Autoren der biblischen Bücher steuern das jeweilige Bild, wie sie Gott erkennen und erleben, bei. So entsteht ein Puzzle, das uns ahnen lässt, wer und wie Gott ist. Die Bibel ist aber kein Handbuch über sexuelle Spielarten und Praktiken, auch wenn manche frommen Autoren so tun als könnten sie eins aus ihr machen.

Als sexuelle Wesen geschaffen
Wir können immerhin getrost davon ausgehen, dass der Schöpfer von der Intensität unserer Empfindungen nicht überrascht ist, denn er hat uns mit sexuellem Verlangen, den entsprechenden Organen und Hormonen sowie der mentalen Fähigkeit zu erotischen Höhenflügen ausgestattet. Daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert. Adam besaß Penis und Hoden, Eva Vagina, Klitoris und Brüste. Da sie Kinder in die Welt setzten, wussten sie offenbar auch damit umzugehen. Wie häufig sie Sex hatten, in welchen Stellungen, wann und wie sie zum Orgasmus kamen – und ob das jeweils sündig oder zulässig war – ist uns nicht überliefert.

Was ist erlaubt?
Daher die Unsicherheit unter Christen, von der die McBurneys berichteten. Sie ist auch hierzulande verbreitet. Was ist erlaubt? Was ist verboten? Eine Antwort in Form einer Liste von »guten« und »bösen« Aktivitäten mag sich mancher wünschen, aber auch ich kann und will sie nicht zusammenstellen. Die Missionarsstellung als einzige für Christen zulässige Form des Geschlechtsverkehrs – solche religiösen Gesetze sind Gott sei Dank Vergangenheit im Christentum. Manche frommen Ratgeber stellen heute neue Regeln auf. Doch darum geht es beim Thema Liebe, Leidenschaft und Lust gar nicht.

Unterschiede feiern
Den meisten Paaren wird schnell bewusst, dass es bezüglich der Intensität und der Bandbreite des sexuellen Verlangens Unterschiede zwischen den Partnern gibt. Ob nun der Mann häufiger Sex möchte oder die Frau, wer von beiden experimentierfreudiger ist oder Vorlieben für bestimmte Stellungen und Praktiken entwickelt, spielt keine Rolle, denn gerade die Unterschiedlichkeit ist eine Chance: Auch im Bett – oder wo immer man Sex genießen möchte – können gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Achtung der Einzigartigkeit des Partners, bewiesen werden. Eine Frau, die häufiger mit ihrem Mann schläft als es ihrem Verlangen entspricht, die Varianten der Stimulation ausprobiert, mit denen ihr Mann experimentieren möchte, beschenkt ihren Partner. Ein Mann, der seinen Sextrieb zügelt und sich Gedanken macht, wie er das Vergnügen seiner Frau steigern kann, der schnell zum Orgasmus käme, sich aber Zeit für ihren Höhepunkt nimmt, beschenkt seine Partnerin.
Solche Geschenke sind Kennzeichen der Liebe. Das gilt übrigens für alle Lebensbereiche, nicht nur für die erotische Komponente der Ehe. Das biblische »achte einer den anderen höher als sich selbst«(2) kann sich nur im alltäglichen Umgang miteinander, in guten wie in schlechten Tagen, beweisen. Wenn zwei Menschen so miteinander umgehen, entsteht im Lauf der Zeit eine Basis des Vertrauens, die für ein genussvolles langjähriges Sexleben unerlässlich ist. Liebe kann und soll wachsen, zunehmen, stark werden. Die Grundlage ist das gegenseitige Vertrauen, entstanden aufgrund der täglich erlebten Achtung und Wertschätzung, mit der ein Paar sich beschenkt.

Entspannt experimentieren
Auf einem solchen Fundament der Liebe, in der Geborgenheit des Vertrauens, ist es erlaubt, dass nicht immer alles klappt. Oralsex, gegenseitige oder gemeinsame Masturbation, verschiedene Stellungen, Experimente mit Vibrator oder anderem Spielzeug, intime Massagen, Sex an ungewöhnlichen Orten – all das kann das Sexleben bereichern. Oder auch nicht. Das muss (und wird) jedes Paar selbst herausfinden. Wenn die Partner einander wirklich bedingungslos vertrauen, dann ist es keine Katastrophe, wenn der Orgasmus ausbleibt, der Penis nicht steif wird oder wenn man feststellt, dass etwas eben keinen Spaß macht oder eine Stellung nicht funktioniert.
Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, um Höchstleistungen, um Pflichtübungen, sondern Sex soll Vergnügen bereiten. Beiden, die daran beteiligt sind. Mal wird er, mal sie mehr Genuss empfinden, mal schaffen es beide in schwindelerregende Gefühlshöhen. Nicht alles macht allen Menschen gleich viel Spaß. Abwechslung, Experimentierfreude und eine gehörige Portion Humor – falls etwas nicht gelingt – können dazu beitragen, dass Sex nicht zur Routine wird, sondern aufregend bleibt.

Eine goldene Regel
Nun mag mancher fragen: Aber was ist denn nun erlaubt? Was ist verboten? Eigentlich brauchst du eine solche Liste gar nicht mehr, falls ich mich bisher klar genug ausgedrückt habe: Ihr werdet es selbst herausfinden, wenn ihr einander achtet und liebt. Falls du wissen willst, wo beim Sex die Grenze liegt und dafür eine einprägsame Regel möchtest, so fällt die aus meiner Sicht sehr einfach aus:
• Es ist euch beiden erlaubt, »Nein« zu sagen.
• Es ist euch beiden nicht erlaubt, ein »Nein« zu ignorieren.
Das gilt für alle Lebensbereiche. Wer sich auch im Sexleben daran hält, hat gute Chancen auf lebenslangen erotischen Genuss, auf Leidenschaft und Liebe in seiner Ehe.

Sex auch nach Jahrzehnten
Die erotische Hitze der frühen Beziehung wird nicht ewig lodern. Jungen Menschen erscheint das zwar meist unvorstellbar, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Der Körper deines Ehepartners wird altern, genau wie deiner. Die Hormonproduktion wird sich ändern. Dein Sexualtrieb wird abnehmen. Deine körperliche Leistungsfähigkeit wird zurückgehen. Doch das heißt nicht, dass es in den reiferen Jahren keine Leidenschaft, keinen Sex mehr geben wird. Wer in jungen Jahren ein solides Fundament gelegt hat, wird auch nach zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch Lust auf Sex und Spaß am Sex haben – mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau.
Liebe braucht Pflege. Von den frühen bis zu den späten Lebensjahren. Es gibt Lustkiller, denen man mehr und andere, denen man weniger aus dem Weg gehen kann. Überarbeitung, Stress im Beruf, Krankheit, Sorge oder Notlage – das lässt sich nicht immer einfach abschalten. Aber gegen übermäßigen Alkoholkonsum kann man genauso etwas tun wie gegen ein ungepflegtes Äußeres. Dass es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Streit, gibt, kommt in so gut wie jeder Ehe vor. Aber dass du trotzdem nie die Achtung vor deinem Partner verlierst, liegt in deiner Verantwortung.
Die Liebe eines Paares kann frisch bleiben, auch wenn die Brüste nicht mehr so fest sind und die Erektion sich nicht mehr so unmittelbar einstellt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht wird euch gerade das zu neuer Fantasie beflügeln, euch auf neue Ideen kommen lassen, wie die Lust entzündet werden kann. Es lohnt sich, die Liebe lebendig zu erhalten.
Darf ich dir zum Schluss ein Geheimnis verraten? Ich werde in diesem September 56 Jahre alt und habe immer noch Spaß an Liebe, Lust und Leidenschaft.

Fußnoten: 
www.christianitytoday.com/mp/2001/spring/4.34.html
Philipper 2,3

— — — — — —

Geschrieben für die Zeitschrift Oora

Wer bist du, Jessika?

Eine Vorbemerkung: »Jessika« ist der Titel einer Kurzgeschichte, die in meinem Buch »Gänsehaut und Übelkeit«, ISBN 978-3-8334-9074-3, erschienen ist. Sie, liebe Leser, müssen diese Geschichte nicht kennen, um diese hier zu verstehen, aber natürlich freue ich mich, wenn Sie nicht nur kostenlose Texte aus meiner Feder lesen, sondern auch mal eines meiner Bücher kaufen.

Falls Sie das tun möchten: http://gjmberlin.wordpress.com/bucher/

»Wer bist du, Jessika?« können Sie übrigens auch als E-Book kostenlos herunterladen, im Format Epub, PDF und für den Kindle: [Download-Auswahl]

So, genug der Vorrede. Nun geht es los. Viel Spaß mit der Frage, wer Jessika wohl sein mag.

— — —

Zwei Wochen nach ihrem Einzug in seine Wohnung wusste er genauso viel von ihr wie am ersten Tag – im Grunde nichts. Er beschloss, das zu ändern, und zwar jetzt, auf der Stelle, im Abendsonnenschein auf der Terrasse der Pizzeria.
Jessika bestellte einen Krug Carpineto und zwei Gläser.
»Moment, bitte, ich hätte lieber ein Bier«, sagte Bernd, bevor der Kellner verschwinden konnte.
Jessika sah überrascht auf. Sie wirkte einen Moment sehr konzentriert – dann entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder und ihr Lächeln kehrte zurück, dieses Lächeln, das ihn von Anfang an gefangen genommen hatte.
»Zwei Bier dann, bitte.«
»Du kannst ruhig Wein trinken, wenn du …«
»Zwei Bier«, wiederholte Jessika und der Kellner ging mit einer leichten Verbeugung und freundlichem Schmunzeln seines Weges.
»Du wolltest Wein, Bernd, aber noch wichtiger war dir, nicht das zu wollen, was ich wusste, dass du es willst. Warum? Was mache ich falsch?«
Die Frage war gut gestellt. Es gab keine Antwort, die Bernd hätte in kurze Sätze fassen können. Falsch machte Jessika eigentlich nichts, sie machte alles richtig, und genau das war verkehrt. Jedes menschliche Wesen ist mal ungeschickt, irrt sich, sagt ein Wort zur falschen Zeit, ist unausgeschlafen wenn der Partner hellwach ist oder überdreht wenn der Partner gerade müde wird – Jessika passierte nichts dergleichen. Sie gab die richtigen Antworten, hatte die richtigen Stimmungen, die Harmonie zwischen Bernd und ihr war so perfekt, dass sie zu Bedenken Anlass gab.
Bernd war glücklich, wie noch nie in seinem Leben. Er war so glücklich, dass die Gedanken, es könne sich um einen sehr lebhaften Traum handeln, gelegentlich kaum zu unterdrücken waren. Es war eben alles zu glatt, zu poliert – so sah kein normales menschliches Leben aus. Ein Traum, womöglich, aber niemals die Realität. Zusätzlich irritierte ihn, das er weder Jessikas Vergangenheit, noch ihre Wünsche, Ziele oder Träume kannte.
»Ich weiß nichts von dir, Jessy. Nichts. Das macht mich verrückt.«
Sie sah ihm in die Augen, und er meinte, nur Unverständnis für diese Bemerkung in ihrem Blick zu lesen.
»Aber du weißt doch alles, Bernd! Wenn nicht du, wer denn dann? Du hast mich doch hervorgerufen.«
Er bemühte sich, konzentriert und logisch zu bleiben, ausnahmsweise keine Emotionen zuzulassen. Allein der Blick ihrer wunderbaren Augen wollte ihn alles vergessen lassen, was er eigentlich fragen oder sagen wollte. Doch heute Abend wehrte er sich dagegen. Er wollte ein Homo sapiens sein, mit der Betonung auf sapiens.
»Jessika, können wir für einen Moment, eine oder zwei Stunden vielleicht, einfach mal beide ganz normale Menschen sein? So amüsant das Rollenspiel auch sein mag, ich möchte jetzt gerne wissen, wo du herkommst, wo du gelebt hast, warum du hier aufgetaucht bist. Ich liebe dich, Jessika, das weißt du. Vielleicht ist es dadurch um so schwerer zu ertragen, dass ich für dich ein aufgeschlagenes Buch bin und du für mich ein Buch mit sieben Siegeln.«
Sie nickte ernst. Ihre schmalen Finger zogen zwei Zigaretten aus der Schachtel, beide nahm sie in den Mund. Bernd griff nach dem Feuerzeug und zündete beide Zigaretten an, dann reichte sie ihm seine. Ein Ritual, das sich bereits anfühlte wie seit Jahren, Jahrzehnten gar, eingeübt. So war es beim ersten gemeinsamen Rauchen gewesen. Und geblieben. Er schwieg und wartete.
Jessikas Augen sagten ich liebe dich, grenzenloses Vertrauen, bedingungslose Zuneigung waren in ihre Züge geschrieben.
»Es ist kein Rollenspiel. Ich bin die Jessika, die du vor Jahren für eine Kurzgeschichte erfunden hast.«
»Bitte, lass das. So etwas ist unmöglich. Wir sind doch beide intelligente und realistische Menschen, wollen wir nicht heute einmal auch entsprechend miteinander reden, anstatt romantische Ideen auszuschmücken? Ich liebe dich, Jessika, egal woher du kommst, ob aus dem Bordell, aus dem Gefängnis, aus dem Kloster…«

Der Kellner brachte das Bier und verschwand wieder mit einem freundlichen »zum Wohle«.
Jessika seufzte. »Okay, Bernd. Hör mir einfach zu, woran ich mich erinnere. Ich habe dich nie angelogen und werde es auch nicht tun. Es wäre leicht, dir zu erzählen, ich sei aus Hamburg oder Mainz gekommen, wäre bisher ein Freudenmädchen in Paris oder eine Nonne in Afghanistan gewesen, ich hätte mich in dich verliebt, alle deine Bücher gelesen, deinen PC angezapft, um an die unveröffentlichten Texte zu kommen und so weiter. Aber ich will das nicht. Ich will dir nichts als die Wahrheit erzählen. Hörst du mir zu und sagst erst etwas, wenn ich fertig bin?«
»Einverstanden. Leg los, Jessika. Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich, Bernd.«
Sie beugte sich über den Tisch und küsste ihn, liebevoll, zärtlich.
»Meine erste Erinnerung sieht so aus«, fing sie an zu erzählen, »dass du an deinem Schreibtisch sitzt, auf den Bildschirm starrst und eine Geschichte mit dem Titel Jessika schreibst. Wie meistens, wenn du schreibst, fängst du einfach mit einem Satz, einer Idee, an, und die Geschichte entsteht beim Tippen. Du hast nie die komplette Handlung im Kopf, wenn du beginnst.«
Sie trank einen Schluck Bier. Bernd nickte, sie hatte recht. Aber das hatte er im Vorwort zu einem seiner Bücher der ganzen Welt – soweit sie denn seine Bücher las – verraten. Keine große Zauberei also, dass Jessika dies wusste.
»Du sitzt da jedenfalls, es ist Nachmittag, gegen 14:00 Uhr, und du hast gerade beschrieben, wie eine Frau einem Mann mit einem Brotmesser genüsslich und langsam den Bauch aufschlitzt, dem hervorquellenden Blut zuschaut und abschätzt, wie lange er noch durchhalten wird, weil sie ihm im letzten bewussten Augenblick seines Lebens den Penis abschneiden und ihm das Organ vor die sterbenden Augen halten will.«
»Dass du die Geschichte kennst, ist mir nicht neu, Jessika. Ohne mich zu rühmen: Tausende haben sie gelesen, sie war sehr erfolgreich.«
»Du wolltest einfach zuhören.«
»Ja, sorry. Ich bin ja schon still.«
»Du starrst auf den Bildschirm, und plötzlich hast du ein Gesicht vor Augen oder im Kopf, ein kleines Mädchen, plötzlich siehst du die Geschichte. Das Mädchen wohnt im gleichen Haus und weiß alles. Nur die Hausmeisterin ahnt nicht, dass Jessika, denn so nennst du deine kleine Heldin, ihr blutrünstiges Geheimnis kennt. Die Idee ist da, und du schreibst die ganze Geschichte in der ersten Version fürbass am Stück in den Computer. Dann schaust du um 17:00 Uhr erstaunt auf deine Armbanduhr und fragst dich, wo die Zeit geblieben ist.«
Bernd zündete schweigend zwei weitere Zigaretten an, die Jessika aus der Packung genommen hatte. Er zwang sich, nichts zu sagen, versprochen war versprochen. Sein Job war jetzt das Zuhören. Jessika hatte recht, genau so war es gewesen mit der kleinen Horrorerzählung.
Bernd winkte dem Kellner und deutete auf die beiden leeren Gläser. Jessika nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette und fuhr fort: »Also, du hast die Erzählung beendet, die erste Fassung, hast die Datei gespeichert und bist mit dem Hund spazieren gegangen. Dann hast du die ganze Nacht daran gearbeitet, und am Morgen, acht Stunden und sechs Dosen Bier später, war die endgültige Fassung fertig. Du hast mehrmals überlegt, ob du den Schluss so offen lassen oder Jessika doch lieber umbringen solltest.«
Bernd nickte nachdenklich. Das konnte sie nun wirklich nirgends gelesen haben, hatte er es womöglich in einem Gespräch erwähnt?
Jessika redete bereits weiter. »Ich war dafür, mich am Leben zu lassen, sintemal ich erst dreizehn war, und mich doch schon in dich verliebt hatte. Mir war gleichzeitig klar, dass du eine Dreizehnjährige niemals an dich heranlassen würdest, denn das, was du in anderen Erzählungen über Angelina oder die Kinder in Rothberg geschrieben hast, würde dir nicht im Traum im wirklichen Leben einfallen. Ich wusste, dass ich erst erwachsen werden musste. Also wartete ich sechs Jahre, bis ich neunzehn war. Dann schien mir die Zeit reif.«
»Wofür reif? Wo warst du inzwischen?« Bernd hatte mittlerweile vergessen, dass Jessikas Geschichte erfunden sein musste. In diesem Moment glaubte er, was sie erzählte.
»Das ist eben schwer zu beschreiben, Bernd. Ich war und war doch nicht. Ich war nicht fort aus dieser Welt, aber ich war auch nicht real. Nicht in dieser Form, nicht als Frau. Dessenthalben hat es so lange gedauert.«
Bernd grinste. »Sag mal, Jessika, erst sagst du fürbass, dann sintemal und jetzt dessenthalben. Diese Worte sind etwas aus der Mode.«
»Eben, Bernd. Ich halte nichts von Mode. Genau wie du. Darf ich jetzt weiter erzählen?«
»Ja, aber ich glaube, ich kann dir nicht glauben.«
»Das ist – du bist doch ein gläubiger Mensch, das ist bei einigen deiner Texte ja deutlich herauszulesen.«
»Ja und doch nein. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es von manchen Kanzeln gepredigt wird. Oder nicht mehr. Ich bin älter geworden und habe vieles gesehen, was ich lieber nicht gesehen hätte. Ich habe vor allem gelernt, selbst zu prüfen, selbst zu hinterfragen, nicht einfach als unumstößlich anzunehmen und nachzuplappern, was ein Pastor oder Politiker oder sonst jemand verkündet. Mir ist eine gewisse Blauäugigkeit abhanden gekommen. Es ist im Leben mehr möglich, als man auf den ersten Blick meinen möchte.«
»Und trotzdem bist du bereits überzeugt, dass meine Geschichte, die doch deine ist, nicht wahr sein kann.«
Er überlegte seine Antwort gründlich. Wenn er von etwas überzeugt war, dann davon, dass man nichts von vorne herein als unmöglich abtun sollte. Das hatten die Menschen getan, bevor sich das erste Flugzeug in den Himmel erhob, bevor es Medikamente gegen bis dahin tödliche Krankheiten gab… Die Menschheit neigte dazu, erst einmal alles als Teufelswerk abzutun, was unvorstellbar schien, sei es das Fliegen, sei es die Heilkunst.
»Ich versuche, zuzuhören, Jessy, und erst später eine Meinung zu bilden. Ist das okay?«
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich, Jessika. Erzähl mir, wo oder was du gewesen bist in den sechs Jahren.«
»Ich war zumindest zum Teil Angelina. Aber ich mochte sie nicht sonderlich. Du warst von ihr abgestoßen und fasziniert zugleich. Ich war auch ein wenig Sophia, aber sie ist zu jung, mit ihren fünfzehn Jahren. Und sie ist nicht so, wie ich sein wollte. Ein zu vernünftiges, zu erwachsen wirkendes Mädchen, eine weise Frau im Teenagerkörper. Du hast jedenfalls Recht, dass du den Roman noch nicht veröffentlicht hast. An Sophia musst du noch arbeiten, bis sie glaubwürdig wird. Ich wollte Jessika sein, eine erwachsene Jessika, die Jessika, die mit dreizehn Jahren in der Hausmeisterwohnung einen Menschen verspeist hat, zumindest seine Leber und das Gehirn. Mit meiner Vergangenheit, aber kein Kind mehr. Daher habe ich so lange äh – gehofft – oder verharrt, bis du mich jetzt endlich wieder hervorgeholt hast.«
»Hat’s geschmeckt bei der Hausmeisterin?«, fragte Bernd trocken und griff zum Bierglas, das dritte inzwischen.
»Die Leber ja, das Gehirn nein. Prost.«
»Zum Wohlsein.«
Während das Zigarettenritual sich entfaltete, forschte Bernd in seiner Erinnerung. Wenige Wochen zuvor hatte er begonnen, über eine Fortsetzung der rabenschwarzen kleinen Horrorgeschichte nachzudenken. Nicht mit der Hausmeisterin, sondern mit dem Mädchen aus der Nachbarwohnung. Die Versuche waren nicht gelungen, er brachte es nicht fertig, Jessika als Kind wieder aufleben zu lassen. Die Figur entglitt ihm jedes Mal. Doch dann kam er auf die Idee, die Fortsetzung etliche Jahre später anzusiedeln. Warum sollte aus der Dreizehnjährigen nicht eine junge Frau geworden sein? Sie konnte womöglich mit jemandem auf einer Terrasse sitzen, ihrem nächsten Opfer, aber das Opfer ahnte natürlich nichts von seinem Schicksal. Das Opfer konnte ein Mann sein, der sich in Jessika verliebt hatte. Am besten, die beiden lebten bereits etwa zwei Wochen zusammen, dann eines Abends…
Jessikas Stimme unterbrach seinen Gedankengang: »Bin ich nun oder bin ich nicht, Bernd?«
»Ich weiß nicht, wer du bist, aber dass du bist, ist mir klar«, meinte Bernd. »Immerhin sitzen wir hier am Tisch und nachher liegen wir voraussichtlich im Bett, um dem nächsten Tag entgegen zu schlafen.«
»Hinterher«, erklärte Jessika und kniff erst das rechte, dann das linke Auge zu.
Die erotische Komponente ihrer Liebe war so vollkommen wie das ganze Zusammenleben, das ihn zunehmend irritierte. Zu schön, zu gut, zu perfekt, um wahr zu sein. Und eigentlich für seinen Geschmack – oder besser gesagt für seine Persönlichkeit – viel zu schnell Wirklichkeit geworden.
Kennen gelernt hatte er Jessika vor rund vier Wochen, überfallartig, unversehens, aus heiterem Himmel und auf eine Weise, die er für seine literarischen Figuren als unglaubwürdig verworfen hätte. Kein Leser würde einem Autor so etwas abnehmen, zumindest kein Leser mit nennenswerter Intelligenz. Aber das Leben hatte wieder einmal bewiesen, dass er weitaus merkwürdiger sein konnte als die Fiktion.
Er hatte auf dem Weg zum dringend notwendig gewordenen Lebensmitteleinkauf wie üblich den Aufzug benutzt. Das Licht, das normalerweise das Kommen der Kabine signalisierte, flackerte kurz und erlosch wieder, er hörte jedoch das Poltern und Quietschen, das diesem altertümlichen Fahrstuhl eine fast schon persönliche Note gab. In den zwanzig Jahren, die Bernd hier wohnte, hatte er kein einziges Mal beobachtet, dass eine Wartung oder Überprüfung des Aufzuges durchgeführt worden wäre. Er hätte in jedem anderen Gebäude einen solchen Lift misstrauisch gemieden, aber die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der Mühsal, acht Stockwerke zu Fuß zu bewältigen, überwog jegliche Bedenken, die gelegentlich bei besonders misstönendem Quietschen aufkamen. Es war zwanzig Jahre lang nichts passiert, also machte er sich wenig Sorgen, wenn er die knarzende Kabine betrat.
In Gedanken noch mit einer Idee beschäftigt, aus der gerade eine neue Kurzgeschichte werden wollte, stieg er ein und drückte auf die Taste mit dem E.
Im sechsten Stockwerk hielt der Lift, eine ihm unbekannte junge Frau stieg zu, der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung, um dann zwischen dem vierten und dritten Stockwerk mit einem Ächzen stehen zu bleiben. Das magere Licht in der Kabine verlosch. Eine Notbeleuchtung war genauso wenig vorhanden wie ein Alarmknopf oder gar ein Telefon, wie man es in moderneren Fahrstühlen fand.
Sein Mobiltelefon lag in der Wohnung auf dem Schreibtisch; zum Einkauf pflegte er es nicht mitzunehmen. Eigentlich vergaß er es so gut wie immer, wenn er das Haus verließ. Er mochte Telefone grundsätzlich nicht, das Mobilgerät hatte er nur angeschafft, um unterwegs im Notfall Hilfe anfordern zu können. Abgesehen von einer Autopanne wegen defekter Batterie vor zwei Jahren war der Notfall noch nicht eingetreten. Jetzt, im Fahrstuhl stecken geblieben, zweifellos ein geeigneter Fall für einen Notruf, war das Gerät nicht zur Hand.
»Sagen Sie«, fragte Bernd in die Finsternis hinein, »haben Sie ein Telefon bei sich?«
Die junge Frau sagte nichts. Stattdessen fühlte er, wie sich eine warme Hand auf seinen Arm legte und sanft seine Haut zu streicheln begann. Er war irritiert, aber unangenehm fühlte sich das nicht an. Eine zweite Hand begann, sein Haar zu durchfurchen.
»Moment mal, bitte, was soll das?«, fragte er.
Die Antwort bestand aus weichen Lippen, die sich auf seinen Mund drückten. Verdattert, aber dann doch nicht widerwillig, gab Bernd nach. Er war sicher, die junge Dame nicht zu kennen, dennoch empfand er diesen unerwarteten Moment wie vertraut, als küssten sie sich täglich viele Male, seit Jahren, ein ganzes Leben lang… – seine Gedanken kamen ihm abhanden, während die Unbekannte sich eng in seine Arme schmiegte. Bernd war sicher, dass er träumte. Einen ziemlich angenehmen, womöglich gar feuchten Traum offensichtlich, denn die Veränderung unterhalb seiner Gürtellinie blieb weder ihm noch derjenigen verborgen, die sich nun noch enger an ihn drückte.
Er versuchte, sich zu erinnern, wie die junge Frau eigentlich aussah. Als sie den Lift betrat, hatte er sie kaum angeschaut, nur einen kurzen Blick geworfen, ob es sich um jemanden handelte, den man grüßen, mit dem man ein paar Worte wechseln musste. Aber sie war ihm fremd gewesen. Also hatte er »Guten Tag« gemurmelt und wieder weggeschaut, auf die Stockwerksanzeige, denn in einer engen Kabine jemanden anzustarren war so unhöflich wie ein Sarrazin auf Hochtouren, wenn es um kleine Kopftuchmädchen ging. Er erinnerte sich nur an dunkle Haare, glatt, schulterlang, ein unauffälliges aber durchaus hübsches schmales Gesicht. Soweit er sich ihr Bild vergegenwärtigen konnte, trug sie Jeans und eine violette Bluse. Seine Hände ertasteten Seide über warmer Haut. Verstand und Zeit standen still.
Die Unbekannte sprach noch immer kein Wort, als runde fünf Minuten später das Licht anging und der Lift sich rumpelnd wieder in Bewegung setzte. Bernd betrachtete ihr Gesicht, ihr feenhaftes Lächeln, die klitzekleinen Grübchen in ihren Wangen. Er hatte die Frau noch nie gesehen, und doch war sie so vertraut, als hätte er bereits ein halbes Leben mit ihr geteilt. Das Gefühl der Unwirklichkeit nahm zu. Vermutlich würde er gleich aufwachen, mit Bedauern. Aber noch träumte er offensichtlich.
»Wer sind Sie?«, fragte Bernd.
Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoß und nach einem Zwinkern, an dem erst das rechte, dann das linke Auge beteiligt war, verschwand die junge Frau leichtfüßig durch den Flur hinaus auf die Straße.
In der Tür drehte sie sich kurz um und sagte »Jessika«.
Bernd stand noch immer fassungslos in der Fahrstuhlkabine und wartete darauf, nun in seinem Bett aufzuwachen. Erst als die Türe sich schließen wollte, setzte auch er sich in Bewegung. Auf der Straße waren Menschen unterwegs, aber nach Jessika suchten seine Blicke vergeblich.
Während er dem Supermarkt zustrebte, fuhr der Lift wieder in den achten Stock hinauf. Familie Aksu, die seit zwei Jahren neben Bernd wohnte, stieg ein zur letzten Fahrt des altertümlichen Fahrstuhles. Herr Aksu wog 110 Kilogramm, seine Frau 75. Die vier Kinder hätten zusammen 160 Kilogramm auf die Wage gebracht, wenn es ihnen gelungen wäre, gemeinsam auf eine zu steigen. Auf eine solche Idee waren sie natürlich nie gekommen. Und in einer halben Minute sollte es mit allen Ideen sowieso für immer vorbei sein. Der Fahrstuhl war für drei Personen zugelassen, 280 Kilogramm stand auf dem Messingschild als Höchstbelastung. Doch die Macht der Gewohnheit, gepaart mit der auch Bernd zueigenen Bequemlichkeit, überwog seit Monaten – schließlich waren sie immer, zwar in drangvoller Enge, aber doch sicher, hinauf und hinunter gefahren.
Herr Aksu drückte auf den Knopf mit dem E, ruckelnd setzte sich die Kabine in Bewegung. Das charakteristische Quietschen der Mechanik verlor jeden halbwegs romantisch-freundlichen Charakter, während die Verankerung der Seile nachgab und die Kabine ungebremst abstürzte.

Dreißig Minuten später bog Bernd wieder in seine Straße. Die Feuerwehr war noch dabei, die Leichen zu bergen. Zwei Polizisten wollten ihm den Zugang zum Haus verwehren, sein Personalausweis überzeugte die Beamten jedoch, dass Bernd ein Hausbewohner war. Was passiert war, wollten oder konnten sie ihm allerdings nicht sagen. Er solle zügig weitergehen und die Rettungsarbeiten nicht behindern, mahnte man ihn.
Er trug den gut gefüllten Einkaufskorb die Treppe hinauf. Im sechsten Stockwerk war Jessika zugestiegen, er setzte den Korb ab, um die Klingelschilder zu studieren. Links wohnte eine alte Dame, rechts ein zerstrittenes Ehepaar in den Vierzigern und in der größeren Wohnung in der Mitte eine Gruppe Studenten. Früher hatte man so etwas Kommune genannt und als anrüchig betrachtet, heutzutage waren studentische Wohngemeinschaften in Berlin an der Tagesordnung. Es standen keine Namen an der Tür, sondern »WG Jura«. Die mittleren Wohnungen im Haus hatten vier Zimmer, Bernd bewohnte selbst eine solche.
Er hatte nie Kontakt mit den Studenten, der Beschriftung nach wohl angehende Juristen, gehabt, sah hin und wieder junge Leute im Treppenhaus oder im Fahrstuhl, aber wer nun dort wohnte oder nur Besucher war, wusste er nicht. Er hatte auch nie besonders auf die Nachbarn geachtet. Er lebte allein und zurückgezogen, seit er mit siebzehn Jahren das Elternhaus verlassen hatte. Die kurze Episode mit Monika lag sechzehn Jahre zurück, und sie war so kurz gewesen, dass weder sie noch er überhaupt einen Gedanken an eine gemeinsame Wohnung verschwendet hatten. Kurz, aber nicht ohne Folgen.

»Guten Morgen«, grüßte eine Stimme hinter ihm, als er zwei Wochen später den Hausbriefkasten auf Post kontrollierte. Er drehte sich um und da stand sie.
Jessika.
Sie trug weiße Jeans, Sandalen und ein weißes T-Shirt. Bernd betrachtete ihre gebräunte Haut und die dunklen klaren Augen unter langen Wimpern, ihre jugendliche Frische ohne erkennbares Make-up gefiel ihm. Die dunkelblonden Haaren trug sie in der Mitte gescheitelt, zwei winzige Diamanten als Ohrstecker, um den Hals ein feingliedriges silbernes Kettchen.
»Guten Morgen, Bernd«, wiederholte sie.
»Äh, hallo Jessika. Guten – also – äh – wie geht es Ihnen – äh dir?«, stotterte er. Er nahm an, dass nach dem Vorfall im Fahrstuhl das unpersönliche Sie nicht mehr angebracht war.
»Gehst du gerade oder kommst du?«, fragte sie statt einer Antwort.
»Ich wollte ins Café an der Ecke, frühstücken«, erklärte Bernd. »Die haben da einen Raucherraum. Darf ich Sie – dich einladen?«
»Gerne.«
Sie legte ihm den Arm um die Taille, zögernd umfasste Bernd ihre Schultern. Wie ein verliebtes Paar gingen sie die Straße hinunter. An diesem warmen Sommermorgen überlegte Bernd erneut, ob er in einem Traum gefangen sei. Er war überhaupt nicht der Typ Mann, der mit fremden Frauen flirten konnte oder wollte, nicht der Draufgänger, der keine Gelegenheit ausließ, sich zu paaren. Ganz im Gegenteil. Die letzte erotische Zweisamkeit mit einer Frau lag 16 Jahre zurück. Und Monika war keine Fremde gewesen, von der er nichts wusste außer ihren Namen.
Nun verhielt er sich mit dieser rätselhaften Jessika, als seien sie seit langem ein Paar. Und vor allem, das war das Sonderbarste, wollte dieses unerklärliche Gefühl der Vertrautheit nicht weichen. Sie konnten nur so, in engem Körperkontakt, nicht etwa einfach nebeneinander, die Straße hinuntergehen. Alles andere wäre unangebracht, fehl am Platze, gewesen. So unangebracht, wenn er nüchtern überlegte, wie die Minuten im Fahrstuhl.
»Also neulich, als der Lift stecken blieb«, sagte er zögernd, »war ich – was war das? Wieso hast du…?«
»Du schuldest mir eine Revanche«, meinte sie lächelnd.
»Was schulde ich? Ach, äh, nein nein, das Ganze ist einfach unglaublich. So etwas passiert nicht. Wer bist du überhaupt?«
»Ich bin 19 oder 26. Und du?«
Offenbar konnte sie so gut wie nie auf eine einfache Frage eine klare und eindeutige Antwort geben. Sie hätte Politikerin werden sollen, womöglich war sie es ja sogar? Nein, zu jung. Er betrachtete sie aufmerksam von der Seite, während sie das Café betraten. Sie wirkte älter als 19 und jünger als 26, aber es mochte auch eine der beiden Angaben stimmen. Im Schätzen des Alters seiner Mitmenschen war er nicht sonderlich treffsicher.
»Einundvierzig«, antwortete er, als sie an einem Tisch am Fenster Platz nahmen. »Damit bin ich mindestens 15 Jahre älter als du, höchstens 22. Findest du das nicht etwas befremdlich?«
Jessika sagte: »Wie viel dummer Unfug und schwachsinniger Aufruhr war nötig, um euch beide zusammenzubringen.« Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.
»Was? Ich verstehe nicht.«
»Ein Zitat aus einem Buch. Amanda Cross hat es geschrieben, es heißt Eine feine Gesellschaft.«
»Ach so, ja. Ich habe es vor Jahren gelesen. Ein Krimi im Universitätsmilieu, soweit ich mich erinnere.«
Jessika griff nach der Zigarettenschachtel, nahm zwei Pall Mall heraus. Bernd gab ihr Feuer. Eine Zigarette reichte sie ihm.
»Wann erscheint dein nächster Roman?« fragte sie, nachdem sie zwei tiefe Züge inhaliert hatte.
Bernd sah seine Begleiterin erstaunt an. Kaum jemand in der Nachbarschaft wusste, dass er unter einem Pseudonym Bücher schrieb.
Hakan, Inhaber und am Vormittag einziger Mitarbeiter des kleinen Cafés, stellte ein Kännchen Kaffee, einen kleinen Milchkrug, eine große Tasse und ein Croissant vor Bernd auf den Tisch. Sein Stammgast wollte immer das Gleiche und musste schon lange nicht mehr darum bitten. Hakan lächelte Jessika fröhlich zu: »Was darf es für die junge Dame sein?«
»Kaffee, mit Milch und ein Croissant«, antwortete Jessika, »wie Bernd.«
»Kommt sofort.«
Hakan ging zur Theke und Jessika sagte: »Tut es dir denn jetzt eigentlich leid um die Familie Aksu?«
Bernd brauchte einen Augenblick, um die Frage zu verstehen. Seine Gedanken waren nicht bei dem Fahrstuhlunglück gewesen. Er entgegnete: »Natürlich tun mir diese Menschen leid. Es ist schon eine Tragödie. Die ganze Familie auf einen Schlag tot…«
Jessika runzelte wie nachdenklich die Stirn. »Ich dachte, das war in deinem Sinne…«
Als sie eine Stunde später auf dem Weg zu Bernds Wohnung waren, wusste er immer noch nichts über Jessika außer ihren Namen und die sonderbare Altersspanne, wobei er nicht sicher war, ob das vermeintliche Wissen stimmte. Sie mochte genauso gut Juppi heißen, oder Alexandra. Oder Elke. Esmeralda. Kassiopeia. Anna Karenina…
Sie schien mehr über ihn zu wissen, als ihm lieb war. Dass sie seine Bücher kannte, nun ja, das schmeichelte seinem Autorenego. »Wenn einer nicht egozentrisch ist, dann wird er nicht Dichter. So waren sie alle, von Goethe bis Brecht. Nur vermochten Goethe oder Brecht diese Egozentrik einigermaßen zu verbergen«, hatte das Büchernörgele, wie Michael Ende Herrn Reich-Ranicki einst getauft hatte, unlängst festgestellt. Bernd nahm sich da nicht aus. Natürlich will ein Autor gelesen werden, und je mehr er davon weiß, dass er gelesen wird, desto wohler wird es seiner Dichterseele. Aber Jessika hatte auch Details aus seinem Leben angesprochen, die er für sorgsam gehütete Geheimnisse gehalten hatte. Er war nun auf der Hut. Dass Jessika keine normale Person war, keine Zufallsbekanntschaft, das war so sicher wie die Tagesschau um 20 Uhr. Eine Stalkerin? Eine Verwirrte?
Sein Arm um ihre Schultern gelegt, ihre Hand auf seiner Hüfte, schlenderten sie zurück zum Haus mit dem nach wie vor gesperrten Fahrstuhl. Als sie die Treppen emporstiegen, fiel ihm wieder die Bemerkung ein, die er am Cafétisch nicht weiter hinterfragt hatte, weil sich zu viele Fragen gleichzeitig in seinem Kopf gedreht hatten.
Er ging, wie es sich für einen Herrn mit Benimm gehörte, einen halben Schritt hinter Jessika die Stufen empor. Zwischen dem dritten und vierten Stockwerk fragte er: »Letzte Woche sind sechs Menschen abgestürzt. Warum sollte das in meinem Sinne sein?«
Sie drehte den Kopf zu ihm zurück, mit erstaunter Mine. »Das ist doch ein schöner Tod, wenn man nicht weiß, dass es so weit ist. Einfach von einem Moment zum anderen ist man über die Schwelle getreten.«
»Na ja, schon, besser als unheilbarer Krebs wie Dennis Hopper oder ein langes bitteres Entdämmern hinein in die Hilflosigkeit wie Walter Jens. Aber wieso sollte der Unfall mit dem Fahrstuhl in meinem Sinne gewesen sein? Ich kannte die Familie Aksu kaum, gar nicht im Grunde genommen, vor allem aber hatte ich keine Veranlassung, ihren Tod zu wünschen.«
»Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel gibt es eine Zeit. Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten.«
»Das Zitieren biblischer Texte beantwortet meine Frage nicht, Jessika.«
Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm. Eine Stufe höher als er stehend nahm sie ihn fest in die Arme, Stirn an Stirn geschmiegt. »Manche Antworten kommen von selbst, wenn es an der Zeit ist. Manche Antworten kommen nie. Und manche Antworten würde man am liebsten nie bekommen haben, wenn sie da sind.«
»Aber ich…«
Sie küsste ihn liebevoll, sanft, wie vor zwei Wochen in der Finsternis der Fahrstuhlkabine. Ein Gedanke, der sich gerade näherte, kam ihm abhanden. Eine Frage, die gestellt werden wollte, eine fast formulierte Vermutung, aber sie war noch zu zart, flüchtiger Nebel, sie entschwand.
Bernd schloss die Türe auf, ließ ihr den Vortritt und Jessika ging unbekümmert voran. Sie warf vom Flur aus einen kurzen Blick in die Küche, ins Arbeitszimmer, ins Wohnzimmer. Das Gästezimmer, dessen Tür geschlossen war, ließ sie unbeachtet und ging zielstrebig ins Bad. Bereits im Flur ließ sie ihre Kleidungsstücke fallen. Sekunden später stand sie unter der Dusche, die Badezimmertüre blieb sperrangelweit offen.
Bernd konnte immer weniger verstehen, was eigentlich mit ihm, seinem Leben vor sich ging. Ich dachte, das war in deinem Sinne… – irgendetwas lauerte im Hintergrund seines Bewusstseins. War es ein Bild? Eine Erinnerung? Fast hatte er zugreifen können, auf der Treppe, vor dem Kuss.
»Bernd?«
Was konnte, sollte, mochte der Gedanke gewesen sein? Wieder regte sich das nicht Greifbare, zu weit entfernt, im Nebel. Nicht deutlich genug, zu verschwommen noch…
»Bernd? Kommst du?«
Er trat zögernd, verloren, an die Tür zum Badezimmer. Jessika winkte ihn herein und zog ihn aus. Es war alles so richtig, so unabwendbar, so natürlich, so unwirklich vertraut. Solche Dinge ereigneten sich vielleicht in Romanen und Erzählungen, wenn die Charaktere einen entsprechenden Charakter hatten und die Autoren ihrer Phantasie die Zügel locker ließen, aber niemals im Leben.

Jessikas Körper, den er erfühlt hatte beim Kuss vor zwei Wochen. Ohne Scheu ließ sie sich im leichten Dunst der feuchter werdenden Luft betrachten. Bernd gingen flüchtige Gedanken an Aids, an Verhütung, an Religion und Moral durch den Kopf, aber er wollte genau das, was offensichtlich Jessika im Sinn hatte. Er, der zurückhaltende Gentleman, der schüchtern einen Bogen um zweideutige Situationen zu machen pflegte, ausgerechnet er ließ sich willig von einer Frau entkleiden, die unter seiner Dusche stand, die er erst vor einer guten Stunde mehr oder weniger kennen gelernt hatte, die ihn zwei Wochen zuvor im festsitzenden Aufzug ungefragt geküsst hatte, um anschließend wortlos zu verschwinden. Nun gut, ein Wort hatte sie immerhin gesagt: Jessika. Der Klang ihrer Stimme war ihm Tag und Nacht nicht aus dem Sinn gewichen in den beiden Wochen.
Sie zog ihn zu sich und an sich unter die Dusche. »Du brauchst keine Angst vor Aids oder sonst etwas zu haben, ich bin kerngesund, und die Pille nehme ich auch. Wir beide sind ein Fleisch, in gewissem Sinne, dagegen bringt kein Gott Einwände vor. Und die Moral, die ist doch relativ, nicht wahr? Also entspann dich, Bernd.«
»Kannst du eigentlich Gedanken lesen?«
»Das hat dein Maler auf der Insel Fehmarn seine Angelina auch gefragt, bevor die Nacht vom Himmel gefallen ist.«
»Du kannst meine Gedanken nicht lesen. Das gibt es nämlich nicht. Dies ist kein Roman, Jessika.«
Sie stand fast reglos an ihn geschmiegt, er genoss den leichten Druck ihrer Haut gegen seinen Unterleib. Der warme Regen aus der Brause hüllte die Engumschlungenen mehr und mehr in feinen Nebel, löste sie aus dem Badezimmer, versetzte sie in Ungewisses, Unwägbares, Ungesehenes. Im Nebel wird Orientierung schwer. Im Nebel verlieren Entfernungen ihr Maß. Im Nebel gehen Geräusche eigensinnige Wege. Im Nebel kann etwas lauern, was man nicht zu sehen wünscht, aber im Nebel wird es sich auch nicht zeigen.
Jessikas Hand strich sanft über seinen Rücken. »Ich bin doch deine Schöpfung«, flüsterte sie im Rauschen des Wassers gerade noch hörbar, »du hast mich erträumt, erschaffen, erwünscht, nenn es wie du willst. Jetzt bin ich da. Für dich. Ich weiß doch, wie du denkst, was du empfindest. Ich brauche zu diesem Behufe keine Gedanken lesen, ich bin ein Teil von dir.«
Natürlich war das Unfug. Vollkommener Blödsinn. Aber Bernd mochte jetzt nicht mehr grübeln, nachsinnen, abwägen, den verlorenen Gedankenhauch zu finden suchen, sich wehren. Wozu auch. Der Nebel hatte alles entfernt, was an der Wirklichkeit wirklich sein mochte. Sie waren die einzigen Menschen auf der Welt, Mann und Frau, und sie verschmolzen, noch unter der Dusche, und dann im Schlafzimmer, mehrfach, zu einem Fleisch.

Am späten Nachmittag wachte Bernd auf, allein zwischen zerwühlten Laken. Aus dem Wohnzimmer hörte er gedämpft Musik, Bob Dylan sang gerade beyond here lies nothin’, but the mountains of the past. Jessika war vermutlich dort im Wohnzimmer, hatte – wie passend! – Together Through Life aufgelegt, oder war sie schon wieder verschwunden für Wochen? Was wäre ihm eigentlich lieber? Eine Fortsetzung des Unwirklichen oder eine Rückkehr in die Welt, die er gekannt hatte, in der er sich zurechtfand? Wenn er ehrlich mit sich zu Rate ging, dann wollte er Jessika. Nicht nur ihr Körper zog ihn an, das war sicher sicher auch der Fall, keine Frage angesichts der vorangegangenen Stunden, aber es war viel mehr, was ihn förmlich zu ihr hinsog. Als wäre sie ein einst abhanden gekommener Teil seiner Person, die nie vollständig hatte sein können, solange Jessika fehlte.
Das Gefühl nahm zu, sie würden sich seit Monaten kennen, nein, seit Jahren. Natürlich war sie eindeutig nicht normal, irgendwie nicht ganz richtig im Kopf, ausgeflippt, verdreht, aber auf eine angenehme Weise. Anders als jener Besucher, der in einer Geschichte von Stephen King einen Autor mit der Anschuldigung konfrontierte, seine Geschichte gestohlen zu haben. Wie hieß doch die Erzählung? My Secret Window war der Titel der Verfilmung, aber die Geschichte hieß nicht so. Sie war in einem Sammelband zu finden. Irgendwas mit Midnight.
Bernd stand auf und sah sich nach seinen Kleidungsstücken um, dann fiel ihm ein, dass die im Badezimmer auf dem nassen Boden liegen mussten. Er nahm Boxershorts aus der Wäscheschublade und legte sie dann zurück. Es war warm genug, und immerhin war dies seine Wohnung, in der er sich auch sonst unbekleidet aufhielt, wenn die Witterung entsprechend war. Sein Balkon war von außen nicht einsehbar, gerne genoss er in seinem Liegestuhl hüllenlos die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut, im Frühling und im Herbst. Die Sommersonne mied er, indem er seine Markise ausrollte.
Er ging ins Wohnzimmer und sah Jessika durch die Balkontüre auf seinem Liegestuhl in der Sonne. Sie trug so viel Kleidung wie er.
»Ich habe dir ein Bier in den Kühlschrank gestellt«, rief sie.
»Danke!«
»Kommst du raus zu mir?«
»Ja. Soll ich dir was mitbringen?«
»Ich habe noch Mineralwasser, einstweilen reicht das.«
Bernd ging zunächst zum Bücherregal und griff nach Four past Midnight um sich zu vergewissern, dass die gesuchte Geschichte Secret Window, Secret Garden in diesem Sammelband zu finden war. Er schlug die Seite 253 auf. “You stole my story”, the man on the doorstep said. “You stole my story and something’s got to be done about it.”
Bernd stellte das Buch zurück. Er würde sich später die Zeit nehmen, seine Situation mit der von Stephen King geschilderten zu vergleichen. Natürlich hatte Jessika nicht behauptet, er hätte ihr etwas gestohlen, schon gar nicht ihre Geschichte. Im Gegenteil. Aber immerhin: Das Buch schilderte, unter gänzlich anderen Umständen zwar, das Auftauchen einer Figur aus der Gedankenwelt in der Wirklichkeit des Autors. Bernd hatte eine Ahnung, eine Hoffnung, womöglich in dieser Erzählung einen Schlüssel zu finden, der jenen flüchtig gewordenen Gedanken zurückholen konnte.
Er trug sein Bier auf den Balkon, Jessika hatte den Liegestuhl zusammengeklappt und die beiden Gartenstühle mit den bequemen Polsterauflagen bereitgestellt. Sie sah hinreißend aus im warmen Nachmittagslicht. Sie zwinkerte ihm zu, erst rechts, dann links. Als Bernd sich setzte, bekam er einen sanften Kuss auf die Stirn. Das kribbelte irgendwo tief im Kopf, hinunter ins Rückenmark, nicht auf der Haut.
»Wer bist du, Jessika?« fragte er.
»Ich erzähle dir, was du gerade schreibst. Es ist die Fortsetzung deiner Geschichte über die mörderische Hausmeisterin. Nein, nicht die Fortsetzung, es ist eine andere Geschichte, nur eine Person taucht wieder auf, die nächtliche Besucherin. Das Mädchen ist inzwischen erwachsen und du fragst dich, was aus ihr geworden sein mag«, meinte sie, während sie ihre Hand auf seinem Oberschenkel ruhen ließ.
»Volltreffer. Warst du an meinem Computer?«
Jessika schmunzelte und küsste ihn mit ihren weichen Lippen. Die Stirn. Das Kribbeln, inwendig.
»Und keine Angst, Bernd. Jessika hat sich geändert. Sie verspeist weder Leichen noch hat sie die unangenehme Eigenart der Hausmeisterin übernommen, Männern ihr Lieblingsorgan abzuschneiden.«
Ihre Hand wanderte am Oberschenkel empor. Bernd schloss die Augen. »Was machst du bloß mit mir?«
»Alles, was du in deinen Manuskripten geschrieben hast. Oder schreiben wolltest, bevor du dann doch die Zügel angezogen hast. Du glaubst, Literatur sei nur Phantasie, Autoren würden samt und sonders alles erfinden, es gäbe eine Wirklichkeit und eine weitere Welt im Kopf des Autors. Zwei Welten, streng getrennt. Zumindest sagst du dir das. Aber glaubst du es denn wirklich?«
Bernd schwieg. Er wartete, wartete auf das, was noch im Nebel verborgen war. Seine Augen hielt er geschlossen, die Abendsonne färbte den blicklosen Blick rötlich. Ein warmes, ein lebendiges Rot, nicht wie die Fahrzeuge der Feuerwehr. Bei der Rückkehr vom Einkauf waren sie vor dem Haus aufgereiht. Sechs tote Menschen mussten aus dem Schacht geborgen werden. Vier Kinder darunter. Ich dachte, das war in deinem Sinne… Und plötzlich lichtete sich der Nebel. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht. Ein Gedanke so deutlich, so unmissverständlich, als hätte ihn jemand laut ausgesprochen. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht.
»So ein Unfug«, murmelte Bernd.
Jessika sagte nichts, ihre Hand massierte, was die Hausmeisterin in jener finsteren Geschichte abzuschneiden pflegte. Vielleicht hätte er sie damals nicht schreiben sollen? Nicht einmal denken sollen? Aber wie kann ein Mensch nicht denken, was in ihm erwacht?
Bob Dylans Stimme klang aus dem Wohnzimmer. You’re as whorish as ever, Baby you could start a fire. I must be losing my mind. You’re the object of my desire. I feel a change coming on and the fourth part of the day is already gone.
Bernd sagte halblaut: »Ich werde mich hüten, meinen mind zu losen.«
Jessika küsste ihn auf die Stirn. Das Kribbeln. Dann das Feuer, dann das Verlöschen der Vernunft.
Am Abend war Bernd so erschöpft wie seit Jahren nicht mehr, auf eine befriedigende, angenehme, ihn tief durchdringende Weise. Jessika dagegen schien ausgeruht und munter, als wäre sie gerade erst aus erholsamem Schlaf erwacht.
»Wo wohnst du eigentlich?«, fragte Bernd, eine Zigarette im Mundwinkel, während er misstrauisch sein Gesicht im Schlafzimmerspiegel betrachtete und sich ernsthaft fragte, was eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, mit so einem alten Schnösel wie ihm anfangen wollte. Sein Bauch war kein Waschbrett, sondern eine deutliche Wölbung, da half auch kein Einziehen und Luftanhalten. Er war kein Schwächling, aber muskulös konnte er sich auch nicht nennen. Er war einfach normal, unauffällig und eindeutig nicht mehr der Jüngste. Alles andere jedenfalls als ein Frauentyp, wie einschlägige Medien ihn darzustellen pflegten.
»Hier, wenn du willst. «
»Ich meine bisher. Du musst doch irgendwo wohnen. Wo sind deine Sachen? Hast du nicht bisher bei den Studenten im sechsten Stockwerk gelebt?«
»Die Studenten kenne ich so gut wie du, nämlich gar nicht. Bisher war ich ein pubertierendes Mädchen, das mit einem Festmahl in der Wohnung der Hausmeisterin zu mitternächtlicher Stunde zu existieren aufgehört hat. Beziehungsweise genau da stehen geblieben ist, stehen gelassen wurde, ohne eine Chance, weiterzukommen. Ich bin sehr froh, dass du mich jetzt endlich nach so vielen Jahren weitergedacht hast.«
Bernd beschloss, zumindest äußerlich das Spiel mitzumachen. Jessika hat die Familie Aksu umgebracht. Das war ihm, einmal gedacht, schon am Nachmittag eine Tatsache gewesen, obwohl nichts darauf hindeutete. Gewissheit braucht keine Beweise. Daher war Vorsicht geboten. Wer sechs Menschen auf dem Gewissen hat, macht sich kein Gewissen um einen 41jährigen Schreiberling.
»Na dann«, sagte er, »dann ging die Frage natürlich in die falsche Richtung.«
»Der Weg ist das Ziel«, gab sie zurück. »Wenn du willst, wohne ich hier.«
Bernd nickte. Natürlich wollte er das. Nicht ohne Bedenken, aber die konnte er ja später genauer betrachten.

Einige Wochen später hatte er Familie Aksu vergessen. Er hatte sich an Jessika gewöhnt, und manches nahm er hin, ohne es zu verstehen. Eigentlich war sie nicht eingezogen, sondern einfach geblieben. Kein Gepäck brachte sie in die Wohnung, sie schien auch nirgends sonst etwas gelagert zu haben. Und doch fehlte ihr nichts. Das war so bedenklich wie die Sache mit dem Fahrstuhl. Und noch viel mysteriöser. Am Morgen des zweiten Tages hatte sie nach dem Duschen ein blassgelbes Kleid getragen; woher das gekommen war blieb Bernd verborgen. Am Abend ein silbern schimmerndes Cocktailkleid. Ein warmer Pullover für kühlere Abende. Dessous…. Jessika war einfach da, ging mit ihm frühstücken, spazieren, einkaufen, hatte Geld und Kreditkarten. Sie fragte nichts, wusste alles. Wenn Bernd Fragen stellte, erhielt er selten eine Auskunft, mit der er etwas hätte anfangen können. Jessika wich nicht aus, sie schien oft einfach nicht zu begreifen, dass ihre Antworten ganz und gar abwegig waren. Sie passten nicht zu den Fragen, passten nicht zur Realität. Auch ihr Alter blieb ihm rätselhaft. Mal schien sie Mitte Zwanzig zu sein, mal eher ein Teenager. Er wurde nicht schlau daraus. Sie war neunzehn, sie war aber auch sechsundzwanzig. Beides war keine Lüge. Und doch konnte nur eines davon stimmen, oder vielleicht war ein ganz anderes Alter richtig? Eines Morgens, als sie aus dem Bad kam, sah sie einen Moment aus wie ein Kind, zwölf, höchstens dreizehn Jahre alt. Bernd schob es auf das blendende Sonnenlicht, das durch die Fenster auf sein Gesicht fiel, denn als Jessika näher kam, war sie wieder die junge Frau, die er kannte und doch nicht kannte.
»Wie alt bist du, Jessika?« fragte er erneut, als sie sich neben ihn an den Küchentisch setzte.
Sie lächelte das Lächeln, das ihn noch immer wie am ersten Tag verzauberte. »Wie alt bin ich? Wie alt ist der Ozean? Wie alt ist das Universum? Wie alt ist die Musik? Wie alt ist die Kunst? Wie alt bist du?«
»Das zumindest ist leicht und eindeutig. Immer noch Einundvierzig.«
»Meinst du. Wenn ja, dann hat die Liebe dich wesentlich verjüngt. Aber manchmal bist du so weise, als hättest du bereits Jahrhunderte gelebt. Vielleicht bist du Saint Germain?«
»Hast du Umberto Eco gelesen?«
»Du hast ihn gelesen, Das Foucaultsche Pendel bisher fünf Mal in den Jahren seit – nun ja. Aber gut, wenn du meinst, dann bist du eben einundvierzig. Ich liebe dich.«
Sie tranken ihren Kaffee, rauchten dazu zwei Zigaretten, dann zog sich Bernd in sein Arbeitszimmer zurück, um ein paar Stunden zu schreiben. Ein Abgabetermin rückte langsam näher, und sein Verleger liebte Pünktlichkeit. Jessika hatte nichts weiter vor, sie wollte im nahen Park spazieren gehen.

Der Vormittag war mild und sonnig, ein leichter Wind spielte mit den Zweigen. Etwa dreißig vergnügte oder gelangweilte Kinder, einige an ihren Müttern herumzerrend, andere ins Spiel allein oder mit anderen Kindern vertieft, bevölkerten den Spielplatz. Ein alltägliches, ein kaum beachtenswertes Bild.
Am Rand des Sandkastens standen Bänke, zum Teil im Schatten großer Bäume, zum Teil in der Sonne. Auf einer dunkelgrün gestrichenen Bank, ein wenig abseits, saß eine junge Frau. Neben ihr lag eine Tasche, aus der ein paar Spielsachen herausragten, leuchtend gelbe Kinderschaufeln für den Sand, ein rotes Sieb, der passende Eimer stand neben den Füßen der Frau. Sie nickte dem kleinen Jungen, er mochte vier oder fünf Jahre alt sein, aufmunternd zu, ein freundliches Lächeln auf den Lippen: »Natürlich darfst du den Eimer ausleihen, Hauptsache, du bringst ihn später zurück.«
Der Knirps schnappte den Eimer und rannte zum Sandkasten, wo er eifrig begann, mit beiden Händen das Gefäß zu füllen.
»Etwas weiter nach links, Junge«, flüsterte die Frau auf der Bank, und obwohl er das Flüstern aus der Entfernung von etwa zehn Metern auf keinen Fall gehört haben konnte, krabbelt er einen halben Meter nach links, um dort eifrig weiterzuschaufeln.
Die junge Frau warf einen forschenden Blick in die Runde, aber niemand achtete auf sie oder das Kind mit dem geliehenen Eimer. Sie wusste, dass sich das gleich ändern würde, zumindest was den Jungen betraf. Oder das, was übrig bleiben mochte. Sie selbst würde dann bereits durch das Gebüsch hinter der Bank getreten sein und auf dem Hauptweg wie eine von vielen Spaziergängerinnen die Ruhe des Parks genießen.
Der Knabe hatte den Eimer gefüllt, leerte ihn mit einem frohen Lachen hinter sich aus, und begann erneut, zwischen seinen ausgestreckten Beinen zu graben.
Die dritte Ladung Sand landete noch im Eimer, eine vierte Ladung gab es nicht mehr. Stattdessen bestaunte der Junge das merkwürdige Gebilde, das er ausgebuddelt hatte. Es war schwer, sah leicht verrostet aus, und es hatte einen Ring, der so ähnlich aussah wie die Ringe, mit deren Hilfe man eine Dose mit Limonade öffnete. Er probierte es aus, zog, betrachtet das metallene Ei, dreht es hin und her, her und hin. Gerade als er das Interesse verlor und das Fundstück wie zuvor den Sand hinter sich werfen wollte, explodierte die Handgranate mit einem trockenen Krachen. Die Vögel flogen erschreckt aus den Bäumen und Büschen auf, die Köpfe der Menschen wandten sich dem Ursprung des Krachens zu, der Körper des Jungen – oder das, was einmal ein Körper war, landete in kleinen Portionen weit verstreut im Sand und im Gebüsch.
Eine junge Frau ging gelassen den Weg hinunter, streichelte den Kopf eines neugierigen Hundes.

Am nächsten Vormittag hatte Bernd einen Termin beim Zahnarzt. Eigentlich war es ein kurzer Weg am Spielplatz vorbei, aber der gesamte Park war gesperrt, da man ihn nach weiterer Munition absuchen wollte und wohl auch musste. Berlin war beunruhigt, nicht nur durch das tragische Unglück mit der Handgranate. »Bomben, Granaten oder Munition würden auch 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch ständig gefunden, insgesamt etwa 25 bis 40 Tonnen pro Jahr«, hatte die Sprecherin des Senats einer Zeitung gesagt. »Meist handele es sich um kleinere Sprengkörper. Große Funde, wie die beiden 250-Kilo-Fliegerbomben von Dienstag und Mittwoch, die von Spezialisten aufwendig entschärft werden mussten, seien seltener.« Dass unter den kleineren Sprengkörpern auch Handgranaten gefunden wurden, kam kaum vor, war aber nicht ausgeschlossen.
Bernd küsste seine Jessika zärtlich und drückte sie an sich. »Du siehst bezaubernd aus in diesem weißen Kleid, Jessy. Hinreißend. Makellos.«
»Danke. Du bist der bestaussehende Mann auf Gottes grüner Welt, Bernd. Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich.«
Auf dem Weg zur Praxis fragte er sich, woher Jessika das offenbar neue weiße Kleid haben mochte. Sie verbrachten die meiste Zeit miteinander, ohne dass dies einem von ihnen überdrüssig wurde. Sie kauften zusammen ein, aber nie hatten sie Kleidung für Jessika besorgt. Eigentlich fragte er sich weniger woher, denn das war sowieso rätselhaft und das Rätsel nichts neues. Er fragte sich eher, warum.
Am Vorabend, als er sie hingerissen in der weißen Bluse und den engen blauen Jeans betrachtete, während sie im Restaurant von der Toilette zurück zum Tisch kam, hatte er gedacht, dass ihr ein schlichtes, weißes, ärmelloses Kleid, in der Taille mit einem goldenen Gürtel zusammengerafft, hervorragend stehen müsste.
Und heute Morgen hatte sie genau dieses Kleid getragen.
Vor einer Woche etwa hatte er sich nachts im Bett, als sie schon in seinem Arm schlief, vorgestellt, Jessika würde am Frühstückstisch in einem seidenen Kimono sitzen, der lose geschlungene Gürtel würde sich nach und nach lösen und dabei mehr und mehr von ihrer samtenen Haut enthüllen.
Genau das war am nächsten Morgen geschehen, sogar die Farbe des Kimono, ein schimmerndes Blau, das leicht ins Violett spielte, hatte gestimmt.
»Das gibt es alles nicht,« murmelte er vor sich hin, »das gibt es nicht.«
»Doch, alles was Sie möchten gibt es. Was darf es denn sein?«
Bernd sah überrascht auf. Vor ihm stand ein älterer Herr, volles graues Haar, ordentlich gescheitelt, umrahmte den charaktervollen Kopf, eine goldgeränderte Brille vergrößerte die klaren wachen Augen. Der Fremde trug trotz der sommerlichen Hitze einen dunkelblauen Anzug mit Weste, blitzblanke schwarze Schuhe, ein ausnehmend ordentlicher und korrekter Herr, er wirkte etwas deplatziert in der Wärme des Sommertages.
»Entschuldigung, ich habe nur mit mir selbst geredet«, lächelte Bernd.
»Einen schönen Tag wünsche ich dann noch, und grüßen Sie Jessika herzlich von mir.«
Der Mann ging weiter, aber mit zwei Schritten hatte Bernd ihn eingeholt und hielt ihn am Arm fest. »Moment, bitte, mein Herr. Wer sind Sie? Woher kennen Sie Jessika? Wieso wissen Sie, dass ich sie kenne? Woher kennen Sie mich?«
Ein verständnisvolles Lächeln erhellte das Gesicht des Fremden. »So viele Fragen? Die Antworten sind doch in ihrem Kopf, nicht wahr? Sie wissen genau, wer ich bin.«
»Kommissar Schöffler.«
»Kommissar a. D., aber sonst korrekt. Entschuldigen Sie mich, ich muss weiter. Auf Wiedersehen.«
Er ließ Bernd stehen und verschwand mit ausholenden Schritten um die nächste Ecke. Bernd sah hinterher und schüttelte den Kopf. Er hatte außer Kaffee nichts getrunken, andernfalls hätte er das Erlebte leicht als Produkt seiner überreizten, vom Alkohol beflügelten Fantasie abtun können. Kommissar Schöffler war eine Figur, seine Figur, in zwei Kurzgeschichten und einem Roman. Der Roman war fertig, aber noch nicht veröffentlicht. Der Mann hatte genau so ausgesehen, wie er sich beim Schreiben den Kommissar ausgemalt hatte. Etwas älter wirkte er, aber es war eindeutig dieselbe Person. Selbst die Stimme passte.
Bernd betrat das Haus, in dem die Zahnarztpraxis lag. Er lachte halblaut. Ich werde verrückt, so einfach ist das. Mein Gehirn dreht durch, ich werde in kürzester Zeit in der Klapsmühle landen. Es kann sich nur noch um Tage handeln. Wenigstens weiß ich jetzt, was los ist, das ist doch beruhigend. Der ganz normale Wahnsinn hat mich in den Klauen. Das alles passiert gar nicht.
Als er etliche Stunden später nach Hause kam, war er betrunken. Nicht angetrunken, sondern vollkommen blau. Vom Zahnarzt aus hatte er schnurstracks die nächste Kneipe aufgesucht.
Am nächsten Morgen hatte er einen erbärmlichen Kater und eine liebevolle Jessika, die seine Stirn kühlte und alles tat, damit er sich bald besser fühlte. Sie fragte nicht nach dem Vortag, und er erzählte auch nichts. Er wusste nicht mehr, was er wirklich erlebt und was er sich im Suff eingebildet hatte. Aus der Entfernung betrachtet war vermutlich alles, woran er sich zu erinnern glaubte, ein Produkt seiner überreizten Fantasie. Trotz der hämmernden Kopfschmerzen musste er grinsen. Schöffler, das war der größte Witz, den sein Gehirn ihm bisher erzählt hatte. Das war der Witz des Jahrhunderts.
Jessika versprach, ihm aus der Apotheke Aspirin mitzubringen, sie wollte mit dem Bus nach Steglitz fahren, um ein paar Fotos vor der Verwandlung des »Bierpinsel« zu machen, der in ein Kunstwerk umgestaltet werden sollte. Sie fand es spannend, das von Anfang an zu dokumentieren.

Alles Mögliche kann versagen. Auch Menschen. Der eine versagt im Beruf, der andere im Privatleben. Mancher versagt in beiden Bereichen. Der Busfahrer hatte bisher nur im Privatleben versagt, an diesem Tag sollte das berufliche Versagen hinzukommen. Damit war dann auch alles Versagen für immer vorbei.
Er hatte seinen Dienst pünktlich begonnen. Da er alleine lebte, von gelegentlichen Übernachtungen mehr oder weniger unbekannter Damen einmal abgesehen, war er lieber unterwegs, sei es bei der Arbeit oder sonst irgendwo, als zu Hause. Meistens suchte er in seiner Freizeit nach einer Frau, die er irgendwie in sein Bett oder sonst irgendwohin bekommen konnte, wo sich die Gelegenheit zum schnellen und brutalen Sex bot. Er suchte eigentlich nicht die Frauen, sondern ihren Körper, was mit den Personen geschah, war ihm vollkommen gleichgültig. Er brauchte Abwechslung, er schlief nie mit einem Körper ein zweites Mal.
An der Haltestelle Kurfürstendamm stieg eine junge Frau zu, die ihn aufmerksamer als andere Fahrgäste musterte, die meisten würdigten die Chauffeure keines Blickes, streckten ihre Monatskarten oder Fahrscheine hin, er nickte höchstens leicht mit dem Kopf, ignorierte die Fahrausweise. Ihm war es sowieso egal, ob die Leute bezahlten oder nicht. Sein Job war das Fahren und das Verkaufen von Tickets, wenn denn jemand unbedingt einen Fahrschein bei ihm lösen wollte.
Die Frau gefiel ihm. Sie sah ihn aufmerksam an, fast forschend. Er lächelte, sie quittierte das mit einem ganz leichten Anheben der Mundwinkel und setzte sich auf den Behindertenplatz gleich neben der Türe, so dass sie ihn beobachten konnte. Er konnte sie dort ebenso gut mustern wie sie ihn. Ein weiterer Körper zum einmaligen Gebrauch schien sich da womöglich anzubieten. Der Fahrer spürte, wie sein Penis sich in Windeseile aufrichtete.
Ein hellgrauer, knielanger Rock, darunter nackte Beine, die nackten Füße in weißen Sandalen, ordentlich lackierte Zehennägel schauten durch das Ledergeflecht. Eine blassviolette Seidenbluse mit kurzen Ärmeln, und eindeutig keinen BH darunter, ein schmaler, wunderbarer Hals, ein ebenmäßiges Gesicht mit sonderbar grünen Augen, ein Grün, das ins Gelbliche spielte. Halblange, dunkle Haare. Die Arme gebräunt wie die Beine und das Gesicht, eine kleidsame, keineswegs übertrieben dunkle Tönung. Schmale Hände, mit dezent lackierten Nägeln. Wunderbar sanfte Hände, die jetzt den Saum des Rockes höher und höher schoben.
Der Fahrer warf einen raschen Blick in den Spiegel, der Bus war fast leer, niemand achtete auf die Frau oder ihn. Er blickte wieder zu ihr, sie zwinkerte ihm zu, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge. Die geschmeidigen Finger wanderten unter den Rock, der viel höher nicht zu schieben war. Er beobachtete noch den Verkehr, lenkte mit einer Hand, weil die andere im Schoß beschäftigt war, in immer kürzeren Abständen musste er zu diesen schlanken Beinen hinüberschauen. Die waren leicht gespreizt, und der Fahrer sah, dass sein attraktiver Fahrgast unter dem Rock nichts trug als Haut. Glattrasierte Haut. Seine Erektion entlud sich, als sein Bus ungebremst auf einen stehenden Tanklastzug prallte.
Die junge Frau hatte sich beim Aufprall festgeklammert am Sitz, war dann blitzschnell durch die aufgesprungene Tür verschwunden. Die übrigen Passagiere waren nicht so schnell, soweit sie unverletzt geblieben waren und noch hätten schnell sein können. Sie waren nicht schnell genug. Sie brauchten auch nie wieder schnell sein. Das auslaufende Benzin aus dem Tanklastwagen entzündete sich 30 Sekunden nach dem Aufprall.
Die Zeitungen spekulierten am nächsten Tag über Herzversagen des Fahrers, Versagen des Gehirns, aber was immer es auch gewesen sein mochte, ihn konnte man nicht mehr fragen und es war nicht genug von ihm übrig, um Untersuchungen anzustellen. Er war zuerst vom Lenkrad aufgespießt, dann vom Splitterregen der Scheibe gespickt worden und schließlich in der Flammenhölle bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Mit ihm starben vierzehn Passagiere.

Zwölf Wochen nach Jessikas Erscheinen in seinem Leben liebte Bernd sie immer noch wie am ersten Tag, nein, immer mehr sogar, je vertrauter sie miteinander wurden. Das Feuer der Leidenschaft erwies sich als unauslöschlich. Trotz aller Zweifel und offen gebliebener Fragen. Man gewöhnt sich an Ungewöhnliches, ziemlich schnell sogar, wenn die Begleitumstände angenehmer Natur sind.
Jessika schien jede Einzelheit seines Lebens, jede Angewohnheit, jeden Gedanken zu kennen. Das machte ihm nichts mehr aus, erstaunte ihn noch hin und wieder, sorgte aber nicht mehr für Irritationen oder Bedenken. Bernd genoss sein unerwartetes und unverdientes Wohlergehen, gelegentlich tauchte unbestimmte Angst auf, dass so viel Glück auf keinen Fall andauern konnte. Doch im Augenblick, nach rund der Hälfte seines Lebens, meinte es das Schicksal außergewöhnlich gut mit ihm. Wenn die zweite Hälfte so weiterging, wenn die Liebe, die er bisher nur aus seinen und anderen Büchern gekannt hatte, tatsächlich für ihn Realität bleiben würde, dann war er eindeutig der glücklichste Mensch auf dieser Welt.
Es interessierte ihn nicht mehr, ob Jessika aus dem Weltraum, aus seinem Kopf oder schlicht aus einem Kuhkaff irgendwo in Vorpommern gekommen sein mochte. Was zählte war, dass sie mit ihm das Leben teilte und dass sie ihn liebte wie er sie liebte. Nicht nur körperlich, doch auch und gerade diese Komponente war eine Offenbarung.
Bernd hatte über Sex geschrieben, nicht immer so dezent wie ein alter Film, wo die Kamera ausblendete oder den Blick aus dem Schlafzimmerfenster hinaus auf den Sonnenuntergang führte, bevor das Paar im Bett die Decken von sich streifte oder strampelte. Er hatte sich nie gescheut, auch erotische Fantasien zu Papier zu bringen; wie detailliert das jeweils ausfiel, hing einfach von der Zielgruppe ab, für die er schrieb.

Sein eigenes Sexleben war, bis Jessika auftauchte, langweilig. Er hatte keine Partnerin, die Mutter seiner jetzt sechzehnjährigen Tochter lebte seit vierzehn Jahren mit einem anderen Mann zusammen. Bernd hatte Sex nie für etwas gehalten, was für ihn persönlich wichtig oder sogar eine Quelle unendlichen Vergnügens werden konnte. Er hatte seine rechte Hand, every poet masturbates, hatte er einmal in einem Rockkonzert auf dem Riesenmonitor über der Bühne gelesen, und das war die ganze nüchterne Wahrheit. Mit seinen einundvierzig Jahren hatte er auch keine großen Träume oder Ambitionen mehr gehabt, die große Liebe zu finden.
Mit Jessika war alles anders geworden.
Alles.
Anders.
Geworden.
Er wusste als belesener Mensch natürlich, dass Sex gesund und für das allgemeine Wohlbefinden förderlich ist, aber vor Jessikas Erscheinen hatte Bernd keine Ahnung gehabt, in welchem Ausmaß das zutraf. Er erkannte sich selbst kaum wieder. Every poet needs the pain war ein weiterer Satz vom Monitor beim Konzert mit U2 vor vielen Jahren. Wenn das stimmte, war er kein Poet mehr. Jeglicher Schmerz war vergessen, Bernd war einfach nur glücklich und zufrieden.
Und produktiver als je zuvor. Seit Jessika da war, schrieb er phantasievoller und fließender. Er war auch zuvor nicht schlecht gewesen, abgesehen von Gedichten aus Teenagertagen, aber die schrieb vermutlich jeder Pubertierende und jeder schrieb sie gleichermaßen grauenhaft. Seine Geschichten verkauften sich recht gut, seine Bücher erzielten ansehnliche Auflagen. Dahinter steckte sehr viel Mühe und Arbeit, Ringen um die richtigen Worte, Feilen an Formulierungen, Umschreiben oder Verwerfen ganzer Passagen…
Jetzt schrieb er plötzlich leicht und inspiriert, als diktiere ihm eine unhörbare Stimme. Er schrieb manche Nacht durch, Jessika hielt sich im Hintergrund, brachte ein Glas Wein oder Bier genau dann, wenn ihm danach war, leerte hin und wieder den Aschenbecher neben der Tastatur, fragte nichts und unterbrach ihn nicht. Nur manchmal küsste sie ihn auf die Stirn: Kribbeln tief drinnen, irgendwo.
Wenn er nach stundenlangem Arbeiten erzählen wollte, wie weit er war und was er geschrieben hatte, wusste sie es bereits, obwohl sie selten einmal einen Blick über seine Schulter auf den Bildschirm geworfen hatte.
Er hatte nach einer Weile aufgehört, ihr vom Fortschritt der Arbeit erzählen zu wollen, bat sie stattdessen manchmal um einen Kommentar, eine Wertung, Tipps, Hinweise.
Sie hatte gute – nein, sie hatte perfekte Ideen. Kleinigkeiten meist, die jedoch dem Text etwas hinzufügten, was Bernd als genial bezeichnen musste.
Gelegentlich änderten diese Kleinigkeiten die Richtung, die eine Erzählung nahm, waren am Ende ausschlaggebend für den Schluss; und wenn das vorkam, dann war das Ergebnis immer überzeugender und logischer als das, was er zuerst im Kopf oder auf dem Bildschirm gehabt hatte.
»Meine Muse«, nannte er sie dann, »meine Pampelmuse.«
»Willst du jetzt und hier, gleich am Schreibtisch, pampeln?« Zwinkern, erst rechts, dann links.
»Pampeln ist Babysprache.«
»Wir müssen ja nicht sprechen«, gab sie zurück und entledigte ihn seiner Kleidung. Er ließ es gerne geschehen…
Bernd bemerkte nicht, dass Jessika nicht nur seine Arbeit, sondern sein ganzes Leben prägte, mehr und mehr bestimmte. Unmerklich ging die Übernahme vonstatten. Er war immer sehr auf seine Selbstständigkeit bedacht gewesen, und genau darauf nahm Jessika entweder Rücksicht, oder sie machte instinktiv alles richtig. Sie lenkte ihn wie seine Erzählungen, dirigierte seine Gewohnheiten, seinen Tagesablauf, aber stets so, dass es ihm wie seine eigene Wahl vorkam. Jessika brachte ihn dazu, so zu entscheiden, wie sie es wollte.
Manchmal regte sich etwas in ihm. Eines Nachts hatte sie in der Küche hantiert, Bernd saß am Computer und dachte zurück an sein Leben vor Jessika. Wie ein Schatten, der irgendwo im Nebel der Gedanken schlummert, von dem man weiß, dass er irgendwo vorhanden ist, hatte sich etwas bemerkbar machen wollen in seinem Kopf. Aber es war nicht durchgedrungen. Das es-liegt-mir-auf-der-Zunge-gleich-habe-ichs-Gefühl führte nirgendwo hin. Das Etwas war bedrohlich, dunkel, unangenehm. Sehr sehr unangenehm sogar. Bernd wollte es nicht wissen, aber er fürchtete, dass es von entscheidender Bedeutung war. Er musste nachdenken, weil sonst … weil ihm …
Während er noch im Nebel stocherte, kam Jessika mit frisch angemachtem Salat und einer Flasche Rotwein, ihr Lächeln und die willkommene Ablenkung verscheuchten das Gefühl. Bernd dachte wochenlang nicht mehr darüber nach.

In einer Großstadt passiert jeden Tag Schlimmes. Die Menschen sind daran gewöhnt. Sie lesen Meldungen in der Tageszeitung oder sehen Berichte im Regionalprogramm, murmeln vielleicht wie schrecklich oder die armen Menschen, und dann schieben sie sich die nächste Fuhre Kalbsschnitzel in den Mund und spülen mit Bier nach. Oder Pasta mit Rotwein. Oder die Butterstulle und Pfefferminztee.

Ein Handelsvertreter, der von Tür zu Tür seine Reinigungsmittel anbietet, verschwindet spurlos. Niemand weiß, an welcher Tür er zuletzt geklingelt hat.
Ein Bauarbeiter stürzt vom Gerüst, aus dem neunten Stockwerk, er ist sofort tot. Er kann niemandem mehr erzählen, was ihn so erschreckt hat, dass er das Gleichgewicht verlor.
Niemand weiß, ob der zwölfjährige Junge gegen den einfahrenden U-Bahn Zug gesprungen ist oder gestoßen wurde. Viele wissen, dass seine Gehirnmasse auf dem Bahnsteig im Neonlicht funkelte, weil die BILD Zeitung ausführlich darüber berichtet hat, mit Foto natürlich.
Großbrand einer Tankstelle. Zwölf Tote. Keine Zeugen. Kein Bekennerbrief. Aber Spuren von Brandbeschleunigern.
Raubmord in einer Kneipe auf dem Männerklo. Das Opfer ist beim Pinkeln von hinten erstochen worden. Niemand hat gesehen, wer außer dem Opfer die Toilette betreten hat.

All diese Unglücks-und Kriminalfälle aus den Regionalnachrichten waren Bernd unbekannt. Er bekam gar nicht oder nur am Rande mit, was in Berlin an Sex & Crime vor sich ging. Er interessierte sich für die Tagesschau, den Weltspiegel, das Auslandsjournal, aber kaum für lokale Meldungen. Der Berliner Tagesspiegel, den er abonniert hatte, blieb so gut wie immer ungelesen, abgesehen vom Kulturteil und ein paar Schlagzeilen auf der ersten Seite.
Er arbeitete gerade an einer Gute-Nacht-Story für Leute, die schlecht oder gar nicht schlafen wollten. Sein Verlag bereitete einen Auswahlband von Horrorgeschichten vor und Bernd sollte zwei Erzählungen beisteuern. Eine war seit Wochen fertig, es ging um einen Jungen, der im Buddelsand eine Handgranate findet. Die zweite schrieb er gerade. Eine Medizinstudentin, die einmal durch das Examen gefallen war, übte zu Hause eifrig für die Anatomieprüfung, indem sie Menschen aufschnitt und deren Organe untersuchte. Lebendige Menschen, wegen der Frische der Organe. Etwa zwei oder drei Seiten fehlten dem Manuskript noch zum gewünschten Umfang. Bernd beschloss, eine Denkpause einzulegen.
Er setzte sich ins Wohnzimmer und blätterte im Tagesspiegel, um kurz ausspannen, ein paar Minuten weg vom Bildschirm und den Überlegungen zu seiner Geschichte zu sein.
Ermittlungen ergebnislos – Unfallursache bleibt Geheimnis titelte die Zeitung im Lokalteil, den Bernd zufällig aufschlug. Darunter wurde in kurzen Sätzen berichtet, dass die Untersuchungen eines tragischen Unfalls zwischen Linienbus und Tanklastwagen eingestellt worden waren. Vom Fahrtenschreiber war nichts übrig, und Zeugen konnten nichts zur Klärung beisteuern. Der Arzt der Busfahrers konnte lediglich aus seinen Unterlagen ein gesundes Herz und keinerlei Anzeichen für einen drohenden Gehirnschlag oder sonstiger Gefährdungen attestieren. Busfahrer müssen regelmäßig zur Gesundheitsüberprüfung, die letzte war zum Unfallzeitpunkt erst drei Monate her gewesen.
Das Datum des Unfalls war in Klammern angegeben. Bernd starrte auf die Zeitung: »Bei dem Unglück (14. Mai) kamen fünfzehn Menschen ums Leben.«
Ein Kälteschauer überzog Bernds Stirn, dann den Rücken. Am 13. Mai war er beim Zahnarzt gewesen und hatte sich hinterher betrunken wie nie zuvor. Das Datum hatte sich eingeprägt, weil er eine Kurzgeschichte darüber geschrieben hatte. Vollrausch 13-05 hatte er sie genannt.
Am 14. Mai hatte Jessika ihm Aspirin mitgebracht von ihrem Ausflug zum Bierpinsel. Und sie hatte ganz leicht, fast unmerklich, aber eben nur fast, nach verbranntem Gummi, Benzin, Kerosin, was auch immer… sie hatte nach einem unglaublich heißen Feuer, einer Explosion gerochen. Er hatte an ihrem Haar geschnüffelt und gesagt, dass ihn der Geruch an einen abgebrannten Bauernhof erinnerte, den er vor Jahren besichtigt hatte.
Jessika hatte lachend erwidert: »Ich bin eben so heiß auf dich, Bernd, dass man das schon riechen kann. Gleich brenne ich durch!« Kopfschmerz und Übelkeit vergingen dann zügig, nicht nur dank der Tabletten.
Nun starrte er etliche Wochen später auf dieses Datum und fragte sich, ob es einen Zusammenhang gab. Fast wieder riechen konnte er den seltsamen Feuerodem von damals. Das Etwas drängte sich energisch in sein Bewusstsein.
Jessika hat die Familie Aksu umgebracht.
Eine dumme Vermutung, längst vergessen.
Und der Brandgeruch?
Zufall, was sonst.
Wo war Jessika, als der Fahrstuhl abstürzte? Wo war sie, als die Menschen im Bus verbrannten? Wo war sie, als…
Jessika war auf dem Balkon, goss im Evaskostüm die Pflanzen. Bernd legte die Zeitung weg und ging zu ihr hinaus.
»Kommst du gut voran mit der Medizinstudentin?«, fragte sie, obwohl sie natürlich wusste, ob und wie er vorankam.
»Ja, sehr gut. Der Handelsvertreter ist jetzt im neunten Stockwerk und klingelt an einer Tür, an der kein Namensschild befestigt ist.«
»Wie wäre es, wenn er, bevor er klingelt, kurz innehält, weil er ein Geräusch hört?«
»Warum?«
»Er könnte zum Beispiel das gedämpfte Summen eines elektrischen Küchenmessers hören.«
»Und dann?« Er sah Jessika gespannt an. »Was dann? Macht die Studentin mit dem blutverschmierten Messer in der Hand die Türe auf oder was?«
Jessika lachte fröhlich. »Nein, natürlich nicht. Sie weiß ja nicht, wer draußen steht, ob es ein passendes Opfer ist oder nicht. Es könnte ja der Postbote sein oder ein Bekannter oder eine Nachbarin… irgend jemand, der schnell vermisst wird. Nein, sie ist ja nicht blöd. Immerhin studiert die Medizin, hat einen enormen IQ.«
Bernd nickte. »Okay, sehe ich auch so, aber warum soll er dann das Messer hören?«
»Er könnte es hören und dabei beschleicht ihn eine Vorahnung, ein dunkles, undefinierbares Grauen vor diesem an und für sich ja harmlosen Geräusch. Fast will er weitergehen. Fast. Später, als sie dann das Messer ansetzt, sind seine letzten Gedanken, dass er genau dieses Geräusch schon einmal gehört hat, er weiß bloß nicht wo und wie, weil die Angst und Schmerzen ihn am Denken hindern. Dann, als er stirbt, im letzten Augenblick eben, weiß er es wieder. Das summende Geräusch hat er durch die Tür gehört.«
»Gefällt mir sehr gut. Manche Leute werden zwar sagen, ich hätte ein bisschen meine Jessika-Story kopiert, mit der schnittsüchtigen Hausmeisterin, aber die Idee ist gut.«
»Dann schreib das auf«, sagte Jessika und küsste ihn auf die Stirn. Das Kribbeln, tief drinnen, und bis hinunter ins Rückenmark. Die Bewegung unter der Gürtellinie. Das Leben, wie er es vor Wochen nicht gekannt hatte.
Am übernächsten Abend sah Bernd in den Fernsehnachrichten einen kurzen Bericht über das Auffinden mehrerer zum Teil schon verwesender Leichen, denen bestimmte Organe entnommen worden waren. Fachmännisch, dem Vernehmen nach. Das jüngste Opfer war ein Handelsvertreter, der…
Bernd rannte auf die Toilette und übergab sich ausgiebig. Jessika war noch unterwegs, wo auch immer, und ihm dämmerte, dass es vielleicht besser wäre, sie würde nicht zurückkommen.
»Schade, Bernd. Ich dachte, du wärest endlich derjenige, der verstehen würde. Habe ich mich so sehr in dir geirrt?«
Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Es war sinnlos, Jessika etwas vorlügen zu wollen. Sie konnte seine Gedanken lesen, wenngleich sie das Gegenteil behauptet hatte. Aber warum sollte ein solches Geschöpf der Finsternis auch die Wahrheit sagen? Bernd hatte, als sie nach Hause kam, versucht, wie Tom Cullen in Steven Kings bestem Buch einfach nur M-O-O-N zu denken, aber das war gründlich schiefgegangen. Sie sah ihn kurz an, lachte vergnügt und sagte: »M-O-O-N, that spells Bernd hat endlich kapiert was Jessika ist?«
Er hatte kapiert. Zu spät. Viel zu spät. Und dann hatte er auch noch das Bier getrunken, das sie ihm gebracht hatte – offenbar mit irgendwelchen KO-Tropfen vermischt. Jedenfalls war er auf dem Sofa eingeschlafen und nackt auf dem Bett, ausgestreckt, Handgelenke und Fußgelenke an die Pfosten gefesselt, wieder aufgewacht.
Jessika saß auf seinen Schenkeln, gab ihm ausgiebig Gelegenheit, ein letztes Mal ihren makellosen Körper zu bewundern. Er schloss die Augen.
»Es muss nicht das letzte Mal sein, Bernd. Ich liebe dich, und ich möchte, dass es so weitergeht mit uns beiden. Warum auch nicht? Es gibt doch keinen Grund, das alles zu zerstören.«
»Du bringst Menschen um, Jessika.«
»Du auch.«
»In meinen Geschichten, ja, aber doch nicht in Wirklichkeit, nicht im echten Leben.«
Bernd öffnete die Augen wieder. Konnte es doch noch ein Entkommen geben?
Sie wirkte konzentriert, als wolle sie ihm tatsächlich das Unerklärliche erklären. »Warum verstehst du das bloß nicht? Es gibt keinen Unterschied. Deine Erzählungen sind so wirklich wie das, was die Tagesschau sendet oder die Zeitung druckt.«
»Nein, Jessika. Nein.«
»Dann bin ich auch nicht wirklich. Dann ist keine von uns wirklich.«
Bernd horchte auf. Gab es mehrere Jessikas? Oder was meinte sie mit der Pluralform? Er fragte: »Wer oder was seid ihr? Sag mir das, bevor ich sterbe.«
Jessika begann, sanft seinen Körper zu streicheln, voller Zärtlichkeit, Hingabe, Zuneigung.

»Wir sind immer da gewesen. Man nennt uns Musen, man nennt uns Boten oder Inspirationen, man gibt uns viele Namen. Aber die wenigsten Menschen glauben tatsächlich an uns, und noch viel weniger Menschen hatten jemals direkten Kontakt wie du, Bernd. Du bist ein Auserwählter, weil ich in dir etwas Besonderes gesehen habe, etwas was selten ist. Du liebst und lebst die Gestalten deiner Geschichten, du leidest mit ihnen, freust dich mit ihnen, ängstigst dich mit ihnen. Deshalb dachte ich, du würdest verstehen. Zusammenarbeiten.«
»Es ist grausam, Menschen umzubringen. Was haben Inspirationen oder Musen mit den echten Menschen zu tun, die du hast sterben lassen?«
»Es wäre noch grausamer, wenn es den Tod nicht gäbe.«
»Wie meinst du das?«
Er beobachtete erstaunt, dass sein Penis sich unter ihren sanften Berührungen aufrichtete. Damit hatte er in dieser Situation nicht gerechnet. Er war mit größter Wahrscheinlichkeit Minuten vom Tod entfernt, seine Henkerin saß auf seinen Oberschenkeln, das frisch geschärfte große Küchenmesser lag neben seinem Kopf auf dem Kissen… und sein Glied machte, was es wollte, als sei dies nur eine weitere vergnügliche Liebesnacht. Kein Leser würde ihm so etwas glauben, wenn er es in eine Geschichte geschrieben hätte.
Jessika lächelte. Noch immer, trotz allem, verzauberte ihn dieses Lächeln. Sie fuhr fort: »Du bist einer von den Menschen, deren Aufgabe darin besteht, den Rest der Menschheit auf den Tod vorzubereiten. Alle Schriftsteller haben nur diese eine Aufgabe. Wir bringen die Menschen ins Jenseits. Das ist unsere Aufgabe. Und ich glaube immer noch, dass wir beide wunderbar zusammenarbeiten könnten.«
Bernd schüttelte den Kopf. »Das ist Unsinn. Ich kenne einige Autoren, und keiner sieht seinen Job so.«
»Das wissen wir«, entgegnete sie sanft, während sie mit ihrem Becken etwas weiter hinauf rutschte, »dass ihr es nicht wisst. Oder zumindest die meisten Autoren wissen es nicht. Einige ahnen es immerhin, nach vielen Jahren des Schreibens. Alle Literatur dient diesem Zweck, meist ohne Wissen des Schriftstellers. Ein Liebesroman, voller Kitsch, entsetzlich in der Wortwahl, schenkt seinem meist aus älteren Frauen bestehenden Publikum die Illusion, im Leben etwas für die Ewigkeit geleistet zu haben, irgendwo dort drüben eine Belohnung erwarten zu dürfen. Wenn dann hier das Leiden zunimmt, wächst die Freude auf das Jenseits. Die großen Romane der größten Schriftsteller – alle haben das gleiche Ziel, für unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. Auch diejenigen, die sogenannte Gebrauchsliteratur schreiben, tun das Gleiche, nur eben für andere Leser. Ob nun durch Ausmalen des Grauens, das passieren kann oder durch Erhebung des Jenseitigen oder durch Aufwertung des eigenen Leserlebens: Die Angst vor dem Tod mindern, das ist der wahre Zweck der Literatur. Und der Künste überhaupt.«
Bernd begann, zu begreifen, was sie meinte: Die Engel des Todes, die Herbeiführer des Lebensendes versuchten, ihrer Arbeit den Schrecken zu nehmen, und sei es, indem Autoren wie er Unheil in blutroten Lettern vor die Augen der Leser malten. Aber er verstand immer noch nicht ganz, wer oder was Jessika war.
Sie beantwortete die unausgesprochene Frage, während sie sich auf ihn legte. Ihre Lippen nah an seinem Ohr murmelte sie zärtlich: »Du liebst mich, Bernd, sogar jetzt, wo du Angst hast. Dabei brauchst du keine Angst zu haben. Du wirst sterben, heute oder später, Menschen sind nun einmal sterblich. Alles ist sterblich, was auf dieser Welt, die euch so viel bedeutet, existiert. Und wir Musen, unsere eigentliche Aufgabe ist es seit jeher, das Gleichgewicht zwischen Tod und Leben zu wahren. Wir sind nicht nur zur Inspiration der Künste hier, sondern auch zur Ausführung des Lebensendes. Ich war immer gnädig dabei, ich habe immer versucht, die Menschen, deren Zeit gekommen war, in einem Augenblick des Glücks über die Schwelle zu führen.«
»Auch den kleinen Jungen im Sandkasten?«
»Ja, er war glücklich. Uneingeschränkt glücklich. In wenigen Monaten hätte man ein Nephroblastom diagnostiziert.«
»Der Busfahrer und seine Passagiere?«
»Der Busfahrer erlebte gerade, wie ein Traum wahr wurde. Die Passagiere haben nichts kommen sehen, daher hatten sie zumindest keine Angst. Und Schmerzen sowieso nicht.«
»Familie Aksu?«
»Das Unglück mit dem Fahrstuhl hat sie davor bewahrt, beim geplanten Urlaub in der Heimat von radikalen Islamisten verschleppt zu werden.«
»Und der Handelsvertreter? Hast du ihm wirklich bei lebendigem Leib Organe aus der Bauchhöhle geschnitten?«
Ihr Gesicht wurde eine Spur härter, aber ihre Augen sahen weiter voller Liebe und Zärtlichkeit in seine.
»Ja, und das war eine der Ausnahmen. Ich war nicht gnädig. Im Gegenteil. Dieser Mann hatte drei Kinder auf dem Gewissen, deren Zeit noch nicht gekommen war. Er hat die kleinen Mädchen, das jüngste war sieben Jahre alt, das älteste zwölf, vergewaltigt und dann erdrosselt. Ich wollte, dass er leidet. Er hat gelitten.«
Bernd kam nicht umhin, der Logik zu folgen. Jessika war zwar offensichtlich eine Wahnsinnige, aber ihr Irrsin folgte einer inneren Ordnung. Er brauche nicht sterben, hatte sie gesagt. Vielleicht sollte er ihr Spiel mitspielen?
»Und was sollte meine zukünftige Rolle sein?«, fragte Bernd.
»Nichts anderes als bisher. Schreiben, was die Leute lesen müssen, damit sie glauben, dass ihr eigener Tod im Vergleich zu deinen Geschichten geradezu eine Wohltat ist. Das ist alles. Es liegt nur an dir, Bernd, ob deine Erdenzeit weiterläuft oder nicht.«
Er schwieg eine Weile und genoss die langsamen, wohltuenden Bewegungen ihres Körpers. Er dachte darüber nach, ob die Polizei eines Wesens wie Jessika überhaupt habhaft werden konnte. Er überlegte, ob ihr Tun wirklich verwerflich war, denn sterben mussten alle Menschen, da hatte sie recht gehabt. Und er liebte sie, nach wie vor, mehr als er jemals glaubte, lieben zu können.
»Ich liebe dich auch, Bernd. Ich möchte, dass du alt wirst, sehr alt, und dass du glücklich bist bis zum Ende.«
»Bleibst du bei mir? Schreiben wir zusammen weiter vom Tod, vom Schrecken, vom Grauen? Machen wir weiter den Lesern Angst, damit sie die Angst vor dem eigenen Tod vergessen?«
»Ja, Bernd. Ich bin Jessika. Du hast mich nicht erfunden, aber du hast mir diese Gestalt gegeben. Ich bin – in dieser Form, die du so liebst – aus deinem Schreiben, deinem Träumen entstanden. Ich bin für dich geschaffen wie du für mich geschaffen bist.«
»Okay. Ich kann damit leben, Jessika.«
Sie bewegte sich etwas stärker, schneller, als sie spürte, dass sein Orgasmus kurz bevor stand. Im Augenblick der höchsten Lust, schnitt sie ihm mit einer gekonnten und raschen Bewegung die Kehle durch, tief und tödlich, er litt nicht, er begriff nicht einmal mehr, was geschah.
»Du hast es verdient, so glücklich zu sterben.« flüsterte sie und strich ihm liebevoll über die Wangen. »Ich werde noch lange an dich denken.«

Jessika schlenderte über den Kurfürstendamm. Sie dachte an Bernd. Er war ihr schwerster Fall gewesen, denn sie hatte zum ersten Mal erlebt, was wahre Liebe sein konnte. Sie lächelte wehmütig.
»Vielleicht bist du nicht tot, Bernd. Vielleicht denkt sich jemand uns beide aus und holt uns irgendwann wieder hervor für ein neues Leben.«
Ihr Gesicht wurde drohend und hart. Sie blickte mich finster an. »Und wage es ja nicht, nur Bernd zurückzuholen! Wage es nicht!«
Ich speicherte am Freitag, dem 23. April, das letzte Kapitel der Geschichte und stellte die Publizierung im Blog auf Montag, 26. April, 01:01 Uhr ein. Ich las noch einmal die ersten Teile, dann den Schluss. Das bestärkte mich in meinem Beschluss, den Namen Jessika aus meinem Wortschatz zu streichen. Sie hatte mir Angst gemacht, echte Angst. Sie hatte mich fasziniert. Elvis fiel mir ein: You look like an angel, talk like an angel … but I got wise: You’re the devil in disguise.
Die Geschichte hatte sich selbst geschrieben, fast ohne mein Zutun, gelenkt auch von den Leserabstimmungen, aber auf jeden Fall ohne Mühe. Jetzt hatte ich jedoch die Nase voll von Jessika und ihrem Treiben. Und von Bernd, den die Leser zwar knapp, aber immerhin mehrheitlich tot sehen wollten. Mir war es recht.
Am Samstag fand ich eine Postkarte im Briefkasten. Eine sonnendurchflutete italienische Landschaft auf der einen Seite, auf der anderen meine Adresse in sauberen, wohlgeformten Buchstaben. Eine schöne Schrift, sehr angenehm für das Auge, weiblich, formvollendet. Der Poststempel war aus Parma – wir dachten gerade über einen Sommerurlaub dort nach. Eine Absenderadresse gab es nicht.
Neben meine Anschrift war nur ein rotes Herz gemalt; unter dem Herz standen drei Worte: Liebe Grüße, Jessika

— — —

Eine Nachbemerkung: Dieser Text wird Ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt, er darf für private Zwecke kopiert und weitergegeben werden, solange keine Änderungen vorgenommen werden, kein Geld beziehungsweise keine Leistung für das Lesen verlangt wird sowie Autor und Quelle angegeben werden.

Jegliche Verwendung zu kommerziellen Zwecken – im Internet oder in Printmedien –  bedarf der vorherigen Vereinbarung mit dem Autor.

Copyright © 2010 Günter J. Matthia, Soester Str. 21-23, 12207 Berlin, Germany

Bookmark and Share

Die Entblößung

@ Experiment

Hier klicken zum Download Die Entblößung als E-Book (für Kindle, Sony und andere Lesegeräte, auch als PDF)

Diese Geschichte ist als Experiment im Oktober und November 2009 entstanden. Meine Idee: Ich fange eine Erzählung an und überlasse dann bezüglich eines entscheidenden Details den Lesern die Entscheidung, wie es weitergehen soll. Ob das überhaupt funktionieren würde, wusste ich genauso wenig wie den Inhalt der Geschichte. Alles, was ich hatte, war der Gedanke, dass sich jemand mit einem Foto konfrontiert sieht, auf dem er zunehmend entblößt wird.

Nun ist der Gedanke eines sich verändernden Bildes nichts Neues, Stephen King beispielsweise hat ihn auf seine Art in The Road Virus Heading North (oder war es South?) anhand eines Gemäldes ausgemalt.

Ich hatte, wie gesagt, keine Ahnung, was aus der Idee werden würde, und beim Schreiben war ich gelegentlich überrascht, wie leicht sich auch eine problematische Leserentscheidung umsetzen ließ. Die Abstimmungsergebnisse sind in dieser nun leicht überarbeiteten Version jeweils zwischen den einzelnen Teilen zu finden.

Ich wünsche angenehme Unterhaltung bei der Lektüre.

@ 1

Der E-Mail-Posteingang war so unübersichtlich wie meist nach einem Wochenende ohne Aufruf der iGoogle-Seite. Beim Löschen der unerwünschten Nachrichten hätte Stephan Haberling beinahe die E-Mail ungelesen gelöscht, die in den nächsten Tagen für eine ganz und gar unerwartete Wendung in seinem Leben sorgen sollte. Natürlich konnte er das nicht wissen, der Betreff ließ auch nicht auf persönlichen oder wichtigen Inhalt schließen, deutete eher auf Spam hin. »Ist das dein Bild auf dieser Seite?« stand da. Eigentlich ein typischer Lockvogel-Betreff. Der Absender namens alter.ego@… ließ ebenfalls kein persönliches Schreiben, sondern irgendwelchen Müll erwarten.

Was wäre geschehen, wenn er diese E-Mail nicht geöffnet hätte? Diese Frage stellte sich Stephan Haberling in den nächsten Tagen wohl häufiger als irgendeine andere. Wäre nichts geschehen? Hätte die Entblößung nicht stattgefunden? Oder hätte er nur nichts davon gewusst?

Solche Fragen sind bekanntlich müßig, denn sie ändern nichts daran, dass etwas getan wurde, dass ein Umstand eingetreten ist. So auch in diesem Fall – er hatte die E-Mail geöffnet und gelesen. Eine Möglichkeit des Entlesens existiert nun einmal nicht. Und das Vergessen, das ahnte er bald, würde so leicht nicht fallen.

»Lieber Stephan, mir scheint, dass dieses Foto dich zeigt«, las er, »aber ich bin mir nicht ganz sicher. Und wie kommt es ins Internet? Wer hat es aufgenommen, wo und wann? Wirf doch mal einen Blick darauf, vielleicht ist es für dich ja interessant? Es grüßt herzlich: alter.ego«.

Es folgte ein Link, und den einfach zu klicken, hütete sich Stephan Haberling. Auf solche simplen Tricks der Virenschleudern fiel er nicht herein. Zunächst schaute er sich den Seitenquelltext an, ob hinter der angezeigten Adresse womöglich eine Umleitung versteckt sei. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Verknüpfung führte direkt zu einem öffentlichen Fotoalbum auf Picasaweb, in dem es nur ein einziges Bild zu sehen gab.

Es zeigte, ein Zweifel schien kaum angebracht, tatsächlich ihn selbst. Allerdings war er ratlos, von wem, wann und wo es aufgenommen sein mochte. Auch der Titel der Galerie machte ihn stutzig: »Die Entblößung« stand da. Die Galerie gehörte einem gewissen alter.ego – also mit großer Wahrscheinlichkeit dem Absender der E-Mail.

Die abgebildete Person – Stephan Haberling selbst, soweit er es zu beurteilen vermochte – stand in einem ihm unbekannten Raum und reckte sich in die Höhe, um einen Halogenstrahler zu erreichen. Bekleidet war er mit Sandalen, Jeans und Freizeithemd, die durchaus zu seiner Garderobe gehören mochten. Bei den Jeans war er unsicher, denn die sahen ja alle ähnlich aus, aber das Hemd erkannte er mit ziemlicher Sicherheit. Natürlich war es keine Sonderanfertigung vom persönlichen Schneider nur für ihn, sondern Kaufhausware, aber immerhin hatte er ein solches Kleidungsstück im Schrank und trug es auch recht gerne.

Sein Gesicht war auf dem Bild nach oben gerichtet, das Foto war im Halbprofil aufgenommen, aber es schien keine Verwechslung möglich: Da war er selbst zu sehen, wo und wann und warum auch immer.

Stephan Haberling grübelte, während er das Bild betrachtete. Er suchte in seinen Erinnerungen, aber er wurde nicht fündig. Weder erkannte er den Raum, noch hätte er sagen können, wann er sich jemals nach einem Halogenstrahler ausgestreckt hätte und dabei fotografiert worden wäre. Vielleicht war es doch nur ein Fall von verblüffender Ähnlichkeit?

Und wer war eigentlich dieser Mailabsender? Das musste sich ja wohl klären lassen. Ein Klick zurück zum E-Mail-Posteingang und dann ein Klick auf Antworten öffnete das Formular. »Wer sind Sie oder wer bist du?«, tippte er. »Kennen wir uns?« Dann klickte er auf Senden und widmete sich anderen Nachrichten.

Am nächsten Tag war eine Antwort eingetroffen, die jedoch keine Antwort auf seine Frage beinhaltete. Statt dessen las er: »Das zweite Foto ist da.«

Die Galerie zeigte tatsächlich ein weiteres Bild. Eigentlich war es das gleiche Foto, auf den ersten Blick jedenfalls. Jedoch fehlten die Sandalen, er – oder der ihm verblüffend ähnliche Unbekannte – stand nun barfuss an der gleichen Stelle, in der gleichen Haltung. Bis auf die nun bloßen Füße war auch bei genauer Betrachtung kein Unterschied erkennbar. Erneut durchforstete Stephan Haberling seine Erinnerung, aber weder der Raum noch eine auch nur annähernd ähnliche Situation kam ihm in den Sinn.

Er antwortete nicht auf die Mail.

Das dritte Foto, das sich am folgenden Morgen zu den anderen beiden gesellt hatte, ließ ihn bereits ahnen, dass der Titel der Galerie von jenem mysteriösen alter.ego mit Bedacht gewählt worden war. Nun war auch das Hemd verschwunden. Jeans und T-Shirt trug er – oder der Unbekannte mit der verblüffenden Ähnlichkeit – noch, keine Sandalen, kein Hemd. Das T-Shirt war, genau wie Jeans und verschwundenes Hemd, kein Einzelstück, er vermochte nicht zu sagen, ob es ihm gehörte oder nicht. Weiße T-Shirts gab es so häufig wie triefende Nasen im November, und selbstverständlich besaß Stephan Haberling mehrere derartige Kleidungsstücke. Er trug sie gerne unter Oberhemden oder Pullovern, wie so viele andere Männer verabscheute er die Feinripp-Unterhemden, die zu seiner großen Verwunderung nach wie vor verkauft wurden. An wen auch immer, jedenfalls nicht an ihn.

Keine E-Mail diesmal, vermutlich ging alter.ego mittlerweile davon aus, dass er schon aus Neugier Picasaweb einen täglichen Besuch abstatten würde. Zu recht.

Wie würde die Entblößung weitergehen, was als nächstes offenbaren? Stephan Haberling vermutete, dass am nächsten Tag das T-Shirt verschwinden würde, aber natürlich konnte er nicht sicher sein. Erst die Sandalen, dann das Oberhemd. Wenn er selbst sich auszöge, und nicht ein Unbekannter ihn – falls man das überhaupt so sagen konnte in diesem Fall – hätte er zunächst das Oberhemd, dann das T-Shirt abgelegt, anschließend dann die Sandalen, falls er auch aus der Hose zu schlüpfen gedachte.

clip_image002Ihm fiel Natalie ein, seit der Kindheit hatte er nicht mehr an sie gedacht. Sie war in seinem Alter, Tochter der Nachbarn und häufige Spielkameradin, seit die beiden eingeschult worden waren. Im Sommer kam sie oft mit zum Baden, da ihre alleinerziehende Mutter kaum die Zeit fand, mit Natalie an einen See oder ins Freibad zu gehen. Schon beim ersten Ausflug an den nahegelegenen See war Stephan aufgefallen, dass Natalie sich »verkehrt herum« auszog. Sie entledigte sich zuerst der Schuhe, dann der Hose und des Schlüpfers, bevor sie sich daran machte, den Oberkörper von den Textilien zu befreien. Badebekleidung war damals aus finanziellen Gründen weder in Stephans Familie noch bei Natalie vorhanden, also ging man, wenn der Ausflug zum Schwimmen diente, an eine der FKK-Badestellen. Stephan zog sich von oben nach unten aus, wie alle anderen, die er kannte. Wenn es einige Stunden später wieder nach Hause gehen sollte, schlüpfte er zuerst in die Unterwäsche und Hose, während Natalie die umgekehrte Reihenfolge ihres Entkleidens wählte. Zuerst griff sie zu Hemd und Bluse, dann erst wurde ihre untere Körperhälfte mit Textilien bedeckt.

Warum ihm nun diese Erinnerung an Kindheitstage einfiel, konnte Stephan nicht sagen, abgesehen von dem Umstand, dass die ersten drei Bilder in der Galerie nicht seiner gewohnten Reihenfolge entsprachen, Kleidungsstücke abzulegen.

Am Morgen des vierten Tages, noch im Bett, überlegte Stephan Haberling, was alter.ego eigentlich bezwecken wollte. Es gab keinen Hinweis darauf, ob die Galerie irgend einen Sinn hatte außer dem, eine Entblößung – höchstwahrscheinlich seine Entblößung – vorzuführen. Sicher war er sich immer noch nicht, ob die Bilder wirklich ihn zeigten. Er war nie in dem Raum gewesen, der auf den Bildern zu sehen war, und schon gar nicht mit jemandem, der ihn unter einem Halogenstrahler fotografiert hätte. Noch dazu mehrmals, beim Ablegen eines Kleidungsstückes nach dem anderen…

Da die Bilder keine wesentlich jüngere Person zeigten, hätte eine Erinnerung da sein müssen, wenn die Aufnahmen tatsächlich stattgefunden hätten.

Wenn nicht – was dann? Spielte ihm hier jemand einen Streich? Wozu? Einfach nur so? Oder doch mit einem Hintergedanken, einem Ziel? Mit Photoshop, oder wie konnte das technisch vonstatten gehen? Diesbezüglich war er wenig bewandert.

Stephan Haberling stand ohne Ergebnis seiner Grübeleien auf und schaltete den Computer ein.

Eine neue E-Mail von alter.ego lag im Posteingang bereit.

clip_image004@ Abstimmung

Die Frage war schlicht, das Ergebnis eindeutig. Die geschätzen Leser wollten Stephan Haberling seines Beinkleides beraubt sehen.

Also schrieb ich die Fortsetzung wie gewünscht.

@ 2

Er öffnete die Mail und las: »Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«

Das vierte Foto in der Galerie zeigte wie erwartet die gleiche Szene und ein Kleidungsstück weniger. Stephan Haberling betrachtete es gründlich, um vielleicht doch endlich Sicherheit zu bekommen, ob er selbst oder ein verblüffend ähnlicher Mensch abgebildet war. Verschwunden war – eigentlich hatte er bereits erwartet, dass die »falsche« Reihenfolge sich fortsetzen würde – die Jeans, und nun stand die Person in T-Shirt und Slip unter dem Halogenstrahler. Die Auflösung der Aufnahme war groß genug, um in das Bild hinein zu zoomen, und als er das linke Knie genauer betrachtete, wusste er, dass – wie auch immer die nie aufgenommenen Bilder ins Internet gelangen mochten – er selbst abgebildet war.

Die Narbe war zwar kaum noch zu sehen, aber zweifellos da. Verblüffende Ähnlichkeit zwischen zwei Menschen mochte es geben, aber Narben sind so einzigartig wie Fingerabdrücke.

Er war als 13jähriger bei einem Wettlauf anlässlich der Bundesjugendspiele ins Straucheln geraten und gestürzt. Hautabschürfungen an beiden Armen waren die Folge, aber das war nur der geringste Schaden, über so etwas hätte er als richtiger Junge keine Bemerkung verloren. Ein Indianer, das war so klar wie Quellwasser im Glas, kannte keinen Schmerz. Zwar war er kein Indianer, aber wen interessierten schon solche Kleinigkeiten, wenn es darum ging, ein Junge zu sein? Mädchen durften weinen, Jungs waren hart im Nehmen. Basta.

Er hatte noch versucht, von der Rennbahn auf das Gras neben dem rauen Splitbelag zu fallen, hatte sich im Sturz zur Seite geworfen. Zwischen Rennbahn und Gras gab es jedoch eine Einfassung aus scharfkantigen Pflastersteinen, und sein linkes Knie prallte mit voller Wucht auf deren Rand. Nach dem Unfall wurde der Sportplatz gesperrt und die hochragenden Rennbahnbegrenzungen mit den scharfen Kanten entfernt, aber davon profitierte Stephan Haberling nicht mehr.

Zunächst spürte er nichts. Er lag etwas benommen halb auf der Wiese, halb auf dem Split und sah reichlich Blut aus der klaffenden Wunde rinnen. Schüler und Sportlehrer standen um ihn herum und redeten, aber was sie sagten, drang nicht durch. Er war im mentalen Nebel gut aufgehoben, wie ein Beobachter, ein Unbeteiligter. Erst als man ihn auf eine Trage bettete und in den Notarztwagen schob, setzte der Schmerz ein. Der war schlimmer als alles, was er bis dahin gekannt hatte. Indianer hin oder her – die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Und es war ihm in diesem Moment noch nicht einmal peinlich.

Zwei Monate später waren die Kniescheibe repariert, die Schmerzen Vergangenheit und das Knie wieder einigermaßen zu gebrauchen. Es dauerte noch einige Zeit, bis er die frühere Beweglichkeit und Belastbarkeit erreichte, und die Narbe war bis heute sichtbar. Das jüngste Foto in der Galerie zeigte sie mit ausreichender Deutlichkeit.

Der ominöse alter.ego hatte also ihn selbst aufs Korn genommen. Wenn es so weiter ging, dann würde er sich in spätestens zwei Tagen nackt betrachten können. Das war nicht weiter bedenklich, denn wie er ohne Textilien aussah, wusste er; er brauchte nur vor oder nach dem Duschen in den Spiegel schauen, falls er im Zweifel sein sollte, ob sein Bauch eine Wölbung zeigte, die er in jungen Jahren nicht gekannt hatte. Er war nicht dick, nein, das wäre bestimmt übertrieben ausgedrückt, aber kritisch betrachtet konnte auch nicht die Rede davon sein, dass er einen Waschbrettbauch besaß.

Seine Entblößung war auch insofern unproblematisch, dass er gerne in die Sauna ging oder nach wie vor, obwohl die Anschaffung von Badebekleidung keine finanzielle Hürde mehr darstellte, ohne Bedenken mal einen FKK-Strand aufsuchte. Wenn bei solchen Gelegenheiten ein fremder Blick auf sonst verhüllte Körperregionen fallen sollte, lag das in der Natur der Sache. In der Sauna und am Strand gab es zweifellos unansehnlichere Erscheinungsformen der menschlichen Gestalt als seine. Allerdings auch ansehnlichere, da machte er sich nichts vor.

Aber eine Entblößung im Internet, in einer öffentlich zugänglichen Galerie, das war dann doch etwas anderes, als nackt unter Nackten zu entspannen. Zumal er nicht wusste, was alter.ego eigentlich plante. Am männlichen Körper ist ein Bestandteil in Größe und Winkel sehr veränderlich, und aus einem mehr oder weniger geschmackvollen Aktfoto kann allein dadurch etwas Anstößiges werden, dass die Veränderung ersichtlich ist. The Excitement hatte Frank McCourt den Zustand in einem Roman genannt, und ein männlicher Körper einschließlich sichtbarem Excitement gehörte eindeutig nicht mehr in die Rubrik Aktfoto.

»Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«, hatte der ominöse Urheber des ganzen Schlamassels geschrieben. Allerdings wusste Stephan Haberling beim besten Willen nicht, wie. Er konnte natürlich zur Polizei gehen und den Fall schildern, die E-Mails vorlegen, auf die Galerie verweisen und dann hoffen, dass dem Spuk ein Ende zu bereiten wäre. Er konnte auch Picasaweb kontaktieren und darum ersuchen, die Galerie zu entfernen. Vielleicht wäre das die einfachere Variante? Wie schnell waren wohl die Reaktionszeiten der Verantwortlichen?

Zunächst einmal antwortete er auf die E-Mail: »Wie könnte man das denn aufhalten?« Er schickte die Antwort ab und ging duschen.

Warum, darüber dachte er nicht nach, aber Stephan Haberling wählte entgegen seiner Gewohnheit die »verkehrte« Reihenfolge. Zuerst schlüpfte er aus der Pyjamahose, dann aus dem Oberteil.

Nach der Dusche zog er sich so an, wie seinerzeit die kleine Natalie. Zuerst das T-Shirt, dann das Oberhemd und darüber, da die Oktobertage schon recht kühl waren, einen leichten Pullover. Er schaute sich beim Anziehen im Spiegel zu und musste grinsen, als sich The Excitement einstellte. Das kommt davon, wenn man sich verkehrt herum anzieht, dachte er und schlüpfte belustigt über das Eigenleben unter der Gürtellinie in die übrigen Kleidungsstücke.

Schließlich ging er in die Küche, zapfte einen Kaffee Latte aus der Maschine und setzte sich wieder an den Computer, um das Bild des vierten Tages noch einmal genauer zu untersuchen.

clip_image006Dass er selbst abgebildet war, wusste er nun, denn die Narbe war unverwechselbar. Demnach gehörten auch die inzwischen verschwundenen und die noch verbliebenen Kleidungsstücke zu seiner Garderobe. Das T-Shirt war Massenware, und auch der Slip keineswegs ein Einzelstück. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, ihn in einer Wäscheschublade zu finden, hierzulande eher gering. Stephan Haberling hatte sich im Vorjahr bei einer Amerika-Rundreise Wäsche gekauft, weil er zu wenig mitgebracht hatte. Wozu auch den Koffer auf dem Hinflug unnötig füllen, wenn der Dollarkurs so günstig und Bekleidung in Amerika sowieso erschwinglich war. So war er in den Besitz von mehreren Jockey-Briefs gekommen, das vierte Foto aus der mysteriösen Sammlung von alter.ego zeigte ein solches Exemplar mit dem in Europa eher seltenen Schnitt.

Er hatte sich im Wal-Mart bei der Größenangabe auf der Packung vertan und eine Nummer zu groß gekauft, aber er trug die Wäsche trotzdem, sie war zwar weiter als gewohnt und gewünscht, aber nicht so weit, dass sie ihm von den Hüften gerutscht wäre.

Seine Gedanken kreisten wieder um die mögliche Anstößigkeit dessen, was alter.ego da am nächsten oder übernächsten Tag zu enthüllen gedachte. Offenbarte dieses Foto bereits, wie es um den Zustand »da unten« bestellt war? Womöglich spielte das auch keine Rolle, denn so undenkbar die Herkunft der Bilder war, so unabwägbar war natürlich die Frage, inwieweit der abgebildete Körper statisch sein mochte. Aber na ja, nachsehen konnte er ruhig mal. Er zoomte wieder in das Bild hinein.

Die nächsten Stunden widmete sich Stephan Haberling seiner Arbeit, die konnte er schließlich nicht einfach liegen lassen. Er war freier Journalist und Autor, zwei Redaktionen erwarteten bis zum Nachmittag Artikel von ihm. Zunächst wollte er sich der schwierigeren Aufgabe widmen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte eine Analyse dessen angefordert, was Sarrazin wirklich gesagt hatte und in welchem Zusammenhang die gerade heiß diskutierten Zitate standen. Die Ausgabe der »Lettre International« lag neben dem Computer und Stephan Haberling las in Ruhe mit der gebotenen Sorgfalt durch, was es mit den vielen kleinen Kopftuchmädchen auf sich hatte. Mit Textmarker und Bleistift bereitete er seine Analyse vor.

Dabei schaute er gelegentlich in den Posteingang seines Googlemail-Kontos und um 11:45 sah er, dass alter.ego eine Antwort – womöglich immerhin – geschickt hatte. Wahrscheinlich war es auch nur eine weitere Botschaft, die ihm nicht weiterhalf. Vielleicht jedoch verriet die E-Mail, wie aufzuhalten war, was Stephan Haberling hier widerfuhr?

@ Abstimmung

clip_image008In diesem Fall waren die Leser zu gleichen Teilen der Meinung, die E-Mail würde Aufschluss geben beziehungsweise sie würde nichts verraten.

Angesichts des Unentschieden blieb mir die freie Wahl, und ich beschloss, dass es zwar einen Hinweis geben, dass dieser aber so unklar wie möglich ausfallen sollte.

@ 3

»Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu«, las er. Nun ja. Wie erwartet nicht wirklich hilfreich, was alter.ego da schrieb. Aber immerhin ein kleiner Hinweis, dass der ominöse Tunichtgut meinte, einen Anlass für die Entblößung zu haben.

Stephan Haberling überlegte, was er wohl wem wann angetan haben mochte, um diese seltsame Galerie auszulösen. Ihm fiel nichts ein, so sehr er auch grübelte. Seine journalistischen Aktivitäten waren seriös, er schrieb nicht für niveaulose Blätter wie die BILD-Zeitung oder die Regenbogenpresse. Er bemühte sich bei seiner Arbeit stets um Objektivität, selbst wenn er – auch das war nun mal Aufgabe eines Journalisten – einen Missstand aufzudecken, Machenschaften beim Namen zu nennen oder kriminelles Tun zu beschreiben hatte, unterschied er nach bestem Wissen und Gewissen zwischen zu verurteilendem Handeln und Herabwürdigung einer Person. Und manches, was einschlägige Blätter und Sender für berichtenswert hielten, war für ihn einfach keine Nachricht. Ob Veronica Ferres in Rom geheiratet oder Stephen Gatley vor seinem Tod einen Schwulenclub besucht hatte – das gehörte nicht zu dem, was in der Öffentlichkeit breitgetreten werden musste. Natürlich passierte genau das trotzdem, und die Auflage mancher Publikation hing genauso von derartigem Voyeurismus ab wie die Einschaltquoten gewisser Sender. Es gab einen Markt für derartige Inhalte, aber Stephan Haberling weigerte sich, diesen zu bedienen.

Er war sich keines einzigen Falles bewusst, wo er jemanden auf eine Weise öffentlich bloßgestellt hätte, die alter.ego nun zur sonderbaren Entblößung seiner Person hätte veranlassen können.

Auch seine Geschichten und Romane kamen nicht in Betracht, denn darin traten ausschließlich fiktive Personen auf.

Also blieb nur das wirkliche Leben, falls es überhaupt wirklich einen Anlass geben sollte. Stephan Haberling grübelte, ohne Erfolg. Es gab keine Episode in seiner Biographie, bei der er jemanden buchstäblich oder metaphorisch entblößt hätte. Er lebte ohne Ausschweifungen und Skandale, hatte keine Affären, stellte niemanden bloß, nur sich selbst gelegentlich, in der Sauna oder am geeigneten Strand. Das konnte alter.ego ja nicht meinen?

Einstweilen gab Stephan Haberling das Grübeln auf, um den zweiten Auftrag zu erledigen, der heute noch fällig war. Er hatte eine Routineaufgabe für die Redaktion der Deutschen Presseagentur zu erledigen: Den Nachruf für Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, allgemein bekannter als Loriot, aktualisieren. Für Prominente, die ein gewisses Lebensalter erreicht hatten, wurden Nekrologe bereit gehalten, damit im Fall des Falles nicht erst recherchiert werden musste, und Loriot gehörte seit einigen Jahren zu denjenigen, deren Lebensdaten im Archiv vorgehalten wurden. Insgesamt war Stephan Haberling für 40 Nachrufe, allesamt Personen aus dem kulturellen Bereich, verantwortlich. Er überprüfte und ergänzte an jedem Arbeitstag einen, so dass er ungefähr alle zwei Monate jedem einzelnen potentiell demnächst Verstorbenen gedanklich begegnete.

In den letzten Jahren war bei Loriot nicht viel dazu gekommen, am 8. Juni 2009 hatte die Stiftung Deutsches Kabarett den Künstler mit einem Stern der Satire bedacht, davor hatte es sie Verleihung des Ehrenpreises der Deutschen Filmakademie gegeben. Im September war eine Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte eröffnet worden, aber das war für den Nachruf unerheblich, zumal sie vorher in Berlin zu sehen gewesen war. Die beiden Ehrungen waren schon vermerkt.

Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow war nun 86 Jahre alt und Stephan Haberling gönnte ihm noch viele Jahre des wohlverdienten Ruhestandes. Loriot gehörte zu denjenigen, deren Filme und Sketche ihn auch beim x-ten Mal nicht langweilten. Für den Geschmack seiner Schaffensperiode war er gelegentlich etwas risqué gewesen, von den entblößten Busen der vermeintlichen Mainzelmännchen (die ja wohl dem Oberkörper zufolge eher Mainzelmädchen waren) bis zu den Herren im Bad, die sich gelegentlich aus der Badewanne erhoben, wobei auch die etwas klein geratene Männlichkeit nicht verborgen blieb. Da war auch die Dame im Spielzeuggeschäft, die versonnen einen Holzstab in einem Bauklötzchen mit passendem Loch hin und her bewegte, oder die alkoholgeschwängerte Feststellung: »Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.« Nicht zu vergessen die Frage »Und wann wird er steif?« im Sketch mit der hochmodernen Feuerwehrspritze…

Solche Dinge waren natürlich verglichen mit dem, was heute im Kino und Fernsehen oder im Internet zu sehen war, harmlos. Wie harmlos mochte, überlegte Stephan Haberling, wohl seine Entblößung im Internet ausfallen, die ja kaum noch aufzuhalten schien? Er blickte auf seine Armbanduhr. 12:30 Uhr, somit konnte er sich ein Bier genehmigen, ohne sein selbst auferlegtes Gesetz zu brechen: Kein Alkohol vor 12 Uhr Mittags. Vielleicht sollte er auch einen Happen essen?

Ein Blick in den Kühlschrank überzeugte Stephan Haberling davon, dass der Besuch im Supermarkt nicht mehr aufzuschieben war. Der kümmerliche Rest Butter und eine einzige Scheibe Maasdamer ließen keine magenfüllende Mahlzeit erwarten, im Gefrierfach wartete eine einsame Pizza Tonno auf ihren Verzehr, mehr Vorräte gab es nicht.

clip_image010Er wusste selten, was er an Lebensmitteln einkaufen wollte, deshalb ging er so ungern zu Reichelt oder Rewe. Die endlosen Regale mit den verwirrend vielen Angeboten irritierten ihn jedes Mal, und in der Regel kam er Woche für Woche mit der gleichen Ausbeute zurück. Maasdamer und Kochschinken, Butter, Krustenbrot und Ölsardinen, Bier aus der Brauerei Krušovice oder Staropramen, zur Abwechslung auch mal Breznak. Dazu irgend etwas aus der Tiefkühlabteilung, meist Pizza. Langweilig, zugegeben, aber dafür war er sicher, dass ihm seine Mahlzeiten schmecken würden.

Er verließ die Wohnung und begegnete im Treppenhaus seinem Nachbarn Detlef Fischer. Genau der Mann, der ihm vielleicht bei seinem Entblößungsproblem helfen konnte. Warum war er nicht früher darauf gekommen? Detlef Fischer war Kriminalpolizist im Ruhestand, ein liebenswerter, gebildeter und immer freundlicher Mensch, dem Stephan Haberling schon bei einigen Computerproblemen hatte helfen können.

Der Einkauf war einstweilen vergessen.

»Guten Tag Herr Fischer, haben Sie einen Moment Zeit?«

»Gerne, kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Das hoffe ich. Würden Sie so freundlich sein, in mein Arbeitszimmer zu kommen? Ich muss ihnen etwas zeigen, das nur so zu erklären, wäre zu schwierig. Und außerdem auch gar nicht logisch. Weil das, was da vor sich geht, gar nicht geht.«

»Da bin ich aber gespannt!«

Die beiden setzten sich an den PC und Stephan Haberling zeigte seinem Nachbarn die E-Mails und die Galerie mit den Bildern der fortschreitenden Entblößung. Er erklärte, dass er keine Ahnung hatte, wer alter.ego sein mochte und worauf er eigentlich hinaus wollte. Dann fragte er: »Und was mache ich nun?«

Detlef Fischer runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. »Viel können Sie da nicht tun. Soweit ich es beurteilen kann, liegt keine strafbare Handlung vor.«

»Jemand zieht mich im Internet aus, und das ist nicht strafbar?«

»Darüber könnten die Juristen sich vermutlich jahrelang streiten. Die Fakten sehen für mich als Polizist so aus: Sie sind als Journalist und vor allem als Autor eine Person öffentlichen Interesses. Daher ist es zulässig, Fotos von Ihnen aufzunehmen und diese auch öffentlich zugänglich zu machen, ohne dass Sie vorher zustimmen müssen. Die Bilder zeigen einen Mann, der ein Kleidungsstück nach dem anderen – äh – ablegt wäre ja falsch, also verliert. Bisher ist nichts zu sehen, was als anstößig gelten könnte, Männer in Unterhose und T-Shirt sind kein Grund, sich zu entrüsten. Vorausgesetzt es geht so weiter, werden Sie übermorgen im Adamskostüm zu sehen sein. Dann – aber auch erst dann – könnte die Schwelle des Zulässigen überschritten sein, weil Ihre Intimsphäre verletzt ist. Voraussetzung ist, dass die Aufnahmen nicht an einem öffentlichen Ort gemacht wurden, zum Beispiel am FKK-Strand. Das ist ja ersichtlich nicht der Fall. Also sind es private Bilder. Wenn die in der Wohnung des Menschen entstanden sind, der sie nun veröffentlicht, und Sie nicht widersprochen haben, ist dagegen auch erst mal nichts zu unternehmen. Wenn die Aufnahmen aus Ihrem Wohnzimmer stammen würden, wäre das eventuell anders, es sei denn, Sie hätten zugestimmt.«

»Habe ich nicht. Und die Bilder sind auch überhaupt nicht echt. Ich kenne weder den Raum, noch habe ich mich jemals auf diese Weise fotografieren lassen.«

»Aber die Narbe am Knie ist Ihre?«

»Ja.«

»Und die Kleidungsstücke?«

»Ich besitze das, was hier zu sehen ist, wenngleich es keine Einzelstücke sind.«

»Haben Sie nachgeschaut, ob vielleicht gerade dieses Freizeithemd oder diese Unterhose in ihrem Kleiderschrank fehlen?«

Darauf war Stephan Haberling nicht gekommen. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Das gestreifte Hemd hing auf einem Bügel, die drei Jockey-Briefs lagen vollzählig in der Schublade.

»Alles da«, erklärte er seinem Nachbarn.

Detlef Fischer war einigermaßen ratlos. »Was mit Fotos beziehungsweise der Bildbearbeitung am Computer alles möglich ist, da kann man heutzutage nur noch staunen. Ich könnte einen ehemaligen Kollegen bitten, sich das anzuschauen, nicht dienstlich natürlich, da ja keine strafbare Handlung vorzuliegen scheint. Der Mann ist noch nicht pensioniert, hat also die komplette polizeiliche Ausrüstung zur Verfügung, und er ist Experte für Fälschungen und Manipulationen an Bildern. Er könnte, da die Auflösung ja sehr hoch ist, zumindest zweifelsfrei feststellen, dass es stimmt, was Sie sagen, nämlich dass diese Bilder nie aufgenommen wurden, sondern durch technische Manipulation zustande gekommen sind.«

»Würde er Ihnen denn diesen Gefallen tun?«

»Bestimmt. Soll ich?«

»Ja. Schon um meine Zweifel an der eigenen Zurechnungsfähigkeit zu beseitigen. Und dann?«

»Dann wüssten Sie wenigstens, womit Sie es zu tun haben. Mit welchen technischen Tricks hier gearbeitet wird. Vorausgesetzt, mein früherer Kollege kann das herausfinden.«

»Immerhin wäre ich einen Schritt weiter. Danke, Herr Fischer! Darf ich Sie zu einem Bier einladen?«

»Gerne. Sie haben immer diese tschechischen Sorten, ausgesprochen lecker.«

Stephan Haberling ging zum Kühlschrank und blickte auf eine Scheibe Maasdamer und einen Rest Butter.

»Entschuldigung, ich wollte gerade zum Supermarkt gehen, als wir uns im Treppenhaus gesehen haben. Nach dem Einkauf gibt es auch wieder Bier. Im Augenblick leider nicht.«

Detlef Fischer nahm es nicht krumm, er versprach, am späten Nachmittag – womöglich schon mit Ergebnissen bezüglich der Fotos – auf die Einladung zurückzukommen.

Kann man innerhalb weniger Minuten vergessen, dass der Kühlschrank leer ist? Stephan Haberling schüttelte den Kopf. Werde ich mit meinen 48 Jahren schon senil? Wenn ja, was ist dann mit diesen Fotos? Habe ich mich vor einer Kamera entblößt und das einfach vergessen? Gibt es so etwas?

Verlorene Minuten, Stunden Tage – so etwas mochte es in Romanen und Filmen geben. Es mochte vorkommen, dass Menschen sich so betranken oder mit Drogen anfüllten, dass sich ihnen später Erinnerungslücken auftaten. Stephan Haberling konnte sich nicht erinnern, sich in den letzten zwanzig Jahren dermaßen betrunken zu haben, und von Drogen hielt er sich sowieso fern.

Er nahm seinen Mantel vom Haken im Flur und schloss die Tür hinter sich. Vielleicht klärte die frische Luft auf dem Weg zum Einkaufen ein wenig sein wie vernebeltes Gehirn. Im Treppenhaus meinte er, das Klingeln seines Telefons aus der Wohnung zu hören, aber er machte nicht kehrt sondern ging hinaus auf die Straße.

@ Abstimmung

clip_image012Zwar knapp, aber doch immerhin mit einer Entscheidung statt Unentschieden beteiligten sich wieder die Leser. Was heißt die Leser, besser gesagt: einige Leser.

Der dritte Teil verzeichnete immerhin über 400 Zugriffe, abstimmen wollten nur 28 Besucher. Wer Mathematiker ist und Lust hat, kann ja ausrechnen, wie hoch die Wahlbeteiligung unter den Stimmberechtigten war.

Wie auch immer: Die Fotos sollten laut Leserwillen echt sein. Ein Ergebnis, von dem ich gehofft hatte, dass es nicht eintritt. Aber gut, Spielregel ist Spielregel, ich schrieb entsprechend weiter.

@ 4

»Das kann aber nicht sein«, widersprach Stephan Haberling, »wenn diese Fotos echt sind, wie Ihr Kollege behauptet, warum weiß ich dann nichts davon? Es wurde wirklich nichts daran manipuliert?«

Detlef Fischer zog die Schulten empor. »Ich bin kein Experte, aber für mich klingt die Analyse eindeutig. Lichttemparatur, Konturübergänge, Schattenwurf, digitale Informationen… ich gehe einfach davon aus, dass ein Fachmann wie mein Kollege, ehemaliger Kollege besser gesagt, weiß, wovon er redet, wenn er zu einem so eindeutigen Urteil gelangt.«

Also blieb eigentlich nur eine einzige logische Erklärung: Trotz der Narbe am Knie war diese Person nicht er selbst. Das wiederum war unlogisch, denn eine dermaßen verblüffende Ähnlichkeit mochte es höchstens bei Zwillingen geben, und er hatte keinen Bruder, geschweige denn einen Zwillingsbruder.

»Und der Raum«, fragte Detlef Fischer, »der ist Ihnen wirklich völlig fremd?«

Die mehr und mehr entblößte Figur nahm den größten Teil der Fotos ein, man erkannte im Hintergrund eine Vitrine aus weißem Holz mit Glaseinsätzen, links daneben ein kleines Stück Wand im Terrakottaton, offenbar mit einer interessanten Rohputztechnik gestaltet. Rechts waren Zweige und Blätter eines Ficus benjaminii zu erkennen. Was vom Fußboden zu sehen war, schien ein geknüpfter Teppich zu sein. Der Halogenstrahler, nach dem die Gestalt sich ausstreckte, gehörte zu einem Seilsystem. In der Vitrine stand weißes Geschirr, womöglich konnte ein Fachmann anhand der Bilder erkennen, welche Marke das war. Doch ob nun Seltmann oder Rosenthal oder sonst ein Hersteller, das änderte nichts daran, dass Stephan Haberling den Raum nicht kannte oder zumindest nicht erkannte. Er schüttelte den Kopf und meinte: »Keine Ahnung. Nie gesehen. Noch ein Bier, Herr Fischer?«

Vier leere Flaschen Krušovice standen auf dem Schreibtisch. 16 volle Flaschen waren noch vorrätig, aber der Nachbar lehnte dankend ab.

Wieder allein in seinem Arbeitszimmer überlegte Stephan Haberling, ob er nun etwas unternehmen oder einfach abwarten sollte. Polizeiliche Ermittlungen, das hatte er verstanden, waren einstweilen nicht angebracht, da keine eindeutige Straftat vorlag. Es blieb also die Möglichkeit, Picasaweb zu kontaktieren und darum zu ersuchen, die Galerie zu sperren. Allerdings war zu erwarten, dass alter.ego flugs mit anderen Anmeldedaten eine neue Galerie ins Leben rufen würde, ein endloses Katz- und Mausspiel. Auch nicht gerade sinnvoll.

Falls der Urheber des ganzen Schlamassels etwas von ihm wollte, hatte Stephan Haberling bisher nicht begriffen, was. Er öffnete noch einmal die letzte E-Mail. »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu« – mehr nicht. Unverständlich. Absurd. So wie die ganze Angelegenheit.

Er klickte auf Antworten und schrieb: »Tut mir leid, ich verstehe nicht, was gemeint ist. Ich weiß nicht, was Sie wollen. Ich weiß nicht, wer Sie sind. Entweder Sie machen verständliche Aussagen, oder es ist hoffnungslos.«

Nach dem Absenden nahm er die vier leeren Bierflaschen und brachte sie zurück in die Küche. Die Gläser räumte er in die Spülmaschine. Irgend etwas essen könnte jetzt nichts schaden. Ein Ölsardinenbrot? Vielleicht eine Pizza?

Das Telefon unterbrach seine Kostauswahl.

»Haberling.«

»Hier ist Lisa.«

Er hatte keine Ahnung, wer Lisa sein mochte. Das hatte nicht viel zu bedeuten, da er sich Namen schwer merken konnte. »Hallo Lisa.«

»Ich will nur kurz fragen, ob du heute Abend beim Autorenstammtisch dabei bist.«

Also war Lisa wohl eine Autorin? Wenn sie einen Nachnamen genannt hätte, wäre es Stephan Haberling unter Umständen leichter gefallen, sich ein Gesicht vorzustellen. So ganz sicher war allerdings auch dies nicht. »Ich habe vor, zu kommen. Warum?«

»Dann bringe ich dir etwas mit, was vielleicht interessant für deine Arbeit ist. Sonst hätte ich es mit der Post geschickt.«

Nun gut, dann würde er spätestens in dem Moment wissen, wer Lisa war, in dem ihm eine Dame etwas überreichte. Er nickte, was am Telefon zwar unerheblich, aber dennoch seine Angewohnheit war. »Okay, dann bis später, Lisa.«

Ihre Stimme klang nach einem Lächeln. »Ja, bis nachher, Stephan.«

clip_image014Der Autorenstammtisch fand alle drei Monate statt, zu Stephan Haberlings Leidwesen in Kreuzberg. Am Lokal gab es nichts auszusetzen, Speisen und Getränke waren erschwinglich und gut, der Stammtisch im Kellergeschoss bot genügend akustische Entfernung zum lauten Betrieb oben, um sich ohne erhobene Stimme unterhalten zu können. Das einzige Problem am »Bergmann 103« war die Tatsache, dass es in der Bergmannstraße im Haus Nummer 103 lag, und ringsherum gab es so gut wie keine Parkplätze. So musste er zusätzlich zur normalen Fahrtdauer von 40 Minuten stets eine Parkplatzsuche und dann einen Fußweg von rund 15 Minuten zum Lokal einplanen.

Mitglied konnte jeder in Berlin lebende Autor sein, der mindestens ein Buch in einem »richtigen« Verlag veröffentlicht hatte. Da der Stammtisch nirgends publik gemacht wurde, kamen neue Mitglieder oder Gäste nur durch persönliche Einladung in die Runde. Bei den vierteljährlichen Treffen tauschte man sich zwanglos über Gott und die Welt, das Schreiben und das Lesen aus, ohne dass ein Thema vorgegeben war. Meist ergab sich ein Schwerpunkt von selbst.

Als Stephan Haberling eintraf, saßen bereits vier Stammgäste am Tisch, und darüber hinaus eine junge Dame, die er noch nie gesehen hatte. Da neben ihr ein Stuhl frei war, setzte er sich zu ihr und stellte sich vor: »Guten Abend, ich heiße Stephan Haberling. Sie sind zum ersten Mal dabei?«

»Ja, ich bin gespannt auf den Austausch. Herr Bendix Kleefeld war so freundlich, mich einzuladen.«

Stephan Haberling stutzte. Etwas am Tonfall kam ihm bekannt vor. Aber was?

Bendix Kleefeld lächelte über den Tisch und ergänzte: »Sie ist eine ganz famose Erzählerin und charmante Gesellschafterin, dafür lege ich die Hand ins Feuer.«

»Und haben Sie«, fragte Stephan Haberling, »auch einen Namen?«

»Natürlich. Lisa del Giocondo.«

Die Anruferin. Die Autorin des von ihm hochgeschätzten Buches Mein zweites Ich. Die lange Gesuchte und nie Gefundene. Die Unerreichbare – plötzlich leibhaftig, direkt neben ihm am Stammtisch? Er war zu perplex, um sofort zu antworten.

Nach dem Stammtisch begleitete er Lisa in deren Wohnung, die in der gleichen Straße ein paar Hauseingänge entfernt lag. Es war überhaupt nicht seine Gewohnheit, fremde Frauen in deren Privatbereich aufzusuchen, aber hier und jetzt war sowieso alles dermaßen jenseits der Normalität, dass er keinen Augenblick gezögert hatte, als sie beim Aufbruch leise zu ihm sagte: »Wir gehen jetzt zu mir. Dort bekommst du das, was ich am Telefon versprochen habe.«

Sie stiegen die Treppen empor, im dritten Stock schloss Lisa eine Türe auf. Der Flur ließ bereits ahnen, dass diese Wohnung so ungewöhnlich eingerichtet und ausgestattet sein musste, wie ihre Bewohnerin ungewöhnlich war. Die Wände waren mit einem hellbraunen Baumwollstoff bezogen, so sah es auf den ersten Blick aus, aber die Wände leuchteten. Nicht grell, sondern in einer augenschmeichelnden Helligkeit.

Stephan Haberling berührte den Stoff, fasziniert von dem Effekt. Seine Begleiterin erklärte lächelnd: »Das ist mit Stoff bespanntes Glas, vom Boden bis zur Decke. Dahinter ist die LED-Beleuchtung installiert, und dahinter wiederum liegen die ursprünglichen Wände. Wenn ich die Wohnungstüre aufschließe, empfängt mich automatisch das Licht.«

Er nickte und sagte: »Wer bist du eigentlich, Lisa?«

»Geradeaus ist das Wohnzimmer. Setz dich hin, ich bringe ein paar Getränke aus dem Kühlschrank.«

Linkerhand war auf dem Weg zum Wohnzimmer eine angelehnte Tür, und Stephan Haberling konnte seine Neugier nicht zügeln. Er schob sie auf und blickte in ein Fotostudio, dem es wohl an keiner technischen Ausstattung mangelte. Kameras auf Stativen, diverse Leuchten und Blitzgeräte, mehrere Computer und Großbildschirme. Allerlei Dekorationsmaterial war vorhanden, sogar eine Schaufensterpuppe stand in einer Ecke. Er zog die Tür wieder heran und ging den Flur hinunter.

Er war nicht mehr sonderlich überrascht, als er im Wohnzimmer eine Rohputzwand im Terrakottaton sah, an der eine Vitrine mit Geschirr und neben dieser ein Ficus benjaminii stand. Der Teppich war so weich, wie er auf den Fotos aussah. Unter der Zimmerdecke war ein Halogen-Seilsystem angebracht. Was fehlte, war ein zunehmend nackter Mann, der sich zu einem der Strahler empor streckte. Stephan Haberling hob die Arme und stellte fest, dass er, falls er sich auf die Zehenspitzen stellte, den Strahler erreichen konnte.

»Kannst du mir den so verstellen, dass das Licht auf das obere Fach in der Vitrine fällt?«, fragte Lisa del Giocondo, die in der Wohnzimmertür stand und lächelte. »Er ist etwas zu niedrig ausgerichtet.«

»Darf ich meine Kleidung dazu anbehalten?« fragte er zurück.

»Selbstverständlich.« Wieder dieses Lächeln, das ihn erinnerte. Zurückerinnerte. Zurück in jene Zeit, in der sich alles änderte. Endgültig. Unumkehrbar.

Er richtete den Strahler behutsam nach oben, bis er die gewünschte Stelle beleuchtete. Zwischen dem Geschirr im oberen Fach stand ein kleiner Bilderrahmen. Stephan Haberling trat an die Vitrine und betrachtete das Portrait.

»Komm, setzt dich zu mir und erzähl mir von Isis«, bat ihn die Frau, die er wenige Stunden vorher noch nicht gekannt hatte, und die ihm nun plötzlich so vertraut war wie kein anderer Mensch auf dieser Welt.

»Erzähl mir von Isis, bitte.«

@ Abstimmung

clip_image016An dieser Stelle wollte ich von den Lesern wissen, ob Isis nun Stephans frühere Frau oder Lisas Schwester sein sollte.

Ich gebe es zu: In diesem Fall war die Abstimmung eher unerheblich und nur schmückendes Beiwerk, denn ich hatte mich diesbezüglich bereits entschlossen. Die Leser waren erneut zweigeteilt in ihrer Wahl, was mir letztendlich beim Weiterschreiben sehr entgegenkam.

@ 5

Er setzte sich. Lisa hatte eine Flasche Wein, Gläser und eine Schale mit Pistazienkernen bereitgestellt. Sie schenkte ein und sie ließen die Gläser aneinander klingen. »Auf die Entblößung«, sagte Lisa.

»Auf dich!«, meinte er. »Bezüglich der Entblößung hätte ich noch einige Fragen zu stellen.«

»Ich antworte nicht immer auf Fragen. Eigentlich eher selten. Die meisten Fragen, die gestellt werden, sind so überflüssig wie die Grippeimpfung für einen gesunden Organismus.«

»Das passt zu dir. Dein Buch, es lässt auch mehr offen, als dass man Antworten finden würde. So etwas mag ich im Prinzip, aber nicht in diesem Fall.«

»Ich weiß, dass es dir gefallen hat. Eigentlich habe ich Mein zweites Ich für dich geschrieben. Und für Isis, natürlich.«

»Wann hast du Isis zum letzten Mal gesehen?«

»Erzähl mir von ihr. Das, was nicht in meinem Buch zu finden ist.«

Stephan Haberling trank einen Schluck Wein, während er überlegte, wo er anfangen sollte. In ihrem Buch – eine als Roman verkleidete Autobiografie – hatte Lisa die Kindheit mit ihrer Zwillingsschwester Isis geschildert, das Heranwachsen, dann die Studienjahre. Die Schwestern im Buch trugen andere Namen, und die Handlung spielte sich an anderen Orten ab als im wirklichen Leben. Und dann, nach der Ankündigung, dass Isis heiraten würde, gab es eine Lücke in der Erzählung. Genau genommen brach die Geschichte einfach ab. Das letzte Kapitel schilderte nur, wie Isis gestorben sein musste. Vermutlich. Wahrscheinlich. Allem Anschein zufolge. Es gab niemanden, der Aufschluss hätte geben können. Die potentiellen Zeugen waren so tot wie Isis.

Als er Mein zweites Ich las, vor nunmehr fast acht Jahren, war er fassungslos. Wie konnte eine Autorin, von der er nichts wusste, die er nicht kannte, eine Romanfigur entwerfen, deren Geschichte so viele Parallelen mit dem Leben seiner Frau aufwies? Wie konnten der Charakter, die Eigenarten, sogar einige körperliche Merkmale so ähnlich, wenn nicht gar identisch sein?

Er wusste, dass Isis eine Zwillingsschwester gehabt hatte, keine eineiige, daher war die äußerliche Ähnlichkeit nicht größer als normalerweise bei Geschwistern zu erwarten. Isis redete selten und ungern über ihre Herkunft und Familie, er wusste nur, dass es eine Tragödie gegeben hatte, bei der ihre Eltern und Anina ums Leben gekommen waren. Er hätte nach der Lektüre des Romans natürlich Isis fragen wollen, ob manche der geschilderten Erlebnisse Phantasie oder Biographie waren. Das wenige, was sie preisgegeben hatte, legte die Vermutung nahe, dass Mein zweites Ich ihre wahre Geschichte erzählte. Aber Isis konnte nicht mehr Auskunft geben, er war und blieb mit seinen Fragen allein.

Stephan Haberling hatte versucht, mit der Autorin des Romans in Kontakt zu treten, erfolglos. Lisa del Giocondo war offenbar ein Pseudonym, und niemand schien in der Lage oder bereit zu sein, die Identität der Schriftstellerin aufzudecken. Es wurden keine Lesungen mit ihr veranstaltet, keine Autogrammstunden, selbst bei der Verleihung eines Buchpreises in Frankfurt war der Agent desVerlages erschienen, um die Ehrung an Lisas Stelle entgegen zu nehmen.

»Du bist doch in Wirklichkeit Anina, oder?«, fragte er sie.

Dieses Mal erhielt er sogar eine Antwort: »Ich war Anina. Jetzt bin ich Lisa, italienischer Abstammung statt ägyptischer. Ich fand das am ehesten plausibel, zu meinem Äußeren passend.«

»Und offensichtlich bist du nicht tot.«

Sie schwieg und schenkte Wein nach. Er hatte auch keinen Kommentar erwartet. Wie viele Worte, die man im Lauf des Tages aussprach, waren eigentlich wirklich notwendig oder zumindest angebracht? Zehn Prozent? Noch weniger?

Die beiden schwiegen eine Weile.

Dann sagte Lisa erneut: »Erzähl mir von Isis, bitte.«

clip_image018Stephan zündete sich eine Zigarette an und begann: »Es war ein Schicksalsjahr, 2001. Ich habe Isis am 5. Mai geheiratet, aber ich konnte nicht lange bei ihr bleiben. Vermutlich weißt du, dass ich damals für den Spiegel als Korrespondent aus Ägypten schrieb. Ich hatte einige einheimische Kontakte und sehr widersprüchliche Informationen wurden mir von ihnen zugetragen. Ein paar Tage nach unserer Hochzeit bat mich ein Mann an einer Straßenecke um Feuer für seine Zigarette. Ich wusste sofort, dass er kein normaler Passant war, denn er rauchte die eben angezündete Zigarette nicht, sondern hielt sie nur in der Hand. Er fragte mich, ob ich an einer brisanten und wertvollen Information interessiert wäre. Ich erklärte ihm, dass ich kein Geld ausgeben konnte, und er meinte, das sei auch nicht nötig.«

»Das ist aber nicht die Geschichte von Isis«, unterbrach ihn Lisa. »Das ist deine Geschichte, vielleicht. Man weiß es ja nicht, bei einem Autor, wie viel von seinem Erzählten wirklich passiert ist.«

»Warum hast du eigentlich kein weiteres Buch geschrieben?«

Sie antwortete auch auf diese Frage, worüber Stephan gleichermaßen erstaunt und erfreut war. »In mir war nur dieses eine Buch vorhanden. In dir sind noch viele Bücher.«

»Davon weiß ich nichts. Im Augenblick wüsste ich nichts zu schreiben.«

»Nobody can say where a book comes from. Least of all the person who writes it.«

»Das hat Paul Auster irgendwo geschrieben.«

»Leviathan.«

»Woher weißt du, dass in dir kein weiteres Buch ist, wenn du glaubst, dass in mir noch welche sind?«

»Ich bin keine Autorin. Ich bin Fotografin. In mir sind Bilder. Erzähl mir von Isis, bitte.«

»Ich kehrte am 28. Juni zu ihr zurück. Sie stand am Rand der Wiese hinter unserem Garten, wo einst ein kleiner Bach entsprungen war. Der war längst ausgetrocknet. Sie war müde, schlaftrunken, erschöpft. Ich nahm sie in die Arme und sagte ihr, dass ich sie liebte. Sie fragte, wo ich gewesen war, und ich erklärte ihr, dass es kein besonderer Ort war. Ich würde anders aussehen, meinte sie. Ich bestätigte, dass dem wohl so sei. Ich hatte sieben Wochen fernab der Zivilisation verbracht, wenig gegessen, keinen Rasierapparat benutzt und zum Waschen gab es meist nur eine Schüssel voll brackigen Wassers, wenn überhaupt. Du warst fort, sagte sie müde. Ja, natürlich war ich fort, antwortete ich. Sie fragte: Bleibst du jetzt hier? Ich blickte Isis in ihre unvergleichlichen Augen und sagte: Wenn du es willst, ja.«

»Und du bist geblieben.«

»Ich bin geblieben. Wir hatten etwas mehr als zwei Monate, einander zu lieben, zu genießen, von unserer Zukunft zu träumen. Es war kein Urlaub, aber ich musste nicht reisen. Sie arbeitete an ihrer Dokumentation, und je länger sie sich mit dem Stoff beschäftigte, desto verzweifelter wurde sie.«

Lisa schenkte Wein nach, Stephan Haberling zündete sich eine weitere Zigarette an. Sie schwiegen einige Minuten.

»Sie war kurz davor, die letzten Lücken in ihrer Arbeit zu schließen«, sagte Lisa schließlich. »Sie schrieb mir einen Brief, am 30. August, der mich aber wegen der Umstände erst am 10. September erreichte. Ich hatte eines der beiden Puzzlestücke, die ihr fehlten. Nachher zeige ich dir den Brief. Ich habe damals versucht, gegen alle Regeln und Vernunft, Isis telefonisch zu erreichen, aber es war zu spät.«

Stephan Haberling fragte: »Wo warst du eigentlich? Ich nahm an, du seiest schon Jahre zuvor verstorben, bei einer Tragödie, die mir nie genauer erläutert wurde.«

»Es wussten nur sehr wenige Menschen die Wahrheit. Isis natürlich, und zwei Personen in der Zentrale, die mir die neue Identität ermöglicht und verwirklicht haben. Es waren einige Umwege notwendig, es gab Sackgassen und Fehlschläge, aber im Dezember 1990 war ich dann Lisa del Giocondo, das Wirrwarr um den Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung hat mit letztendlich echte Papiere und eine glaubhafte Vergangenheit beschert. Ich arbeitete in München als Fotografin. Seit zwei Monaten bin ich nun in Berlin. Deinetwegen. Immerhin konnten wir uns Briefe schreiben, Isis und ich. Der Transport dauerte lange, aber Telefon oder gar E-Mail war tabu, schon um Isis zu schützen, aber auch, damit ich am Leben blieb. Ich war zwar offiziell bereits tot, aber wenn die falschen Menschen mich aufgespürt hätten, wäre ich nirgends mehr sicher gewesen.«

»Und was hat sich jetzt geändert?«

»Bezüglich meiner Identität nicht viel. Anina muss tot bleiben, um nicht zu sterben. Lisa darf leben. Und Lisa musste dich treffen.«

»Also hast du die Galerie ins Netz gestellt. Als alter.ego, um mich öffentlich zu entblößen.«

»Ach Stephan! Du hast den Sinn der Galerie noch nicht erfasst? Ich hatte angenommen, dass du den gedanklichen Weg von Mein zweites Ich zu alter.ego finden würdest. Dann hätte eine Google-Suche genügt, um festzustellen, dass Lisa del Giocondo gar kein Pseudonym war, sondern dass die preisgekrönte Autorin – seit vielen Jahren als Fotografin tätig – kürzlich ihre Diogenestonne aufgegeben hat und nach Berlin übergesiedelt ist.«

Er schüttelte den Kopf. Darauf war er nicht gekommen, und er bezweifelte, dass ihm das in absehbarer Zeit durch noch mehr Nachdenken und Grübeln gelungen wäre. Jetzt, mit dem Wissen, dass Isis’ Schwester lebte und die Urheberin der Galerie war, ahnte er auch, wie die Fotos zustande gekommen sein konnten. Allerdings hatte dann der ehemalige Kollege seines Nachbarn doch Unrecht.

»Mich hat ein Experte der Polizei wissen lassen, dass die Aufnahmen nicht manipuliert sind. Wenn du, wie auch immer, an die Fotos von Isis gekommen bist, dann kann das aber nicht stimmen.«

Sie schwieg und lächelte. Es war Isis’ Lächeln, es waren Isis’ Augen. Er wusste bereits, dass sein Leben nach diesem Abend, irgendwann bald, in die Zweisamkeit münden musste. Milan Kundera hatte in einem seiner frühen Romane gemutmaßt, dass ein ideales Paar ursprünglich als Ganzes geschaffen und dann von widrigem Schicksal getrennt worden sei; es käme nur darauf an, dass die beiden sich irgendwann treffen und was sie dann aus ihrer Begegnung machen. Lisa, das andere Ich, war sie eine Art Wiedergutmachung des Himmels für das Entsetzten und das Leid, das ihm widerfahren war? Hatte das widrige Schicksal womöglich ein Einsehen?

»Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie«, wiederholte Lisa leise in seine Gedanken hinein ihre zweite E-Mail.

Fassungslos fragte er: »Heißt das etwa, die Entblößung geht weiter?«

@ Abstimmung

clip_image020Eigentlich war mir klar, was die Leser mehrheitlich wünschen würden, nachdem sie weiter vorne bereits unbedingt die Jeans entfernt wissen wollten.

Dennoch stellte ich die naheliegende Frage und bekam auch promt die erwartete Antwort.

@ 6

Nun ja. Wenn etwas nicht aufzuhalten ist, dann muss man das Beste daraus machen, dachte Stephan Haberling, als er wieder zu Hause war. Eigentlich war er müde, aber noch so aufgewühlt, dass an Schlaf einstweilen nicht zu denken war.

Lisa, die tot geglaubte Schwester seiner wirklich toten Frau, hatte ihm eine Kopie des Briefes mitgegeben, den Isis am 30. August 2001 geschrieben hatte. Vieles in den Zeilen war verschlüsselt, aus Gründen, die er jetzt nach dem Abend mit Lisa auch verstand. Obwohl die Briefe durch vertrauenswürdige Menschen persönlich transportiert und abgeliefert wurden bestand immer die Gefahr, dass sie in Hände gerieten, in denen sie nichts zu suchen hatten. In diesem letzten Schreiben hatte Isis allerdings die Vorsicht ziemlich außer Acht gelassen, vermutlich wegen der zunehmenden Verzweiflung über die fehlenden Puzzleteile. Stephan Haberling nahm den Brief zur Hand und las ihn noch einmal.

Geliebte A.,

ich fliege nächste Woche nach New York, vielleicht finde ich dort die fehlenden Briefmarken zu meiner Sammlung? Ich habe in den letzten Wochen das aktuelle Albumblatt bis auf zwei Exemplare gefüllt. Mir fehlen nur noch die Marke mit dem Bild der Piloten und die Marke mit der Landkarte. Falls Du inzwischen bei Deiner Suche eine der Briefmarken gefunden hast, lass es mich bitte wissen. Der Kunde muss das komplette Album so schnell wie möglich bekommen.

Ich trenne mich ungern schon wieder von S., aber in diesem Fall muss ich reisen, es ist zu wichtig, um es anderen zu überlassen.

Erinnerst du dich, als wir ungefähr 12 oder 13 Jahre alt waren und über unsere zukünftigen Männer gesprochen haben? Damals haben wir einander kindlich naiv versprochen, dass wir, falls eine von uns stirbt, den Mann heiratet, der als Witwer zurückbleibt. Nun sind wir keine Kinder mehr, aber je länger ich mit S. zusammen bin, desto mehr wünsche ich mir, dass er im Fall der Fälle nicht sein restliches Leben lang in seiner Trauer zurückbleibt. Er würde sich zurückziehen, eingraben, in ein Schneckenhaus verkriechen. Äußerlich würde alles normal aussehen, aber innerlich würde er zugrunde gehen.

Ich habe dir ja schon viel über S. erzählt, du weißt, was er mir bedeutet. Wir sind keine 12- oder 13jährigen Mädchen mehr, und ein Kindheitsversprechen von solcher Kurzsichtigkeit ist natürlich hinfällig. Aber, meine geliebte A., falls mir etwas zustoßen sollte und du noch keinen Mann gefunden hast, würdest du mir dann den Gefallen tun, S. kennen zu lernen? Nur einfach kennen lernen. Und dann folge deinem Herzen.

Ich muss schließen, es gibt noch einiges zu planen für die Reise. Ich hoffe, dass ich gesund zurückkehre, nachdem ich das Briefmarkenalbum vervollständigt und übergeben habe.

Sei lieb gegrüßt und geküsst,

Deine I.

Er wusste nicht so recht, ob ihm die ganze Geschichte geheuer war. Er kannte Lisa nüchtern betrachtet überhaupt nicht, so vertraut und geliebt sie auch in seinen Empfindungen bereits sein mochte. Sein Verstand und seine Gefühle stritten erbittert um die Regierungsgewalt in seinem Leben. Wer letztendlich gewinnen würde, war nicht abzusehen. Und was die öffentliche Entblößung betraf, da war er vollends ratlos. Stephan Haberling schloss die Augen und schlief auf seinem Sofa ein.

Als er aufwachte, war er einen Moment lang versucht, alles als skurrilen Traum abzutun. Doch auf dem Boden vor dem Sofa lag der Brief, und als er seinen PC hochgefahren und die Picasagalerie geöffnet hatte, gab es nichts mehr zu mutmaßen. Auf dem neuen Bild trug er nur noch das T-Shirt, und das war kurz genug, um nichts zu verbergen.

Sein Sportlehrer hatte ihm, er mochte damals 12 Jahre alt gewesen sein, einmal gesagt: »Daran ist doch nichts peinlich, meinst du, du wärest der einzige Junge, der sich normal entwickelt?« Nach dem Schwimmunterricht pflegte der Lehrer zusammen mit den Schülern zu duschen; der Duschraum hatte keinerlei Abtrennungen, sondern jeder konnte jeden sehen. Stephan Haberling hatte sich zur Wand gedreht und wollte nicht aufhören zu duschen, weil sein Penis steil nach oben zeigte, statt brav herab zu hängen. Mit hochrotem Kopf versuchte er krampfhaft, an irgend etwas zu denken, was die Erregung hätte verscheuchen können, aber es war ein vergebliches Unterfangen.

Der Lehrer bemerkte die Situation und reichte ihm mit seinen Worten ein Handtuch. Stephan nahm es dankbar und wickelte es um die Hüften. »Man kann nicht keine Erektion bekommen«, meinte der Lehrer, »zumindest nicht in deinem Alter. Später im Leben wird das manchmal anders herum ein Problem.«

Im Jahr 2001 war er längst nicht mehr in jenem Alter, in dem der Strudel der Hormone dafür sorgt, dass ein Junge niemals und nirgends vor dem Eigenleben unter der Gürtellinie sicher sein kann. Er war allerdings auch noch nicht in jenem problematischen Alter, von dem sein Sportlehrer damals gesprochen hatte.

Isis und er hatten eines Tages darüber gesprochen, warum es so viele Aktfotos von Frauen und so wenige von Männern gab.

»Frauen sind einfach ansehnlicher«, mutmaßte Stephan. »Männer sind grundsätzlich nicht hübsch.«

»Nein, das stimmt nicht«, widersprach Isis. »Es liegt an der Nachfrage. Männer wollen solche Fotos sehen, Frauen nicht.«

»Warum gibt es dann in der Antike genauso viele Statuen und Gemälde von unbekleideten Männern wie Frauen?«

Isis meinte: »Die Antike war nicht so verklemmt, vielleicht? Aber warum gibt es heute mehr weibliche Aktfotos als männliche?«

clip_image022Stephan dachte an Michelangelos geradezu makellosen David und meinte: »Weil man bei Statuen und Gemälden die womöglich unschöne Wahrheit etwas aufhübschen kann. Ein Foto zeigt immer die grausame Wirklichkeit.«

»Also ich würde ein Foto von dir nicht grausam finden,« grinste Isis unternehmungslustig.

»So so.«

»Jawohl.«

»Aha.«

»Nun zieh dich schon aus. Ich hole die Kamera.«

Schon bei dem Gedanken, dass er seiner Frau Modell stehen sollte, hatte sich The Exitement eingestellt, nicht weiter verwunderlich, und auch überhaupt nicht peinlich, da die beiden keine Gesellschaft hatten. Als Hintergrund wählten sie die hellgrün getünchte Gartenmauer, innerhalb des Gartens und abgeschieden von neugierigen Blicken. Er stand im Adamskostüm auf den warmen Terrassenfliesen, Isis schoss ausgelassen kichernd Foto auf Foto.

»Streck dich mal nach oben, als wollest du nach den Wolken greifen.«

Er streckte sich und fragte: »Wieso das denn?«

»Um das Foto aufzuhübschen wie ein Gemälde. Dann hast du einen Waschbrettbauch und überhaupt…«

Später begutachteten sie am Bildschirm die Ausbeute des nachmittäglichen Fotovergnügens. Isis fand eines der Greif-mal-nach-den-Wolken-Bilder am schönsten, im Halbprofil, den Blick und die Arme erhoben, als wolle er etwas im Bild nicht Sichtbares erreichen. Nicht nur die Arme und der Blick richteten sich gen Himmel.

»Lass die bloß niemanden sehen«, meinte Stephan, während Isis vergnügt schmunzelnd das Dateiverzeichnis »Wolkengreifer« nannte und schloss.

Stephan Haberling war überzeugt gewesen, dass das Notebook zusammen mit Isis von dieser Welt verschwunden war. Nun hatte ihn die Entblößung im Internet eines Besseren belehrt. Irgendwie musste Lisa in den Besitz der Fotos gekommen sein, er glaubte nicht, dass Isis die Dateien kopiert und ausgerechnet ihrer Schwester gegeben hatte. Eigentlich konnte sie nur – auf welchen Wegen auch immer – des Computers habhaft geworden sein.

Wie es Lisa gelungen sein mochte, aus den Fotos, besser gesagt aus dem einen Foto, eine schrittweise Entblößung zu zaubern, war ihm allerdings schleierhaft. Er verstand kaum etwas von Bildbearbeitung am PC, er wusste nur, dass damals alle Bilder textilfrei waren, abgesehen davon, dass er die etwas zu großen Jockey-Briefs noch gar nicht besessen hatte. Auch das Freizeithemd war nicht so alt. Woher konnte Lisa wissen, was in seinem Kleiderschrank lag, und wie konnte sie ihn mit den Kleidungsstücken ausstatten und vor den Hintergrund ihres eigenen Wohnzimmers stellen? Und was, vor allem, bezweckte sie überhaupt?

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie. – Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu. Kryptische E-Mails einer kryptischen Ägypterin, die jetzt als Deutsche mit italienerischer Abstammung in sein Leben getreten war. Getreten? Nein, eingebrochen, auf denkbar unerhörte Weise. Er hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte.

Als er in die Küche gehen wollte, um seiner De Longhi eine Tasse Kaffee zu entlocken, klingelte das Telefon.

»Haberling.«

»Lisa.«

»Das ist gemein. Nun stehe ich so gut wie nackt im Internet. Das, was noch verhüllt bleibt, ist unerheblich, während sich Unverhülltes erhebt.«

»Treffen wir uns heute zum Mittagessen? Hast du Zeit?«

»Lisa, bitte! Was soll das?«

»Zwölf Uhr im Tomasa? In Zehlendorf?«

Er antwortete nicht gleich. Wieder rang der Verstand mit den Gefühlen. Es war vollkommen widersinnig, mit der Urheberin der Galerie gemütlich zu speisen, statt dessen sollte er eigentlich Anzeige erstatten und die Polizei konnte dafür sorgen, dass die Fotos schnellstens verschwanden. Andererseits sehnte sich alles in ihm nach jeder Minute, die er mit Lisa verbringen konnte. Einfach in ihrer Nähe sein war schon eine Wohltat für seine Seele. Trotz aller Unverständlichkeiten und Fragwürdigkeiten.

Lisa wartete schweigend am Telefon.

@ Abstimmung

clip_image024An dieser Stelle war ich wirklich ratlos und unentschlossen.

Es konnte ein letzter Teil nach dem Muster von Leonard Cohens »Let’s sing another song, boys« folgen: Let’s leave these lovers wondering why they cannot have each other.

Oder die beiden durften ein Paar werden. Irgendwie musste ich auch noch eine Lösung ersinnen, was die Galerie betraf.

Ob das gemeinsame Mittagessen oder dessen Absage die Weiche stellen würde, war mir unklar, ich hoffte einfach, das mir beim Weiterschreiben die passende Muse einen ausgiebigen Kuss schenken würde.

Die Leser entschieden und ich schrieb, ohne zu wissen wohin die Reise gehen würde.

@ 7

In Butter gebratenes Zanderfilet, serviert auf knackigem Kürbisgemüse, Stampfkartoffeln, garniert mit einem Klecks Creme Fraiche – Lisa war mit zufrieden mit ihrem Mittagessen. Stephan Haberling, der lieber etwas Deftiges mochte, hatte sich für ein Rumpsteak, mariniert mit Sojasauce, braunem Zucker, Worchestersoße, beträufelt mit einem Schuss Whisky, am Grill zubereitet, dazu hausgemachte Rosmarinbutter, Steakhousepommes & Tomaten – Zwiebel – Salat entschieden, und auch er verspürte keinen Anlass, sich zu beschweren.

Während sie gegessen hatten, war Lisa nicht bereit gewesen, über die vielen Fragen zu sprechen, die in ihm zappelten wie der Zander vermutlich im Netz, bevor er in der Küche und schließlich auf Lisas Teller gelandet war. Stephan hatte gefragt, nach den nur schwach verklausulierten »Briefmarken«, nach den sehr privaten Fotos auf Isis’ Notebook, nach der entblößenden Galerie, aber Lisa – getreu ihrem Motto, auf Fragen nicht immer, eher selten, zu antworten – hatte zwar freundlich geplaudert, jedoch keine Antworten gegeben.

Die Kellnerin räumte das Geschirr ab und fragte nach weiteren Wünschen.

»Zwei Latte macchiato«, bat Lisa. Die Kellnerin meinte »gerne, kommt sofort« und verschwand.

»Woher weißt du, dass ich nach einer Mahlzeit gerne Latte macchiato bestelle?«

»Ich weiß mehr über dich und kenne dich besser, als du ahnst, Stephan. Du wurdest seit über acht Monaten beobachtet. Ich selbst bin seit zwei Monaten häufig in deiner Nähe gewesen, war auch mehrmals in deiner Wohnung, wenn du unterwegs warst. Das mit dem Latte macchiato ist so typisch für dich wie die unwägbaren Nebenwirkungen für eine H1N1-Impfung.«

»Das musst du mir erklären.«

»Die Nebenwirkungen?«

»Unfug. Natürlich die Beobachtung, Beschattung, oder sollte ich eher von Ausspionieren sprechen?«

»Eigentlich solltest du nicht verwundert sein. Du weißt doch, was Isis wirklich getan hat.«

Er wusste manches, aber vieles war auch unklar, vernebelt, gemutmaßt. Sie hatte, getarnt durch Scheintätigkeiten, seit vielen Jahren für den ägyptischen Geheimdienst gearbeitet. Vor der Hochzeit waren Stephan Haberlings Vergangenheit und Gegenwart bis ins Detail durchleuchtet worden, denn obwohl ihm Isis nie Einzelheiten aus ihrer Tätigkeit mitteilte, war es unumgänglich, dass er einiges mitbekam. Was es mit der angeblichen Briefmarkensammlung auf sich hatte, reimte er sich selbst zusammen, als er den Brief vom August 2001 gelesen hatte.

Er blickte in Lisas Augen, die den Augen seiner Isis so sehr glichen. »Sie war hinter den Attentätern her, oder?«

»Ja. Der ägyptische Geheimdienst hatte Informationen gesammelt, die auf einen großen Anschlag hindeuteten. Man wusste, dass irgendwie Piloten eine Rolle spielten, die von Ägypten über den Libanon und Deutschland nach Amerika gegangen waren. Die Briefmarke mit den Piloten stand für die Namen, die Landkarten-Briefmarke für das Ziel – oder die Ziele, wie wir heute wissen.«

»Und welches Puzzleteil hattest du? Welche Rolle spieltest du überhaupt?«

Lisa wartete, bis die Kellnerin die beiden Latte macchiato hingestellt hatte und wieder verschwunden war. Dann erklärte sie: »Die ganze Geschichte darf und werde ich dir nicht erzählen. Aber du sollst wissen, dass mein vorgetäuschter Unfalltod ein geplantes Verschwinden war, weil ich, damals ebenfalls im Dienst des Geheimdienstes, vor der Enttarnung stand. Also starb ich offiziell, arbeitete aber weiter für den Geheimdienst. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und diejenigen, die hinter meine Tarnung gekommen waren, sind tot. Meine aktive Mitarbeit im Geheimdienst endete im Dezember 2001. Daher konnte ich es wagen, vorsichtig und in Etappen, als Lisa del Giocondo aufzutauchen und ein halbwegs normales Leben zu beginnen.«

»Und was wolltest du Isis so dringend mitteilen?«

»Ich hatte – wir hatten – drei Namen. Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Wenn ich Isis diese noch rechtzeitig, also am 10. September, hätte nennen können, vielleicht wäre noch etwas aufzuhalten gewesen. Vermutlich nicht, die Zeit war zu knapp, aber der Gedanke lässt mich seit 2001 nicht los.«

»Weißt du, warum Isis im World Trade Center war?«

»Dort war ein als Agentur für Antiquitätenhandel getarntes Büro des ägyptischen Geheimdienstes untergebracht. Es lag im 95. Stockwerk des Nordturmes, daher weiß ich zumindest, dass meine Schwester sofort tot war, nicht leiden und vergeblich um ihr Leben kämpfen musste.«

»Das hatte ich immer gehofft, aber ich wusste nichts Genaues.«

»Man hat mir aus ihrem Hotelzimmer damals unter anderem ihren Computer gebracht, nachdem die Spezialisten vom Geheimdienst mit den Untersuchungen fertig waren. In ihren Outlook-Terminen habe ich das Büro und die Uhrzeit des Treffens gefunden. Da stand Briefmarkensammlung vorstellen, 08:30 Uhr und der Ort, das Büro im World Trade Center. Isis war immer pünktlich. Sie muss zum Zeitpunkt des Anschlages genau dort gewesen sein.«

clip_image026Später spazierten Stephan Haberling und Lisa del Giocondo, obwohl leichter Regen eingesetzt hatte, um den Schlachtensee. Er verstand sich selbst nicht recht. In Lisas Nähe zu sein war wie eine Wiedergeburt. Nach dem 11. September 2001 hatte sich sein Leben nicht nur äußerlich durch den Verlust der Ehefrau, sondern – und vielleicht sogar vor allem – bezüglich seiner Einstellung zum Leben und Sterben geändert. Ob er morgen wieder aufwachen würde, spielte am Abend jedes beliebigen Tages keine Rolle. Er pflegte einige wenige Freundschaften, aber es gab keinen Menschen, der ihm so am Herzen lag, dass er wegen dieser Person leben wollte. Umgekehrt wusste er von niemandem, für den oder die sein Abscheiden einen unwiederbringlichen Verlust dargestellt hätte. Stephan Haberling lebte gerne, aber er klammerte sich nicht an das Diesseits, seit Isis nicht mehr bei ihm war.

Und nun schien sich binnen weniger Tage, eher Stunden, alles zu ändern. Eine Frau, von der er noch so gut wie nichts wusste, die er kaum kennen gelernt hatte, stellte sein Innenleben völlig auf den Kopf. Wider jede Vernunft. Wider jeden Verstand.

»Hast du dich eigentlich in mich verliebt?«, fragte er.

Lisa zögerte keinen Augenblick mit ihrer Antwort: »Ja.«

»Einfach nur ja?«

»Einfach nur ja. Kein wenn, kein aber. Ja.«

»Aber warum tust du mir das an, mit der Entblößung in der Galerie?«

»Du bist ein wunderbarer Aber-Mensch, Stephan. Die Antwort liegt in dir, du musst sie selber finden. Du wirst sie selber finden.«

Sie wichen zwei Dalmatinern aus, die vergnügt miteinander tollten. Die Besitzerin lächelte entschuldigend-schuldbewusst und erklärte ungefragt: »Die tun nichts, die sind nur etwas wild.«

Als sie an der Dame und ihren Hunden vorbei waren, ergänzte Lisa: »Manchmal bin ich auch nur etwas wild.«

»Aber du tust auch was, anders als diese Vierbeiner. Männer im Internet bloßstellen, zum Beispiel.«

»Männer? Nein. Einen Mann. Den einen Mann. Ich habe zwar schon zahlreiche Aktfotos gemacht, das gehört ja zu meinem Beruf, aber die bekamen natürlich nur die Kunden zu sehen, die sie in Auftrag gegeben hatten.«

»Was sind denn das so für Kunden?«

»Wollen wir in der Fischerhütte noch einen Kaffee trinken gehen, oder lieber nach Hause fahren?«, fragte Lisa, statt zu antworten.

Stephan nahm ganz automatisch an, dass mit zu Hause seine Wohnung gemeint war. »Ich könnte meine De Longhi veranlassen, uns zwei Getränke nach Wahl zu produzieren.«

Sie stiegen in Stephans Auto, für das sie am Elvirasteig einen Parkplatz gefunden hatten. Lisa griff unter den Beifahrersitz und warf dann etwas aus dem Fenster, als Stephan gerade losfuhr.

»Was war das denn?«

»Das Abhören hat sich seit einigen Wochen erübrigt. Ich hatte nur vergessen, die Wanze aus deinem wunderbaren HHR zu entfernen. Aber zugehört hat schon länger niemand mehr. In deiner Wohnung ist bereits alles beseitigt worden, was meine ägyptischen Freunde installiert hatten. Wir sind sozusagen freigegeben, von der Leine gelassen wie die beiden Dalmatiner eben, und nur noch unter uns.«

»Das Hemd steht dir übrigens wirklich gut«, sagte Lisa del Giocondo, als sie in Stephan Haberlings Küche standen und darauf warteten, dass die Maschine ihre Arbeit verrichtete.

Er war gespannt, ob sie tatsächlich ein Gespräch über seine Kleidung anstoßen wollte oder wie so oft gleich wieder das Thema wechseln würde. Am Morgen hatte er sich entsprechend der Entblößung im Internet gekleidet. Und entsprechend der Reihenfolge, die er vor gefühlten hundert Jahren bei der kleinen Natalie beobachtet hatte. Zuerst das T-Shirt, dann das Freizeithemd, anschließend erst Jockey-Briefs und Jeans.

Zum Restaurantbesuch hatte er Socken und feste Schuhe angezogen, zu Hause trug er gewöhnlich nur leichte Sandalen an den bloßen Füßen, so auch jetzt wieder.

Lisa musterte ihn schmunzelnd, während er die erste gefüllte Tasse gegen eine leere auswechselte und wieder auf Caffeelatte drückte. Unvermittelt nahm sie ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Er ließ es sich gerne geschehen – seinetwegen konnte dieser Augenblick sich unendlich ausdehnen. Es fühlte sich so neu und doch so alt an wie eine Erinnerung aus Kindheitstagen, die längt vergessen schien und plötzlich, vielleicht durch ein Geräusch oder einen Geruch geweckt, wieder da ist, als sei das zum Geruch oder Geräusch gehörende Ereignis erst Minuten her.

Und nun, in ihrer Umarmung, begriff er. Er verstand und fragte sich, warum er so lange gebraucht hatte.

Sanft legte er seine Arme um Lisa, ließ seine Hände über ihren Rücken streichen. Schmiegte sie sich noch enger an ihn? Er schob behutsam den Saum ihres Pullovers in die Höhe. Sie schien erleichtert auszuatmen, zumindest deutete er das Geräusch so, das er von ihrem an seine Brust gepressten Gesicht vernahm. Sie wich einige Millimeter zurück, aber nur so weit, dass es möglich wurde, sie vom Pullover zu befreien.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Wieso hatte er eine so lange Leitung gehabt? Sie hatte ihm im Internet lediglich zugefügt, was sie wollte, dass er ihr tat.

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.

Er war gerade dabei, es aufzuhalten. Nicht irgendwie, sondern auf die einzig mögliche Art und Weise. Er tastete nach ihrem Jeansgürtel.

Einige Tage später fiel ihm ein, dass ihm eine Antwort noch fehlte. Sie waren vom Einkaufen nach Hause gekommen und im Treppenhaus dem stets wachsamen Nachbarn Detlef Fischer begegnet.

»Mein Nachbar, beziehungsweise sein Kollege im Polizeilabor, war überzeugt, dass die Fotos echt, also nicht nachträglich manipuliert, waren. Hat er sich einfach geirrt oder wie hast du das angestellt?«

Lisa lachte vergnügt und erklärte: »Isis und du, ihr habt es mir sehr leicht gemacht. Der hellgrüne Hintergrund mit so gut wie keinen Farbschattierungen ist ideal, wenn man jemanden oder etwas ausschneiden und vor einen anderen Hintergrund stellen will. Das geht sogar mit bewegten Objekten, zum Beispiel im Nachrichtenstudio eines Fernsehsenders. Der Sprecher steht oder sitzt vor einer grünen Fläche. Du siehst am Bildschirm etwas ganz anderes. Das wirklich etwas Kniffelige war, ein paar Kleidungsstücke aus Deinem Schrank an die Person zu bekommen. Da musste ich mit einer Schaufensterpuppe und allerlei Tricks experimentieren.«

»Und das konnten die im Polizeilabor nicht feststellen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Erstens bin ich Profi hinter der Kamera und bei der Bearbeitung, und zweitens wollten die Leser unserer Geschichte mehrheitlich, dass die Fotos für echt befunden werden. Gegen den Leserwillen kann selbst die Polizei nichts ausrichten.«

@ Ende

clip_image028So, das war das Experiment beziehungsweise sein Ergebnis. Die letzten Fäden fügten sich erwartungsgemäß beim Schreiben zusammen.

Eine Leserin bat mich, doch einmal mitzuteilen, was ich ursprünglich im Sinn hatte, als die Erzählung begann. Die nackte Wahrheit ist: Gar nichts. Ich hatte lediglich die Idee, dass jemand ein Foto von sich selbst sieht, das sich Tag für Tag verändert. Es hätte gerahmt an der Wand hängen, in einer Schublade liegen oder in der Zeitung abgedruckt sein können. Als Blogger kam ich dann – naheliegen – auf eine Galerie im Internet als Schauplatz.

Alles weitere entwickelte sich beim Schreiben. Zum Beispiel, dass alter.ego eine Frau ist, ursprünglich hatte ich einen männlichen Unhold im Sinn. Oder dass unser Held einst mit der Schwester von alter.ego verheiratet war. Oder viele andere Inhalte der kleinen Erzählung.

Der im Text zitierte Satz von Paul Auster trifft auch auf Die Entblößung zu (obwohl sie kein Buch ist): Niemand weiß, wo ein Buch herkommt. Am allerwenigsten die Person, die es schreibt.

Mir hat das Experiment Spaß gemacht, und den Lesern offensichtlich auch. Sie wünschten sich abschließend weitere derartige oder andersartige Mitmach-Geschichten.

Ein Wunsch, auf den ich irgendwann, soweit die Zeit es zulässt, gerne zurückkommen werde.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.