Liebe machen

Kein Sex vor der Ehe! Diesen Grundsatz haben die meisten Christen wohl bereits einmal gehört. Aber was ist mit dem Sex in der Ehe? In den meisten Gemeinden scheint dieses Thema nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt. Eine Auseinandersetzung mit der schönsten Privatsache der Welt.

// Es herrscht kein Mangel an Büchern, Artikeln, Online-Ratgebern und anderen Quellen, die samt und sonders Auskunft versprechen, wie das mit Liebe, Lust und Leidenschaft am besten funktioniert. Qualität und Niveau der Angebote umspannen die Bandbreite von wissenschaftlich bis vulgär. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, durchaus auch etwas für Menschen ohne Geschmack.
Dennoch besteht Bedarf: »Wenn es um Sex geht, tun die meisten verheirateten Christen das, was für sie funktioniert. Wenn sie etwas entdeckt haben, was ihnen Befriedigung, Vergnügen, Nähe und einen Orgasmus bringt, werden sie in der Regel diese Praxis beibehalten. Dabei werden manche Paare allerdings von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich fragen, ob ihr Tun vielleicht sündig ist«, schrieben vor etlichen Jahren Melissa und Louis McBurney, professionelle Eheberater, in Christianity Today.(1) Sie berichteten, dass sie unzählige Anfragen bekommen, ob bestimmte Sexpraktiken »erlaubt« seien, weil in den Kirchen und Gemeinden das Thema Sexualität ignoriert und in den Kleingruppen auch nicht angesprochen wird. Die meisten »christlichen« Ehebücher bleiben schwammig oder stiften noch mehr Verwirrung, da der eine Autor dieses, der andere jenes verurteilt oder gutheißt – selbstverständlich immer biblisch belegt.

Biblische Moral bleibt unklar
Wer will, kann anhand der Bibel auch nachweisen, dass Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist: Die Tatsache, dass der Glaubensheld Abraham mit seiner Magd – im Einvernehmen mit der Ehefrau und sogar auf deren Vorschlag hin – einen Sohn zeugte, wird in der Bibel nicht getadelt, sondern lediglich der Beweggrund: mangelnder Glaube, dass die betagte Sarah trotz göttlicher Verheißung noch schwanger werden könnte. Nur eines von mehreren Beispielen in der Heiligen Schrift.
Die biblischen Bücher geben – im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext – diverse Hinweise zu Moral und Ethik, aber die Bibel war nie ein Ratgeber zum Sex in der Ehe. Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges und vielseitiges Portrait Gottes. Die zahlreichen Autoren der biblischen Bücher steuern das jeweilige Bild, wie sie Gott erkennen und erleben, bei. So entsteht ein Puzzle, das uns ahnen lässt, wer und wie Gott ist. Die Bibel ist aber kein Handbuch über sexuelle Spielarten und Praktiken, auch wenn manche frommen Autoren so tun als könnten sie eins aus ihr machen.

Als sexuelle Wesen geschaffen
Wir können immerhin getrost davon ausgehen, dass der Schöpfer von der Intensität unserer Empfindungen nicht überrascht ist, denn er hat uns mit sexuellem Verlangen, den entsprechenden Organen und Hormonen sowie der mentalen Fähigkeit zu erotischen Höhenflügen ausgestattet. Daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert. Adam besaß Penis und Hoden, Eva Vagina, Klitoris und Brüste. Da sie Kinder in die Welt setzten, wussten sie offenbar auch damit umzugehen. Wie häufig sie Sex hatten, in welchen Stellungen, wann und wie sie zum Orgasmus kamen – und ob das jeweils sündig oder zulässig war – ist uns nicht überliefert.

Was ist erlaubt?
Daher die Unsicherheit unter Christen, von der die McBurneys berichteten. Sie ist auch hierzulande verbreitet. Was ist erlaubt? Was ist verboten? Eine Antwort in Form einer Liste von »guten« und »bösen« Aktivitäten mag sich mancher wünschen, aber auch ich kann und will sie nicht zusammenstellen. Die Missionarsstellung als einzige für Christen zulässige Form des Geschlechtsverkehrs – solche religiösen Gesetze sind Gott sei Dank Vergangenheit im Christentum. Manche frommen Ratgeber stellen heute neue Regeln auf. Doch darum geht es beim Thema Liebe, Leidenschaft und Lust gar nicht.

Unterschiede feiern
Den meisten Paaren wird schnell bewusst, dass es bezüglich der Intensität und der Bandbreite des sexuellen Verlangens Unterschiede zwischen den Partnern gibt. Ob nun der Mann häufiger Sex möchte oder die Frau, wer von beiden experimentierfreudiger ist oder Vorlieben für bestimmte Stellungen und Praktiken entwickelt, spielt keine Rolle, denn gerade die Unterschiedlichkeit ist eine Chance: Auch im Bett – oder wo immer man Sex genießen möchte – können gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Achtung der Einzigartigkeit des Partners, bewiesen werden. Eine Frau, die häufiger mit ihrem Mann schläft als es ihrem Verlangen entspricht, die Varianten der Stimulation ausprobiert, mit denen ihr Mann experimentieren möchte, beschenkt ihren Partner. Ein Mann, der seinen Sextrieb zügelt und sich Gedanken macht, wie er das Vergnügen seiner Frau steigern kann, der schnell zum Orgasmus käme, sich aber Zeit für ihren Höhepunkt nimmt, beschenkt seine Partnerin.
Solche Geschenke sind Kennzeichen der Liebe. Das gilt übrigens für alle Lebensbereiche, nicht nur für die erotische Komponente der Ehe. Das biblische »achte einer den anderen höher als sich selbst«(2) kann sich nur im alltäglichen Umgang miteinander, in guten wie in schlechten Tagen, beweisen. Wenn zwei Menschen so miteinander umgehen, entsteht im Lauf der Zeit eine Basis des Vertrauens, die für ein genussvolles langjähriges Sexleben unerlässlich ist. Liebe kann und soll wachsen, zunehmen, stark werden. Die Grundlage ist das gegenseitige Vertrauen, entstanden aufgrund der täglich erlebten Achtung und Wertschätzung, mit der ein Paar sich beschenkt.

Entspannt experimentieren
Auf einem solchen Fundament der Liebe, in der Geborgenheit des Vertrauens, ist es erlaubt, dass nicht immer alles klappt. Oralsex, gegenseitige oder gemeinsame Masturbation, verschiedene Stellungen, Experimente mit Vibrator oder anderem Spielzeug, intime Massagen, Sex an ungewöhnlichen Orten – all das kann das Sexleben bereichern. Oder auch nicht. Das muss (und wird) jedes Paar selbst herausfinden. Wenn die Partner einander wirklich bedingungslos vertrauen, dann ist es keine Katastrophe, wenn der Orgasmus ausbleibt, der Penis nicht steif wird oder wenn man feststellt, dass etwas eben keinen Spaß macht oder eine Stellung nicht funktioniert.
Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, um Höchstleistungen, um Pflichtübungen, sondern Sex soll Vergnügen bereiten. Beiden, die daran beteiligt sind. Mal wird er, mal sie mehr Genuss empfinden, mal schaffen es beide in schwindelerregende Gefühlshöhen. Nicht alles macht allen Menschen gleich viel Spaß. Abwechslung, Experimentierfreude und eine gehörige Portion Humor – falls etwas nicht gelingt – können dazu beitragen, dass Sex nicht zur Routine wird, sondern aufregend bleibt.

Eine goldene Regel
Nun mag mancher fragen: Aber was ist denn nun erlaubt? Was ist verboten? Eigentlich brauchst du eine solche Liste gar nicht mehr, falls ich mich bisher klar genug ausgedrückt habe: Ihr werdet es selbst herausfinden, wenn ihr einander achtet und liebt. Falls du wissen willst, wo beim Sex die Grenze liegt und dafür eine einprägsame Regel möchtest, so fällt die aus meiner Sicht sehr einfach aus:
• Es ist euch beiden erlaubt, »Nein« zu sagen.
• Es ist euch beiden nicht erlaubt, ein »Nein« zu ignorieren.
Das gilt für alle Lebensbereiche. Wer sich auch im Sexleben daran hält, hat gute Chancen auf lebenslangen erotischen Genuss, auf Leidenschaft und Liebe in seiner Ehe.

Sex auch nach Jahrzehnten
Die erotische Hitze der frühen Beziehung wird nicht ewig lodern. Jungen Menschen erscheint das zwar meist unvorstellbar, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Der Körper deines Ehepartners wird altern, genau wie deiner. Die Hormonproduktion wird sich ändern. Dein Sexualtrieb wird abnehmen. Deine körperliche Leistungsfähigkeit wird zurückgehen. Doch das heißt nicht, dass es in den reiferen Jahren keine Leidenschaft, keinen Sex mehr geben wird. Wer in jungen Jahren ein solides Fundament gelegt hat, wird auch nach zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch Lust auf Sex und Spaß am Sex haben – mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau.
Liebe braucht Pflege. Von den frühen bis zu den späten Lebensjahren. Es gibt Lustkiller, denen man mehr und andere, denen man weniger aus dem Weg gehen kann. Überarbeitung, Stress im Beruf, Krankheit, Sorge oder Notlage – das lässt sich nicht immer einfach abschalten. Aber gegen übermäßigen Alkoholkonsum kann man genauso etwas tun wie gegen ein ungepflegtes Äußeres. Dass es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Streit, gibt, kommt in so gut wie jeder Ehe vor. Aber dass du trotzdem nie die Achtung vor deinem Partner verlierst, liegt in deiner Verantwortung.
Die Liebe eines Paares kann frisch bleiben, auch wenn die Brüste nicht mehr so fest sind und die Erektion sich nicht mehr so unmittelbar einstellt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht wird euch gerade das zu neuer Fantasie beflügeln, euch auf neue Ideen kommen lassen, wie die Lust entzündet werden kann. Es lohnt sich, die Liebe lebendig zu erhalten.
Darf ich dir zum Schluss ein Geheimnis verraten? Ich werde in diesem September 56 Jahre alt und habe immer noch Spaß an Liebe, Lust und Leidenschaft.

Fußnoten: 
www.christianitytoday.com/mp/2001/spring/4.34.html
Philipper 2,3

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Geschrieben für die Zeitschrift Oora

Männer auf dem Weg – zu schade zum Vergessen

Es war ein Experiment, das ich mit Unterstützung eines Freundes (der selbst allerdings kaum etwas geschrieben oder beigetragen hat, er war nur der offizielle Leiter) gewagt habe: Ein Minimagazin von jeweils 4 Seiten von Männern für Männer. Immerhin sechs Ausgaben und eine Unvollendete sind zwischen Mai 2006 und Juli 2007 zustande gekommen.

Dann kamen ein paar Veränderungen unverhofft über unser kleines Team und das Männerforum samt Blog und Magazin wurde eingestellt. Nun stieß ich neulich beim Aufräumen der Festplatte auf die Dateien und habe ein wenig darin geschmökert. Ich fand sie zum Teil gar nicht so schlecht…

Vielleicht findet ja der eine oder andere Leser auch etwas, was ihn interessiert, daher stelle ich die PDF-Dateien hier wieder (es gab sie schon mal auf dem Männerblog) zum Herunterladen zur Verfügung. Für Männer und Frauen.

  • Ausgabe 1: Mann oder Frau oder was? // Ein Mann lernt beten // und mehr…
  • Ausgabe 2: Ein neues Vaterbild? // Der verdorrte Mann // und mehr…
  • Ausgabe 3: Ungezähmte Emotionen // Sex wird zum Albtraum // und mehr…
  • Ausgabe 4: Adam, wo bist du? // Erotik-Killer in der Ehe // und mehr…
  • Ausgabe 5: Mann ist fit, oder? // Selbst ist der Mann? // und mehr…
  • Ausgabe 6: Karriere – ganz anders // Vergebliche Suche // und mehr…
  • Die Unvollendete 7: Vom Egotrip zum Miteinander // Deutsch zum Abgewöhnen // und mehr…

P.S.: Wir hatten nichts mit einer gleichnamigen Gruppe in Nürnberg zu tun. Weder inhaltlich, noch sonst irgendwie.

Dauerkontroverse Masturbation

88 und 78 Prozent

Bei anonymisierten Umfragen* unter verheirateten Christen in Amerika antworteten 22 Prozent der Frauen, dass sie nicht masturbieren – 78 Prozent tun es demnach. Die meisten von ihnen zwischen einmal monatlich und mehrmals wöchentlich. Bei den Männern gaben nur 12 Prozent an, dass sie nicht masturbieren, die Häufigkeit bei den verbleibenden 88 Prozent ist in etwa gleich verteilt.

Masturbation in der Ehe – eine verheimlichte Angelegenheit? Eher nicht: Nur 20 Prozent der befragten Männer meinten, ihre Frau wüsste nichts davon oder würde es vielleicht vermuten (ohne dass die Ehepartner darüber gesprochen hätten). Von den Frauen gaben lediglich 10 Prozent diese Antwort. Das zeigt, dass in den meisten Ehen bei dem Thema Offenheit herrscht. Dadurch, dass die Antworten anonym gegeben werden konnten, ist eine gewisse Ehrlichkeit anzunehmen.

Darüber spricht man nicht

Es gibt keinen Mangel an Literatur zum Thema christliche Ehe. Sowohl für die Partnerwahl als auch für den Beginn und den Alltag in der Ehe findet man eine reichliche Auswahl an Büchern. Auch für Teenager männlichen und weiblichen Geschlechts wartet eine Fülle von Literatur in den Regalen. Von Musik über Freundschaften bis zu Gemeindeaktivitäten werden allerlei Themen behandelt.

Allerdings werden viele Autoren plötzlich schwammig in den Formulierungen, wenn es um den Bereich der Sexualität geht und verstummen ganz, was die Masturbation betrifft. Häufig werden, wenn das Thema überhaupt angesprochen wird, Idealgemälde entworfen, die vom Alltag der Leserinnen und Leser weit entfernt sind oder Behauptungen aufgestellt, die jeglicher Grundlage in der Bibel entbehren. Aber wie so oft ist es dann so, dass es ja schließlich ein »christliches Buch« aus einem »christlichen Verlag« von einem »christlichen Autor« ist – und daher muss ja wohl alles stimmen, was es da zu lesen gibt.

Statt solcher Prämissen und Spekulationen wollen wir mal die Bibel befragen.

Der biblische Befund

Selbstbefriedigung ist ein Thema, das unter Christen kaum angesprochen wird, und wenn, dann meist mit dem erhobenen Verbotszeigefinger. Der Frage, ob es für das Tabu irgend eine biblische Begründung gibt, gingen Paul und Lory Byerly, Gründer der christlichen Eheberatung The Marriage Bed**, nach:

Wir haben eine Menge Erklärungen gehört, warum Masturbation Sünde sein soll, aber bisher ist niemand in der Lage gewesen, uns einen guten Grund zu nennen, warum die Bibel das nicht aussagt. Gibt es irgend eine sexuelle Sünde, die in der Bibel nicht klar definiert ist? Es gibt Schriftstellen, die eindeutig zu Unzucht, Ehebruch, Lust, Inzest, Vergewaltigung, Homosexualität und sogar Sex mit Tieren Stellung beziehen. Sicher ist der Drang zu masturbieren wesentlich mehr verbreitet als die Lust auf eine der genannten Sünden, und dennoch verliert die Bibel kein einziges Wort über das Thema. Wenn Gott es für notwendig hielt, uns zu sagen, dass wir keinen Sex mit Tieren haben sollen, warum fand er es dann nicht ebenso notwendig, uns die Masturbation zu untersagen?

Es scheinen nur drei Antworten möglich zu sein, warum „Du sollst nicht masturbieren!” nicht in der Bibel steht.

1. Es wurde vergessen
2. Man braucht besonderes Wissen oder geistliche Einsichten, um diese Wahrheit zu erkennen
3. Masturbation ist keine sündige Handlung

Nummer 1 macht die Bibel unvollständig. Nummer 2 ist die Irrlehre des Gnostizismus. Somit bleibt nur Nummer 3 als Antwort übrig.

Mancher wird sagen, es spiele keine Rolle, warum Gott es nicht gesagt hat. Es spielt aber durchaus eine Rolle, wenn man dem, was die Bibel lehrt, ein Gebot hinzufügen will. Dann muss man nämlich auch erklären, warum Gott es nicht selbst gesagt hat, sondern jemandem eine Erkenntnis anvertraut, um das in der Bibel Versäumte zu ergänzen. Es fällt schon außerordentlich schwer, das Schweigen der Bibel zum Thema zu erklären, selbst wenn jemand überzeugt ist, Masturbation sei sündig.

Die meisten Argumente, die man von denjenigen hört, die Selbstbefriedigung für Sünde halten, sind nur so lange einigermaßen nachvollziehbar, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass die ablehnende Auffassung richtig sei. Wenn jedoch jemand mit der Frage die Bibel studiert: „Ist das Sünde?”, anstatt nach Argumenten für eine bereits vorgefasste Meinung zu suchen, sind die Resultate ganz anders. Nur auf diese Weise kommen wir aber zu sauberen biblischen Antworten, egal um welches Thema es sich dreht.

Es gibt allerdings einige ernstzunehmende Vorbehalte, was die Masturbation von Eheleuten betrifft. Wir sind in der Ehe für einander da, auch um die sexuellen Bedürfnisse des Partners zu erfüllen. Daher kann man mit Fug und Recht Masturbation als falsch bezeichnen, wenn dadurch der Partner zu kurz kommt. Außerdem kann es durchaus ein Hinweis sein, dass mit der Sexualität in der Ehe etwas nicht im Gleichgewicht ist, wenn der Drang zur Masturbation übermäßig hervortritt. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Ehepartner einen stärkeren Sexualtrieb hat als der andere, so dass Masturbation sicher die bessere Lösung ist als Geschlechtsverkehr nur ihm oder ihr zuliebe – von außerehelichen Eskapaden ganz zu schweigen. Die sind nämlich tatsächlich Sünde, und das sagt die Bibel auch.
Ein weiterer Aspekt: Wenn Masturbation vor dem Partner verheimlicht wird, ist auf jeden Fall das Vertrauensverhältnis in der Ehe nicht so, wie es sein sollte. Und das ist eindeutig falsch, wenn zwei Menschen eins werden.

Dale Kaufman***, Jugendpastor seit über 20 Jahren, verheiratet und Vater von zwei Söhnen, hat den einzig in Frage kommenden biblischen Befund untersucht:

Die Gelehrten debattieren seit Jahren darüber, ob die Sünde Onans, die in 1. Mose 38, 8-10 berichtet wird, Masturbation war. »Da aber Onan wußte, dass die Nachkommen nicht ihm gehören würden, geschah es, wenn er zu der Frau seines Bruders einging, daß er den Samen auf die Erde fallen und verderben ließ, um seinem Bruder keine Nachkommen zu geben.«
Eigentlich wird jedem aufmerksamen Leser klar, dass die Sünde darin lag, Empfängnisverhütung zu betreiben, ein Coitus Interruptus vor dem Orgasmus. Er ging ja zu ihr ein, hatte Sex mit ihr… Es ging darum, dass er nicht seiner Verpflichtung im Gesetz nachkommen wollte, der Frau Nachwuchs zu schenken. Diese Vorschrift finden wir im mosaischen Gesetz in 5. Mose 25, 5-6: »Wenn Brüder zusammen wohnen und einer von ihnen stirbt und hat keinen Sohn, dann soll die Frau des Verstorbenen nicht auswärts einem fremden Mann angehören. Ihr Schwager soll zu ihr eingehen und sie sich zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe vollziehen.«

Der Begriff Onanie, der heute kaum noch verwendet wird, ist für die Masturbation ungeeignet. Allenfalls könnte man von Onanie sprechen, wenn jemand Empfängnisverhütung betreibt, mit welchen Mitteln auch immer. Die Schwagerehe ist Vergangenheit, zumal sie in vielen Fällen nicht mit der Monogamie vereinbar wäre. Wenn der überlebende Bruder nämlich schon eine Frau hat, und dann »zur Schwägerin eingehen« soll, wäre der Aufschrei in der Christenheit ein unüberhörbarer.

Heißt das nun, dass die 78 Prozent Frauen und 88 Prozent Männer aus der eingangs erwähnten Befragung unbedingt das Richtige tun? Das kommt, wie so oft, ganz auf den Einzelnen an. Kaufmann beschäftigt sich auch mit den Grenzen, die er in der Bibel findet:

Gibt es Grenzen, die wir im Wort Gottes für die Masturbation finden? In welchem Kontext wird eine an und für sich nicht sündige Handlung doch zur Sünde?

Die erste Grenze finden wir in 1. Korinther 6, 19-20. Im Zusammenhang mit sexueller Unmoral sagt Paulus: »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott hab, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden. Verherrlicht nun Gott mit eurem Leib!«
Obwohl es keine Schriftstelle gibt, die Masturbation als Sünde bezeichnet, müssen wir uns fragen, inwieweit sie mit dem Heiligen Geist, der in uns wohnt, kollidiert. Die Masturbation, die jemand allein für sich betreibt, fügt dem Körper keinerlei Schaden zu, sie beinhaltet auch nicht die Vereinigung von zwei Körpern und Seelen, wie es beim Geschlechtsverkehr geschieht. Durch das Lösen der sexuellen Anspannung (vor allem bei Jugendlichen beider Geschlechter) kann sie sogar ein Schutzwall sein – vor sündigen Handlungen wie Sex vor der Ehe, Prostitution oder gleichgeschlechtlichen Abenteuern, wie sie vor allem Pubertierende auf Klassenreisen, Freizeiten oder bei der Übernachtung im Zimmer von Schulfreunden und -freundinnen häufig erleben.
So gesehen kann die Masturbation dazu beitragen, Gott mit dem Körper zu ehren, weil der Versuchung zur Sünde leichter zu widerstehen ist, wenn es das Ventil Masturbation für den aufgewühlten Hormonstrudel gibt.

Man sollte hier hinzufügen, dass alles, was an und für sich keine Sünde darstellt, missbraucht werden kann. Der Alkoholgenuss ist eindeutig keine Sünde, wohl aber warnt Paulus, der seinem Schüler Timotheus ausdrücklich anrät, nicht nur Wasser, sondern auch Wein zu trinken, an anderer Stelle vor der Trunkenheit.

Doch zurück zu Dale Kaufmanns Ausführungen.

Eine weitere Grenze sehen wir in Philipper 4, 8: »Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt!«
Hier geht es um unseren Geist, unsere Gedankenwelt. Einer der Gründe für die verbreitete Ablehnung der Masturbation unter Christen – ungeachtet der Praxis hinter verschlossenen Türen – ist zweifellos, dass die meisten Autoren, die sich zu Wort melden, davon ausgehen, beim Masturbieren müsse man sexuelle Phantasien haben, um einen Orgasmus zu erleben. Natürlich können sexuelle Phantasien beim Masturbieren dabei sein, aber es ist schlicht und einfach so, dass dies keine Voraussetzung ist. Es liegt beim Einzelnen, woran er denkt. Der Körper ist von Gott so geschaffen, dass er auf Stimulation der Geschlechtsorgane reagiert, aber das beinhaltet keineswegs den Zwang zu unreinen Gedanken. Es ist so notwendig, bei der Masturbation über das Mädchen von nebenan nachzudenken, wie es notwendig ist, sich beim Essen im McDonalds ein saftiges Steak auszumalen.

Umgekehrt gilt natürlich, dass das Betrachten von Pornographie sexuelle Erregung hervorrufen und Phantasien entfesseln kann – und somit der Schritt zur Sünde nicht weit ist. Die Sünde ist aber nicht die Selbstbefriedigung, sondern das, was ihr in solchen Fällen voraus geht beziehungsweise was sie gedanklich begleitet. Gerade bei Jugendlichen sind sexuelle Phantasien vollkommen normal, sie gehören zum Erwachsenwerden. Dazu bedarf es keiner Pornographie. Martin Luther soll gesagt haben: »Du kannst nicht verhindern, dass ein Vogelschwarm über deinen Kopf hinwegfliegt. Aber du kannst verhindern, dass er in deinen Haaren nistet.«

Pastor Kaufmann meint abschließend:

Wenn eine Person masturbiert, wird der Körper auf die Stimulation reagieren, gemäß der vom Schöpfer verliehenen physischen Reaktionen und Funktionen. Dazu sind keine unreinen Gedanken oder Phantasien notwendig. Dass dabei Entspannung und Wohlgefühle nicht ausbleiben, gehört ebenfalls zum Schöpfungsplan.

Ein legitimes Ventil

Bei der bereits zitierten Untersuchung wurde auch nach dem Alter gefragt, in dem die Männer die Masturbation »entdeckt« hatten. Alle Antworten schlossen den Zeitraum vom 7. Lebensjahr bis zum 15. Lebensjahr ein. Kein einziger nannte einen früheren oder späteren Zeitpunkt. Bei den Frauen ergab sich ein ähnliches Bild, allerdings gaben 6 % an, schon vor dem 7. Lebensjahr, und 3 % erst nach dem 25. Lebensjahr erstmals masturbiert zu haben.

Vor allem für männliche Teenager ist die Masturbation ein legitimer und sündloser Weg, mit dem Testosteronschub und dem hormonellen Chaos, den häufigen Erektionen und – bei Verdrängung fast unausweichlichen – sexuellen Phantasien fertig zu werden.

Das gilt aber auch für Singles nach der Pubertät. Dale Kaufman und seine Frau berichtet von unzähligen Seelsorgegesprächen mit Christen beider Geschlechter, die schließlich, weil der Sexualtrieb ja durch das Singledasein nicht ausgeschaltet ist und sie Masturbation für sündig hielten, auf die Verlockungen durch Prostitution oder aussereheliche Beziehungen hereingefallen sind. Das Verbot einer Handlung, die nirgends in der Bibel als Sünde auch nur angedeutet wird, führte zu einer Handlung, deren Sündhaftigkeit ausser Frage steht.

Natürlich fällt nicht jeder Alleinstehende darauf herein, wenn er nicht masturbiert. Es gibt Menschen beiderlei Geschlechtes, die ihren Sexualtrieb sublimieren und dabei keinen Mangel empfinden. Oder Menschen, die schlicht und einfach ohne auskommen und sich pudelwohl dabei fühlen. So wie es kein Verbot der Masturbation gibt, darf man selbstverständlich kein Gebot daraus machen: Du sollst masturbieren. Das wäre so fatal wie das andere Extrem.

Singles und Teenager, die weder Unzucht noch Ehebruch in Betracht ziehen wollen und deshalb masturbieren, sind das eine. Bei den eingangs zitierten Umfragen ging es dagegen um Eheleute. Wie sieht es nun damit aus?

Vertrauen in der Ehe

Es gehört auf jeden Fall zur Vertrauensbasis einer gelungenen Ehe, dass die Partner einander kennen, einschließlich der sexuellen Wünsche und Vorlieben des Partners. Viele verheiratete Paare, auch das zeigte die Umfrage, masturbieren zusammen, oder der Partner weiß zumindest davon (90 Prozent der Frauen und 80 Prozent der Männer gaben entsprechende Antworten). Masturbation als Bestandteil des ehelichen Sexuallebens ist weiter verbreitet, als mancher Puritaner annimmt. In den Armen des geliebten Menschen zum Orgasmus zu kommen schließt für viele Ehepaare auch Masturbation ein. Dabei ist die Nähe des Partners fast schon ein Garant dafür, dass keine unreinen Phantasien ausufern.

Nun mag man fragen: Wozu eigentlich, wenn doch dem Geschlechtsverkehr (abgesehen von Zeiten der beruflichen Trennung oder Krankheit etc.) nichts entgegen steht.

Die meisten befragten Ehepaare sehen Masturbation als Bereicherung, als eine Aktivität unter vielen anderen, meist als Bestandteil des Vorspieles. So normal und selbstverständlich wie alles andere, was im Ehebett geschieht.

Für viele Ehemänner (und deren Frauen) ist Masturbation darüber hinaus die Lösung eines gewaltigen Problems: Vorzeitiger Samenerguss. Gerade jüngere Männer leiden (meist mehr als ihre Frauen) darunter, dass sie viel zu schnell ejakulieren. Paare, die übereingekommen sind, dass der Mann (ob nun im Beisein der Frau oder alleine) zwei oder drei Stunden vor dem Zusammenkommen masturbiert, haben einen deutlichen Rückgang des zu schnellen Höhepunktes beim Mann festgestellt und sind darüber zu einem viel entspannteren, und auch für die Frau erfüllteren Sexualleben gekommen. Die Verkrampfung des Mannes (ich darf noch nicht, will noch nicht…) führt meist gerade zum gegenteiligen Effekt, er ejakuliert womöglich noch schneller oder hat überhaupt keinen Spaß am Sex. Welche Frau würde das wollen? Aus diesem Kreislauf konnten ganz natürlich und ohne jeglichen Krampf 87 % der vom vorzeitigen Samenerguss betroffenen Paare ausbrechen, als sie die Masturbation in ihr Sexleben integrierten.

Noch ein Pluspunkt für die Masturbation in der Ehe sei nicht verschwiegen: Aus nachvollziehbaren Gründen wissen die meisten christlichen Männer, wenn sie heiraten, erst einmal kaum etwas oder recht wenig über den Zusammenhang von weiblichem Orgasmus und Klitoris. Wenn ihnen die Partnerin zeigt, was ihr angenehm ist und wie sie den Höhepunkt erreicht, haben letztendlich beide etwas davon, denn ein erfülltes Sexualleben ist eine der Grundlagen für eine beständige und haltbare Ehe. Manche Frau meint: Er wird schon irgendwie herausfinden, was er tun soll. Das Problem ist: Wenn er sich von einschlägigen pornographischen Darstellungen des weiblichen Orgasmus fernhält, stehen die Chancen denkbar schlecht.

Erstaunlich viele Frauen berichten nach langjähriger Ehe, dass sie beim Zusammensein mit ihrem geliebten Ehemann noch nie einen Orgasmus erlebt haben. Häufig liegt das nicht an mangelndem Willen des Mannes, sondern schlicht an dessen Unkenntnis, was denn eine Klitoris und inwiefern sie für den weiblichen Orgasmus entscheidend ist.

Dies gilt übrigens nicht nur für Männer, manche Frau hat keine Ahnung, warum zwar der Mann einen Orgasmus erlebt, sie selbst jedoch nie. Das gemeinsame Masturbieren oder das Masturbieren allein mit Wissen des Ehepartners (was viele anfangs vorziehen) vermag so mancher schal gewordenen Ehebeziehung neuen oder überhaupt erst erotischen Schwung zu geben.

Übrigens gibt es, führt der amerikanische Forscher B. A. Robinson aus, einen Hinweis im Mosaischen Gesetz, dass Masturbation in der ehelichen Beziehung als normal angesehen wurde:

Unter den 613 Vorschriften, die als mosaisches Gesetz zusammengefasst werden, wird auch aufgeführt, dass ein Mann unrein wird, sobald er ejakuliert hat (so wie jede Frau unrein wird, wenn sie ihre Menstruation hat, siehe 3. Mose 15 ab Vers 19).

Die folgenden drei Verse aus 3. Mose 15 werden häufig so ausgelegt, dass es in Vers 16 und 17 um die Ejakulation ohne Anwesenheit der Partnerin geht, während Vers 18 eindeutig auf den Samenausstoß beim Zusammensein bezogen ist:

16-17: Und wenn einem Mann der Samenerguß entgeht, dann soll er sein ganzes Fleisch im Wasser baden, und er wird bis zum Abend unrein sein. Und jedes Kleid und jedes Fell, worauf der Samenerguß kommt, soll im Wasser gewaschen werden, und es wird bis zum Abend unrein sein.

18: Und eine Frau, bei der ein Mann liegt mit Samenerguß, – sie sollen sich im Wasser baden und werden bis zum Abend unrein sein.

Diese Reinheitsvorschriften (sowie fast alle anderen aus dem mosaischen Gesetz) werden von den Christen heute generell ignoriert. Man könnte nun natürlich behaupten, dass hier vom nächtlichen Samenerguss die Rede ist, aber es gibt dafür genauso viele Indizien wie für die Interpretation, dass es um Masturbation geht. Nämlich gar keine.

Kein Masturbationsgebot

Wichtig ist jedoch, um es noch einmal deutlich zu wiederholen: Nicht masturbieren ist genauso in Ordnung. Niemand darf zu irgend einem Verhalten gedrängt oder gar gezwungen werden, auch nicht vom Ehepartner. Über Wünsche und Ideen reden ist das eine, aber wenn der Partner oder die Partnerin etwas nicht will, dann wäre es völlig inakzeptabel, darauf zu bestehen. Es gibt genug Menschen, die ohne Masturbation zufrieden und glücklich leben; warum sollten sie daran etwas ändern?

Die Diskussionen werden wohl weiter gehen. Dieser Artikel schildert eine Sicht der Dinge, die sich auf den biblischen Befund stützt: Kein Wort darüber in der Heiligen Schrift. Masturbation ist nicht nur erlaubt, sondern bringt in vielen Fällen positive Ergebnisse. Doch ein Gebot daraus zu machen, wäre der falscheste aller möglichen Wege, mit sich dem Thema zu beschäftigen.

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[Weitere Informationen und Quellen]

* Die Umfragen (in Englisch) sind für angemeldete User zu finden in diesem Forum: The Marriage Bed Forum

** Die Hauptseite der Eheberatung (in Englisch) ist hier zu finden: The Marriage Bed Main Page

*** Mehr über Pastor Dale Kaufmann: Christian Speakers / Love Life Ministries

Eines der wenigen bezüglich Masturbation unverkrampften Bücher für Teenager auf Deutsch ist Alles Sex oder was? von Jürgen Höppner.

Weitere Informationen aus christlicher Sicht (in Englisch):

* Boys Under Attack about Christian Concerns
* How Masturbation became known as a sin

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Dieser Artikel ist in der Zeitschrift The Race, Ausgabe 30, erschienen.

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