Liebe machen

Kein Sex vor der Ehe! Diesen Grundsatz haben die meisten Christen wohl bereits einmal gehört. Aber was ist mit dem Sex in der Ehe? In den meisten Gemeinden scheint dieses Thema nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt. Eine Auseinandersetzung mit der schönsten Privatsache der Welt.

// Es herrscht kein Mangel an Büchern, Artikeln, Online-Ratgebern und anderen Quellen, die samt und sonders Auskunft versprechen, wie das mit Liebe, Lust und Leidenschaft am besten funktioniert. Qualität und Niveau der Angebote umspannen die Bandbreite von wissenschaftlich bis vulgär. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, durchaus auch etwas für Menschen ohne Geschmack.
Dennoch besteht Bedarf: »Wenn es um Sex geht, tun die meisten verheirateten Christen das, was für sie funktioniert. Wenn sie etwas entdeckt haben, was ihnen Befriedigung, Vergnügen, Nähe und einen Orgasmus bringt, werden sie in der Regel diese Praxis beibehalten. Dabei werden manche Paare allerdings von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich fragen, ob ihr Tun vielleicht sündig ist«, schrieben vor etlichen Jahren Melissa und Louis McBurney, professionelle Eheberater, in Christianity Today.(1) Sie berichteten, dass sie unzählige Anfragen bekommen, ob bestimmte Sexpraktiken »erlaubt« seien, weil in den Kirchen und Gemeinden das Thema Sexualität ignoriert und in den Kleingruppen auch nicht angesprochen wird. Die meisten »christlichen« Ehebücher bleiben schwammig oder stiften noch mehr Verwirrung, da der eine Autor dieses, der andere jenes verurteilt oder gutheißt – selbstverständlich immer biblisch belegt.

Biblische Moral bleibt unklar
Wer will, kann anhand der Bibel auch nachweisen, dass Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist: Die Tatsache, dass der Glaubensheld Abraham mit seiner Magd – im Einvernehmen mit der Ehefrau und sogar auf deren Vorschlag hin – einen Sohn zeugte, wird in der Bibel nicht getadelt, sondern lediglich der Beweggrund: mangelnder Glaube, dass die betagte Sarah trotz göttlicher Verheißung noch schwanger werden könnte. Nur eines von mehreren Beispielen in der Heiligen Schrift.
Die biblischen Bücher geben – im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext – diverse Hinweise zu Moral und Ethik, aber die Bibel war nie ein Ratgeber zum Sex in der Ehe. Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges und vielseitiges Portrait Gottes. Die zahlreichen Autoren der biblischen Bücher steuern das jeweilige Bild, wie sie Gott erkennen und erleben, bei. So entsteht ein Puzzle, das uns ahnen lässt, wer und wie Gott ist. Die Bibel ist aber kein Handbuch über sexuelle Spielarten und Praktiken, auch wenn manche frommen Autoren so tun als könnten sie eins aus ihr machen.

Als sexuelle Wesen geschaffen
Wir können immerhin getrost davon ausgehen, dass der Schöpfer von der Intensität unserer Empfindungen nicht überrascht ist, denn er hat uns mit sexuellem Verlangen, den entsprechenden Organen und Hormonen sowie der mentalen Fähigkeit zu erotischen Höhenflügen ausgestattet. Daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert. Adam besaß Penis und Hoden, Eva Vagina, Klitoris und Brüste. Da sie Kinder in die Welt setzten, wussten sie offenbar auch damit umzugehen. Wie häufig sie Sex hatten, in welchen Stellungen, wann und wie sie zum Orgasmus kamen – und ob das jeweils sündig oder zulässig war – ist uns nicht überliefert.

Was ist erlaubt?
Daher die Unsicherheit unter Christen, von der die McBurneys berichteten. Sie ist auch hierzulande verbreitet. Was ist erlaubt? Was ist verboten? Eine Antwort in Form einer Liste von »guten« und »bösen« Aktivitäten mag sich mancher wünschen, aber auch ich kann und will sie nicht zusammenstellen. Die Missionarsstellung als einzige für Christen zulässige Form des Geschlechtsverkehrs – solche religiösen Gesetze sind Gott sei Dank Vergangenheit im Christentum. Manche frommen Ratgeber stellen heute neue Regeln auf. Doch darum geht es beim Thema Liebe, Leidenschaft und Lust gar nicht.

Unterschiede feiern
Den meisten Paaren wird schnell bewusst, dass es bezüglich der Intensität und der Bandbreite des sexuellen Verlangens Unterschiede zwischen den Partnern gibt. Ob nun der Mann häufiger Sex möchte oder die Frau, wer von beiden experimentierfreudiger ist oder Vorlieben für bestimmte Stellungen und Praktiken entwickelt, spielt keine Rolle, denn gerade die Unterschiedlichkeit ist eine Chance: Auch im Bett – oder wo immer man Sex genießen möchte – können gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Achtung der Einzigartigkeit des Partners, bewiesen werden. Eine Frau, die häufiger mit ihrem Mann schläft als es ihrem Verlangen entspricht, die Varianten der Stimulation ausprobiert, mit denen ihr Mann experimentieren möchte, beschenkt ihren Partner. Ein Mann, der seinen Sextrieb zügelt und sich Gedanken macht, wie er das Vergnügen seiner Frau steigern kann, der schnell zum Orgasmus käme, sich aber Zeit für ihren Höhepunkt nimmt, beschenkt seine Partnerin.
Solche Geschenke sind Kennzeichen der Liebe. Das gilt übrigens für alle Lebensbereiche, nicht nur für die erotische Komponente der Ehe. Das biblische »achte einer den anderen höher als sich selbst«(2) kann sich nur im alltäglichen Umgang miteinander, in guten wie in schlechten Tagen, beweisen. Wenn zwei Menschen so miteinander umgehen, entsteht im Lauf der Zeit eine Basis des Vertrauens, die für ein genussvolles langjähriges Sexleben unerlässlich ist. Liebe kann und soll wachsen, zunehmen, stark werden. Die Grundlage ist das gegenseitige Vertrauen, entstanden aufgrund der täglich erlebten Achtung und Wertschätzung, mit der ein Paar sich beschenkt.

Entspannt experimentieren
Auf einem solchen Fundament der Liebe, in der Geborgenheit des Vertrauens, ist es erlaubt, dass nicht immer alles klappt. Oralsex, gegenseitige oder gemeinsame Masturbation, verschiedene Stellungen, Experimente mit Vibrator oder anderem Spielzeug, intime Massagen, Sex an ungewöhnlichen Orten – all das kann das Sexleben bereichern. Oder auch nicht. Das muss (und wird) jedes Paar selbst herausfinden. Wenn die Partner einander wirklich bedingungslos vertrauen, dann ist es keine Katastrophe, wenn der Orgasmus ausbleibt, der Penis nicht steif wird oder wenn man feststellt, dass etwas eben keinen Spaß macht oder eine Stellung nicht funktioniert.
Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, um Höchstleistungen, um Pflichtübungen, sondern Sex soll Vergnügen bereiten. Beiden, die daran beteiligt sind. Mal wird er, mal sie mehr Genuss empfinden, mal schaffen es beide in schwindelerregende Gefühlshöhen. Nicht alles macht allen Menschen gleich viel Spaß. Abwechslung, Experimentierfreude und eine gehörige Portion Humor – falls etwas nicht gelingt – können dazu beitragen, dass Sex nicht zur Routine wird, sondern aufregend bleibt.

Eine goldene Regel
Nun mag mancher fragen: Aber was ist denn nun erlaubt? Was ist verboten? Eigentlich brauchst du eine solche Liste gar nicht mehr, falls ich mich bisher klar genug ausgedrückt habe: Ihr werdet es selbst herausfinden, wenn ihr einander achtet und liebt. Falls du wissen willst, wo beim Sex die Grenze liegt und dafür eine einprägsame Regel möchtest, so fällt die aus meiner Sicht sehr einfach aus:
• Es ist euch beiden erlaubt, »Nein« zu sagen.
• Es ist euch beiden nicht erlaubt, ein »Nein« zu ignorieren.
Das gilt für alle Lebensbereiche. Wer sich auch im Sexleben daran hält, hat gute Chancen auf lebenslangen erotischen Genuss, auf Leidenschaft und Liebe in seiner Ehe.

Sex auch nach Jahrzehnten
Die erotische Hitze der frühen Beziehung wird nicht ewig lodern. Jungen Menschen erscheint das zwar meist unvorstellbar, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Der Körper deines Ehepartners wird altern, genau wie deiner. Die Hormonproduktion wird sich ändern. Dein Sexualtrieb wird abnehmen. Deine körperliche Leistungsfähigkeit wird zurückgehen. Doch das heißt nicht, dass es in den reiferen Jahren keine Leidenschaft, keinen Sex mehr geben wird. Wer in jungen Jahren ein solides Fundament gelegt hat, wird auch nach zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch Lust auf Sex und Spaß am Sex haben – mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau.
Liebe braucht Pflege. Von den frühen bis zu den späten Lebensjahren. Es gibt Lustkiller, denen man mehr und andere, denen man weniger aus dem Weg gehen kann. Überarbeitung, Stress im Beruf, Krankheit, Sorge oder Notlage – das lässt sich nicht immer einfach abschalten. Aber gegen übermäßigen Alkoholkonsum kann man genauso etwas tun wie gegen ein ungepflegtes Äußeres. Dass es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Streit, gibt, kommt in so gut wie jeder Ehe vor. Aber dass du trotzdem nie die Achtung vor deinem Partner verlierst, liegt in deiner Verantwortung.
Die Liebe eines Paares kann frisch bleiben, auch wenn die Brüste nicht mehr so fest sind und die Erektion sich nicht mehr so unmittelbar einstellt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht wird euch gerade das zu neuer Fantasie beflügeln, euch auf neue Ideen kommen lassen, wie die Lust entzündet werden kann. Es lohnt sich, die Liebe lebendig zu erhalten.
Darf ich dir zum Schluss ein Geheimnis verraten? Ich werde in diesem September 56 Jahre alt und habe immer noch Spaß an Liebe, Lust und Leidenschaft.

Fußnoten: 
www.christianitytoday.com/mp/2001/spring/4.34.html
Philipper 2,3

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Geschrieben für die Zeitschrift Oora

Hoffentlich liest das niemand.

Gelegentlich werde ich mit älteren Texten über Glaubensthemen aus meiner eigenen Feder konfrontiert, bei deren Lektüre mir etwas mulmig wird. Bei denen ich hoffe, dass sie möglichst niemand mehr lesen wird. Und dann ertappe ich mich dabei, dass ich meine Artikel in »gute« und »schlechte« sortiere, anstatt sie als Zeugnisse bestimmter Lebens- und Entwicklungsstufen zu betrachten, die nicht nur schlecht, sondern auch gut sind. Gleichzeitig.

Es ist dieses Schwarz-Weiß-Denken eine hartnäckige, schier unverwüstliche Angelegenheit. Ich habe eine erhebliche Anzahl von Jahren meines Lebens so gedacht, so gehandelt, als gäbe es keine Grautöne, von Farbnuancen ganz zu schweigen. Das konnte sich erst ändern, als mein aus diesem Denken geborenes Handeln nicht die Ergebnisse brachte, die es hätte bringen müssen; und zwar so gravierend, dass ein Wegschauen, ein Wegerklären oder Ignorieren nicht mehr möglich war – oder nur sehr mühsam gelungen wäre.

Es lebt sich unbeschwert in der Schwarz-Weiß-Welt, denn da gibt es klare Regeln, verlässliche Gesetzmäßigkeiten und man muss sich nicht sonderlich anstrengen, das Leben zu verstehen. Es fällt ganz leicht zu unterteilen, was gut und was böse ist. Man braucht sich dazu nicht einmal ein eigenes Urteil bilden, muss keine selbständige Meinung entwickeln, denn das haben ja längst andere getan – und wenn es eine neue Situation gibt, für die noch keine Rezepte existieren, dann sind wiederum die anderen verantwortlich, zu entscheiden was nun schwarz und was weiß ist. Dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, dafür haben sie Ämter und Würden.

Es kam durchaus vor, dass sich solche Einteilungen änderten. Doch in meiner Schwarz-Weiß-Welt stellte auch das kein wirkliches Problem dar. Im Bedarfsfall bastelte man eine neue Schublade. Ein simples Beispiel mag das illustrieren.

In meinen frühen Teenagerjahren galt Pop- und Rockmusik als schwarz: Sünde! Der Teufel hatte sich ein neues Werkzeug einfallen lassen, um die Menschen in seine Verstrickungen zu locken, und dieses Werkzeug waren Musiker mit langen Haaren, deren Inspiration für die Schallplatten und Konzerte direkt aus dem Höllenschlund kam. Weiß waren Chorusse in der Gemeinde, zum Harmonium gesungen, weiß waren auch Choräle und Hymnen. Bei der klassischen Musik gab es sündiges Schwarz (Wagner zum Beispiel wegen seiner germanischen Götzenkulte, Mozart wegen seiner Freimaurerei …) und himmlisch reines Weiß (Bach wegen seiner Anbetungsmusik, Händel wegen des großen Hallelujah …).

Alles wurde natürlich biblisch begründet. »Es steht geschrieben« – wenn ein Satz so begann und ein paar Worte aus der Bibel folgten, gab es keinen Widerspruch, denn das hätte ja bedeutet, dass man dem Allmächtigen widerspricht.

Rolling StonesAlles wurde selbstverständlich mit den entsprechenden Beweisen untermauert. Die Rolling Stones spielten in Altamont und die Ordner schlugen einen Zuschauer tot: Der Teufel war am Werk gewesen, zweifellos weil die Band Sympathy for the Devil hatte. Die Beatles lösten Hysterien unter pubertierenden Mädchen aus, die verzerrten Gesichter der kreischenden Teenager bewiesen deutlich, dass Dämonen in diesen armen Geschöpfen wüteten. Als dann John Lennon auch noch (richtigerweise) in einem Interview angesichts der Einschaltquoten eines Beatles-Konzertes im Vergleich zu einer Evangelisation auf einem anderen Kanal anmerkte, die Beatles wären populärer als Jesus, war endgültig klar, wes Geistes Kind solche Musiker im Allgemeinen und der Beatle im Besonderen sind.

Dann kam Cliff Richard. Sauber. Freundlich. Christ. Und dennoch Popmusiker. Larry Norman tauchte auf. Sang von Jesus und spielte langhaarig E-Gitarre dazu. Die Jugendlichen in den Gemeinden fingen an, Schlaginstrumente und Gitarren zu benutzen.

Was nun? Das war ganz einfach. Fortan gab es neue Schachteln zum Sortieren: Weiß für fromme Pop- und Rockmusik und Schwarz für alles andere. Natürlich wieder biblisch begründet, hatte doch Paulus den Römern ein Römer und den Griechen ein Grieche sein wollen, um Christus zu verkünden – die Popwelt wurde umgehend in gut und böse eingeteilt wie zuvor die Klassik. Ohne Grautöne natürlich. Entweder – oder.

Musiker konnten durchaus von der schwarzen Schachtel in die weiße wechseln. Barry McGuire wurde Christ und sang fortan nur noch fromme Texte. Weißgewaschen. Bob Dylan wurde Christ und machte drei Alben mit frommen Texten. Weißgewaschen. Dann kam »Infidels« auf den Markt, und man war überzeugt: Er hat sich vom Glauben abgewandt. Aus war es, Bob Dylan gehörte wieder in die schwarze Schublade.

In dieser Schwarz-Weiß-Welt wuchs ich auf. Das Einsortieren in die entsprechenden Schubladen gab es übrigens in den modernen, liberalen, aufgeklärten Kreisen mit umgekehrten Vorzeichen genauso und genauso unerbittlich. Es war nicht statthaft, Sozialdemokrat und mit Teilen des CDU-Programms einverstanden zu sein. Man konnte entweder gegen den Kriegsdienst sein oder ein reaktionäres Arschloch. Entweder man war für die sexuelle Befreiung und Revolution oder ein erzkonservativer Moralist. Entweder klebte man sich »Atomkraft – nein danke!« auf das Fahrrad oder man war einer von den Bösen, die unsere Welt zerstören …

Es war gemütlich, es war bequem in der jeweiligen Nische. Die anderen hatten Unrecht und ich war bei denen gut aufgehoben, die über die Wahrheit Bescheid wussten. Für alle Lebenslagen gab es die passenden Rezepte und Gebrauchsanweisungen, vor allem bezüglich des christlichen Glaubens.

Entsprechend schrieb ich meine Artikel und Texte über Glaubensfragen und -themen. Ich kannte ja die biblische Wahrheit, einschließlich der Rezepte, die daraus abzuleiten waren.

  • Du bist krank? Dann musst du 1. deine Sünde bekennen, 2. glauben statt zweifeln und 3. dran bleiben, wenn die Heilung nicht sofort kommt. Krankheit ist etwas für Ungläubige, Gott will nämlich seine Kinder gesund machen.
  • Du bist immer noch nicht gesund? Dann ist da 1. verborgene Sünde in deinem Leben, 2. prüft der Herr deine Ausdauer und 3. hast du bestimmt noch nicht genug Glauben. Also reiß dich endlich zusammen, glaube an deine Heilung und werde gefälligst gesund, weil das ja laut Bibel die einzige Möglichkeit ist.
  • Du hast kein Geld? Dann musst du 1. deinen Zehnten treu in die Gemeinde geben und 2. darüber hinaus Opfer bringen, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, und wen er lieb hat, den macht er reich.
  • Du bist immer noch arm? Dann musst du 1. treu bleiben was deine reichlichen Gaben in die Gemeinde betrifft, 2. ausharren und vertrauen und 3. auf keinen Fall nach menschlichen Hilfen Ausschau halten, denn das würde der Herr dir als Unglaube auslegen und futsch ist der schöne Segen.
  • Du bist bedrückt, traurig, womöglich gar depressiv? Dann musst du 1. den Heiligen Geist einladen, 2. die Geistestaufe erleben und 3. in neuen Zungen reden, denn dann betet ja Gott selbst durch deinen Mund und alle Finsternis weicht aus deinem Leben.
  • Du bist immer noch bedrückt, traurig, womöglich gar depressiv? Dann musst du 1. die in diesem Fall bestimmt vorhandenen Dämonen austreiben lassen, 2. fortan die hartnäckige Sünde ablegen, der du zweifellos noch anhängst und 3. dem Satan gebieten, denn sonst kommen die bösen Geister umgehend zurück.

Hellhörig, oder besser gesagt aufmerksam, wurde ich nach und nach durch Begegnungen und Erlebnisse, die nicht zu meinem wunderbar schlüssigen und rundum »schriftgemäßen« Glaubensgebäude passten.

Ich lernte Christen kennen, an deren beeindruckend festem und tiefem Glaube ich keinen Zweifel haben konnte – und die sprachen weder in Zungen, noch konnten sie – unglaublich! – ein Bekehrungsdatum nennen. Sie waren einfach so, über Jahre hin, gläubig geworden, ohne einen bestimmten Zeitpunkt nennen zu können, an dem sie »Jesus ihr Leben gegeben« hatten. Trotzdem glaubten sie an ihn, taten seine Werke, erlebten seinen Segen. Unerhört!

Wir beteten über mehrere Jahre zusammen mit einem befreundeten Ehepaar für die Mutter des Ehemannes, die an Krebs erkrankt war. Unser Glaube war, soweit wir es mit aller Aufrichtigkeit beurteilen konnten, makellos. Wir rechneten fest damit, dass sie geheilt würde. Mal ging es ihr besser, mal schlechter, aber wir blieben dran, vertrauten und ließen uns nicht beirren. Irgendwann kam ein Evangelist in die Stadt, der die Gabe der Krankenheilung praktizierte, die Mutter ging zu der Veranstaltung, der Mann Gottes legte ihr die Hände auf und sie berichtete uns später, dass sie Wärme in ihrem erkrankten Körper und Frieden in ihrer Seele empfunden hatte und nun gewiss vom Krebs befreit sei. Wenige Wochen später war sie tot. Alle, einschließlich der Kranken, hatten alles richtig gemacht.

Es gab viele weitere Begegnungen und Ereignisse, kleine und gravierende, die mir nach und nach klar machten, dass mein Glaubens- und Wertekatalog nicht mit den Realitäten übereinstimmte. Bis zu dem Punkt, als der grausame Tod eines geliebten Menschen mich an der Existenz Gottes zweifeln ließ.

Nun hätte ich – wie so viele Mitchristen – das, was nicht sein konnte, irgendwie ignorieren oder zumindest wegerklären können. Man findet ja, wenn man will, doch immer eine Begründung, warum etwas letztendlich nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat und warum man dennoch recht hat mit seiner Lehre oder Überzeugung. Darum geht es ja im Grunde: »Ich habe recht. Der andere irrt sich. Es gibt nur schwarz oder weiß.«

Ich entdeckte immer mehr Grautöne, sogar Farben schimmerten auf, je mehr ich es wagte, selbst zu denken, anstatt vorgegebene Schablonen zu übernehmen. Ich las die Bibel anders als bisher, nicht mehr als Rezept- und Gesetzbuch für das Leben, sondern als großes Zeugnis dessen, was Menschen über Jahrhunderte mit Gott erlebt hatten, was sie über ihn wussten oder zu wissen glaubten.

Keiner der biblischen Autoren hat sich hingesetzt und beschlossen: »Jetzt schreibe ich meinen Teil der Bibel, die dann irgendwann zur Gebrauchsanweisung für ein gottgefälliges Leben wird, wenn Herr Gutenberg so freundlich ist, die Druckmaschine zu erfinden.« Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Gott irgendwann eines Nachmittags beschlossen hat, fortan nicht mehr mit den Menschen zu kommunizieren, da sie ja nun ein Buch zur Verfügung hatten, das sie selbst – nicht etwa er –schließlich als »Wort Gottes« bezeichneten.

Ich schaute genauer hin, was denn so alles in diesem Buch zu finden ist, ohne die Lektüre von vorne herein durch meine Tradition und Erziehung zu filtern.

David, der vielgepriesene Autor der Psalmen, hat unbekümmert in eines seiner Jubellieder mit Blick auf die Heiden hineingeschrieben: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!« In der Geschichte des Christentums gab es solche Metzeleien, mittlerweile dürften sie hoffentlich nicht mehr vorkommen.

Paulus, der angesehene Gemeindegründer, ordnete an, »dass die Frauen in schicklicher Kleidung sich schmücken mit Anstand und Zucht, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand.« Solche Anweisungen nimmt meines Wissens niemand mehr erst, ob nun evangelikal, charismatisch, liberal oder konservativ. Oder steht vor dem Eingang deiner Gemeinde oder Kirche jemand, der die ankommenden Frauen auf Ohrstecker- und Ringe, Halsketten und Fingerschmuck kontrolliert?

»Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage für unrein gelten. Wer sie anrührt, der wird unrein bis zum Abend. … Wird sie aber rein von ihrem Blutfluss, so soll sie sieben Tage zählen und danach soll sie rein sein. Und am achten Tage soll sie zwei Turteltauben oder zwei andere Tauben nehmen und zum Priester bringen vor die Tür der Stiftshütte. Und der Priester soll die eine zum Sündopfer bereiten und die andere zum Brandopfer und die Frau entsühnen vor dem HERRN wegen ihres Blutflusses, der sie unrein macht.« Hat eigentlich in letzter Zeit ein Pastor oder Pfarrer Besuch von einer Frau aus seiner Gemeinde bekommen, die ihm zwei Turteltauben mitbrachte, damit er eine mit und eine ohne Feuer opfert? Nein? Das ist aber bedenklich. Denn immerhin steht vor diesen Anweisungen: »Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach …« – es handelt sich also um authentisches Wort Gottes.

Natürlich hat nun jeder sofort das passende Argument im Kopf: Das ist Altes Testament. Für uns gilt das Neue Testament. Und das ist auch vollkommen richtig, denn Jesus selbst hat den Evangelien zufolge gegen dieses Gebot verstoßen, als eine Frau, die seit 12 Jahren unrein war, sein Gewandt berührte.

Wir filtern alle die biblischen Texte. Das eine (auch aus dem Alten Testament) gilt heute noch, das andere nicht mehr. Warum das so ist, begründen wir wieder mit Zitaten aus der Bibel und so wird der Zank zwischen den Konfessionen und die zunehmende Entfernung der Gläubigen von ihren Mitmenschen nicht aufhören.

Es ist keine neue Erfindung unserer Zeit, dass wir die Bibel, dass wir Gott durch die Brille unserer Kultur und Gesellschaft betrachten. Es ist geschichtlich gesehen gar nicht so lange her, dass die Monarchie als gottgewollte, einzig richtige Staatsform galt. Sklaverei wurde genauso biblisch fundiert begründet wie das Abschlachten von Menschen in den sogenannten Kreuzzügen. Erfindungen und gesellschaftliche Entwicklungen wurden verteufelt, wissenschaftlicher Fortschritt als großes satanisches Täuschungsmanöver gebrandmarkt und Wissenschaftler verfolgt und getötet, weil sie zu Erkenntnissen kamen, die »nicht bibeltreu« waren …

Ich kam mehr und mehr, je länger ich die Bibel ohne meine kulturell-gesellschaftliche Brille zu lesen versuchte (wieweit mir das jeweils gelingt, sei dahingestellt), zu dem Schluss, dass die Texte viel mehr auszusagen vermögen, weitaus vielschichtiger sind als es bei einem platten Regelwerk, einer Gebrauchsanweisung, einem Lexikon der Fall wäre. Da haben Menschen niedergeschrieben, was sie bewegte, was sie bedrückte, was sie froh machte, was sie hofften, was sie glaubten. Ihre Überzeugungen und ihre Zweifel, ihre Enttäuschungen und ihre Irrtümer. Sehr persönlich, immer gefärbt durch ihre Lebenssituation, ihre Prägung, ihre Gesellschaft, ihre Kultur. Das macht die Lektüre spannend und abwechslungsreich. Das regt zum Weiterdenken an.

Wie ging es den vielen Kranken am Teich Bethesda, als Jesus sich einen Mann heraussuchte und ihn heilte, während alle anderen mit ihren Gebrechen zurückblieben? Fand Abraham Gefallen daran, dass seine Frau ihn zum Sex mit der Dienerin nötigte, oder musste sie ihn überreden? Wieso kamen die elf Jünger nach dem Tod ihres Freundes Judas auf die Idee, ein Apostelamt zu verlosen? Hat Johannes auf der Insel Patmos versucht, mit den ihm damals zur Verfügung stehenden Begriffen Internet, Fernsehen und modernes Kriegsgerät zu beschreiben? Würde Gott tatsächlich eine Wette mit Satan abschließen, um die Glaubensfestigkeit eines Menschen auf die Probe zu stellen? Warum hielt es Jesus für wichtiger, Menschen Gutes zu tun als religiöse Gesetze einzuhalten?

Es macht Spaß und Verdruss, eine andere Perspektive als die gewohnte zu finden. Auf einmal wird denk- und erfahrbar, dass es nicht nur schwarz und weiß, sondern auch etwas dazwischen gibt. Der Abschied von den Patentrezepten fällt mir insofern leicht, als sich ihre Untauglichkeit in meinem Leben bereits bewiesen hat. Aber das Fehlen der früher gepflegten leichten Lösungen für alle Fragen ist natürlich auch eine Herausforderung, ist unbequem, ist frustrierend und ernüchternd.

Damit wir uns an dieser Stelle richtig verstehen: Ich habe am eigenen Körper göttliche Heilung erlebt. Ich weiß, dass Gottes Kraft heilen kann. Ich glaube auch, dass Gesundheit von Gott gewollt ist. Was ich nicht zu beantworten vermag ist die Frage, warum das erbetene und geglaubte und versprochene Heilungswunder ausbleibt, obwohl alle Beteiligten alles »richtig machen«. Die einzige Antwort (die nicht wirklich befriedigt): Wir machen Gott zu leicht zum Subjekt. Wir wollen (durch richtiges Verhalten, durch Abhaken einer To-Do-Liste) bestimmen, wann er wie zu handeln hat. Und das geht eben nicht. Diese unbefriedigende Antwort löst natürlich eine Lawine neuer Fragen aus, nach dem Sinn von Verheißungen, Gebeten, Glaubenstreue …

Ich habe echtes prophetisches Reden erlebt, ich weiß, dass der Heilige Geist es möglich machen kann, Sachverhalte auszusprechen, auch zukünftige, von denen der Mensch keine Kenntnis haben kann. Allerdings habe ich auch schon allerlei Unfug vernommen, der angeblich ein Reden Gottes sein sollte. Die Bandbreite des Unfugs reicht von persönlichen Worten bis zu globalen Voraussagen. Ich werde jedoch nicht ausschließen, dass Gott durch einen Menschen redet, bloß weil es so viel (vermutlich in der Regel gut gemeinte) Prophetie gibt, die keine ist.

Inzwischen hat die postmoderne Gesellschaft die Welt abgelöst, in der ich groß geworden bin. Manches befindet sich noch um Übergang, aber aus meiner Sicht als Berliner in Berlin nicht mehr allzu viel. In ländlichen Gegenden mag es noch anders sein, aber hier verspürt kaum noch jemand die Notwendigkeit, alles und jeden in Kategorien wie »gut oder böse«, »schwarz oder weiß« sortieren zu müssen. Abgesehen – pardon, aber so empfinde ich es ganz subjektiv – von vielen frommen Leuten.

Was wäre, wenn Christen die Befindlichkeiten der vergangenen Epoche hinter sich lassen und Teil ihrer Gesellschaft werden, anstatt sich in den gemütlichen Nischen zu verkriechen und über die böse Welt und die schlechte Zeit zu schimpfen? Wenn sie für ihre Mitmenschen zum Segen würden – nicht geistlich hochfliegend, sondern ganz praktisch und handfest und erfahrbar?

Was wäre, wenn …

Eins wäre auf jeden Fall sicher: Harsche Kritik aus der Schwarz-Weiß-Fraktion. Die gibt es bereits, seit immer mehr Christen anfangen, das Herkömmliche in Frage zu stellen. Da fühlen sich manche Hüter der Traditionen wohl bedroht. Zwar »sei es gelungen, die Fragen, Bedürfnisse und Nöte postmoderner Menschen zu erfassen und veraltete christliche Ausdrucksformen in Frage zu stellen«, schrieb bereits 2009 der Leiter einer ehemals großen Gemeinde in Berlin, jedoch werde die Theologie »zu nicht geringen Teilen ausgehöhlt« und weise einen »immer rasanter werdenden Bergrutsch der christlichen Ethik« auf. »Gottesdienste werden verändert oder abgeschafft, Ordnungen außer Kraft gesetzt, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Hingabe an gemeinsame Ziele und Strukturen unterliegen den Forderungen der jeweiligen örtlichen Spielform der neuen Frömmigkeit.« Der Aufsatz kommt zu dem Schluss, dass der »Geist des Humanismus« (der natürlich in die schwarze Schachtel gehört) solche Christen wie mich infiziert haben muss.

Die Versuchung, die eben zitierten Sätze in die Schublade »Schwarz« zu legen, ist groß, denn umso weißer würde ja das eigene Licht strahlen. Doch das sei ferne!

Da sieht eben jemand die Dinge mit anderen Augen, kommt zu anderen Schlussfolgerungen und vertritt andere Prinzipien als ich. Es gibt genug Menschen, für die und für deren Glaubensausprägung er der richtige Leiter ist; Menschen, die Gottes Nähe in seinen Gottesdiensten spüren und sich in seiner Gemeinde wohl fühlen. Warum auch nicht? Warum sollte man gegen eine Form der Frömmigkeit sein, die zwar nicht die eigene, aber für manche Menschen genau die richtige ist?

Jesus hat einmal seine Jünger zurechtgewiesen, als diese sich darüber empörten, dass es Menschen gab, die nicht zu ihrem Kreis gehörten und trotzdem im Namen Jesu böse Geister austrieben. »Wehrt nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, ist für euch.«

»Hoffentlich liest das niemand«, denke ich angesichts mancher Texte aus meiner Feder. Und ich lasse sie trotzdem stehen – das Internet vergisst sowieso nichts. Sie sind aus einer Lebens- und Glaubenssituation entstanden, die damals authentisch war. Ich bin weiter gegangen auf meiner Lebensreise, aber das ändert ja nichts daran, dass ich einmal dort in der Vergangenheit war und aus der damaligen Sicht geschrieben habe. Vielleicht sind solche Beiträge ja noch immer für Menschen gut, zu deren Situation sie passen.

Mit erhobenem Zeigefinger

imagePass auf, kleines Auge, was du siehst!
Pass auf, kleines Auge, was du siehst!
Denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich,
drum pass auf, kleines Auge, was du siehst!

In der Kinderstunde, die parallel zum Gottesdienst der Erwachsenen veranstaltet wurde, sangen wir dieses Lied. Der Finger zeigte auf das Auge, dann hinauf zum wachsamen Vater im Himmel, dann wieder auf das Auge. Weiter ging es mit »Pass auf, kleine Hand, was du tust … kleiner Mund, was du sprichst … kleiner Fuß, wohin du gehst …« Und beim »kleinen Fuß« brach ein Mädchen neben mir in Tränen aus. Sie weinte bitterlich. Wir waren beide so etwa acht oder neun Jahre alt, ein Alter, in dem man als Junge von Mädchen nicht allzu viel hielt und doch schon ein wenig darauf bedacht war, bei ihnen einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Ich flüsterte ihr ins Ohr: »Warum weinst du denn?«
Sie schüttelte nur den Kopf, gab keine Antwort. Die Kinderstundenleiterin, von uns Tante Helga genannt, schien von den Tränen ungerührt. Mir war, als blicke sie sogar mit verurteilend-strenger Miene auf meine weinende Nachbarin im Kreis. Mit ernstem Blick auf die Schluchzende stimmte sie die nächste Strophe an: »Pass auf, kleines Ohr, was du hörst …«
Das gefiel mir nicht. Erwachsene, noch dazu Kinderstundentanten, waren dazu da, traurige Kinder zu trösten, nicht dazu, sie böse blickend zu mustern, Lied hin oder her. Ich nahm das Mädchen am Arm und führte sie trotz des wilden Kopfschüttelns der Leiterin vor die Türe. Sagen konnte Tante Helga nichts, weil sie ja den Gesang leitete, und in den Händen hielt sie ihre Gitarre.
Draußen legte ich meinen Arm um die Schultern des Mädchens und es brach aus ihr heraus, was sie so bekümmerte: »Ich war gestern bei meiner Schulfreundin und dann sind wir in ein Schallplattengeschäft gegangen und haben uns Schlagermusik angehört. Dort hat uns Tante Helga gesehen. Jetzt hat Gott mich nicht mehr lieb, weil ich so viel auf einmal gesündigt habe …«
Aus heutiger Sicht ist mir manches schier unvorstellbar, aber so war es damals wirklich für uns Kinder: Schlager- und Popmusik war Sünde. Kino war Sünde. Zirkus war Sünde. Nicht zur Kinderstunde wollen war Sünde. Sich »da unten« anfassen war Sünde.
Für die christlichen Teenager war Tanzen Sünde, von unkeuschen Berührungen vor der Hochzeit ganz zu schweigen. Die Erwachsenen hatten auch so ihre Sündenkarteien: Eine Frau in Hosen statt Rock oder Kleid – Sünde. Alkohol trinken – Sünde. Fasching feiern – Sünde. Und all das blieb dem wachsamen »Vater im Himmel« natürlich nicht verborgen. Er schien geradezu darauf zu warten, uns bei einem Fehltritt zu ertappen. Das Höllenfeuer loderte schon, in dem man wegen solcher Sünden unweigerlich landen würde, wenn man nicht umgehend und dauerhaft »echte Buße« tat.
Wir wurden damals von traditionell-kirchlich orientierten und ungläubigen Menschen ringsum nicht recht ernst genommen. Die Pfingstler, das waren die etwas verrückten, sektiererischen, weltfremden Leute. Ich glaube, inzwischen werden solche Sündenbegriffe sogar von Erzpfingstlern größtenteils nicht mehr vertreten.
Doch obwohl viele Christen »moderner« geworden sind: Das Sündenverständnis in Gesellschaft und Gemeinde liegt heute noch weiter auseinander als in meiner Kindheit. Es gibt noch eine »Verkehrssünderkartei«, »Modesünden«, manches mag »sündhaft teuer« sein oder so erstrebenswert, dass es »eine Sünde wert« ist. Doch nichts von dem, was heute als Sünde bezeichnet wird, macht eine Erlösung notwendig. Der Begriff »Sünde« ist losgelöst von jeglichem Bezug zu dem, was die Kirchen damit meinen.

Der Sündenbegriff im Glaubenskontext

»Wenn der Obrigkeit Gebot nicht ohne Sünde befolgt werden kann«, heißt es im Augsburger Bekenntnis von 1530, »soll man Gott mehr gehorchen als den Menschen.« Was nun aber Sünde ist und was nicht, darüber gingen die Meinungen schon immer, nicht erst in unserer Zeit, auseinander. Der Sündenbegriff wird vor allem im Judentum, Christentum und Islam verwendet, aber nirgends wirklich endgültig und umfassend definiert. Folgt man dem biblischen Bericht in 1. Mose 3 – wenngleich der Begriff »Sünde« dort gar nicht vorkommt – dann ist Sünde Ungehorsam einer Anordnung Gottes gegenüber. Es gab eine klare Vorgabe: Die Früchte dieses Baumes sind tabu! Der Mensch verspeiste sie dennoch. Mit weit reichenden Folgen: »Da sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt« (1. Mose 3, 22).
Diese klassisch als »Sündenfall« bezeichnete Bibelstelle gibt jedenfalls keine Definition dessen her, was nun im Einzelnen gut oder böse ist, sondern sie schildert lediglich den Akt des Ungehorsams einem Verbot gegenüber. Und sie stellt nüchtern fest, dass der Mensch damit geworden ist wie Gott: Er kann Gut und Böse unterscheiden. Nun muss und wird nicht jeder diesen Bericht für authentisch halten, schon gar nicht in einer Gesellschaft, die weit gehend säkularisiert ist. Dennoch wissen die meisten Menschen, gläubig oder nicht, zu benennen, was Gut und was Böse ist – wobei es allerdings erhebliche Abstufungen in der Gewichtung gibt. Sowohl innerhalb der Gesellschaft, als auch im Wandel der Zeiten.
Der griechische Ausdruck hamartia des Neuen Testaments und das hebräischen Wort chat’at des Alten Testamentes bedeuten »Verfehlen eines Ziels« – konkret und im übertragenen Sinn. Beide Begriffe werden in deutschen Bibelübersetzungen mit »Sünde« wiedergegeben. Damit ist jedoch das Ziel nicht definiert, das jeweils verfehlt wurde. Um herauszufinden, ob etwas Sünde, also Zielverfehlung ist, muss man zunächst herausfinden, welche Ziele gelten. Und für wen. Und wann. Und da geht es schon los: Als die Bücher der Bibel geschrieben wurden, galt es als unanstößig, wenn ein Mann mehrere Frauen hatte, zum Beispiel Jakob mit Rahel und Lea. In bestimmten Fällen (Leviratsehe) verlangte sogar das Gesetz, dass ein Mann eine weitere Frau zu sich nahm. Da Paulus in seinen Briefen an Timotheus und Titus anweist, dass Diakone bzw. Älteste nur eine Frau haben sollen, ist davon auszugehen, dass die Mehrehe bei den frühen Christen verbreitet, wenn auch von Paulus abgelehnt war (der grundsätzlich nicht viel von der Ehe hielt, sie eher als Notlösung gegen Unzucht verstand). Heute und in unserem Kulturkreis würde vermutlich kein Pastor einen Mann mit mehreren Frauen verheiraten wollen.
Und weiterhin: Für die ersten nichtjüdischen Christen stellte sich bereits die Frage, ob die jüdischen Gesetze und Regeln zu befolgen sind oder nicht. Darf man Fleisch aus dem Götzenopfer verzehren? Wie soll man mit homosexuellen Gemeindemitgliedern umgehen? Hat der Sabbat irgendeine Bedeutung für Christen?
Auf manche dieser Dinge geht Paulus in seinen Briefen ein, häufig aus seiner gesellschaftlichen Prägung und persönlichen Ansichten heraus, wie er im 1. Brief an die Korinther mehrfach mit Wendungen wie »Den übrigen aber sage ich, nicht der Herr … habe ich kein Gebot des Herrn; ich gebe aber eine Meinung als einer, der vom Herrn die Barmherzigkeit empfangen hat … Ich rede als zu Verständigen. Beurteilt ihr, was ich sage! … Wenn es aber jemand für gut hält, streitsüchtig zu sein, so soll er wissen: wir haben eine derartige Gewohnheit nicht« ausführt.

Jesus über Gesetz und Propheten

Jesus hatte mehrfach gegen die starren Regeln seines Volkes und Glaubens verstoßen, was ihn in den Augen der religiösen Elite zum Sünder machte. Er erklärte seinen irritierten und verunsicherten Nachfolgern, dass alle Gebote – also Zielvorgaben – in zwei Dingen zusammenzufassen sind: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten« (Matthäus 22, 37-40).
Mit dem ersten Teil kann unsere Gesellschaft nichts anfangen, da es beliebig viele Götter – durchaus auch den der Christen, aber nicht nur – gibt. Jeder darf seinen jeweiligen Gott lieben, solange er nicht die Freiheit der anderen einschränkt, die keinen oder einen anderen Gott haben.
Der zweite Teil ist noch eher im gesellschaftlichen Bewusstsein zu finden. Gut und Böse wird in der Regel so definiert, ob jemand anderen Menschen Schaden zufügt oder nicht. Der Mörder ist böse, da herrscht Konsens. Beim Tyrannenmord sieht es schon wieder anders aus, denn der Tyrann schadet seinem Volk, ergo ist seine Beseitigung eine gute Tat. Der sogenannte Ehrenmord islamischer Familien wird verurteilt, genau wie andere religiös begründete Gewaltanwendung. Aber die Vereitelung von terroristischen Anschlägen darf durchaus mit der Tötung der Attentäter einhergehen. Wenn ein Unternehmen Steuern hinterzieht, ist die Aufregung und gesellschaftliche Verurteilung gewaltig. Wenn Lieschen Müller in ihrer Steuererklärung den Nebenjob »vergisst«, dann lächelt man milde. Ein »Umweltsünder« wird hierzulande geächtet und streng bestraft, während eine erotische Eskapade von Prominenten eher bewundernde Schlagzeilen in der Klatschpresse verursacht.

Sünde ist irrelevant geworden

Es ist mehr als schwierig, Menschen der postmodernen Gesellschaft zu vermitteln, dass sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen. Wer nicht an ein Jenseits mit Himmel oder Hölle glaubt, sich selbst für durchschnittlich gut hält und mit dem Leben recht zufrieden ist, wird auf Bußpredigten nicht reagieren. Angst vor der Sünde haben eigentlich – makaber aber wahr – nur noch die Christen, die ja gerade befreit von Furcht leben sollten. Wir haben als Gläubige oft aus den Augen verloren, dass Gott nicht mit dem Notizbuch bereit sitzt, um unsere Sünden penibel zu notieren und nur widerwillig etwas auszuradieren, wenn wir tränenreich genug Buße tun.
Unsere glaubensfremden Mitmenschen finden das sowieso lächerlich, was gar nicht mal so verkehrt ist, denn es kann uns als Christen darauf aufmerksam machen, dass Jesus etwas ganz anderes von seinen Nachfolgern erwartete als Hölle und Verdammnis zu predigen: »Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt« (Johannes 13, 34-35).
Nicht an Predigten über Höllenfeuer, Schwefelgestank und ewige Pein. Nicht an Kinderliedern über den Vater im Himmel, der argwöhnisch auf unsere Sünden wartet. Nicht an Sündenregistern und Du-sollst-nicht-Katalogen. Überhaupt nicht an Predigten und Ansprachen. Sondern an der Liebe, die wir beweisen, die wir leben. Das wird die Menschen neugierig machen, denjenigen kennen zu lernen, der uns zu solcher Liebe verhilft.

Ein netter Nebeneffekt: Keine Sünde wird so richtig reif

Und: Ein solches Leben der praktizierten Liebe vereitelt gleichzeitig die Gefahr, zu sündigen. Sünde ist – zur Erinnerung – nicht eine bestimmte Tat, sondern das Verfehlen eines Zieles. Das Ziel hat Jesus definiert: Liebe. Alles andere folgt daraus. Denn wenn wir lieben, werden wir nicht das begehren, was anderen zusteht. Falls doch, dann wird uns die Liebe davon abhalten können, dass aus der Begierde Sünde wird: »Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor« (Jakobus 1, 15).
Vielleicht ist es also eher gut, dass der Begriff »Sünde« in unserer Gesellschaft seine religiöse Bedeutung eingebüßt hat? Das könnte uns Jesus-Nachfolger dazu veranlassen, vermehrt Christsein zu leben als zu predigen. Der Rest (zum Beispiel die sogenannte Sündenerkenntnis) ist sowieso – und war es schon immer – die Aufgabe des Geistes Gottes, der dann in einem Menschen wohnt, wenn dieser Jesus erkannt und anerkannt hat. Und nicht etwa umgekehrt.
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Dieser Artikel ist in der Ausgabe 36 der Zeitschrift »The Race« erschienen.
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