Johannes

Damals – ach ja, liebe Leser, wir reisen ziemlich weit zurück und auch noch in eine andere Weltgegend – damals also regierte ein gewisser Herodes als König in Judäa. Den besten Ruf hat er in der Nachwelt nicht, und wir werden es im Verlauf der hier erzählten Ereignisse auch noch mit ihm zu tun bekommen, aber jetzt noch nicht. Erst mal sind wir im Tempel, in Jerusalem. Dort verrichtete ein Priester namens Zacharias seinen Dienst. Der war mit Elisabeth verheiratet, ein Zölibat für Priester kannte man noch nicht, das wurde erst viel später ersonnen. Außerdem sind wir ja in Judäa, und bei den Juden war (und blieb) die Ehe keinem Menschen verboten, sogar wünschenswert war sie, auch für geistliche Würdenträger.

Zacharias und Elisabeth waren fromme Menschen, sie hielten sich an die Gebote und Satzungen ihres Volkes. Niemand konnte ihnen irgendwelche Verstöße dagegen vorwerfen, und das wollte etwas heißen angesichts der vielen und detaillierten Vorschriften, die es zu befolgen galt.

Es war zu der Zeit, von der wir reden, so etwas wie ein Fluch, keine Kinder zu haben, aber da Elisabeth unfruchtbar war und von künstlicher Befruchtung ungefähr die nächsten etwa 2000 Jahre noch nicht die Rede sein würde, hatte sich das mittlerweile betagte Paar damit abgefunden. Schweren Herzens, sicher, aber es blieb den beiden ja nichts anderes übrig.

Zum Dienstplan eines Priesters gehörte das sogenannte Räuchern. Zacharias ging an jenem Tag, der so vieles änderte, pünktlich in den Tempel, um in einem bestimmten Raum auf dem Räucheraltar die vorgeschriebenen Verrichtungen durchzuführen. Das Volk durfte nicht hinein; die Leute warteten draußen und sprachen die für diese Stunde üblichen Gebete.

Zacharias ahnte und bemerkte nichts Ungewöhnliches. Es war dies ein Dienst wie viele zuvor und noch viele weitere – dachte er zumindest. Bis er aufschaute und eine Gestalt sah, die rechts neben dem Räucheraltar stand. Zacharias Gesicht wurde ungefähr so weiß wie der Kalk an der Wand hinter dem Altar, die vom Alter sowieso schon leicht geschwächten Beine wollten beinahe ihren Dienst versagen, die Hände zitterten und der Schweiß brach ihm aus. Es war ja nicht nur verboten, sondern eigentlich unmöglich, dass sich jemand außer ihm selbst zur Räucherstunde in diesem Raum aufhielt. Es gab schließlich nur einen Zugang, und wenn jemand nach ihm durch die Tür gekommen wäre, hätte Zacharias das bemerken müssen. Einen Augenblick zuvor war er noch allein gewesen mit seinem Rauchwerk und mit Gott, den man allerdings nicht sehen konnte.

Sein erster Impuls war natürlich die Flucht. Naheliegend – aber wohin? Durfte er denn seinen Räucherdienst mittendrin abbrechen? Konnte man vor dieser Erscheinung überhaupt davonlaufen? War es grundsätzlich denkbar, dass ein Geist sich im Tempel des Herrn, noch dazu beim Räucheraltar, aufhalten konnte? Hätte die Heiligkeit Gottes das nicht verhindert? Oder war dies womöglich …

Im Gegensatz zum panischen Zacharias wissen wir, falls wir ein wenig in den biblischen Überlieferungen bewandert sind, dass dort ein Engel stand, denn diese Geschichte haben schon andere erzählt, von Mund zu Mund und später aufgeschrieben in Schriftrollen, und noch viel später sogar in Büchern und – was Zacharias wie Hexenwerk hätte vorkommen müssen – heutzutage in Form von Nullen und Einsen, aus denen vor dem Auge des Betrachters dann auf Knopfdruck Worte auf einem Bildschirm entstehen. Schon die Beschreibung eines Bildschirmes hätten Zacharias und Elisabeth am gesunden Verstand des Beschreibenden zweifeln lassen. Heute dagegen zweifelt mancher am gesunden Verstand des Erzählers, wenn der von einem Engel zu berichten weiß. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen das, was vorstellbar oder vernünftig zu sein scheint.

Rauschgoldengel mit blondgelockter Mähne in güldenen Gewändern, oder kleine nackte Buben mit Flügeln am Rücken, die in der Weihnachtszeit eine hölzerne Krippe bayerischer Bauart oder sonst etwas umschwirren … so etwas war dem alten Zacharias genauso unbekannt wie die Weihnacht an und für sich. Er kannte Überlieferungen von Engeln, die in Menschengestalt zu Besuch kamen, so bei Abraham vor etlichen Jahrhunderten; Abraham kam zwar auf die Idee, es nicht mit Männern, sondern mit himmlischen Wesen zu tun zu haben, aber andererseits ließ er eine köstliche Mahlzeit auftischen. Ober bei drei jungen Männern, die in einem Feuerofen hingerichtet werden sollten; ein Engel stand ihnen bei und bewahrte sie; auf die Zuschauer wirkte der himmlische Bote wie ein vierter Jüngling.

Doch wir sollten hier keine Zeitsprünge hin und her machen, sondern wir sind und bleiben im Damals, im Tempel, in der Kammer mit dem Räucheraltar. Zacharias starrte die Gestalt an und wusste nicht, was tun.

Der Engel ahnte wohl, dass dem Zacharias, der nicht mehr der Jüngste war, jeden Moment vor lauter Angst der Kreislauf versagen konnte. Also versuchte er zuerst einmal, den Mann zu beruhigen: »Fürchte dich nicht, Zacharias.«

Der Angesprochene beruhigte sich keineswegs. Jeder böse oder gute Geist konnte ihn schließlich so anreden, um sein Vertrauen zu erschleichen. Mit einem »fürchte dich nicht« war noch lange nicht geklärt, ob da ein Teufelswesen oder ein Engel Gottes neben dem Räucheraltar stand. Eventuell ja auch nur ein Mensch, der Arges im Schilde führen mochte?

»Dein Gebet ist erhört worden«, fuhr der Engel fort, »und deine Frau wird einen Sohn zur Welt bringen, der dann Johannes heißen wird.«

Zacharias hörte zu, obwohl er meinte, sich verhört zu haben. Von erhörtem Gebet konnte eigentlich nur ein gutes Wesen sprechen, das war einigermaßen beruhigend, aber gleichzeitig offenbarte sich in den Worten eine erschreckende Ahnungslosigkeit bezüglich der menschlichen Fortpflanzungsfähigkeit im fortgeschrittenen Lebensalter, von Elisabeths Unfruchtbarkeit seit ihren jungen Jahren ganz zu schweigen.

»Du wirst«, fuhr der himmlische Bote fort, als wäre er durch die misstrauisch zweifelnde Mine des Priesters, die jedenfalls keine übersprudelnde Freude über diese Nachricht ausdrückte, etwas irritiert, »eine Menge Freude an dem Jungen haben, und auch andere Menschen werden über ihn jubeln. Er wird einer der ganz Großen vor dem Herrn sein, vom Mutterleib an mit heiligem Geist erfüllt. Daher wird er übrigens keinen Wein oder andere alkoholische Getränke trinken wollen. Viele Menschen deines Volkes werden durch ihn den Weg zurück zu einer Beziehung mit Gott finden.«

Zacharias war, das wissen wir ja bereits, ein sehr frommer Mensch. Er war ein Priester, der seinen Beruf als Berufung verstand, nicht als eine von mehreren Möglichkeiten, sein Brot zu verdienen. Nein, er meinte es ernst, er glaubte an Gott. Daher war ihm diese Lobeshymne auf seinen nicht existierenden Sohn und das Wiederherstellen von menschlich-göttlichen Beziehungen ganz sympathisch. Allerdings blieb er skeptisch, denn die erfreuliche Voraussage hatte ja einen Haken, einen ziemlich widerspenstigen sogar. Seine liebe Frau hatte in ihren fruchtbaren Lebensjahren nicht schwanger werden können, und nun war es ganz einfach zu spät dafür. Viel zu spät.

Der Engel, offenbar keiner von der wortkargen Sorte, ließ sich derweil nicht aufhalten in seiner Rede. »Dein Sohn wird wie damals Elia mit bemerkenswerter Kraft und im Geist Gottes wirken. Die Kinder und die Eltern wird er miteinander versöhnen, den Ungläubigen wird er aufschließen können, wie klug die Gerechtigkeit Gottes ist. Er wird das ganze Volk vorbereiten.«

Vorbereiten? Worauf? Im Grunde war das zweitrangig, denn nach wie vor stand ja keine Schwangerschaft zu erwarten. Vielleicht hatte der Engel sich in der Adresse geirrt? Oder – da atmete Zacharias innerlich auf – er sprach nur bildlich von einem Sohn. Es konnte ja ein Jugendlicher in Frage kommen, der wie ein Sohn von Zacharias gelehrt und erzogen wurde. Das musste wohl die Lösung für das große Rätsel sein. Andererseits hätte der Bote Gottes dann nicht eher von einem Jünger, einem Schüler sprechen sollen?

Als er nun endlich selbst zu Wort kommen konnte, fragte der Priester zunächst das Naheliegende: »Woran soll ich denn erkennen, dass diese Prophetie stimmt? Meine Frau ist betagt, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Oder ganz einfach ausgedrückt: Wir sind alt. Zu alt.«

Als hätte er es am Anfang vergessen, stellte sich der Engel nun endlich vor: »Ich bin Gabriel, der vor Gott steht.«

Zacharias erschrak. Wenn das stimmte, dann hatte er es mit einem der ganz großen Fürsten unter den Engeln zu tun. Solch einem Wesen kam man vielleicht besser nicht mit Fragen und Widersprüchen … aber nun war es ja zu spät.

»Und ich bin gesandt, um mit dir zu reden«, erklärte Gabriel. »Ich habe den Auftrag, dir das, was ich gesagt habe, zu verkündigen. Und nun achte auf meine Worte: Du wirst verstummen und nicht mehr reden können, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast. Was ich gesagt habe, wird in Erfüllung gehen. Wenn es dann soweit ist, wirst du auch nicht mehr stumm sein.«

Zacharias, selbst wenn er es gewagt hätte, konnte nicht mehr widersprechen, weil er tatsächlich seiner Stimme verlustig gegangen war, von einer Sekunde auf die nächste. Hätte er sonst zu seiner Verteidigung darauf hingewiesen, dass Gabriel sich ja ruhig zuerst hätte vorstellen können? Vermutlich nicht, denn ein solch hochgestellter Engel war nun mal ein Bote Gottes, und was Gott tat oder durch seine Gesandten sagte, musste der Mensch weder kommentieren noch in Frage stellen.

Die Menschen draußen wunderten sich unterdessen bereits, dass der Räucherdienst an diesem Tag so ungewöhnlich lange dauerte. Sie murmelten und tuschelten, denn die vorgeschriebenen Gebete waren längst gesprochen. Eigentlich hätte man nachschauen müssen, ob der alte Zacharias womöglich einen Schwächeanfall erlitten hatte, aber der Zutritt zum Räucheraltar war ausschließlich Priestern vorbehalten. Es gab genug Geschichten von Menschen, die tot umgefallen waren, weil sie sich unbefugt auf verbotenes, auf heiliges Gebiet gewagt hatten. Keiner wäre freiwillig in den Raum gegangen, selbst wenn darin ein bewusstloser Zacharias liegen mochte, und vielleicht lebte er ja auch gar nicht mehr?

Dann erschien der Priester, endlich, ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu wissen, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein musste. Er sprach kein Wort, winkte, machte Zeichen mit der Hand. Die meisten Menschen waren sich relativ schnell einig: Er muss wohl ein Gesicht gesehen, eine Vision gehabt haben. Er schien, abgesehen davon, dass er offenbar stumm bleiben wollte oder musste, gesund zu sein. Sein Winken deutete man schließlich als Ersatz für die normalerweise übliche segnende Verabschiedung. Die Gebete waren gesprochen, der Priester hatte geräuchert, und das Volk ging nach Hause.

Zacharias blieb noch, denn seine Dienstzeit war mit dem Räuchern nicht beendet. Er war nicht nur fromm, sondern auch gewissenhaft, und die Begegnung mit einem Engel änderte schließlich nichts an den festgesetzten Zeiten und seinen Aufgaben. Erst zur üblichen Stunde ging er dann nach Hause zu seiner Frau.

Elisabeth wurde schwanger, gegen alle Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten. Nun hätte man meinen mögen, dass sie von ihren Zustand voller Freude Freunden, Nachbarn und Verwandten erzählt hätte, denn immerhin war endlich die Schande, die zu jener Zeit mit der Kinderlosigkeit einher ging, getilgt. Doch sie versteckte sich vor den Menschen, nur Zacharias hatte jetzt, neben der Zwangsverstummung, einen zweiten Beleg dafür, dass Gabriel ihm tatsächlich eine Botschaft Gottes gebracht hatte.

Fünf Monate lang zog sich Elisabeth zurück und war zufrieden damit, dass »der Herr sie mit Wohlgefallen angesehen« und »die Schmach von ihr genommen« hatte, wie sie sich ausdrückte. Sie freute sich, wollte aber ihre Freude mit niemandem teilen. Oder wollte sie ihre Freude von niemandem trüben lassen?

Eigentlich ging es ja niemanden etwas an, ob ein alt gewordenes Paar das nächtliche Ruhelager nur noch für den Schlaf nützte oder nach wie vor Gefallen an der liebe- und lustvollen Vereinigung der beiden Körper fand. Aber die Nachbarn, sie redeten eben gerne und viel und nicht immer freundlich … da war es wohl besser, sich nicht zum Gegenstand der Unterhaltungen zu machen.

Außerdem konnte ein so spät im Leben gezeugtes Kind womöglich im Mutterleib absterben oder als nicht lebensfähige Frühgeburt auf die Welt kommen. Wir sind ja weit in der Zeit zurückgereist, damals war weder an Ultraschall noch an Fruchtwasseruntersuchungen oder medizinische Hilfe für Frühgeborene zu denken. Kinder starben bei der Geburt oder wurden tot ausgestoßen, das war schmerzlich und bitter; in solch einem tragischen Fall der Fälle wollte Elisabeth lieber mit ihrem Zacharias allein trauern und sich all die Kommentare ersparen, die auf das Paar herabregnen würden, das die Lebensspanne der Fortpflanzung längst hinter sich gelassen hatte und trotzdem – wer weiß auf welche Weise! – noch den Versuch unternommen hatte, Nachkommen in die Welt zu setzen.

Welche Gründe auch immer die beiden hatten, das im Mutterleib heranreifende Kind sollte ihr Geheimnis bleiben bis zur Geburt. Dachten sie zumindest.

Als Elisabeth im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft war, hatte Gabriel in einer Nachbarstadt eine weitere Botschaft zu überbringen.

Er suchte in Nazareth ein Mädchen auf, eine gewisse Maria. Seine Nachricht war noch um einiges unerhörter als die Worte an Zacharias, aber dazu kommen wir gleich. Erst wollen wir noch festhalten, dass Maria verlobt war, mit einem jungen Mann namens Joseph. Seinerzeit und in jener Gegend gab es zwischen verlobt und verheiratet manche Unterschiede, und einer bestand darin, dass eine Vereinigung der Körper – heute würde man unbekümmert das Wort Sex nennen – und somit eine Schwangerschaft ausgeschlossen war. Es gab zwar Frauen, die das Bett mit Männern teilten, mit denen sie nicht verheiratet waren, genauso wie es Männer gab, die ständig auf der Suche nach solchen Frauen waren, aber für Maria wäre das so undenkbar gewesen wie für die meisten jungen Menschen ihrer Zeit. Wir sind, wie gesagt, weit in der Zeit zurück gereist. Mancher mag das heute für unvorstellbar halten, jedoch – es war nun einmal so.

Als der Engel bei Maria auftauchte, erschrak sie nicht so sehr über das unerwartete Erscheinen des Boten, sondern mehr über seine merkwürdigen Worte.

»Gegrüßet seist du, Holdselige«, sprach Gabriel das Mädchen nämlich an, »der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Frauen.«

aLTE wORTE; VIELE ALTE wORTEHoldselig, gebenedeit – solche aus unserem aktiven Wortschatz verschwundenen Wörter machen es uns etwas schwer zu verstehen, worüber Maria sich so wundern musste. Diese Wortwahl ist bei jemandem zu finden, der diese Geschichte vor längerer Zeit erzählt hat, und er hat seine Worte stets mit Bedacht, wenn auch aus heutiger Sicht nicht immer ganz treffend, gewählt. In diesem Fall war seine Übersetzung des Textes ins Deutsche nicht falsch, allerdings sind uns solche Begrifflichkeiten im Lauf der Jahrhunderte fremd geworden. Wir wollen versuchen, uns auszumalen, warum Maria bei dieser Anrede erschrak.

Sie war ein ganz normales bürgerliches Mädchen, keine Fürstentochter, und sie war auch nicht verlobt mit einem Königssohn, sondern mit einem Tischler. Der unvermutete und unheimliche Besucher grüßte sie jedoch wie eine Persönlichkeit von hohem gesellschaftlichen Rang. Was sollte diese übertriebene Anrede, welchen Zweck verfolgte der sonderbare Mann, der da vor ihr stand? Maria war zu Recht irritiert und erschrocken. Wie Zacharias vor seinem Räucheraltar einerseits wegen des unerwarteten und unerklärlichen Auftauchens einer Gestalt aus dem Nichts, aber eben auch angesichts der völlig deplatzierten Worte. Für ein junges, normales, überhaupt nicht außergewöhnliches Mädchen war die Anrede so unpassend wie für uns heute eine Badehose in der Sauna.

Hatte Gabriel vor lauter Ehrerbietung das Naheliegende, nämlich ein paar beruhigende Worte, übersehen? Bei Zacharias hatte er bekanntlich zunächst vergessen, sich vorzustellen, und auch Maria wusste nicht, wer sie da ungebeten heimsuchte. Der Engel fuhr fort: »Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott.«

Göttliche Gnade – das war ja durchaus ein Grund, sich nicht zu fürchten, oder sich wenigstens nicht mehr allzu sehr zu fürchten, so irritierend auch der Beginn der Ansprache gewesen war. Marias Herz klopfte etwas weniger ungestüm, während sie weiter zuhörte. Die Ansprache wurde immer rätselhafter.

»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, dem sollst du dann den Namen Jesus geben. Er wird ein bedeutender Mensch sein, man wird ihn als Sohn des Höchsten bezeichnen. Gott der Herr wird ihm den Königsthron seines Vaters David geben.«

Moment mal, wieso denn David? Sie sollte und wollte doch Joseph heiraten, aber wenn der Vater ihres Kindes David hieß, dann wurde aus der geplanten Hochzeit wohl nichts? Und warum sollte ausgerechnet ihr Sohn, wenn sie irgendwann, in ein oder zwei Jahren vielleicht, einmal einen bekommen würde, ein bedeutender Mann werden, von den Leuten noch dazu als Sohn des Höchsten bezeichnet? Darüber hinaus war es irritierend, dass von einem Königsthron die Rede war. Der Königsthron Davids stand für die Herrschaft über dieses Volk, und die wurde nun schon eine ganze Weile von fremder Hand bestimmt, da die Römer inzwischen das Sagen hatten. Herodes saß zwar auf dem Königsthron, aber wichtige Dinge entschied er nicht. Maria schüttelte den Kopf angesichts der vielen Ungereimtheiten. Sie versuchte, weiter zuzuhören, der Engel war ja noch nicht fertig. »Er wird für immer König sein über das Haus Jakob, sein Königreich wird nämlich kein Ende haben.«

Also ein ewig lebender Sohn wurde ihr da angekündigt? Das Mädchen hatte in den paar Sätzen zu viel Unbegreifliches gehört, um die einzelnen Fragen noch sortieren zu können. Als nun die Gelegenheit da war, etwas zu dieser Botschaft zu sagen, fiel ihr nur die fehlende biologische Voraussetzung für das ganze Gedankengebäude ein: »Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?«

Von keinem Mann wissen, das bedeutete nichts anderes, als dass sie weder mit ihrem Joseph noch sonst einem Mann eine intime Beziehung hatte, und auch nicht haben wollte, bevor sie rechtmäßig und ordnungsgemäß verheiratet war. Einen David, den Gott wohl als Bräutigam ausgesucht hatte, kannte sie noch nicht einmal. Ganz zu schweigen von einem zukünftigen Ehemann, der Anspruch auf das Königtum hätte, wenn man die Römer und ihren Hampelmann Herodes gedanklich einmal ausblenden wollte.

Gabriel hatte den Priester Zacharias ein paar Monate zuvor mit einer temporären Verstummung bedacht, als dieser Einwände gegen die überbrachte Botschaft vorgebracht hatte. Mit Maria ging er behutsamer um. Anstatt ihre Frage als Unglaube oder Widerborstigkeit auszulegen und mit Stummheit oder sonst einer Plage zu ahnden, erklärte er ihr, wie sie zu einem Sohn kommen sollte: »Der heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Aus diesem Grund wird auch das Heilige, das du zur Welt bringen wirst, Sohn des Höchsten genannt werden.«

Vorstellen konnte sich das Mädchen auch nach dieser Erklärung immer noch nichts, vermutlich las Gabriel die Verwirrung in ihren Augen und gab ihr noch ein Zeichen mit auf den Weg, an dem sie erkennen sollte, dass er ihr wirklich eine Botschaft von Gott gebracht hatte. Er verriet Maria ein Geheimnis: »Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn. Und das in ihrem hohen Alter. Alle gingen davon aus, dass sie unfruchtbar wäre, und jetzt ist sie im sechsten Monat. Bei Gott ist nämlich kein Ding unmöglich.«

Elisabeth sollte schwanger sein? Ausgerechnet diese zwar nette, aber doch ziemlich betagte Dame? Maria beschloss, nicht weiter nachzudenken, was alles möglich oder unmöglich war. Sie glaubte an Gott, kannte die Geschichten von den Wundern, die in der Vergangenheit geschehen waren. Vom Wasser in der Wüste für ein ganzes Volk bis zum lodernden Feuer auf einem Altar, der vorher samt Opfer darauf mit Wasser überflutet worden war. Selbstverständlich konnte dieser Gott tun, was er sich vorgenommen hatte, und eine Schwangerschaft ohne vorangegangene erotische Begegnung und Vereinigung war für ihn auch nicht schwieriger zu bewerkstelligen als andere Wundertaten, von denen man hörte. Also antwortete das Mädchen nur: »Ich bin eine Dienerin des Herrn, mir geschehe, was du eben angekündigt hast.«

Der Engel war zufrieden, er hatte seinen Auftrag erfüllt. Die Botschaft war überbracht, Maria hatte eingewilligt. Er verließ die Holdselige.

Elisabeth und Zacharias wussten noch nicht, dass ihr sorgsam gehütetes Geheimnis keines mehr war.

Natürlich war Maria neugierig. Ausgerechnet Elisabeth sollte im sechsten Monat schwanger sein. Niemand hatte darüber geredet, kein Mensch schien etwas davon zu wissen. Man hatte geredet, die Leute redeten ja dauernd, aber nur über Elisabeths Mann, der aufgrund eines Erlebnisses beim Priesterdienst stumm geworden war. Es wurde spekuliert, gemutmaßt, manche meinten, er habe ein Schweigegelübde geleistet, andere vermuteten eine Krankheit. Wieder andere erinnerten an die ungewöhnlich lange Zeit, die er beim Räuchern zugebracht hatte und hielten ein übernatürliches Ereignis als Auslöser für wahrscheinlich.

Eine Schwangerschaft im derart hohen Alter? Im sechsten Monat bereits? Da musste sich Maria selbst ein Bild von der Lage machen.

Sie brach eilig auf, um Zacharias und seine Frau in deren Heimatstadt zu besuchen. Als Maria in das Haus ihrer Verwandten kam, griff Elisabeth unwillkürlich mit der Hand an ihren Bauch, dessen Wölbung keinen Zweifel daran zuließ, dass der Engel die Wahrheit gesagt hatte. Maria hatte nicht ernsthaft an den Worten Gabriels gezweifelt, aber nun war sie doch sehr überrascht, als sie sich mit eigenen Augen überzeugen konnte.

Elisabeth spürte, dass ihr Kind förmlich in ihrem Bauch hüpfte, als das Mädchen sie begrüßt hatte. Sie wollte den Gruß in gewohnter Weise erwidern, aber als sie den Mund aufmachte, fühlte sie sich auf einmal wie von einem göttlichen Geist erfüllt und sprach Worte aus, die sie sich nicht zurechtgelegt hatte. Es war, als spräche ein anderes Wesen durch ihren Mund. Sie hörte sich rufen: »Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!«

Schon wieder so ein Wort, mit dem wir wenig anzufangen wissen. Gepriesen… Was müssen wir uns dabei vorstellen? Es gibt diverse Menschen, die heutzutage gepriesen werden. Ein Autor schreibt ein wunderbares Buch und wird von den Kritikern und Lesern gepriesen, womöglich nicht von Herrn Reich-Ranicki, aber das sei beiseite gelassen. Ein Spitzenkandidat wird von seiner Partei für die nächste Wahl aufgestellt und dann von den Parteimitgliedern gepriesen – zumindest so lange, bis er die Wahl verloren hat. So ungefähr können wir uns die Bedeutung von gepriesen vorstellen.

Maria erschrak zutiefst – nicht so sehr über das gepriesen sein, sondern vielmehr darüber, dass Elisabeth von der »Frucht ihres Leibes« sprach, von der sie selbst noch nicht einmal etwas wusste. War sie etwa schon schwanger? Der Engel hatte ja keinen Zeitpunkt konkretisiert … womöglich … ach du liebe Güte!

Elisabeth war noch nicht fertig mit ihrer Begrüßung: »Und womit habe ich das verdient, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Weißt du was, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.«

Ob Maria wohl so ganz begriff, was ihr da statt eines »Hallo Maria, schön, dass du mich besuchen kommst« entgegen schallte? Sie hatte ja noch nichts erzählt von der Engelserscheinung, von ihrer eigenen bevorstehenden Schwangerschaft ohne männliches Zutun, von jenem rätselhaften Königsthron und all den anderen merkwürdigen Prophezeiungen. Wir erinnern uns, dass Maria ein ganz normales frommes Mädchen war, nicht etwa eine sonderlich begabte Person oder jemand mit geistlichen Ämtern und Würden. Zacharias immerhin war Priester, hatte mit dem Tempel, den religiösen Verrichtungen und Gebeten jede Menge Erfahrung, seine Frau Elisabeth war demzufolge sicherlich eher vertraut mit dem, was man von Gott wusste oder glaubte. Aber Maria?

Das Mädchen reagierte den Überlieferungen zufolge anders, als wir es erwarten würden. Es saß ja kein Stenograph daneben, die Berichte wurden über lange Jahre mündlich überliefert, später niedergeschrieben, abgeschrieben, wieder abgeschrieben … jedenfalls beantwortete Maria den uns heute vorliegenden Texten zufolge Elisabeths Begrüßung mit einer Art Lobgesang: »Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …«

Marias ziemlich lange Antwort ist fast wie ein Blick in die Zukunft, denn sie beschreibt das, was Gott in der Vergangenheit getan hat, ohne dass sie bereits wissen kann, was ihr eigener Sohn rund dreißig Jahre später tun und predigen wird. »… seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten …«, sagt sie, »… er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen …«

Worüber sich Elisabeth und Maria so unterhalten haben in den nächsten Wochen, ist uns nicht überliefert. Sicher werden sie über die Besuche des Engels geredet haben, über die Unwahrscheinlichkeit von Elisabeths Empfängnis und die Unmöglichkeit der Schwangerschaft von Maria, werden sich wohl auch Gedanken gemacht haben, was die Leute denken oder reden, wenn Maria ohne Ehemann aber mit zunehmend dickem Bauch zu sehen sein wird … Zeit für Gespräche gab es reichlich. Maria blieb etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim, kurz bevor Elisabeth ihr Kind auf die Welt brachte.

Elisabeth und Zacharias bekamen, was beiden klar gewesen war, einen Sohn. Warum hätte der Engel sich im Geschlecht des Kindes irren sollen.

Nun war es aus mit der Geheimniskrämerei, denn das freudige Ereignis durfte und musste gefeiert werden. Die Nachbarn und Verwandten hörten, vermutlich mit erheblichem Erstaunen, dass die Schmach der Kinderlosigkeit vorüber war und sie freuten sich mit Elisabeth. Sie hätten sich wahrscheinlich schon vorher gefreut, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren hätten, aber wir haben uns ja schon Gedanken gemacht, warum Elisabeth in ihrem hohen Alter diesbezüglich so zurückhaltend gewesen war.

Am achten Tag kamen Freunde und Verwandte, um das Kind zu beschneiden. Dies war nicht nur üblich, sondern Vorschrift. Es gehörte zum Leben der Juden ganz selbstverständlich dazu, seit Gott mit dem Stammvater ihres Volkes einen Bund geschlossen hatte. Auf die Unbeschnittenen sah man ein wenig elitär herab, denn auserwählt waren sie nicht. Wenn ein Junge auf die Welt kam, fand acht Tage später die Beschneidung seiner Vorhaut statt, und bei dieser Gelegenheit bekam das Kind dann auch seinen Namen.

Die versammelte Festgesellschaft wollte den Jungen nach seinem Vater Zacharias nennen. Der Tradition gemäß war dies die naheliegende Wahl.

Doch Elisabeth widersprach energisch: »Nein, sondern er soll Johannes heißen.«

Das war der Name, den Gabriel genannt hatte, als er Zacharias am Räucheraltar mit der unglaublichen Botschaft überfallen hatte. Wir kennen diese Vorgeschichte und verstehen, dass weder Elisabeth noch Zacharias daran dachten, von dieser Vorgabe abzuweichen, schließlich hatte sich alles, was der Engel verkündet hatte, als richtig erwiesen, einschließlich der Beraubung des Priesters um seine Stimme.

Die Gäste, denen diese Zusammenhänge unbekannt waren, versuchten, Elisabeth zur Vernunft beziehungsweise zur Tradition zu bewegen: »Es ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt!«

Elisabeth blieb stur. Da war nichts zu machen. Die Verwandtschaft bedeutete schließlich dem Vater des Säuglings, er solle sich äußern, wie sein Sohn denn nun heißen solle. Zacharias, seit neun Monaten daran gewöhnt, sich lediglich mittels Gesten und notfalls schriftlich auszudrücken, forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes.

Nun wunderten sich alle um so mehr, er als Priester hätte doch Tradition und Gebräuche noch viel höher achten müssen? Natürlich war es nicht verboten, einem Kind einen Namen zu geben, der in der Familie ungebräuchlich war. Manche unter den Festgästen mögen sich gedacht (oder gar miteinander getuschelt) haben, dass die späte Schwangerschaft, noch dazu verheimlich, das Verstummen des Vaters und nun das sture Beharren auf Johannes als Namen irgendwie zusammenpasste. Die Familie war schon etwas wunderlich geworden in letzter Zeit …

Doch die Überraschungen waren noch nicht zu Ende. In diesem Moment erfüllte sich auch der letzte Teil der Voraussagen des Gottesboten am Räucheraltar. Vielleicht erschrak Zacharias? Sein »Mund wurde aufgetan und seine Zunge gelöst«, so lesen wir es in den Überlieferungen. Er »redete und lobte Gott«.

Selbstverständlich kannte er als Priester die Schriftrollen der Propheten, aus denen in den Synagogen vorgelesen wurde. Er zitierte in seiner Rede einige dieser Voraussagen. Was er nun, als er nach mehr als neun Monaten wieder sprechen konnte, über seinen Sohn Johannes sagte, ging jedoch deutlich über das hinaus, was er nach rein menschlichem Ermessen wissen konnte.

»Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und erlöst und hat uns eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David aufgerichtet. Das hat er bereits vor sehr langer Zeit durch den Mund seiner heiligen Propheten angekündigt, dass er uns errettet von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen.« Die Zuhörer nickten, denn auch sie kannten ja die uralten Prophetien, auf deren Erfüllung das Volk hoffte, seit die Römer die Herrschaft übernommen hatten. Man tröstete sich mit dieser Hoffnung über die trostlose Realität hinweg, doch warum Zacharias daran ausgerechnet bei der Beschneidung seines Sohnes erinnerte, war nicht ganz verständlich. Hätte er nicht eher etwas über den Bund zwischen Abraham und Gott sagen sollen, von jener ersten Beschneidung in der Geschichte des Volkes erzählen müssen?

Zacharias fuhr fort: »Gott hat versprochen, unsern Vätern Barmherzigkeit zu erzeigen und an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat, zu denken.«

Ach – aha! Endlich kam der Priester, auf einem Umweg, doch zum Thema. Nun war der Zusammenhang schon verständlicher.

»Gott hat uns versprochen, dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienen werden. Und zwar ohne Furcht, unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen«, fügte Zacharias noch hinzu.

Vielleicht dämmerte nach diesen Worten einigen Verwandten und Freunden, dass der stolze Vater der Geburt seines Sohnes mehr Bedeutung beimaß als – bei aller Freude über den so spät im Leben noch erfüllten Kinderwunsch – zu erwarten war. Sollte die Namensgebung eine tiefere Bedeutung haben? Meinte Zacharias womöglich, dass die Erlösung aus der Hand der Feinde, der Römer, unmittelbar bevorstand? Sollte das Kind dabei eine Rolle spielen?

Nun sah Zacharias seinen Sohn Johannes an und erklärte: »Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und seinem Volk Erkenntnis des Heils gibst in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.«

Wir sind etlichen der eben genannten Begriffe und Worten entfremdet, »Heil« hat in unserem Land sogar einen üblen Beigeschmack bekommen. Dieser Schluss der Ansprache ist recht poetisch formuliert, was ja nicht an und für sich verkehrt ist, uns aber doch das Verständnis für die Reaktion der Anwesenden etwas erschwert. Kurz zusammengefasst hatte Zacharias gesagt, dass sein Sohn im Auftrag Gottes reden und ein Wegbereiter für die Befreiung des Volkes sein würde – aus der Finsternis der augenblicklichen Situation hinaus, in eine helle und friedliche Zukunft hinein.

Es war eine merkwürdige Stimmung, die sich nach den Worten des Vaters über sein Kind breit machte in der Festtagsrunde. Furcht kam über alle Nachbarn; man spürte, dass eine höhere Macht die Hand im Spiel hatte. Die ganze Geschichte wurde bekannt »auf dem ganzen Gebirge Judäas«, also weit über die nächste Nachbarschaft hinaus. Und alle, die es hörten, nahmen es sich zu Herzen und sprachen: »Was, meinst du, will aus diesem Kindlein werden?«

»Denn die Hand des Herrn war mit ihm«, hat jemand angemerkt, der diese Geschichte auch schon erzählt hat. Woran das in der Kindheit und Jugend des Johannes erkennbar war, wissen wir nicht, denn über seine Entwicklung hat niemand etwas aufgeschrieben, damals, vor so langer Zeit. Wir können immerhin davon ausgehen, dass Johannes ein gesundes, kräftiges und intelligentes Kind war, denn der Bericht schließt damit, dass er »wuchs und stark im Geist wurde«. Das Kind wurde zum Jugendlichen. Manche Menschen, die sich noch an jene außergewöhnliche Feier der Beschneidung und an die sonderbaren Umstände der Schwangerschaft erinnerten, mochten Johannes gespannt beobachten, denn wenn das, was sein Vater damals verkündet hatte, richtig war, musste der Junge ja nun langsam mal aktiv werden. So stellte man sich das vor.

Und dann verschwand Johannes.

Anstatt seine Mission zu beginnen, öffentlich zu predigen, womöglich gar Widerstand gegen die römische Besatzung anzuschüren oder zumindest schon mal Gleichgesinnte um sich zu scharen, zog Johannes sich zurück. Er ging in die Wüste und blieb in der Wüste. Seine Zeit war, obwohl er zum jungen Mann gereift war, noch nicht gekommen, so lesen wir es in den alten Überlieferungen.

War er allein in der Wüste? Ja, er war wohl allein, denn nichts wird uns berichtet von diesen Jahren. Predigte er den Steinen, dem Sand, den spärlichen Pflanzen? Unterhielt er sich nächtens mit dem scheuen Wüstenfuchs, der sich im Lauf der Jahre an den zweibeinigen Nachbarn gewöhnt hatte?

Vermutlich redete mit seinem Gott oder zu seinem Gott. Was er redete, ob er Antworten bekam, wie viel er von den kommenden Ereignissen ahnte oder wusste – wir wissen es nicht. Wir erfahren nur, dass im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, endlich ein »Wort Gottes zu Johannes geschah«. Wie wir uns das vorzustellen haben, bleibt uns überlassen. Hörte er eine Stimme mit seinen Ohren? Bekam er Besuch von Gabriel, wie sein Vater damals? Überkam ihn eine innere Gewissheit?

Johannes verließ seine Einöde und kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Natürlich kannte er – sein Vater war immerhin Priester gewesen – die Reden des Propheten Jesaja. Dort hieß es: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Nun kann man das nicht wörtlich nehmen, denn wenn die Täler erhöht werden und die Erhebungen erniedrigt, dann bleibt ja nur eine flache Ebene übrig. Niemand in Judäa hatte ernsthaft die Absicht, die Landschaft einzuebnen. Auch krumme Wege haben ihren Zweck, denn wenn das Ziel um die Ecke liegt, führt ein gerader Weg daran vorbei. Das ganze ist als geistliche Metapher zu begreifen. Ob Johannes ganz gewiss war, dass er selbst dieser Prediger in der Wüste war, von dem der Prophet vor so langer Zeit geredet hatte, können wir nur mutmaßen und vielleicht aus dem schließen, was uns von seinen Ansprachen berichtet wird:

Mit drastischen Worten sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: »Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.«

Für das Volk war das, auch abgesehen von den Schimpfworten, eine ziemlich herausfordernde Rede. Immerhin hatte Abraham einen Bund mit Gott geschlossen, und zwar einen ewigen Bund. Darauf konnten sie sich verlassen, meinten die Zuhörer, denn schließlich waren sie Abrahams Kinder und ewig hieß nun einmal ewig. Sie waren doch das auserwählte Volk? Nichts anderes hatten sie und ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gehört und geglaubt. Und nun tauchte ein verwilderter Prediger auf, der nicht einmal Priester war, um ihre Gewissheit, dass Gott sie auf jeden Fall in seine Arme schließen würde, zu erschüttern und zu rauben. Das hätte eigentlich zu erheblichem Widerspruch und Widerstand führen müssen. Seine Bußpredigten sollten auch nicht ohne bittere Folgen für Johannes bleiben, aber in jenen Wochen und Monaten reagierten seine Zuhörer nicht feindselig, sondern betroffen und Rat suchend.

Die Menge fragte ihn: »Was sollen wir denn tun?«

Johannes antwortete, indem er sie daran erinnerte, dass Gott an ihrer Einstellung dem Mitmenschen gegenüber mehr interessiert war als an ihrer Abstammung von Abraham: »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.«

Das Gebot der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, war kein neues, sondern es stand schon seit Jahrhunderten in den heiligen Schriftrollen. Aber offensichtlich wurde es weithin ignoriert. Johannes taufte und verlangte von denen, die sich diesem Ritual unterzogen, dass sie fortan mit Taten statt mit Worten ein anderes Leben führten. Ein Hemd reicht, wenn der Mitmensch keines und man selbst zwei hat.

Die Römer hatten als Besatzer des Landes unter anderem Zöllner, heute und hier würden wir von Zollbeamten sprechen, eingesetzt. Diese Handlanger waren beim Volk nicht beliebt, mit gutem Grund, denn so gut wie alle wirtschafteten neben der Erhebung der Steuern für Rom auch kräftig in die eigene Tasche. Nun kamen auch Zöllner zu Johannes, um sich taufen zu lassen. Sie wollten ebenfalls wissen, was er ihnen zu raten hatte: »Meister, was sollen denn wir tun?«

Die Antwort war eigentlich vorhersehbar: »Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!«

Vielleicht hatten manche in den Volksmengen gehofft, dass Johannes den Zöllnern auftragen würde, ihren Dienst zu verlassen, aber er dachte gar nicht daran, einen Aufstand gegen Rom anzuzetteln.

Auch Soldaten kamen, um sich taufen zu lassen. »Was sollen denn wir tun?«

Ähnlich wie die Zöllner waren die Soldaten nicht sonderlich angesehen im Volk. Sie dienten erstens einer fremden Macht, denn sie standen unter dem Befehl der Römer, und zweitens erpressten sie gerne Schutzgelder, bereicherten sich wo es nur ging, denn sie hielten sich – und waren es ja auch – für relativ unangreifbar.

Johannes antwortete: »Tut niemandem Gewalt oder Unrecht an und begnügt euch mit eurem Sold!«

Wir erinnern uns: Es hatte sich nach seiner Beschneidung weit herumgesprochen, dass Johannes kein Mensch wie alle anderen war, dass ihm etwas Besonderes, etwas Gottgegebenes anhaftete. Inzwischen waren viele Jahre ins Land gezogen, aber vergessen waren die Umstände seiner Geburt und die Worte seines Vaters über Johannes wohl nicht.

Das Volk wartete auf einen Erlöser, einen Messias, der die Besatzungsmacht aus dem Land werfen und das jüdische Könighaus des David wieder aufrichten würde. Nun trat Johannes, über dessen Geburt und Beschneidung solch ungewöhnliche Geschehnisse erzählt worden waren, auf. Er kam mit einer unerwarteten, aber dennoch aufsehenerregenden Botschaft. Kein bewaffneter Aufstand, kein Streik, keine Occupy-Bewegung und auch kein arabischer Frühling. Statt dessen predigte Johannes eine Art freiwilligen Sozialismus. Die Menschen waren voll Erwartung und viele mutmaßten in ihren Herzen von ihm, ob er vielleicht der Christus, der versprochene Erlöser, wäre, zumal Johannes den Propheten Jesaja, der einiges über den Christus gesagt hatte, häufig zitierte.

Aber Johannes wies das weit von sich. Er erklärte: »Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird seine Tenne fegen und wird den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.«

Die Worfschaufel muss man erklären, wenn man diese Geschichte heute erzählt. Dieses Gerät kennt keiner mehr, außer vielleicht aus einem landwirtschaftlichen Museum. Mit einer Worfschaufel, einer Art Schippe mit flachem Blatt aus Holz oder Metall, wurde das ausgedroschene Getreide gegen den Wind in die Höhe geworfen und von der Spreu gereinigt. Die Spreu flog im Luftstrom ein Stück zur Seite, das Getreide fiel zu Boden. Mit seiner Metapher sagte also Johannes, dass jemand nach ihm kommen würde, der das Wertvolle im Volk vom Wertlosen im Volk trennen würde, die einen würde er bei sich behalten, die anderen vernichten.

»Mit Feuer taufen« – da war den Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Würde Feuer vom Himmel fallen, um die Spreu, die Verworfenen zu verbrennen? Möglich, immerhin hatte das Johannes gepredigt. Aber »taufen« mit Feuer? Und »mit dem Heiligen Geist« war nicht weniger rätselhaft.

Johannes erklärte nicht, sondern er predigte unverdrossen Buße und Umkehr, ermahnte das Volk und verkündigte ihm das Heil. Gott sei nicht an der Abstammung von Abraham interessiert, sondern daran, ob jeder einzelne Mensch Recht oder Unrecht tut, das war der Kern seiner Lehre. »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. … Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! … Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!«

Als Johannes eines Tages wie üblich am Jordan predigte und taufte, kam Jesus, um sich taufen zu lassen. Johannes hatte ihn zuerst nicht erkannt, es war ziemlich lange her, dass sie sich gesehen hatten und beide hatten sich, vom Jugendlichen zum Mann gereift, verändert. Selbstverständlich wusste Johannes über die sonderbaren Umstände der Schwangerschaft von Maria bescheid, immerhin waren seine Mutter und die Mutter Jesu Verwandte und die Ereignisse, die weit ringsum bekannt geworden waren, kannte man in der Familie natürlich am besten. Aber Johannes hatte seit seinem Rückzug in die Wüste keinen Kontakt mehr zur Verwandtschaft gehabt.

Nun stand Jesus vor Johannes, um sich wie all die anderen taufen zu lassen. Johannes sträubte sich zunächst, meinte, dass umgekehrt ein Schuh daraus würde. Doch schließlich gab er nach. Als Jesus getauft war und anschließend betete, wurde der Himmel geöffnet und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab. Manche Zeugen des Vorfalls hatten andere Erinnerungen, meinten einen Donner zu hören oder etwas wie eine Feuerflamme zu sehen, aber Johannes sah die Taube und hörte eine Stimme aus dem Himmel: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.«

Ob Johannes schon ahnte, welch schmähliches Ende sein Leben nehmen würde? Oder hoffte er noch, dass die ihm überlieferten großartigen Worte eines Engels an seinen Vater irgendwie in Erfüllung gehen würden.

Seine Mission war damit nicht erfüllt, Johannes predigte und taufte auch nach dieser denkwürdigen Begegnung weiter. Er nannte Unrecht beim Namen und scheute auch nicht davor zurück, öffentlich den Landesfürst Herodes zu kritisieren. Dieser Mann, das hatten wir schon festgehalten, regierte nicht souverän; natürlich hatten die Römer das Sagen. Er genoss aber seinen Status und seine begrenzte Macht und fand auch nichts dabei, mit der Frau seines Bruders ein erotisches Verhältnis zu pflegen. Deswegen und wegen alles Bösen, das er sonst noch getan hatte, wurde er von Johannes öffentlich gescholten. Herodes zögerte nicht lange, er warf Johannes ins Gefängnis.

Während Johannes im Gefängnis ausharren musste, wurde Jesus immer bekannter im Land. Seine Wunder waren überall Gesprächsstoff. Wenn es hieß, dass er an einem bestimmten Ort sei, strömten die Menschen dorthin und brachten ihre Kranken mit, damit diese geheilt würden, und je mehr Wunder geschahen, desto stärker wurde der Zulauf.

Johannes rechnete damit, dass der Messias, über den er selbst dem Volk gesagte hatte, dass »in seiner Hand die Worfschaufel sei, dass er die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennen würde«, in absehbarer Zeit mit seinem öffentlichen Wirken beginnen würde. Feuer vom Himmel sollte auf die Unterdrücker und die renitenten Sünder fallen, das Volk würde wieder in einem freien Königreich leben. Das seltsame Ereignis bei der Taufe des Messias bestärkte Johannes in dieser Annahme. Eine Stimme vom Himmel, eine Taube, die keine Taube war … so etwas geschah nicht alle Tage.

Doch nun saß Johannes im Gefängnis, seine Jünger berichteten ihm über alles, was sie von Jesus hörten, und wir können uns vorstellen, welche Fragen und Zweifel den Täufer umtrieben. Er hatte der Volksmenge diesen Jesus angekündigt: »Er wird seine Tenne fegen …« – aber statt irgendwen mit Feuer zu verbrennen, statt die Spreu nun endlich vom Weizen zu trennen und Gericht zu halten, tat der Messias dem Vernehmen nach allen nur Gutes, allen Menschen, ohne Unterschiede. Statt Sünder zu bestrafen, vergab er ihnen ihre Schuld, war überhaupt häufig in zweifelhafter Gesellschaft anzutreffen. Er ließ sogar eherne Gesetze außer Acht, zum Beispiel wenn es darum ging, am heiligen Ruhetag einen Kranken zu heilen. Johannes als Sohn eines frommen und untadeligen Priesters hatte damit erhebliche Probleme, denn wie sollte jemand den Thron Davids wieder aufrichten, der die ewigen Gesetze des Bundes seines Volkes mit Gott missachtete?

Johannes grübelte und zweifelte und rätselte, schließlich rief er zwei seiner Jünger herbei und sandte sie zu Jesus. Sie sollten ihm eine simple Frage stellen: »Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Es war nicht schwer, Jesus zu finden, und die beiden Boten sprachen ihn an: »Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dir sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Eine klare Antwort, ein Ja oder ein Nein, erhielten sie nicht. Jesus heilte auch an diesem Tag viele Menschen von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht. Nun hatten die beiden Boten des Johannes das mit eigenen Augen gesehen, konnten sich davon überzeugen, dass keine Übertreibung in dem zu finden war, was man sich landauf, landab erzählte.

Jesus antwortete jedenfalls nicht auf ihre simple Frage, sondern sagte: »Geht hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt! Und glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet, weil er Anstoß daran nimmt.«

Was mag Johannes gedacht haben, als er den Bericht seiner beiden Jünger im Gefängnis hörte? Er hatte ja seine beiden Boten geschickt, weil er das, was er über Jesus hörte und das, was er selbst über den Messias gesagt hatte, nicht in Einklang bringen konnte. Das passte nicht zusammen. Deshalb hatte er eine klare Frage gestellt – und keine klare Antwort bekommen. Natürlich deutete das »glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet« an, dass man nicht auf einen anderen Messias warten sollte, und vielleicht reichte das ja auch, um Johannes von seinen Fragen und Zweifeln zu befreien?

Wir wissen nicht, wie und ob Johannes mit der Botschaft zurecht kam. Fand er Trost in dem Wissen, dass seine Bußpredigten und –taufen für mehr Menschlichkeit, mehr Gerechtigkeit gesorgt hatten? Hoffte er auf Entlassung, um seinen Verwandten Jesus selbst aufsuchen und über all die offenen Fragen mit ihm reden zu können? Oder gab er sich mit seinem Schicksal zufrieden? Jedenfalls kam es für ihn zu keiner Befreiung aus dem Gefängnis. Herodes ließ den Täufer hinrichten.

Jesus wirkte weiter und wurde immer bekannter. Die Menschenmassen, die zu ihm strömten, waren größer als die, die zur Taufe des Johannes im Jordan gepilgert waren.

Das erregte auch die Aufmerksamkeit der Obrigkeiten. Herodes hörte alles, was rings um Jesus vor sich ging. Er geriet in Verlegenheit, weil von einigen gesagt wurde, dass Johannes aus den Toten auferweckt worden sei; von einigen aber, dass Elia erschienen, von anderen aber, dass einer der alten Propheten auferstanden sei. Auf jeden Fall gab es keinen Zweifel, dass dieser Jesus kein Mensch wie alle anderen war. Herodes murmelte vor sich hin: »Johannes habe ich enthauptet. Wer aber ist dieser, von dem ich solches höre?« Er wünschte sich, ihn zu sehen – zu ihm hinauspilgern wollte er jedoch lieber nicht.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Begegnung stattfinden würde.

Vor vielen Jahren hatte ein Engel zu einem alten Priester im Tempel gesagt: »Dein Sohn wird wie damals Elia mit bemerkenswerter Kraft und im Geist Gottes wirken. Die Kinder und die Eltern wird er miteinander versöhnen, den Ungläubigen wird er aufschließen können, wie klug die Gerechtigkeit Gottes ist. Er wird das ganze Volk vorbereiten.«

Hatte sich diese Voraussage erfüllt? Einige meinten, da sei etwas schief gegangen, andere sprachen davon, dass Johannes genau das getan habe. Jedoch: dass das Volk von dem Messias zunächst begeistert war, weil er so viel Gutes tat und weil er Sünden vergab, ohne zuerst teure und langwierige Opfer zu fordern – bedurfte das der Vorbereitung durch einen Täufer, der Buße und Gericht verkündete? Dass das Volk schließlich seinen Messias verwerfen und vom römischen Statthalter »kreuzige ihn!« fordern würde, war das ein Symptom misslungener Vorbereitung? Und sein schmähliches Ende im Kerker … war das unumgänglich?

Es gäbe vielleicht noch so manches zu erzählen, aus anderen Quellen zu schöpfen, von Kamelhaaren und Heuschrecken könnte man berichten, aber was Johannes betrifft, sind dies die Dinge, die von einem der Menschen, die damals, in jener anderen Zeit und in jenem anderen Land, gelebt haben, aufgeschrieben wurden. Dieser Chronist hieß Lukas, er hat für seinen Freund Theophilus einen zweiteiligen Bericht verfasst, in dem Johannes allerdings weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als seinem Verwandten Jesus und dann dessen Nachfolgern und ihrem Wirken.

Lukas hat dann über Johannes nur noch angemerkt, dass viele Jahre später ein gewisser Paulus, der Jesus nachfolgte, in der Stadt Ephesus, also recht weit weg vom Ort des Geschehens das wir hier betrachtet haben, auf eine Gruppe von Jüngern des Johannes traf. Paulus fragte sie: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, nachdem ihr gläubig geworden seid?«

Sie antworteten etwas ratlos: »Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist überhaupt da ist.«

Paulus fragte zurück: »Worauf seid ihr denn getauft worden?«

Die Antwort war: »Auf die Taufe des Johannes.«

Wir entnehmen diesem kurzen Dialog, dass nach der Hinrichtung des Täufers offenbar einige seiner Jünger den Dienst fortgeführt hatten, vermutlich mit der gleichen Botschaft verbunden, dass der Mensch seinen Nächsten nicht nur lieben, sondern ihm auch durch die Tat behilflich sein sollte, dass die Ankunft eines Messias kurz bevor stand, der würde dann ja bekanntlich mit Geist und Feuer taufen und mit der Worfschaufel endlich für Ordnung sorgen.

Paulus erklärte diesen Menschen in Ephesus: »Johannes hat mit der Taufe der Buße getauft, indem er dem Volk sagte, dass sie an den glauben sollten, der nach ihm komme, also an Jesus.«

Bis zum letzten Cent

Jahrelang war es niemandem aufgefallen, dass Wolfgang Rotter sich regelmäßig Geldbeträge vom Firmenkonto auf sein privates Girokonto überwiesen hatte. Er war allein verantwortlich für die Buchhaltung des kleinen Familienbetriebes, der die Gastronomie im schwäbischen Memmingen mit allem Notwendigen, vom Pappbecher bis zur goldgeprägten Speisenkarte, versorgte.
Der Chef, ein alter, grauer Herr der aussterbenden Gattung Alleinherrscher, hatte sich nie weiter darum gekümmert, was sein Buchhalter tat, solange die Kunden ihre Rechnungen bezahlten, die Lieferanten ihr Geld bekamen, das Finanzamt den Jahresabschluss akzeptierte und ein ansehnlicher Gewinn verbucht werden konnte.
Wolfgang Rotter versteckte seine Nebeneinkünfte geschickt zwischen den echten Zahlungen, zu diesem Zweck hatte er die Firma Lichtberg AG, Bestecke und Geräte, ersonnen. Deren Kontonummer war seine eigene.
Sein Gehalt erschien ihm im Vergleich zu seinem Einsatz für die Firma lächerlich gering, also nahm er das Recht in Anspruch, es nach Gutdünken selbst anzuheben. Hatte er an manchen Wochenenden im Büro Überstunden geleistet, war eine Rechnung der Firma Lichtberg über 500 Euro fällig. Wenn er dazu kam, am Schreibtisch ausführlich seine Illustrierten zu lesen, dann waren es nur 100 Euro. Niemand interessierte sich dafür, dass bei Lichtberg nie eingekauft wurde, wenn Wolfgang Rotter Urlaub hatte, kein Mensch wollte wissen, wo die Ware blieb, die da bezahlt wurde. Alles war kontiert – Wolfgang Rotter war schließlich kein dummer Junge, sondern ein Buchhalter mit Sachverstand.Am ersten Juli 2003 starb der Seniorchef. Sein Sohn übernahm die Firma. Er hatte sich bisher aus den Geschäften seines Vaters herausgehalten, weil er mit dessen altmodischer Geschäftsführung nichts anzufangen wusste. „Eigensinnig” hatte der Sohn den Vater oft genannt, „Grünschnabel, unerfahrener!” klang es zurück. So war die Firma bis zum Tod des vierundsiebzigjährigen Inhabers in dessen Hand geblieben, der Sohn verdiente sein Geld als leitender Angestellter in einer Werkzeugfabrik. Unmittelbar nach der Beerdigung übernahm er jedoch die Firma.
Der siebte Juli begann mit einer Betriebsversammlung. Umfassende Veränderungen kündigte der neue Chef an. Er sprach von Modernisierung, der Betrieb würde an die moderne Technik angepasst, es sei Schluss mit der Zettelwirtschaft und dem altmodischen Lagersystem, bei dem nie jemand fand, was er gerade suchte. Automation und Computer sollten für eine angenehmere, effektivere Arbeit sorgen. In der Firma sollte ein ERP-System installiert werden, ein Komplettpaket mit Materialwirtschaft, Mahn- und Bestellwesen, Logistik und Personalverwaltung. Datenträgeraustausch mit den Banken statt handgetippter Überweisungen würden für mehr Sicherheit sorgen.
Wolfgang Rotters Magen rebellierte. Er floh aus der Halle in das nahe gelegene Örtchen, das zu dieser Stunde einmal wirklich still war. Jetzt war er wohl geliefert.

Schon am Montag nach der Beerdigung waren zwei modisch gekleidete Herren dabei, mit dem dynamischen jungen Chef durch den Betrieb zu gehen und sich Notizen auf ihren Pocket-PCs zu machen.
Schnell verschwand die Illustrierte in der Schublade, als die Silhouetten des Fortschritts vor der Glastür des Buchhalterbüros sichtbar wurden.
„Guten Morgen, Herr Rotter. Die Herren von SAP haben einige Fragen und möchten sich kurz umsehen”, grüßte der Chef.

Wolfgang Rotter nickte den Eintretenden zu und tat sehr beschäftigt. Der Kugelschreiber malte Ziffern, die sich zu langen Zahlenkolonnen reihten.
„Sie haben tatsächlich keinen PC auf dem Tisch?” fragte ungläubig ein Repräsentant der Bits und Bytes, obwohl er doch deutlich sehen konnte, dass die gesamte technische Ausstattung aus einem Telefon, einer Rechenmaschine mit Tippstreifen und einem elektrischen Bleistiftanspitzer bestand.
„Nein, habe ich nicht.”
„Das es so etwas noch gibt, im Jahr 2003. Kein PC in irgend einer Ecke?”
Er konnte es wohl nicht fassen.
„Nein, ich arbeite noch nach der guten alten Methode. Hat immer funktioniert”, meinte Rotter mürrisch.
Die beiden Spezialisten blätterten in Unterlagen, durchforschten mit Kennerblick Aktenordner, begehrten Auskunft über die Zahl der täglichen Buchungssätze. Dann erklärten sie die Vorzüge des angebotenen Programms: Schnittstellen zur Materialwirtschaft, zur Personalkostenabrechnung, automatisierte Nachbestellung von Artikeln, Rechnungen, Mahnungen, Zahlungseingänge, alles sollte reibungslos vom elektronischen Gehirn erledigt werden.
Der Chef war sichtlich beeindruckt und zufrieden. Rotters Besorgnis wuchs.
Dann gingen die drei Männer weiter zum nächsten Büro.

Entlassungen gab es nicht aufgrund der Modernisierungen, vorerst zumindest. Wolfgang Rotter fuhr kurz darauf zu einem zweiwöchigen Intensivkurs nach Waldorf, um mit dem neuen System vertraut zu werden.

Als er in sein Büro zurückkehrte, fand er es völlig verändert. Ein großzügiger Schreibtisch mit Flachbildschirm, daneben ein Laserdrucker mit vier Papierschächten. Die Wände weiß gestrichen, ein grauer Teppichboden, wo vorher Holzdielen geknarrt hatten.
Stolz empfing ihn der Chef und deutete auf den freundlichen Raum: „Das ist jetzt ihr neues Reich, Herr Rotter. Und ihr Gehalt wird selbstverständlich mit den Anforderungen steigen, außerdem werden sie laufend weitergebildet. Gefällt es ihnen?”
„Ja, sicher.” beeilte er sich zu sagen.
Wenn er nur schon wüsste, wie er die Firma Lichtberg verschwinden lassen konnte. Darüber hatte er beim Lehrgang mehr gegrübelt als über Erfassungsmasken und Auswertungsläufe. Vielleicht ließ sich bei der Übernahme der alten Daten in den Rechner etwas machen? Die nächst Bemerkung des Chefs allerdings zerstörte diese Hoffnung.
„Die Kundenberater von SAP haben in den beiden Wochen bereits die Daten erfassen lassen, die in diesem Jahr aufgelaufen waren. Drei junge Damen haben pausenlos getippt, und jetzt haben wir die letzten Jahre in ihrem Computer. Es gibt nur eine einzige Fehlermeldung. Und zwar…”
Er beugte sich über die Tastatur, tippte ein paar Befehle, der Drucker wurde mit unerhörter Hast aktiv, schrieb schwarz auf weiß, was der Bildschirm unmissverständlich feststellte:

Firma Lichtberg

Bestecke und Geräte

Umsatz 1998: 4.750,00

Umsatz 1999: 5.800,00

Umsatz 2000: 7.640,00

Umsatz 2001: 9.260,00

Umsatz 2002: 12.400,00

Umsatz bis 7/03: 6.120,00

Gesamt: 45.970,00
Wareneingänge: 0

Bitte Adresse und Lieferantennummer eingeben.

„Es handelt sich um diese Firma Lichtberg, Herr Rotter. Wir haben weder die Adresse gefunden, noch Wareneingänge feststellen können. Da muss etwas falsch gebucht worden sein.”
Erwartungsvoll sah der Chef seinen Buchhalter an.
„Ich – ich zahle alles zurück – ich hatte doch Ausgaben – und meine geschiedene Frau wollte mehr – das Auto – wegen des Benzins, die Preise laufen ja davon – aber ich kann es in Ordnung bringen – und bitte glauben sie mir, es war zu wenig Gehalt – weil das Leben ist so teuer – die Tochter – bei meiner Frau, geschieden – ich konnte doch nicht -”
„Moment mal bitte! Soll ich ihrem Gestammel etwa entnehmen, sie hätten diese Summe”, sein Finger stach auf den Ausdruck ein, „sie haben fast 46.000 Euro unterschlagen?”
Beiden stieg das Blut in den Kopf, schamrot der eine, vor Wut angeschwollene Adern beim anderen.
Der Bildschirm ließ noch immer sein rotes Fragezeichen leuchten, begehrte Auskunft, wie er denn nun mit diesen Informationen verfahren solle.
„Ja, das heißt nein, nicht unterschlagen, es war gedacht als Aufbesserung, weil doch ihr Vater so geizig, ich meine so sparsam – und meine Frau, geschiedene Frau, dann die Tochter, und das Auto brauchte ich doch um zu ihr zu fahren, und Geschenke, notwendig alles – bitte, bitte glauben sie mir, ich zahle alles zurück – es wird gehen, nur etwas Zeit vielleicht – ich kann sicher einen Kredit aufnehmen…”
Noch immer brachte Wolfgang Rotter keinen klaren Satz zustande.
„Sie!” donnerte der Chef. „Sie werden keinen Kredit aufnehmen! Im Gefängnis bekommt man keinen Kredit! Ich konnte es nicht glauben, in ihrer Akte stand „vertrauenswürdig, zuverlässig”. Ich dachte an einen simplen Fehler in der Buchhaltung. Sechsundvierzigtausend Euro! Mann, sind sie wahnsinnig? Ich rufe sofort die Polizei an!”
„Bitte nicht! Ich werde alles in Ordnung bringen!”
Rotter zwang sich, ruhiger zu werden. Er schluckte, versuchte sich an das zu erinnern, was er sich in den zwei Wochen Schulung zurechtgelegt hatte als Erklärung, als Entschuldigung, falls die Sache doch aufflog. Es gelang ihm, seiner Stimme das Zittern einigermaßen zu verbieten.
„Es war alles eine Folge meiner Scheidung. Seit zwanzig Jahren bin ich in der Firma, es ist nie etwas vorgekommen. Im Dezember 1997 hat mich meine Frau verlassen, einen Tag vor Weihnachten. Mit einem Soldaten ist sie davongerannt, vom Fliegerhorst in Memmingerberg. Meine Tochter Brigitte, damals war sie vier Jahre alt, nahm sie mit. Bisher hatten wir zu zweit verdient, das Kind im Kindergarten, und dann stand ich da mit meinen Schulden. Vom Autokredit waren noch über 15.000 Euro offen, jetzt sollte ich auch noch Unterhalt für meine Frau und das Kind bezahlen, natürlich hörte sie sofort auf zu arbeiten. Ich war völlig verzweifelt.
Ich habe alles Ihrem Vater erklärt, aber der hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, ich solle fleißig arbeiten, dann käme ich schon zurecht. Keinen Cent mehr Gehalt. Also habe ich gespart, die Wohnung in der Maximilianstraße aufgegeben, eine billige Wohnung in Buxheim bezogen. Das Auto war nicht bezahlt, aber ich brauchte es, um zur Arbeit zu kommen und meine Tochter in Landsberg zu besuchen. Ich wollte sie doch wenigstens einmal im Monat sehen.”
Der Chef setzte sich und bot mit einer Handbewegung auch seinem Buchhalter einen Platz an. Noch immer blinkte der Cursor auf dem Bildschirm, das Gerät ließ nicht locker, wollte eine Antwort.
„Und so haben Sie begonnen, sich Geld zu überweisen?”
„Ja, trotz meiner Überstunden, der Wochenendarbeit, ich bekam nicht mehr Gehalt. Ich dachte, wenn ich nicht vom Chef bekomme, was ich eigentlich verdienen müsste, dann muss ich es mir selbst holen. Ich wusste ja, was andere Abteilungsleiter verdienten, und das war erheblich mehr. Es war nicht richtig. Ich weiß. Ich wollte immer damit aufhören, sogar zurückzahlen, wenn es mir finanziell besser gehen würde. Entschuldigen Sie bitte mein Verhalten. Es war falsch.”
Lange schwiegen die beiden Männer. Der Chef überlegte hin und her, empfand widerwillig sogar Verständnis. Selbst geschieden, die eigene Frau ebenfalls davongelaufen. Kein Kind, Gott sei Dank kein Kind.
Doch andererseits – die große Summe, wie wollte der Mann das jemals abtragen? Er kam ja so schon nicht zurecht, und dann noch Kreditraten? Zuverlässig, fleißig stand in der Personalakte. Und diese Unterschlagung? Was tun? Zwanzig Jahre ist er im Hause, eigentlich ein guter Mann für das Geschäft, dem ansonsten nichts vorzuwerfen war. Nie krank, wenig Urlaub. Pünktlich.
„Herr Rotter, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Das Geld zurückzahlen können Sie nicht. Ich hatte vorgehabt, Ihr Gehalt um 750 Euro pro Monat anzuheben, nach der Einarbeitung sollten noch einmal 250 dazukommen. Ich würde unter den gegebenen Umständen davon absehen, Ihr Gehalt zu erhöhen, und dafür Ihre Schuld erlassen. Als Gegenleistung bleiben sie die nächsten Jahre der Firma treu. Wenn Sie ausscheiden wollen, müssten wir eine Regelung finden. Das ist ein Arbeitgeberkredit, den Sie quasi durch Gehaltsverzicht abtragen. Ich muss das allerdings noch mit einigen Herren besprechen, die in Sachen Lichtberg bereits eingeweiht sind.”
Als träumte er, schaute Rotter seinen Chef an.
„Sie wollen mich nicht anzeigen und mir noch dazu die Schulden erlassen?”
„Sie können diese Summe nicht zurückzahlen, das wissen wir beide. Ich weiß, dass sie der Firma treu gedient haben, abgesehen von dieser Geschichte, ich weiß auch, wie mein Vater bezüglich der Gehälter war. Außerdem tun sie mir leid, ich bin selbst geschieden, wenngleich in einer besseren finanziellen Lage als Sie.”

Die eilig einberufene Sitzung der Führungsmannschaft dauerte nur eine knappe halbe Stunde. Der Chef schilderte den Fall, beschrieb die Lage des Buchhalters und unterbreitete seinen Vorschlag, der für die Firma auf lange Sicht an Gehalt und Sozialabgaben einsparen konnte, was der Angestellte unterschlagen hatte.
Der Personalleiter meldete sich zu Wort. „Aber das ist unmöglich, dass wir das so machen. Wenn das bekannt wird, ist das ein Freibrief für jeden, sich aus der Firmenkasse zu bedienen. „Der Chef wird dann schon alles richten, hat er bei Wolfgang Rotter ja auch gemacht”, wird man sagen. Das können Sie unmöglich tun.”
„Sie haben Recht, wenn diese Angelegenheit über unseren Kreis hinaus bekannt wird. Ich gehe davon aus, dass die hier versammelten Herren schweigen können. Sollte Herr Rotter noch einmal bei der kleinsten Unregelmäßigkeit ertappt werden, bin ich nicht bereit, das zu entschuldigen. Aber in diesem Fall gibt es Gesichtspunkte, die ich aus persönlichen Gründen berücksichtigen möchte, weiter möchte ich darauf nicht eingehen. Es ist meine Entscheidung als Unternehmer in diesem Einzelfall.”
Der Einkaufsleiter hob die Hand. „Es bleibt die Frage, wie das verbucht werden soll. Man kann doch nicht solch eine Summe einfach ausbuchen. Kein Buchprüfer würde das akzeptieren. In meinen Einkaufsdateien stehen diese Beträge, und es gibt keine entsprechenden Warenzugänge, geschweige denn Verkäufe.”
„Bitte korrigieren Sie mich, falls ich mich irre. Wir haben eine Sozialkasse, die für Notfälle in der Belegschaft da ist. Über die Verwendung entscheidet allein der Vorstand mit dem Betriebsrat. Auch über die Höhe der jährlichen Summe.”

„Herr Gärtner”, sprach er den Betriebsratsvorsitzenden an, „können wir uns einigen, die Summe pro Forma der Sozialkasse zur Verfügung zu stellen und damit die Buchhaltung zu bereinigen? Die Vorjahre sind geprüft und abgeschlossen, es geht bei der nächsten Betriebsprüfung nur um die 6.120 Euro aus diesem Jahr. Wir löschen die Firma Lichtberg, Wareneingänge gibt es sowieso nicht, und das Geld ist für soziale Ausgaben geflossen. Das kann man entsprechend umbuchen.”
„Machbar”, sagte Gärtner. „nicht ganz so einfach, wie Sie es dargestellt haben, aber möglich.”
„Danke. Hat sonst jemand einen Einwand?”
„An und für sich finde ich das Vorgeschlagene nicht richtig, vom Standpunkt der Gerechtigkeit. Wir sind keine Kirche, die der Nächstenliebe und Barmherzigkeit verschrieben ist.” Der Lagerleiter machte eine Pause. „Aber, wenn Sie es in diesem Fall für richtig halten, möchte ich keinen Widerspruch einlegen, da ich Herrn Rotter als wirklich zuverlässigen Kollegen kenne. Ich weise jedoch nochmals darauf hin, dass immer wieder Lagerbestände verschwunden sind, vom Küchenmesser bis zur professionellen Maschine. Ich will dem Kollegen nichts unterstellen, aber er war oft am Wochenende und abends allein im Betrieb.”
Der Chef stand auf und blickte in die Runde seiner Mitarbeiter. „Ich lasse jetzt Herrn Rotter holen, dann können wir ihn diesbezüglich direkt befragen. Ich möchte, dass diese unerfreuliche Angelegenheit heute abgeschlossen wird. Bedenken Sie bitte auch, wie peinlich es für die Firma wäre, zuzugeben, dass über Jahre solche Summen verschwunden sind, ohne dass es bemerkt wurde.”
Die Sekretärin klopfte an die Tür von Rotters Büro. Er saß noch immer regungslos vor seinem Bildschirm und starrte auf den pulsierenden Cursor. „Sie möchten bitte in das Büro des Chefs kommen.”
Mühsam erhob er sich von seinem Drehstuhl, wagte kaum, um sich zu blicken, als er vor die Versammelten trat, die Neugierde auf die Reaktion des ertappten Verbrechers aus ihren Augen las. Was erwartete ihn?
„Sie dürfen sich bitte setzen”, sagte der Chef und schob ihm einen Stuhl zu.
Kaum hörbar kam das „Danke” über Rotters Lippen.
„Wir sind uns in ihrer Sache einig, ein Punkt ist allerdings noch zu klären. In den vergangenen Jahren sind immer wieder aus dem Lager Teile verschwunden, eine Liste können Sie gerne einsehen. Haben Sie, und ich bitte auch in diesem Punkt um Aufrichtigkeit, etwas damit zu tun?”
„Nein, damit nicht. Ehrlich. Ich weiß nichts davon.”
„Sie haben doch einen Generalschlüssel?” wollte der Lagerleiter wissen.
„Ja, ich war oft abends und am Wochenende in meinem Büro. Aber nicht im Lager.”
Wer würde ihm glauben? Wer einmal lügt… Es ist nichts so fein gesponnen… Aber im Lager hatte er wirklich nie etwas mitgehen lassen. Wer würde allerdings einem ertappten Dieb glauben?
„Nun, ich denke, wir können es ihm abnehmen”, sagte der Chef. „Eins muss jedoch klar sein, unmissverständlich klar: Wenn Sie je wieder bei einem Fehlverhalten ertappt werden, oder wenn noch irgendeine Unregelmäßigkeit aus der Vergangenheit auftaucht, über die wir jetzt nicht geredet haben, dann sind Sie sofort fällig. Verstehen wir uns?”
Rotter nickte. „Ja, Chef, das ist klar. Und ich möchte mich hier vor den Herren nochmals entschuldigen, ich weiß, ich hätte es nicht verdient, dass der Inhaber so nachsichtig ist. Ich danke Ihnen allen.”
Ein letztes Mal nahm der Chef das Wort. „Meine Herren, ich betrachte diese Angelegenheit damit als erledigt. Ich wünsche nicht, dass darüber geredet wird, und ich wünsche, dass Herr Rotter so behandelt wird, als sei nichts vorgefallen. Er wird seine Arbeit verrichten, ordentlich verrichten, und Sie alle bewahren Stillschweigen über diese Sitzung. Auf Wiedersehen.”

Der Rest des Tages verging ihm wie im Flug. Das Schlimmste hatte er sich ausgemalt gehabt, bestenfalls mit einer Stundung der Summe gerechnet. Nun saß er dort an seinem neuen Schreibtisch, hatte seinen Job behalten, brauchte nichts zurückzuzahlen – er kam sich vor wie im Märchen. Wie hatte er das nur geschafft? Es war bestimmt sein überzeugendes Auftreten gewesen. Wahnsinn. Heute abend musste er sich zur Feier des Tages ordentlich was hinter die Binde gießen. Wenn schon, denn schon. Er hatte es geschafft!
Wolfgang Rotter zog seinen ledernen Geldbeutel aus der Hosentasche und sah hinein. Zehn Euro und neunzig Cent. Scheiße, totale Ebbe. Das Konto war leer, der Geldautomat würde nichts rausrücken. Aber er wollte heute feiern, musste heute feiern. Was sollte er unternehmen, um an Geld zu kommen? Herbert! Genau, Herbert Luichtle, der schuldete ihm noch 50 Euro, seit drei Wochen schon. Unverschämt! So lange mit der Rückzahlung zu warten!
Er stand auf, ging ins Lager, wo er Herbert Luichtle damit beschäftigt fand, Kartons zu stapeln. „Du schuldest mir fünfzig Euro! Her damit!” stieß er ihn an.
„Ich hab’s nicht, Wolfgang, ich kriege erst Geld am Fünfzehnten. Tut mir leid, du musst so lange warten.”
„Was? Drei Wochen warte ich schon! Du hattest mir das Geld gleich für die nächste Woche versprochen! Her damit, sonst sag ich deiner Frau, wofür ich es dir geliehen habe! Wird’s bald!”
„Lass doch meine Frau aus dem Spiel. Ehrlich, ich habe es nicht. Aber wenn es so dringend ist, versuche ich, es woanders aufzutreiben. Bis Freitag hast du es bestimmt.”
Wolfgang Rotter ließ nicht locker. Trinken wollte er, noch an diesem Abend, seinen Sieg feiern musste er. Man bekam schließlich nicht alle Tage 46.000 Euro geschenkt. „Es ist jetzt halb vier. Um fünf auf dem Parkplatz bekomme ich das Geld von dir oder ich hole es mir bei deiner Frau. Heute Abend noch.”
„Woher soll ich es denn kriegen, Wolfgang? Wie soll das gehen? Bitte, warte bis morgen, ganz bestimmt morgen früh!”
„Mein letztes Wort ist fünf Uhr auf dem Parkplatz. Ende. Schluss. Schau, wo du es herbringst!”
„Ich kann doch nicht…”
Wolfgang Rotter hatte ihn bereits stehen lassen und war wieder in Richtung seines Büros verschwunden.

Herbert Luichtle ging schließlich zu seinem Vorgesetzten, als ihm keiner der Kollegen mit fünfzig Euro helfen konnte. „Entschuldigen Sie, Herr Protopapas, ich habe eine Bitte. Könnten Sie mir wohl fünfzig Euro Vorschuss geben? Heute noch? Bitte, ich bin arg in der Klemme.”
Der Lagerleiter sah ihn erstaunt an. „Heute noch? Ich fürchte das geht nicht, Sie wissen doch, dass unsere Kasse um 15 Uhr schließt. Ist es denn wirklich so dringend?”
„Ja, ich schulde dem Wolfgang, also dem Herrn Rotter, dem schulde ich einen Fünfziger. Und er sagt, wenn ich es ihm nicht bis fünf Uhr gebe, dann erzählt er alles meiner Frau.”
„Was erzählt er?” Der Lagerleiter wurde hellhörig. Er legte den Stapel Bestellungen aus der Hand und wartete gespannt.

„Na ja, also, das ist schwierig zu erklären. Ich habe mir das Geld bei ihm geliehen, weil ich einer Freundin helfen wollte, und meine Frau weiß nichts davon. Sie ist so eifersüchtig, obwohl es keinen Grund gibt, es ist wirklich nur eine gute Bekannte. Meine Frau darf es aber nicht erfahren. Ich kann das nicht besser erklären, bitte helfen Sie mir mit fünfzig Euro.”
Protopapas brüllte: „Und der setzt Sie unter Druck? Wegen fünfzig Euro setzt Sie der Halunke unter Druck? Der erpresst Sie wegen lumpiger fünfzig Euro?”
Verständnislos und eingeschüchtert wegen der erhobenen Stimme sah Herbert Luichtle seinen Vorgesetzten an. „Wie bitte? Ich verstehe nicht ganz. Es ist doch nur, damit meine Frau es nicht erfährt. Der Wolfg – der Herr Rotter will das Geld unbedingt heute noch haben. Geht es denn wirklich nicht?”
„Das Geld? Ach so, Moment.” Er griff in seine Brieftasche und reichte dem Arbeiter einen Schein. „Bitte, nehmen Sie, geben Sie es mir zurück, wenn Sie ihren nächsten Lohn haben.”
„Danke, vielen Dank.” Erleichtert ging Luichtle wieder an seinen Arbeitsplatz und stapelte Kartons.

Protopapas stürmte in das Chefbüro und platzte gleich heraus mit seinem Bericht. „Unglaublich” nannte er das Benehmen des Buchhalters, „unfassbar” war ihm das Bestehen auf sofortiger Rückzahlung, die Drohungen gegen den Arbeiter, „nach allem, was am Morgen geschehen war.”
Der Chef hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Dann griff er zum Telefon und bat die Sekretärin um eine Verbindung mit der Kriminalpolizei. Er nahm das Gespräch an und sagte: „Firma Pfeifer, Gastronomiebedarf, guten Tag. Ich möchte Anzeige erstatten gegen einen meiner Angestellten. Es geht um Unterschlagungen in Höhe von rund 46.000 Euro. – Ja, der Betroffene ist noch im Büro, bis ca. 17.00 Uhr voraussichtlich. – Jawohl, wir versuchen, ihn aufzuhalten, bis die Beamten da sind. Danke.”
Um sieben Minuten vor fünf Uhr waren die Kriminalpolizisten in der Firma. Der Chef trat zusammen mit ihnen in das Buchhaltungsbüro.
„Dieser Mann hat zwischen 1998 und heute die Summe von 45.970,00 Euro auf sein eigenes Konto überwiesen. Die Unterlagen, aus denen das hervorgeht, zweifelsfrei hervorgeht, werden Sie in meinem Büro bekommen. Die entsprechenden Kontoauszüge finden Sie sicher in seiner Wohnung. Wenn nicht, so wird die Sparkasse in solchen Fällen wohl ihr Bankgeheimnis lüften.”
„Warum… was ist denn… ich verstehe nicht…”
Wolfgang Rotter war aschfahl. Stimme und Knie versagten den Dienst. Sein Blick zuckte von Gesicht zu Gesicht, klein und grau wurde er.
„Denken Sie, und dazu werden Sie wohl in den nächsten Jahren Zeit genug bekommen, an den Namen Herbert Luichtle und die Summe von 50 im Verhältnis zu 45.970 Euro. Es könnte ja sein, dass dabei sogar Ihnen ein Licht aufgeht. Was mich betrifft, so sind Sie entlassen, ab sofort haben Sie Hausverbot. Vor Gericht, und danach hoffentlich nie wieder, sehen wir uns, Herr Rotter. Die Schuld werden Sie bezahlen, bis zum letzten Cent.”

Nach Matthäus 18, 23-35; Lukas 7, 40-50

Der Besuch

Sie waren schon merkwürdige Zeitgenossen. Die Gerüchte waren nie verstummt. Ich gebe nicht viel auf das Geschwätz der Menschen, aber wenn so lange und so ausdauernd über etwas geredet wird, kann ich mir schon vorstellen, daß etwas dran ist.
Maria hätte ich das andererseits kaum zugetraut. Sie war mit uns aufgewachsen, wir kannten sie als ein sehr stilles, zurückhaltendes Mädchen. Von jungen Männern hatte sie sich ferngehalten, selbst ihren Joseph traf sie nur in Gegenwart anderer Menschen. Ausgerechnet dieses Mädchen schwanger von einem Unbekannten? Kaum vorstellbar.
Daß sie ein Kind erwartete, wußten wenige von uns. Daß es nicht von ihrem Verlobten war, wußten noch weniger. Joseph war ein anständiger Kerl, er hielt zu Maria und erkannte den Sohn als seinen an; ein paar von uns wußten es aber besser. Dazu gehörte ich. Außerdem sieht der Junge Joseph überhaupt nicht ähnlich.Gestern war er in der Stadt, der Sohn meiner Nachbarn, ich habe ihn selbst in der Synagoge reden hören.

Es ist schon sonderbar gewesen. Jesus lehrte in unserem Versammlungshaus und niemand konnte sich erklären, woher er diese Weisheit, diese Einsichten nahm. Es waren ja eindeutig nicht nur die Worte, vor allem erstaunten uns die mächtigen Taten. Dieser Sohn des Zimmermanns. der nie in der ärztlichen Kunst ausgebildet worden war, heilte Krankheiten, als scheuche er Fliegen fort. Fast nebenbei, ohne Zauber und Beschwörungen. Er berührte manchen Kranken mit der Hand, anderen sagte er nur, sie seien gesund, und sie waren es tatsächlich.
Ein leichter Kopfschmerz ist nicht das, wovon ich rede. Auch nicht die verschnupfte Nase. Ich meine wirkliche Machttaten, ich meine, daß er zum Beispiel mit dem gelähmten Sohn des Zeltmachers aus unserer Straße ein paar Worte redete, und daß dieser Junge seither auf seinen dünnen Beinen durch die Gegend rennt, als habe er nicht seit seiner Geburt keine andere Fortbewegung gekannt, als sich mit seinen kräftigen Armen den Weg entlangzuziehen.
Es gab andere, die nach diesem Tag ihre Leiden vergessen konnten. Und es gibt genug Nachbarn und Freunde, die das nicht verstehen.
“Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns Joseph? Der gelernt hat, Holz zu hobeln? Wie könnt ihr glauben, daß er etwas besonderes ist?” fragte mich am späten Abend Sarah, die aus einem Nachbardorf zurückkam und von mir erfuhr, daß Jesus in der Stadt war.
“Natürlich ist er das. Aber ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen. Es sind Wunder geschehen.”
“Und seine Familie? Was hat die dazu zu sagen?”
“Nichts. Sie schweigen.”
“Wie meistens. Ich wünschte, ich könnte ihre Gedanken lesen. Warum reden sie nicht über ihn?”
Ich konnte das gut verstehen. Die Eltern hatten es schwer genug, wie gesagt, die Gerüchte um den unbekannten Vater des ersten Sohnes waren nie ganz verstummt. Und die vier übrigen Söhne wollten eigentlich nichts anderes, als wie normale Bürger unseres Ortes ihrer normalen Arbeit nachgehen. Den Töchtern ging es nicht anders. Der Alltag war das, was sie meistern mußten, und dabei brachten die gelegentlichen Besuche dieses Jesus immer wieder alles in Aufregung. Solange man nur hörte, er habe da und dort dies und jenes getan oder geredet, ging es ja noch. Aber nun war er wieder einmal in der Stadt und die Wogen schlugen hoch, wie so oft.

Aufregung hatte es schon oft um ihn gegeben, als der Junge gerade zwölf Jahre alt gewesen war, ging es los damit.

Maria und Joseph waren zusammen mit vielen aus dem Dorf und ihren Kindern nach Jerusalem gereist, wie sie es jedes Jahr taten. Wir bildeten immer eine Reisegruppe, so war es weniger gefährlich und man konnte einander vieles erleichtern unterwegs. Nazareth war schon immer bekannt für gute Nachbarschaft.
Der zwölfjährige Jesus war ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, und schon damals seinen Altersgenossen weit überlegen, was seinen Verstand betraf. Manch einer sprach sogar von Weisheit, obwohl dieser Begriff bei einem Kind doch merkwürdig klingt. Doch so verkehrt ist er gar nicht.
Jesus verbrachte viel Zeit im Kreis der Spielkameraden, die ihn schätzten und gerne in ihrer Mitte hatten. Seine Familie, besser gesagt, seine Eltern, schauten nur ab und zu nach ihm, wußten sie ihn doch bei seinen Freunden und Geschwistern gut aufgehoben.
Daß sein Fehlen erst bemerkt wurde, als wir bereits eine ganze Tagesreise von Jerusalem entfernt waren, mag daran liegen, daß wir alle vom Fest des Passah sehr beeindruckt waren und viel auszutauschen, viel nachzusinnen hatten. Keiner achtete besonders auf die jungen Leute, die stets bei diesen Reisen für sich herumtobten oder auch nur als Gruppe wanderten. Am Abend, als sich die Familien zusammenfanden, um das Nachtlager vorzubereiten, kam Maria, schon etwas aufgeregt, zu mir.
“Hast du meinen Sohn gesehen?”
Ich lächelte. “Welchen, Maria?”
“Jesus. Ich kann ihn nicht finden.”
Gesehen hatte ich ihn nicht, aber auch nicht besonders darauf geachtet. Mir war so, als hätte ich ihn mit den Zwillingen der Näherin beim Holzsammeln gesehen, und das sagte ich Maria.
“Danke!” rief sie, und lief los, um die Zwillinge und ihren Sohn zu suchen.
Ich hatte mich geirrt, das erfuhr ich bald. Beim Holzsammeln war Jakobus dabei gewesen, der Jesus recht ähnlich sah, er war etwa ein Jahr jünger, aber schon genauso kräftig wie sein Bruder Jesus.
Joseph junior und Simon konnte man leichter unterscheiden, Judas, der jüngste Sohn der Zimmermannsfamilie, war damals noch nicht geboren.
Ich hatte also Jesus und Jakobus verwechselt, ich hatte die drei Holzsammler ja auch nur von weitem gesehen, und nicht besonders darauf geachtet. Es gab ja keinen Grund dazu.
Als alle Familien sich gesammelt hatten, als die jungen Leute befragt worden waren, wurde schnell klar, daß Jesus schon beim Aufbruch in Jerusalem gar nicht mehr gesehen worden war. Niemand hatte ihn an diesem Tag gesehen. Er mußte noch in der Stadt sein.
Wie gesagt, gute Nachbarschaft war uns schon immer wichtig. So gingen selbstverständlich einige von uns, darunter ich, mit den verzweifelten Eltern zurück nach Jerusalem, während der Rest der Reisegruppe den Weg zurück nach Nazareth fortsetzte, die übrigen Kinder von Maria und Joseph sicher in ihrer Mitte.
Ich war dabei, weil ich als alleinstehende Frau auf niemanden Rücksicht nehmen mußte, außerdem mochte ich Maria seit unserer Kindheit sehr. Wir sind im gleichen Alter, und wir waren schon immer gute Freundinnen.
Auf dem Weg zurück in die Stadt und den ersten Tag war sie noch recht gefaßt, aber als wir den Jungen nicht finden konnten, so sehr wir auch suchten, wuchs ihre Verzweiflung. Ich hielt sie am Abend das zweiten Tages der Suche im Arm und spürte ihr verzweifeltes Schluchzen und Zittern.
“Wo ist er nur? Wo kann er nur sein?”
“Wir werden ihn finden, Maria.” versuchte ich, die gramerfüllte Frau zu beruhigen. Um ehrlich zu sein, ich glaubte eigentlich nicht mehr, daß wir Erfolg haben würden, wir hatte zwei Tage und Nächte gesucht, ohne größere Ruhepausen, und nicht die geringste Spur ausfindig gemacht.

Im Tempel hatten wir ihn nicht vermutet. Daß wir dort hingingen, lag nur daran, daß Maria und Joseph den Allmächtigen in seinem Haus anrufen wollten, ihnen ihren Sohn zurückzugeben. Jesus saß in einem großen Kreis von Lehrern und unterhielt sich mit ihnen.
Man darf nicht vergessen, daß er erst zwölf Jahre alt war. Ein Junge, über dessen Verstand und Antworten die gelehrten Männer außer sich waren. Sie wollten ihn nicht gehen lassen. Es schien, als sei er der Lehrer und sie die Schüler.
Maria war überglücklich, daß er unverletzt und munter war, schloß ihn in die Arme und auch Joseph, der sonst zur Strenge und zur Distanz neigte, strich ihm über das Haar und drückte ihn an sich.
“Kind, warum hast du uns das angetan?” Marias Stimme zitterte, man hörte die Anspannung, die Verzweiflung der letzten Tage. “Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht!”
Jesus sah seine Mutter erstaunt an. Ehrlich und offen, wie er stets war, sagte er: “Wie kommt es, daß ihr mich gesucht habt? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?”
Ich war froh, daß außer Maria, Joseph und mir niemand diese Antwort gehört hatte. Das hätte den Gerüchten nur neue Nahrung verschafft. Man muß sich das vorstellen: Er sagt vor Joseph, dem ja der Tempel weiß Gott nicht gehört, daß er in dem sein muß, was seines Vaters Eigentum ist. Noch viel deutlicher kann man es kaum ausdrücken, außer man sagt direkt: Du bist nicht mein Vater.

Sie sprach nie mit anderen darüber. Mit mir jedoch tauschte sie gerne und oft ihre Gedanken, Eindrücke, Vermutungen und Hoffnungen aus. Sie konnte sich über Ungehorsam ihres Sohnes nicht beklagen. Es war die einzige Gelegenheit gewesen, bei der ich etwas derartiges beobachten konnte. Jesus war stets ein folgsamer Knabe, vor diesem Ereignis und danach.
Maria liebte alle ihre Kinder, aber diesem Erstgeborenen war sie aus meiner Sicht besonders zugetan. Was er sprach, wie er sich benahm, das alles merkte sie sich in allen Einzelheiten sehr genau.
Wir sprachen etwa ein Jahr später zufällig über diese Tage, als wir gemeinsam ein Mahl zubereiteten. Maria wußte noch jedes Wort, konnte sich genau an die sonst so weise wirkenden Männer im Tempel erinnern, die an den Lippen des Knaben hingen, als sei er der wiedergekehrte König Salomo, die Weisheit in Person.
“Eigentlich,” meinte Maria, “war er ja gar nicht ungehorsam damals. Niemand hatte ihn aufgefordert, mit uns abzureisen. Wir hatten es für selbstverständlich gehalten, daß er mit der Gruppe aufbricht und Jerusalem verläßt.”
“Maria, das ist ja wohl auch selbstverständlich!” rief ich.
“Schon, aber genauso selbstverständlich sollte eine Mutter darauf achten, wo ihre Kinder sind, wenn sie irgendwo abreisen möchte. Für Joseph gilt natürlich das gleiche.”
Ich hatte stets genau darauf geachtet. Nie, kein einziges Mal, hatte Maria von Joseph als dem Vater des Jungen gesprochen. Wenn es um Simon, Judas, Jakobus, Joseph junior oder die Mädchen ging, dann gebrauchte sie das Wort. Aber im Zusammenhang mit Jesus nie.
“Richtig, Maria, der Vater ist genauso verantwortlich wie die Mutter. Vor allem, wenn es um die Söhne geht.”
Sie ging mir nicht auf den Leim, sondern sagte vieldeutig: “Unser Vater im Himmel weiß, was wir bedürfen. Wir Menschen machen Fehler.”

Gestern, als Jesus in Nazareth war, und für diesen Trubel in der Synagoge gesorgt hatte, fragte ich Maria, ob sie ihn für einen Propheten halte.
Er hatte sich selbst so genannt. Oder auch wiederum nicht – es kommt darauf an, wie man das verstehen will. Gesagt hatte er: “Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, außer in seiner Vaterstadt und in seinem Hause.”
Das ist, so klug bin ich selber, ein Sprichwort, das man auf alle möglichen Situationen anwenden kann. Aber so, wie er es gesagt hat, und in Verbindung mit all dem, was man über ihn hört und was man sieht, wenn er da ist, kann er auch gemeint haben: Ich bin ein Prophet, und ihr hier in Nazareth seid die einzigen Menschen, die das nicht begreifen wollen.
Maria jedenfalls lächelte, sah mich prüfend an und meinte: “Wenn jemand außer mir viel über ihn weiß, dann bist du das. Warum fragst du also?”
Ich sprach daraufhin zum ersten und einzigen Mal die Frage der Vaterschaft an.
“War er damals, vor inzwischen so vielen Jahren, wirklich bei seinem Vater, als wir ihn im Tempel fanden?”
Maria war nicht beleidigt oder aufgebracht, sondern sie wirkte leicht belustigt.
“Wenn du damit meinst, ob sein Vater ein Schriftgelehrter in Jerusalem ist: Nein. Andererseits würde ich sagen: Ja. Er war in dem, was seines Vaters ist. Ob Du das allerdings verstehen kannst, weiß ich nicht.”

Das war es eigentlich schon, was ich erzählen wollte. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verstehe. Jesus hat gestern hier nicht viele Wunder getan. Daß er überhaupt welche gewirkt hat, ist ja andererseits schon Bestätigung genug. Wer von uns kann denn mit einem Wort und einer Berührung Krankheiten heilen oder Dämonen in die Flucht jagen? Das sollen all seine Kritiker erst mal tun, bevor sie so klug über ihn urteilen.
Vielleicht würde es uns ja leichter fallen, ihn zu verstehen, ihn zu akzeptieren, wenn er nicht bei uns und mit uns groß geworden wäre. Wenn wir nicht wüßten, was für ganz normale Menschen seine Geschwister und deren Eltern sind. Einfache Leute eben, so wie wir alle.

Nach Matthäus 13, 53-58 und Lukas 2, 41 – 52

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