Wassermelonen

Kürzlich wurden nach dem Mahl bei Freunden Wassermelonen gereicht. Ich lehnte wie immer, wenn mir ein solches Angebot begegnet, dankend ab, denn ich esse keine Wassermelonen. Auch nicht rund 40 Jahre danach …

Wir waren zum ersten Mal anlässlich der Ferien ins Ausland verreist. Ich war wohl zehn Jahre alt, womöglich auch etwas jünger oder älter, aber nehmen wir einmal an, dass mich die Erinnerung nicht allzu sehr trügt. Im Grunde spielt es auch nicht unbedingt eine entscheidende Rolle. Wir waren zur Mittagszeit in Italien angekommen, mein Bruder und ich teilten uns das eine, meine Mutter und Großmutter das andere Zimmer einer Ferienwohnung in einem kleinen Ort am Lago di Caldaro. Vor uns lagen, meinte ich, fünf abenteuerliche Tage. Nachdem die Koffer ausgepackt waren, unternahmen wir einen nachmittäglichen Spaziergang, um die nähere Umgebung zu erkunden.
Unweit des Ufers war Aufregendes zu sehen. Ein Lastwagen lag umgekippt im Straßengraben, an und für sich schon Grund genug für einen abenteuerlustigen Jungen wie mich, sich mit Begeisterung dem Ort des Geschehens zu nähern. Vom Fahrzeug hatte sich auf einen Teil der Straße und den Rand des daneben liegenden Weinberges eine Flut von Wassermelonen ergossen, meist unversehrt, nur zum Teil aufgeplatzt oder zerquetscht.
Einige Einheimische betrachteten im Schatten eines Baumes stehend das Spektakel, das die Kinder aus dem Dorf veranstalteten. Diese sammelten Melonen in gewaltige Körbe, wobei sie jedoch auch den herzhaften Biss in die eine oder andere Frucht nicht verschmähten. Ein paar Polizisten sahen, an ihr Fahrzeug gelehnt, zu und kommentierten aufmunternd das Geschehen. Zumindest meinte mein Bruder, dass dies der Inhalt ihrer Zurufe und Bemerkungen sei, und mein Bruder, drei Jahre älter als ich, wusste meist das meiste viel besser als ich. Er hatte sich auf diese Reise schon zu Hause vorbereitet, indem er ein Taschenbuch mit den gebräuchlichsten italienischen Redewendungen aus der Bücherei ausgeliehen und dieses ausgiebig studiert hatte. Außerdem war er der Klassenbeste in Latein – er meinte, das reiche zusammen mit dem Reiseführer, um in Italien zumindest alles zu verstehen und das meiste ausdrücken zu können. Er konnte tatsächlich schon bei der Anreise für die ganze Familie Wegbeschreibungen, Hinweistafeln und diese oder jene Bemerkung Mitreisender übersetzen.
Ein Traktor kam über einen Feldweg, auf dem Anhänger lagen weitere leere Körbe. Der Fahrer rief uns etwas zu, was mein Bruder erwartungsgemäß verstand.
»Wir sollen beim Aufsammeln helfen«, erklärte er.
Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Ich schnappte mir einen Korb und begann mit dem Auflesen. Als der Behälter voll war, brachte ich ihn, wie es die anderen Kinder taten, zurück zum Anhänger. Dort wurde er von einem fröhlichen Mann auf die Ladefläche entleert und zurückgereicht.
Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, mir während der Arbeit fleißig den Bauch mit beschädigten Melonen zu füllen. Ohne Unterlass. Mein Bruder meinte nach einer Weile: »Hör auf zu essen, sonst wird dir schlecht.« Natürlich wusste ich es besser, es war ja mein Magen, nicht seiner.

Eine halbe Stunde später war der Anhänger gefüllt. Der Bauer, der den Traktor steuerte, sagte etwas, was ich nicht verstand. »Wir dürfen«, dolmetschte mein Bruder, »vom Rest mitnehmen, so viel wir tragen können.«
Mir war bereits etwas merkwürdig zumute, vom Bauch her breitete sich ein Gefühl aus, das ich nicht sonderlich schätzte. Aber andererseits gab es bei uns zu Hause kaum einmal frisches Obst so viel man wollte, da unsere Haushaltskasse durch die Teilzeittätigkeit meiner Mutter nur unzureichend gefüllt wurde. Also aß ich noch ein paar Stücke und schichtete mir dann so viele Melonen aufeinander, wie ich mit den Armen halten konnte. Meine Beute brachte ich im Zimmer der Pension erst einmal in Sicherheit.
Ich warf die Früchte auf mein Bett und rannte zur Toilette. Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte: Die Hosen herunter oder den Mund über die Kloschüssel, denn beides war äußerst dringlich. Ich entschied mich, dass die volle Hose die unappetitlichere Alternative wäre und saß kaum, als auch schon die Bescherung aus beiden fraglichen Körperöffnungen entwich.
Ich will den geschätzten Lesern die Details der nächsten halben Stunde ersparen. Jedenfalls lag ich danach ziemlich bleich und kraftlos im Bett. Dort blieb ich auch die nächsten Tage, wenn ich nicht gerade im Badezimmer war.
Ein Arzt hatte nach mir geschaut, einer mit Deutschkenntnissen. Fiebermessen, Bauch abhören, Kopfschütteln. Und womöglich, ganz sicher war ich nicht, ein mühsam unterdrücktes Grinsen, jedenfalls presste er die Lippen etwas auffällig zusammen, als ich berichtete, dass ich wohl insgesamt so etwa 10 oder mehr Melonen verspeist hatte. Auf relativ nüchternen Magen. Und dann, als es mir ein wenig besser ging nach drei Stunden im Bett, noch mal zwei aus meiner Beute.
Er murmelte etwas, was wie »stolto bambino« klang, und erklärte, was »riposo a letto« für meine Ferienwoche bedeutete. Er behielt leider recht. Erst am Abend vor der Abreise wichen Dauerdurchfall und Dauerübelkeit. Selbst Zwieback und Tee vertrugen sich in jenen Tagen des italienischen Abenteuers nicht sonderlich gut mit meinen Innereien.

Kürzlich, etwa 40 Jahre später, wurden nach dem Mahl bei Freunden wieder Wassermelonen gereicht. Ich lehnte wie immer dankend ab, denn ich esse keine Wassermelonen.

Der Fremde

Als Gernot Mannsburg sich wieder auf den Weg machen wollte, setzte sich der Fremde neben ihn auf die Parkbank.

»Sie gestatten?«

»Selbstverständlich. Ich wollte gerade aufbrechen.«

Der Fremde schlug das rechte Bein über das linke und musterte Gernot aufmerksam. Seine Mine wirkte nicht unfreundlich, doch schien ihm etwas Distanziertes anzuhaften.

»Sind Sie sehr in Eile?«, fragte er.

»Ein wenig schon, ich möchte nach Hause fahren.«

Gernot sah auf seine Armbanduhr. 17:30 Uhr, normalerweise parkte er ungefähr um diese Zeit in seiner Straße, um dann die zwei Stockwerke zur Wohnung emporzusteigen, die Aktentasche abzustellen, seine Frau zu begrüßen, in bequemere Kleidung zu wechseln und anschließend zu sehen, was der Abend noch brachte.

»Ich hätte nämlich«, meinte der Fremde, »eine Frage zu stellen.«

Auf ein paar Minuten kam es ihm angesichts des ungeplanten Aufenthaltes im Park nun auch nicht mehr an, und so antwortete Gernot: »Bitte sehr, fragen Sie ruhig.«

»Es muss auch nicht sein, aber es wäre sicher in Ihrem Interesse, mir eine Antwort zu geben.«

»In meinem Interesse? Was wissen Sie denn von meinen Interessen? Wir sind uns doch fremd, oder?«

Es war in der Tat so, dass Gernot ein wenig unsicher war. Er hatte sein Leben lang kein sonderlich gutes Gedächtnis für Personen gehabt, überhaupt für manche Dinge nicht, die anderen Menschen von großer Wichtigkeit waren. Daten von Ereignissen etwa, oder welche Kleidung wer wann getragen, in welchem Restaurant man vor soundso viel Monaten welche Speisen genossen hatte…

»Nein, und doch ja. Sie kennen mich nicht, das ist richtig.«

»Aber Sie meinen, meine Interessen abwägen zu können?«

»Ich meine nicht nur.«

Gernot musterte den Mann aufmerksam. Womöglich ein Leser seiner Geschichten und Artikel? Oder jemand, mit dem er telefonischen Kontakt gehabt hatte?

»Nun gut, wie dem auch sei. Sie wollten mich etwas fragen, also fragen Sie.«

»Ich möchte nicht mit der Tür ins Haus fallen, andererseits ihre Zeit auch nicht über die Maßen beanspruchen. Es ist eine etwas – wie soll ich mich ausdrücken – delikate oder unübliche – Situation.«

»Sie machen es aber sehr spannend.«

Der Mann blickte hinauf zu den grauen Wolken, die gemächlich dahinzogen, als könne er von dort eine Inspiration für seine Formulierung erwarten. Es vergingen einige Augenblicke der Stille. Gernot überlegte, ob er sich verabschieden sollte, andererseits war sein Interesse geweckt. Dieser merkwürdig verschobene Tag brachte offenbar mit dieser Begegnung eine weitere skurrile Komponente, und warum auch nicht, es mochte ja durchaus tatsächlich wichtig für ihn sein. Das ließ sich erst beurteilen, wenn der Fremde die Frage gestellt haben würde.

»Wenn Sie keine Antwort geben möchten, oder zu keiner Antwort gelangen können, dann würde ich die nach meinem Empfinden beste Lösung wählen. Sie sind mir nicht unsympathisch, ich würde mir Mühe geben.«

»Vielleicht fragen Sie einfach, und dann sehen wir weiter?«

»Ja. Gut. Es wäre auch zu kompliziert oder zu langwierig, alles vorher zu erläutern.«

Gernot nahm eine Zigarette aus seiner Packung und hielt dann die Schachtel dem Fremden anbietend entgegen. Der schüttelte freundlich den Kopf und meinte: »Danke, ich rauche nicht.«

»Ist auch gesünder«, nickte Gernot und zündete seine Zigarette an.

»Ja, das sagt man allgemein.«

»Andererseits, Helmuth Schmidt ist Kettenraucher und ziemlich alt.«

»1918 geboren, also 9o Jahre. Schon eine beachtliche Lebensspanne heutzutage.«

»Ja, und mancher stirbt jung, obwohl er so gesund wie möglich lebt.«

Der Fremde nickte. Ein weiterer Blick zum Himmel, ein umgekehrtes Übereinanderschlagen der Beine, dann endlich kam er auf sein Anliegen zu sprechen, ohne dass Gernot es zunächst bemerkte.

»Wie würden Sie gerne sterben?«

»Ach, wenn man sich das aussuchen könnte, wenn es dann so weit ist…«

»Sie können auch durchaus ein wenig darüber nachdenken, wenn Sie nicht sofort zu einer Antwort finden.«

Gernot brauchte einen Augenblick, bis seine Gedanken das bisher Gesagte soweit verknüpfen konnten, dass er begriff, worum es ging.

»Das ist Ihre Frage? Wie ich einmal sterben möchte?«

»Ja. Wie würden Sie gerne sterben?«

»Nun ja, also wenn es dann irgendwann so weit wäre, dann wohl so schmerzlos wie möglich, denke ich. Vielleicht im Schlaf, ohne es zu bemerken.«

»Diese Option ist leider nicht verfügbar.«

Gernot nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch gen Himmel. Der Fremde war schon ein merkwürdiger Zeitgenosse. Hielt er sich für Gott? Oder war er gar ein ausgesucht höflicher Verbrecher, der den Auftrag hatte, ihn zu töten? Einen solchen Unfug konnte Gernot sich für eine Geschichte ausdenken, aber wer im wirklichen Leben würde ihn, den Freizeitschriftsteller, den mittleren Angestellten eines Industriebetriebes, den Durchschnittsdeutschen, töten wollen?

»Wer bestimmt denn, welche Optionen verfügbar sind? Sie?«

»Nein, es sind eher die Umstände. Sehen Sie, es ist so, dass Sie – ich hoffe, ich darf so offen sprechen – nicht mehr die Gelegenheit haben werden, schlafen zu gehen. Insofern ist leider der Tod im Schlaf ausgeschlossen.«

Wider besseres Wissen fragte Gernot nun doch: »Wer sind Sie eigentlich? Ein Auftragskiller?«

»O nein, verzeihen Sie, wenn ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Es liegt nicht in meiner Hand, den Zeitpunkt festzusetzen. Allerdings kann ich in gewisser Weise Einfluss auf die Umstände nehmen, daher meine Frage an Sie.«

»Ich hatte eigentlich nicht die Absicht, in absehbarer Zeit zu sterben.«

»Das ist völlig normal. Lediglich Selbstmörder bilden eine Ausnahme. Und die wissen meist nicht, was sie tun.«

»Ich beabsichtige vielmehr, noch weiter zu leben.«

»Das ist ja nicht der schlechteste Zustand, um vom Diesseits Abschied zu nehmen.«

»Ich lebe ganz gerne, also warum sollte ich heute sterben?«

»Es gibt eine Zeit fürs Gebären und Zeit fürs Sterben, Zeit fürs Pflanzen und Zeit fürs Ausreißen des Gepflanzten.«

»Mir scheint, Sie zitieren die Bibel.«

»Ja, das ist richtig. Prediger Kapitel 3.«

»Und warum sollte meine Zeit für das Pflanzen vorbei sein? Gesundheitlich bin ich wohlauf.«

»Solche Antworten vermag ich nicht zu geben. Bei allem Verständnis für Ihre Irritation, die ich durch meine Frage selbst herbeigeführt habe, wie ich wohl weiß, bleibt es dabei, dass der Zeitpunkt gekommen ist, und dass ich aus Mitgefühl und Sympathie entschieden habe, Ihnen zumindest die Gelegenheit zu geben, eine Wahl zu treffen. Ansonsten bleibt es dabei, dass ich die nach meinem Empfinden beste Lösung aussuche.«

Gernot überlegte kurz und ernsthaft, ob er womöglich in einem Traum diese Unterhaltung führte und in Wirklichkeit zu Hause in seinem Bett lag. In diesem Fall wäre es nun ein geeigneter Zeitpunkt gewesen, aufzuwachen. Dann hätte auch dieser ganze graue verrutschte Tag nicht stattgefunden, dann säße er nicht mit einem Fremden auf der Parkbank und würde über die Umstände seines Todes reden, sondern er würde duschen, Kaffee trinken, zur Arbeit fahren und nach Feierabend ganz normal nach Hause zurückkehren, anstatt auf halbem Wege anzuhalten und einen Park aufzusuchen, weil ihm plötzlich während der Fahrt mulmig und dunkelgrau vor Augen geworden war.

»Ich will nun nicht drängeln«, sagte der Fremde, »aber wie gesagt, es obliegt mir nicht, den Zeitpunkt zu verzögern.«

»Wenn ich das alles nicht träume«, sagte Gernot, »dann habe ich ja nicht allzu viele Möglichkeiten, nicht wahr? Tod im Schlaf fällt aus. Was bleibt denn dann?«

»Ein Unfall, Herzversagen am Steuer als Ursache, oder ein Unfall mit Fremdverschulden, oder ein Herztod ohne Unfall. Das sind grob gesehen die Möglichkeiten im zur Verfügung stehenden Zeitfenster.«

Gernot beschloss, sich einstweilen, Traum oder nicht, auf das Spiel einzulassen.

»Beim Unfall kämen andere Menschen zu Schaden?«

»Das ließe sich vermeiden.«

»Und mein Tod träte sofort ein?«

»Das liegt schon in der Natur der Sache, da der Moment recht nahe gerückt ist.«

»Dann wähle ich den Unfall mit Fremdverschulden, damit meine Frau die doppelte Summe der Lebensversicherung bekommt. Andernfalls würde die Versicherung  womöglich davon abrücken, dass es ein Unfalltod war, und das Herzversagen als natürliche Todesursache hervorheben.«

Der Fremde nickte, mit einer Mine, die deutlich machte, dass er zufrieden war. »Gut«, sagte er, »Sie denken auch jetzt noch an das Wohl der Angehörigen. Ich hatte eigentlich von Ihnen nichts anderes erwartet, wie bereits gesagt, kenne ich Sie. Dann verabschiede ich mich jetzt.«

Der Mann stand auf und reichte Gernot die Hand. Ohne einen Blick zurück ging er den Weg hinunter in die tiefer werdende Dämmerung des Parks.

Liebe und AlltagEsther Mannsburg blickte auf die Wanduhr im Wohnzimmer. Es war schon nach 18:00 Uhr. Gernot hatte um 17:00 Uhr vom Büro aus angerufen und gesagt, er breche nach Hause auf. Das Mobiltelefon hatte er, der so vieles vergaß, am Morgen zu Hause liegen lassen. Gegen 17:30 hätte er eigentlich ankommen müssen.

Aus weiter Ferne klangen Feuerwehrsirenen herüber.

————————————————————-

In nochmals überarbeiteter Version ist diese Erzählung in dem Buch Liebe und Alltag enthalten.

Restposten – nur 5 Euro

Es gibt kein Unmöglich! - RestpostenEin Restposten der ersten Auflage meines Buches Es gibt kein Unmöglich! von 1998, seinerzeit mit der ISBN 3877850235 unter dem Pseudonym John Matthews erschienen, ist aufgefunden worden und nun für 5,00 Euro zu haben. Allerdings nicht im Buchhandel, sondern nur über direkte Bestellung an mich.

Bitte nehmen Sie Kontakt über E-Mail auf, dann ist das Buch innerhalb von etwa drei Werktagen bei Ihnen. Wenn die Bücher ausverkauft sind, verschwindet dieser Hinweis. Ganz einfach, nicht wahr?

Nachtrag am 19. Mai 2008: Heute habe ich wieder eins verschickt, und jetzt sind es nur noch 3 Stück. Dann ist der Vorrat aufgebraucht. Also: Nicht zögern, es können wirklich nur noch drei Leser vom Schnäppchenpreis profitieren.

Nachtrag am 22. Mai 2008: Ausverkauft.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.