Alles nur Show, sagte sich Astrid

Just like every cop is a criminal and all the sinners saints
As head is tails just call me Lucifer ‘cause I’m in need of some restraint
The Rolling Stones

Es ist ja nichts Neues, Generation für Generation entdeckt irgendwann, dass Eltern einem Teenager sehr auf die Nerven gehen können. Astrid empfand das wieder einmal an einem Abend im April, und sie war stinksauer. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es ausgerechnet wegen dieses Konzertes zu einer Auseinandersetzung kommen würde.

»Du weißt ja gar nicht, wohin du da gehen willst«, sagte ihr Vater.

»Natürlich weiß ich das. Sabine und Evi gehen auch, ich verstehe das Theater nicht.«

»Aber ich habe es dir doch erklärt. Ich habe nichts gegen Rock oder Pop oder sonst eine Musik, das weißt du, schließlich waren wir oft genug zusammen bei Konzerten und du kennst unsere Platten und CDs. Aber diese Gruppe – das ist was anderes!«

Selbstverständlich hatten sie einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Das war normal, jede Generation hat ihre Vorlieben, die meist denen der Eltern kaum entsprechen. Astrids Eltern liebten Paul Simon, Van Morrison, Neil Diamond,Bob Dylan, und natürlich die Beatles. Astrid stand auf Death, Cynic, Pestilence und Gorefest. Gelegentlich hörte sie auch Agathodaimon, Bethlehem oder Eisregen. Und sie war der größte Fan von 7th Hell.

Der Auftritt der fünf Amerikaner in Berlin war für den 13. Mai angekündigt. Überall hingen die Plakate, die auf die Tour zum aktuellen Album Meet Your Demons aufmerksam machten. Blutrote Schrift auf schwarzem Hintergrund, die Musiker in der Maske der Dämonen, die sie ihrem Publikum offensichtlich auf ihrem Konzert vorstellen wollten.

»Das ist doch nur Show, so wie ihr damals euren Alice Cooper und eure Rolling Stones hattet. Sympathy For The Devil, wo ist da der Unterschied zu Meet Your Demons?«, wollte Astrid wissen.

»Sympathy heißt Mitleid, es ging bei den Stones nicht um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel. Man spielt nicht mit okkulten Dingen, dabei haben sich schon viele Menschen die Finger verbrannt.«

Herr Heller sah seine Tochter prüfend und besorgt an. Warum verstand sie bloß nicht, was er meinte?

»Papa, du weißt genau, dass ich nicht an übernatürlichen Quatsch glaube. Du kannst ja glauben, was du willst, aber du wirst es mir nicht aufzwingen. Das nervt!«

»Es sollte Warnhinweise wie bei Zigarettenwerbung geben. Der Besuch dieses Konzertes gefährdet Ihre psychische Gesundheit, liebe Gäste…«, brummte Astrids Vater.

Ihm fiel eine Zeile aus einem uralten Lied von Udo Lindenberg ein: Bitte geh da nicht hin, tu mir das nicht an! Es gibt doch heute Abend auch ein schönes Fernsehprogramm… Nein, so albern wie die von Lindenberg beschriebenen Eltern wollte er sich nicht benehmen. Er seufzte. Sie hatten ihre Tochter zur Selbstständigkeit erzogen, stets an die Vernunft apelliert, und im Allgemeinen wusste die jetzt 15jährige auch, was gut für sie war und was nicht. Sie pendelte manchmal, das hielt er jedoch für normal in diesem Alter, zwischen vernünftiger junger Frau und eigensinnigem Kind. Sie war aber durchaus wählerisch bei ihren Freunden, ging nicht mit Typen aus, die »nur Sex im Kopf« hatten, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie hatte seit sechs Monaten einen Freund, Martin, der ein Jahr älter war als sie; soweit die Hellers wussten, war es eine kameradschaftliche Beziehung, die über einen Kuss zur Begrüßung und zum Abschied bisher nicht hinausgegangen war. Und sie wussten recht gut Bescheid, denn es herrschte ein tiefes Vertrauen zueinander, es gab keine Themen, über die man in dieser Familie nicht offen reden konnte. Darum redeten sie jetzt auch über 7th Hell.

Astrid schmollte ein paar Minuten und fragte dann mit unsicherer Stimme: »Du verbietest mir also, zum Konzert zu gehen?«

»Ich verbiete dir das nicht. Ich habe nur versucht, dir zu erklären, warum ich es in diesem speziellen Fall lieber sehen würde, wenn du nicht gehst. Es ist nicht gut für dich, ich glaube, dass solche Gruppen es wirklich mit Mächten zu tun haben, mit denen man sich nicht einlassen sollte. Diese Black Metal Szene ist gefährlich. Ob du nun daran glaubst oder nicht.«

Das Fatale an der Situation war ja, dass er zum Beispiel Black Sabbath, die er in seiner Jugend geliebt hatte, nicht absprechen konnte, wunderbare Musik zu machen. Ja, sie produzierten hervorragende Aufnahmen, diese Gruppen, die mit dem Okkulten spielten, damals wie heute, aber er spürte irgend etwas Finsteres hinter den Kulissen, was ihm Angst machte, Angst um seine Tochter.

»Das ist kein Black Metal, Papa, hör dir doch die CDs mal an. 7th Hell ist Rock und Blues. Aber ich überlege es mir. Echt, ich denke noch mal darüber nach, was du gesagt hast.«

… … …

Sie überlegte es sich, und zwei Tage später kaufte sie die Eintrittskarte. Martin würde bei ihr sein, ebenso ihre Freundinnen, was sollte schon passieren? Sie fand nun einmal diese Musik toll, es ging lediglich um ein Konzert, keine Hinwendung zu irgendwelchen finsteren Sekten. Papa war einfach etwas altmodisch, so lieb er es auch meinen mochte.

… … …

Die Halle war ausverkauft. Astrid stand mit ihrer Clique in der  Schlange ziemlich weit vorne, sie wollten gute Plätze, selbstverständlich möglichst dicht an der Bühne. Seit 15 Uhr hatten sie vor dem Eingang gewartet, verbissen für einander die eroberte Stelle vor den Toren verteidigt, wenn jemand auf die Toilette musste. Um 19 Uhr endlich war der Einlass geöffnet worden. Einer Stunde später sollte es losgehen. Es gab die üblichen Stände mit CDs, T-Shirts, Postern, Base-Caps und Programmheften zur Tour, aber das Taschengeld war knapp, ihre Eltern hatten keinen Cent extra für das Konzert herausgerückt. Die 79,00 Euro waren eine ziemliche Belastung für Astrid gewesen, aber sie konnte ihren Eltern auch nicht böse sein deswegen. Es war okay, wenn sie diese Gruppe nicht mochten, dass sie dann auch nicht den Eintritt bezahlten.

Die Bühne war schwarz dekoriert, rechts und links die Lautsprechertürme, in der Mitte der Halle wie üblich das Mischpult. Vor der Bühne stand eine Reihe kräftiger Ordner, die finster auf die heranstürmenden ersten Fans blickten. Astrids Gruppe kam immerhin in die dritte Reihe, von hinten wurde gedrängelt und gedrückt, sie standen eingekeilt, so dass sie sich kaum bewegen konnten. Aber auch das war nicht ungewöhnlich bei Konzerten, bei Justin Bieber war es schlimmer gewesen, hatte es eine Reihe von ohnmächtigen Teenagern gegeben. Astrid wäre natürlich nie und nimmer zu einem Auftritt dieses Milchbubis gegangen.

»Wie damals bei den Beatles«, hatte ihr Vater belustigt angemerkt, als sie im Fernsehen bei den Lokalnachrichten der Abendschau die Szenen sahen.

Doch das hier war ein anderes Publikum. Keine kreischenden Teenies, die ihr Idol mit Plüschtieren bewerfen würden. Astrid und ihre Freunde schienen mit zu den jüngsten Anwesenden zu gehören. Viele waren schwarz gekleidet, man sah etliche T-Shirts mit den für diese Szene üblichen Aufdrucken. Kill Your Idols stand unter einem schmerzverzerrten Jesusgesicht, direkt vor Astrid. In dem Hemd steckte ein blass geschminktes Mädchen, ein Gruftie. Es gab sehr viele von ihrer Sorte vor der Bühne.

Alles nur Show, sagte sich Astrid, so wie damals die Blumen und Kettchen bei den Hippies. Trotzdem mochte sie das Shirt nicht, das ihr ständig vor Augen war.

Um 20 Uhr begannen die Pfeifkonzerte. Auf der Bühne tat sich nichts, das Saallicht blieb an, aus den Lautsprechern kam immer noch Musik vom Band. Die meisten Stücke kannte Astrid nicht, Martin wusste gelegentlich, welche Band da gerade gespielt wurde.

Dann kam ein hypnotisierender Rhythmus, die Lautstärke stieg an, Congas, Percussion – Astrid erkannte das Stück sofort, ihr Vater hörte gerne die Rolling Stones. Sympathy For The Devil. Gleichzeitig mit Mick Jaggers höflich vorgetragener Bitte Please allow me to introduce myself … wurde die Beleuchtung dunkler und das Klatschen und Rufen der Fans schwoll an. Es schien soweit zu sein, 7th Hell würde auf die Bühne kommen.

Pleased to meet you, hope you guess my name! peitschten die Stones aus den Boxen, die Lautstärke war fast bis zur Schmerzgrenze angeschwollen. Astrid nahm sich vor, ihren Vater zu belehren, dass es in dem Song eben doch um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel ging. What’s puzzling you is just the nature of my game! Es war vollständig finster, nur irgendwo in der Ferne glommen die Notausgangsschilder. I shouted out, who killed the Kennedys, well and after all, it was you and me!

Von hinten schoben die Fans, um doch noch näher an die Bühne zu kommen, aber vergeblich, da war kein Platz mehr. Das massive Gitter hielt die Masse auf, dahinter lauerten, momentan nicht erkennbar, die Ordner auf jeden, der einen Versuch machen würde, hinüberzuklettern.

So if you meet me, have some sympathy … Eine Gänsehaut überzog Astrids Körper. Sie bekam Angst vor der Dunkelheit, vor den drängenden Körpern hinter sich, griff nach Martins Arm, um sich festzuhalten. Sie zitterte, schwitzte, und Mick Jagger hämmerte in ihre Ohren: Pleased to meet you, hope you guess my name!

Das Lied hatte kein Ende an der Stelle, wo es auf der CD aufhörte. Ein rotes Glimmen auf der Bühne ließ langsam erkennen, dass 7th Hell unmerklich in den Rhythmus eingestimmt hatte, sie hörten nicht mehr die Stones vom Band, das Konzert hatte bereits begonnen, dichter Nebel ließ die fünf Musiker unwirklich über dem Boden schweben, als sie da aus der Finsternis langsam sichtbar wurden..

Immer noch das gleiche Lied, mit einer neuen Textstrophe. Please allow me to introduce my friends, they have come with us today. You´re gonna meet your demons here tonight, and when we leave you, they will stay!

Danach folgten Stücke aus den beiden 7th Hell CDs. Die Musik war hervorragend. Die Stimmung in der Halle auf dem Siedepunkt. Die Fans tanzten, warfen sich hin und her, soweit die Enge vor der Bühne das zuließ. Astrid war nach kurzer Zeit klatschnass geschwitzt, der Bass vibrierte in ihrem Körper, sie tanzte, wie noch nie, ausgelassen, wild, animalisch. Ab und zu spielte 7th Hell Coverversionen älterer Stücke. Es war alles solider Bluesrock, meisterhaft vorgetragen. Astrid genoss das Konzert, Papa hatte sich geirrt und offensichtlich wenig Ahnung von der heutigen Musik.

Martin schien etwas geistesabwesend zu sein. Er blickte sich immer wieder um, einen verängstigten Ausdruck auf dem Gesicht. »Mein Gott, wo bringen die uns hin?«, murmelte er, aber seine Stimme war unhörbar bei der Lautstärke der Bühnenanlage.

»Was hast du gesagt?«, schrie ihm Astrid ins Ohr.

»Irgendwas stimmt nicht, ich will hier raus!«, brüllte er zurück.

Astrid schüttelte den Kopf. »Ist dir schlecht?«

»Ich habe Angst! Die bringen uns…«

Mehr konnte Astrid nicht verstehen. Sie nahm an, dass Martin ein wenig mulmig war wegen der ständigen Schubserei, weil sie so eingeklemmt waren.

7th Hell spielte jetzt einen alten Titel der Eagles, Hotel California. Sie kannte das Original und sang mit. Such a lovely place

»Ich muss hier raus, ich will da nicht hin«, sagte Martin. Aber es war hoffnungslos. Aus dieser Menge gab es kein Entkommen, bis das Konzert zu Ende sein würde. Er fühlte sich wie in einem Sog, dem er nichts entgegenstellen konnte, der ihn in eine Richtung zwang, in die er nicht wollte. Die fünf schwarzgekleideten Musiker auf der Bühne hatten ihn im Griff wie das ganze Publikum, zwangen ihm Bilder auf, die er nicht sehen mochte. Da war Astrid neben ihm, sie tanzte, ihre Haare klebten in der Stirn. Er beobachtete sie, plötzlich war sie nackt, tanzte mit einem großen finsteren Wesen, die Halle war verschwunden, Dornengestrüpp umrahmte das Gras, auf dem der Dämon im Mondlicht lüstern Astrid an sich zog. Martin kniff die Augen zusammen, blinzelte, und sie hatte wieder ihre Jeans und das enge weiße T-Shirt an, den begeisterten Blick auf die Bühne gerichtet. Keine Dornen, keine Wiese. Nur die Konzerthalle und die Masse von verzückten Fans.

We haven´t had this spirit here since 1969

Astrids Augen glänzten. Sicher, dieser Geist war seit 1969 nicht mehr da gewesen, sie kannte ihn nur aus dem Film Woodstock, den sie mit ihren Eltern angeschaut hatte. Aber jetzt war er in der Halle, und er war freundlich. Er versprach Freiheit, das Ende aller Bevormundungen und Beschränkungen. Er versprach hemmungslose Lust, Träume konnten heute endlich wahr werden. Ihr Körper wiegte sich, die Hüften kreisten, sie hatte ein herrliches Gefühl im Unterleib, das gleiche, das sie vom abendlichen Masturbieren unter der Bettdecke kannte, die Knospen ihrer Brüste waren hart und standen deutlich sichtbar in dem nassen Shirt hervor. Sie sah, dass Martin sie anstarrte, lächelte ihm zu. Sie nahm seine Hand und zog ihn an sich, sie wollte ihn spüren, mit ihm zusammen in diesem Rausch versinken.

We are all just prisoners here, of our own device …

Martin sah, wie sich Astrids Lippen zum Text bewegten, sie sang mit, sie schien so fern von ihm zu sein, obwohl er ihre Hand auf seinem Rücken spürte, die ihn mit in den Rhythmus zwang. Er blickte wieder zur Bühne, routiniert kam das Gitarrensolo aus den Boxen, der bärtige Sänger schien direkt auf Astrid zu schauen, schien nur für sie zu spielen. Sie warf die Arme hoch, schwenkte sie wie tausend andere Zuhörer, ihr Körper wand sich im universellen Takt der Tanzenden.

Astrid spürte den Blick, sah hinauf in diese unergründlichen schwarzen Augen, irgend ein Scheinwerfer schien ein blau-weißes Glühen in ihnen zu erzeugen. Und wieder hatte 7th Hell dem Lied eine eigene Strophe hinzugefügt, ein heißes Zittern durchlief ihren erregten Körper, als es nach dem Break weiterging: And I know you are fifteen, but you will carry my child. You will give me a daughter, you will receive her tonight. No, you won´t make me jealous with that boy you love, for that child will be my child and there will be no help from above. Welcome to the Hotel California …

Astrid glühte, ihr Herz zuckte, Hitze strömte durch ihren Leib, such a lovely place, such a lovely place sang sie. Etwas bahnte sich in ihr an. Kann man vom Tanzen einen Orgasmus bekommen? Eine Welle der Lust durchströmte ihren Körper, so dass sie sich an Martin festhalten musste.

Martin glaubte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihn frösteln ließ. Doch dann war das Lied zu Ende und die Gruppe begann mit dem nächsten Stück, wieder ein eigenes. Er hoffte, dass das Programm bald vorbei sein würde.

Um 22.13 Uhr begannen die Zugaben, um die das Publikum 15 Minuten gekämpft hatte. 7th Hell spielte noch einmal 20 Minuten, dann war mit einer furiosen Wiederholung von Sympathy For The Devil endgültig Schluss, unmerklich war die Musik wieder in die Version der Rolling Stones vom Band übergegangen, 7th Hell verschwand im Nebel. Die Saalbeleuchtung ging an, und langsam leerte sich die Halle. Martin hatte seinen Arm um Astrid gelegt, sie schlenderten durch ein Meer von zertretenen Bechern zum Ausgang. Den Rest ihrer Clique hatten sie längst aus den Augen verloren.

… … …

Es war nicht kalt, der Mai sorgte für angenehme Temperaturen. Obwohl ihr Shirt und die Jeans nass geschwitzt waren, fror Astrid nicht, als sie auf die Straße traten. Sie schmiegte sich an Martin.

»Hat’s dir gefallen?« fragte sie.

»Ja, war toll«, log er. Er wollte ihr den Abend nicht vermiesen, nachdem sie sich so gut amüsiert hatte. Er war nicht begeistert, zwar war seine Bedrückung irgendwann verschwunden, aber so richtig wohlgefühlt hatte er sich nicht.

Astrid strahlte ihn an. In ihren Augen funkelte die Abenteuerlust. »Was machen wir jetzt noch?«

»Wie jetzt – machen? Du musst doch – wir müssen doch nach Hause!«

»Nee, keine Lust. lass uns noch was unternehmen.«

»Assi, du bist 15 und ich bin 16, was denkst du dir, was uns unsere Eltern erzählen werden? Es ist so schon reichlich spät!«

»Morgen ist Samstag, du Knallkopf! Wir können ja anrufen, damit sie wissen, wo wir sind!«

Man kann von einem 16jährigen nicht allzu viel Vernunft erwarten. Müde war Martin nicht, das Konzert hatte dafür gesorgt, dass sie sich beide aufgekratzt fühlten, obwohl sie stundenlang auf den Beinen gewesen waren. Irgendwo noch ein bischen schmusen … auf dem Heimweg … Er wollte jedenfalls nicht in ein Lokal mit ihr. Martin konnte Astrid schließlich dazu überreden, sich auf den Heimweg zu machen.

Die U-Bahn brachte sie nach Steglitz, auf den Nachtbus wollten sie nicht warten, also liefen sie los, in Richtung Lichterfelde.

»Lass uns am Kanal langgehen«, schlug Astrid vor. »Das ist so schön gruselig bei Nacht.«

Also bogen sie in die Klingsorstraße ab und marschierten bis zur Brücke. Dort gingen sie rechts in den verlassenen Park, stolperten die Treppe hinab und raschelten über den schmalen Pfad am Ufer. Der Mond war noch fast voll und zeigte ihnen die Wurzeln und Dornen, denen sie ausweichen mussten.

Warm lag Martins Hand auf Astrids Schulter, sie schmiegte sich eng an ihn und streichelte über seine Hüfte. Astrid bog vom Weg ab, sie gingen zwischen Bäumen und Sträuchern die Böschung hinunter, wo es einen kleinen Flecken Gras gab. Dort blieb sie stehen und zog Martin dicht an sich. Sie konnte seine Erregung durch den Stoff der Jeans spüren, sanft strichen seine Hände über ihren feuchten Rücken.

»Liebst du mich?«, fragte sie ihn.

»Ja, ich liebe dich.«

Sie wollte ihn, jetzt, dies war die Nacht für den ersten Sex ihres Lebens. Die Vernunft war ausgeschaltet, die Lust pulsierte in ihrem Körper. Dies war die Nacht der Freiheit, der Geist von 1969 regierte, endlich war er zurückgekehrt. Sie presste ihren Unterleib fester gegen seinen, mit einem leichten Wiegen in den Hüften zum Rhythmus in ihrem Kopf. Such a lovely place … summte sie leise.

»Astrid, ich weiß nicht – hier am Kanal – lass uns lieber nach Hause gehen.«

»Ich dachte, du liebst mich«, schmollte sie.

»Natürlich, ja, ich liebe dich.«

Er wollte sie auch, hatte oft genug in seiner Fantasie diesen Moment ausgekostet, sich ausgemalt, wie es wohl wäre, beim ersten Mal. Sie hatten über Sex gesprochen, aber er hatte sie nie gedrängt, und sie hatte ihn immer gebremst, wenn er mehr wollte, als einen Kuss und eine liebevolle Umarmung. Er konnte warten, und er wollte vor allem warten, bis sie bereit war. Jetzt öffnete sie seinen Gürtel und die Jeans und strich sanft mit ihrer Hand über Stellen, die kein Mädchen je berührt hatte. So kannte er sie nicht, fast wurde sie ihm unheimlich. Andererseits hatte er diesen Moment lange genug herbeigesehnt.

»Ich habe kein Kondom, Astrid, wenn nun was passiert?« Irgendwo regte sich noch ein Funke Verstand, während sie ihm das Shirt über die Schultern streifte. Ihre Augen wanderten an ihm herab und sie lächelte verträumt.

»Dann wird es das süßeste Baby der Welt, weil du der süßeste Junge bist!«

Astrid schlüpfte aus ihren Jeans, streifte ihren Slip ab und er durfte sie betrachten. Das Aufregendste, was er bisher von ihr gesehen hatte, war der bezaubernde Anblick, wenn sie beim Baden ihren Bikini trug. Jetzt sah er endlich alles. Einen Augenblick tauchte das Bild vor ihm auf, wie sie mit dem Schattenwesen tanzte, aber seine Erregung ließ sich nicht mehr besänftigen. Er gab seinen schwachen Widerstand auf und sie sanken in das weiche Gras zwischen den rankenden Dornen.

»Was haben wir denn da für Turteltäubchen?« kicherte eine raue Stimme.

Fünf Gesichter blickten auf Astrid und Martin herab.

»Wenn du fertig bist mit ihr, dürfen wir dann auch mal ran, Milchgesicht?«

Sie trugen schwarze Lederkleidung, Nietengürtel glänzten im weißen Licht des Mondes. Einer hielt ein langes Messer in der Hand. Man konnte nicht viel erkennen im nächtlichen Schimmer, aber die fünf Gestalten wirkten bedrohlich genug.

Astrid erstarrte. Sie hatten sich zärtlich gestreichelt, die Nähe und Wärme der unbekleideten Körper genossen, aber noch war es nicht zur Vereinigung gekommen. Sie hatten alles um sich herum vergessen, nichts davon bemerkt, dass sich jemand näherte, hingerissen von dem herrlichen Gefühl der liebevollen Hände des Partners auf der Haut.

Die fünf Männer musterten das Pärchen in aller Ruhe. Sie ermunterten Martin: »Nun steck ihn schon rein, sie wartet doch darauf.«

»lasst uns in Ruhe! Was soll das?«

»Hey, Milchgesicht, nicht frech werden. Wir wollen nur bei Eurer Party mitfeiern.«

Astrid griff nach ihren Kleidern, wollte schnellstens ihre Blöße vor den lüsternen Blicken verbergen. Aber der Wortführer riss ihr die Jeans aus der Hand. Sein Messer blinkte nahe an ihrem Hals.

»Nicht so eilig, Baby! So was Hübsches darf man doch nicht in Stoff einpacken!«

»Was wollt ihr? Wir haben euch doch nichts getan«, protestierte Martin erneut.

»Wir wollen die Show sehen! Kapiert? Du bumst sie jetzt, und dann sehen wir weiter.«

»Nein, lasst mich, ich bin doch erst 15«, bat Astrid.

»Und was hattest du mit deinem Kumpel vor? Wolltet ihr nur den Mondschein genießen? Es sah nach was ganz anderem aus«, gab der Rocker zurück.

Aber war es ein Rocker? Sein bärtiges Gesicht erinnerte sie an irgend etwas, aber sie konnte sich nicht besinnen, woran. Der Mond ließ seine Augen aufblitzen, ein weißes Schimmern, ein leichtes leuchtendes Blau, als würden sie glühen.

Astrid rief um Hilfe. Sofort schlugen zwei der schwarzen Gestalten auf sie ein. »Schnauze halten, sonst sorgen wir für Ruhe.«

Die Messerspitze drückte gegen ihren Hals. Sie verstummte.

Die beiden rührten sich nicht. Offenbar dauerte das Schweigen dem Mann zu lange. Er ritzte mit seinem Messer eine dünne Linie in Martins Arm. Kleine Tropfen Blut traten hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Da siehst du, dass mein Messerchen scharf ist. Wenn du willst, dass deine süße Freundin ihr hübsches Gesicht behält, dann fang jetzt an mit der Vorstellung. Du steckst deinen Schwanz dahin, wo er hingehört. Sonst male ich ihr ein paar schöne Linien auf die Stirn. Oder an eine andere Stelle …«

»Ich kann nicht. Haut doch ab! Sie ist doch erst 15.«

»Wenn du nicht kannst, dann müssen wir es dir wohl vormachen?«, grinste der große Bärtige. »Los, du bist der erste!« stieß er einen seiner Begleiter an, die nach wie vor stumm daneben standen.

Gehorsam begann der, seine Lederhose zu öffnen.

»Nein, lasst sie in Ruhe, bitte«, weinte Martin.

»Du oder wir. Entscheide dich endlich!«

Astrid zog Martin an sich heran. »Komm, es hat keinen Sinn. Die Kerle sind bewaffnet.«

»Lasst ihr sie dann in Ruhe?« fragte Martin.

»Okay, wenn du es gut machst.«

So hatten sie sich ihren ersten Sex beide nicht vorgestellt. Es war abscheulich, erniedrigend. Sein Penis war längst geschrumpft, sie half ihm mit ihren Händen, bis eine schwache Erektion zustande kam. Martin drang in sie ein, er tat ihr weh, obwohl er versuchte, vorsichtig zu sein. Die fünf Beobachter kommentierten das Geschehen, machten Witze, gaben Ratschläge und schienen sich köstlich zu amüsieren. Zum Glück ging es schnell vorbei, ohne Lust, ein mechanischer Vorgang, eine biologische Funktion.

»Na, da musst du noch eine Weile üben«, meinte der Mann mit dem Messer, als Martin sich zurückzog. Martin hielt Astrid beschützend im Arm. Beide weinten und sahen die fünf schwarzen Schatten ängstlich an. Würden sie jetzt endlich verschwinden? Was kam noch auf sie zu?

»Was meint ihr, sollen wir es auch versuchen?«, fragte der Wortführer seine Begleiter.

Keiner reagierte. Sie schauten nur stumm auf Astrids Körper, waren sich unschlüssig, was ihr Anführer von ihnen wollte. Martin zitterte vor Angst, aber er nahm sich vor, Astrid so gut er konnte zu verteidigen. Er hatte keine Chance gegen die fünf kräftigen Männer, aber er würde kämpfen, wenn es sein musste.

Der Chef der Gruppe meinte schließlich: »Gut, lassen wir es sein. Wer weiß, ob die Kleine Aids hat. Die Show war zwar nicht die beste, aber immerhin haben sich die Kinder Mühe gegeben.«

Sie griffen nach den Kleidern der beiden und warfen sie lachend im hohen Bogen ins Wasser. »Es ist so schön warm heute Nacht, da braucht ihr keine Klamotten.«

Sie verschwanden. Astrid klammerte sich an Martin. »Sind sie weg?«

»Ich glaube, ja. Scheiße.«

Sie standen auf. Von ihren Jeans und Shirts war nichts mehr zu sehen, ruhig trieb das dunkle Wasser vorüber. Martin überlegte, ob es sinnvoll war, im Wasser zu suchen, aber es war wohl zwecklos.

»Es tut mir so leid, Astrid. Ich wollte das nicht, nicht so.«

»Uns blieb doch keine Wahl. Schau dir deinen Arm an.«

Es blutete nicht mehr, aber der Schnitt brannte. Sanft strichen Astrids Fingerspitzen über die dunkle Linie. »Mein armer Martin. Aber du hast mich vor diesen Kerlen gerettet. Danke.«

»Und was machen wir jetzt? Zur Polizei?«

Astrid schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, nackt, in die Wache, nein, ich kann nicht. Wir gehen zu mir nach Hause.«

Sie begegneten niemandem auf dem Weg durch die stillen Straßen von Lichterfelde. Immer wieder glaubten sie, Schritte hinter sich zu hören, aber es war niemand zu sehen. Martins Arm um ihre Schultern gab ihr Geborgenheit, sie gingen schnell, bogen in ihre verlassene Straße ein und sahen Licht in der Villa.

»Meine Eltern sind noch wach«, stellte Astrid fest. »Was wird mein Vater sagen?«

Sie mussten klingeln, denn ihre Schlüssel waren samt Telefonen und Portemonnaies im Kanal verschwunden.

Herr Heller öffnete die Tür und starrte seine weinende Tochter mit ihrem Freund an. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Blöße zu bedecken, Martins blutverschmierter Arm lag auf Astrids Schulter, seine Tochter sah ihn an mit einem Blick, der um Hilfe bat.

»Papa«, flüsterte sie.

Er sagte kein Wort, ihm fiel absolut nichts ein, was er hätte sagen sollen. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer und schloss die Türe. Dann holte er aus Astrids Zimmer ein paar Kleidungsstücke für seine Tochter und nahm aus seinem eigenen Schrank eine Unterhose, Jeans und ein Hemd für Martin. Die Sachen würde ihm zu groß sein, aber er konnte den Jungen ja nicht unbekleidet stehen lassen. Seine Frau, die schon im Bett lag, sah ihn fragend an.

»Sie sind nackt, beide.«

»Was sind sie? Wer? Wie bitte?«

»Astrid und Martin. Und sie weinen.«

Sie stand auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und folgte ihm ins Wohnzimmer.

»Danke«, sagte Martin, als er die Kleidung entgegennahm. Frau Heller umarmte ihre Tochter und wischte ihr die Tränen vom Gesicht. »Zieht euch erstmal was an.«

Stumm standen die Eltern dabei, während sich Astrid und Martin die Kleidung überstreiften. »Und nun erzählt uns mal, warum ihr nachts um 1 Uhr nackt durch Lichterfelde spazieren geht.«

Astrid blickte ihrem Vater in die Augen. »Du hattest recht. Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen.«

Wieder flossen die Tränen. Herr Heller schaute zu Martin, auch dessen Mund zuckte verdächtig. Was um Himmels willen war hier los? Er bat sie mit einer Bewegung, sich zu setzen und eng aneinandergeschmiegt sanken sie auf das Sofa. Auch Frau Heller setzte sich, betrachtete forschend ihr Kind. Martin konnte ihr nichts angetan haben, sonst würde sie nicht so sehr seine Nähe suchen.

»Moment noch, ihr beiden. Ich rufe nur kurz Martins Eltern an, die machen sich genauso Sorgen wie wir. Sie haben schon zwei Mal nach Euch gefragt, eure Telefone waren wohl ausgeschaltet? Oder willst du selbst anrufen?«

Martin schüttelte den Kopf. Er konnte jetzt nicht mit ihnen reden, war dankbar, dass Herr Heller das übernahm. Er würde noch genug Fragen zu beantworten haben.

Astrids Vater telefonierte nur kurz, berichtete, dass die beiden Vermissten eingetroffen waren. Ja, Martin gehe es gut. Seine Eltern waren erleichtert und schließlich einverstanden, dass er die Nacht bei Astrids Familie blieb, sie waren froh, dass beide unverletzt aufgetaucht waren, mehr schien sich nicht zu interessieren, zumindest im Augenblick..Er konnte ruhig im Gästezimmer bei Hellers übernachten.

Und dann erzählte Astrid alles. Sie blieb bei der Wahrheit, verschwieg nichts. Sie hatte mit Martin schlafen wollen, in dieser Nacht, nach dem Konzert. Die Lust hatte einfach Besitz von ihr ergriffen. Daher waren sie am Kanal gelandet, und dann waren die fünf Männer aufgetaucht.

Martin redete nicht viel, er fühlte sich schuldig, unbehaglich. Man stand ja auch normalerweise nicht nackt vor den Eltern seiner Freundin in der Tür, so modern und unkompliziert sie auch sein mochten. Man hörte auch normalerweise nicht zu, wie die Freundin ihren Eltern vom ersten Geschlechtsverkehr erzählte, zwar keine Einzelheiten, aber doch, unter welchen Umständen es schließlich dazu gekommen war. Es war ihm peinlich, aber es war auch richtig und notwendig, nichts zu verschweigen, Astrid musste es sich von der Seele reden.

»Es tat weh, Mama, ich weiß, dass Martin nichts dafür kann, aber es war so schrecklich mit diesen Gestalten, die jede Bewegung beobachteten. Sie lachten uns aus, ich konnte nur die Augen schließen und hoffen, dass es bald vorbei sein würde.«

»Tut mir leid, Astrid«, sagte Martin, »ich – ich wollte, es wäre nie geschehen.«

Sie drückte ihn an sich. »Nein, du hast keine Schuld. Es wäre anders gewesen, wenn sie nicht gekommen wären, oder nicht, Mama?«

Frau Heller seufzte. Dies schien ihr eine völlig unmögliche Situation für ein Gespräch über Sex beim ersten Mal, aber ihre Tochter brauchte sie jetzt und hier, wenn das Vertrauen bleiben sollte. Astrid war natürlich längst aufgeklärt, ihr Freund Martin auch, aber das gerade erlebte war ein entsetzlicher Gegensatz zur Theorie von der himmlischen ersten Liebesnacht gewesen. Was sollte sie ihrem Kind sagen, das sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah? Hilfe suchend blickte sie zu ihrem Mann. Der nickte ihr nur zu, schließlich hatte Astrid ja ihre Mutter gefragt.

»Beim ersten Mal kann es etwas wehtun, Astrid, vor allem, wenn der Mann zu schnell vorgeht, aber ihr hattet keine Chance, die schöne Seite der Liebe kennenzulernen. Das ist bitter für euch beide, und ich hoffe, die Kerle werden dafür büßen.«

Astrid erzählte dann, wie sie ihre Kleider losgeworden und wie sie schließlich nach Hause gekommen waren, der einzige Platz, an dem sie Sicherheit erwarteten.

Es gab keine Vorwürfe, keine Schuldzuweisungen. Es gab kein Habe ich dich nicht gewarnt?, die Hellers wussten, dass damit niemandem geholfen wäre. Sie wollten am nächsten Morgen Anzeige erstatten gegen die fünf Unbekannten, immerhin waren die beiden Jugendlichen mit einer Waffe bedroht und Martin leicht verletzt worden. Eine vernünftige Personenbeschreibung war ihnen allerdings nicht zu entlocken, vielleicht war das bei den gegebenen Umständen auch nicht zu erwarten gewesen.

Astrid beruhigte sich allmählich. Ihre Mutter tröstete sie, so gut es ging. Sie meinte, dass es wesentlich schlimmer hätte kommen können, wenn die fünf Männer sich nicht zurückgezogen hätten. Martin habe schließlich keine Wahl mehr gehabt, ihn treffe gewiss kein Vorwurf. Natürlich war es leichtsinnig gewesen, nachts den Uferweg zu wählen, und dann ins Gebüsch zu verschwinden, aber das war nun nicht mehr zu ändern.

Sie waren alle müde, und um 3 Uhr gingen sie schlafen. Astrid duschte lange, es tat ihr wohl, das reinigende Wasser zu spüren. Martin wartete, bis sie fertig war, dann machte auch er sich auf den Weg ins Bad. Auf dem Flur wünschte er Astrid eine gute Nacht, mit einem schüchternen Kuss auf die Wange. Sie verschwand in ihrem Zimmer, und er wusch sich sauber. Dann schlich er, die geborgten Kleider in der Hand, zurück in das Gästezimmer und zog die Decke über sich.

Martin schlief unruhig, im Traum sah er sich und Astrid, umringt von fünf Dämonen, die ihn mit hässlichem Grinsen aufforderten, mit Astrid zu schlafen. Die finsteren Wesen sahen aus wie die Musiker von 7th hell. Ihre blau glühenden Augen durchbohrten ihn, eine eitrige Klaue ritzte seine Haut auf. Er spürte den Schmerz am Arm, aber es gab keine Gegenwehr. Er sah Astrids aufgerissene, ängstliche Augen, hörte ihr Weinen und das grässliche Lachen der fünf Zeugen seiner Tat.

Auch Astrid träumte den gleichen Traum, und wieder fühlte sie Martin in sich eindringen, spürte die Angst vor den fünf Schattengestalten, die sie umstanden. Sie wollte schreien, aber es ging nicht, Martins Gesicht über ihr wurde zu einer Fratze, ein blauweißes Schimmern drang zwischen den wulstigen Augenlidern des Dämons hervor. Sie wachte auf und starrte in die Dunkelheit ihres Zimmers. Das helle, blaue Licht, das sie im Augenblick des Erwachens über ihrem Bett gesehen zu haben glaubte, war verschwunden.

Martin lag reglos da und lauschte, aber das höhnische Lachen aus seinem Traum war verklungen, obwohl es noch einen Moment im Zimmer gehallt hatte. Zumindest hatte er den Eindruck. Da öffnete sich leise die Tür und Astrid schlüpfte in den Raum.

»Halt mich fest, ich habe Angst«, flüsterte sie, als sie unter seine Decke kroch.

»Ich auch, Astrid. Ich habe geträumt, sie wären wieder da.«

Martin hatte nichts an, nur Astrids dünnes Nachthemd trennte ihre Körper, als sie eng umschlungen im Gästebett lagen. Er wollte es nicht, aber die Erregung kam ungefragt. Astrid spürte seine Reaktion und begann, ihn sanft zu streicheln.

»Martin«, flüsterte sie, »halt mich fest, beschütze mich vor ihnen. Lass mich nie allein, bitte. Bleib bei mir. Dann kommen sie nicht wieder.«

Er hielt sie fest an sich gedrückt. Ihre Nähe dämpfte seine eigene Angst, half ihm, das gehässige raue Lachen zu vergessen. Astrid schlüpfte aus ihrem Nachthemd.

Die Vereinigung war schön, ruhig, sanft. Sie liebten sich und konnten es beide genießen, so unerfahren sie auch waren. Die drohenden Schatten blieben verschwunden und schließlich schliefen sie erschöpft und entspannt ein.

… … …

Astrids Vater stand in der Tür des Gästezimmers und schüttelte den Kopf. Die Sonne schien warm durch das Fenster auf die beiden Schlafenden, das Nachthemd seiner Tochter lag am Boden. Sie sah friedlich und glücklich aus in Martins Armen. Er weckte sie nicht, sondern schloss leise wieder die Türe.

Hätte er Martin in der Nacht doch nach Hause bringen sollen? War es nicht zu leichtsinnig gewesen, die beiden Tür an Tür schlafen zu lassen? Hätte er es verhindern müssen? Können? Nein, wenn nicht hier, dann hätten sie sich anderswo gefunden, die Liebe war nicht aufzuhalten. Er schmunzelte, dachte daran, wie es damals mit ihm und seiner Frau gewesen war. Sie hatten einen besseren Start gehabt, aber viel älter waren sie auch nicht gewesen.

Nun war es also passiert, ein paar Jahre zu früh nach seiner Meinung, aber nicht mehr zu ändern. Sein Mädchen wurde zur Frau.

Beim Frühstück sagte er: »Martin, es wäre wohl gut, wenn ihr beide euch über Verhütungsmittel Gedanken machen würdet, oder?«

Martin bekam einen roten Kopf. Astrid schaute ihre Mutter an und sagte: »Was empfiehlst du uns, Mama? Die Pille?«

Was für ein Thema am Frühstückstisch, dachte Martin. Und wie peinlich, dass ich immer rot werde. Andererseits toll, wie offen sie mit ihren Eltern reden kann.

Astrid gab ihm einen Kuss. »Musst nicht rot werden.«

Er sah ihr glückliches Lächeln und murmelte etwas, was niemand verstehen konnte. Sein Kopf glühte, Frau Heller fragte freundlich: »Was meintest du, Martin?«

»Ich – ich meine, ich kann mir Kondome besorgen«, stotterte er.

»Das wird auch gut sein, ich möchte eigentlich noch nicht Großvater werden«, brummte Astrids Vater und nahm sich noch ein Brötchen.

Doch Herr Heller wurde zum Großvater.

Die fünf Männer wurden nie gefunden. Nach ein paar Wochen schloss die Staatsanwaltschaft die Akte mit dem Hinweis, dass bei neuen Erkenntnissen die Ermittlungen wieder aufgenommen würden. Es war ja nichts weiter passiert, und warum mussten zwei Jugendliche auch nachts am Kanal nach Hause gehen, wenn es Busse und beleuchtete Straßen gab. Außerdem hatten sie sich ja dann freiwillig vom Weg entfernt und entkleidet, eine Vergewaltigung hatte es auch nicht gegeben. Der Schnitt am Arm des Jungen war harmlos. Also kaum ein Fall für die Justiz, es gab wichtigere Ermittlungen.

Mit der Zeit vergaßen Astrid und Martin die Stunden nach dem Konzert von 7th Hell, sie hatten nun andere Sorgen und Probleme. Die Schwangerschaft, die Schule, die erbitterten Widerstände ihrer Umgebung, als klar wurde, dass Astrid das Kind nicht abtreiben wollte. Ihre Eltern waren auf ihrer Seite, aber Martins Eltern bedrängten ihren Sohn und seine Freundin, das Übel aus der Welt zu schaffen. Die Lehrer stimmten ein in den Chor, der nichts davon wissen wollte, dass eine 15jährige ihr Kind zur Welt brachte. Doch Astrid und Martin blieben fest. Es war ihr Kind, viel zu früh, viel zu jung beide Eltern, aber was konnte das Baby dafür? Und sie liebten sich wirklich, wollten zusammenbleiben, unter allen Umständen.

… … …

Die Entbindung zwei Monate nach Astrids 16. Geburtstag war unkompliziert. Die Frucht der ersten Liebe war ein Mädchen, für die beiden glücklichen Eltern war es zweifellos das süßeste Baby der Welt. Nachts, wenn ihre jungen Eltern schliefen, hatten Jennifers Augen manchmal einen seltsamen Schimmer, als glühten sie von kaltem blauen Feuer.

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