Martin Luther, der die Bibel ins Deutsche übertrug, war ein Mensch seiner Zeit, geprägt von den Gegebenheiten der Epoche. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, es geht uns allen so. Mission war für ihn etwas, was irgendwo auf der Welt geschieht; seine Heimat verstand er als »christlich«. Zu Hause gab es folglich so gut wie nichts zu missionieren, höchstens aufzuklären und zurechtzurücken.
Wer allerdings heute noch davon ausgeht, dass das »christliche Abendland« ein solches wäre, muss schon mit erstaunlicher Blindheit geschlagen sein. Es sei denn, er definiert Christsein anders als das Neue Testament.
In Apostelgeschichte 4, 12 erklärt Petrus: »Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen.« Wenn Christsein also bedeutet, dass jemand verstanden und erkannt hat, dass Jesus Christus, von Gott gesandt, gestorben und auferstanden ist, und dass er diesem Jesus Christus anhand dieser Erkenntnis nachfolgt, also sein Jünger wird, dann kann nicht die Rede davon sein, dass wir in einem »christlichen« Land leben.
Es genügt, wenn wir die biblischen Berichte ernst nehmen, offensichtlich nicht, irgendwie an einen mehr oder weniger konkret benannten Gott zu glauben; das tun viele in unserer Nachbarschaft heute und hier. Von Kornelius heißt es, dass er »fromm und gottesfürchtig (war) mit seinem ganzen Haus, der dem Volk viele Almosen gab und allezeit zu Gott betete.« (Apostelgeschichte 10, 2) Wenn das ausreichen würde, wäre es nicht notwendig gewesen, dass Petrus in sein Haus kam, um das Evangelium von Jesus zu verkünden.
Folglich leben wir in einem Missionsgebiet, wenn wir die Aufforderung Jesu Christi aus Matthäus 28 ernst nehmen. Und da geht das Dilemma los. Die Lutherbibel in der Version von 1984 gibt die Sätze so wieder:
Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Eine klare Reihenfolge von Tätigkeiten. 1.: Geht hin. 2. Macht zu Jüngern. 3. Tauft sie. 4. Lehrt sie. So verstehen wir auch meist das, was als »Missionsbefehl« geläufig ist und fügen gedanklich hinzu: 5. Fertig.
Doch die Revidierte Elberfelder Übersetzung weist mit ihren Anmerkungen bereits darauf hin, dass hier womöglich eine etwas missverständliche Gewichtung vorliegt:
Und Jesus trat zu ihnen und redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht (oder »Vollmacht«) gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie (wörtlich »sie taufend«) auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie (wörtlich »sie lehrend«) alles zu bewahren (oder »zu halten«), was ich euch geboten habe! Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters (griechisch »Äon«).
Die meisten englischen Bibelübersetzungen zeigen das gleiche, von Luther abweichende Bild:
Then Jesus came to them and said, All authority in heaven and on earth has been given to me. Therefore go and make disciples of all nations, baptising them in the name of the Father and of the Son and of the Holy Spirit, and teaching them to obey everything I have commanded you. And surely I am with you always, to the very end of the age. (New International Version)
So sind es plötzlich nur noch zwei Tätigkeiten: 1. Geht hin. 2. Macht zu Jüngern. Schritt 2 geschieht, indem getauft und gelehrt wird – ein kleiner, aber doch entscheidender Unterschied. Denn damit ist es nicht mehr unser Auftrag, dass wir eine Liste abarbeiten und anschließend fertig sind. Dann haben wir es mit einer fortwährenden Aufgabe zu tun, und dann passt das Ganze auch wirklich zu dem, was Paulus beispielsweise in seinen Lehrbriefen an Gemeinden – also an Menschen, die bereits Christen sind – tut. Auf die Milch des Evangeliums folgt feste Nahrung, die Gemeinde wird zu einem lebendigen, sich weiter entwickelnden Organismus, der nicht irgendwann »fertig« ist. Ein Organismus, dessen Existenz sich positiv verändernd auf die Umgebung auswirkt, die Nachbarschaft nicht unberührt lassen wird. Und vor allem gehört jeder einzelne Christ mit seinen ganz spezifischen Gaben und Aufgaben dazu, damit der »Leib«, wie Paulus die Gemeinde gerne nennt, gesund sein und wachsen kann.
Nun stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie das denn im Alltag aussehen kann. Sicher nicht so, wie wir es, mich eingeschlossen, über Jahrzehnte gekannt und für »normal« gehalten haben: Evangelistische Aktivitäten sind das Mittel, um Ungläubige in das Gemeindeleben zu integrieren. Die Gemeinde ist der sichere Hort vor der bösen Welt ringsum. Diese böse Welt darf die Gemeinde aufsuchen, um sich erretten zu lassen, aber es handelt sich um zwei getrennte Welten, auf deren Grenzen man unbedingt zu achten hat. »Weltliches« darf nicht toleriert werden, denn schließlich ist die Gemeinde ja der abgeschottete Ort der »Heiligen«.
Warum es so nicht weitergehen kann? Dieses Verfahren hat dazu geführt, dass wir nach sehr optimistischen Schätzungen höchstens noch von ca. 5% Christen (entsprechend der obigen Definition von Petrus) in unserer Bevölkerung ausgehen können. Es mag regionale Unterschiede geben, aber das »christliche« Abendland existiert schon längst nicht mehr.
Darüber kann man lamentieren. Man kann es auch bedauernd als schicksalhaft gegeben hinnehmen. Man kann darauf warten, dass »Erweckung« vom Himmel regnet und unsere Kirchen und Gemeindesäle füllt. Man kann sogar zahlreiche »Prophetien« nachlesen, die von einer kommenden großen geistlichen Welle schwärmen, die uns irgendwie heimsuchen wird. Allerdings gab es solche Ankündigungen bereits so häufig, dass angesichts des Ausbleibens der Erfüllung schon kaum noch jemand etwas davon hören will. Zuletzt sollte, einem bekannten amerikanischen Propheten gemäß, im Jahr 2006 die Riesenerweckung über Deutschland hereinbrechen. Erlebt haben wir zwar einiges im Jahr 2006, zum Beispiel die Fußballweltmeisterschaft, aber von mit Anbetungsversammlungen gefüllten Stadien und Lobpreis auf den Straßen und Plätzen mag man ja nicht ernsthaft reden, es sei denn, der fragliche Gott heißt »König Fußball«.
Wenn es uns ernst ist mit der Nachfolge Christi, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Offenheit für ein anderes Denken und Leben. Wir können unsere Nachbarschaft offensichtlich nicht durch evangelistische – herkömmlich missionarische – Aktionen erreichen, das hat sich ja zur Genüge gezeigt.
Es gilt, zunächst die Tatsache zu akzeptieren: Wir leben in einer Gesellschaft, die für althergebrachte Methoden nicht mehr empfänglich ist, haben es mit völlig anderen Lebensmodellen zu tun als frühere Generationen.
Wir brauchen und dürfen nun deshalb nicht das Evangelium neu erfinden, aber wir müssen zwingend darüber nachdenken, auf welche Weise das Evangelium den Menschen überhaupt vermittelt werden kann.
Die strikte Trennung von Kirche und Welt hat sich als untauglich erwiesen, weil inzwischen weithin zwei parallele Gesellschaften existieren, zwischen denen es so gut wie keine Berührungspunkte mehr gibt. Anstatt bei denen, die Christus nicht kennen, salzende Wirkung zu haben, sind wir zu einem Salzspeicher geworden, von dem die Gesellschaft nichts hat, weil nämlich das Salz nicht dort ankommt, wo es benötigt wird. Die guten alten missionarischen Aktivitäten funktioniert – in unserer Gesellschaft zumindest – nicht mehr.
Viele, die umzudenken bereit sind, reden von »missionaler Gemeinde« – das Wort ist zunächst nur ein Begriff, ein Versuch, neue Ansätze zu umschreiben. Wenn es bei der Theorie bleibt, vollkommen überflüssig, aber es zeigt sich, dass auf das Umdenken häufig ganz praktische Änderungen im Gemeindeleben folgen.
Es geht nicht um neue Theologie, sondern um eine Rückbesinnung auf das Leben, das Jesus seinen Jüngern vorgelebt hat. Es heiß im Grunde nichts anderes, als sich wie Jesus und die ersten Generationen von Christen dorthin zu begeben, wo die Menschen sind und ihnen nicht nur mit Worten, sondern vor allem mit unseren Werken zu demonstrieren, was das Reich Gottes eigentlich ist. Wenn wir nämlich »neue Menschen« geworden sind, dann ist es vorbei damit, dass wir hauptsächlich an unsere eigene Versorgung, unsere eigene Gesundheit, unser eigenes Wohlergehen als Gemeinde oder Kirche denken.
Das heißt konkret, dass wir nicht in erster Linie predigen, sondern dass wir unsere Fähigkeiten, Kenntnisse und Gaben verschenken, wo immer es Gelegenheit dazu gibt. Dass wir nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen, sondern dass wir uns ihnen zuwenden. Nicht wie jemand, der sie einfangen, sie vereinnahmen will, sondern als Menschen, die etwas zu geben, zu verschenken haben. Nicht als Herrscher, die gnädig den Zugang zur geheiligten Parallelgesellschaft gewähren, sondern als Diener, die sich selbst verschenken.
Als Jesus sagte, dass »die Füchse Höhlen und die Vögel des Himmels Nester haben, aber der Sohn des Menschen nichts hat, wo er das Haupt hinlege«, meinte er nicht, dass Obdachlosigkeit ein erstrebenswertes Ziel sei (Matthäus 8, 20). Er meinte vielmehr, dass seine Priorität darin lag, das Reich Gottes sichtbar werden zu lassen. Sicher, er hat gelehrt und gepredigt, aber er hat es nicht dabei belassen, sondern ganz praktisch Not gelindert, wo sie zu finden war. Er war in den Synagogen anzutreffen, aber man fand ihn auch auf den Straßen und Plätzen, am Krankenlager und bei den Bettlern.
Missional leben, das heißt, sich den Mitmenschen zuwenden wie Jesus, ihre Nöte und Sorgen lindern, ihnen Brot zu essen geben, sich ihren Fragen stellen. Beim Lösen der Probleme helfen.
Das kann nicht nur der große Evangelist, das kann auf seine Weise jeder von uns. Unser Problem mit unseren Mitmenschen beginnt meist schon damit, dass sie überhaupt keinen »geistlichen Mangel« empfinden. Sie glauben an irgendetwas oder nichts, sind mehr oder weniger zufrieden mit ihrem Seelenleben. Wenn sie körperliche, finanzielle Nöte haben, wenn ihnen Bildung oder Chancen fehlen, dann sind sie daran interessiert, wie diesem Mangel abgeholfen werden kann, und nicht daran, was nach dem Tod geschehen könnte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns zuhören, wenn wir etwas von Jesus Christus zu erzählen haben, ist wesentlich größer, wenn sie zunächst unsere Zuwendung erlebt und erfahren haben, und zwar ohne Fußangeln und Hintergedanken nach dem Muster »ich helfe dir, damit du dich bekehrst«.
Die Gemeinde, die Kirche gehört nicht in sakrale Räume und Gebäude, sondern mitten in die Gesellschaft. Dorthin, wo die Armen sind und dorthin, wo die Reichen sich treffen. In den Fußballverein und in die Stadtteilkonferenz. In die Nachhilfegruppe und in den Künstlerclub.
Heißt das nun, dass wir die Gemeinde, die Kirche nicht mehr brauchen? Das wäre Unfug. Es ist vollkommen richtig und notwendig, dass Christen miteinander Gemeinschaft haben, von einander lernen, gemeinsam Gott anbeten, einander helfen und miteinander feiern. Die Gebetsgruppen und Bibelgesprächskreise sind unbedingt notwendig.
Aber dürfen wir die Welt weiter aussperren beziehungsweise nur dann einladen, wenn wir missionieren möchten? Darf sich unser Christsein darauf beschränken, ansonsten unter uns zu bleiben und einander zu segnen?
Oder sollte das Salz dorthin, wo zur Zeit überhaupt nichts salzig schmeckt?
Danke für Deine Gedanken! Gefällt mir sehr.
Mein Eindruck:
Bei diesem Thema haben wir es mit einer Vielzahl von Aspekten zu tun.
Und einer ist ganz wesentlich die Einstellung „der“ Gemeinde.
Mit welcher Einstellung leben wir?
Es geht wohl um die Abgrenzung zwischen dem sog. „Sonntagschristentum“ und dem „Jeden-Tag-ist-Gottesdienst-Christentum“. Bei der ersten Variante liegt der ganze Schwerpunkt auf dem Gemeindeleben (bei aller unbestrittenen Notwendigkeit). Wer sich „in“ der Gemeinde sehen lässt und mitmischt, wird gefördert und bekommt Anerkennung (wiewohl auch das leider nicht selbstverständlich ist). Aber wer sich für das Reich Gottes einbringt – was dann auch außerhalb der Mauern des Gemeindehauses sein kann und wohl muss – der wird selten als „Mitarbeiter“ gesehen.
Deshalb sollten wir den Mitarbeiter-Begriff neu definieren.
Und dann dort ansetzen, wo die Menschen sind.
Denn fast jeder Christ hat Kontakte zum (nichtchristlichen) Nachbarn, zur (nichtchristlichen) Verwandtschaft, zum Arzt, zu Kollegen…
es gilt, dort das Christsein zu leben und sich nicht zu verstecken.
Hier ist ein Bewusstseinwechsel nötig.
Das Potential ist da.
Größere und kleine Gemeindeaktionen sollten dann unterstützend hinzukommen – nicht als Ersatz für das persönliche Leben, aber als Motivations,- Erinnerungs- und sonstige Hilfe.
Und diese wohl verstärkt auf der diakonisch-evangelistischen Schiene. Denn Taten sprechen lauter als Worte.
Taten der Nächstenliebe – ohne sofort die Bibel in der Hand zu haben. Diese sollte denoch griffbereit in der Nähe sein…
Helfen, um Gutes zu tun im Namen Jesu – und wenn jemand nachfragt, dann auf diesen Jesus verweisen.
Allerdings empfinde ich es als sehr herausfordernd, daraus keine „neue“ Taktik zu machen, um die Leute dann „von hinten“ zu erwischen. Es geht vielmehr darum, einen Lebensstil einzuüben, der Gutes hervorbringt, auch wenn kein A. danach fragt, warum wir das tun.
Segen für Dich!
Dirk.
Hallo Dirk, danke!
»Es geht vielmehr darum, einen Lebensstil einzuüben, der Gutes hervorbringt, auch wenn kein A. danach fragt, warum wir das tun.« – das bringt es auf den Punkt. Nicht nur persönlich, sondern auch als Gemeinde / Kirche.
Und dann könnte es ja sein, dass es irgendwann nicht mehr jedem A. egal ist, ob in seiner Nachbarschaft eine Gemeinde / Kirche ist oder nicht.
Dann lass’ uns dafür leben, dass immer mehr Ä. zu Licht werden!
Ich sag mal: danke für die anregenden Gedanken!
Gerne geschehen.
>>“Heißt das nun, dass wir die Gemeinde, die Kirche nicht mehr brauchen? Das wäre Unfug. Es ist vollkommen richtig und notwendig, dass Christen miteinander Gemeinschaft haben, von einander lernen, gemeinsam Gott anbeten, einander helfen und miteinander feiern. Die Gebetsgruppen und Bibelgesprächskreise sind unbedingt notwendig.
Nur: Woher die Zeit nehmen, neben Gebetsgruppe, Bibelgesprächskreis, Gottesdienst und Mitarbeiterbesprechung auch noch zur Stadtteilkonferenz zu gehen, bei der Suppenküche mitzuarbeiten und für meinen depressiven Nachbarn da zu sein? Ich vermute, es gehört ein radikalerer Schnitt dazu, als das-eine-tun-das-andere-nicht-lassen. Ich fürchte, wir müssen manches in Gemeinde zurückfahren. Sehr wohl gemeinsam vor Gott stehen, miteinander feiern, einander unterstützen – aber wir müssen die Häufigkeit der Veranstaltungen überdenken. Ist überhaupt jede Woche Hauskreis + Gottesdienst nötig? Normales aktives Gemeindeleben plus hingehen und für Leute da sein strebt mit vollem Job und Familie schnell zum Burn-Out…
Hallo Journastorin,
genau das dürfte es sein: Manches in der Gemeinde zurückfahren.
Das verursacht natürlich den Leitern von Gemeinden erhebliche Probleme, denn wenn die Gemeindemitglieder sich in ihrem Umfeld engagieren, bleibt vieles in der Gemeinde ungetan. Manches, was als »normales« Gemeindeleben gilt, fällt weg. Womöglich geht auch die Kollekte zurück, wenn die Mitglieder andernorts Not lindern helfen…
Wahrlich ein radikaler Schritt!