Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth, dass er sich mit einem »Dorn für das Fleisch« plagen musste (2. Korinther 12, 7).
Er hatte nach eigenem Bekunden drei Mal den Herrn angerufen und wurde statt Heilung beziehungsweise Befreiung mit der Antwort bedient, dass ihm die Gnade genügen möge, da »die Kraft Gottes in Schwachheit zur Vollendung« käme (Vers 8 und 9).
Diese Bemerkungen dienen gelegentlich als Begründung, wenn jemand trotz des eindeutigen biblischen Zeugnisses, dass Jesus Gebundene befreite, Kranke heilte und die Gemeinde mit der Fortführung seines Werkes beauftragt hat, nicht mit göttlicher Heilung für seine Leiden (ob nun körperlich oder anders geartet) rechnet. Mein Freund Haso kommentierte vor einer Weile: »Wie kommt es, dass beim Lesen von 2. Korinther 12, 1-10 neun von zehn Christen damit rechnen, durch irgendeinen Stachel im Fleisch geistlich fit gemacht zu werden, hingegen kaum einer von hundert Christen auf die Idee kommt, er könne schon zu Lebzeiten zu einem Ausflug in den dritten Himmel entrückt werden?«
In der Tat hatte Paulus Außergewöhnliches erlebt. Er war zu Besuch im dritten Himmel. Es gibt allerlei theologische Denkmodelle, was es mit den verschiedenen Himmeln auf sich hat. Ohne diese Entwürfe als falsch bezeichnen zu wollen (ich bin kein Theologe), ist mir diese simple Erklärung am liebsten (und bezüglich dieser Gedanken völlig ausreichend): Die Bibel unterscheidet drei Dimensionen des Himmels, die im Deutschen alle mit dem gleichen Wort bezeichnet werden: Die Atmosphäre, das Weltall und die unsichtbare Welt Gottes. Paulus wurde in den letzteren Himmel, das Paradies entrückt, wie er selbst schreibt.
Dort hörte er Worte, die »einem Menschen auszusprechen nicht zusteht« (Verse 2-4). Die Offenbarungen, die Paulus bei diesem Ausflug in die Dimension Gottes erhielt, waren so außerordentlich, dass er hätte überheblich werden können (Vers 7). Da er diese Gefahr begriff und keineswegs dem Stolz zum Opfer fallen wollte, war er nach drei vergeblichen Bitten um Befreiung vom »Dorn für das Fleisch« sogar bereit, »Wohlgefallen an Schwachheiten, Misshandlungen und Ängsten um Christi willen« zu entwickeln (Vers 10). Wohlgemerkt, »um Christi willen«, nicht um der Verfolgung und Bedrängnis willen.
Man kann Stolz entwickeln, der so ungesund ist wie kaum etwas anderes: »Schaut euch an, wie sehr ich leide. Ich armes geplagtes Menschenkind. Der Herr hat mir eine solch schwere Last auferlegt…« Das ist ein gefährlicher Unsinn. Erstens: Zeige mir eine einzige Bibelstelle, die diese Haltung rechtfertigen würde. In meiner Bibel ist eher die Rede davon, dass wir unsere Lasten bei Jesus ablegen sollen, da er für uns sorgen möchte. Zweitens: Was du aussprichst und glaubst, wirst Du erleben.
Wer von uns rechnet damit, in den dritten Himmel zu reisen, ob nun »im Fleisch« oder »im Geist« – selbst Paulus war diesbezüglich unsicher – und dort außerordentliche Offenbarungen zu empfangen? Wer von uns erwartet die Möglichkeit eines Besuches in der unsichtbaren, übernatürlichen Welt, eine Begegnung mit der geistlichen Dimension, in der Gott zu Hause ist? So wie Mose Gott begegnet war (2. Mose 3), wie drei Jünger Zeugen einer Begegnung Jesu mit Mose und Elia wurden (Matthäus 17), wie Stephanus in seiner Todesstunde einen Blick in die unseren Augen normalerweise verborgene Welt werfen konnte (Apostelgeschichte 7). Oder gar Johannes auf der Insel Patmos (Offenbarung 1), wo er unter anderem Dinge erfuhr, die aufzuschreiben ihm verboten wurde. Die Bibel zeigt anhand vieler Beispiele, dass solche Erfahrungen jenseits der irdischen Dimension möglich sind.
»Toll, so was will ich auch erleben«, mag nun jemand rufen. Das ist im Prinzip nicht verkehrt, aber wir sollten uns fragen, wozu. Um der Sensation willen? Weil eine solche Begegnung mit dem Übernatürlichen Würze ins fade Leben bringt? Um von Schauern und Wohlgefühlen überflutet zu werden? Um mit der geistlichen Erfahrung zu prahlen?
- Warum begegnete Gott dem Hirtenjungen Mose im brennenden Busch? Um ihn in ein unüberschaubares Abenteuer hineinzuführen, das Volk Israel aus der Gewalt der damals führenden Militärmacht zu befreien.
- Warum nahm Jesus drei (nicht alle) seiner Jünger mit zur übernatürlichen Begegnung mit Mose und Elia auf dem Berg? Um sie angesichts seines bevorstehenden Sterbens auf ihre Glaubensprüfungen vorzubereiten.
- Warum sah Stephanus den Himmel offen und den auferstandenen Jesus? Um die brutale Steinigung zu überstehen und seinen Mördern in der Todesqual zu vergeben zu können.
- Warum wurde Johannes ein ausführlicher Blick in das Ende der Zeiten eröffnet? Um der Gemeinde der Endzeit zu gegebener Zeit eine klare Sicht zu ermöglichen.
- Warum wurde Paulus in den dritten Himmel entrückt? Um von Jesus selbst zu erfahren, was er für seinen Dienst als Apostel wissen musste.
Manches hielt er verborgen, wie Johannes, anderes konnte er seinen Zeitgenossen mitteilen. So erfuhr Paulus vom Herrn, und nicht von den anderen Aposteln, wie Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert hatte (1. Korinther 11).
Übernatürliche Erlebnisse sind nicht dazu da, uns zu erfreuen. Sie sind dazu da, uns auszurüsten und auszusenden. Mose ging nicht täglich zurück zum brennenden Busch, um das Erlebnis zu wiederholen. Die 120 Jünger gingen nicht zurück in den Saal, um Pfingsten wieder und wieder zu erleben. Petrus erntete einen Verweis, als er vorschlug, Hütten zu bauen, weil so eine tolle Atmosphäre auf dem Berg mit Jesus und den Propheten herrschte. Paulus erbat vom Herrn nicht wiederholten Zugang zum Paradies, sondern er nahm das Empfangene und arbeitete damit.
Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Begegnungen mit der göttlichen Sphäre etwas mit unserer Dienstbereitschaft zu tun hat. Wenn jemand selbst durch einen Dorn für das Fleisch nicht davon abzubringen ist, Gott an die erste Stelle zu setzen, zeigt sich darin eine Einstellung im Herzen, die ganz anders aussieht als das oft anzutreffende »ich will gesegnet werden!«
Ein solches Herz ruft vielmehr: »Ich will ein Segen sein!« Selbst wenn das mit einem Dorn für das Fleisch einhergeht.