Und dann ging es alles ganz schnell. Später sagten die Freunde, Verwandten und Bekannten, dass sie »nie mit so etwas gerechnet« hätten, dass sie »vollkommen überrascht« seien. Niemand hatte bemerkt, was vor sich ging.
Er war bekannt und allgemein beliebt als freundlicher, hilfsbereiter Mensch, als jemand, der zufrieden und erfolgreich sein Leben meisterte. Geselligkeit war nicht unbedingt seine Stärke, doch war er auch kein Stubenhocker. Im Kreis von Freunden oder Familie wusste er sich am Geplänkel und Gespräch zu beteiligen, bei betrieblichen Festen unterhielt er sich ungezwungen und wenn man ihn ansprach, war er nie abweisend oder gar schroff. Ein »netter Mann«, ein »guter Freund« und »verlässlicher Mensch«, so empfanden ihn eigentlich alle, die mit ihm zu tun hatten.
Er hatte Krisen gemeistert, auch das Scheitern seiner ersten Ehe hatte er dank seiner zweiten Frau und der Zuwendung von Freunden schließlich überwunden. Er hatte, so meinten alle, nach der schwierigen, viel zu früh und unüberlegt geschlossenen ersten Ehe, nun die Frau an seiner Seite, mit der er zutiefst glücklich war.
Doch mit der Liebe ist es stets so eine Sache. Man hält sie für unwandelbar, ist sicher, sie sei stark genug für ein langes Leben. Tiefen und Höhen, Dürre und Flut, nichts kann kommen, was man mit der Liebe im Bunde nicht zu meistern in der Lage wäre.
Jedoch: wer kennt den Geliebten, die Geliebte wirklich durch und durch, am Anfang, wenn das Feuer der Leidenschaft so heiß und so verzehrend lodert? Wer bemerkt dann, wenn der Alltag langsam Einkehr hält, die kleinen Anzeichen, dass beim Gegenüber manches Manko sich einstweilen noch verbergen könnte. Oder wenn es sich schon zeigt, wer meint dann nicht, es sei nur eine Kleinigkeit? Die Liebe, meint man, meistert alles, überwindet alles, deckt alles zu. Die Leidenschaft wird niemals schwinden. Die Zärtlichkeit wird schöner werden, intensiver, immer mehr und immer besser.
Er klagte nie vor anderen, sehr selten nur vor seiner Frau. Er schluckte meist hinunter, was sie ihm vorzuwerfen wusste, als sein Charakter, seine Art ihr schließlich ins Bewusstsein drang. Er hatte sich nicht verändert, das gab auch sie zu, doch hatte sie wohl – ganz unbewusst, das sei ihr zugestanden – damit gerechnet, ihn ändern zu können. Sie hatte ihn doch formen wollen, nach ihrem idealen Bild von einem Mann.
Nein, er klagte nicht – und mancher meinte hinterher, das hätte er unbedingt tun sollen. Doch dieses stille Dulden gehörte genauso zu ihm, seit der Kindheit, wie andere Eigenarten, die schließlich seiner Frau zum Ärgernis wurden.
Er liebte sie mit gleicher Intensität, allein: es war vergeblich. Gefühle, die der eine nur empfindet, die im anderen jedoch keine Antwort auslösen, sind stets das Fundament, auf dem ein Scheitern sich ganz heimlich und verborgen errichtet. Erst wenn es Kraft gewonnen hat, dann wird es offenbar.
Er hörte auf zu leben. Unmerklich für die anderen zunächst, denn nach wie vor war er der freundliche, umgängliche, gutmütige und in der Regel gut gelaunte Mann, den sie so als Gesellschafter und Freund schätzten. An Scheidung dachte er nie, denn das hätte ja die Chance für einen neuen Anfang in sich geborgen. Er wollte keinen neuen Anfang. Er wollte seiner so geliebten Frau ganz einfach aus dem Wege gehen. Still und unauffällig.
Dass er Gewicht verlor, nun ja, nichts Ungewöhnliches in einer Zeit, in der die Modeanzeigen voller gertenschlanker Modelle sind. Dass seine Augen müde blickten, nun ja, wer arbeitet heutzutage nicht zu viel? Dass er stiller wurde, in sich gekehrter, einsamer, nun ja, uns allen geht es doch mal so und mal so.
Er wachte eines Morgens nicht mehr auf.
Hallo GJM,
traurige Geschichte – leider hält sich aber ja wirklich hartnäckig das Gerücht, man könne sich den Partner mit etwas Geduld und Aufwand hinbiegen…
Was mich bei Lesen (etwas) verwirrt hat ist die Aussage „…dass sie »nie mit so etwas gerechnet« hätten, dass sie »vollkommen überrascht« seien. Niemand hatte bemerkt, was vor sich ging.“
Der Mann hat nicht drüber geredet, sondern still geduldet und ist morgens nicht mehr aufgewacht. Das lässt auf einen Suizid schließen, wird aber nicht erwähnt. Vielleicht könnte ein „Abschiedsbrief“ helfen?
lg Martina
Ja, solche Geschichten gehören leider zum Leben. Auch, dass hinterher alle doch so überrascht sind.
Sie hätten vermutlich helfen können.
Herzliche Grüße Armin
Nun ja… das mit dem Suizid oder eben nicht Suizid habe ich ganz bewusst offen gelassen. Dem Leser überlassen. Ich wollte nicht alle Fragen beantworten.
Hallo Günther,
eine ergreifende Geschichte – mitten aus dem Leben gegriffen. Klasse geschrieben.
Viele Grüsse
Katharina