Mietling oder Hirte?
Mein Schulkamerad Robin wohnte auf einem Dorf vor den Toren der Stadt Memmingen. Wenige Wochen erst war ich, ein Berliner Junge, in der Kleinstadt im Allgäu zu Hause. Ich lernte die ungewohnte Sprache zu verstehen, in der sich Kinder und Erwachsene unterhielten. „Mogst a Gschöpftes?“ hatte mich die Bäckerin gefragt, als ich ein Brot kaufen wollte. Ich nickte tapfer. „So a Simple, so a damischer! Saubua!“ rief mir eine Dame hinterher, als ich wie aus Berlin gewohnt mit dem Fahrrad zügig auf dem Gehweg unterwegs war. Ich lächelte sie an. „Mir henn a neies Lamm, mogst des ohschaun?“ hatte mich Robin nach der Schule eingeladen. Ich verstand wieder nur Bahnhof, aber ich schloss mich ihm an. Als er fortfuhr, es gebe zum Mittagessen „Kässpatzen“, wurde mir mulmig. Ich stellte mir Sperlinge vor, irgendwie mit Käse zubereitet. Die Spatzen erwiesen sich zu meiner großen Erleichterung als Teigwaren, und das Lamm eroberte mein Herz in Sekunden.
„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein“,
sagte Albert Einstein. Was aber braucht man, um ein tadelloser Hirte zu sein? Am besten ist es doch wahrscheinlich, denjenigen zu betrachten, der von sich selbst sagte:
„Ich bin der gute Hirte…“ (Johannes 10, 11)
Und schon bei der Fortsetzung des Satzes wird manchem bewusst, dass der biblische Anspruch an einen guten Hirten recht hoch sein muss:
„…der sein Leben lässt für die Schafe.“
Was war diesem Satz vorausgegangen? Jesus hatte einen Menschen geheilt, der von Geburt an blind gewesen war. Das erregte erhebliches Aufsehen in der Gegend. Die Hirten der jüdischen Gemeinde, die Pharisäer, befragten den Geheilten und seine Eltern, wollten unbedingt einen Grund finden, diese Heilung, die nicht zu leugnen war, einem „Geist von unten“ zuzuordnen. Sie erklärten dem Geheilten, dass Jesus nachweislich ein Sünder sei. Er antwortete:
„Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht; eins weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.“
Schließlich warfen die Hirten den Mann aus der Herde – der einfachste Ausweg. Das Problem war nicht gelöst, aber aus dem Blickfeld.
Nach diesen Ereignissen spricht Jesus mit seinen Zuhörern, unter denen auch einige Pharisäer sind, darüber, was einen guten Hirten von jemandem unterscheidet, der lediglich einen Beruf ausübt, ein Amt, eine Funktion.
„Wer Mietling (ein gegen Lohn angestellter Hirte) und nicht Hirte ist, wer die Schafe nicht zu eigen hat, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf raubt und zerstreut sie – weil er ein Mietling ist und sich um die Schafe nicht kümmert.“ (Johannes 10, 12-13)
Pfarrer, Pastor, Priester – wie immer die Bezeichnung für dieses Amt auch in der jeweiligen Konfession lauten mag, die Aufgabe ist die gleiche: Der Hirte sorgt dafür, dass die Schafe Wasser und Nahrung haben, ist in der Lage, ein verletztes Schaf zu versorgen, und wenn Gefahr droht, ist es der Hirte, der sie abwendet, nicht die Herde. Der Hirte weiß, dass Lämmer Milch brauchen und erwachsene Schafe feste Nahrung. Der Hirte kennt die Schafe so gut, dass er es bemerkt, wenn ein Schaf leidet, wenn ein Schaf fehlt. Er bemerkt es nicht nur, sondern er reagiert und ruht nicht, bevor er Abhilfe geschaffen hat. Die Schafe wiederum kennen den Hirten und folgen ihm, weil Vertrauen gewachsen ist.
Weil jemand ein überzeugender Redner ist, ist er nicht automatisch ein guter Hirte. Auch die Tatsache, dass jemand ein ausgezeichneter Bibellehrer ist, macht ihn nicht zum Hirten. Bibelwissen und Eloquenz, gepaart mit langjähriger Erfahrung und einem tiefen eigenen Glauben und persönlich erlebtem Wirken Gottes reichen immer noch nicht aus. Ein Evangelist mag Tausende Menschen in das Reich Gottes bringen – er muss nicht automatisch pastorale Fähigkeiten und Eigenschaften haben.
Andererseits gibt es Männer und Frauen, die echte Hirten sind, ohne dass sie den Titel Pastor, Pfarrer oder Priester tragen. Sie hüten und behüten, sorgen und versorgen, leiden und leiten. Sie schauen den einen guten Hirten an und tun, was er getan hat. Ob nun für eine Handvoll Schafe, oder für ein einzelnes, oder für eine große Herde.
Die folgende Begebenheit ist fast nicht zu glauben; ich weiß aber mit hundertprozentiger Sicherheit, dass dies so und nicht anders geschehen ist: Eine Frau, Gemeindemitglied seit einem viertel Jahrhundert, ruft um 22:30 den Hauptpastor ihrer Gemeinde an, weil ihr Ehemann, für dessen Heilung sie zusammen mit anderen über Monate gebetet und geglaubt hat, gerade verstorben ist. Die Frau des Pastors geht ans Telefon und erklärt, dass ihr Mann bereits im Bett sei. Morgen könne man ein Gespräch vereinbaren. Beileidsworte, die als solche erkennbar wären, findet die Pastorengattin nicht, klärt aber darüber auf, dass es eine gesetzliche Verpflichtung gebe, umgehend einen Arzt zur Leichenschau zu rufen. Die Familie der Witwe hört das Gespräch mit an, der Lautsprecher am Telefon ist eingeschaltet. Die Hinterbliebenen sind fassungslos. Erst als die Witwe, die vor Tränen und Erschütterung kaum sprechen und mit ihren Fragen nach dem Warum und der verzweifelten Suche nach Trost nicht aufgeben kann, gezielt danach fragt, welchen anderen Pastor der Gemeinde sie wohl um diese Zeit anrufen oder was sie sonst tun könne, wird der Hörer beiseite gelegt und der Pastor aus dem Schlafzimmer ans Telefon geholt.
Was folgt, ist für die Familie so schmerzhaft und unglaublich, dass die Tochter zeitweise den Raum verlassen muss. Es ist eine Predigt, eine Belehrung darüber, dass der gerade Verstorbene nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Verstand geglaubt habe. Dass er mit 78 Jahren ja auch ein Alter erreicht hätte, das nach biblischem Maßstab ausreichend sei. Dass er, so die Quintessenz, zwar jetzt beim Herrn sei, aber mehr oder weniger seinen Tod – beziehungsweise das ausgebliebene Heilungswunder – selbst verschuldet habe. Ganz offensichtlich ist es dem Pastor weder möglich, Trostworte zu finden, noch zuzugeben, dass er keine wirkliche Antwort darauf weiß, warum monatelanger Glaube und Gebete keine Heilung bewirkt, warum prophetische Worte, die viele weitere Lebensjahre versprachen, ganz offensichtlich keine Erfüllung gefunden haben.
Am nächsten Tag, den folgenden Tagen: Kein Anruf, kein Kondolenzbesuch, keine Nachfrage, ob und wie der Pastor helfen könne. Er hat wohl eine zu große Gemeinde, um sich um solche Dinge persönlich zu kümmern.
Ich erzähle das nicht, um anzuklagen und nenne ganz bewusst weder Namen der Beteiligten noch den Ort des Geschehens. Ich bin auch sicher, dass der Pastor keineswegs beabsichtigt hat, was seine Worte ausgelöst haben: Noch mehr Trauer, noch mehr Verzweiflung, noch mehr Schmerz. Er hat es wohl gut gemeint, allemal, aber gut gemeint ist ja nicht gut gemacht. Die Tochter des Verstorbenen und ihre Familie erhielten übrigens überhaupt keinen Anruf, geschweige denn Besuch eines Pastors.
Vielleicht sind meine Erwartungen zu hoch? Ich bin kein Pastor, weiß daher nicht um Gepflogenheiten und Regeln beim Tod eines Gemeindemitglieds, aber ich hätte doch angenommen, dass die Tochter des Verstorbenen mit ihrer Familie ein wenig pastorale Aufmerksamkeit verdienen würde, zumal sie und ihr Mann selbst der gleichen Gemeinde angehören.
Die Familie blieb jedoch, Gott sei es herzlich gedankt, nicht völlig verlassen: Trost und Zuspruch, die wirklich den Schmerz lindern halfen und eine Stütze in den schweren Stunden und Tagen waren, kamen von anderen Menschen. Vom Hauskreisleiter-Ehepaar. Von gläubigen Freunden und von Freunden, die keine Christen sind. Von Menschen, die keinen Pastorentitel tragen, aber wissen, was im Herzen und der Seele vorgeht, wenn ein geliebtes Familienmitglied stirbt. Menschen, die sich für die Witwe und ihre Familie – verletzte Schafe – als Hirten erwiesen haben. Die tröstende und ermutigende Worte und ganz praktische Gesten fanden.
Immerhin rief am nächsten Nachmittag ein anderer Pastor der Gemeinde bei der Witwe an und fand eher als der Hauptpastor Worte des Mitgefühls. Und die Familie der Tochter erhielt zwei Tage später einen lieb gemeinten und als aufrichtig in der Anteilnahme empfundenen Anruf vom „Dienstgruppenleiter“ des Arbeitsbereiches der Gemeinde, in dem sie als ehrenamtliche Mitarbeiter tätig sind.
Allerdings ist bei der betroffenen Familie eins wohl nicht mehr zu reparieren: Das Bild, das sie von ihrem Pastor hatten, wurde bezüglich seiner Fähigkeiten als Hirte empfindlich angekratzt; wer weiß, ob sie seine Predigten zukünftig noch so schätzen können wie bisher?
Ich habe, vermutlich muss das an dieser Stelle deutlich gesagt werden, nichts gegen Pastoren, Pfarrer, Priester. Ich kenne und schätze etliche freikirchliche Pastoren und evangelische Pfarrer aufgrund langjähriger Freundschaft und Zusammenarbeit, habe auch einen katholischen Priester vor einigen Jahren kennen und schätzen gelernt. Mancher hat seine Stärken im Seelsorgebereich, mancher ist ein hervorragender Lehrer, mancher ist ein guter Evangelist, mancher ein einfühlsamer Freund. Zum einen würde ich mit Fragen gehen, die das Verständnis der Bibel betreffen, zum anderen mit Sorgen oder Nöten, und zu wiederum anderen mit gar nichts – sie haben sowieso schon zu viel um die Ohren.
Niemand kann alles gleich gut leisten, jeder menschliche Hirte wird Defizite haben. Der vollkommene Hirte, Jesus, hat sein Leben für die Schafe gelassen. Er hat erzählt, wie ein Hirte das verlorene Schaf sucht, findet, verarztet und zur Herde zurückbringt. Er ist die Erfüllung der Verheißung von Jesaja:
„Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.“ (Jesaja 40, 11)
Er hat für sein Schaf Petrus gebetet, dass dessen Glaube nicht aufhört, obwohl er wusste, dass dieser ihn verleugnen und verlassen würde. Schon bevor das geschah, gab er ihm Zuspruch und Trost, bestärkte ihn in seiner Berufung, die auch durch das bevorstehende Versagen nicht aufgehoben sein würde. Er besuchte die beiden tieftraurigen Jünger auf dem Weg nach Emmaus, hatte Zeit für sie, tröstete sie, so dass sie schließlich sagen konnten: „Brannte nicht unser Herz?“ Er war nicht zu müde, nicht zu überarbeitet, um sich um jeden der ihm anvertrauten Einzelnen zu kümmern. Er gab mit seinem Leben ein Vorbild, dem es nachzueifern lohnt.
Jesus hatte harte und eindeutige Worte für die schlechten Hirten parat, die unter den Pharisäern so häufig zu finden waren:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“ (Johannes 10, 1)
Schon im Alten Testament bei Hesekiel ist von dieser Sorte Hirten zu lesen:
„So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR: Fürwahr, weil meine Schafe zum Raub und meine Schafe allen Tieren des Feldes zum Fraß geworden sind, weil kein Hirte da war und meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragten und die Hirten sich selbst weideten, nicht aber meine Schafe weideten, darum, ihr Hirten, hört das Wort des HERRN! So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich will an die Hirten, und ich werde meine Schafe von ihrer Hand fordern und will ihnen ein Ende machen, dass sie nicht länger meine Schafe weiden. Und die Hirten sollen nicht mehr sich selbst weiden; und ich werde meine Schafe aus ihrem Rachen retten, dass sie ihnen nicht mehr zum Fraß seien.“ (Hesekiel 34, 8-10)
Diese Prophezeiung der Errettung durch einen wirklichen Hirten galt David, und sicher auch dem Sohn Davids, unserem guten, vollkommenen Hirten.
Ich frage mich, ob es in unserer Zeit nicht angebracht ist, die Gemeinde- und Kirchenstrukturen ernsthaft in Frage zu stellen. Sind große und größer werdende Gemeinden wirklich ein Segen? Dient eine Mega-Church dem Reich Gottes oder dem Ruhm ihres Leiters? Liegt irgend eine biblische Verheißung auf Gemeindeverbänden und Kirchengesetzen? Dass „meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragen und die Hirten sich selbst weiden“ – steigt die Wahrscheinlichkeit mit der Zahl der Mitglieder und Bauprojekte und Gebäude und Veranstaltungen und Vortragsreisen und Kongresse?
In meiner Heimatstadt Berlin (und sicher andernorts genauso) entstehen zunehmend Hausgemeinden und Hauskirchen. Von manchen Christen werden sie kritisch beäugt, weil sie sozusagen „freischwebend“ sind, keiner Organisation, keinem Dachverband angehörig und verantwortlich – sondern ausschließlich dem einen Hirten gegenüber, der sagte:
„Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“( Johannes 10, 14)
Große und kleine Kirchen und Gemeinden verlieren Mitglieder, die nicht etwa ihren Glauben aufgeben wollen, sondern die den Verwaltungs- und Organisationsstrukturen den Rücken kehren. Sie sind nicht mehr einem „geistlichen Vorgesetzten“ verantwortlich, sondern öffnen sich im kleinen Kreis vor ihresgleichen, ohne Angst, ohne Vorbehalte.
Auch ich hätte vor ein paar Jahren noch Bedenken gegen das Loslösen von Christen aus Kirchen und Gemeinden angemeldet. Ich kenne jedoch inzwischen etliche, die diesen Schritt getan haben, arbeite mit ihnen zusammen im Reich Gottes und habe von einigen dieser Menschen in den letzten Jahren mehr echten geistlichen Rat und praktischen Beistand erhalten als von „organisierten“ Gläubigen. Und ganz ehrlich: Ich würde mit eigenen Nöten nicht denjenigen aufsuchen, der in meiner Gemeinde organisatorisch „für mich zuständig“ wäre. Er ist ein lieber und aufrichtiger Mensch, ein echter „Bruder in Christus“, aber uns trennen Welten, was bestimmte Überzeugungen betrifft…
Ich verstehe bei einigen meiner Freunde und Bekannten einen weiteren Grund, warum sie in keiner Kirche oder Gemeinde Mitglied sein können: Es würde ihren Auftrag im Reich Gottes behindern oder gar unmöglich machen.
Könnte es also sein, dass die zitierte Prophetie aus Hesekiel 34, 8-10 auch für unsere Zeit gilt, dass der Herr jetzt manchen Berufshirten durch Mitgliederschwund „ein Ende macht, dass sie nicht mehr seine Schafe weiden?“
Nun möchte ich keineswegs, dass jemand diese Zeilen als Aufruf deutet, Kirchen oder Freikirchen zu verlassen – ich habe einstweilen nicht die Absicht, meine Gemeindezugehörigkeit zu kündigen. Wer es so verstehen will, wird es so auslegen – obwohl es mir überhaupt nicht um Mitgliedschaften hier oder dort geht. Die Gemeinde Jesu ist sowieso keine Organisation, sondern ein lebendiger Organismus. Ob jemand katholisch, evangelisch, freikirchlich, jüdisch, konfessionslos, orthodox, pietistisch, charismatisch, evangelikal oder sonst etwas ist, spielt keine Rolle bei der Frage, ob er zum Leib Jesu Christi gehört.
Aber ich möchte andererseits, angesichts überforderter, in Notsituationen unfähiger und mit „hirtenfremden“ Aufgaben überlasteter Pfarrer, Priester und Pastoren, jeder Leserin und jedem Leser Mut machen, unbedingt und vor allem anderen ganz persönlich die Gemeinschaft mit Jesus zu suchen, das in mehreren Kapiteln zuvor beschriebene „Bleiben in ihm“ über jede Beziehung zu Menschen zu stellen. Nur so werden wir sicher sein, dass wir seine Stimme von den Stimmen der Mietlinge unterscheiden können. Und wenn der gute Hirte Jesus Christus etwas anderes sagt als ein menschlicher Hirte – ich habe mich entschieden, wem ich im Zweifelsfall zuhören möchte.
Robin wurde mein bester Freund in Memmingen und sein Lamm wurde, bis es erwachsen war, ein wenig „mein“ Lamm. Ich gab dem kleinen Schaf die Milchflasche, kuschelte mit ihm, schaute täglich nach der Schule, ob alles in Ordnung war. Das Tierchen kannte bald meine Stimme, kam angerannt, wenn ich rief, nahm bedenkenlos entgegen, was ich an Nahrung reichte. Es gewann zunehmend Vertrauen – vor Fremden scheute es eher zurück. Es suchte sogar nach einer Weile meine Nähe, wenn es durch irgend etwas erschreckt wurde.
Ich wurde kein „tadelloses Mitglied einer Schafherde“, um auf Albert Einstein zurück zu kommen, aber ich lernte verstehen, wie ein Schaf reagiert, was es braucht und was ihm nicht gut tut. Ich begriff auch, inwiefern das Vorurteil vom „dummen“ Schaf stimmt: Grenzenloses Vertrauen mag tatsächlich dumm sein, weil es sich so leicht missbrauchen lässt. Um so mehr sollten wir auf Hirten in der Gemeinde Jesu Christi bestehen, die das Vertrauen rechtfertigen, das wir „dumme Schafe“ in sie setzen.
Als ich Jahre später als „verlorenes Schaf“ in Kriminalität und Drogen verstrickt durch Europa reiste, gab es einen Pastor, einen Hirten, der neben dem guten Hirten Jesus maßgeblich daran beteiligt war, dass ich heute noch lebe und dass ich damals zurück zu Jesus gefunden habe: Mein Großvater, Pastor von Beruf – und von Berufung, zweifellos.
Wir sollten, meine ich, zweierlei nicht vergessen: Jeder und jede von uns braucht einen Hirten (männlich oder weiblich), und jeder und jede von uns sollte in der Lage und bereit sein, selbst Hirte zu sein. Man weiß nie, ob ein Berufshirte zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird – und ob er in der Lage ist, sein Amt in einer gefährlichen oder notvollen Situation angemessen auszuüben. Vielleicht bist du eines Tages für jemanden diejenige oder derjenige, der helfen kann und wird. Das kannst du mit oder ohne Amtsbezeichnung sein und tun. Du musst nicht Theologie studieren oder zur Bibelschule gehen, um das Herz eines Hirten zu bekommen.
Ein solches Studium schließt das nicht aus. Es gab zur Zeit Jesu Pharisäer, die damaligen „Pastoren“, die zu seinen Jüngern gehörten, deren Herz für die anvertraute Herde schlug. Es gab zur Zeit des Neuen Testamentes auch Hirten, die den Titel nicht trugen und trotzdem echte Hirten waren.
Da waren natürlich ebenso die Menschenfischer, Apostel, Heiler, Lehrer, Propheten, Verwalter… – dass wir sie brauchen, habe ich in den vorhergehenden Kapiteln betont. Aber in Stunden der Bedrängnis ist ein Hirte für das weitere Schicksal eines Schafes entscheidend; ein Hirte, der nicht vor dem Wolf Reißaus nimmt. Der die 99 anderen, die gerade in Sicherheit sind, zurücklässt, um das eine zu finden, das Hilfe braucht.
Eine Gemeinde ohne Hirten ist eine Gemeinde im Elend:
„Denn die Hausgötzen haben Trügerisches geredet, und die Wahrsager haben Lüge geschaut; und sie erzählen nichtige Träume, trösten mit Dunst. Darum mussten sie fortziehen wie Schafe, die elend sind, weil kein Hirte da ist.“ (Sacharia 10, 2)
Im nächsten Kapitel werden die Hausgemeinden und Hauskirchen etwas genauer betrachtet. Mir scheint, als wachse da – weitgehend im Verborgenen und durch keinen Menschen gesteuert – etwas heran, was in der Endzeit dringend notwendig ist…
guter artikel. aber ich sehe schon, in gemeindedingen sind wir uneins. ich würde bei guten gemeinden die hirten nicht „oben“ suchen sondern in den hauskreisen, wo die frau dann auch wirklich hirten gefunden hat. da muss auch nicht jeder HK einen leiter haben, der mit einer solchen situation klar kommt, aber auf dieser ebene wird man einen finden.
grosse gemeinden brauchen einen visionär und leiter an der spitze, keinen hirten – aber er kann (und muss!) hirten unter sich freisetzen.
deswegen teile ich auch deinen hauskirchenapell nicht. finde ich total uneffektiv und ich kann auch kaum glauben, dass man so viele hirten findet. bei einer gemeindegrösse von 100 schafen kann es mit einem hirten funzen und den kann man finden. teilt man die gemeinde in 10 hausgemeinden wird es schwieriger. von 1% auf 10% ist es ein sprung.
Es mag auch Hauskirchen ohne Hirten im geschilderten Sinne geben, ich kenne bisher nur sehr wenige und bin ja selbst nach wie vor Mitglied in einer herkömmlichen Gemeinde.
Und auch bei denen gibt es sicher solche und solche…
Echte und unechte Hirten
und andere kostenlose Bücher und Schriften für Christen
siehe
http://gratisbuch.beepworld.de/