Was darf uns der Glaube kosten?
Er hatte sich seine Zukunft so schön zurecht gelegt. Durch eine hervorragende Ausbildung, die er mit größtem Fleiß und außerordentlichen Ergebnissen absolvierte, hatte er eine solide Grundlage geschaffen. Dann war er zielstrebig die Karriereleiter emporgeklettert. Schritt für Schritt, Sprosse für Sprosse.
Er war vielseitig interessiert und hatte Privilegien, die manchen Zeitgenossen vorenthalten waren. Seine doppelte Staatsangehörigkeit machte ihm vieles leichter, je nach Anlass und Zweck konnte er als Bürger seines Landes oder als Bürger der führenden Weltmacht auftreten. Er interessierte sich für Philosophien und Kulte, die in seiner Umgebung blühten, blieb aber der strengen Frömmigkeit seiner Eltern, seiner Herkunft treu – aus Überzeugung, nicht aus Zwang. Er führte ein moralisch einwandfreies Leben, so dass es keine Leichen im Keller gab, die seinem gesellschaftlichen und beruflichen Fortkommen hinderlich hätten werden können.
Neben seinem handwerklichen Beruf verfolgte er nämlich eine andere Karriere. Sein Ziel war eine Führungsrolle in der Gesellschaft, mit politischem Einfluss und hohem Ansehen. Diesem Ziel war er in den letzten Jahren immer näher gekommen, hatte Verantwortung übernommen, wurde dafür geachtet und sein Ruf eilte ihm mittlerweile voraus, wohin er auch reiste. Er war entschlossen, die augenblickliche Mission erfolgreich zu beenden und dann den Anlauf zu wagen, in den engsten Zirkel der Leitenden vorzustoßen. Er zweifelte weder daran, dass er seinen Auftrag tadellos ausführen würde, noch daran, dass ihm mit diesem Erfolg auf dem Konto alle Türen offen stehen würden.
Und dann war jener fatale Tag gekommen, jene an und für sich unspektakuläre Reise ins benachbarte Ausland, während der sich alles änderte. Alle Pläne zerfielen zu einem Scherbenhaufen, alle Chancen zerstoben in einem Augenblick. Seine Unterstützer, seine Freunde, seine Auftraggeber wurden zu Todfeinden. Er war von der Karriereleiter gestürzt und zum Ausgestoßenen geworden, mehr noch, zum Gejagten. In einem Augenblick. Und das alles, ohne dass er im Geringsten daran Schuld gewesen wäre.
Und nun waren alle Wege verschlossen. Er wurde gesucht, nicht zur Vernehmung, sondern damit man ihn hinrichten konnte. Die Lage war aussichtslos, das vorzeitige Ende seines vielversprechenden Lebens greifbar. Die allerletzte, verschwindend kleine Möglichkeit, zu entkommen, war mit solch erheblichen Risiken belastet, dass er sich fragte, ob er den Versuch wagen oder sich gleich stellen und töten lassen sollte. Er würde auf sich allein gestellt sein, ohne Unterschlupf, ohne Freunde, ohne einen einzigen Menschen, dem er vertrauen konnte. Jeder, der ihn sah, konnte sich die ausgelobte Belohnung verdienen, indem er ihn verriet. Die Aussicht auf ein solches Leben, sollte die abenteuerliche Flucht aus der Stadt überhaupt gelingen, war wenig verlockend.
Doch dann entschied er sich, gegen Mitternacht. Er wollte leben. Er hatte noch viel vor. Im Grunde genommen hatte sein Leben gerade erst wirklich begonnen. Er konnte jetzt nicht aufgeben. Er stieg in den Korb und wurde an der Stadtmauer hinab gelassen. Niemand hatte etwas bemerkt – er rannte in Deckung, rannte weiter, verbarg sich, rannte wieder ein Stück und war schließlich überzeugt, dass er wirklich entkommen war. Für den Augenblick zumindest.
Die Rede ist natürlich von Paulus auf seiner abenteuerlichen Flucht aus Damaskus. (Apostelgeschichte 9, 20 ff) Bei der Anreise war ihm Jesus begegnet. Er war bereits dicht vor der Stadt, als ihn plötzlich um die Mittagszeit ein helles Licht, das sogar die Sonne blass erscheinen ließ, blendete. Er stürzte zu Boden und hörte eine Stimme: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“
Auf seine Gegenfrage, mit wem er es zu tun habe, antwortete die Stimme: „Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst.“ Dann noch der Hinweis: „Stehe auf und gehe nach Damaskus! Dort wird man dir alles sagen, was du tun sollst.“ Mehr nicht . (Apostelgeschichte 9,3-6; 22,6-10; 26,12-15)
Käme heute jemand zu Dir, liebe Leserin und lieber Leser, und würde Dir erzählen, er habe eine Lichterscheinung gesehen und eine Stimme gehört – wärest Du misstrauisch? Wenn die Begleiter der Person diese Darstellung nicht bestätigen würden, sondern allenfalls so etwas wie einen Donner gehört haben, würde Dein Misstrauen sich steigern? Du bist ja schließlich ein gläubiger Mensch, bibelkundig, weißt um okkulte Phänomene und hast möglicherweise gar vom Schwarmgeist gehört, der in frommem Gewand die Auserwählten zu verführen trachtet.
Ich fürchte, bei den meisten von uns hätte Paulus geringe Chancen, zu überleben. Vielleicht würden wir ihn nicht direkt dem Tod ausliefern, aber ihm helfen? Ihm glauben? Sich selbst in Gefahr bringen? Sich selbst der Kritik und Verachtung der anderen Gläubigen aussetzen, weil man einem solchen Menschen, der ein zweifelhaftes, womöglich esoterisches Erlebnis hatte, nicht vor die Tür setzt?
Vielleicht ist es nicht notwendig, aber ich erwähne es trotzdem: Natürlich gibt es okkulte Phänomene. Aber weil Satan sich solcher Dinge bedient, sind sie ja für Gott nicht verboten, oder? Selbst Jesus wurde vorgeworfen, sich satanischer Mittel zu bedienen. (Lukas 11, 15) Er wusste es besser. Du wirst es ebenfalls besser wissen, wenn Dir Gottes Kraft begegnet.
Ich will mich nicht beklagen, vor allem niemanden anklagen, aber ich habe mich entschieden, die Bibel wörtlich zu nehmen, davon auszugehen, dass Gott weder seine Meinung noch seinen Charakter ausgewechselt hat, und das hat mir schon verschiedentlich Unverständnis und Ablehnung eingebracht. Ich wurde von Christen als Lügner bezeichnet, als Verführer. Ich stand vor einigen Jahren vor der Wahl, eine Gemeinde zu verlassen oder mich der offiziellen Lehre anzupassen, dass die Geistesgaben und Wirkungen in unserer Zeit nicht mehr existieren. Ich verließ jene Gemeinde, sogar in gutem Einvernehmen mit dem Pastor, der mich bei gelegentlichen Begegnungen in herzlicher Zuneigung in die Arme nimmt.
Meine Situation ist keineswegs mit der des Paulus zu vergleichen. Ich muss nicht um mein Leben fürchten, brauche mich nicht zu verstecken und fühle mich in meiner jetzigen Gemeinde wohl, habe neue Freunde gefunden.
Eins jedoch verbindet mich mit Paulus. Ich weiß, was ich erlebt habe, und das kann mir niemand rauben. Und dazu stehe ich, auch wenn ich Kritik und gelegentlich sogar Hass ernte.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir uns fragen sollten, was unser Glaube uns kosten darf. Wir sollten Abschied nehmen von der Vorstellung, dass eine Berufung zum Dienst im Leib Christi gleichbedeutend ist mit Ansehen vor den Menschen. Wir sollten uns klar darüber werden, dass es viel besser ist, sich einen Platz am hinteren Ende des Tisches auszusuchen, als zielstrebig den Ehrenplatz anzusteuern. (Lukas 14, 10)
Wir halten Paulus, Petrus und viele andere in hohen Ehren. Jesus ist für uns der König der Könige, der Herr der Herren. Aber für seine Mitmenschen war er, waren die Apostel, etwas ganz anderes. „Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“, erklärte Jesus seinen Jüngern, als sie über ihr Ansehen in Streit gerieten. (Lukas 22, 27)
Im vorigen Kapitel habe ich bereits versucht, dies am Beispiel des Apostelamtes deutlich zu machen: Wer wirklich dient, dient dem Herrn der Gemeinde, nicht dem eigenen Ansehen, Ruhm und Erfolg. Paulus gilt für uns als erfolgreicher Apostel, als Vorbild. Doch wie sah sein Alltag aus? Er musste bei Nacht und Nebel fliehen. Nach seinem Entkommen aus Damaskus zog er sich zurück. Von seinem zehnjährigen Aufenthalt in Tarsus, seiner Geburtsstadt, wird uns nichts berichtet. Waren die zehn Jahre eine Ruhepause, in der er die aufwühlenden Ereignisse in Damaskus verarbeitete, die Schriften noch einmal ganz anders studierte?
Auf jeden Fall verschwand er erst einmal von der Bildfläche. Dann begann er seinen Missionsdienst. Und geriet immer wieder in Gefahr, wurde verachtet, angefeindet, bezweifelt, verspottet und verfolgt. Von Christen und Juden meist, nicht etwa von Ungläubigen. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Gefangenschaft. Was immer ihm jedoch begegnete, er wusste jederzeit, dass er alles zu tun vermochte, was seine Aufgabe war. (Philipper 4, 13)
Paulus verließ sich nicht auf seine Fähigkeiten, seine Kraft. Er machte sich vollständig abhängig von der Kraft seines Erretters. Und deshalb war er in der Lage, Tote aufzuerwecken, Kranke zu heilen, Dämonen zu vertreiben. Deshalb hatte er Autorität.
Die Zeit, in der wir leben, gibt uns Gelegenheit, uns vorzubereiten. Sie ist vergleichbar mit den zehn Jahren, die Paulus in Tarsus verbrachte. Er war, so nehme ich an, weitgehend auf sich allein gestellt. Und die Entscheidungen, die wirklich zählen, muss auch jeder von uns für sich alleine treffen.
Wir können uns entscheiden, ob wir uns vollständig von Gott anhängig machen wollen oder nicht. Wir stellen jetzt die Weichen für unseren Dienst am Ende der Zeiten, soweit wir Zeugen der Wiederkunft Jesu sein werden. Sollten wir vorher sterben, haben wir nichts falsch gemacht, wenn wir bis dahin so leben, dass wir jederzeit bereit sind für den Tag des Herrn.
Bin ich bereit, in den Augen meiner Mitmenschen, fromm oder ungläubig, als Dummkopf zu gelten? Bin ich bereit, mich bis auf die Knochen zu blamieren, weil ich den Verheißungen Gottes mehr Glauben schenke als den Umständen? Bin ich in der Lage, Fehler zu machen und daraus zu lernen, anstatt aufzugeben? Verfüge ich über das, was die Bibel Ausharren nennt? Komme ich mit Freimut, also ohne frömmelnde Zurückhaltung, vor den Thron Gottes und hole die Verheißungen ab, die dort bereit liegen – um sie im hier und jetzt, im sichtbaren Bereich zu sehen?
Fragen, die ich mir stelle. Wenn Du sie dir auch stellst, meine ich, dass wir gemeinsam auf gutem Wege sind.
Eigentlich wollte ich im 11. Kapitel über den Dienst des Hirten schreiben. Dies wird nachgeholt, aber heute waren diese Worte dran, der Herr wird wissen, warum und für wen. Für mich schon mal auf jeden Fall…
Eine Leserin fragte mich, ob das Pferd, von dem Paulus stürzte, biblisch belegt sei. Nein, von einem Pferd ist nicht die Rede. Damaskus liegt etwa 240 km von Jerusalem entfernt (entspricht etwa der Entfernung Stuttgart-München)- daher nehme ich einfach an, dass er nicht zu Fuß unterwegs war. Auszuschließen ist das natürlich nicht.
Doch gibt es Indizien, die gegen einen Fußmarsch sprechen: Da er im Auftrag des Hohen Rates mit Begleitern reiste, gehe ich davon aus, dass er so wenige Beschwerlichkeiten wie möglich erdulden musste, daher ist eher davon anzunehmen, dass er, wenn er denn mit einem Reittier versehen war, statt eines Esels ein Pferd hatte. Hätte er sich in einem Wagen befunden, wäre das zu Boden stürzen zwar auch möglich, aber weniger wahrscheinlich gewesen.
Ein Dogma würde ich aus dem Pferd allerdings nicht machen wollen…