Bis zum letzten Cent

Jahrelang war es niemandem aufgefallen, dass Wolfgang Rotter sich regelmäßig Geldbeträge vom Firmenkonto auf sein privates Girokonto überwiesen hatte. Er war allein verantwortlich für die Buchhaltung des kleinen Familienbetriebes, der die Gastronomie im schwäbischen Memmingen mit allem Notwendigen, vom Pappbecher bis zur goldgeprägten Speisenkarte, versorgte.
Der Chef, ein alter, grauer Herr der aussterbenden Gattung Alleinherrscher, hatte sich nie weiter darum gekümmert, was sein Buchhalter tat, solange die Kunden ihre Rechnungen bezahlten, die Lieferanten ihr Geld bekamen, das Finanzamt den Jahresabschluss akzeptierte und ein ansehnlicher Gewinn verbucht werden konnte.
Wolfgang Rotter versteckte seine Nebeneinkünfte geschickt zwischen den echten Zahlungen, zu diesem Zweck hatte er die Firma Lichtberg AG, Bestecke und Geräte, ersonnen. Deren Kontonummer war seine eigene.
Sein Gehalt erschien ihm im Vergleich zu seinem Einsatz für die Firma lächerlich gering, also nahm er das Recht in Anspruch, es nach Gutdünken selbst anzuheben. Hatte er an manchen Wochenenden im Büro Überstunden geleistet, war eine Rechnung der Firma Lichtberg über 500 Euro fällig. Wenn er dazu kam, am Schreibtisch ausführlich seine Illustrierten zu lesen, dann waren es nur 100 Euro. Niemand interessierte sich dafür, dass bei Lichtberg nie eingekauft wurde, wenn Wolfgang Rotter Urlaub hatte, kein Mensch wollte wissen, wo die Ware blieb, die da bezahlt wurde. Alles war kontiert – Wolfgang Rotter war schließlich kein dummer Junge, sondern ein Buchhalter mit Sachverstand.Am ersten Juli 2003 starb der Seniorchef. Sein Sohn übernahm die Firma. Er hatte sich bisher aus den Geschäften seines Vaters herausgehalten, weil er mit dessen altmodischer Geschäftsführung nichts anzufangen wusste. „Eigensinnig” hatte der Sohn den Vater oft genannt, „Grünschnabel, unerfahrener!” klang es zurück. So war die Firma bis zum Tod des vierundsiebzigjährigen Inhabers in dessen Hand geblieben, der Sohn verdiente sein Geld als leitender Angestellter in einer Werkzeugfabrik. Unmittelbar nach der Beerdigung übernahm er jedoch die Firma.
Der siebte Juli begann mit einer Betriebsversammlung. Umfassende Veränderungen kündigte der neue Chef an. Er sprach von Modernisierung, der Betrieb würde an die moderne Technik angepasst, es sei Schluss mit der Zettelwirtschaft und dem altmodischen Lagersystem, bei dem nie jemand fand, was er gerade suchte. Automation und Computer sollten für eine angenehmere, effektivere Arbeit sorgen. In der Firma sollte ein ERP-System installiert werden, ein Komplettpaket mit Materialwirtschaft, Mahn- und Bestellwesen, Logistik und Personalverwaltung. Datenträgeraustausch mit den Banken statt handgetippter Überweisungen würden für mehr Sicherheit sorgen.
Wolfgang Rotters Magen rebellierte. Er floh aus der Halle in das nahe gelegene Örtchen, das zu dieser Stunde einmal wirklich still war. Jetzt war er wohl geliefert.

Schon am Montag nach der Beerdigung waren zwei modisch gekleidete Herren dabei, mit dem dynamischen jungen Chef durch den Betrieb zu gehen und sich Notizen auf ihren Pocket-PCs zu machen.
Schnell verschwand die Illustrierte in der Schublade, als die Silhouetten des Fortschritts vor der Glastür des Buchhalterbüros sichtbar wurden.
„Guten Morgen, Herr Rotter. Die Herren von SAP haben einige Fragen und möchten sich kurz umsehen”, grüßte der Chef.

Wolfgang Rotter nickte den Eintretenden zu und tat sehr beschäftigt. Der Kugelschreiber malte Ziffern, die sich zu langen Zahlenkolonnen reihten.
„Sie haben tatsächlich keinen PC auf dem Tisch?” fragte ungläubig ein Repräsentant der Bits und Bytes, obwohl er doch deutlich sehen konnte, dass die gesamte technische Ausstattung aus einem Telefon, einer Rechenmaschine mit Tippstreifen und einem elektrischen Bleistiftanspitzer bestand.
„Nein, habe ich nicht.”
„Das es so etwas noch gibt, im Jahr 2003. Kein PC in irgend einer Ecke?”
Er konnte es wohl nicht fassen.
„Nein, ich arbeite noch nach der guten alten Methode. Hat immer funktioniert”, meinte Rotter mürrisch.
Die beiden Spezialisten blätterten in Unterlagen, durchforschten mit Kennerblick Aktenordner, begehrten Auskunft über die Zahl der täglichen Buchungssätze. Dann erklärten sie die Vorzüge des angebotenen Programms: Schnittstellen zur Materialwirtschaft, zur Personalkostenabrechnung, automatisierte Nachbestellung von Artikeln, Rechnungen, Mahnungen, Zahlungseingänge, alles sollte reibungslos vom elektronischen Gehirn erledigt werden.
Der Chef war sichtlich beeindruckt und zufrieden. Rotters Besorgnis wuchs.
Dann gingen die drei Männer weiter zum nächsten Büro.

Entlassungen gab es nicht aufgrund der Modernisierungen, vorerst zumindest. Wolfgang Rotter fuhr kurz darauf zu einem zweiwöchigen Intensivkurs nach Waldorf, um mit dem neuen System vertraut zu werden.

Als er in sein Büro zurückkehrte, fand er es völlig verändert. Ein großzügiger Schreibtisch mit Flachbildschirm, daneben ein Laserdrucker mit vier Papierschächten. Die Wände weiß gestrichen, ein grauer Teppichboden, wo vorher Holzdielen geknarrt hatten.
Stolz empfing ihn der Chef und deutete auf den freundlichen Raum: „Das ist jetzt ihr neues Reich, Herr Rotter. Und ihr Gehalt wird selbstverständlich mit den Anforderungen steigen, außerdem werden sie laufend weitergebildet. Gefällt es ihnen?”
„Ja, sicher.” beeilte er sich zu sagen.
Wenn er nur schon wüsste, wie er die Firma Lichtberg verschwinden lassen konnte. Darüber hatte er beim Lehrgang mehr gegrübelt als über Erfassungsmasken und Auswertungsläufe. Vielleicht ließ sich bei der Übernahme der alten Daten in den Rechner etwas machen? Die nächst Bemerkung des Chefs allerdings zerstörte diese Hoffnung.
„Die Kundenberater von SAP haben in den beiden Wochen bereits die Daten erfassen lassen, die in diesem Jahr aufgelaufen waren. Drei junge Damen haben pausenlos getippt, und jetzt haben wir die letzten Jahre in ihrem Computer. Es gibt nur eine einzige Fehlermeldung. Und zwar…”
Er beugte sich über die Tastatur, tippte ein paar Befehle, der Drucker wurde mit unerhörter Hast aktiv, schrieb schwarz auf weiß, was der Bildschirm unmissverständlich feststellte:

Firma Lichtberg

Bestecke und Geräte

Umsatz 1998: 4.750,00

Umsatz 1999: 5.800,00

Umsatz 2000: 7.640,00

Umsatz 2001: 9.260,00

Umsatz 2002: 12.400,00

Umsatz bis 7/03: 6.120,00

Gesamt: 45.970,00
Wareneingänge: 0

Bitte Adresse und Lieferantennummer eingeben.

„Es handelt sich um diese Firma Lichtberg, Herr Rotter. Wir haben weder die Adresse gefunden, noch Wareneingänge feststellen können. Da muss etwas falsch gebucht worden sein.”
Erwartungsvoll sah der Chef seinen Buchhalter an.
„Ich – ich zahle alles zurück – ich hatte doch Ausgaben – und meine geschiedene Frau wollte mehr – das Auto – wegen des Benzins, die Preise laufen ja davon – aber ich kann es in Ordnung bringen – und bitte glauben sie mir, es war zu wenig Gehalt – weil das Leben ist so teuer – die Tochter – bei meiner Frau, geschieden – ich konnte doch nicht -”
„Moment mal bitte! Soll ich ihrem Gestammel etwa entnehmen, sie hätten diese Summe”, sein Finger stach auf den Ausdruck ein, „sie haben fast 46.000 Euro unterschlagen?”
Beiden stieg das Blut in den Kopf, schamrot der eine, vor Wut angeschwollene Adern beim anderen.
Der Bildschirm ließ noch immer sein rotes Fragezeichen leuchten, begehrte Auskunft, wie er denn nun mit diesen Informationen verfahren solle.
„Ja, das heißt nein, nicht unterschlagen, es war gedacht als Aufbesserung, weil doch ihr Vater so geizig, ich meine so sparsam – und meine Frau, geschiedene Frau, dann die Tochter, und das Auto brauchte ich doch um zu ihr zu fahren, und Geschenke, notwendig alles – bitte, bitte glauben sie mir, ich zahle alles zurück – es wird gehen, nur etwas Zeit vielleicht – ich kann sicher einen Kredit aufnehmen…”
Noch immer brachte Wolfgang Rotter keinen klaren Satz zustande.
„Sie!” donnerte der Chef. „Sie werden keinen Kredit aufnehmen! Im Gefängnis bekommt man keinen Kredit! Ich konnte es nicht glauben, in ihrer Akte stand „vertrauenswürdig, zuverlässig”. Ich dachte an einen simplen Fehler in der Buchhaltung. Sechsundvierzigtausend Euro! Mann, sind sie wahnsinnig? Ich rufe sofort die Polizei an!”
„Bitte nicht! Ich werde alles in Ordnung bringen!”
Rotter zwang sich, ruhiger zu werden. Er schluckte, versuchte sich an das zu erinnern, was er sich in den zwei Wochen Schulung zurechtgelegt hatte als Erklärung, als Entschuldigung, falls die Sache doch aufflog. Es gelang ihm, seiner Stimme das Zittern einigermaßen zu verbieten.
„Es war alles eine Folge meiner Scheidung. Seit zwanzig Jahren bin ich in der Firma, es ist nie etwas vorgekommen. Im Dezember 1997 hat mich meine Frau verlassen, einen Tag vor Weihnachten. Mit einem Soldaten ist sie davongerannt, vom Fliegerhorst in Memmingerberg. Meine Tochter Brigitte, damals war sie vier Jahre alt, nahm sie mit. Bisher hatten wir zu zweit verdient, das Kind im Kindergarten, und dann stand ich da mit meinen Schulden. Vom Autokredit waren noch über 15.000 Euro offen, jetzt sollte ich auch noch Unterhalt für meine Frau und das Kind bezahlen, natürlich hörte sie sofort auf zu arbeiten. Ich war völlig verzweifelt.
Ich habe alles Ihrem Vater erklärt, aber der hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, ich solle fleißig arbeiten, dann käme ich schon zurecht. Keinen Cent mehr Gehalt. Also habe ich gespart, die Wohnung in der Maximilianstraße aufgegeben, eine billige Wohnung in Buxheim bezogen. Das Auto war nicht bezahlt, aber ich brauchte es, um zur Arbeit zu kommen und meine Tochter in Landsberg zu besuchen. Ich wollte sie doch wenigstens einmal im Monat sehen.”
Der Chef setzte sich und bot mit einer Handbewegung auch seinem Buchhalter einen Platz an. Noch immer blinkte der Cursor auf dem Bildschirm, das Gerät ließ nicht locker, wollte eine Antwort.
„Und so haben Sie begonnen, sich Geld zu überweisen?”
„Ja, trotz meiner Überstunden, der Wochenendarbeit, ich bekam nicht mehr Gehalt. Ich dachte, wenn ich nicht vom Chef bekomme, was ich eigentlich verdienen müsste, dann muss ich es mir selbst holen. Ich wusste ja, was andere Abteilungsleiter verdienten, und das war erheblich mehr. Es war nicht richtig. Ich weiß. Ich wollte immer damit aufhören, sogar zurückzahlen, wenn es mir finanziell besser gehen würde. Entschuldigen Sie bitte mein Verhalten. Es war falsch.”
Lange schwiegen die beiden Männer. Der Chef überlegte hin und her, empfand widerwillig sogar Verständnis. Selbst geschieden, die eigene Frau ebenfalls davongelaufen. Kein Kind, Gott sei Dank kein Kind.
Doch andererseits – die große Summe, wie wollte der Mann das jemals abtragen? Er kam ja so schon nicht zurecht, und dann noch Kreditraten? Zuverlässig, fleißig stand in der Personalakte. Und diese Unterschlagung? Was tun? Zwanzig Jahre ist er im Hause, eigentlich ein guter Mann für das Geschäft, dem ansonsten nichts vorzuwerfen war. Nie krank, wenig Urlaub. Pünktlich.
„Herr Rotter, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Das Geld zurückzahlen können Sie nicht. Ich hatte vorgehabt, Ihr Gehalt um 750 Euro pro Monat anzuheben, nach der Einarbeitung sollten noch einmal 250 dazukommen. Ich würde unter den gegebenen Umständen davon absehen, Ihr Gehalt zu erhöhen, und dafür Ihre Schuld erlassen. Als Gegenleistung bleiben sie die nächsten Jahre der Firma treu. Wenn Sie ausscheiden wollen, müssten wir eine Regelung finden. Das ist ein Arbeitgeberkredit, den Sie quasi durch Gehaltsverzicht abtragen. Ich muss das allerdings noch mit einigen Herren besprechen, die in Sachen Lichtberg bereits eingeweiht sind.”
Als träumte er, schaute Rotter seinen Chef an.
„Sie wollen mich nicht anzeigen und mir noch dazu die Schulden erlassen?”
„Sie können diese Summe nicht zurückzahlen, das wissen wir beide. Ich weiß, dass sie der Firma treu gedient haben, abgesehen von dieser Geschichte, ich weiß auch, wie mein Vater bezüglich der Gehälter war. Außerdem tun sie mir leid, ich bin selbst geschieden, wenngleich in einer besseren finanziellen Lage als Sie.”

Die eilig einberufene Sitzung der Führungsmannschaft dauerte nur eine knappe halbe Stunde. Der Chef schilderte den Fall, beschrieb die Lage des Buchhalters und unterbreitete seinen Vorschlag, der für die Firma auf lange Sicht an Gehalt und Sozialabgaben einsparen konnte, was der Angestellte unterschlagen hatte.
Der Personalleiter meldete sich zu Wort. „Aber das ist unmöglich, dass wir das so machen. Wenn das bekannt wird, ist das ein Freibrief für jeden, sich aus der Firmenkasse zu bedienen. „Der Chef wird dann schon alles richten, hat er bei Wolfgang Rotter ja auch gemacht”, wird man sagen. Das können Sie unmöglich tun.”
„Sie haben Recht, wenn diese Angelegenheit über unseren Kreis hinaus bekannt wird. Ich gehe davon aus, dass die hier versammelten Herren schweigen können. Sollte Herr Rotter noch einmal bei der kleinsten Unregelmäßigkeit ertappt werden, bin ich nicht bereit, das zu entschuldigen. Aber in diesem Fall gibt es Gesichtspunkte, die ich aus persönlichen Gründen berücksichtigen möchte, weiter möchte ich darauf nicht eingehen. Es ist meine Entscheidung als Unternehmer in diesem Einzelfall.”
Der Einkaufsleiter hob die Hand. „Es bleibt die Frage, wie das verbucht werden soll. Man kann doch nicht solch eine Summe einfach ausbuchen. Kein Buchprüfer würde das akzeptieren. In meinen Einkaufsdateien stehen diese Beträge, und es gibt keine entsprechenden Warenzugänge, geschweige denn Verkäufe.”
„Bitte korrigieren Sie mich, falls ich mich irre. Wir haben eine Sozialkasse, die für Notfälle in der Belegschaft da ist. Über die Verwendung entscheidet allein der Vorstand mit dem Betriebsrat. Auch über die Höhe der jährlichen Summe.”

„Herr Gärtner”, sprach er den Betriebsratsvorsitzenden an, „können wir uns einigen, die Summe pro Forma der Sozialkasse zur Verfügung zu stellen und damit die Buchhaltung zu bereinigen? Die Vorjahre sind geprüft und abgeschlossen, es geht bei der nächsten Betriebsprüfung nur um die 6.120 Euro aus diesem Jahr. Wir löschen die Firma Lichtberg, Wareneingänge gibt es sowieso nicht, und das Geld ist für soziale Ausgaben geflossen. Das kann man entsprechend umbuchen.”
„Machbar”, sagte Gärtner. „nicht ganz so einfach, wie Sie es dargestellt haben, aber möglich.”
„Danke. Hat sonst jemand einen Einwand?”
„An und für sich finde ich das Vorgeschlagene nicht richtig, vom Standpunkt der Gerechtigkeit. Wir sind keine Kirche, die der Nächstenliebe und Barmherzigkeit verschrieben ist.” Der Lagerleiter machte eine Pause. „Aber, wenn Sie es in diesem Fall für richtig halten, möchte ich keinen Widerspruch einlegen, da ich Herrn Rotter als wirklich zuverlässigen Kollegen kenne. Ich weise jedoch nochmals darauf hin, dass immer wieder Lagerbestände verschwunden sind, vom Küchenmesser bis zur professionellen Maschine. Ich will dem Kollegen nichts unterstellen, aber er war oft am Wochenende und abends allein im Betrieb.”
Der Chef stand auf und blickte in die Runde seiner Mitarbeiter. „Ich lasse jetzt Herrn Rotter holen, dann können wir ihn diesbezüglich direkt befragen. Ich möchte, dass diese unerfreuliche Angelegenheit heute abgeschlossen wird. Bedenken Sie bitte auch, wie peinlich es für die Firma wäre, zuzugeben, dass über Jahre solche Summen verschwunden sind, ohne dass es bemerkt wurde.”
Die Sekretärin klopfte an die Tür von Rotters Büro. Er saß noch immer regungslos vor seinem Bildschirm und starrte auf den pulsierenden Cursor. „Sie möchten bitte in das Büro des Chefs kommen.”
Mühsam erhob er sich von seinem Drehstuhl, wagte kaum, um sich zu blicken, als er vor die Versammelten trat, die Neugierde auf die Reaktion des ertappten Verbrechers aus ihren Augen las. Was erwartete ihn?
„Sie dürfen sich bitte setzen”, sagte der Chef und schob ihm einen Stuhl zu.
Kaum hörbar kam das „Danke” über Rotters Lippen.
„Wir sind uns in ihrer Sache einig, ein Punkt ist allerdings noch zu klären. In den vergangenen Jahren sind immer wieder aus dem Lager Teile verschwunden, eine Liste können Sie gerne einsehen. Haben Sie, und ich bitte auch in diesem Punkt um Aufrichtigkeit, etwas damit zu tun?”
„Nein, damit nicht. Ehrlich. Ich weiß nichts davon.”
„Sie haben doch einen Generalschlüssel?” wollte der Lagerleiter wissen.
„Ja, ich war oft abends und am Wochenende in meinem Büro. Aber nicht im Lager.”
Wer würde ihm glauben? Wer einmal lügt… Es ist nichts so fein gesponnen… Aber im Lager hatte er wirklich nie etwas mitgehen lassen. Wer würde allerdings einem ertappten Dieb glauben?
„Nun, ich denke, wir können es ihm abnehmen”, sagte der Chef. „Eins muss jedoch klar sein, unmissverständlich klar: Wenn Sie je wieder bei einem Fehlverhalten ertappt werden, oder wenn noch irgendeine Unregelmäßigkeit aus der Vergangenheit auftaucht, über die wir jetzt nicht geredet haben, dann sind Sie sofort fällig. Verstehen wir uns?”
Rotter nickte. „Ja, Chef, das ist klar. Und ich möchte mich hier vor den Herren nochmals entschuldigen, ich weiß, ich hätte es nicht verdient, dass der Inhaber so nachsichtig ist. Ich danke Ihnen allen.”
Ein letztes Mal nahm der Chef das Wort. „Meine Herren, ich betrachte diese Angelegenheit damit als erledigt. Ich wünsche nicht, dass darüber geredet wird, und ich wünsche, dass Herr Rotter so behandelt wird, als sei nichts vorgefallen. Er wird seine Arbeit verrichten, ordentlich verrichten, und Sie alle bewahren Stillschweigen über diese Sitzung. Auf Wiedersehen.”

Der Rest des Tages verging ihm wie im Flug. Das Schlimmste hatte er sich ausgemalt gehabt, bestenfalls mit einer Stundung der Summe gerechnet. Nun saß er dort an seinem neuen Schreibtisch, hatte seinen Job behalten, brauchte nichts zurückzuzahlen – er kam sich vor wie im Märchen. Wie hatte er das nur geschafft? Es war bestimmt sein überzeugendes Auftreten gewesen. Wahnsinn. Heute abend musste er sich zur Feier des Tages ordentlich was hinter die Binde gießen. Wenn schon, denn schon. Er hatte es geschafft!
Wolfgang Rotter zog seinen ledernen Geldbeutel aus der Hosentasche und sah hinein. Zehn Euro und neunzig Cent. Scheiße, totale Ebbe. Das Konto war leer, der Geldautomat würde nichts rausrücken. Aber er wollte heute feiern, musste heute feiern. Was sollte er unternehmen, um an Geld zu kommen? Herbert! Genau, Herbert Luichtle, der schuldete ihm noch 50 Euro, seit drei Wochen schon. Unverschämt! So lange mit der Rückzahlung zu warten!
Er stand auf, ging ins Lager, wo er Herbert Luichtle damit beschäftigt fand, Kartons zu stapeln. „Du schuldest mir fünfzig Euro! Her damit!” stieß er ihn an.
„Ich hab’s nicht, Wolfgang, ich kriege erst Geld am Fünfzehnten. Tut mir leid, du musst so lange warten.”
„Was? Drei Wochen warte ich schon! Du hattest mir das Geld gleich für die nächste Woche versprochen! Her damit, sonst sag ich deiner Frau, wofür ich es dir geliehen habe! Wird’s bald!”
„Lass doch meine Frau aus dem Spiel. Ehrlich, ich habe es nicht. Aber wenn es so dringend ist, versuche ich, es woanders aufzutreiben. Bis Freitag hast du es bestimmt.”
Wolfgang Rotter ließ nicht locker. Trinken wollte er, noch an diesem Abend, seinen Sieg feiern musste er. Man bekam schließlich nicht alle Tage 46.000 Euro geschenkt. „Es ist jetzt halb vier. Um fünf auf dem Parkplatz bekomme ich das Geld von dir oder ich hole es mir bei deiner Frau. Heute Abend noch.”
„Woher soll ich es denn kriegen, Wolfgang? Wie soll das gehen? Bitte, warte bis morgen, ganz bestimmt morgen früh!”
„Mein letztes Wort ist fünf Uhr auf dem Parkplatz. Ende. Schluss. Schau, wo du es herbringst!”
„Ich kann doch nicht…”
Wolfgang Rotter hatte ihn bereits stehen lassen und war wieder in Richtung seines Büros verschwunden.

Herbert Luichtle ging schließlich zu seinem Vorgesetzten, als ihm keiner der Kollegen mit fünfzig Euro helfen konnte. „Entschuldigen Sie, Herr Protopapas, ich habe eine Bitte. Könnten Sie mir wohl fünfzig Euro Vorschuss geben? Heute noch? Bitte, ich bin arg in der Klemme.”
Der Lagerleiter sah ihn erstaunt an. „Heute noch? Ich fürchte das geht nicht, Sie wissen doch, dass unsere Kasse um 15 Uhr schließt. Ist es denn wirklich so dringend?”
„Ja, ich schulde dem Wolfgang, also dem Herrn Rotter, dem schulde ich einen Fünfziger. Und er sagt, wenn ich es ihm nicht bis fünf Uhr gebe, dann erzählt er alles meiner Frau.”
„Was erzählt er?” Der Lagerleiter wurde hellhörig. Er legte den Stapel Bestellungen aus der Hand und wartete gespannt.

„Na ja, also, das ist schwierig zu erklären. Ich habe mir das Geld bei ihm geliehen, weil ich einer Freundin helfen wollte, und meine Frau weiß nichts davon. Sie ist so eifersüchtig, obwohl es keinen Grund gibt, es ist wirklich nur eine gute Bekannte. Meine Frau darf es aber nicht erfahren. Ich kann das nicht besser erklären, bitte helfen Sie mir mit fünfzig Euro.”
Protopapas brüllte: „Und der setzt Sie unter Druck? Wegen fünfzig Euro setzt Sie der Halunke unter Druck? Der erpresst Sie wegen lumpiger fünfzig Euro?”
Verständnislos und eingeschüchtert wegen der erhobenen Stimme sah Herbert Luichtle seinen Vorgesetzten an. „Wie bitte? Ich verstehe nicht ganz. Es ist doch nur, damit meine Frau es nicht erfährt. Der Wolfg – der Herr Rotter will das Geld unbedingt heute noch haben. Geht es denn wirklich nicht?”
„Das Geld? Ach so, Moment.” Er griff in seine Brieftasche und reichte dem Arbeiter einen Schein. „Bitte, nehmen Sie, geben Sie es mir zurück, wenn Sie ihren nächsten Lohn haben.”
„Danke, vielen Dank.” Erleichtert ging Luichtle wieder an seinen Arbeitsplatz und stapelte Kartons.

Protopapas stürmte in das Chefbüro und platzte gleich heraus mit seinem Bericht. „Unglaublich” nannte er das Benehmen des Buchhalters, „unfassbar” war ihm das Bestehen auf sofortiger Rückzahlung, die Drohungen gegen den Arbeiter, „nach allem, was am Morgen geschehen war.”
Der Chef hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Dann griff er zum Telefon und bat die Sekretärin um eine Verbindung mit der Kriminalpolizei. Er nahm das Gespräch an und sagte: „Firma Pfeifer, Gastronomiebedarf, guten Tag. Ich möchte Anzeige erstatten gegen einen meiner Angestellten. Es geht um Unterschlagungen in Höhe von rund 46.000 Euro. – Ja, der Betroffene ist noch im Büro, bis ca. 17.00 Uhr voraussichtlich. – Jawohl, wir versuchen, ihn aufzuhalten, bis die Beamten da sind. Danke.”
Um sieben Minuten vor fünf Uhr waren die Kriminalpolizisten in der Firma. Der Chef trat zusammen mit ihnen in das Buchhaltungsbüro.
„Dieser Mann hat zwischen 1998 und heute die Summe von 45.970,00 Euro auf sein eigenes Konto überwiesen. Die Unterlagen, aus denen das hervorgeht, zweifelsfrei hervorgeht, werden Sie in meinem Büro bekommen. Die entsprechenden Kontoauszüge finden Sie sicher in seiner Wohnung. Wenn nicht, so wird die Sparkasse in solchen Fällen wohl ihr Bankgeheimnis lüften.”
„Warum… was ist denn… ich verstehe nicht…”
Wolfgang Rotter war aschfahl. Stimme und Knie versagten den Dienst. Sein Blick zuckte von Gesicht zu Gesicht, klein und grau wurde er.
„Denken Sie, und dazu werden Sie wohl in den nächsten Jahren Zeit genug bekommen, an den Namen Herbert Luichtle und die Summe von 50 im Verhältnis zu 45.970 Euro. Es könnte ja sein, dass dabei sogar Ihnen ein Licht aufgeht. Was mich betrifft, so sind Sie entlassen, ab sofort haben Sie Hausverbot. Vor Gericht, und danach hoffentlich nie wieder, sehen wir uns, Herr Rotter. Die Schuld werden Sie bezahlen, bis zum letzten Cent.”

Nach Matthäus 18, 23-35; Lukas 7, 40-50

Der Besuch

Sie waren schon merkwürdige Zeitgenossen. Die Gerüchte waren nie verstummt. Ich gebe nicht viel auf das Geschwätz der Menschen, aber wenn so lange und so ausdauernd über etwas geredet wird, kann ich mir schon vorstellen, daß etwas dran ist.
Maria hätte ich das andererseits kaum zugetraut. Sie war mit uns aufgewachsen, wir kannten sie als ein sehr stilles, zurückhaltendes Mädchen. Von jungen Männern hatte sie sich ferngehalten, selbst ihren Joseph traf sie nur in Gegenwart anderer Menschen. Ausgerechnet dieses Mädchen schwanger von einem Unbekannten? Kaum vorstellbar.
Daß sie ein Kind erwartete, wußten wenige von uns. Daß es nicht von ihrem Verlobten war, wußten noch weniger. Joseph war ein anständiger Kerl, er hielt zu Maria und erkannte den Sohn als seinen an; ein paar von uns wußten es aber besser. Dazu gehörte ich. Außerdem sieht der Junge Joseph überhaupt nicht ähnlich.Gestern war er in der Stadt, der Sohn meiner Nachbarn, ich habe ihn selbst in der Synagoge reden hören.

Es ist schon sonderbar gewesen. Jesus lehrte in unserem Versammlungshaus und niemand konnte sich erklären, woher er diese Weisheit, diese Einsichten nahm. Es waren ja eindeutig nicht nur die Worte, vor allem erstaunten uns die mächtigen Taten. Dieser Sohn des Zimmermanns. der nie in der ärztlichen Kunst ausgebildet worden war, heilte Krankheiten, als scheuche er Fliegen fort. Fast nebenbei, ohne Zauber und Beschwörungen. Er berührte manchen Kranken mit der Hand, anderen sagte er nur, sie seien gesund, und sie waren es tatsächlich.
Ein leichter Kopfschmerz ist nicht das, wovon ich rede. Auch nicht die verschnupfte Nase. Ich meine wirkliche Machttaten, ich meine, daß er zum Beispiel mit dem gelähmten Sohn des Zeltmachers aus unserer Straße ein paar Worte redete, und daß dieser Junge seither auf seinen dünnen Beinen durch die Gegend rennt, als habe er nicht seit seiner Geburt keine andere Fortbewegung gekannt, als sich mit seinen kräftigen Armen den Weg entlangzuziehen.
Es gab andere, die nach diesem Tag ihre Leiden vergessen konnten. Und es gibt genug Nachbarn und Freunde, die das nicht verstehen.
“Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns Joseph? Der gelernt hat, Holz zu hobeln? Wie könnt ihr glauben, daß er etwas besonderes ist?” fragte mich am späten Abend Sarah, die aus einem Nachbardorf zurückkam und von mir erfuhr, daß Jesus in der Stadt war.
“Natürlich ist er das. Aber ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen. Es sind Wunder geschehen.”
“Und seine Familie? Was hat die dazu zu sagen?”
“Nichts. Sie schweigen.”
“Wie meistens. Ich wünschte, ich könnte ihre Gedanken lesen. Warum reden sie nicht über ihn?”
Ich konnte das gut verstehen. Die Eltern hatten es schwer genug, wie gesagt, die Gerüchte um den unbekannten Vater des ersten Sohnes waren nie ganz verstummt. Und die vier übrigen Söhne wollten eigentlich nichts anderes, als wie normale Bürger unseres Ortes ihrer normalen Arbeit nachgehen. Den Töchtern ging es nicht anders. Der Alltag war das, was sie meistern mußten, und dabei brachten die gelegentlichen Besuche dieses Jesus immer wieder alles in Aufregung. Solange man nur hörte, er habe da und dort dies und jenes getan oder geredet, ging es ja noch. Aber nun war er wieder einmal in der Stadt und die Wogen schlugen hoch, wie so oft.

Aufregung hatte es schon oft um ihn gegeben, als der Junge gerade zwölf Jahre alt gewesen war, ging es los damit.

Maria und Joseph waren zusammen mit vielen aus dem Dorf und ihren Kindern nach Jerusalem gereist, wie sie es jedes Jahr taten. Wir bildeten immer eine Reisegruppe, so war es weniger gefährlich und man konnte einander vieles erleichtern unterwegs. Nazareth war schon immer bekannt für gute Nachbarschaft.
Der zwölfjährige Jesus war ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, und schon damals seinen Altersgenossen weit überlegen, was seinen Verstand betraf. Manch einer sprach sogar von Weisheit, obwohl dieser Begriff bei einem Kind doch merkwürdig klingt. Doch so verkehrt ist er gar nicht.
Jesus verbrachte viel Zeit im Kreis der Spielkameraden, die ihn schätzten und gerne in ihrer Mitte hatten. Seine Familie, besser gesagt, seine Eltern, schauten nur ab und zu nach ihm, wußten sie ihn doch bei seinen Freunden und Geschwistern gut aufgehoben.
Daß sein Fehlen erst bemerkt wurde, als wir bereits eine ganze Tagesreise von Jerusalem entfernt waren, mag daran liegen, daß wir alle vom Fest des Passah sehr beeindruckt waren und viel auszutauschen, viel nachzusinnen hatten. Keiner achtete besonders auf die jungen Leute, die stets bei diesen Reisen für sich herumtobten oder auch nur als Gruppe wanderten. Am Abend, als sich die Familien zusammenfanden, um das Nachtlager vorzubereiten, kam Maria, schon etwas aufgeregt, zu mir.
“Hast du meinen Sohn gesehen?”
Ich lächelte. “Welchen, Maria?”
“Jesus. Ich kann ihn nicht finden.”
Gesehen hatte ich ihn nicht, aber auch nicht besonders darauf geachtet. Mir war so, als hätte ich ihn mit den Zwillingen der Näherin beim Holzsammeln gesehen, und das sagte ich Maria.
“Danke!” rief sie, und lief los, um die Zwillinge und ihren Sohn zu suchen.
Ich hatte mich geirrt, das erfuhr ich bald. Beim Holzsammeln war Jakobus dabei gewesen, der Jesus recht ähnlich sah, er war etwa ein Jahr jünger, aber schon genauso kräftig wie sein Bruder Jesus.
Joseph junior und Simon konnte man leichter unterscheiden, Judas, der jüngste Sohn der Zimmermannsfamilie, war damals noch nicht geboren.
Ich hatte also Jesus und Jakobus verwechselt, ich hatte die drei Holzsammler ja auch nur von weitem gesehen, und nicht besonders darauf geachtet. Es gab ja keinen Grund dazu.
Als alle Familien sich gesammelt hatten, als die jungen Leute befragt worden waren, wurde schnell klar, daß Jesus schon beim Aufbruch in Jerusalem gar nicht mehr gesehen worden war. Niemand hatte ihn an diesem Tag gesehen. Er mußte noch in der Stadt sein.
Wie gesagt, gute Nachbarschaft war uns schon immer wichtig. So gingen selbstverständlich einige von uns, darunter ich, mit den verzweifelten Eltern zurück nach Jerusalem, während der Rest der Reisegruppe den Weg zurück nach Nazareth fortsetzte, die übrigen Kinder von Maria und Joseph sicher in ihrer Mitte.
Ich war dabei, weil ich als alleinstehende Frau auf niemanden Rücksicht nehmen mußte, außerdem mochte ich Maria seit unserer Kindheit sehr. Wir sind im gleichen Alter, und wir waren schon immer gute Freundinnen.
Auf dem Weg zurück in die Stadt und den ersten Tag war sie noch recht gefaßt, aber als wir den Jungen nicht finden konnten, so sehr wir auch suchten, wuchs ihre Verzweiflung. Ich hielt sie am Abend das zweiten Tages der Suche im Arm und spürte ihr verzweifeltes Schluchzen und Zittern.
“Wo ist er nur? Wo kann er nur sein?”
“Wir werden ihn finden, Maria.” versuchte ich, die gramerfüllte Frau zu beruhigen. Um ehrlich zu sein, ich glaubte eigentlich nicht mehr, daß wir Erfolg haben würden, wir hatte zwei Tage und Nächte gesucht, ohne größere Ruhepausen, und nicht die geringste Spur ausfindig gemacht.

Im Tempel hatten wir ihn nicht vermutet. Daß wir dort hingingen, lag nur daran, daß Maria und Joseph den Allmächtigen in seinem Haus anrufen wollten, ihnen ihren Sohn zurückzugeben. Jesus saß in einem großen Kreis von Lehrern und unterhielt sich mit ihnen.
Man darf nicht vergessen, daß er erst zwölf Jahre alt war. Ein Junge, über dessen Verstand und Antworten die gelehrten Männer außer sich waren. Sie wollten ihn nicht gehen lassen. Es schien, als sei er der Lehrer und sie die Schüler.
Maria war überglücklich, daß er unverletzt und munter war, schloß ihn in die Arme und auch Joseph, der sonst zur Strenge und zur Distanz neigte, strich ihm über das Haar und drückte ihn an sich.
“Kind, warum hast du uns das angetan?” Marias Stimme zitterte, man hörte die Anspannung, die Verzweiflung der letzten Tage. “Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht!”
Jesus sah seine Mutter erstaunt an. Ehrlich und offen, wie er stets war, sagte er: “Wie kommt es, daß ihr mich gesucht habt? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?”
Ich war froh, daß außer Maria, Joseph und mir niemand diese Antwort gehört hatte. Das hätte den Gerüchten nur neue Nahrung verschafft. Man muß sich das vorstellen: Er sagt vor Joseph, dem ja der Tempel weiß Gott nicht gehört, daß er in dem sein muß, was seines Vaters Eigentum ist. Noch viel deutlicher kann man es kaum ausdrücken, außer man sagt direkt: Du bist nicht mein Vater.

Sie sprach nie mit anderen darüber. Mit mir jedoch tauschte sie gerne und oft ihre Gedanken, Eindrücke, Vermutungen und Hoffnungen aus. Sie konnte sich über Ungehorsam ihres Sohnes nicht beklagen. Es war die einzige Gelegenheit gewesen, bei der ich etwas derartiges beobachten konnte. Jesus war stets ein folgsamer Knabe, vor diesem Ereignis und danach.
Maria liebte alle ihre Kinder, aber diesem Erstgeborenen war sie aus meiner Sicht besonders zugetan. Was er sprach, wie er sich benahm, das alles merkte sie sich in allen Einzelheiten sehr genau.
Wir sprachen etwa ein Jahr später zufällig über diese Tage, als wir gemeinsam ein Mahl zubereiteten. Maria wußte noch jedes Wort, konnte sich genau an die sonst so weise wirkenden Männer im Tempel erinnern, die an den Lippen des Knaben hingen, als sei er der wiedergekehrte König Salomo, die Weisheit in Person.
“Eigentlich,” meinte Maria, “war er ja gar nicht ungehorsam damals. Niemand hatte ihn aufgefordert, mit uns abzureisen. Wir hatten es für selbstverständlich gehalten, daß er mit der Gruppe aufbricht und Jerusalem verläßt.”
“Maria, das ist ja wohl auch selbstverständlich!” rief ich.
“Schon, aber genauso selbstverständlich sollte eine Mutter darauf achten, wo ihre Kinder sind, wenn sie irgendwo abreisen möchte. Für Joseph gilt natürlich das gleiche.”
Ich hatte stets genau darauf geachtet. Nie, kein einziges Mal, hatte Maria von Joseph als dem Vater des Jungen gesprochen. Wenn es um Simon, Judas, Jakobus, Joseph junior oder die Mädchen ging, dann gebrauchte sie das Wort. Aber im Zusammenhang mit Jesus nie.
“Richtig, Maria, der Vater ist genauso verantwortlich wie die Mutter. Vor allem, wenn es um die Söhne geht.”
Sie ging mir nicht auf den Leim, sondern sagte vieldeutig: “Unser Vater im Himmel weiß, was wir bedürfen. Wir Menschen machen Fehler.”

Gestern, als Jesus in Nazareth war, und für diesen Trubel in der Synagoge gesorgt hatte, fragte ich Maria, ob sie ihn für einen Propheten halte.
Er hatte sich selbst so genannt. Oder auch wiederum nicht – es kommt darauf an, wie man das verstehen will. Gesagt hatte er: “Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, außer in seiner Vaterstadt und in seinem Hause.”
Das ist, so klug bin ich selber, ein Sprichwort, das man auf alle möglichen Situationen anwenden kann. Aber so, wie er es gesagt hat, und in Verbindung mit all dem, was man über ihn hört und was man sieht, wenn er da ist, kann er auch gemeint haben: Ich bin ein Prophet, und ihr hier in Nazareth seid die einzigen Menschen, die das nicht begreifen wollen.
Maria jedenfalls lächelte, sah mich prüfend an und meinte: “Wenn jemand außer mir viel über ihn weiß, dann bist du das. Warum fragst du also?”
Ich sprach daraufhin zum ersten und einzigen Mal die Frage der Vaterschaft an.
“War er damals, vor inzwischen so vielen Jahren, wirklich bei seinem Vater, als wir ihn im Tempel fanden?”
Maria war nicht beleidigt oder aufgebracht, sondern sie wirkte leicht belustigt.
“Wenn du damit meinst, ob sein Vater ein Schriftgelehrter in Jerusalem ist: Nein. Andererseits würde ich sagen: Ja. Er war in dem, was seines Vaters ist. Ob Du das allerdings verstehen kannst, weiß ich nicht.”

Das war es eigentlich schon, was ich erzählen wollte. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verstehe. Jesus hat gestern hier nicht viele Wunder getan. Daß er überhaupt welche gewirkt hat, ist ja andererseits schon Bestätigung genug. Wer von uns kann denn mit einem Wort und einer Berührung Krankheiten heilen oder Dämonen in die Flucht jagen? Das sollen all seine Kritiker erst mal tun, bevor sie so klug über ihn urteilen.
Vielleicht würde es uns ja leichter fallen, ihn zu verstehen, ihn zu akzeptieren, wenn er nicht bei uns und mit uns groß geworden wäre. Wenn wir nicht wüßten, was für ganz normale Menschen seine Geschwister und deren Eltern sind. Einfache Leute eben, so wie wir alle.

Nach Matthäus 13, 53-58 und Lukas 2, 41 – 52

Blind

Ein drückend heißer Tag begann. Schon beim Aufstehen hatte ich mich matt und verschwitzt gefühlt. Die stickige Luft stand still, ich spürte die ersten Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, als ich mich aus meiner Schlafkammer in die Küche begab.Ich nahm ein wenig Brot und gebackenen Fisch zu mir, die noch vom letzten Abend auf dem Tisch lagen. Im Krug war noch etwas Wasser, aber es schmeckte abgestanden und warm. Ich schüttete den Inhalt aus dem Fenster und machte mich auf zum Brunnen.
Ein Stück den Weg hinunter hörte ich munteres Geplauder; als ich vorsichtig tastend näher kam, verstand ich, worüber die beiden Nachbarinnen redeten.
„Shalom”, grüßte ich sie, „wie geht es euch?”
„Sehr gut, Bartimäus”, antwortete Maria. „Willst du Wasser holen?”
„Ja”, meinte ich, „der Rest hat die schwüle Nacht nicht gut überstanden.”
Esther berührte mich am Arm. „Gib mir den Krug, ich fülle ihn dir.”
„Nein, vielen Dank, ich möchte so viel wie möglich selbst erledigen, das weißt du.”
„Ja, aber die Bande Kinder ist beim Brunnen, deshalb hole ich es dir.”
Ich gab nach, weil sie Recht hatte. Die Kinder trieben jedes Mal ihren Spaß mit mir, und trotz meines guten Gehörs war es mir meist nicht möglich, ungeschoren davonzukommen. Sie warfen mir Steine vor die Füße, stießen den Krug in den Brunnen, bewarfen mich mit Sand – was immer ihnen gerade einfiel. Sicher, nicht alle Kinder, es gab einige, die hilfsbereit waren und mich sogar führten, obwohl die Wege in der Nachbarschaft mir gut bekannt waren. Waren sie jedoch als Gruppe zusammen, hatte keiner von ihnen den Mut, zu mir zu stehen.
Seufzend gab ich meinen Krug her. „Danke, Esther, ich warte hier bei Maria.”
Ihre leichten Schritte entfernten sich. Maria fragte mich: „Ist Thomas schon bei dir?”
Thomas war mein Freund, zusammen saßen wir Tag für Tag viele Stunden am Weg vor Jericho und erbettelten uns unseren Lebensunterhalt.
Er war nicht von Geburt an blind wie ich, sondern er hatte im Alter von 14 Jahren durch eine tückische Krankheit das Augenlicht verloren. Oft hatte er mir davon erzählt, wie es war, als er noch sehen konnte.
Sein Vater war Hirte, Thomas war gerne bei ihm gewesen, zusammen hatten sie die Schafherde geführt. Er erzählte mir von den Farben des Himmels und wie man daraus das kommende Wetter deuten konnte, von den Farben der Gewänder, die aus der Wolle der Schafe entstanden. Ich hörte gerne zu, verstand aber nicht wirklich, was es damit auf sich hatte.
Man hatte mir gesagt, meine Kleidung sei braun und weiß, was immer das auch bedeuten mochte. Ob sie verschmutzt war, musste ich ertasten, wenn mich nicht jemand darauf aufmerksam machte. Ob sie mir passte, musste ich erfühlen, beim Kauf neuer Gewänder war ich auf den Rat der Händler angewiesen.

„Nein, er ist heute noch nicht gekommen. Er wollte erst zum Markt, um uns frisches Brot und Gemüse zu besorgen.”
„Das kann dauern”, erklärte Maria, „in Jericho ist die Hölle los. Dieser Wanderprediger ist dort, die Stadt ist voll von Menschen aus der Umgebung. Kranke, Krüppel, Wahnsinnige – alles haben sie in die Stadt gebracht. Esther hat mir vorhin erzählt, sie habe gehört, dass er gestern abend viele Menschen geheilt hat.”
„Und, hat er wirklich?”
„Nun, ich habe noch keinen kennen gelernt. Aber man sagt, er würde jede Krankheit heilen können, wenn er nur will.”
Wir schwiegen eine Weile. Ich dachte darüber nach, was ich bisher über diesen Jesus von Nazareth gehört hatte.
Er war kein Magier, er war kein Arzt. Beide Sorten Helfer der Menschheit hatte ich zur Genüge kennen gelernt, hatte – für meine bescheidenen Verhältnisse – ein Vermögen ausgegeben, um immer und immer wieder zu hören, dass man meinen Augen nicht helfen könne.
In den letzten Jahren hatte ich aufgegeben und mich damit abgefunden, dass ich wohl nie mit eigener Arbeit einen ausreichenden Unterhalt würde bestreiten können. Sicher, ich hatte geschickte Hände und flocht Körbe für einen Händler, der sie auf dem Markt verkaufte. Aber der Erlös war sehr gering und der Bedarf sehr selten vorhanden. Ohne die Almosen hätte es nicht gereicht.
„Ich könnte dich in die Stadt begleiten”, schlug Maria vor. „Vielleicht kommen wir an ihn heran.”
„Nein, danke. Weißt du, ich bin jetzt beinahe fünfzig Jahre alt, ich habe so viele Heiler aufgesucht… Und ich habe auch kein Geld, um ihn zu bezahlen.”
„Er nimmt kein Geld. Esther sagt, dass seine Begleiter eine Kasse führen, aus der sie Armen helfen. Aber er verlangt nichts. Manche sagen, er sei ein Prophet.”
„Trotzdem, wenn du sagst, die Stadt sei voll von Kranken, dann lohnt es sich nicht. Ich komme auch so zurecht, glaub mir. Vielleicht trifft Thomas ihn, während er auf dem Markt ist.”

Esther kam zurück und beide begleiteten mich zu meinem kleinen Haus. Sie stellten mir das Wasser zurecht und sammelten einige Kleidungsstücke ein, um sie zu waschen. Ich wusste, dass es sinnlos war, dagegen zu protestieren, die beiden Frauen ließen sich einfach nicht davon abbringen, mir zu helfen. Sie nahmen keine Bezahlung an, aber sie freuten sich, dass ich oft bei ihren beiden Töchtern saß und ihnen Geschichten erzählte. Die Kinder waren beide acht Jahre alt und schienen mich zu lieben. Ich kam mir etwas weniger nutzlos vor, durch diese kleine Aufgabe. Außerdem lenkte es mich von meinen eigenen Problemen ab, wenn ich den Mädchen erzählen konnte, wie Moses mit unseren Vorfahren am roten Meer den Ägyptern entkommen war.
„Mirjam und Judith kommen heute abend wieder zu dir, Bartimäus. Sie freuen sich schon darauf. Sie werden dann auch deine Kleider mitbringen.” sagte Esther.
„Ich danke euch beiden. Es sind Menschen wie ihr, die mir immer wieder Mut geben, weiter zu leben. Danke.”
Sie verabschiedeten sich und ich wartete auf Thomas.

Ich musste lange warten. Es war noch drückender geworden, der Schweiß rann mir in Strömen über das Gesicht, obwohl ich nur untätig im Schatten saß. Ab und zu trank ich etwas von dem Wasser; zu Essen hatte ich nichts mehr. Thomas kam erst gegen Mittag, als ich gerade etwas eingenickt war. Ich hörte ihn, als er die Tür öffnete. Er berührte leicht meinen Arm, sagte aber kein Wort.
„Shalom, Thomas”, grüßte ich.
„Shalom”, antwortete er. Ich hörte seiner Stimme an, dass er weinte.
Ich fragte: „Was ist passiert?”
„Ich bin nicht an ihn herangekommen. Sie haben mich in den Dreck gestoßen, dabei habe ich unsere Einkäufe verloren, niemand hat sich darum gekümmert, ich habe nichts wieder gefunden, ich kann nicht…” brach es aus ihm hervor.
Er bebte, beruhigend legte ich meinen Arm um seine Schulter.
„Wenn ich noch sehen könnte, hätte ich sie alle zusammengeschlagen! Jeden einzelnen! Ich hätte sie umgebracht!”
Langsam beruhigte er sich wieder, und erzählte mir unter Tränen, was sich zugetragen hatte.
Dieser Jesus war mit seinem Gefolge am Markt vorbeigekommen, die Menschen hatten sich zu ihm hingedrängt. Thomas hatte erfragt, was los sei, war dann den aufgeregten Stimmen gefolgt und hatte versucht, zu dem Prediger vorzudringen. Man hatte ihn wüst beschimpft und weggestoßen. Die spärlichen Einkäufe wurden auf der Straße verteilt und zertreten. Thomas hatte wild um sich geschlagen und wurde daraufhin noch weiter zurückgestoßen, bekam manche Schläge ab.
„Wenn er mich gesehen hätte, dann könnte ich jetzt wieder meine Augen gebrauchen. Ich weiß es. Der Gemüsehändler erzählte mir, dass sein gelähmter Nachbar seit gestern abend läuft wie ein junger Hirsch. Wenn er mich nur gesehen hätte. Ich habe seinen Namen geschrieen, aber es war so ein Lärm, und dann vertrieben sie mich.”
„Warum bist du so sicher? Thomas, ich war bei so vielen Wunderheilern, bei ernsthaften Ärzten, bei Magiern – es war alles umsonst. Warum gerade dieser Mann?”
„Ich weiß es. Ich weiß es einfach. Er ist von Gott gesandt, Timäus sagt es auch.”

Timäus war mein Vater. Er lebte in seinem hohen Alter in der Stadt, gebrechlich, aber geistig noch sehr gesund und rege. Gelegentlich besuchten wir ihn, und besonders Thomas hing an ihm, wie ein Sohn. Vielleicht, weil seine Eltern nicht mehr lebten, sie waren von Räubern erschlagen worden, als Thomas 15 Jahre alt war. Er war nur davongekommen, weil er sich vor den wüsten Geräuschen im Gebüsch versteckt hatte. Spät in der Nacht hatte er dann die leblosen Körper seiner Eltern ertastet und war schreiend in die Stadt gerannt.
Man hatte ihn zu meinem Vater gebracht, der im Vorstand der Synagoge war und daher die Aufgabe hatte, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern. Mein Vater hatte sich nie darüber beklagt, dass er zu einem blinden Sohn nun auch noch einen blinden Waisen in sein Haus aufnehmen musste, sondern er hatte alles Erdenkliche getan, um Thomas zu helfen. Erst, als mein Vater selbst gebrechlich wurde und Hilfe brauchte, hatte er uns die beiden kleinen Häuser vor der Stadt gekauft, wobei er sicher mitschuldig daran war, dass die Nachbarn sich freundlich um uns kümmerten.

„Mein Vater kennt ihn?” fragte ich überrascht.
„Nein, aber er hat sich genau berichten lassen, was dieser Jesus predigt, was er tut, woher er kommt. Er ist überzeugt, dass er zumindest ein Prophet ist, manche halten ihn sogar für den Messias.”
Ich schwieg dazu und wir machten uns auf den Weg, um unseren Platz an der Straße aufzusuchen. Unser Geld war für die Waren, die dann auf dem Markt zertreten worden waren, ausgegeben worden. Wir mussten auf reichliche Almosen hoffen, um die nächsten Tage versorgt zu sein.

Unser gewohnter Platz war an einer Mauer, an die wir uns lehnen konnten. Trotz der Hitze des Tages legte ich meinen Umhang um die Schultern, denn die Mauer war hart. Wir stellten unseren Becher vor uns hin, und wenn wir Schritte hörten, sprachen wir den Vorbeigehenden an und baten um eine Gabe.
Wir saßen noch nicht lange, wenige Münzen waren in unserm Becher gelandet, als sich von der Stadt her Stimmengewirr hören ließ. Es schien eine riesige Menge Menschen zu kommen. Füße rannten, wir atmeten den aufgewirbelten Staub ein und riefen immer wieder die vorbeikommenden Menschen an, um zu erfahren, was los sei.
„Jesus von Nazareth mit seinen Begleitern kommt vorbei!” antwortete uns schließlich jemand.
„Ist er schon vorbei?” schrie Thomas ängstlich.
„Nein, er ist gerade beim Tor.”

„Jetzt wird er uns heilen! Jetzt kommt er an uns vorbei!” sagte Thomas glücklich. Seine Stimme bebte vor Aufregung, ich spürte, wie er aufstand.
Ich rief: „Bleib hier! Sie werden dich wieder in den Dreck stoßen, wenn du ihnen im Weg bist.”
Thomas war zwar mit seinen 25 Jahren ein kräftiger Bursche, aber als Blinder in einer aufgeregten Menge hatte er keine Chance.
Thomas sank zurück.
„Bartimäus, er kommt! Wir rufen laut seinen Namen! Er kommt hier vorbei! Schrei nach ihm!”
Ich zögerte. Plötzlich war mir schlecht, als müsse ich mich gleich übergeben. Es war die Aufregung. Thomas hatte mich angesteckt mit seiner Begeisterung, eine neue Hoffnung in mein verzagtes Herz gepflanzt. Wenn mein Vater von diesem Mann überzeugt war, dann konnte wirklich etwas dran sein an der Sache.
„Wie spricht man ihn denn an?” fragte ich. „Rabbi? Prediger? Jesus?”
„Auf dem Markt haben sie geschrieen: Sohn Davids!”
„Gut, wir versuchen es.”
Gemeinsam und abwechselnd begannen wir zu brüllen: „Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich!”
Ich kam mir dabei lächerlich vor und war gleichzeitig mit zaghafter Hoffnung erfüllt. Wenn er so viele Menschen anzog, wenn so oft von ihm berichtet wurde, er könne alles heilen, wenn mein Vater ihn für einen echten Propheten hielt – dann gab es vielleicht doch noch eine Chance? Auf jeden Fall würde dies wohl unsere einzige Möglichkeit sein, jemals auf diesen Mann zu treffen.
Mich traf ein kleiner Stein am Kopf. Ich spürte, dass Blut über meine Stirn lief. „Haltet das Maul”, schrie uns eine Stimme an, „das ist ja nicht auszuhalten!”
Thomas schrie auf. Auch ihn hatte etwas getroffen.
„Lasst sie doch rufen”, schimpfte eine Frau, „was haben sie euch getan?”
„Sie sollen den Mund halten! Der Meister hat andere Sorgen, als sich das Gebrüll von zwei lumpigen Bettlern anzuhören!”
Wir schreien unverdrossen weiter seinen Namen, ungeachtet der Diskussion um uns herum. Immer mehr Passanten mischten sich ein, versuchten, uns zum Schweigen zu bringen. Man bewarf uns mit Sand und Steinen, beschimpfte uns, jemand stieß unseren Becher mit den wenigen Münzen um. Thomas weinte, vor Schmerz, vor Enttäuschung, ich weiß es nicht. Aber wir hörten nicht auf, uns war klar, dass wir ihn jetzt oder nie treffen würden.
„Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich! Hilf uns! Jesus!”
Uns umgab ein immer heftigeres Gewirr von streitenden Stimmen. Einige beschimpften uns, traten mit den Füßen nach uns, andere nahmen uns in Schutz, und durch das Stimmengewirr hörten wir die Schritte der vorbeiströmenden Menge.
„Lasst sie rufen, genau für diese Menschen ist er doch da!” rief ein Mann.
Aber diejenigen, die uns einschüchtern wollten, waren in der Überzahl. Sie wollten selbst in die Nähe des Wanderpredigers kommen und duldeten nicht, dass jemand ihnen den Platz streitig machte. Es waren zum Teil Stimmen, die wir aus Jericho kannten, Mitbürger, die wir auch schon als freundlich erlebt hatten. Aber jetzt benahmen sie sich wie die Bande von Kindern beim Brunnen – wir waren für sie keine Menschen, sondern Ausgestoßene, Überflüssige, Störende. Wir gehörten nicht dazu, wir waren nicht wie sie.

Da blieben die Füße plötzlich stehen, es gab ein undeutliches Gemurmel, niemand schrie uns mehr an oder trat nach uns. Auch wir verstummten und lauschten ängstlich. Was war geschehen? War er schon an uns vorüber gegangen? Warum hielt die Menge an?
„Bringt die beiden zu mir”, sagte eine ruhige Stimme.
Wir hatten sie noch nie gehört, aber bei ihrem Klang wusste ich, dass es der Mann sein musste, dessen Namen wir gebrüllt hatten. Die Stimme hatte Autorität, ohne dass sie laut geworden wäre oder streng geklungen hätte. Es war eine angenehme Stimme, die mich mit noch mehr Hoffnung erfüllte. Ich konnte dem Mann plötzlich alles zutrauen. Als Blinder lernt man, auf feinste Nuancen in den Stimmen der Menschen zu achten, man erkennt, ob sie freundlich gesonnen sind oder es nur vorgeben. Man erkennt, ob man ihnen auf die Nerven geht, ob man sie abstößt, ob man sie langweilt…
Diese Stimme klang voller Erbarmen und Zuneigung.
Thomas neben mir und hauchte: „Er hat uns gehört. Er hat uns wirklich gehört.”
Schritte kamen auf uns zu und ein Mann forderte uns auf: „Kommt mit, er lässt euch rufen. Habt keine Angst, wir bringen euch zu ihm.”
Ich warf meinen Umhang ab und stand unsicher auf. Eine Hand nahm meinen Arm und führte mich voran. Links und rechts stieß ich an Menschen, aber man schien uns eine Gasse gebildet zu haben. Ich hörte Thomas hinter mir heftig atmen, seine Aufregung hatte eher noch zugenommen, wogegen ich mich auf einmal vollkommen ruhig und gelassen fühlte. Eine Sicherheit erfüllte mich, die ich noch nie erlebt hatte. Woher sie kam, wusste ich nicht.
Dann drückte die Hand leicht meinen Arm und mein Führer sagte: „Wir sind bei ihm.”

Diese wunderbare Stimme fragte: „Was möchtet ihr von mir? Ihr habt mich gerufen. Was soll ich für euch tun?”

Ich brachte zuerst kein Wort heraus. Wenn er nicht selbst blind war, dann musste er doch wissen, was wir von ihm wollten. Er musste doch wissen, warum man Kranke zu ihm brachte, warum sich Krüppel in seinen Weg stellten, warum ihm Hunderte Hilfesuchende folgten. Und nun fragte er uns, was wir von ihm wollten?
Viele mögliche Antworten schossen mir durch den Kopf. Ich wollte erklären, was wir alles von ihm gehört hatten, wollte berichten, was mein Vater von ihm hielt, wollte schildern, wie schlecht es uns erging. Aber ich brachte noch immer kein Wort heraus.
„Wir – ich – man sagt -” stotterte Thomas. Offenbar ging es ihm nicht besser.
Mein Vater fiel mir ein, oft hatte er meine wortreichen Erklärungen abgebrochen mit der Bemerkung: „Auf eine einfache Frage gibt man eine einfache Antwort. Nicht mehr und nicht weniger.”
„Herr, dass du unsere Augen öffnest, dass wir sehen können”, sagte ich.
In diesem Moment wusste ich, dass er es tun konnte. Ich hatte bisher nur seine Stimme gehört, aber sie hatte meinen verlorenen Glauben an die Macht des Schöpfers wiederhergestellt. An den Schöpfer glaubte ich, aber dass er etwas für mich, den blinden Bartimäus tun wolle, das hatte ich nicht für möglich gehalten. Und nun spürte ich Liebe, die von diesem Mann ausging, oder die durch ihn strömte und mich erfüllte. Eine Stimme in meinem Inneren warnte mich vor dieser Hoffnung, erinnerte mich an die vielen erfolglosen Versuche, Heilung zu finden. Du bist blind geboren. Du wirst blind sterben. Gib die Hoffnung auf, du wirst nur umso enttäuschter sein, je mehr du hoffst.
Aber ich ignorierte die Vernunft und dachte an die Erzählungen der Menschen, die von Heilungen berichtet hatten. Ich entschloss mich, die Hoffnung nicht aufzugeben.
„Dass wir sehen können!” presste ich nochmals hervor.
Auch Thomas fand jetzt einfache Worte: „Unsere Augen, Herr, wir können nicht sehen. Gib uns unser Augenlicht.”
„Empfange jetzt das Augenlicht. Dein Glaube hat dich gerettet.”
Mehr sagte er nicht, aber ich taumelte von der Wärme, die plötzlich in meinen Augen spürbar wurde und meinen ganzen Körper durchströmte. Dann wurde mir eiskalt in der drückenden Hitze, sofort danach wieder heiß. Ich hatte noch nie in meinem Leben gesehen, und als er meine Augen berührte, wagte ich es nicht, sie zu öffnen. Licht strömte bereits durch meine geschlossenen Augenlider, ich war verwirrt und hielt mich krampfhaft an dem Mann fest, der mich zu Jesus geführt hatte.
Thomas schrie laut: „Ich kann sehen! Herr, ich kann sehen!”
Zaghaft schlug nun auch ich die Augen auf und blinzelte in das helle Sonnenlicht.

Seither sind viele Jahre vergangen, aber ich weiß noch genau, wie schwindlig mir wurde, wie ich kaum mit den Eindrücken fertig wurde, die auf mich einstürzten. Ich sah Jesus vor mir stehen, liebevoll, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Eine riesige Menschenmenge um uns herum, Thomas neben mir, wie er immer wieder die Augen schloss und öffnete, als könne beim nächsten Öffnen alles vorbei sein, ein Traum vom Sehen, aus dem man erwacht. Aber es war kein Traum.
Dann fingen die Menschen an, uns zu umarmen, zu jubeln, und Gott die Ehre zu geben. Ich blickte nur Jesus an und sagte leise: „Danke Herr. Danke, Schöpfer.”
Ein bärtiger Riese schlug mir auf die Schulter und dröhnte: „Du kannst sehen? Bartimäus, du kannst sehen?”
Es war eine der Stimmen, die uns noch wenige Minuten vorher beschimpft hatten. Es war der Gemüsehändler vom Markt, bei dem wir manches Mal eingekauft hatten. Ich starrte ihn an, und verwundert stellte ich fest, dass ich alles andere als wütend auf ihn war. Ich wollte, dass er sich mit uns freuen konnte.
„Ich kann sehen! Schau, was Jesus für mich getan hat!” lachte ich ihn an.
Thomas grinste ihm ins Gesicht und lachte dann, als er die Tränen in den Augen des Händlers sah.
„Ich – es tut mir leid, dass ich…” stotterte dieser.
Thomas gab ihm die Hand. „Es ist schon gut, es ist schon gut.”
Ich musste lächeln, denn am Mittag hatte Thomas noch ganz andere Dinge mit denen vorgehabt, die ihn herumgestoßen hatten…
Ich schaute wieder Jesus an, der uns beobachtet hatte und nun freundlich nickte. Dann wandte er sich einer Frau zu, die vor ihm niederfiel und bat: „Hilf mir, Herr, wenn du kannst.”

Seine Jünger nahmen uns beiseite. Man reichte uns Wasser, befragte uns, wie lange wir blind gewesen waren. Immer wieder mussten wir erzählen, von unserem Leben, von unseren Hoffnungen, als wir gehört hatten, dass Jesus vorübergehen würde.
Langsam schob sich jetzt die Menge weiter auf dem Weg aus der Stadt, wir begleiteten sie. Einer der Jünger, Simon, antwortete mir auf meine Frage, ob es möglich sei, sich dem Herrn anzuschließen: „Ja, du bist Korbmacher, sicher kannst du auch andere praktische Dinge tun, komm mit uns.”
Vom Wegrand riefen Elisabeth und Maria, sofort erkannte ich ihre lieb gewonnenen Stimmen. Glücklich erzählten wir erneut, was Jesus für uns getan hatte, und den Beweis hatten sie ja vor Augen. Ich bat sie, meinen Vater zu grüßen und ihm von dem Wunder zu erzählen, mit dem festen Versprechen, ihn so schnell wie möglich selbst zu besuchen. Aber jetzt wollte ich nur in der Nähe des Herrn sein, hören, was er lehrte, begreifen, wer er war.

Thomas ging mit ihnen zurück nach Jericho, um Timäus alles zu berichten, er stieß einige Tage später wieder zu uns und erzählte mir, wie glücklich mein Vater gewesen war. Einige Zeit später waren wir erneut in der Gegend, und Jesus schickte mich selbst zu meinem Vater.
Ich berichtete ihm alles, was ich inzwischen erlebt hatte, wie Menschen geheilt und glücklich wurden, wenn sie zu Jesus kamen. Ich erzählte ihm, was der Herr lehrte, und schließlich verabschiedete mich mein Vater mit den Worten: „Es ist der Messias. Folge ihm, und bete auch für mich zu unserem Schöpfer.”

Nach Matthäus 20, 29-34; Markus 10, 46-52; Lukas 18, 35-43

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