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Als Leseprobe zum Buch Zurück nach Korinth? hier das Vorwort:

Wie kommt eigentlich jemand, der kein Theologe ist, auf die Idee, seine Gedanken und Empfindungen zu einem Brief in der Bibel als Buch zu verfassen? Noch dazu so, dass die Leser nicht Theologie, Griechisch oder historische Forschung studiert haben müssen, um den Text zu verstehen?
Ich bin nicht der einzige, der so etwas unternimmt. Für andere Autoren kann ich nicht sprechen, ich will Ihnen, liebe Leser, aber zumindest verraten, wie ich dazu komme.
Nachdem mein Buch »Ich aber habe für dich gebetet« über das Gebet im Neuen Testament erschienen war, bekam ich von vielen Lesern sinngemäß zu hören: »Endlich einmal eine Herangehensweise, die jeder verstehen und nachvollziehen kann.« Einige rühmten mein schmales Werk sogar als bahnbrechend und einzigartig… nun ja, ich selbst würde es nicht so hoch ansiedeln, sondern – und das mag in der Tat einzigartig sein – es allenfalls als Prosa mit sachlichem Bezug bezeichnen. »Es liest sich wie ein Roman«, meinte ein Leser, und genau das war bei dem Buch über das Gebet und ist auch bei diesem mein Anliegen.
Ich halte grundsätzlich wenig von der Trennung in Sachbücher und Literatur. Die Bibel selbst ist ja kein Sachbuch, also warum muss ein Werk, das sich mit dem Inhalt der Heiligen Schrift beschäftigt, im Tonfall eines wissenschaftlichen Kommentars verfasst und im Regal mit den Sachbüchern zu finden sein? Eben. Es gibt keinen vernünftigen Grund. Jedenfalls ist dieses vorliegende Werk über den ersten Korintherbrief weder Sachbuch noch Erzählung, sondern einfach ein Text, der fragt: Unterscheidet sich die Gemeinde Jesu Christi heute eigentlich wesentlich von der Gemeinde, an die Paulus geschrieben hat? Oder anders formuliert: Was hat Paulus uns heute und hier zu sagen?
Die beiden uns erhaltenen Briefe des Apostel Paulus an die Gläubigen in Korinth sind, wie seine anderen Schriften, alles andere als nüchtern, abgeklärt oder langweilig. Sie sind vielmehr provokativ, spannend, leidenschaftlich und manchmal ganz schön kontrovers, wie wir am Beispiel des ersten Korintherbriefes sehen werden – vorausgesetzt der geschätzte Leser folgt mir durch diese Seiten.
In diesem Buch muss ich etwas tun, was ich an und für sich überhaupt nicht mag: Ich muss den Brief, den der Apostel geschrieben hat, in Stücke zerteilen. Ich bitte die Leser sehr eindringlich darum, niemals aus den Augen zu verlieren, dass wir es trotz der Unterteilung, die ich vornehme, mit einem Brief zu tun haben.
Ein Brief wird normalerweise vom Beginn (»Liebe Tante Erna,«) bis zum Schluss (»Mit Gruß und Kuss, dein Julius«) gelesen. Zwischen Anrede und Gruß stehen je nach Anlass und Autor wenige oder viele Worte.
Nehmen wir mal an, ein verliebter Jüngling schreibt der Herzallerliebsten einen Liebesbrief. Sie wird doch hoffentlich nicht auf die absonderliche Idee kommen, aus der dritten Seite die vierte Zeile von oben zu lesen, und daraus irgendwelche Schlüsse ziehen zu wollen?
Genau das aber wird vielerorts und permanent mit der Bibel beziehungsweise ihren Teilen getan. Man fischt sich irgendwo einen Satz heraus, fügt einen zweiten aus einem ganz anderen biblischen Buch hinzu, und fertig ist die theologische Begründung für die abstrusen Ideen, denen man so häufig begegnet. Nicht selten werden solche abenteuerlichen Lehrgebäude von geistlichen Leitern, die eine theologische Ausbildung genossen haben, konstruiert. Die »normalen Schäfchen« überprüfen gar nicht, ob es sich überhaupt so verhält, wie es der geachtete Pastor Soundso verkündet. Die Christen sind – leider leider – häufig wieder so unmündig, wie es zur Zeit Martin Luthers üblich war, als die Bibel nur denen vorlag, die Latein oder Griechisch gelernt hatten. Viele Gläubige heute verlassen sich einfach blind auf das, was jemand auf der Kanzel so von sich gibt …
Deshalb werde ich nicht müde, immer wieder im Gespräch mit Menschen zu sagen und in meinen Texten zu schreiben, dass jeder Christ eingeladen ist und Gewinn daraus erzielen kann, selbst in der Bibel zu lesen und sie dabei so zu behandeln, wie man mit anderen Büchern auch umgeht. Ich würde jedenfalls niemals aus einem Roman irgendwo vier, fünf Sätze lesen und dann meinen, ich wüsste, worum es geht, was der Autor mir zu sagen wünscht und wie die Zusammenhänge aussehen.
Bücher wie dieses, das Sie nun in der Hand halten, sollen dabei helfen, die Zusammenhänge in den Blick zu bekommen und auch manches zu verstehen, was uns heute nicht mehr geläufig ist. Ich gehe mit dem Leser vom ersten Satz bis zum letzten Satz durch den Brief und erläutere dabei, was mir schwer verständlich scheint oder was mir besonders wichtig wird, immer mit dem Zusammenhang im Auge, den Paulus beim Schreiben oder diktieren sah.
Das heißt nicht, dass ich recht habe. Ich kann und will nur das schildern, was ich selbst verstanden und empfunden habe. Sie, lieber Leser, mögen an ganz anderen Stellen hellhörig werden als ich. Sie werden in manchen Punkten anderer Meinung sein als ich, so wie ich an einigen Punkten mit Paulus keine Deckungsgleichheit erziele. Ich meine: Das darf ich, und selbstverständlich darf auch der Leser meiner Zeilen den Apostel und seinen Brief anders verstehen und empfinden als ich. Ich will keinesfalls die Rolle des eben erwähnten Pastors Soundso einnehmen und von Ihnen verlangen oder erwarten, dass sie meine Worte einfach so hin- und annehmen.
Nur bitte tun sie sich – grundsätzlich und unabhängig von diesem Buch – einen Gefallen: Verstehen Sie Briefe in der Bibel als Briefe, nicht als Sammlung von Zitaten oder sonst etwas. Versuchen Sie, die Überschriften und Kapitelunterteilung in Ihrer Bibel zu ignorieren. Paulus hat Briefe geschrieben, nicht nummerierte Verse. (Daher finden Sie auch in den Textzitaten hier keine Verszählung, lediglich jeweils in Klammern am Schluss des Zitates die Quelle. Ich zitiere, wenn nicht anders vermerkt, die Revidierte Elberfelder Übersetzung.)
Schon die Tatsache, dass manche Kapitel mit »Denn…« oder »Daher…« anfangen, sollte ja den Bruchstückleser stutzig machen: da muss etwas vor diesem Satz stehen, worauf sich dieser Satz bezieht.

Wie kommt eigentlich jemand, der kein Theologe ist, auf die Idee, seine Gedanken und Empfindungen zu einem Brief in der Bibel als Buch zu verfassen? Noch dazu so, dass die Leser nicht Theologie, Griechisch oder historische Forschung studiert haben müssen, um den Text zu verstehen?
Ich bin nicht der einzige, der so etwas unternimmt. Für andere Autoren kann ich nicht sprechen, ich will Ihnen, liebe Leser, aber zumindest verraten, wie ich dazu komme.Nachdem mein Buch »Ich aber habe für dich gebetet« über das Gebet im Neuen Testament erschienen war, bekam ich von vielen Lesern sinngemäß zu hören: »Endlich einmal eine Herangehensweise, die jeder verstehen und nachvollziehen kann.« Einige rühmten mein schmales Werk sogar als bahnbrechend und einzigartig… nun ja, ich selbst würde es nicht so hoch ansiedeln, sondern – und das mag in der Tat einzigartig sein – es allenfalls als Prosa mit sachlichem Bezug bezeichnen. »Es liest sich wie ein Roman«, meinte ein Leser, und genau das war bei dem Buch über das Gebet und ist auch bei diesem mein Anliegen.
Ich halte grundsätzlich wenig von der Trennung in Sachbücher und Literatur. Die Bibel selbst ist ja kein Sachbuch, also warum muss ein Werk, das sich mit dem Inhalt der Heiligen Schrift beschäftigt, im Tonfall eines wissenschaftlichen Kommentars verfasst und im Regal mit den Sachbüchern zu finden sein? Eben. Es gibt keinen vernünftigen Grund. Jedenfalls ist dieses vorliegende Werk über den ersten Korintherbrief weder Sachbuch noch Erzählung, sondern einfach ein Text, der fragt: Unterscheidet sich die Gemeinde Jesu Christi heute eigentlich wesentlich von der Gemeinde, an die Paulus geschrieben hat? Oder anders formuliert: Was hat Paulus uns heute und hier zu sagen?
Die beiden uns erhaltenen Briefe des Apostel Paulus an die Gläubigen in Korinth sind, wie seine anderen Schriften, alles andere als nüchtern, abgeklärt oder langweilig. Sie sind vielmehr provokativ, spannend, leidenschaftlich und manchmal ganz schön kontrovers, wie wir am Beispiel des ersten Korintherbriefes sehen werden – vorausgesetzt der geschätzte Leser folgt mir durch diese Seiten.
In diesem Buch muss ich etwas tun, was ich an und für sich überhaupt nicht mag: Ich muss den Brief, den der Apostel geschrieben hat, in Stücke zerteilen. Ich bitte die Leser sehr eindringlich darum, niemals aus den Augen zu verlieren, dass wir es trotz der Unterteilung, die ich vornehme, mit einem Brief zu tun haben.Ein Brief wird normalerweise vom Beginn (»Liebe Tante Erna,«) bis zum Schluss (»Mit Gruß und Kuss, dein Julius«) gelesen. Zwischen Anrede und Gruß stehen je nach Anlass und Autor wenige oder viele Worte.Nehmen wir mal an, ein verliebter Jüngling schreibt der Herzallerliebsten einen Liebesbrief. Sie wird doch hoffentlich nicht auf die absonderliche Idee kommen, aus der dritten Seite die vierte Zeile von oben zu lesen, und daraus irgendwelche Schlüsse ziehen zu wollen?Genau das aber wird vielerorts und permanent mit der Bibel beziehungsweise ihren Teilen getan. Man fischt sich irgendwo einen Satz heraus, fügt einen zweiten aus einem ganz anderen biblischen Buch hinzu, und fertig ist die theologische Begründung für die abstrusen Ideen, denen man so häufig begegnet. Nicht selten werden solche abenteuerlichen Lehrgebäude von geistlichen Leitern, die eine theologische Ausbildung genossen haben, konstruiert. Die »normalen Schäfchen« überprüfen gar nicht, ob es sich überhaupt so verhält, wie es der geachtete Pastor Soundso verkündet. Die Christen sind – leider leider – häufig wieder so unmündig, wie es zur Zeit Martin Luthers üblich war, als die Bibel nur denen vorlag, die Latein oder Griechisch gelernt hatten. Viele Gläubige heute verlassen sich einfach blind auf das, was jemand auf der Kanzel so von sich gibt …
Deshalb werde ich nicht müde, immer wieder im Gespräch mit Menschen zu sagen und in meinen Texten zu schreiben, dass jeder Christ eingeladen ist und Gewinn daraus erzielen kann, selbst in der Bibel zu lesen und sie dabei so zu behandeln, wie man mit anderen Büchern auch umgeht. Ich würde jedenfalls niemals aus einem Roman irgendwo vier, fünf Sätze lesen und dann meinen, ich wüsste, worum es geht, was der Autor mir zu sagen wünscht und wie die Zusammenhänge aussehen.
Bücher wie dieses, das Sie nun in der Hand halten, sollen dabei helfen, die Zusammenhänge in den Blick zu bekommen und auch manches zu verstehen, was uns heute nicht mehr geläufig ist. Ich gehe mit dem Leser vom ersten Satz bis zum letzten Satz durch den Brief und erläutere dabei, was mir schwer verständlich scheint oder was mir besonders wichtig wird, immer mit dem Zusammenhang im Auge, den Paulus beim Schreiben oder diktieren sah.Das heißt nicht, dass ich recht habe. Ich kann und will nur das schildern, was ich selbst verstanden und empfunden habe. Sie, lieber Leser, mögen an ganz anderen Stellen hellhörig werden als ich. Sie werden in manchen Punkten anderer Meinung sein als ich, so wie ich an einigen Punkten mit Paulus keine Deckungsgleichheit erziele. Ich meine: Das darf ich, und selbstverständlich darf auch der Leser meiner Zeilen den Apostel und seinen Brief anders verstehen und empfinden als ich. Ich will keinesfalls die Rolle des eben erwähnten Pastors Soundso einnehmen und von Ihnen verlangen oder erwarten, dass sie meine Worte einfach so hin- und annehmen.
Nur bitte tun Sie sich – grundsätzlich und unabhängig von diesem Buch – einen Gefallen: Verstehen Sie Briefe in der Bibel als Briefe, nicht als Sammlung von Zitaten oder sonst etwas. Versuchen Sie, die Überschriften und Kapitelunterteilung in Ihrer Bibel zu ignorieren. Paulus hat Briefe geschrieben, nicht nummerierte Verse. (Daher finden Sie auch in den Textzitaten hier keine Verszählung, lediglich jeweils in Klammern am Schluss des Zitates die Quelle. Ich zitiere, wenn nicht anders vermerkt, die Revidierte Elberfelder Übersetzung.) Schon die Tatsache, dass manche Kapitel mit »Denn…« oder »Daher…« anfangen, sollte ja den Bruchstückleser stutzig machen: da muss etwas vor diesem Satz stehen, worauf sich dieser Satz bezieht.

Soweit die Vorrede. Weiterlesen kann man das Buch nach dem Download im entsprechenden Format hier: Zurück nach Korinth bei Feedbooks

Wer Großes versucht, ist bewundernswert, auch wenn er fällt. -Lucius Annaeus Seneca

Die charismatische Bewegung am Ende

Wenn etwas zu Ende geht oder ist, dann heißt das keineswegs, dass es schlecht oder falsch gewesen sei. Im Gegenteil. Es kann ungeheuer wertvoll, bereichernd, unvergesslich sein und sogar bleiben. Zum Beispiel ein wunderbarer Konzertabend – der bleibt noch lange in Erinnerung, lässt sich womöglich als Tonkonserve nachempfinden, hat das Leben bereichert, schöne Stunden geschenkt, war alles andere als vergeudete Zeit oder Mühe, weder für die Musiker noch für die Zuhörer. Oder nehmen wir eine Lebensphase: Eine Kindheit, gefüllt mit Abenteuern, Erfolgen und auch Niederlagen, aus denen etwas gelernt wurde, wird die Zukunft des Menschen prägen, hat Erfahrungen, Erkenntnisse und vieles mehr gebracht, was auch dann, wenn die Erlebnisse selbst vergessen sind, nachwirken kann und wird.

Natürlich kann ein Konzert auch hundsmiserabel sein, eine Kindheit zur Qual werden und gar Schaden für das ganze weitere Leben anrichten. Aber, das ist hier der Punkt, die bloße Tatsache, dass etwas zu Ende ist, bedeutet noch keinerlei Werturteil.

Das Prinzip gilt auch für Glaubensbewegungen und -strömungen wie die charismatische Bewegung in Deutschland. Allem Anschein nach geht diese ihrem Ende entgegen. (In anderen Ländern und Kontinenten sieht vieles derzeit völlig anders aus als hier bei uns.)

Ich verdanke den Predigten und der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen in charismatischen Gemeinden eine ganze Menge, was ich nicht missen möchte. Das heißt nicht, dass ich alles in solchen Gemeinden gut und richtig finde, bei manchen Themenbereichen habe ich abweichende Überzeugungen. Doch damit kann ich gut leben, auch mit dem Widerspruch derer, die eher der »offiziellen Linie« zuneigen. Das ist völlig in Ordnung und richtig so. Meine Standpunkte sollen für andere Menschen keineswegs verbindlich sein, jeder darf seine eigenen finden und vertreten.

Etliche Jahre lang war ich Mitglied und Mitarbeiter in einer evangelikalen Gemeinde, in der die öffentliche Ausübung der Gaben des Heiligen Geistes nicht opportun war. Als Leiter eines Gebetskreises und einer Anbetungsgruppe hatte ich es gelegentlich mit  Konflikten zu tun, weil ich, wie man einmal hinter meinem Rücken dem Pastor mitteilte, »bei der Gebetsgemeinschaft die Lippen bewegt« hatte. Stimmt. Ich hatte leise, für die anderen unhörbar, in Sprachen gebetet. Welch ein Fauxpas! Der Pastor nahm es gelassen, denn er war – abweichend von der Doktrin seines Gemeindeverbandes – ein Sympathisant der Geistesgaben. Wie auch immer: In den Jahren in jener nicht-charismatischen Gemeinde bin ich geistlich nach einer tiefen Krise gesund geworden, zu Kräften gekommen, habe neuen Lebensmut und feste Glaubensgrundlagen gefunden. Ich würde auch diese Zeit nicht missen wollen.

Ich schicke dies nur voraus, damit niemand womöglich meine Gedanken so versteht, als sei ich »gegen die Chrismatiker« – das sei ferne! Ich bin auch nicht »gegen evangelikale Gemeinden«, oder katholische, oder evangelische, oder was es sonst noch so alles in Gottes buntem Zoo gibt. Ich bin vielmehr »dafür« – für das Reich Gottes, in welcher Gestalt es auch daherkommen mag. Einschließlich charismatisch-pfingstlicher Ausprägung.

Ein Leser schrieb mir kürzlich unter anderem: »Es scheint ein strukturelles Problem der charismatischen Gemeinden zu geben. Ich kenne mindestens vier von Berlin bis Bayern persönlich, die sich seit einiger Zeit zerlegen, in einer war ich selbst drin. Ich selbst habe die „typisch charismatischen“ Dinge weder geglaubt noch praktiziert, was mir keinen Nachteil gebracht hat, insofern hatte man selbst da Freiheit, „das Gute stehen zu lassen“. Ich selbst wurde dennoch vor dem geistlichen Hintergrund einer solchen Gemeinde bekehrt. Also kann es so schlecht nicht gewesen sein. Trotzdem wurden etliche Gläubige auf das falsche Gleis gesetzt, manche durch in sie gelegte und niemals erfüllte Wünsche und Visionen auch auf das Abstellgleis.«

Gemeinden, die »sich selbst zerlegen« sind das eine, Gemeinden, die einfach aussterben, das andere. Das Ergebnis ist identisch: sie verschwinden von der geistlichen Landkarte.

Obwohl so manche Anstrengung, irgendwie wieder Leben in die Gemeinden zu bringen, in den letzten Jahren keinen Erfolg gebracht hat, werden einige nicht umdenken, weil sie meinen, dass das, was 100 Jahre lang richtig war, auch in den nächsten 100 Jahren richtig sein und bleiben muss.

Doch gerade Menschen, die erst in den letzten Jahren ihren Weg zum Glauben gefunden haben, empfinden das (meist ungeschriebene) Regelwerk in charismatischen Gemeinden als beklemmend und einengend, als Leistungsanforderung: »Sei gesegnet, (im Klartext sei erfolgreich), oder die Lage ist schlimm «, so schildert es einer, der etliche Jahre in einer charismatischen Gemeinde war.

Auch die Tatsache, dass die Praxis hinter der Theorie weit zurückbleibt, irritiert viele Menschen: »Wenn ich all das, was da gepredigt wird, auch im wirklichen Leben gesehen hätte, wäre das prima. Aber die Pastoren reden von Ereignissen, die 80 oder 90 Jahre vorbei sind, als wäre das heute noch Realität. Auf mich wirkt das inzwischen nur noch wie Wunschdenken oder Heuchelei«, meinte jemand, der inzwischen von einer charismatischen zu einer methodistischen Gemeinde gewechselt ist.

Der pfingstliche Aufbruch

Die Pfingstbewegung, aus der die charismatische Bewegung erwuchs, ist ein rundes Jahrhundert alt. Was damals neu und umstritten war, regt heute kaum noch jemanden auf: Sprachenrede, übernatürliche Heilungen, Prophetien und andere Gaben und Wirkungen des Heiligen Geistes wurden damals neu entdeckt – jedoch sind das Phänomene, von denen schon das Neue Testament berichtet, also keineswegs Erfindungen oder Errungenschaften der Pfingstler, sondern lediglich eine Rückkehr zu dem, was in der ersten Gemeinde den biblischen Berichten zufolge Alltag war. Der Heilige Geist wurde eingeladen und er kam. Das hatte sichtbare Auswirkungen. Etliche Heilungen und Wunder aus jener Zeit wurden medizinisch untersucht und als echt verbürgt. Das alles regte manche eher konservativ geprägte Gläubige auf, aber es brachte vor allem eins zustande: Menschen wurden errettet, und zwar haufenweise. Kumpels aus dem Bergbau, Matrosen und Prostituierte von der Reeperbahn, jede Menge Menschen aus gesellschaftlichen Schichten, um die sich die offizielle Kirche kaum noch bemüht hatte, füllten die Gotteshäuser. Die Gemeinden wuchsen an vielen Orten in atemberaubendem Tempo. Vom Heiligen Geist mit Feuer entfachte Gläubige brachten in ihre jeweiligen Gemeinden und Kirchen einen atemberaubenden Aufbruch hinein.

Doch diese anfängliche Blüte hielt in Deutschland nicht lange an. Es kam zu einer folgenschweren Spaltung. Vor ziemlich genau 100 Jahren wurde ein fatales Dokument verabschiedet und veröffentlicht, das eine tiefe Wunde in die deutsche Christenheit riss, die sogenannte »Berliner Erklärung«. Dieser Riss ist bis heute nicht wirklich verheilt. Unter anderem hieß es in dem Dokument:

Die sogen. Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein. Es wirken in ihr Dämonen, welche, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen. In vielen Fällen haben sich die sogen. „Geistbegabten” nachträglich als besessen erwiesen. … Der Geist dieser Bewegung bringt geistige und körperliche Machtwirkungen hervor; dennoch ist es ein falscher Geist. Er hat sich als solcher entlarvt. Die hässlichen Erscheinungen wie Hinstürzen, Gesichtszuckungen, Zittern, Schreien, widerliches, lautes Lachen usw. treten auch diesmal in Versammlungen auf. Wir lassen dahingestellt, wie viel davon dämonisch, wie viel hysterisch oder seelisch ist – gottgewirkt sind solche Erscheinungen nicht.

Zweifellos hatten die Unterzeichnenden manches gesehen, was ihre Schlüsse nahelegte und sie waren aufrichtig darum bemüht, Schaden abzuwenden. Es gab unbestritten Exzesse, es gab Irrwege, es gab Fehler und Scheitern innerhalb der Pfingstbewegung. Manch unrühmliche Episode wurde so gedeutet, dass der Teufel dahintersteckte. Davor wollte man die Gläubigen bewahren und schüttete das Kind mit dem Bade aus, anstatt genauer hinzuschauen.

100 Jahre später

Die Praxis zeigt heute fast überall, dass eine Zusammenarbeit der Konfessionen, auch mit charismatischen Gemeinden, möglich und üblich ist. Offiziell wurde die »Berliner Erklärung« der evangelischen Gemeinschaftsbewegung nie widerrufen, aber man akzeptiert inzwischen weithin, dass der charismatische oder pfingstliche Mitchrist zwar einen anderen Frömmigkeitsstil pflegt, dass er andere Betonungen setzt – die gemeinsame Grundlage des Glaubens aber bleibt davon unberührt. Man nimmt Rücksicht auf einander.

Kaum jemand bezeichnet Pfingstler oder Charismatiker noch als Menschen, in denen der »Geist von unten« wirkt.

Fast unbemerkt hat in den letzten Jahren das Sterben der charismatischen Bewegung begonnen und stattgefunden. Es wäre in den letzten Jahren bereits abzulesen gewesen an einigen nüchternen Beobachtungen:

  • Es gab so gut wie kein Wachstum der Gemeinden mehr durch Menschen, die Jesus kennen lernten, sondern allenfalls durch den Transfer von Christen aus anderen Kirchen oder Gemeinschaften.
  • Evangelistische Aktionen erreichten zunehmend lediglich ein Publikum, das bereits fromm war; wenn sich mal ein Ungläubiger dazu gesellte, ging er anschließend unbeeindruckt oder kopfschüttelnd seiner Wege. Kaum eine Gemeinde veranstaltet heute noch Evangelisationen, weil sie sowieso erfolglos wären.
  • Die Gemeindemitglieder wurden immer weniger »nach außen« aktiv, sie kuschelten sich statt dessen aneinander bei Lobpreisveranstaltungen, Konferenzen, Freizeiten, Gemeindetagen und anderen Versammlungen, in denen »weltliche« Menschen weder sonderlich erwünscht noch anzutreffen waren.
  • Neben der Anbetung wurde die Beschäftigung mit den innergemeindlichen Belangen zum Zentrum des Glaubenslebens. Weder soziale, noch politische oder gesellschaftliche Anliegen fanden noch nennenswerten Platz, ganz zu schweigen von der Frage, wie man denn wohl die Nachbarn, Kollegen, Freunde für den Glauben gewinnen konnte, nachdem man die traditionelle Evangelisation ad acta gelegt hatte.
  • Das, was tatsächlich wichtig und entscheidend für wirkliche missionarische Überzeugungskraft ist, nämlich die persönliche Beziehung zu Gott, wurde zum alleinigen Ziel des gemeindlichen Lebens. Das Mittel wurde zum Zweck.

Jesus hatte den Jüngern einst den Heiligen Geist angekündigt, der sie für ihren Auftrag, nämlich dafür zu sorgen, dass das Reich Gottes kommt und der Wille des Vaters geschieht, ausrüsten würde. Sie sollten mit Kraft bekleidet werden, um Kranke zu heilen, Gefangene zu befreien, die gute Nachricht vom Erlöser Jesus Christus zu verbreiten. Das Ziel waren die Verlorenen, nicht die Gemeinschaft der Gläubigen: »…ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.«

Gläubige profitieren (schon seit jenem ersten Pfingsten) natürlich insofern, als der Heilige Geist das ganze Leben des Menschen positiv verändert. Er schenkt Freude, gibt Frieden, erfüllt mit Hoffnung und tröstet denjenigen, der Trost benötigt. Er erklärt dem menschlichen Herzen, was auf dem Herzen Gottes liegt, erinnert an die Worte Jesu und schließt auf, was unverständlich ist.

Zweifellos ist der Heilige Geist wohltuend und gut für den Menschen, aber ist das sein einziges Anliegen? Ohne Frage sehnt sich der Heilige Geist nach der Gemeinschaft mit uns, jedoch nicht ausschließlich zu unserer eigenen Erbauung. Die »Kraft aus der Höhe« hatte in der Apostelgeschichte und hat noch heute ein Ziel und einen Grund: Sie rüstet dazu aus, ein Zeuge Jesu zu sein, und zwar ein überzeugender Zeuge. Durchaus auch durch Zeichen und Wunder, die mit der Predigt des Evangeliums (nicht im Gemeindegottesdienst, in dem sich ausschließlich die Frommen versammeln, sondern dort, wo die gottfernen Menschen sind) einhergehen.

In weiten Teilen der charismatischen Bewegung ist jedoch längst die Gemeinde (neben dem individuellen Ego) zum Zentrum der Aktivitäten und Anstrengungen geworden. Statt selbst Zeuge zu sein, erwartet man »Erweckung«, irgendetwas, was vom Himmel fällt und die leeren Reihen in den Sälen füllt. Man befindet sich in der sicheren Burg und wartet darauf, dass die Gottlosen hereingeströmt kommen, um sich den Gläubigen anzuschließen. Bis die Erweckung endlich hereinbricht, beschäftigt man sich mit »Soaking«, »Segnungstunneln«, noch mehr »Worship-Events« – aber die Verlorenen strömen immer noch nicht herbei.

Ernüchterte Gläubige

Es kommt jedoch immer mehr zu Irritationen und Frustrationen, vor allem  bei den jüngeren Gläubigen. Einerseits ist da der hohe Anspruch, der in Predigten, Büchern und Seminaren verkündet wird: Kranke werden geheilt, Prophetie gibt klare Wegweisung für persönliche und gemeindliche Belange, Gebet verändert Umstände, genug Glaube ist gleichbedeutend mit Wohlstand und vieles mehr.

Andererseits sieht die Praxis ganz anders aus: Kranke bleiben krank und sterben, Prophetien verheißen das Gegenteil dessen, was dann eintritt, Umstände bleiben wie sie sind und auch die Finanzen kommen nicht herabgeregnet, so sehr man auch zu glauben, zu proklamieren und zu bekennen sich anstrengt, ganz abgesehen von den Opfern, die man in den Klingelbeutel legt.

Enttäuschte Christen wandern aus charismatischen Gemeinden ab, in die Welt oder zu »gemäßigten« Gemeinden, wo ihnen zumindest nichts versprochen wird, was sich hinterher als Illusion entpuppt.

Die Folge: Auf Stagnation beim Gemeindewachstum folgt in den letzten Jahren immer häufiger Schrumpfen und schließlich Absterben. Die Geburtenrate unter den Gläubigen reicht nicht aus, um die leer werdenden Plätze mit jungen Leuten aus den eigenen Reihen zu füllen.

Das charismatische Erbe

Die Erkenntnisse und Errungenschaften des pfingstlichen Aufbruchs sind inzwischen weit über die charismatische Bewegung hinaus verbreitet. Dieses charismatische Erbe wird sicher Bestand haben.

Ich habe schon Lobpreis- und Anbetungszeiten in katholischen Kirchen miterlebt, die einiges in den Schatten stellen, was in charismatischen Gemeinden vorzufinden ist. In vielen Konfessionen werden die Gläubigen heute ermutigt, den Heiligen Geist einzuladen. Das geht nicht immer mit der bei den Charismatikern so beliebten »Zungenrede« einher, aber selbst sie kommt in diversen konservativ geprägten Kirchen und Gemeinden vor. Auch die persönliche Beschäftigung mit den biblischen Texten ist längst keine Domäne der Pfingstgemeinden und charismatischen Gruppen mehr.

Im Gegenteil. Dort ist inzwischen zum Teil verschwunden, was einst wiederentdeckt worden war. Unter anderem die Lektüre der Bibel. Leider begnügen sich viele Gläubige damit, einen oder zwei Verse pro Tag zu lesen, in der Annahme, dass sie damit »Wort Gottes in sich aufnehmen« würden. Es herrscht oft eine erschreckende Unkenntnis der biblischen Zusammenhänge, der eine oder andere Satz aus der Bibel wird als Grundlage für haarsträubende Lehrmeinungen und Auslegungen missverstanden. Originalton aus einem Hauskreis: »Aber es steht doch irgendwo, dass man dem Pastor gehorchen muss.« – »Die Bibel ist ganz klar gegen Schwule.« – »Man muss den Zehnten geben, sonst kann einen Gott nicht segnen.«

Auf die Frage, wo das denn stünde, wer das in welchem Zusammenhang geschrieben haben soll, warum das Zitierte eigentlich gilt, wenn das im nächsten Satz Gesagte für uns keine Bedeutung zu haben braucht, herrscht meist ratloses Schweigen. Allenfalls verweist man darauf, dass der Pastor das doch neulich in der Predigt gesagt habe…

Wenn ich mit katholischen, evangelikalen oder lutherischen Gläubigen spreche, offenbart sich meist eine weit bessere Bibelkenntnis als bei vielen Charismatikern.

Die Unkenntnis des Einzelnen über das, was wirklich in der Bibel steht, öffnet Tür und Tor für allerlei absonderliche Lehren und Irrlehren. Das war zur Zeit Luthers so, und heute ist es – auf andere Weise – wieder zu beobachten.

Damals unter anderem der Ablasshandel, heute beispielsweise das vielerorts gepredigte Wohlstandsevangelium. Es dient (genau wie der Ablassbrief) dazu, die Gemeindekasse zu füllen, man suggeriert den Gläubigen, dass sie nur immer mehr spenden müssen, um selbst reich zu werden. Beim  Ablass versprach man dagegen noch Sündenvergebung gegen Geld.

Zweifellos gibt es in der Bibel Beispiele, dass Menschen den Segen Gottes auf materielle Weise erlebt haben. Es gibt aber auch diejenigen Gläubigen in der Bibel, denen es wirtschaftlich miserabel geht – und daran ändert auch ihr Spendenverhalten nichts. Zweifellos gibt es in der Bibel (und bis heute) Beispiele für übernatürliche Heilungen, und es ist nichts verkehrt daran, Gott als den großen Arzt zu verkünden. Aber nicht alle wurden und werden geheilt. Paulus ließ einen Gefährten sterbenskrank zurück, anstatt ihn zu heilen, seinem Freund Timotheus gab er den Rat, Wein statt immer nur Wasser zu trinken, damit seine Magenbeschwerden nachlassen.

Bei vielen charismatischen Gemeinden fehlt dieser Blick auf beide Wirklichkeiten in der Bibel, was im Extremfall dazu führt, dass Menschen medizinische Hilfe ablehnen, weil sie »Unglaube« wäre oder mehr Geld spenden, als angesichts ihrer Finanzlage opportun wäre.

Im eigenen Saft schmoren?

Die charismatische Bewegung hat zweifellos ihre Aufgabe – Vergessenes und Verschüttetes wieder in den Alltag der Christen zu holen – erfüllt, jedoch keine neue Aufgaben oder Ziele gefunden – und den eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren. Die Gemeinden haben sich zunehmend um sich selbst gedreht, und dabei die anderen Christen, die oft als »unvollkommen« betrachtet werden, weil ihnen ja beispielsweise die Zungenrede fehlt oder keine Propheten ans Mikrophon gelassen werden, aus dem Blick verloren. Genau wie die »ungläubige« Welt ringsherum.

Die Daseinsberechtigung mancher Gemeinde wird so definiert, dass sie für die gläubig gewordenen Menschen Auferbauung, Lehre und Gemeinschaft bereitstellt. Punkt. Nichts sonst. Man schaut »christliche Fernsehsender«, hört Anbetungs-CDs, liest fromme Bücher.

Die Probleme der Stadt, in der man sich befindet, das Elend in den Familien ringsherum, rufen allenfalls ein Seufzen hervor: »Herr, hilf!« Und damit hat sich das Problem erledigt. Dafür ist ja schließlich Gott zuständig.

Denn es geht vorwiegend oder stellenweise ausschließlich nur noch um eins: Wie bekomme ich mehr von Gott? Wie wird mein Leben angenehmer? Wie können meine Probleme gelöst werden? Was kann der Heilige Geist für mich tun? Ich will noch mehr »soaken« und noch mehr Prophetien hören. Der Pastor soll mir die Hände auflegen, damit meine Krankheit verschwindet…

Selbstverständlich ist es legitim und richtig, sich von Gott beschenken, wohl tun zu lassen. Auch dazu ist wie gesagt der Heilige Geist da, wird er doch als Tröster, als Helfer bezeichnet. Doch ist das wirklich alles, worum es im Reich Gottes geht? Ich, mir, mein, mich, uns

Querdenker

Es gibt aber auch Christen in Deutschland, die sich ihrer Umgebung zuwenden, die sich der Probleme in ihrer Nachbarschaft annehmen, ohne dabei das Ziel im Auge zu haben, endlich wieder die eigenen Reihen zu füllen. Stattdessen wollen sie Not lindern, ungeachtet des Glaubens, der Herkunft oder des sozialen Status der Notleidenden. Sie wollen den Menschen helfen, fragen nicht danach, ob der Nächste Moslem, Atheist, ein Freund des Dalai Lama oder gar ein Sympathisant des Teufels ist. Solch engagierte Gläubige geraten flugs in den Verdacht, mit »emergentem Gedankengut« infiziert zu sein, selbst wenn sie gar nicht wissen, was das eigentlich sein soll.

»Missional«, »emergent«… – ein Gespenst geht um in Deutschland: Christen, die unbequeme Fragen stellen, die neue Wege ausprobieren, die nicht mehr zufrieden sind mit Vertröstungen auf ein besseres, erweckliches Morgen, die sich statt dessen hier und jetzt den Menschen zuwenden und ihre Probleme nicht mit einem »Herr hilf!« abtun. Sie werden misstrauisch beäugt und – man mag es angesichts der »Berliner Erklärung« kaum glauben, ausgerechnet von manchen Charismatikern verdächtigt, einem »Geist von unten« verfallen zu sein.

Diese Wertung mag womöglich daraus resultieren, dass die »emergente Theologie« im Gegensatz zur charismatischen Theologie nicht »fertig« ist und auch nicht fertig sein will. Man kann sie nirgendwo nachlesen. Sie ist nicht in Stein gemeißelt oder auf Papier gedruckt. Niemand sagt: »Bitteschön, hier ist unsere emergente Theologie zum Nachschlagen für alle Fälle und Unfälle des Lebens.«

Warum gibt es so etwas nicht? Viele Emergente sind von einem Christentum entmutigt, das alle Antworten bereits kennt. Die Hoffnung, der Dienst und die Diskussion der Emergenten zielt auf eine Neubelegung christlicher Theologie ab – nicht im Elfenbeinturm, nicht einmal auf Kanzeln und in Kirchenbänken, sondern auf der Straße oder am Stammtisch oder im Internet oder wo auch immer Gespräch stattfindet.

Der emergente Dialog ist von der Grundüberzeugung geleitet, dass Theologie und Praxis untrennbar verbunden sind und einander beständig befruchten – also kann es gar keine fertige Version von Theologie geben.

»Theologie ist das Reden über die Verbindung zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Fast alles, was Menschen tun, ist theologisch, da es reflektiert, was wir über Gott glauben – wer Gott ist, was Gott von uns möchte, inwiefern er in der Welt am Wirken ist.« So heißt es in einem der Bücher, die zum Quer- und Umdenken anregen, »The New Christians«.

Wenn Emergente ständig Fragen stellen, dann ist das kein Zeichen von Trotz, sondern von Integrität. Je mehr sie die Bibel lesen, desto komplexer erscheint sie ihnen. Sie nehmen den ganzen Text an und nicht nur ihre Lieblingsstellen.

Das mag einer der entscheidenden Unterschiede zur charismatischen Tradition sein, bei der doch in sehr vielen Predigten und Schriften immer wieder zu beobachten ist, dass ein Vers hier, zwei Verse dort aus ihrem biblischen Kontext herausgelöst werden, um damit eine Lehre, ein Dogma zu begründen und zu entwickeln.

Ein starker Kontrast zur charismatischen Denkweise zeigt sich also bereits darin: Emergente Theologie – wenn man sie überhaupt als Theologie bezeichnen will – ist keine kirchliche Dogmatik und keine Glaubenslehre, sondern Phantasie für das Reich Gottes in der Welt und für die Welt. Es geht um Gottes Reich und daher immer und überall um öffentliche Theologie, aber niemals und nirgendwo um religiöse Ideologie der bürgerlichen und politischen Gesellschaft, auch nicht der sogenannten »christlichen« Gesellschaft.

Die Teilnehmer am emergenten Dialog, die ich kenne oder lese, erkennen und akzeptieren die Tatsache, dass wir nicht alles, beziehungsweise sogar recht wenig wissen können. Darum reden wir über alles, was wir denken. Ob es nun falsch oder richtig oder irgendwo dazwischen ist, zu dieser Erkenntnis soll dann der Dialog führen.

»Vielleicht hat es uns in Deutschland ja auch nie an Erkenntnis gemangelt. Wohl aber hat es uns an zwei Dingen gefehlt: Erstens an dem Mut, Erkanntes konsequent umzusetzen und dabei alte Zöpfe auch einmal abzuschneiden und ausgetretene Pfade zu verlassen; zweitens an der menschlichen Größe, anderen experimentelle Spielräume einzuräumen, Fehler und Scheitern zu tolerieren und den Nachwuchs oder die Pioniere auch dann zu fördern und zu unterstützen, wenn sie unsere eigenen Vorlieben dabei nicht so bedienen, wie wir es gerne hätten. Auch in diesem (nicht dogmatischen) Sinne gilt doch das reformatorische ‚ecclesia semper reformanda’. Und da stehen wir Deutsche erst ganz am Anfang, meinen wir.« – so wurde es in einem offenen Brief mal formuliert.

Es ist in gewisser Weise faszinierend, dass viele Menschen einen emergenten Dialog begonnen haben, um in erster Linie den eigenen Glauben zu retten. Weil manch einer an dem verzweifelt, was seine Gemeinde oder Kirche lehrt und tut (oder eben nicht tut, obwohl sie es lehrt), so sehr daran verzweifelt, dass der Glaube als solcher in Gefahr gerät.

Glaube in Gefahr

Manch einer zerbricht in charismatischen Gemeinden und wird zum öffentlichen »Verkläger der Brüder«; es gibt haufenweise Internetforen und Schriften von Ex-Charismatikern, in denen der blanke Hass lodert. Traurig, aber wahr. Oft genug verständlich, weil jemand Hab und Gut geopfert hat und hinterher stellt sich heraus, dass es gar nicht Gott war, der dazu aufforderte, sondern der Gemeindeleiter. Oder ein Kranker, dem versprochen wurde, er müsse nur glauben – was er nach bestem Wissen und Gewissen tut. Krank ist und bleibt er dennoch. Aus solchen Frustrationen entsteht schnell Hass. Da wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet, pauschaliert und verurteilt. Es ist ein Graus.

Nicht wenige wandern auch aus charismatischen Gemeinden in »gemäßigte« Kirchen ab. Man hat ihnen Wohlstand und Gesundheit versprochen, sie sind arm und krank geblieben. Also – so die Schlussfolgerung – existiert dieser Gott gar nicht, von dem man ihnen erzählt hat.

Andere wiederum fangen an, Fragen zu stellen: Ist Gott wirklich so, wie er gepredigt wird? Wie kommt es, dass die Gemeinde dermaßen weltfremd ist? Muss das sein, dass Christsein in Formen abläuft, die seit Urzeiten bestehen? Muss ein Gottesdienst eine einstündige Predigt enthalten, überwiegend oder ausschl8ießlich ein Frontalprogramm sein?

Solche (und viele andere) Fragen stellen Emergente. Sie wollen Antworten erwägen und darüber reden. Nicht als Konkurrenz, sondern als Teil ihrer jeweiligen Heimatgemeinde, falls sie (noch?) eine haben. Nicht, um die Macht zu übernehmen und Strukturen zu stürzen, sondern um im persönlichen (Glaubens-)Leben weniger Unfruchtbarkeit, Widersprüche, Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu erleben. Und, wie gesagt, oft genug, um den eigenen Glauben zu retten.

Zu diesen Menschen zähle ich mich. Dass wir dabei Strukturen und Machtgefüge in Frage stellen, an Traditionen und Konventionen rütteln und nicht davor zurückscheuen, auch »heilige Kühe« gedanklich zu schlachten, mag man uns – dem emergenten Dialog als solchem – getrost vorwerfen.

Nichts anderes hat seinerzeit Martin Luther getan. Er wollte nicht seine Kirche abschaffen, sondern das Christenleben zu dem zurückbringen, was es einst gewesen war. Auch die Pfingts- und dann die charismatische Bewegung wollten ursprünglich die bestehenden Kirchen mit neuem Leben aus dem Feuer des Heiligen Geistes entzünden, statt neue Gemeinden zu gründen. Dass dies meist nicht möglich war, kann man nur bedauern. Es lag, zum Beispiel bei der »Berliner Erklärung«, meist an einigen Betonköpfen.

Die gibt es auch heute und leider sogar im charismatischen Lager. Ein hier bewusst nicht genannter Pastor schrieb über die emergente Bewegung:

»Unsere Brüder und Schwestern des neuen Stream sind nämlich den Trends weitgehend entgegengekommen und haben im Rahmen ihres Begehrens, relevant zu sein und nicht an den Belangen der Gesellschaft vorbei zu steuern, ohne dass sie es bemerkten, manche Anteile der Ideologie angenommen, der sie begegnen wollen. Diese Happen fremder Philosophie, die sie verschluckt haben, sind größer als sie es wahr haben wollen.  … Aber in diesem Vorgehen ist zu einem großen Teil der Geist des Relativismus schon enthalten. Die Emerging-Church-Bewegung will den modernen oder postmodernen Menschen erreichen, indem sie ihm letztlich in seinem Geist begegnet. … So kam es zu einem langsamen aber immer rasanter werdenden Bergrutsch der christlichen Ethik: Neue Freiheiten in der Sexualität unter Einschluss der Enttabuisierung der Homosexualität, neues Denken was Ehe, Familie, Scheidung und Kindererziehung anlangt. In der Gemeinde hält die Postmoderne in großer Breite Einzug. Gottesdienste werden verändert oder abgeschafft, Ordnungen außer Kraft gesetzt, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Hingabe an gemeinsame Ziele und Strukturen unterliegen den Forderungen der jeweiligen örtlichen Spielform der neuen Frömmigkeit.«

Wenn man diese Sätze auf ihren Inhalt kondensiert, dann heißt das nichts anderes als: »Die Emerging Church vermischt das Evangelium mit fremder Philosophie, will den Menschen in einem Geist begegnen, der nicht der Geist Gottes ist.«

Wenn nicht der Geist Gottes, welcher bleibt denn dann übrig? Genau der, den man der Pfingst- und der charismatischen Bewegung vorgeworfen hat. Ein »Geist von unten« sei dort wirksam, hieß es in der »Berliner Erklärung«. Und nun wird dieser Vorwurf ausgerechnet aus dem Lager laut, das einst selbst Opfer solcher Unterstellungen war?

Die Fehler kann man beheben

Niemand bestreitet ernsthaft, dass es in der charismatischen Bewegung und in der Pfingstbewegung Irrwege, Fehlentwicklungen und Versagen gab. Muss man sie deshalb als Ganzes als Satanswerk verurteilen?

Niemand bestreitet ernsthaft, dass es im emergenten Dialog Irrtümer, Sackgasen, Fehlentwicklungen und Missverständnisse gibt. Muss man deshalb von »Happen fremder Philosophie« reden, die verschluckt wurden, oder (hübsch verblümt natürlich) von einem Geist, der aus der falschen Richtung kommt?

Wie schön wäre es doch, wenn es in Deutschland nicht (wie seinerzeit vor ziemlich genau 100 Jahren durch die unselige »Berliner Erklärung«) zu einem Gegeneinander kommt, sondern zu einem Hören auf den anderen, Lernen von einander. Sollten wir unsere Energie – charismatisch, emergent oder sonst ein Etikett – nicht lieber gemeinsam darauf konzentrieren, wie unsere Nachbarn und Freunde in das Reich Gottes hineinkommen können?

Ich meine, dass dieser Brückenbau gelingen kann, wenn Christen aller Konfessionen und Ausrichtungen zusammenarbeiten, von einander und miteinander lernen, ihre Erfahrungen teilen und dem jeweils anders geprägten Gläubigen zur Verfügung stellen, anstatt sich abzugrenzen und Mauern zu errichten.

Was man als »missional« oder »emergent« bezeichnet, ist einer der Wege, die denkbar sind, keineswegs der einzige. Das charismatisch-pfingstliche Erbe verstehe ich als wichtige Ergänzung und Bereicherung zum emergenten Dialog, denn zweifellos hat die charismatische Bewegung viel Gutes hervorgebracht. Genau wie der Pietismus für seine Zeit. Und die Reformation. Und viele andere Aufbrüche und Bewegungen.

Ich kann mir noch immer vorstellen, dass eine Veränderung der kirchlichen Landschaft gelingt, ohne dass wieder der eine den anderen verteufelt. Die Kirchen in Deutschland wird Gott reformieren – oder auch nicht. Aber vielleicht hat er, wenn er es tut, dafür mehr als nur ein einziges Modell im Sinn? Schließlich hat er den Menschen auch nicht als uniformes Fließbandprodukt geschaffen. Warum sollte nicht jeder die Form von Glaubenspraxis finden dürfen, in der er sich wirklich zu Hause fühlen kann?

Es mag sein, dass mein Traum von einer solch breitgefächerten Gemeindelandschaft verrückt ist, aber es ist der einzige, den ich habe.

Die Entblößung

@ Experiment

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Diese Geschichte ist als Experiment im Oktober und November 2009 entstanden. Meine Idee: Ich fange eine Erzählung an und überlasse dann bezüglich eines entscheidenden Details den Lesern die Entscheidung, wie es weitergehen soll. Ob das überhaupt funktionieren würde, wusste ich genauso wenig wie den Inhalt der Geschichte. Alles, was ich hatte, war der Gedanke, dass sich jemand mit einem Foto konfrontiert sieht, auf dem er zunehmend entblößt wird.

Nun ist der Gedanke eines sich verändernden Bildes nichts Neues, Stephen King beispielsweise hat ihn auf seine Art in The Road Virus Heading North (oder war es South?) anhand eines Gemäldes ausgemalt.

Ich hatte, wie gesagt, keine Ahnung, was aus der Idee werden würde, und beim Schreiben war ich gelegentlich überrascht, wie leicht sich auch eine problematische Leserentscheidung umsetzen ließ. Die Abstimmungsergebnisse sind in dieser nun leicht überarbeiteten Version jeweils zwischen den einzelnen Teilen zu finden.

Ich wünsche angenehme Unterhaltung bei der Lektüre.

@ 1

Der E-Mail-Posteingang war so unübersichtlich wie meist nach einem Wochenende ohne Aufruf der iGoogle-Seite. Beim Löschen der unerwünschten Nachrichten hätte Stephan Haberling beinahe die E-Mail ungelesen gelöscht, die in den nächsten Tagen für eine ganz und gar unerwartete Wendung in seinem Leben sorgen sollte. Natürlich konnte er das nicht wissen, der Betreff ließ auch nicht auf persönlichen oder wichtigen Inhalt schließen, deutete eher auf Spam hin. »Ist das dein Bild auf dieser Seite?« stand da. Eigentlich ein typischer Lockvogel-Betreff. Der Absender namens alter.ego@… ließ ebenfalls kein persönliches Schreiben, sondern irgendwelchen Müll erwarten.

Was wäre geschehen, wenn er diese E-Mail nicht geöffnet hätte? Diese Frage stellte sich Stephan Haberling in den nächsten Tagen wohl häufiger als irgendeine andere. Wäre nichts geschehen? Hätte die Entblößung nicht stattgefunden? Oder hätte er nur nichts davon gewusst?

Solche Fragen sind bekanntlich müßig, denn sie ändern nichts daran, dass etwas getan wurde, dass ein Umstand eingetreten ist. So auch in diesem Fall – er hatte die E-Mail geöffnet und gelesen. Eine Möglichkeit des Entlesens existiert nun einmal nicht. Und das Vergessen, das ahnte er bald, würde so leicht nicht fallen.

»Lieber Stephan, mir scheint, dass dieses Foto dich zeigt«, las er, »aber ich bin mir nicht ganz sicher. Und wie kommt es ins Internet? Wer hat es aufgenommen, wo und wann? Wirf doch mal einen Blick darauf, vielleicht ist es für dich ja interessant? Es grüßt herzlich: alter.ego«.

Es folgte ein Link, und den einfach zu klicken, hütete sich Stephan Haberling. Auf solche simplen Tricks der Virenschleudern fiel er nicht herein. Zunächst schaute er sich den Seitenquelltext an, ob hinter der angezeigten Adresse womöglich eine Umleitung versteckt sei. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Verknüpfung führte direkt zu einem öffentlichen Fotoalbum auf Picasaweb, in dem es nur ein einziges Bild zu sehen gab.

Es zeigte, ein Zweifel schien kaum angebracht, tatsächlich ihn selbst. Allerdings war er ratlos, von wem, wann und wo es aufgenommen sein mochte. Auch der Titel der Galerie machte ihn stutzig: »Die Entblößung« stand da. Die Galerie gehörte einem gewissen alter.ego – also mit großer Wahrscheinlichkeit dem Absender der E-Mail.

Die abgebildete Person – Stephan Haberling selbst, soweit er es zu beurteilen vermochte – stand in einem ihm unbekannten Raum und reckte sich in die Höhe, um einen Halogenstrahler zu erreichen. Bekleidet war er mit Sandalen, Jeans und Freizeithemd, die durchaus zu seiner Garderobe gehören mochten. Bei den Jeans war er unsicher, denn die sahen ja alle ähnlich aus, aber das Hemd erkannte er mit ziemlicher Sicherheit. Natürlich war es keine Sonderanfertigung vom persönlichen Schneider nur für ihn, sondern Kaufhausware, aber immerhin hatte er ein solches Kleidungsstück im Schrank und trug es auch recht gerne.

Sein Gesicht war auf dem Bild nach oben gerichtet, das Foto war im Halbprofil aufgenommen, aber es schien keine Verwechslung möglich: Da war er selbst zu sehen, wo und wann und warum auch immer.

Stephan Haberling grübelte, während er das Bild betrachtete. Er suchte in seinen Erinnerungen, aber er wurde nicht fündig. Weder erkannte er den Raum, noch hätte er sagen können, wann er sich jemals nach einem Halogenstrahler ausgestreckt hätte und dabei fotografiert worden wäre. Vielleicht war es doch nur ein Fall von verblüffender Ähnlichkeit?

Und wer war eigentlich dieser Mailabsender? Das musste sich ja wohl klären lassen. Ein Klick zurück zum E-Mail-Posteingang und dann ein Klick auf Antworten öffnete das Formular. »Wer sind Sie oder wer bist du?«, tippte er. »Kennen wir uns?« Dann klickte er auf Senden und widmete sich anderen Nachrichten.

Am nächsten Tag war eine Antwort eingetroffen, die jedoch keine Antwort auf seine Frage beinhaltete. Statt dessen las er: »Das zweite Foto ist da.«

Die Galerie zeigte tatsächlich ein weiteres Bild. Eigentlich war es das gleiche Foto, auf den ersten Blick jedenfalls. Jedoch fehlten die Sandalen, er – oder der ihm verblüffend ähnliche Unbekannte – stand nun barfuss an der gleichen Stelle, in der gleichen Haltung. Bis auf die nun bloßen Füße war auch bei genauer Betrachtung kein Unterschied erkennbar. Erneut durchforstete Stephan Haberling seine Erinnerung, aber weder der Raum noch eine auch nur annähernd ähnliche Situation kam ihm in den Sinn.

Er antwortete nicht auf die Mail.

Das dritte Foto, das sich am folgenden Morgen zu den anderen beiden gesellt hatte, ließ ihn bereits ahnen, dass der Titel der Galerie von jenem mysteriösen alter.ego mit Bedacht gewählt worden war. Nun war auch das Hemd verschwunden. Jeans und T-Shirt trug er – oder der Unbekannte mit der verblüffenden Ähnlichkeit – noch, keine Sandalen, kein Hemd. Das T-Shirt war, genau wie Jeans und verschwundenes Hemd, kein Einzelstück, er vermochte nicht zu sagen, ob es ihm gehörte oder nicht. Weiße T-Shirts gab es so häufig wie triefende Nasen im November, und selbstverständlich besaß Stephan Haberling mehrere derartige Kleidungsstücke. Er trug sie gerne unter Oberhemden oder Pullovern, wie so viele andere Männer verabscheute er die Feinripp-Unterhemden, die zu seiner großen Verwunderung nach wie vor verkauft wurden. An wen auch immer, jedenfalls nicht an ihn.

Keine E-Mail diesmal, vermutlich ging alter.ego mittlerweile davon aus, dass er schon aus Neugier Picasaweb einen täglichen Besuch abstatten würde. Zu recht.

Wie würde die Entblößung weitergehen, was als nächstes offenbaren? Stephan Haberling vermutete, dass am nächsten Tag das T-Shirt verschwinden würde, aber natürlich konnte er nicht sicher sein. Erst die Sandalen, dann das Oberhemd. Wenn er selbst sich auszöge, und nicht ein Unbekannter ihn – falls man das überhaupt so sagen konnte in diesem Fall – hätte er zunächst das Oberhemd, dann das T-Shirt abgelegt, anschließend dann die Sandalen, falls er auch aus der Hose zu schlüpfen gedachte.

clip_image002Ihm fiel Natalie ein, seit der Kindheit hatte er nicht mehr an sie gedacht. Sie war in seinem Alter, Tochter der Nachbarn und häufige Spielkameradin, seit die beiden eingeschult worden waren. Im Sommer kam sie oft mit zum Baden, da ihre alleinerziehende Mutter kaum die Zeit fand, mit Natalie an einen See oder ins Freibad zu gehen. Schon beim ersten Ausflug an den nahegelegenen See war Stephan aufgefallen, dass Natalie sich »verkehrt herum« auszog. Sie entledigte sich zuerst der Schuhe, dann der Hose und des Schlüpfers, bevor sie sich daran machte, den Oberkörper von den Textilien zu befreien. Badebekleidung war damals aus finanziellen Gründen weder in Stephans Familie noch bei Natalie vorhanden, also ging man, wenn der Ausflug zum Schwimmen diente, an eine der FKK-Badestellen. Stephan zog sich von oben nach unten aus, wie alle anderen, die er kannte. Wenn es einige Stunden später wieder nach Hause gehen sollte, schlüpfte er zuerst in die Unterwäsche und Hose, während Natalie die umgekehrte Reihenfolge ihres Entkleidens wählte. Zuerst griff sie zu Hemd und Bluse, dann erst wurde ihre untere Körperhälfte mit Textilien bedeckt.

Warum ihm nun diese Erinnerung an Kindheitstage einfiel, konnte Stephan nicht sagen, abgesehen von dem Umstand, dass die ersten drei Bilder in der Galerie nicht seiner gewohnten Reihenfolge entsprachen, Kleidungsstücke abzulegen.

Am Morgen des vierten Tages, noch im Bett, überlegte Stephan Haberling, was alter.ego eigentlich bezwecken wollte. Es gab keinen Hinweis darauf, ob die Galerie irgend einen Sinn hatte außer dem, eine Entblößung – höchstwahrscheinlich seine Entblößung – vorzuführen. Sicher war er sich immer noch nicht, ob die Bilder wirklich ihn zeigten. Er war nie in dem Raum gewesen, der auf den Bildern zu sehen war, und schon gar nicht mit jemandem, der ihn unter einem Halogenstrahler fotografiert hätte. Noch dazu mehrmals, beim Ablegen eines Kleidungsstückes nach dem anderen…

Da die Bilder keine wesentlich jüngere Person zeigten, hätte eine Erinnerung da sein müssen, wenn die Aufnahmen tatsächlich stattgefunden hätten.

Wenn nicht – was dann? Spielte ihm hier jemand einen Streich? Wozu? Einfach nur so? Oder doch mit einem Hintergedanken, einem Ziel? Mit Photoshop, oder wie konnte das technisch vonstatten gehen? Diesbezüglich war er wenig bewandert.

Stephan Haberling stand ohne Ergebnis seiner Grübeleien auf und schaltete den Computer ein.

Eine neue E-Mail von alter.ego lag im Posteingang bereit.

clip_image004@ Abstimmung

Die Frage war schlicht, das Ergebnis eindeutig. Die geschätzen Leser wollten Stephan Haberling seines Beinkleides beraubt sehen.

Also schrieb ich die Fortsetzung wie gewünscht.

@ 2

Er öffnete die Mail und las: »Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«

Das vierte Foto in der Galerie zeigte wie erwartet die gleiche Szene und ein Kleidungsstück weniger. Stephan Haberling betrachtete es gründlich, um vielleicht doch endlich Sicherheit zu bekommen, ob er selbst oder ein verblüffend ähnlicher Mensch abgebildet war. Verschwunden war – eigentlich hatte er bereits erwartet, dass die »falsche« Reihenfolge sich fortsetzen würde – die Jeans, und nun stand die Person in T-Shirt und Slip unter dem Halogenstrahler. Die Auflösung der Aufnahme war groß genug, um in das Bild hinein zu zoomen, und als er das linke Knie genauer betrachtete, wusste er, dass – wie auch immer die nie aufgenommenen Bilder ins Internet gelangen mochten – er selbst abgebildet war.

Die Narbe war zwar kaum noch zu sehen, aber zweifellos da. Verblüffende Ähnlichkeit zwischen zwei Menschen mochte es geben, aber Narben sind so einzigartig wie Fingerabdrücke.

Er war als 13jähriger bei einem Wettlauf anlässlich der Bundesjugendspiele ins Straucheln geraten und gestürzt. Hautabschürfungen an beiden Armen waren die Folge, aber das war nur der geringste Schaden, über so etwas hätte er als richtiger Junge keine Bemerkung verloren. Ein Indianer, das war so klar wie Quellwasser im Glas, kannte keinen Schmerz. Zwar war er kein Indianer, aber wen interessierten schon solche Kleinigkeiten, wenn es darum ging, ein Junge zu sein? Mädchen durften weinen, Jungs waren hart im Nehmen. Basta.

Er hatte noch versucht, von der Rennbahn auf das Gras neben dem rauen Splitbelag zu fallen, hatte sich im Sturz zur Seite geworfen. Zwischen Rennbahn und Gras gab es jedoch eine Einfassung aus scharfkantigen Pflastersteinen, und sein linkes Knie prallte mit voller Wucht auf deren Rand. Nach dem Unfall wurde der Sportplatz gesperrt und die hochragenden Rennbahnbegrenzungen mit den scharfen Kanten entfernt, aber davon profitierte Stephan Haberling nicht mehr.

Zunächst spürte er nichts. Er lag etwas benommen halb auf der Wiese, halb auf dem Split und sah reichlich Blut aus der klaffenden Wunde rinnen. Schüler und Sportlehrer standen um ihn herum und redeten, aber was sie sagten, drang nicht durch. Er war im mentalen Nebel gut aufgehoben, wie ein Beobachter, ein Unbeteiligter. Erst als man ihn auf eine Trage bettete und in den Notarztwagen schob, setzte der Schmerz ein. Der war schlimmer als alles, was er bis dahin gekannt hatte. Indianer hin oder her – die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Und es war ihm in diesem Moment noch nicht einmal peinlich.

Zwei Monate später waren die Kniescheibe repariert, die Schmerzen Vergangenheit und das Knie wieder einigermaßen zu gebrauchen. Es dauerte noch einige Zeit, bis er die frühere Beweglichkeit und Belastbarkeit erreichte, und die Narbe war bis heute sichtbar. Das jüngste Foto in der Galerie zeigte sie mit ausreichender Deutlichkeit.

Der ominöse alter.ego hatte also ihn selbst aufs Korn genommen. Wenn es so weiter ging, dann würde er sich in spätestens zwei Tagen nackt betrachten können. Das war nicht weiter bedenklich, denn wie er ohne Textilien aussah, wusste er; er brauchte nur vor oder nach dem Duschen in den Spiegel schauen, falls er im Zweifel sein sollte, ob sein Bauch eine Wölbung zeigte, die er in jungen Jahren nicht gekannt hatte. Er war nicht dick, nein, das wäre bestimmt übertrieben ausgedrückt, aber kritisch betrachtet konnte auch nicht die Rede davon sein, dass er einen Waschbrettbauch besaß.

Seine Entblößung war auch insofern unproblematisch, dass er gerne in die Sauna ging oder nach wie vor, obwohl die Anschaffung von Badebekleidung keine finanzielle Hürde mehr darstellte, ohne Bedenken mal einen FKK-Strand aufsuchte. Wenn bei solchen Gelegenheiten ein fremder Blick auf sonst verhüllte Körperregionen fallen sollte, lag das in der Natur der Sache. In der Sauna und am Strand gab es zweifellos unansehnlichere Erscheinungsformen der menschlichen Gestalt als seine. Allerdings auch ansehnlichere, da machte er sich nichts vor.

Aber eine Entblößung im Internet, in einer öffentlich zugänglichen Galerie, das war dann doch etwas anderes, als nackt unter Nackten zu entspannen. Zumal er nicht wusste, was alter.ego eigentlich plante. Am männlichen Körper ist ein Bestandteil in Größe und Winkel sehr veränderlich, und aus einem mehr oder weniger geschmackvollen Aktfoto kann allein dadurch etwas Anstößiges werden, dass die Veränderung ersichtlich ist. The Excitement hatte Frank McCourt den Zustand in einem Roman genannt, und ein männlicher Körper einschließlich sichtbarem Excitement gehörte eindeutig nicht mehr in die Rubrik Aktfoto.

»Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«, hatte der ominöse Urheber des ganzen Schlamassels geschrieben. Allerdings wusste Stephan Haberling beim besten Willen nicht, wie. Er konnte natürlich zur Polizei gehen und den Fall schildern, die E-Mails vorlegen, auf die Galerie verweisen und dann hoffen, dass dem Spuk ein Ende zu bereiten wäre. Er konnte auch Picasaweb kontaktieren und darum ersuchen, die Galerie zu entfernen. Vielleicht wäre das die einfachere Variante? Wie schnell waren wohl die Reaktionszeiten der Verantwortlichen?

Zunächst einmal antwortete er auf die E-Mail: »Wie könnte man das denn aufhalten?« Er schickte die Antwort ab und ging duschen.

Warum, darüber dachte er nicht nach, aber Stephan Haberling wählte entgegen seiner Gewohnheit die »verkehrte« Reihenfolge. Zuerst schlüpfte er aus der Pyjamahose, dann aus dem Oberteil.

Nach der Dusche zog er sich so an, wie seinerzeit die kleine Natalie. Zuerst das T-Shirt, dann das Oberhemd und darüber, da die Oktobertage schon recht kühl waren, einen leichten Pullover. Er schaute sich beim Anziehen im Spiegel zu und musste grinsen, als sich The Excitement einstellte. Das kommt davon, wenn man sich verkehrt herum anzieht, dachte er und schlüpfte belustigt über das Eigenleben unter der Gürtellinie in die übrigen Kleidungsstücke.

Schließlich ging er in die Küche, zapfte einen Kaffee Latte aus der Maschine und setzte sich wieder an den Computer, um das Bild des vierten Tages noch einmal genauer zu untersuchen.

clip_image006Dass er selbst abgebildet war, wusste er nun, denn die Narbe war unverwechselbar. Demnach gehörten auch die inzwischen verschwundenen und die noch verbliebenen Kleidungsstücke zu seiner Garderobe. Das T-Shirt war Massenware, und auch der Slip keineswegs ein Einzelstück. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, ihn in einer Wäscheschublade zu finden, hierzulande eher gering. Stephan Haberling hatte sich im Vorjahr bei einer Amerika-Rundreise Wäsche gekauft, weil er zu wenig mitgebracht hatte. Wozu auch den Koffer auf dem Hinflug unnötig füllen, wenn der Dollarkurs so günstig und Bekleidung in Amerika sowieso erschwinglich war. So war er in den Besitz von mehreren Jockey-Briefs gekommen, das vierte Foto aus der mysteriösen Sammlung von alter.ego zeigte ein solches Exemplar mit dem in Europa eher seltenen Schnitt.

Er hatte sich im Wal-Mart bei der Größenangabe auf der Packung vertan und eine Nummer zu groß gekauft, aber er trug die Wäsche trotzdem, sie war zwar weiter als gewohnt und gewünscht, aber nicht so weit, dass sie ihm von den Hüften gerutscht wäre.

Seine Gedanken kreisten wieder um die mögliche Anstößigkeit dessen, was alter.ego da am nächsten oder übernächsten Tag zu enthüllen gedachte. Offenbarte dieses Foto bereits, wie es um den Zustand »da unten« bestellt war? Womöglich spielte das auch keine Rolle, denn so undenkbar die Herkunft der Bilder war, so unabwägbar war natürlich die Frage, inwieweit der abgebildete Körper statisch sein mochte. Aber na ja, nachsehen konnte er ruhig mal. Er zoomte wieder in das Bild hinein.

Die nächsten Stunden widmete sich Stephan Haberling seiner Arbeit, die konnte er schließlich nicht einfach liegen lassen. Er war freier Journalist und Autor, zwei Redaktionen erwarteten bis zum Nachmittag Artikel von ihm. Zunächst wollte er sich der schwierigeren Aufgabe widmen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte eine Analyse dessen angefordert, was Sarrazin wirklich gesagt hatte und in welchem Zusammenhang die gerade heiß diskutierten Zitate standen. Die Ausgabe der »Lettre International« lag neben dem Computer und Stephan Haberling las in Ruhe mit der gebotenen Sorgfalt durch, was es mit den vielen kleinen Kopftuchmädchen auf sich hatte. Mit Textmarker und Bleistift bereitete er seine Analyse vor.

Dabei schaute er gelegentlich in den Posteingang seines Googlemail-Kontos und um 11:45 sah er, dass alter.ego eine Antwort – womöglich immerhin – geschickt hatte. Wahrscheinlich war es auch nur eine weitere Botschaft, die ihm nicht weiterhalf. Vielleicht jedoch verriet die E-Mail, wie aufzuhalten war, was Stephan Haberling hier widerfuhr?

@ Abstimmung

clip_image008In diesem Fall waren die Leser zu gleichen Teilen der Meinung, die E-Mail würde Aufschluss geben beziehungsweise sie würde nichts verraten.

Angesichts des Unentschieden blieb mir die freie Wahl, und ich beschloss, dass es zwar einen Hinweis geben, dass dieser aber so unklar wie möglich ausfallen sollte.

@ 3

»Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu«, las er. Nun ja. Wie erwartet nicht wirklich hilfreich, was alter.ego da schrieb. Aber immerhin ein kleiner Hinweis, dass der ominöse Tunichtgut meinte, einen Anlass für die Entblößung zu haben.

Stephan Haberling überlegte, was er wohl wem wann angetan haben mochte, um diese seltsame Galerie auszulösen. Ihm fiel nichts ein, so sehr er auch grübelte. Seine journalistischen Aktivitäten waren seriös, er schrieb nicht für niveaulose Blätter wie die BILD-Zeitung oder die Regenbogenpresse. Er bemühte sich bei seiner Arbeit stets um Objektivität, selbst wenn er – auch das war nun mal Aufgabe eines Journalisten – einen Missstand aufzudecken, Machenschaften beim Namen zu nennen oder kriminelles Tun zu beschreiben hatte, unterschied er nach bestem Wissen und Gewissen zwischen zu verurteilendem Handeln und Herabwürdigung einer Person. Und manches, was einschlägige Blätter und Sender für berichtenswert hielten, war für ihn einfach keine Nachricht. Ob Veronica Ferres in Rom geheiratet oder Stephen Gatley vor seinem Tod einen Schwulenclub besucht hatte – das gehörte nicht zu dem, was in der Öffentlichkeit breitgetreten werden musste. Natürlich passierte genau das trotzdem, und die Auflage mancher Publikation hing genauso von derartigem Voyeurismus ab wie die Einschaltquoten gewisser Sender. Es gab einen Markt für derartige Inhalte, aber Stephan Haberling weigerte sich, diesen zu bedienen.

Er war sich keines einzigen Falles bewusst, wo er jemanden auf eine Weise öffentlich bloßgestellt hätte, die alter.ego nun zur sonderbaren Entblößung seiner Person hätte veranlassen können.

Auch seine Geschichten und Romane kamen nicht in Betracht, denn darin traten ausschließlich fiktive Personen auf.

Also blieb nur das wirkliche Leben, falls es überhaupt wirklich einen Anlass geben sollte. Stephan Haberling grübelte, ohne Erfolg. Es gab keine Episode in seiner Biographie, bei der er jemanden buchstäblich oder metaphorisch entblößt hätte. Er lebte ohne Ausschweifungen und Skandale, hatte keine Affären, stellte niemanden bloß, nur sich selbst gelegentlich, in der Sauna oder am geeigneten Strand. Das konnte alter.ego ja nicht meinen?

Einstweilen gab Stephan Haberling das Grübeln auf, um den zweiten Auftrag zu erledigen, der heute noch fällig war. Er hatte eine Routineaufgabe für die Redaktion der Deutschen Presseagentur zu erledigen: Den Nachruf für Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, allgemein bekannter als Loriot, aktualisieren. Für Prominente, die ein gewisses Lebensalter erreicht hatten, wurden Nekrologe bereit gehalten, damit im Fall des Falles nicht erst recherchiert werden musste, und Loriot gehörte seit einigen Jahren zu denjenigen, deren Lebensdaten im Archiv vorgehalten wurden. Insgesamt war Stephan Haberling für 40 Nachrufe, allesamt Personen aus dem kulturellen Bereich, verantwortlich. Er überprüfte und ergänzte an jedem Arbeitstag einen, so dass er ungefähr alle zwei Monate jedem einzelnen potentiell demnächst Verstorbenen gedanklich begegnete.

In den letzten Jahren war bei Loriot nicht viel dazu gekommen, am 8. Juni 2009 hatte die Stiftung Deutsches Kabarett den Künstler mit einem Stern der Satire bedacht, davor hatte es sie Verleihung des Ehrenpreises der Deutschen Filmakademie gegeben. Im September war eine Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte eröffnet worden, aber das war für den Nachruf unerheblich, zumal sie vorher in Berlin zu sehen gewesen war. Die beiden Ehrungen waren schon vermerkt.

Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow war nun 86 Jahre alt und Stephan Haberling gönnte ihm noch viele Jahre des wohlverdienten Ruhestandes. Loriot gehörte zu denjenigen, deren Filme und Sketche ihn auch beim x-ten Mal nicht langweilten. Für den Geschmack seiner Schaffensperiode war er gelegentlich etwas risqué gewesen, von den entblößten Busen der vermeintlichen Mainzelmännchen (die ja wohl dem Oberkörper zufolge eher Mainzelmädchen waren) bis zu den Herren im Bad, die sich gelegentlich aus der Badewanne erhoben, wobei auch die etwas klein geratene Männlichkeit nicht verborgen blieb. Da war auch die Dame im Spielzeuggeschäft, die versonnen einen Holzstab in einem Bauklötzchen mit passendem Loch hin und her bewegte, oder die alkoholgeschwängerte Feststellung: »Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.« Nicht zu vergessen die Frage »Und wann wird er steif?« im Sketch mit der hochmodernen Feuerwehrspritze…

Solche Dinge waren natürlich verglichen mit dem, was heute im Kino und Fernsehen oder im Internet zu sehen war, harmlos. Wie harmlos mochte, überlegte Stephan Haberling, wohl seine Entblößung im Internet ausfallen, die ja kaum noch aufzuhalten schien? Er blickte auf seine Armbanduhr. 12:30 Uhr, somit konnte er sich ein Bier genehmigen, ohne sein selbst auferlegtes Gesetz zu brechen: Kein Alkohol vor 12 Uhr Mittags. Vielleicht sollte er auch einen Happen essen?

Ein Blick in den Kühlschrank überzeugte Stephan Haberling davon, dass der Besuch im Supermarkt nicht mehr aufzuschieben war. Der kümmerliche Rest Butter und eine einzige Scheibe Maasdamer ließen keine magenfüllende Mahlzeit erwarten, im Gefrierfach wartete eine einsame Pizza Tonno auf ihren Verzehr, mehr Vorräte gab es nicht.

clip_image010Er wusste selten, was er an Lebensmitteln einkaufen wollte, deshalb ging er so ungern zu Reichelt oder Rewe. Die endlosen Regale mit den verwirrend vielen Angeboten irritierten ihn jedes Mal, und in der Regel kam er Woche für Woche mit der gleichen Ausbeute zurück. Maasdamer und Kochschinken, Butter, Krustenbrot und Ölsardinen, Bier aus der Brauerei Krušovice oder Staropramen, zur Abwechslung auch mal Breznak. Dazu irgend etwas aus der Tiefkühlabteilung, meist Pizza. Langweilig, zugegeben, aber dafür war er sicher, dass ihm seine Mahlzeiten schmecken würden.

Er verließ die Wohnung und begegnete im Treppenhaus seinem Nachbarn Detlef Fischer. Genau der Mann, der ihm vielleicht bei seinem Entblößungsproblem helfen konnte. Warum war er nicht früher darauf gekommen? Detlef Fischer war Kriminalpolizist im Ruhestand, ein liebenswerter, gebildeter und immer freundlicher Mensch, dem Stephan Haberling schon bei einigen Computerproblemen hatte helfen können.

Der Einkauf war einstweilen vergessen.

»Guten Tag Herr Fischer, haben Sie einen Moment Zeit?«

»Gerne, kann ich Ihnen irgendwie helfen?«

»Das hoffe ich. Würden Sie so freundlich sein, in mein Arbeitszimmer zu kommen? Ich muss ihnen etwas zeigen, das nur so zu erklären, wäre zu schwierig. Und außerdem auch gar nicht logisch. Weil das, was da vor sich geht, gar nicht geht.«

»Da bin ich aber gespannt!«

Die beiden setzten sich an den PC und Stephan Haberling zeigte seinem Nachbarn die E-Mails und die Galerie mit den Bildern der fortschreitenden Entblößung. Er erklärte, dass er keine Ahnung hatte, wer alter.ego sein mochte und worauf er eigentlich hinaus wollte. Dann fragte er: »Und was mache ich nun?«

Detlef Fischer runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. »Viel können Sie da nicht tun. Soweit ich es beurteilen kann, liegt keine strafbare Handlung vor.«

»Jemand zieht mich im Internet aus, und das ist nicht strafbar?«

»Darüber könnten die Juristen sich vermutlich jahrelang streiten. Die Fakten sehen für mich als Polizist so aus: Sie sind als Journalist und vor allem als Autor eine Person öffentlichen Interesses. Daher ist es zulässig, Fotos von Ihnen aufzunehmen und diese auch öffentlich zugänglich zu machen, ohne dass Sie vorher zustimmen müssen. Die Bilder zeigen einen Mann, der ein Kleidungsstück nach dem anderen – äh – ablegt wäre ja falsch, also verliert. Bisher ist nichts zu sehen, was als anstößig gelten könnte, Männer in Unterhose und T-Shirt sind kein Grund, sich zu entrüsten. Vorausgesetzt es geht so weiter, werden Sie übermorgen im Adamskostüm zu sehen sein. Dann – aber auch erst dann – könnte die Schwelle des Zulässigen überschritten sein, weil Ihre Intimsphäre verletzt ist. Voraussetzung ist, dass die Aufnahmen nicht an einem öffentlichen Ort gemacht wurden, zum Beispiel am FKK-Strand. Das ist ja ersichtlich nicht der Fall. Also sind es private Bilder. Wenn die in der Wohnung des Menschen entstanden sind, der sie nun veröffentlicht, und Sie nicht widersprochen haben, ist dagegen auch erst mal nichts zu unternehmen. Wenn die Aufnahmen aus Ihrem Wohnzimmer stammen würden, wäre das eventuell anders, es sei denn, Sie hätten zugestimmt.«

»Habe ich nicht. Und die Bilder sind auch überhaupt nicht echt. Ich kenne weder den Raum, noch habe ich mich jemals auf diese Weise fotografieren lassen.«

»Aber die Narbe am Knie ist Ihre?«

»Ja.«

»Und die Kleidungsstücke?«

»Ich besitze das, was hier zu sehen ist, wenngleich es keine Einzelstücke sind.«

»Haben Sie nachgeschaut, ob vielleicht gerade dieses Freizeithemd oder diese Unterhose in ihrem Kleiderschrank fehlen?«

Darauf war Stephan Haberling nicht gekommen. Er stand auf und ging ins Schlafzimmer. Das gestreifte Hemd hing auf einem Bügel, die drei Jockey-Briefs lagen vollzählig in der Schublade.

»Alles da«, erklärte er seinem Nachbarn.

Detlef Fischer war einigermaßen ratlos. »Was mit Fotos beziehungsweise der Bildbearbeitung am Computer alles möglich ist, da kann man heutzutage nur noch staunen. Ich könnte einen ehemaligen Kollegen bitten, sich das anzuschauen, nicht dienstlich natürlich, da ja keine strafbare Handlung vorzuliegen scheint. Der Mann ist noch nicht pensioniert, hat also die komplette polizeiliche Ausrüstung zur Verfügung, und er ist Experte für Fälschungen und Manipulationen an Bildern. Er könnte, da die Auflösung ja sehr hoch ist, zumindest zweifelsfrei feststellen, dass es stimmt, was Sie sagen, nämlich dass diese Bilder nie aufgenommen wurden, sondern durch technische Manipulation zustande gekommen sind.«

»Würde er Ihnen denn diesen Gefallen tun?«

»Bestimmt. Soll ich?«

»Ja. Schon um meine Zweifel an der eigenen Zurechnungsfähigkeit zu beseitigen. Und dann?«

»Dann wüssten Sie wenigstens, womit Sie es zu tun haben. Mit welchen technischen Tricks hier gearbeitet wird. Vorausgesetzt, mein früherer Kollege kann das herausfinden.«

»Immerhin wäre ich einen Schritt weiter. Danke, Herr Fischer! Darf ich Sie zu einem Bier einladen?«

»Gerne. Sie haben immer diese tschechischen Sorten, ausgesprochen lecker.«

Stephan Haberling ging zum Kühlschrank und blickte auf eine Scheibe Maasdamer und einen Rest Butter.

»Entschuldigung, ich wollte gerade zum Supermarkt gehen, als wir uns im Treppenhaus gesehen haben. Nach dem Einkauf gibt es auch wieder Bier. Im Augenblick leider nicht.«

Detlef Fischer nahm es nicht krumm, er versprach, am späten Nachmittag – womöglich schon mit Ergebnissen bezüglich der Fotos – auf die Einladung zurückzukommen.

Kann man innerhalb weniger Minuten vergessen, dass der Kühlschrank leer ist? Stephan Haberling schüttelte den Kopf. Werde ich mit meinen 48 Jahren schon senil? Wenn ja, was ist dann mit diesen Fotos? Habe ich mich vor einer Kamera entblößt und das einfach vergessen? Gibt es so etwas?

Verlorene Minuten, Stunden Tage – so etwas mochte es in Romanen und Filmen geben. Es mochte vorkommen, dass Menschen sich so betranken oder mit Drogen anfüllten, dass sich ihnen später Erinnerungslücken auftaten. Stephan Haberling konnte sich nicht erinnern, sich in den letzten zwanzig Jahren dermaßen betrunken zu haben, und von Drogen hielt er sich sowieso fern.

Er nahm seinen Mantel vom Haken im Flur und schloss die Tür hinter sich. Vielleicht klärte die frische Luft auf dem Weg zum Einkaufen ein wenig sein wie vernebeltes Gehirn. Im Treppenhaus meinte er, das Klingeln seines Telefons aus der Wohnung zu hören, aber er machte nicht kehrt sondern ging hinaus auf die Straße.

@ Abstimmung

clip_image012Zwar knapp, aber doch immerhin mit einer Entscheidung statt Unentschieden beteiligten sich wieder die Leser. Was heißt die Leser, besser gesagt: einige Leser.

Der dritte Teil verzeichnete immerhin über 400 Zugriffe, abstimmen wollten nur 28 Besucher. Wer Mathematiker ist und Lust hat, kann ja ausrechnen, wie hoch die Wahlbeteiligung unter den Stimmberechtigten war.

Wie auch immer: Die Fotos sollten laut Leserwillen echt sein. Ein Ergebnis, von dem ich gehofft hatte, dass es nicht eintritt. Aber gut, Spielregel ist Spielregel, ich schrieb entsprechend weiter.

@ 4

»Das kann aber nicht sein«, widersprach Stephan Haberling, »wenn diese Fotos echt sind, wie Ihr Kollege behauptet, warum weiß ich dann nichts davon? Es wurde wirklich nichts daran manipuliert?«

Detlef Fischer zog die Schulten empor. »Ich bin kein Experte, aber für mich klingt die Analyse eindeutig. Lichttemparatur, Konturübergänge, Schattenwurf, digitale Informationen… ich gehe einfach davon aus, dass ein Fachmann wie mein Kollege, ehemaliger Kollege besser gesagt, weiß, wovon er redet, wenn er zu einem so eindeutigen Urteil gelangt.«

Also blieb eigentlich nur eine einzige logische Erklärung: Trotz der Narbe am Knie war diese Person nicht er selbst. Das wiederum war unlogisch, denn eine dermaßen verblüffende Ähnlichkeit mochte es höchstens bei Zwillingen geben, und er hatte keinen Bruder, geschweige denn einen Zwillingsbruder.

»Und der Raum«, fragte Detlef Fischer, »der ist Ihnen wirklich völlig fremd?«

Die mehr und mehr entblößte Figur nahm den größten Teil der Fotos ein, man erkannte im Hintergrund eine Vitrine aus weißem Holz mit Glaseinsätzen, links daneben ein kleines Stück Wand im Terrakottaton, offenbar mit einer interessanten Rohputztechnik gestaltet. Rechts waren Zweige und Blätter eines Ficus benjaminii zu erkennen. Was vom Fußboden zu sehen war, schien ein geknüpfter Teppich zu sein. Der Halogenstrahler, nach dem die Gestalt sich ausstreckte, gehörte zu einem Seilsystem. In der Vitrine stand weißes Geschirr, womöglich konnte ein Fachmann anhand der Bilder erkennen, welche Marke das war. Doch ob nun Seltmann oder Rosenthal oder sonst ein Hersteller, das änderte nichts daran, dass Stephan Haberling den Raum nicht kannte oder zumindest nicht erkannte. Er schüttelte den Kopf und meinte: »Keine Ahnung. Nie gesehen. Noch ein Bier, Herr Fischer?«

Vier leere Flaschen Krušovice standen auf dem Schreibtisch. 16 volle Flaschen waren noch vorrätig, aber der Nachbar lehnte dankend ab.

Wieder allein in seinem Arbeitszimmer überlegte Stephan Haberling, ob er nun etwas unternehmen oder einfach abwarten sollte. Polizeiliche Ermittlungen, das hatte er verstanden, waren einstweilen nicht angebracht, da keine eindeutige Straftat vorlag. Es blieb also die Möglichkeit, Picasaweb zu kontaktieren und darum zu ersuchen, die Galerie zu sperren. Allerdings war zu erwarten, dass alter.ego flugs mit anderen Anmeldedaten eine neue Galerie ins Leben rufen würde, ein endloses Katz- und Mausspiel. Auch nicht gerade sinnvoll.

Falls der Urheber des ganzen Schlamassels etwas von ihm wollte, hatte Stephan Haberling bisher nicht begriffen, was. Er öffnete noch einmal die letzte E-Mail. »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu« – mehr nicht. Unverständlich. Absurd. So wie die ganze Angelegenheit.

Er klickte auf Antworten und schrieb: »Tut mir leid, ich verstehe nicht, was gemeint ist. Ich weiß nicht, was Sie wollen. Ich weiß nicht, wer Sie sind. Entweder Sie machen verständliche Aussagen, oder es ist hoffnungslos.«

Nach dem Absenden nahm er die vier leeren Bierflaschen und brachte sie zurück in die Küche. Die Gläser räumte er in die Spülmaschine. Irgend etwas essen könnte jetzt nichts schaden. Ein Ölsardinenbrot? Vielleicht eine Pizza?

Das Telefon unterbrach seine Kostauswahl.

»Haberling.«

»Hier ist Lisa.«

Er hatte keine Ahnung, wer Lisa sein mochte. Das hatte nicht viel zu bedeuten, da er sich Namen schwer merken konnte. »Hallo Lisa.«

»Ich will nur kurz fragen, ob du heute Abend beim Autorenstammtisch dabei bist.«

Also war Lisa wohl eine Autorin? Wenn sie einen Nachnamen genannt hätte, wäre es Stephan Haberling unter Umständen leichter gefallen, sich ein Gesicht vorzustellen. So ganz sicher war allerdings auch dies nicht. »Ich habe vor, zu kommen. Warum?«

»Dann bringe ich dir etwas mit, was vielleicht interessant für deine Arbeit ist. Sonst hätte ich es mit der Post geschickt.«

Nun gut, dann würde er spätestens in dem Moment wissen, wer Lisa war, in dem ihm eine Dame etwas überreichte. Er nickte, was am Telefon zwar unerheblich, aber dennoch seine Angewohnheit war. »Okay, dann bis später, Lisa.«

Ihre Stimme klang nach einem Lächeln. »Ja, bis nachher, Stephan.«

clip_image014Der Autorenstammtisch fand alle drei Monate statt, zu Stephan Haberlings Leidwesen in Kreuzberg. Am Lokal gab es nichts auszusetzen, Speisen und Getränke waren erschwinglich und gut, der Stammtisch im Kellergeschoss bot genügend akustische Entfernung zum lauten Betrieb oben, um sich ohne erhobene Stimme unterhalten zu können. Das einzige Problem am »Bergmann 103« war die Tatsache, dass es in der Bergmannstraße im Haus Nummer 103 lag, und ringsherum gab es so gut wie keine Parkplätze. So musste er zusätzlich zur normalen Fahrtdauer von 40 Minuten stets eine Parkplatzsuche und dann einen Fußweg von rund 15 Minuten zum Lokal einplanen.

Mitglied konnte jeder in Berlin lebende Autor sein, der mindestens ein Buch in einem »richtigen« Verlag veröffentlicht hatte. Da der Stammtisch nirgends publik gemacht wurde, kamen neue Mitglieder oder Gäste nur durch persönliche Einladung in die Runde. Bei den vierteljährlichen Treffen tauschte man sich zwanglos über Gott und die Welt, das Schreiben und das Lesen aus, ohne dass ein Thema vorgegeben war. Meist ergab sich ein Schwerpunkt von selbst.

Als Stephan Haberling eintraf, saßen bereits vier Stammgäste am Tisch, und darüber hinaus eine junge Dame, die er noch nie gesehen hatte. Da neben ihr ein Stuhl frei war, setzte er sich zu ihr und stellte sich vor: »Guten Abend, ich heiße Stephan Haberling. Sie sind zum ersten Mal dabei?«

»Ja, ich bin gespannt auf den Austausch. Herr Bendix Kleefeld war so freundlich, mich einzuladen.«

Stephan Haberling stutzte. Etwas am Tonfall kam ihm bekannt vor. Aber was?

Bendix Kleefeld lächelte über den Tisch und ergänzte: »Sie ist eine ganz famose Erzählerin und charmante Gesellschafterin, dafür lege ich die Hand ins Feuer.«

»Und haben Sie«, fragte Stephan Haberling, »auch einen Namen?«

»Natürlich. Lisa del Giocondo.«

Die Anruferin. Die Autorin des von ihm hochgeschätzten Buches Mein zweites Ich. Die lange Gesuchte und nie Gefundene. Die Unerreichbare – plötzlich leibhaftig, direkt neben ihm am Stammtisch? Er war zu perplex, um sofort zu antworten.

Nach dem Stammtisch begleitete er Lisa in deren Wohnung, die in der gleichen Straße ein paar Hauseingänge entfernt lag. Es war überhaupt nicht seine Gewohnheit, fremde Frauen in deren Privatbereich aufzusuchen, aber hier und jetzt war sowieso alles dermaßen jenseits der Normalität, dass er keinen Augenblick gezögert hatte, als sie beim Aufbruch leise zu ihm sagte: »Wir gehen jetzt zu mir. Dort bekommst du das, was ich am Telefon versprochen habe.«

Sie stiegen die Treppen empor, im dritten Stock schloss Lisa eine Türe auf. Der Flur ließ bereits ahnen, dass diese Wohnung so ungewöhnlich eingerichtet und ausgestattet sein musste, wie ihre Bewohnerin ungewöhnlich war. Die Wände waren mit einem hellbraunen Baumwollstoff bezogen, so sah es auf den ersten Blick aus, aber die Wände leuchteten. Nicht grell, sondern in einer augenschmeichelnden Helligkeit.

Stephan Haberling berührte den Stoff, fasziniert von dem Effekt. Seine Begleiterin erklärte lächelnd: »Das ist mit Stoff bespanntes Glas, vom Boden bis zur Decke. Dahinter ist die LED-Beleuchtung installiert, und dahinter wiederum liegen die ursprünglichen Wände. Wenn ich die Wohnungstüre aufschließe, empfängt mich automatisch das Licht.«

Er nickte und sagte: »Wer bist du eigentlich, Lisa?«

»Geradeaus ist das Wohnzimmer. Setz dich hin, ich bringe ein paar Getränke aus dem Kühlschrank.«

Linkerhand war auf dem Weg zum Wohnzimmer eine angelehnte Tür, und Stephan Haberling konnte seine Neugier nicht zügeln. Er schob sie auf und blickte in ein Fotostudio, dem es wohl an keiner technischen Ausstattung mangelte. Kameras auf Stativen, diverse Leuchten und Blitzgeräte, mehrere Computer und Großbildschirme. Allerlei Dekorationsmaterial war vorhanden, sogar eine Schaufensterpuppe stand in einer Ecke. Er zog die Tür wieder heran und ging den Flur hinunter.

Er war nicht mehr sonderlich überrascht, als er im Wohnzimmer eine Rohputzwand im Terrakottaton sah, an der eine Vitrine mit Geschirr und neben dieser ein Ficus benjaminii stand. Der Teppich war so weich, wie er auf den Fotos aussah. Unter der Zimmerdecke war ein Halogen-Seilsystem angebracht. Was fehlte, war ein zunehmend nackter Mann, der sich zu einem der Strahler empor streckte. Stephan Haberling hob die Arme und stellte fest, dass er, falls er sich auf die Zehenspitzen stellte, den Strahler erreichen konnte.

»Kannst du mir den so verstellen, dass das Licht auf das obere Fach in der Vitrine fällt?«, fragte Lisa del Giocondo, die in der Wohnzimmertür stand und lächelte. »Er ist etwas zu niedrig ausgerichtet.«

»Darf ich meine Kleidung dazu anbehalten?« fragte er zurück.

»Selbstverständlich.« Wieder dieses Lächeln, das ihn erinnerte. Zurückerinnerte. Zurück in jene Zeit, in der sich alles änderte. Endgültig. Unumkehrbar.

Er richtete den Strahler behutsam nach oben, bis er die gewünschte Stelle beleuchtete. Zwischen dem Geschirr im oberen Fach stand ein kleiner Bilderrahmen. Stephan Haberling trat an die Vitrine und betrachtete das Portrait.

»Komm, setzt dich zu mir und erzähl mir von Isis«, bat ihn die Frau, die er wenige Stunden vorher noch nicht gekannt hatte, und die ihm nun plötzlich so vertraut war wie kein anderer Mensch auf dieser Welt.

»Erzähl mir von Isis, bitte.«

@ Abstimmung

clip_image016An dieser Stelle wollte ich von den Lesern wissen, ob Isis nun Stephans frühere Frau oder Lisas Schwester sein sollte.

Ich gebe es zu: In diesem Fall war die Abstimmung eher unerheblich und nur schmückendes Beiwerk, denn ich hatte mich diesbezüglich bereits entschlossen. Die Leser waren erneut zweigeteilt in ihrer Wahl, was mir letztendlich beim Weiterschreiben sehr entgegenkam.

@ 5

Er setzte sich. Lisa hatte eine Flasche Wein, Gläser und eine Schale mit Pistazienkernen bereitgestellt. Sie schenkte ein und sie ließen die Gläser aneinander klingen. »Auf die Entblößung«, sagte Lisa.

»Auf dich!«, meinte er. »Bezüglich der Entblößung hätte ich noch einige Fragen zu stellen.«

»Ich antworte nicht immer auf Fragen. Eigentlich eher selten. Die meisten Fragen, die gestellt werden, sind so überflüssig wie die Grippeimpfung für einen gesunden Organismus.«

»Das passt zu dir. Dein Buch, es lässt auch mehr offen, als dass man Antworten finden würde. So etwas mag ich im Prinzip, aber nicht in diesem Fall.«

»Ich weiß, dass es dir gefallen hat. Eigentlich habe ich Mein zweites Ich für dich geschrieben. Und für Isis, natürlich.«

»Wann hast du Isis zum letzten Mal gesehen?«

»Erzähl mir von ihr. Das, was nicht in meinem Buch zu finden ist.«

Stephan Haberling trank einen Schluck Wein, während er überlegte, wo er anfangen sollte. In ihrem Buch – eine als Roman verkleidete Autobiografie – hatte Lisa die Kindheit mit ihrer Zwillingsschwester Isis geschildert, das Heranwachsen, dann die Studienjahre. Die Schwestern im Buch trugen andere Namen, und die Handlung spielte sich an anderen Orten ab als im wirklichen Leben. Und dann, nach der Ankündigung, dass Isis heiraten würde, gab es eine Lücke in der Erzählung. Genau genommen brach die Geschichte einfach ab. Das letzte Kapitel schilderte nur, wie Isis gestorben sein musste. Vermutlich. Wahrscheinlich. Allem Anschein zufolge. Es gab niemanden, der Aufschluss hätte geben können. Die potentiellen Zeugen waren so tot wie Isis.

Als er Mein zweites Ich las, vor nunmehr fast acht Jahren, war er fassungslos. Wie konnte eine Autorin, von der er nichts wusste, die er nicht kannte, eine Romanfigur entwerfen, deren Geschichte so viele Parallelen mit dem Leben seiner Frau aufwies? Wie konnten der Charakter, die Eigenarten, sogar einige körperliche Merkmale so ähnlich, wenn nicht gar identisch sein?

Er wusste, dass Isis eine Zwillingsschwester gehabt hatte, keine eineiige, daher war die äußerliche Ähnlichkeit nicht größer als normalerweise bei Geschwistern zu erwarten. Isis redete selten und ungern über ihre Herkunft und Familie, er wusste nur, dass es eine Tragödie gegeben hatte, bei der ihre Eltern und Anina ums Leben gekommen waren. Er hätte nach der Lektüre des Romans natürlich Isis fragen wollen, ob manche der geschilderten Erlebnisse Phantasie oder Biographie waren. Das wenige, was sie preisgegeben hatte, legte die Vermutung nahe, dass Mein zweites Ich ihre wahre Geschichte erzählte. Aber Isis konnte nicht mehr Auskunft geben, er war und blieb mit seinen Fragen allein.

Stephan Haberling hatte versucht, mit der Autorin des Romans in Kontakt zu treten, erfolglos. Lisa del Giocondo war offenbar ein Pseudonym, und niemand schien in der Lage oder bereit zu sein, die Identität der Schriftstellerin aufzudecken. Es wurden keine Lesungen mit ihr veranstaltet, keine Autogrammstunden, selbst bei der Verleihung eines Buchpreises in Frankfurt war der Agent desVerlages erschienen, um die Ehrung an Lisas Stelle entgegen zu nehmen.

»Du bist doch in Wirklichkeit Anina, oder?«, fragte er sie.

Dieses Mal erhielt er sogar eine Antwort: »Ich war Anina. Jetzt bin ich Lisa, italienischer Abstammung statt ägyptischer. Ich fand das am ehesten plausibel, zu meinem Äußeren passend.«

»Und offensichtlich bist du nicht tot.«

Sie schwieg und schenkte Wein nach. Er hatte auch keinen Kommentar erwartet. Wie viele Worte, die man im Lauf des Tages aussprach, waren eigentlich wirklich notwendig oder zumindest angebracht? Zehn Prozent? Noch weniger?

Die beiden schwiegen eine Weile.

Dann sagte Lisa erneut: »Erzähl mir von Isis, bitte.«

clip_image018Stephan zündete sich eine Zigarette an und begann: »Es war ein Schicksalsjahr, 2001. Ich habe Isis am 5. Mai geheiratet, aber ich konnte nicht lange bei ihr bleiben. Vermutlich weißt du, dass ich damals für den Spiegel als Korrespondent aus Ägypten schrieb. Ich hatte einige einheimische Kontakte und sehr widersprüchliche Informationen wurden mir von ihnen zugetragen. Ein paar Tage nach unserer Hochzeit bat mich ein Mann an einer Straßenecke um Feuer für seine Zigarette. Ich wusste sofort, dass er kein normaler Passant war, denn er rauchte die eben angezündete Zigarette nicht, sondern hielt sie nur in der Hand. Er fragte mich, ob ich an einer brisanten und wertvollen Information interessiert wäre. Ich erklärte ihm, dass ich kein Geld ausgeben konnte, und er meinte, das sei auch nicht nötig.«

»Das ist aber nicht die Geschichte von Isis«, unterbrach ihn Lisa. »Das ist deine Geschichte, vielleicht. Man weiß es ja nicht, bei einem Autor, wie viel von seinem Erzählten wirklich passiert ist.«

»Warum hast du eigentlich kein weiteres Buch geschrieben?«

Sie antwortete auch auf diese Frage, worüber Stephan gleichermaßen erstaunt und erfreut war. »In mir war nur dieses eine Buch vorhanden. In dir sind noch viele Bücher.«

»Davon weiß ich nichts. Im Augenblick wüsste ich nichts zu schreiben.«

»Nobody can say where a book comes from. Least of all the person who writes it.«

»Das hat Paul Auster irgendwo geschrieben.«

»Leviathan.«

»Woher weißt du, dass in dir kein weiteres Buch ist, wenn du glaubst, dass in mir noch welche sind?«

»Ich bin keine Autorin. Ich bin Fotografin. In mir sind Bilder. Erzähl mir von Isis, bitte.«

»Ich kehrte am 28. Juni zu ihr zurück. Sie stand am Rand der Wiese hinter unserem Garten, wo einst ein kleiner Bach entsprungen war. Der war längst ausgetrocknet. Sie war müde, schlaftrunken, erschöpft. Ich nahm sie in die Arme und sagte ihr, dass ich sie liebte. Sie fragte, wo ich gewesen war, und ich erklärte ihr, dass es kein besonderer Ort war. Ich würde anders aussehen, meinte sie. Ich bestätigte, dass dem wohl so sei. Ich hatte sieben Wochen fernab der Zivilisation verbracht, wenig gegessen, keinen Rasierapparat benutzt und zum Waschen gab es meist nur eine Schüssel voll brackigen Wassers, wenn überhaupt. Du warst fort, sagte sie müde. Ja, natürlich war ich fort, antwortete ich. Sie fragte: Bleibst du jetzt hier? Ich blickte Isis in ihre unvergleichlichen Augen und sagte: Wenn du es willst, ja.«

»Und du bist geblieben.«

»Ich bin geblieben. Wir hatten etwas mehr als zwei Monate, einander zu lieben, zu genießen, von unserer Zukunft zu träumen. Es war kein Urlaub, aber ich musste nicht reisen. Sie arbeitete an ihrer Dokumentation, und je länger sie sich mit dem Stoff beschäftigte, desto verzweifelter wurde sie.«

Lisa schenkte Wein nach, Stephan Haberling zündete sich eine weitere Zigarette an. Sie schwiegen einige Minuten.

»Sie war kurz davor, die letzten Lücken in ihrer Arbeit zu schließen«, sagte Lisa schließlich. »Sie schrieb mir einen Brief, am 30. August, der mich aber wegen der Umstände erst am 10. September erreichte. Ich hatte eines der beiden Puzzlestücke, die ihr fehlten. Nachher zeige ich dir den Brief. Ich habe damals versucht, gegen alle Regeln und Vernunft, Isis telefonisch zu erreichen, aber es war zu spät.«

Stephan Haberling fragte: »Wo warst du eigentlich? Ich nahm an, du seiest schon Jahre zuvor verstorben, bei einer Tragödie, die mir nie genauer erläutert wurde.«

»Es wussten nur sehr wenige Menschen die Wahrheit. Isis natürlich, und zwei Personen in der Zentrale, die mir die neue Identität ermöglicht und verwirklicht haben. Es waren einige Umwege notwendig, es gab Sackgassen und Fehlschläge, aber im Dezember 1990 war ich dann Lisa del Giocondo, das Wirrwarr um den Fall der Mauer und die deutsche Vereinigung hat mit letztendlich echte Papiere und eine glaubhafte Vergangenheit beschert. Ich arbeitete in München als Fotografin. Seit zwei Monaten bin ich nun in Berlin. Deinetwegen. Immerhin konnten wir uns Briefe schreiben, Isis und ich. Der Transport dauerte lange, aber Telefon oder gar E-Mail war tabu, schon um Isis zu schützen, aber auch, damit ich am Leben blieb. Ich war zwar offiziell bereits tot, aber wenn die falschen Menschen mich aufgespürt hätten, wäre ich nirgends mehr sicher gewesen.«

»Und was hat sich jetzt geändert?«

»Bezüglich meiner Identität nicht viel. Anina muss tot bleiben, um nicht zu sterben. Lisa darf leben. Und Lisa musste dich treffen.«

»Also hast du die Galerie ins Netz gestellt. Als alter.ego, um mich öffentlich zu entblößen.«

»Ach Stephan! Du hast den Sinn der Galerie noch nicht erfasst? Ich hatte angenommen, dass du den gedanklichen Weg von Mein zweites Ich zu alter.ego finden würdest. Dann hätte eine Google-Suche genügt, um festzustellen, dass Lisa del Giocondo gar kein Pseudonym war, sondern dass die preisgekrönte Autorin – seit vielen Jahren als Fotografin tätig – kürzlich ihre Diogenestonne aufgegeben hat und nach Berlin übergesiedelt ist.«

Er schüttelte den Kopf. Darauf war er nicht gekommen, und er bezweifelte, dass ihm das in absehbarer Zeit durch noch mehr Nachdenken und Grübeln gelungen wäre. Jetzt, mit dem Wissen, dass Isis’ Schwester lebte und die Urheberin der Galerie war, ahnte er auch, wie die Fotos zustande gekommen sein konnten. Allerdings hatte dann der ehemalige Kollege seines Nachbarn doch Unrecht.

»Mich hat ein Experte der Polizei wissen lassen, dass die Aufnahmen nicht manipuliert sind. Wenn du, wie auch immer, an die Fotos von Isis gekommen bist, dann kann das aber nicht stimmen.«

Sie schwieg und lächelte. Es war Isis’ Lächeln, es waren Isis’ Augen. Er wusste bereits, dass sein Leben nach diesem Abend, irgendwann bald, in die Zweisamkeit münden musste. Milan Kundera hatte in einem seiner frühen Romane gemutmaßt, dass ein ideales Paar ursprünglich als Ganzes geschaffen und dann von widrigem Schicksal getrennt worden sei; es käme nur darauf an, dass die beiden sich irgendwann treffen und was sie dann aus ihrer Begegnung machen. Lisa, das andere Ich, war sie eine Art Wiedergutmachung des Himmels für das Entsetzten und das Leid, das ihm widerfahren war? Hatte das widrige Schicksal womöglich ein Einsehen?

»Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie«, wiederholte Lisa leise in seine Gedanken hinein ihre zweite E-Mail.

Fassungslos fragte er: »Heißt das etwa, die Entblößung geht weiter?«

@ Abstimmung

clip_image020Eigentlich war mir klar, was die Leser mehrheitlich wünschen würden, nachdem sie weiter vorne bereits unbedingt die Jeans entfernt wissen wollten.

Dennoch stellte ich die naheliegende Frage und bekam auch promt die erwartete Antwort.

@ 6

Nun ja. Wenn etwas nicht aufzuhalten ist, dann muss man das Beste daraus machen, dachte Stephan Haberling, als er wieder zu Hause war. Eigentlich war er müde, aber noch so aufgewühlt, dass an Schlaf einstweilen nicht zu denken war.

Lisa, die tot geglaubte Schwester seiner wirklich toten Frau, hatte ihm eine Kopie des Briefes mitgegeben, den Isis am 30. August 2001 geschrieben hatte. Vieles in den Zeilen war verschlüsselt, aus Gründen, die er jetzt nach dem Abend mit Lisa auch verstand. Obwohl die Briefe durch vertrauenswürdige Menschen persönlich transportiert und abgeliefert wurden bestand immer die Gefahr, dass sie in Hände gerieten, in denen sie nichts zu suchen hatten. In diesem letzten Schreiben hatte Isis allerdings die Vorsicht ziemlich außer Acht gelassen, vermutlich wegen der zunehmenden Verzweiflung über die fehlenden Puzzleteile. Stephan Haberling nahm den Brief zur Hand und las ihn noch einmal.

Geliebte A.,

ich fliege nächste Woche nach New York, vielleicht finde ich dort die fehlenden Briefmarken zu meiner Sammlung? Ich habe in den letzten Wochen das aktuelle Albumblatt bis auf zwei Exemplare gefüllt. Mir fehlen nur noch die Marke mit dem Bild der Piloten und die Marke mit der Landkarte. Falls Du inzwischen bei Deiner Suche eine der Briefmarken gefunden hast, lass es mich bitte wissen. Der Kunde muss das komplette Album so schnell wie möglich bekommen.

Ich trenne mich ungern schon wieder von S., aber in diesem Fall muss ich reisen, es ist zu wichtig, um es anderen zu überlassen.

Erinnerst du dich, als wir ungefähr 12 oder 13 Jahre alt waren und über unsere zukünftigen Männer gesprochen haben? Damals haben wir einander kindlich naiv versprochen, dass wir, falls eine von uns stirbt, den Mann heiratet, der als Witwer zurückbleibt. Nun sind wir keine Kinder mehr, aber je länger ich mit S. zusammen bin, desto mehr wünsche ich mir, dass er im Fall der Fälle nicht sein restliches Leben lang in seiner Trauer zurückbleibt. Er würde sich zurückziehen, eingraben, in ein Schneckenhaus verkriechen. Äußerlich würde alles normal aussehen, aber innerlich würde er zugrunde gehen.

Ich habe dir ja schon viel über S. erzählt, du weißt, was er mir bedeutet. Wir sind keine 12- oder 13jährigen Mädchen mehr, und ein Kindheitsversprechen von solcher Kurzsichtigkeit ist natürlich hinfällig. Aber, meine geliebte A., falls mir etwas zustoßen sollte und du noch keinen Mann gefunden hast, würdest du mir dann den Gefallen tun, S. kennen zu lernen? Nur einfach kennen lernen. Und dann folge deinem Herzen.

Ich muss schließen, es gibt noch einiges zu planen für die Reise. Ich hoffe, dass ich gesund zurückkehre, nachdem ich das Briefmarkenalbum vervollständigt und übergeben habe.

Sei lieb gegrüßt und geküsst,

Deine I.

Er wusste nicht so recht, ob ihm die ganze Geschichte geheuer war. Er kannte Lisa nüchtern betrachtet überhaupt nicht, so vertraut und geliebt sie auch in seinen Empfindungen bereits sein mochte. Sein Verstand und seine Gefühle stritten erbittert um die Regierungsgewalt in seinem Leben. Wer letztendlich gewinnen würde, war nicht abzusehen. Und was die öffentliche Entblößung betraf, da war er vollends ratlos. Stephan Haberling schloss die Augen und schlief auf seinem Sofa ein.

Als er aufwachte, war er einen Moment lang versucht, alles als skurrilen Traum abzutun. Doch auf dem Boden vor dem Sofa lag der Brief, und als er seinen PC hochgefahren und die Picasagalerie geöffnet hatte, gab es nichts mehr zu mutmaßen. Auf dem neuen Bild trug er nur noch das T-Shirt, und das war kurz genug, um nichts zu verbergen.

Sein Sportlehrer hatte ihm, er mochte damals 12 Jahre alt gewesen sein, einmal gesagt: »Daran ist doch nichts peinlich, meinst du, du wärest der einzige Junge, der sich normal entwickelt?« Nach dem Schwimmunterricht pflegte der Lehrer zusammen mit den Schülern zu duschen; der Duschraum hatte keinerlei Abtrennungen, sondern jeder konnte jeden sehen. Stephan Haberling hatte sich zur Wand gedreht und wollte nicht aufhören zu duschen, weil sein Penis steil nach oben zeigte, statt brav herab zu hängen. Mit hochrotem Kopf versuchte er krampfhaft, an irgend etwas zu denken, was die Erregung hätte verscheuchen können, aber es war ein vergebliches Unterfangen.

Der Lehrer bemerkte die Situation und reichte ihm mit seinen Worten ein Handtuch. Stephan nahm es dankbar und wickelte es um die Hüften. »Man kann nicht keine Erektion bekommen«, meinte der Lehrer, »zumindest nicht in deinem Alter. Später im Leben wird das manchmal anders herum ein Problem.«

Im Jahr 2001 war er längst nicht mehr in jenem Alter, in dem der Strudel der Hormone dafür sorgt, dass ein Junge niemals und nirgends vor dem Eigenleben unter der Gürtellinie sicher sein kann. Er war allerdings auch noch nicht in jenem problematischen Alter, von dem sein Sportlehrer damals gesprochen hatte.

Isis und er hatten eines Tages darüber gesprochen, warum es so viele Aktfotos von Frauen und so wenige von Männern gab.

»Frauen sind einfach ansehnlicher«, mutmaßte Stephan. »Männer sind grundsätzlich nicht hübsch.«

»Nein, das stimmt nicht«, widersprach Isis. »Es liegt an der Nachfrage. Männer wollen solche Fotos sehen, Frauen nicht.«

»Warum gibt es dann in der Antike genauso viele Statuen und Gemälde von unbekleideten Männern wie Frauen?«

Isis meinte: »Die Antike war nicht so verklemmt, vielleicht? Aber warum gibt es heute mehr weibliche Aktfotos als männliche?«

clip_image022Stephan dachte an Michelangelos geradezu makellosen David und meinte: »Weil man bei Statuen und Gemälden die womöglich unschöne Wahrheit etwas aufhübschen kann. Ein Foto zeigt immer die grausame Wirklichkeit.«

»Also ich würde ein Foto von dir nicht grausam finden,« grinste Isis unternehmungslustig.

»So so.«

»Jawohl.«

»Aha.«

»Nun zieh dich schon aus. Ich hole die Kamera.«

Schon bei dem Gedanken, dass er seiner Frau Modell stehen sollte, hatte sich The Exitement eingestellt, nicht weiter verwunderlich, und auch überhaupt nicht peinlich, da die beiden keine Gesellschaft hatten. Als Hintergrund wählten sie die hellgrün getünchte Gartenmauer, innerhalb des Gartens und abgeschieden von neugierigen Blicken. Er stand im Adamskostüm auf den warmen Terrassenfliesen, Isis schoss ausgelassen kichernd Foto auf Foto.

»Streck dich mal nach oben, als wollest du nach den Wolken greifen.«

Er streckte sich und fragte: »Wieso das denn?«

»Um das Foto aufzuhübschen wie ein Gemälde. Dann hast du einen Waschbrettbauch und überhaupt…«

Später begutachteten sie am Bildschirm die Ausbeute des nachmittäglichen Fotovergnügens. Isis fand eines der Greif-mal-nach-den-Wolken-Bilder am schönsten, im Halbprofil, den Blick und die Arme erhoben, als wolle er etwas im Bild nicht Sichtbares erreichen. Nicht nur die Arme und der Blick richteten sich gen Himmel.

»Lass die bloß niemanden sehen«, meinte Stephan, während Isis vergnügt schmunzelnd das Dateiverzeichnis »Wolkengreifer« nannte und schloss.

Stephan Haberling war überzeugt gewesen, dass das Notebook zusammen mit Isis von dieser Welt verschwunden war. Nun hatte ihn die Entblößung im Internet eines Besseren belehrt. Irgendwie musste Lisa in den Besitz der Fotos gekommen sein, er glaubte nicht, dass Isis die Dateien kopiert und ausgerechnet ihrer Schwester gegeben hatte. Eigentlich konnte sie nur – auf welchen Wegen auch immer – des Computers habhaft geworden sein.

Wie es Lisa gelungen sein mochte, aus den Fotos, besser gesagt aus dem einen Foto, eine schrittweise Entblößung zu zaubern, war ihm allerdings schleierhaft. Er verstand kaum etwas von Bildbearbeitung am PC, er wusste nur, dass damals alle Bilder textilfrei waren, abgesehen davon, dass er die etwas zu großen Jockey-Briefs noch gar nicht besessen hatte. Auch das Freizeithemd war nicht so alt. Woher konnte Lisa wissen, was in seinem Kleiderschrank lag, und wie konnte sie ihn mit den Kleidungsstücken ausstatten und vor den Hintergrund ihres eigenen Wohnzimmers stellen? Und was, vor allem, bezweckte sie überhaupt?

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie. – Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu. Kryptische E-Mails einer kryptischen Ägypterin, die jetzt als Deutsche mit italienerischer Abstammung in sein Leben getreten war. Getreten? Nein, eingebrochen, auf denkbar unerhörte Weise. Er hatte keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte.

Als er in die Küche gehen wollte, um seiner De Longhi eine Tasse Kaffee zu entlocken, klingelte das Telefon.

»Haberling.«

»Lisa.«

»Das ist gemein. Nun stehe ich so gut wie nackt im Internet. Das, was noch verhüllt bleibt, ist unerheblich, während sich Unverhülltes erhebt.«

»Treffen wir uns heute zum Mittagessen? Hast du Zeit?«

»Lisa, bitte! Was soll das?«

»Zwölf Uhr im Tomasa? In Zehlendorf?«

Er antwortete nicht gleich. Wieder rang der Verstand mit den Gefühlen. Es war vollkommen widersinnig, mit der Urheberin der Galerie gemütlich zu speisen, statt dessen sollte er eigentlich Anzeige erstatten und die Polizei konnte dafür sorgen, dass die Fotos schnellstens verschwanden. Andererseits sehnte sich alles in ihm nach jeder Minute, die er mit Lisa verbringen konnte. Einfach in ihrer Nähe sein war schon eine Wohltat für seine Seele. Trotz aller Unverständlichkeiten und Fragwürdigkeiten.

Lisa wartete schweigend am Telefon.

@ Abstimmung

clip_image024An dieser Stelle war ich wirklich ratlos und unentschlossen.

Es konnte ein letzter Teil nach dem Muster von Leonard Cohens »Let’s sing another song, boys« folgen: Let’s leave these lovers wondering why they cannot have each other.

Oder die beiden durften ein Paar werden. Irgendwie musste ich auch noch eine Lösung ersinnen, was die Galerie betraf.

Ob das gemeinsame Mittagessen oder dessen Absage die Weiche stellen würde, war mir unklar, ich hoffte einfach, das mir beim Weiterschreiben die passende Muse einen ausgiebigen Kuss schenken würde.

Die Leser entschieden und ich schrieb, ohne zu wissen wohin die Reise gehen würde.

@ 7

In Butter gebratenes Zanderfilet, serviert auf knackigem Kürbisgemüse, Stampfkartoffeln, garniert mit einem Klecks Creme Fraiche – Lisa war mit zufrieden mit ihrem Mittagessen. Stephan Haberling, der lieber etwas Deftiges mochte, hatte sich für ein Rumpsteak, mariniert mit Sojasauce, braunem Zucker, Worchestersoße, beträufelt mit einem Schuss Whisky, am Grill zubereitet, dazu hausgemachte Rosmarinbutter, Steakhousepommes & Tomaten – Zwiebel – Salat entschieden, und auch er verspürte keinen Anlass, sich zu beschweren.

Während sie gegessen hatten, war Lisa nicht bereit gewesen, über die vielen Fragen zu sprechen, die in ihm zappelten wie der Zander vermutlich im Netz, bevor er in der Küche und schließlich auf Lisas Teller gelandet war. Stephan hatte gefragt, nach den nur schwach verklausulierten »Briefmarken«, nach den sehr privaten Fotos auf Isis’ Notebook, nach der entblößenden Galerie, aber Lisa – getreu ihrem Motto, auf Fragen nicht immer, eher selten, zu antworten – hatte zwar freundlich geplaudert, jedoch keine Antworten gegeben.

Die Kellnerin räumte das Geschirr ab und fragte nach weiteren Wünschen.

»Zwei Latte macchiato«, bat Lisa. Die Kellnerin meinte »gerne, kommt sofort« und verschwand.

»Woher weißt du, dass ich nach einer Mahlzeit gerne Latte macchiato bestelle?«

»Ich weiß mehr über dich und kenne dich besser, als du ahnst, Stephan. Du wurdest seit über acht Monaten beobachtet. Ich selbst bin seit zwei Monaten häufig in deiner Nähe gewesen, war auch mehrmals in deiner Wohnung, wenn du unterwegs warst. Das mit dem Latte macchiato ist so typisch für dich wie die unwägbaren Nebenwirkungen für eine H1N1-Impfung.«

»Das musst du mir erklären.«

»Die Nebenwirkungen?«

»Unfug. Natürlich die Beobachtung, Beschattung, oder sollte ich eher von Ausspionieren sprechen?«

»Eigentlich solltest du nicht verwundert sein. Du weißt doch, was Isis wirklich getan hat.«

Er wusste manches, aber vieles war auch unklar, vernebelt, gemutmaßt. Sie hatte, getarnt durch Scheintätigkeiten, seit vielen Jahren für den ägyptischen Geheimdienst gearbeitet. Vor der Hochzeit waren Stephan Haberlings Vergangenheit und Gegenwart bis ins Detail durchleuchtet worden, denn obwohl ihm Isis nie Einzelheiten aus ihrer Tätigkeit mitteilte, war es unumgänglich, dass er einiges mitbekam. Was es mit der angeblichen Briefmarkensammlung auf sich hatte, reimte er sich selbst zusammen, als er den Brief vom August 2001 gelesen hatte.

Er blickte in Lisas Augen, die den Augen seiner Isis so sehr glichen. »Sie war hinter den Attentätern her, oder?«

»Ja. Der ägyptische Geheimdienst hatte Informationen gesammelt, die auf einen großen Anschlag hindeuteten. Man wusste, dass irgendwie Piloten eine Rolle spielten, die von Ägypten über den Libanon und Deutschland nach Amerika gegangen waren. Die Briefmarke mit den Piloten stand für die Namen, die Landkarten-Briefmarke für das Ziel – oder die Ziele, wie wir heute wissen.«

»Und welches Puzzleteil hattest du? Welche Rolle spieltest du überhaupt?«

Lisa wartete, bis die Kellnerin die beiden Latte macchiato hingestellt hatte und wieder verschwunden war. Dann erklärte sie: »Die ganze Geschichte darf und werde ich dir nicht erzählen. Aber du sollst wissen, dass mein vorgetäuschter Unfalltod ein geplantes Verschwinden war, weil ich, damals ebenfalls im Dienst des Geheimdienstes, vor der Enttarnung stand. Also starb ich offiziell, arbeitete aber weiter für den Geheimdienst. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und diejenigen, die hinter meine Tarnung gekommen waren, sind tot. Meine aktive Mitarbeit im Geheimdienst endete im Dezember 2001. Daher konnte ich es wagen, vorsichtig und in Etappen, als Lisa del Giocondo aufzutauchen und ein halbwegs normales Leben zu beginnen.«

»Und was wolltest du Isis so dringend mitteilen?«

»Ich hatte – wir hatten – drei Namen. Mohammed Atta, Marwan al-Shehhi und Ziad Jarrah. Wenn ich Isis diese noch rechtzeitig, also am 10. September, hätte nennen können, vielleicht wäre noch etwas aufzuhalten gewesen. Vermutlich nicht, die Zeit war zu knapp, aber der Gedanke lässt mich seit 2001 nicht los.«

»Weißt du, warum Isis im World Trade Center war?«

»Dort war ein als Agentur für Antiquitätenhandel getarntes Büro des ägyptischen Geheimdienstes untergebracht. Es lag im 95. Stockwerk des Nordturmes, daher weiß ich zumindest, dass meine Schwester sofort tot war, nicht leiden und vergeblich um ihr Leben kämpfen musste.«

»Das hatte ich immer gehofft, aber ich wusste nichts Genaues.«

»Man hat mir aus ihrem Hotelzimmer damals unter anderem ihren Computer gebracht, nachdem die Spezialisten vom Geheimdienst mit den Untersuchungen fertig waren. In ihren Outlook-Terminen habe ich das Büro und die Uhrzeit des Treffens gefunden. Da stand Briefmarkensammlung vorstellen, 08:30 Uhr und der Ort, das Büro im World Trade Center. Isis war immer pünktlich. Sie muss zum Zeitpunkt des Anschlages genau dort gewesen sein.«

clip_image026Später spazierten Stephan Haberling und Lisa del Giocondo, obwohl leichter Regen eingesetzt hatte, um den Schlachtensee. Er verstand sich selbst nicht recht. In Lisas Nähe zu sein war wie eine Wiedergeburt. Nach dem 11. September 2001 hatte sich sein Leben nicht nur äußerlich durch den Verlust der Ehefrau, sondern – und vielleicht sogar vor allem – bezüglich seiner Einstellung zum Leben und Sterben geändert. Ob er morgen wieder aufwachen würde, spielte am Abend jedes beliebigen Tages keine Rolle. Er pflegte einige wenige Freundschaften, aber es gab keinen Menschen, der ihm so am Herzen lag, dass er wegen dieser Person leben wollte. Umgekehrt wusste er von niemandem, für den oder die sein Abscheiden einen unwiederbringlichen Verlust dargestellt hätte. Stephan Haberling lebte gerne, aber er klammerte sich nicht an das Diesseits, seit Isis nicht mehr bei ihm war.

Und nun schien sich binnen weniger Tage, eher Stunden, alles zu ändern. Eine Frau, von der er noch so gut wie nichts wusste, die er kaum kennen gelernt hatte, stellte sein Innenleben völlig auf den Kopf. Wider jede Vernunft. Wider jeden Verstand.

»Hast du dich eigentlich in mich verliebt?«, fragte er.

Lisa zögerte keinen Augenblick mit ihrer Antwort: »Ja.«

»Einfach nur ja?«

»Einfach nur ja. Kein wenn, kein aber. Ja.«

»Aber warum tust du mir das an, mit der Entblößung in der Galerie?«

»Du bist ein wunderbarer Aber-Mensch, Stephan. Die Antwort liegt in dir, du musst sie selber finden. Du wirst sie selber finden.«

Sie wichen zwei Dalmatinern aus, die vergnügt miteinander tollten. Die Besitzerin lächelte entschuldigend-schuldbewusst und erklärte ungefragt: »Die tun nichts, die sind nur etwas wild.«

Als sie an der Dame und ihren Hunden vorbei waren, ergänzte Lisa: »Manchmal bin ich auch nur etwas wild.«

»Aber du tust auch was, anders als diese Vierbeiner. Männer im Internet bloßstellen, zum Beispiel.«

»Männer? Nein. Einen Mann. Den einen Mann. Ich habe zwar schon zahlreiche Aktfotos gemacht, das gehört ja zu meinem Beruf, aber die bekamen natürlich nur die Kunden zu sehen, die sie in Auftrag gegeben hatten.«

»Was sind denn das so für Kunden?«

»Wollen wir in der Fischerhütte noch einen Kaffee trinken gehen, oder lieber nach Hause fahren?«, fragte Lisa, statt zu antworten.

Stephan nahm ganz automatisch an, dass mit zu Hause seine Wohnung gemeint war. »Ich könnte meine De Longhi veranlassen, uns zwei Getränke nach Wahl zu produzieren.«

Sie stiegen in Stephans Auto, für das sie am Elvirasteig einen Parkplatz gefunden hatten. Lisa griff unter den Beifahrersitz und warf dann etwas aus dem Fenster, als Stephan gerade losfuhr.

»Was war das denn?«

»Das Abhören hat sich seit einigen Wochen erübrigt. Ich hatte nur vergessen, die Wanze aus deinem wunderbaren HHR zu entfernen. Aber zugehört hat schon länger niemand mehr. In deiner Wohnung ist bereits alles beseitigt worden, was meine ägyptischen Freunde installiert hatten. Wir sind sozusagen freigegeben, von der Leine gelassen wie die beiden Dalmatiner eben, und nur noch unter uns.«

»Das Hemd steht dir übrigens wirklich gut«, sagte Lisa del Giocondo, als sie in Stephan Haberlings Küche standen und darauf warteten, dass die Maschine ihre Arbeit verrichtete.

Er war gespannt, ob sie tatsächlich ein Gespräch über seine Kleidung anstoßen wollte oder wie so oft gleich wieder das Thema wechseln würde. Am Morgen hatte er sich entsprechend der Entblößung im Internet gekleidet. Und entsprechend der Reihenfolge, die er vor gefühlten hundert Jahren bei der kleinen Natalie beobachtet hatte. Zuerst das T-Shirt, dann das Freizeithemd, anschließend erst Jockey-Briefs und Jeans.

Zum Restaurantbesuch hatte er Socken und feste Schuhe angezogen, zu Hause trug er gewöhnlich nur leichte Sandalen an den bloßen Füßen, so auch jetzt wieder.

Lisa musterte ihn schmunzelnd, während er die erste gefüllte Tasse gegen eine leere auswechselte und wieder auf Caffeelatte drückte. Unvermittelt nahm sie ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Er ließ es sich gerne geschehen – seinetwegen konnte dieser Augenblick sich unendlich ausdehnen. Es fühlte sich so neu und doch so alt an wie eine Erinnerung aus Kindheitstagen, die längt vergessen schien und plötzlich, vielleicht durch ein Geräusch oder einen Geruch geweckt, wieder da ist, als sei das zum Geruch oder Geräusch gehörende Ereignis erst Minuten her.

Und nun, in ihrer Umarmung, begriff er. Er verstand und fragte sich, warum er so lange gebraucht hatte.

Sanft legte er seine Arme um Lisa, ließ seine Hände über ihren Rücken streichen. Schmiegte sie sich noch enger an ihn? Er schob behutsam den Saum ihres Pullovers in die Höhe. Sie schien erleichtert auszuatmen, zumindest deutete er das Geräusch so, das er von ihrem an seine Brust gepressten Gesicht vernahm. Sie wich einige Millimeter zurück, aber nur so weit, dass es möglich wurde, sie vom Pullover zu befreien.

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu.

Wieso hatte er eine so lange Leitung gehabt? Sie hatte ihm im Internet lediglich zugefügt, was sie wollte, dass er ihr tat.

Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.

Er war gerade dabei, es aufzuhalten. Nicht irgendwie, sondern auf die einzig mögliche Art und Weise. Er tastete nach ihrem Jeansgürtel.

Einige Tage später fiel ihm ein, dass ihm eine Antwort noch fehlte. Sie waren vom Einkaufen nach Hause gekommen und im Treppenhaus dem stets wachsamen Nachbarn Detlef Fischer begegnet.

»Mein Nachbar, beziehungsweise sein Kollege im Polizeilabor, war überzeugt, dass die Fotos echt, also nicht nachträglich manipuliert, waren. Hat er sich einfach geirrt oder wie hast du das angestellt?«

Lisa lachte vergnügt und erklärte: »Isis und du, ihr habt es mir sehr leicht gemacht. Der hellgrüne Hintergrund mit so gut wie keinen Farbschattierungen ist ideal, wenn man jemanden oder etwas ausschneiden und vor einen anderen Hintergrund stellen will. Das geht sogar mit bewegten Objekten, zum Beispiel im Nachrichtenstudio eines Fernsehsenders. Der Sprecher steht oder sitzt vor einer grünen Fläche. Du siehst am Bildschirm etwas ganz anderes. Das wirklich etwas Kniffelige war, ein paar Kleidungsstücke aus Deinem Schrank an die Person zu bekommen. Da musste ich mit einer Schaufensterpuppe und allerlei Tricks experimentieren.«

»Und das konnten die im Polizeilabor nicht feststellen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Erstens bin ich Profi hinter der Kamera und bei der Bearbeitung, und zweitens wollten die Leser unserer Geschichte mehrheitlich, dass die Fotos für echt befunden werden. Gegen den Leserwillen kann selbst die Polizei nichts ausrichten.«

@ Ende

clip_image028So, das war das Experiment beziehungsweise sein Ergebnis. Die letzten Fäden fügten sich erwartungsgemäß beim Schreiben zusammen.

Eine Leserin bat mich, doch einmal mitzuteilen, was ich ursprünglich im Sinn hatte, als die Erzählung begann. Die nackte Wahrheit ist: Gar nichts. Ich hatte lediglich die Idee, dass jemand ein Foto von sich selbst sieht, das sich Tag für Tag verändert. Es hätte gerahmt an der Wand hängen, in einer Schublade liegen oder in der Zeitung abgedruckt sein können. Als Blogger kam ich dann – naheliegen – auf eine Galerie im Internet als Schauplatz.

Alles weitere entwickelte sich beim Schreiben. Zum Beispiel, dass alter.ego eine Frau ist, ursprünglich hatte ich einen männlichen Unhold im Sinn. Oder dass unser Held einst mit der Schwester von alter.ego verheiratet war. Oder viele andere Inhalte der kleinen Erzählung.

Der im Text zitierte Satz von Paul Auster trifft auch auf Die Entblößung zu (obwohl sie kein Buch ist): Niemand weiß, wo ein Buch herkommt. Am allerwenigsten die Person, die es schreibt.

Mir hat das Experiment Spaß gemacht, und den Lesern offensichtlich auch. Sie wünschten sich abschließend weitere derartige oder andersartige Mitmach-Geschichten.

Ein Wunsch, auf den ich irgendwann, soweit die Zeit es zulässt, gerne zurückkommen werde.

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