Johannes

Damals – ach ja, liebe Leser, wir reisen ziemlich weit zurück und auch noch in eine andere Weltgegend – damals also regierte ein gewisser Herodes als König in Judäa. Den besten Ruf hat er in der Nachwelt nicht, und wir werden es im Verlauf der hier erzählten Ereignisse auch noch mit ihm zu tun bekommen, aber jetzt noch nicht. Erst mal sind wir im Tempel, in Jerusalem. Dort verrichtete ein Priester namens Zacharias seinen Dienst. Der war mit Elisabeth verheiratet, ein Zölibat für Priester kannte man noch nicht, das wurde erst viel später ersonnen. Außerdem sind wir ja in Judäa, und bei den Juden war (und blieb) die Ehe keinem Menschen verboten, sogar wünschenswert war sie, auch für geistliche Würdenträger.

Zacharias und Elisabeth waren fromme Menschen, sie hielten sich an die Gebote und Satzungen ihres Volkes. Niemand konnte ihnen irgendwelche Verstöße dagegen vorwerfen, und das wollte etwas heißen angesichts der vielen und detaillierten Vorschriften, die es zu befolgen galt.

Es war zu der Zeit, von der wir reden, so etwas wie ein Fluch, keine Kinder zu haben, aber da Elisabeth unfruchtbar war und von künstlicher Befruchtung ungefähr die nächsten etwa 2000 Jahre noch nicht die Rede sein würde, hatte sich das mittlerweile betagte Paar damit abgefunden. Schweren Herzens, sicher, aber es blieb den beiden ja nichts anderes übrig.

Zum Dienstplan eines Priesters gehörte das sogenannte Räuchern. Zacharias ging an jenem Tag, der so vieles änderte, pünktlich in den Tempel, um in einem bestimmten Raum auf dem Räucheraltar die vorgeschriebenen Verrichtungen durchzuführen. Das Volk durfte nicht hinein; die Leute warteten draußen und sprachen die für diese Stunde üblichen Gebete.

Zacharias ahnte und bemerkte nichts Ungewöhnliches. Es war dies ein Dienst wie viele zuvor und noch viele weitere – dachte er zumindest. Bis er aufschaute und eine Gestalt sah, die rechts neben dem Räucheraltar stand. Zacharias Gesicht wurde ungefähr so weiß wie der Kalk an der Wand hinter dem Altar, die vom Alter sowieso schon leicht geschwächten Beine wollten beinahe ihren Dienst versagen, die Hände zitterten und der Schweiß brach ihm aus. Es war ja nicht nur verboten, sondern eigentlich unmöglich, dass sich jemand außer ihm selbst zur Räucherstunde in diesem Raum aufhielt. Es gab schließlich nur einen Zugang, und wenn jemand nach ihm durch die Tür gekommen wäre, hätte Zacharias das bemerken müssen. Einen Augenblick zuvor war er noch allein gewesen mit seinem Rauchwerk und mit Gott, den man allerdings nicht sehen konnte.

Sein erster Impuls war natürlich die Flucht. Naheliegend – aber wohin? Durfte er denn seinen Räucherdienst mittendrin abbrechen? Konnte man vor dieser Erscheinung überhaupt davonlaufen? War es grundsätzlich denkbar, dass ein Geist sich im Tempel des Herrn, noch dazu beim Räucheraltar, aufhalten konnte? Hätte die Heiligkeit Gottes das nicht verhindert? Oder war dies womöglich …

Im Gegensatz zum panischen Zacharias wissen wir, falls wir ein wenig in den biblischen Überlieferungen bewandert sind, dass dort ein Engel stand, denn diese Geschichte haben schon andere erzählt, von Mund zu Mund und später aufgeschrieben in Schriftrollen, und noch viel später sogar in Büchern und – was Zacharias wie Hexenwerk hätte vorkommen müssen – heutzutage in Form von Nullen und Einsen, aus denen vor dem Auge des Betrachters dann auf Knopfdruck Worte auf einem Bildschirm entstehen. Schon die Beschreibung eines Bildschirmes hätten Zacharias und Elisabeth am gesunden Verstand des Beschreibenden zweifeln lassen. Heute dagegen zweifelt mancher am gesunden Verstand des Erzählers, wenn der von einem Engel zu berichten weiß. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen das, was vorstellbar oder vernünftig zu sein scheint.

Rauschgoldengel mit blondgelockter Mähne in güldenen Gewändern, oder kleine nackte Buben mit Flügeln am Rücken, die in der Weihnachtszeit eine hölzerne Krippe bayerischer Bauart oder sonst etwas umschwirren … so etwas war dem alten Zacharias genauso unbekannt wie die Weihnacht an und für sich. Er kannte Überlieferungen von Engeln, die in Menschengestalt zu Besuch kamen, so bei Abraham vor etlichen Jahrhunderten; Abraham kam zwar auf die Idee, es nicht mit Männern, sondern mit himmlischen Wesen zu tun zu haben, aber andererseits ließ er eine köstliche Mahlzeit auftischen. Ober bei drei jungen Männern, die in einem Feuerofen hingerichtet werden sollten; ein Engel stand ihnen bei und bewahrte sie; auf die Zuschauer wirkte der himmlische Bote wie ein vierter Jüngling.

Doch wir sollten hier keine Zeitsprünge hin und her machen, sondern wir sind und bleiben im Damals, im Tempel, in der Kammer mit dem Räucheraltar. Zacharias starrte die Gestalt an und wusste nicht, was tun.

Der Engel ahnte wohl, dass dem Zacharias, der nicht mehr der Jüngste war, jeden Moment vor lauter Angst der Kreislauf versagen konnte. Also versuchte er zuerst einmal, den Mann zu beruhigen: »Fürchte dich nicht, Zacharias.«

Der Angesprochene beruhigte sich keineswegs. Jeder böse oder gute Geist konnte ihn schließlich so anreden, um sein Vertrauen zu erschleichen. Mit einem »fürchte dich nicht« war noch lange nicht geklärt, ob da ein Teufelswesen oder ein Engel Gottes neben dem Räucheraltar stand. Eventuell ja auch nur ein Mensch, der Arges im Schilde führen mochte?

»Dein Gebet ist erhört worden«, fuhr der Engel fort, »und deine Frau wird einen Sohn zur Welt bringen, der dann Johannes heißen wird.«

Zacharias hörte zu, obwohl er meinte, sich verhört zu haben. Von erhörtem Gebet konnte eigentlich nur ein gutes Wesen sprechen, das war einigermaßen beruhigend, aber gleichzeitig offenbarte sich in den Worten eine erschreckende Ahnungslosigkeit bezüglich der menschlichen Fortpflanzungsfähigkeit im fortgeschrittenen Lebensalter, von Elisabeths Unfruchtbarkeit seit ihren jungen Jahren ganz zu schweigen.

»Du wirst«, fuhr der himmlische Bote fort, als wäre er durch die misstrauisch zweifelnde Mine des Priesters, die jedenfalls keine übersprudelnde Freude über diese Nachricht ausdrückte, etwas irritiert, »eine Menge Freude an dem Jungen haben, und auch andere Menschen werden über ihn jubeln. Er wird einer der ganz Großen vor dem Herrn sein, vom Mutterleib an mit heiligem Geist erfüllt. Daher wird er übrigens keinen Wein oder andere alkoholische Getränke trinken wollen. Viele Menschen deines Volkes werden durch ihn den Weg zurück zu einer Beziehung mit Gott finden.«

Zacharias war, das wissen wir ja bereits, ein sehr frommer Mensch. Er war ein Priester, der seinen Beruf als Berufung verstand, nicht als eine von mehreren Möglichkeiten, sein Brot zu verdienen. Nein, er meinte es ernst, er glaubte an Gott. Daher war ihm diese Lobeshymne auf seinen nicht existierenden Sohn und das Wiederherstellen von menschlich-göttlichen Beziehungen ganz sympathisch. Allerdings blieb er skeptisch, denn die erfreuliche Voraussage hatte ja einen Haken, einen ziemlich widerspenstigen sogar. Seine liebe Frau hatte in ihren fruchtbaren Lebensjahren nicht schwanger werden können, und nun war es ganz einfach zu spät dafür. Viel zu spät.

Der Engel, offenbar keiner von der wortkargen Sorte, ließ sich derweil nicht aufhalten in seiner Rede. »Dein Sohn wird wie damals Elia mit bemerkenswerter Kraft und im Geist Gottes wirken. Die Kinder und die Eltern wird er miteinander versöhnen, den Ungläubigen wird er aufschließen können, wie klug die Gerechtigkeit Gottes ist. Er wird das ganze Volk vorbereiten.«

Vorbereiten? Worauf? Im Grunde war das zweitrangig, denn nach wie vor stand ja keine Schwangerschaft zu erwarten. Vielleicht hatte der Engel sich in der Adresse geirrt? Oder – da atmete Zacharias innerlich auf – er sprach nur bildlich von einem Sohn. Es konnte ja ein Jugendlicher in Frage kommen, der wie ein Sohn von Zacharias gelehrt und erzogen wurde. Das musste wohl die Lösung für das große Rätsel sein. Andererseits hätte der Bote Gottes dann nicht eher von einem Jünger, einem Schüler sprechen sollen?

Als er nun endlich selbst zu Wort kommen konnte, fragte der Priester zunächst das Naheliegende: »Woran soll ich denn erkennen, dass diese Prophetie stimmt? Meine Frau ist betagt, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Oder ganz einfach ausgedrückt: Wir sind alt. Zu alt.«

Als hätte er es am Anfang vergessen, stellte sich der Engel nun endlich vor: »Ich bin Gabriel, der vor Gott steht.«

Zacharias erschrak. Wenn das stimmte, dann hatte er es mit einem der ganz großen Fürsten unter den Engeln zu tun. Solch einem Wesen kam man vielleicht besser nicht mit Fragen und Widersprüchen … aber nun war es ja zu spät.

»Und ich bin gesandt, um mit dir zu reden«, erklärte Gabriel. »Ich habe den Auftrag, dir das, was ich gesagt habe, zu verkündigen. Und nun achte auf meine Worte: Du wirst verstummen und nicht mehr reden können, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast. Was ich gesagt habe, wird in Erfüllung gehen. Wenn es dann soweit ist, wirst du auch nicht mehr stumm sein.«

Zacharias, selbst wenn er es gewagt hätte, konnte nicht mehr widersprechen, weil er tatsächlich seiner Stimme verlustig gegangen war, von einer Sekunde auf die nächste. Hätte er sonst zu seiner Verteidigung darauf hingewiesen, dass Gabriel sich ja ruhig zuerst hätte vorstellen können? Vermutlich nicht, denn ein solch hochgestellter Engel war nun mal ein Bote Gottes, und was Gott tat oder durch seine Gesandten sagte, musste der Mensch weder kommentieren noch in Frage stellen.

Die Menschen draußen wunderten sich unterdessen bereits, dass der Räucherdienst an diesem Tag so ungewöhnlich lange dauerte. Sie murmelten und tuschelten, denn die vorgeschriebenen Gebete waren längst gesprochen. Eigentlich hätte man nachschauen müssen, ob der alte Zacharias womöglich einen Schwächeanfall erlitten hatte, aber der Zutritt zum Räucheraltar war ausschließlich Priestern vorbehalten. Es gab genug Geschichten von Menschen, die tot umgefallen waren, weil sie sich unbefugt auf verbotenes, auf heiliges Gebiet gewagt hatten. Keiner wäre freiwillig in den Raum gegangen, selbst wenn darin ein bewusstloser Zacharias liegen mochte, und vielleicht lebte er ja auch gar nicht mehr?

Dann erschien der Priester, endlich, ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu wissen, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein musste. Er sprach kein Wort, winkte, machte Zeichen mit der Hand. Die meisten Menschen waren sich relativ schnell einig: Er muss wohl ein Gesicht gesehen, eine Vision gehabt haben. Er schien, abgesehen davon, dass er offenbar stumm bleiben wollte oder musste, gesund zu sein. Sein Winken deutete man schließlich als Ersatz für die normalerweise übliche segnende Verabschiedung. Die Gebete waren gesprochen, der Priester hatte geräuchert, und das Volk ging nach Hause.

Zacharias blieb noch, denn seine Dienstzeit war mit dem Räuchern nicht beendet. Er war nicht nur fromm, sondern auch gewissenhaft, und die Begegnung mit einem Engel änderte schließlich nichts an den festgesetzten Zeiten und seinen Aufgaben. Erst zur üblichen Stunde ging er dann nach Hause zu seiner Frau.

Elisabeth wurde schwanger, gegen alle Erwartungen und Wahrscheinlichkeiten. Nun hätte man meinen mögen, dass sie von ihren Zustand voller Freude Freunden, Nachbarn und Verwandten erzählt hätte, denn immerhin war endlich die Schande, die zu jener Zeit mit der Kinderlosigkeit einher ging, getilgt. Doch sie versteckte sich vor den Menschen, nur Zacharias hatte jetzt, neben der Zwangsverstummung, einen zweiten Beleg dafür, dass Gabriel ihm tatsächlich eine Botschaft Gottes gebracht hatte.

Fünf Monate lang zog sich Elisabeth zurück und war zufrieden damit, dass »der Herr sie mit Wohlgefallen angesehen« und »die Schmach von ihr genommen« hatte, wie sie sich ausdrückte. Sie freute sich, wollte aber ihre Freude mit niemandem teilen. Oder wollte sie ihre Freude von niemandem trüben lassen?

Eigentlich ging es ja niemanden etwas an, ob ein alt gewordenes Paar das nächtliche Ruhelager nur noch für den Schlaf nützte oder nach wie vor Gefallen an der liebe- und lustvollen Vereinigung der beiden Körper fand. Aber die Nachbarn, sie redeten eben gerne und viel und nicht immer freundlich … da war es wohl besser, sich nicht zum Gegenstand der Unterhaltungen zu machen.

Außerdem konnte ein so spät im Leben gezeugtes Kind womöglich im Mutterleib absterben oder als nicht lebensfähige Frühgeburt auf die Welt kommen. Wir sind ja weit in der Zeit zurückgereist, damals war weder an Ultraschall noch an Fruchtwasseruntersuchungen oder medizinische Hilfe für Frühgeborene zu denken. Kinder starben bei der Geburt oder wurden tot ausgestoßen, das war schmerzlich und bitter; in solch einem tragischen Fall der Fälle wollte Elisabeth lieber mit ihrem Zacharias allein trauern und sich all die Kommentare ersparen, die auf das Paar herabregnen würden, das die Lebensspanne der Fortpflanzung längst hinter sich gelassen hatte und trotzdem – wer weiß auf welche Weise! – noch den Versuch unternommen hatte, Nachkommen in die Welt zu setzen.

Welche Gründe auch immer die beiden hatten, das im Mutterleib heranreifende Kind sollte ihr Geheimnis bleiben bis zur Geburt. Dachten sie zumindest.

Als Elisabeth im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft war, hatte Gabriel in einer Nachbarstadt eine weitere Botschaft zu überbringen.

Er suchte in Nazareth ein Mädchen auf, eine gewisse Maria. Seine Nachricht war noch um einiges unerhörter als die Worte an Zacharias, aber dazu kommen wir gleich. Erst wollen wir noch festhalten, dass Maria verlobt war, mit einem jungen Mann namens Joseph. Seinerzeit und in jener Gegend gab es zwischen verlobt und verheiratet manche Unterschiede, und einer bestand darin, dass eine Vereinigung der Körper – heute würde man unbekümmert das Wort Sex nennen – und somit eine Schwangerschaft ausgeschlossen war. Es gab zwar Frauen, die das Bett mit Männern teilten, mit denen sie nicht verheiratet waren, genauso wie es Männer gab, die ständig auf der Suche nach solchen Frauen waren, aber für Maria wäre das so undenkbar gewesen wie für die meisten jungen Menschen ihrer Zeit. Wir sind, wie gesagt, weit in der Zeit zurück gereist. Mancher mag das heute für unvorstellbar halten, jedoch – es war nun einmal so.

Als der Engel bei Maria auftauchte, erschrak sie nicht so sehr über das unerwartete Erscheinen des Boten, sondern mehr über seine merkwürdigen Worte.

»Gegrüßet seist du, Holdselige«, sprach Gabriel das Mädchen nämlich an, »der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Frauen.«

aLTE wORTE; VIELE ALTE wORTEHoldselig, gebenedeit – solche aus unserem aktiven Wortschatz verschwundenen Wörter machen es uns etwas schwer zu verstehen, worüber Maria sich so wundern musste. Diese Wortwahl ist bei jemandem zu finden, der diese Geschichte vor längerer Zeit erzählt hat, und er hat seine Worte stets mit Bedacht, wenn auch aus heutiger Sicht nicht immer ganz treffend, gewählt. In diesem Fall war seine Übersetzung des Textes ins Deutsche nicht falsch, allerdings sind uns solche Begrifflichkeiten im Lauf der Jahrhunderte fremd geworden. Wir wollen versuchen, uns auszumalen, warum Maria bei dieser Anrede erschrak.

Sie war ein ganz normales bürgerliches Mädchen, keine Fürstentochter, und sie war auch nicht verlobt mit einem Königssohn, sondern mit einem Tischler. Der unvermutete und unheimliche Besucher grüßte sie jedoch wie eine Persönlichkeit von hohem gesellschaftlichen Rang. Was sollte diese übertriebene Anrede, welchen Zweck verfolgte der sonderbare Mann, der da vor ihr stand? Maria war zu Recht irritiert und erschrocken. Wie Zacharias vor seinem Räucheraltar einerseits wegen des unerwarteten und unerklärlichen Auftauchens einer Gestalt aus dem Nichts, aber eben auch angesichts der völlig deplatzierten Worte. Für ein junges, normales, überhaupt nicht außergewöhnliches Mädchen war die Anrede so unpassend wie für uns heute eine Badehose in der Sauna.

Hatte Gabriel vor lauter Ehrerbietung das Naheliegende, nämlich ein paar beruhigende Worte, übersehen? Bei Zacharias hatte er bekanntlich zunächst vergessen, sich vorzustellen, und auch Maria wusste nicht, wer sie da ungebeten heimsuchte. Der Engel fuhr fort: »Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott.«

Göttliche Gnade – das war ja durchaus ein Grund, sich nicht zu fürchten, oder sich wenigstens nicht mehr allzu sehr zu fürchten, so irritierend auch der Beginn der Ansprache gewesen war. Marias Herz klopfte etwas weniger ungestüm, während sie weiter zuhörte. Die Ansprache wurde immer rätselhafter.

»Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, dem sollst du dann den Namen Jesus geben. Er wird ein bedeutender Mensch sein, man wird ihn als Sohn des Höchsten bezeichnen. Gott der Herr wird ihm den Königsthron seines Vaters David geben.«

Moment mal, wieso denn David? Sie sollte und wollte doch Joseph heiraten, aber wenn der Vater ihres Kindes David hieß, dann wurde aus der geplanten Hochzeit wohl nichts? Und warum sollte ausgerechnet ihr Sohn, wenn sie irgendwann, in ein oder zwei Jahren vielleicht, einmal einen bekommen würde, ein bedeutender Mann werden, von den Leuten noch dazu als Sohn des Höchsten bezeichnet? Darüber hinaus war es irritierend, dass von einem Königsthron die Rede war. Der Königsthron Davids stand für die Herrschaft über dieses Volk, und die wurde nun schon eine ganze Weile von fremder Hand bestimmt, da die Römer inzwischen das Sagen hatten. Herodes saß zwar auf dem Königsthron, aber wichtige Dinge entschied er nicht. Maria schüttelte den Kopf angesichts der vielen Ungereimtheiten. Sie versuchte, weiter zuzuhören, der Engel war ja noch nicht fertig. »Er wird für immer König sein über das Haus Jakob, sein Königreich wird nämlich kein Ende haben.«

Also ein ewig lebender Sohn wurde ihr da angekündigt? Das Mädchen hatte in den paar Sätzen zu viel Unbegreifliches gehört, um die einzelnen Fragen noch sortieren zu können. Als nun die Gelegenheit da war, etwas zu dieser Botschaft zu sagen, fiel ihr nur die fehlende biologische Voraussetzung für das ganze Gedankengebäude ein: »Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?«

Von keinem Mann wissen, das bedeutete nichts anderes, als dass sie weder mit ihrem Joseph noch sonst einem Mann eine intime Beziehung hatte, und auch nicht haben wollte, bevor sie rechtmäßig und ordnungsgemäß verheiratet war. Einen David, den Gott wohl als Bräutigam ausgesucht hatte, kannte sie noch nicht einmal. Ganz zu schweigen von einem zukünftigen Ehemann, der Anspruch auf das Königtum hätte, wenn man die Römer und ihren Hampelmann Herodes gedanklich einmal ausblenden wollte.

Gabriel hatte den Priester Zacharias ein paar Monate zuvor mit einer temporären Verstummung bedacht, als dieser Einwände gegen die überbrachte Botschaft vorgebracht hatte. Mit Maria ging er behutsamer um. Anstatt ihre Frage als Unglaube oder Widerborstigkeit auszulegen und mit Stummheit oder sonst einer Plage zu ahnden, erklärte er ihr, wie sie zu einem Sohn kommen sollte: »Der heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Aus diesem Grund wird auch das Heilige, das du zur Welt bringen wirst, Sohn des Höchsten genannt werden.«

Vorstellen konnte sich das Mädchen auch nach dieser Erklärung immer noch nichts, vermutlich las Gabriel die Verwirrung in ihren Augen und gab ihr noch ein Zeichen mit auf den Weg, an dem sie erkennen sollte, dass er ihr wirklich eine Botschaft von Gott gebracht hatte. Er verriet Maria ein Geheimnis: »Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn. Und das in ihrem hohen Alter. Alle gingen davon aus, dass sie unfruchtbar wäre, und jetzt ist sie im sechsten Monat. Bei Gott ist nämlich kein Ding unmöglich.«

Elisabeth sollte schwanger sein? Ausgerechnet diese zwar nette, aber doch ziemlich betagte Dame? Maria beschloss, nicht weiter nachzudenken, was alles möglich oder unmöglich war. Sie glaubte an Gott, kannte die Geschichten von den Wundern, die in der Vergangenheit geschehen waren. Vom Wasser in der Wüste für ein ganzes Volk bis zum lodernden Feuer auf einem Altar, der vorher samt Opfer darauf mit Wasser überflutet worden war. Selbstverständlich konnte dieser Gott tun, was er sich vorgenommen hatte, und eine Schwangerschaft ohne vorangegangene erotische Begegnung und Vereinigung war für ihn auch nicht schwieriger zu bewerkstelligen als andere Wundertaten, von denen man hörte. Also antwortete das Mädchen nur: »Ich bin eine Dienerin des Herrn, mir geschehe, was du eben angekündigt hast.«

Der Engel war zufrieden, er hatte seinen Auftrag erfüllt. Die Botschaft war überbracht, Maria hatte eingewilligt. Er verließ die Holdselige.

Elisabeth und Zacharias wussten noch nicht, dass ihr sorgsam gehütetes Geheimnis keines mehr war.

Natürlich war Maria neugierig. Ausgerechnet Elisabeth sollte im sechsten Monat schwanger sein. Niemand hatte darüber geredet, kein Mensch schien etwas davon zu wissen. Man hatte geredet, die Leute redeten ja dauernd, aber nur über Elisabeths Mann, der aufgrund eines Erlebnisses beim Priesterdienst stumm geworden war. Es wurde spekuliert, gemutmaßt, manche meinten, er habe ein Schweigegelübde geleistet, andere vermuteten eine Krankheit. Wieder andere erinnerten an die ungewöhnlich lange Zeit, die er beim Räuchern zugebracht hatte und hielten ein übernatürliches Ereignis als Auslöser für wahrscheinlich.

Eine Schwangerschaft im derart hohen Alter? Im sechsten Monat bereits? Da musste sich Maria selbst ein Bild von der Lage machen.

Sie brach eilig auf, um Zacharias und seine Frau in deren Heimatstadt zu besuchen. Als Maria in das Haus ihrer Verwandten kam, griff Elisabeth unwillkürlich mit der Hand an ihren Bauch, dessen Wölbung keinen Zweifel daran zuließ, dass der Engel die Wahrheit gesagt hatte. Maria hatte nicht ernsthaft an den Worten Gabriels gezweifelt, aber nun war sie doch sehr überrascht, als sie sich mit eigenen Augen überzeugen konnte.

Elisabeth spürte, dass ihr Kind förmlich in ihrem Bauch hüpfte, als das Mädchen sie begrüßt hatte. Sie wollte den Gruß in gewohnter Weise erwidern, aber als sie den Mund aufmachte, fühlte sie sich auf einmal wie von einem göttlichen Geist erfüllt und sprach Worte aus, die sie sich nicht zurechtgelegt hatte. Es war, als spräche ein anderes Wesen durch ihren Mund. Sie hörte sich rufen: »Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!«

Schon wieder so ein Wort, mit dem wir wenig anzufangen wissen. Gepriesen… Was müssen wir uns dabei vorstellen? Es gibt diverse Menschen, die heutzutage gepriesen werden. Ein Autor schreibt ein wunderbares Buch und wird von den Kritikern und Lesern gepriesen, womöglich nicht von Herrn Reich-Ranicki, aber das sei beiseite gelassen. Ein Spitzenkandidat wird von seiner Partei für die nächste Wahl aufgestellt und dann von den Parteimitgliedern gepriesen – zumindest so lange, bis er die Wahl verloren hat. So ungefähr können wir uns die Bedeutung von gepriesen vorstellen.

Maria erschrak zutiefst – nicht so sehr über das gepriesen sein, sondern vielmehr darüber, dass Elisabeth von der »Frucht ihres Leibes« sprach, von der sie selbst noch nicht einmal etwas wusste. War sie etwa schon schwanger? Der Engel hatte ja keinen Zeitpunkt konkretisiert … womöglich … ach du liebe Güte!

Elisabeth war noch nicht fertig mit ihrer Begrüßung: »Und womit habe ich das verdient, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Weißt du was, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.«

Ob Maria wohl so ganz begriff, was ihr da statt eines »Hallo Maria, schön, dass du mich besuchen kommst« entgegen schallte? Sie hatte ja noch nichts erzählt von der Engelserscheinung, von ihrer eigenen bevorstehenden Schwangerschaft ohne männliches Zutun, von jenem rätselhaften Königsthron und all den anderen merkwürdigen Prophezeiungen. Wir erinnern uns, dass Maria ein ganz normales frommes Mädchen war, nicht etwa eine sonderlich begabte Person oder jemand mit geistlichen Ämtern und Würden. Zacharias immerhin war Priester, hatte mit dem Tempel, den religiösen Verrichtungen und Gebeten jede Menge Erfahrung, seine Frau Elisabeth war demzufolge sicherlich eher vertraut mit dem, was man von Gott wusste oder glaubte. Aber Maria?

Das Mädchen reagierte den Überlieferungen zufolge anders, als wir es erwarten würden. Es saß ja kein Stenograph daneben, die Berichte wurden über lange Jahre mündlich überliefert, später niedergeschrieben, abgeschrieben, wieder abgeschrieben … jedenfalls beantwortete Maria den uns heute vorliegenden Texten zufolge Elisabeths Begrüßung mit einer Art Lobgesang: »Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen …«

Marias ziemlich lange Antwort ist fast wie ein Blick in die Zukunft, denn sie beschreibt das, was Gott in der Vergangenheit getan hat, ohne dass sie bereits wissen kann, was ihr eigener Sohn rund dreißig Jahre später tun und predigen wird. »… seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten …«, sagt sie, »… er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hochmütig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen …«

Worüber sich Elisabeth und Maria so unterhalten haben in den nächsten Wochen, ist uns nicht überliefert. Sicher werden sie über die Besuche des Engels geredet haben, über die Unwahrscheinlichkeit von Elisabeths Empfängnis und die Unmöglichkeit der Schwangerschaft von Maria, werden sich wohl auch Gedanken gemacht haben, was die Leute denken oder reden, wenn Maria ohne Ehemann aber mit zunehmend dickem Bauch zu sehen sein wird … Zeit für Gespräche gab es reichlich. Maria blieb etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim, kurz bevor Elisabeth ihr Kind auf die Welt brachte.

Elisabeth und Zacharias bekamen, was beiden klar gewesen war, einen Sohn. Warum hätte der Engel sich im Geschlecht des Kindes irren sollen.

Nun war es aus mit der Geheimniskrämerei, denn das freudige Ereignis durfte und musste gefeiert werden. Die Nachbarn und Verwandten hörten, vermutlich mit erheblichem Erstaunen, dass die Schmach der Kinderlosigkeit vorüber war und sie freuten sich mit Elisabeth. Sie hätten sich wahrscheinlich schon vorher gefreut, wenn sie von der Schwangerschaft erfahren hätten, aber wir haben uns ja schon Gedanken gemacht, warum Elisabeth in ihrem hohen Alter diesbezüglich so zurückhaltend gewesen war.

Am achten Tag kamen Freunde und Verwandte, um das Kind zu beschneiden. Dies war nicht nur üblich, sondern Vorschrift. Es gehörte zum Leben der Juden ganz selbstverständlich dazu, seit Gott mit dem Stammvater ihres Volkes einen Bund geschlossen hatte. Auf die Unbeschnittenen sah man ein wenig elitär herab, denn auserwählt waren sie nicht. Wenn ein Junge auf die Welt kam, fand acht Tage später die Beschneidung seiner Vorhaut statt, und bei dieser Gelegenheit bekam das Kind dann auch seinen Namen.

Die versammelte Festgesellschaft wollte den Jungen nach seinem Vater Zacharias nennen. Der Tradition gemäß war dies die naheliegende Wahl.

Doch Elisabeth widersprach energisch: »Nein, sondern er soll Johannes heißen.«

Das war der Name, den Gabriel genannt hatte, als er Zacharias am Räucheraltar mit der unglaublichen Botschaft überfallen hatte. Wir kennen diese Vorgeschichte und verstehen, dass weder Elisabeth noch Zacharias daran dachten, von dieser Vorgabe abzuweichen, schließlich hatte sich alles, was der Engel verkündet hatte, als richtig erwiesen, einschließlich der Beraubung des Priesters um seine Stimme.

Die Gäste, denen diese Zusammenhänge unbekannt waren, versuchten, Elisabeth zur Vernunft beziehungsweise zur Tradition zu bewegen: »Es ist doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt!«

Elisabeth blieb stur. Da war nichts zu machen. Die Verwandtschaft bedeutete schließlich dem Vater des Säuglings, er solle sich äußern, wie sein Sohn denn nun heißen solle. Zacharias, seit neun Monaten daran gewöhnt, sich lediglich mittels Gesten und notfalls schriftlich auszudrücken, forderte eine kleine Tafel und schrieb: Er heißt Johannes.

Nun wunderten sich alle um so mehr, er als Priester hätte doch Tradition und Gebräuche noch viel höher achten müssen? Natürlich war es nicht verboten, einem Kind einen Namen zu geben, der in der Familie ungebräuchlich war. Manche unter den Festgästen mögen sich gedacht (oder gar miteinander getuschelt) haben, dass die späte Schwangerschaft, noch dazu verheimlich, das Verstummen des Vaters und nun das sture Beharren auf Johannes als Namen irgendwie zusammenpasste. Die Familie war schon etwas wunderlich geworden in letzter Zeit …

Doch die Überraschungen waren noch nicht zu Ende. In diesem Moment erfüllte sich auch der letzte Teil der Voraussagen des Gottesboten am Räucheraltar. Vielleicht erschrak Zacharias? Sein »Mund wurde aufgetan und seine Zunge gelöst«, so lesen wir es in den Überlieferungen. Er »redete und lobte Gott«.

Selbstverständlich kannte er als Priester die Schriftrollen der Propheten, aus denen in den Synagogen vorgelesen wurde. Er zitierte in seiner Rede einige dieser Voraussagen. Was er nun, als er nach mehr als neun Monaten wieder sprechen konnte, über seinen Sohn Johannes sagte, ging jedoch deutlich über das hinaus, was er nach rein menschlichem Ermessen wissen konnte.

»Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und erlöst und hat uns eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David aufgerichtet. Das hat er bereits vor sehr langer Zeit durch den Mund seiner heiligen Propheten angekündigt, dass er uns errettet von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen.« Die Zuhörer nickten, denn auch sie kannten ja die uralten Prophetien, auf deren Erfüllung das Volk hoffte, seit die Römer die Herrschaft übernommen hatten. Man tröstete sich mit dieser Hoffnung über die trostlose Realität hinweg, doch warum Zacharias daran ausgerechnet bei der Beschneidung seines Sohnes erinnerte, war nicht ganz verständlich. Hätte er nicht eher etwas über den Bund zwischen Abraham und Gott sagen sollen, von jener ersten Beschneidung in der Geschichte des Volkes erzählen müssen?

Zacharias fuhr fort: »Gott hat versprochen, unsern Vätern Barmherzigkeit zu erzeigen und an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat, zu denken.«

Ach – aha! Endlich kam der Priester, auf einem Umweg, doch zum Thema. Nun war der Zusammenhang schon verständlicher.

»Gott hat uns versprochen, dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienen werden. Und zwar ohne Furcht, unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen«, fügte Zacharias noch hinzu.

Vielleicht dämmerte nach diesen Worten einigen Verwandten und Freunden, dass der stolze Vater der Geburt seines Sohnes mehr Bedeutung beimaß als – bei aller Freude über den so spät im Leben noch erfüllten Kinderwunsch – zu erwarten war. Sollte die Namensgebung eine tiefere Bedeutung haben? Meinte Zacharias womöglich, dass die Erlösung aus der Hand der Feinde, der Römer, unmittelbar bevorstand? Sollte das Kind dabei eine Rolle spielen?

Nun sah Zacharias seinen Sohn Johannes an und erklärte: »Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und seinem Volk Erkenntnis des Heils gibst in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.«

Wir sind etlichen der eben genannten Begriffe und Worten entfremdet, »Heil« hat in unserem Land sogar einen üblen Beigeschmack bekommen. Dieser Schluss der Ansprache ist recht poetisch formuliert, was ja nicht an und für sich verkehrt ist, uns aber doch das Verständnis für die Reaktion der Anwesenden etwas erschwert. Kurz zusammengefasst hatte Zacharias gesagt, dass sein Sohn im Auftrag Gottes reden und ein Wegbereiter für die Befreiung des Volkes sein würde – aus der Finsternis der augenblicklichen Situation hinaus, in eine helle und friedliche Zukunft hinein.

Es war eine merkwürdige Stimmung, die sich nach den Worten des Vaters über sein Kind breit machte in der Festtagsrunde. Furcht kam über alle Nachbarn; man spürte, dass eine höhere Macht die Hand im Spiel hatte. Die ganze Geschichte wurde bekannt »auf dem ganzen Gebirge Judäas«, also weit über die nächste Nachbarschaft hinaus. Und alle, die es hörten, nahmen es sich zu Herzen und sprachen: »Was, meinst du, will aus diesem Kindlein werden?«

»Denn die Hand des Herrn war mit ihm«, hat jemand angemerkt, der diese Geschichte auch schon erzählt hat. Woran das in der Kindheit und Jugend des Johannes erkennbar war, wissen wir nicht, denn über seine Entwicklung hat niemand etwas aufgeschrieben, damals, vor so langer Zeit. Wir können immerhin davon ausgehen, dass Johannes ein gesundes, kräftiges und intelligentes Kind war, denn der Bericht schließt damit, dass er »wuchs und stark im Geist wurde«. Das Kind wurde zum Jugendlichen. Manche Menschen, die sich noch an jene außergewöhnliche Feier der Beschneidung und an die sonderbaren Umstände der Schwangerschaft erinnerten, mochten Johannes gespannt beobachten, denn wenn das, was sein Vater damals verkündet hatte, richtig war, musste der Junge ja nun langsam mal aktiv werden. So stellte man sich das vor.

Und dann verschwand Johannes.

Anstatt seine Mission zu beginnen, öffentlich zu predigen, womöglich gar Widerstand gegen die römische Besatzung anzuschüren oder zumindest schon mal Gleichgesinnte um sich zu scharen, zog Johannes sich zurück. Er ging in die Wüste und blieb in der Wüste. Seine Zeit war, obwohl er zum jungen Mann gereift war, noch nicht gekommen, so lesen wir es in den alten Überlieferungen.

War er allein in der Wüste? Ja, er war wohl allein, denn nichts wird uns berichtet von diesen Jahren. Predigte er den Steinen, dem Sand, den spärlichen Pflanzen? Unterhielt er sich nächtens mit dem scheuen Wüstenfuchs, der sich im Lauf der Jahre an den zweibeinigen Nachbarn gewöhnt hatte?

Vermutlich redete mit seinem Gott oder zu seinem Gott. Was er redete, ob er Antworten bekam, wie viel er von den kommenden Ereignissen ahnte oder wusste – wir wissen es nicht. Wir erfahren nur, dass im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, endlich ein »Wort Gottes zu Johannes geschah«. Wie wir uns das vorzustellen haben, bleibt uns überlassen. Hörte er eine Stimme mit seinen Ohren? Bekam er Besuch von Gabriel, wie sein Vater damals? Überkam ihn eine innere Gewissheit?

Johannes verließ seine Einöde und kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Natürlich kannte er – sein Vater war immerhin Priester gewesen – die Reden des Propheten Jesaja. Dort hieß es: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Nun kann man das nicht wörtlich nehmen, denn wenn die Täler erhöht werden und die Erhebungen erniedrigt, dann bleibt ja nur eine flache Ebene übrig. Niemand in Judäa hatte ernsthaft die Absicht, die Landschaft einzuebnen. Auch krumme Wege haben ihren Zweck, denn wenn das Ziel um die Ecke liegt, führt ein gerader Weg daran vorbei. Das ganze ist als geistliche Metapher zu begreifen. Ob Johannes ganz gewiss war, dass er selbst dieser Prediger in der Wüste war, von dem der Prophet vor so langer Zeit geredet hatte, können wir nur mutmaßen und vielleicht aus dem schließen, was uns von seinen Ansprachen berichtet wird:

Mit drastischen Worten sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: »Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.«

Für das Volk war das, auch abgesehen von den Schimpfworten, eine ziemlich herausfordernde Rede. Immerhin hatte Abraham einen Bund mit Gott geschlossen, und zwar einen ewigen Bund. Darauf konnten sie sich verlassen, meinten die Zuhörer, denn schließlich waren sie Abrahams Kinder und ewig hieß nun einmal ewig. Sie waren doch das auserwählte Volk? Nichts anderes hatten sie und ihre Vorfahren seit Jahrhunderten gehört und geglaubt. Und nun tauchte ein verwilderter Prediger auf, der nicht einmal Priester war, um ihre Gewissheit, dass Gott sie auf jeden Fall in seine Arme schließen würde, zu erschüttern und zu rauben. Das hätte eigentlich zu erheblichem Widerspruch und Widerstand führen müssen. Seine Bußpredigten sollten auch nicht ohne bittere Folgen für Johannes bleiben, aber in jenen Wochen und Monaten reagierten seine Zuhörer nicht feindselig, sondern betroffen und Rat suchend.

Die Menge fragte ihn: »Was sollen wir denn tun?«

Johannes antwortete, indem er sie daran erinnerte, dass Gott an ihrer Einstellung dem Mitmenschen gegenüber mehr interessiert war als an ihrer Abstammung von Abraham: »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.«

Das Gebot der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit, war kein neues, sondern es stand schon seit Jahrhunderten in den heiligen Schriftrollen. Aber offensichtlich wurde es weithin ignoriert. Johannes taufte und verlangte von denen, die sich diesem Ritual unterzogen, dass sie fortan mit Taten statt mit Worten ein anderes Leben führten. Ein Hemd reicht, wenn der Mitmensch keines und man selbst zwei hat.

Die Römer hatten als Besatzer des Landes unter anderem Zöllner, heute und hier würden wir von Zollbeamten sprechen, eingesetzt. Diese Handlanger waren beim Volk nicht beliebt, mit gutem Grund, denn so gut wie alle wirtschafteten neben der Erhebung der Steuern für Rom auch kräftig in die eigene Tasche. Nun kamen auch Zöllner zu Johannes, um sich taufen zu lassen. Sie wollten ebenfalls wissen, was er ihnen zu raten hatte: »Meister, was sollen denn wir tun?«

Die Antwort war eigentlich vorhersehbar: »Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!«

Vielleicht hatten manche in den Volksmengen gehofft, dass Johannes den Zöllnern auftragen würde, ihren Dienst zu verlassen, aber er dachte gar nicht daran, einen Aufstand gegen Rom anzuzetteln.

Auch Soldaten kamen, um sich taufen zu lassen. »Was sollen denn wir tun?«

Ähnlich wie die Zöllner waren die Soldaten nicht sonderlich angesehen im Volk. Sie dienten erstens einer fremden Macht, denn sie standen unter dem Befehl der Römer, und zweitens erpressten sie gerne Schutzgelder, bereicherten sich wo es nur ging, denn sie hielten sich – und waren es ja auch – für relativ unangreifbar.

Johannes antwortete: »Tut niemandem Gewalt oder Unrecht an und begnügt euch mit eurem Sold!«

Wir erinnern uns: Es hatte sich nach seiner Beschneidung weit herumgesprochen, dass Johannes kein Mensch wie alle anderen war, dass ihm etwas Besonderes, etwas Gottgegebenes anhaftete. Inzwischen waren viele Jahre ins Land gezogen, aber vergessen waren die Umstände seiner Geburt und die Worte seines Vaters über Johannes wohl nicht.

Das Volk wartete auf einen Erlöser, einen Messias, der die Besatzungsmacht aus dem Land werfen und das jüdische Könighaus des David wieder aufrichten würde. Nun trat Johannes, über dessen Geburt und Beschneidung solch ungewöhnliche Geschehnisse erzählt worden waren, auf. Er kam mit einer unerwarteten, aber dennoch aufsehenerregenden Botschaft. Kein bewaffneter Aufstand, kein Streik, keine Occupy-Bewegung und auch kein arabischer Frühling. Statt dessen predigte Johannes eine Art freiwilligen Sozialismus. Die Menschen waren voll Erwartung und viele mutmaßten in ihren Herzen von ihm, ob er vielleicht der Christus, der versprochene Erlöser, wäre, zumal Johannes den Propheten Jesaja, der einiges über den Christus gesagt hatte, häufig zitierte.

Aber Johannes wies das weit von sich. Er erklärte: »Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. In seiner Hand ist die Worfschaufel, und er wird seine Tenne fegen und wird den Weizen in seine Scheune sammeln, die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.«

Die Worfschaufel muss man erklären, wenn man diese Geschichte heute erzählt. Dieses Gerät kennt keiner mehr, außer vielleicht aus einem landwirtschaftlichen Museum. Mit einer Worfschaufel, einer Art Schippe mit flachem Blatt aus Holz oder Metall, wurde das ausgedroschene Getreide gegen den Wind in die Höhe geworfen und von der Spreu gereinigt. Die Spreu flog im Luftstrom ein Stück zur Seite, das Getreide fiel zu Boden. Mit seiner Metapher sagte also Johannes, dass jemand nach ihm kommen würde, der das Wertvolle im Volk vom Wertlosen im Volk trennen würde, die einen würde er bei sich behalten, die anderen vernichten.

»Mit Feuer taufen« – da war den Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Würde Feuer vom Himmel fallen, um die Spreu, die Verworfenen zu verbrennen? Möglich, immerhin hatte das Johannes gepredigt. Aber »taufen« mit Feuer? Und »mit dem Heiligen Geist« war nicht weniger rätselhaft.

Johannes erklärte nicht, sondern er predigte unverdrossen Buße und Umkehr, ermahnte das Volk und verkündigte ihm das Heil. Gott sei nicht an der Abstammung von Abraham interessiert, sondern daran, ob jeder einzelne Mensch Recht oder Unrecht tut, das war der Kern seiner Lehre. »Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. … Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! … Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!«

Als Johannes eines Tages wie üblich am Jordan predigte und taufte, kam Jesus, um sich taufen zu lassen. Johannes hatte ihn zuerst nicht erkannt, es war ziemlich lange her, dass sie sich gesehen hatten und beide hatten sich, vom Jugendlichen zum Mann gereift, verändert. Selbstverständlich wusste Johannes über die sonderbaren Umstände der Schwangerschaft von Maria bescheid, immerhin waren seine Mutter und die Mutter Jesu Verwandte und die Ereignisse, die weit ringsum bekannt geworden waren, kannte man in der Familie natürlich am besten. Aber Johannes hatte seit seinem Rückzug in die Wüste keinen Kontakt mehr zur Verwandtschaft gehabt.

Nun stand Jesus vor Johannes, um sich wie all die anderen taufen zu lassen. Johannes sträubte sich zunächst, meinte, dass umgekehrt ein Schuh daraus würde. Doch schließlich gab er nach. Als Jesus getauft war und anschließend betete, wurde der Himmel geöffnet und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab. Manche Zeugen des Vorfalls hatten andere Erinnerungen, meinten einen Donner zu hören oder etwas wie eine Feuerflamme zu sehen, aber Johannes sah die Taube und hörte eine Stimme aus dem Himmel: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.«

Ob Johannes schon ahnte, welch schmähliches Ende sein Leben nehmen würde? Oder hoffte er noch, dass die ihm überlieferten großartigen Worte eines Engels an seinen Vater irgendwie in Erfüllung gehen würden.

Seine Mission war damit nicht erfüllt, Johannes predigte und taufte auch nach dieser denkwürdigen Begegnung weiter. Er nannte Unrecht beim Namen und scheute auch nicht davor zurück, öffentlich den Landesfürst Herodes zu kritisieren. Dieser Mann, das hatten wir schon festgehalten, regierte nicht souverän; natürlich hatten die Römer das Sagen. Er genoss aber seinen Status und seine begrenzte Macht und fand auch nichts dabei, mit der Frau seines Bruders ein erotisches Verhältnis zu pflegen. Deswegen und wegen alles Bösen, das er sonst noch getan hatte, wurde er von Johannes öffentlich gescholten. Herodes zögerte nicht lange, er warf Johannes ins Gefängnis.

Während Johannes im Gefängnis ausharren musste, wurde Jesus immer bekannter im Land. Seine Wunder waren überall Gesprächsstoff. Wenn es hieß, dass er an einem bestimmten Ort sei, strömten die Menschen dorthin und brachten ihre Kranken mit, damit diese geheilt würden, und je mehr Wunder geschahen, desto stärker wurde der Zulauf.

Johannes rechnete damit, dass der Messias, über den er selbst dem Volk gesagte hatte, dass »in seiner Hand die Worfschaufel sei, dass er die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennen würde«, in absehbarer Zeit mit seinem öffentlichen Wirken beginnen würde. Feuer vom Himmel sollte auf die Unterdrücker und die renitenten Sünder fallen, das Volk würde wieder in einem freien Königreich leben. Das seltsame Ereignis bei der Taufe des Messias bestärkte Johannes in dieser Annahme. Eine Stimme vom Himmel, eine Taube, die keine Taube war … so etwas geschah nicht alle Tage.

Doch nun saß Johannes im Gefängnis, seine Jünger berichteten ihm über alles, was sie von Jesus hörten, und wir können uns vorstellen, welche Fragen und Zweifel den Täufer umtrieben. Er hatte der Volksmenge diesen Jesus angekündigt: »Er wird seine Tenne fegen …« – aber statt irgendwen mit Feuer zu verbrennen, statt die Spreu nun endlich vom Weizen zu trennen und Gericht zu halten, tat der Messias dem Vernehmen nach allen nur Gutes, allen Menschen, ohne Unterschiede. Statt Sünder zu bestrafen, vergab er ihnen ihre Schuld, war überhaupt häufig in zweifelhafter Gesellschaft anzutreffen. Er ließ sogar eherne Gesetze außer Acht, zum Beispiel wenn es darum ging, am heiligen Ruhetag einen Kranken zu heilen. Johannes als Sohn eines frommen und untadeligen Priesters hatte damit erhebliche Probleme, denn wie sollte jemand den Thron Davids wieder aufrichten, der die ewigen Gesetze des Bundes seines Volkes mit Gott missachtete?

Johannes grübelte und zweifelte und rätselte, schließlich rief er zwei seiner Jünger herbei und sandte sie zu Jesus. Sie sollten ihm eine simple Frage stellen: »Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Es war nicht schwer, Jesus zu finden, und die beiden Boten sprachen ihn an: »Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dir sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?«

Eine klare Antwort, ein Ja oder ein Nein, erhielten sie nicht. Jesus heilte auch an diesem Tag viele Menschen von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern, und vielen Blinden schenkte er das Augenlicht. Nun hatten die beiden Boten des Johannes das mit eigenen Augen gesehen, konnten sich davon überzeugen, dass keine Übertreibung in dem zu finden war, was man sich landauf, landab erzählte.

Jesus antwortete jedenfalls nicht auf ihre simple Frage, sondern sagte: »Geht hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird gute Botschaft verkündigt! Und glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet, weil er Anstoß daran nimmt.«

Was mag Johannes gedacht haben, als er den Bericht seiner beiden Jünger im Gefängnis hörte? Er hatte ja seine beiden Boten geschickt, weil er das, was er über Jesus hörte und das, was er selbst über den Messias gesagt hatte, nicht in Einklang bringen konnte. Das passte nicht zusammen. Deshalb hatte er eine klare Frage gestellt – und keine klare Antwort bekommen. Natürlich deutete das »glückselig ist, wer sich nicht von mir abwendet« an, dass man nicht auf einen anderen Messias warten sollte, und vielleicht reichte das ja auch, um Johannes von seinen Fragen und Zweifeln zu befreien?

Wir wissen nicht, wie und ob Johannes mit der Botschaft zurecht kam. Fand er Trost in dem Wissen, dass seine Bußpredigten und –taufen für mehr Menschlichkeit, mehr Gerechtigkeit gesorgt hatten? Hoffte er auf Entlassung, um seinen Verwandten Jesus selbst aufsuchen und über all die offenen Fragen mit ihm reden zu können? Oder gab er sich mit seinem Schicksal zufrieden? Jedenfalls kam es für ihn zu keiner Befreiung aus dem Gefängnis. Herodes ließ den Täufer hinrichten.

Jesus wirkte weiter und wurde immer bekannter. Die Menschenmassen, die zu ihm strömten, waren größer als die, die zur Taufe des Johannes im Jordan gepilgert waren.

Das erregte auch die Aufmerksamkeit der Obrigkeiten. Herodes hörte alles, was rings um Jesus vor sich ging. Er geriet in Verlegenheit, weil von einigen gesagt wurde, dass Johannes aus den Toten auferweckt worden sei; von einigen aber, dass Elia erschienen, von anderen aber, dass einer der alten Propheten auferstanden sei. Auf jeden Fall gab es keinen Zweifel, dass dieser Jesus kein Mensch wie alle anderen war. Herodes murmelte vor sich hin: »Johannes habe ich enthauptet. Wer aber ist dieser, von dem ich solches höre?« Er wünschte sich, ihn zu sehen – zu ihm hinauspilgern wollte er jedoch lieber nicht.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Begegnung stattfinden würde.

Vor vielen Jahren hatte ein Engel zu einem alten Priester im Tempel gesagt: »Dein Sohn wird wie damals Elia mit bemerkenswerter Kraft und im Geist Gottes wirken. Die Kinder und die Eltern wird er miteinander versöhnen, den Ungläubigen wird er aufschließen können, wie klug die Gerechtigkeit Gottes ist. Er wird das ganze Volk vorbereiten.«

Hatte sich diese Voraussage erfüllt? Einige meinten, da sei etwas schief gegangen, andere sprachen davon, dass Johannes genau das getan habe. Jedoch: dass das Volk von dem Messias zunächst begeistert war, weil er so viel Gutes tat und weil er Sünden vergab, ohne zuerst teure und langwierige Opfer zu fordern – bedurfte das der Vorbereitung durch einen Täufer, der Buße und Gericht verkündete? Dass das Volk schließlich seinen Messias verwerfen und vom römischen Statthalter »kreuzige ihn!« fordern würde, war das ein Symptom misslungener Vorbereitung? Und sein schmähliches Ende im Kerker … war das unumgänglich?

Es gäbe vielleicht noch so manches zu erzählen, aus anderen Quellen zu schöpfen, von Kamelhaaren und Heuschrecken könnte man berichten, aber was Johannes betrifft, sind dies die Dinge, die von einem der Menschen, die damals, in jener anderen Zeit und in jenem anderen Land, gelebt haben, aufgeschrieben wurden. Dieser Chronist hieß Lukas, er hat für seinen Freund Theophilus einen zweiteiligen Bericht verfasst, in dem Johannes allerdings weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als seinem Verwandten Jesus und dann dessen Nachfolgern und ihrem Wirken.

Lukas hat dann über Johannes nur noch angemerkt, dass viele Jahre später ein gewisser Paulus, der Jesus nachfolgte, in der Stadt Ephesus, also recht weit weg vom Ort des Geschehens das wir hier betrachtet haben, auf eine Gruppe von Jüngern des Johannes traf. Paulus fragte sie: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, nachdem ihr gläubig geworden seid?«

Sie antworteten etwas ratlos: »Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist überhaupt da ist.«

Paulus fragte zurück: »Worauf seid ihr denn getauft worden?«

Die Antwort war: »Auf die Taufe des Johannes.«

Wir entnehmen diesem kurzen Dialog, dass nach der Hinrichtung des Täufers offenbar einige seiner Jünger den Dienst fortgeführt hatten, vermutlich mit der gleichen Botschaft verbunden, dass der Mensch seinen Nächsten nicht nur lieben, sondern ihm auch durch die Tat behilflich sein sollte, dass die Ankunft eines Messias kurz bevor stand, der würde dann ja bekanntlich mit Geist und Feuer taufen und mit der Worfschaufel endlich für Ordnung sorgen.

Paulus erklärte diesen Menschen in Ephesus: »Johannes hat mit der Taufe der Buße getauft, indem er dem Volk sagte, dass sie an den glauben sollten, der nach ihm komme, also an Jesus.«

Liebe machen

Kein Sex vor der Ehe! Diesen Grundsatz haben die meisten Christen wohl bereits einmal gehört. Aber was ist mit dem Sex in der Ehe? In den meisten Gemeinden scheint dieses Thema nicht zu existieren – Ehepaare bleiben da viel zu oft auf sich allein gestellt. Eine Auseinandersetzung mit der schönsten Privatsache der Welt.

// Es herrscht kein Mangel an Büchern, Artikeln, Online-Ratgebern und anderen Quellen, die samt und sonders Auskunft versprechen, wie das mit Liebe, Lust und Leidenschaft am besten funktioniert. Qualität und Niveau der Angebote umspannen die Bandbreite von wissenschaftlich bis vulgär. Es ist für jeden Geschmack etwas dabei, durchaus auch etwas für Menschen ohne Geschmack.
Dennoch besteht Bedarf: »Wenn es um Sex geht, tun die meisten verheirateten Christen das, was für sie funktioniert. Wenn sie etwas entdeckt haben, was ihnen Befriedigung, Vergnügen, Nähe und einen Orgasmus bringt, werden sie in der Regel diese Praxis beibehalten. Dabei werden manche Paare allerdings von Schuldgefühlen geplagt, weil sie sich fragen, ob ihr Tun vielleicht sündig ist«, schrieben vor etlichen Jahren Melissa und Louis McBurney, professionelle Eheberater, in Christianity Today.(1) Sie berichteten, dass sie unzählige Anfragen bekommen, ob bestimmte Sexpraktiken »erlaubt« seien, weil in den Kirchen und Gemeinden das Thema Sexualität ignoriert und in den Kleingruppen auch nicht angesprochen wird. Die meisten »christlichen« Ehebücher bleiben schwammig oder stiften noch mehr Verwirrung, da der eine Autor dieses, der andere jenes verurteilt oder gutheißt – selbstverständlich immer biblisch belegt.

Biblische Moral bleibt unklar
Wer will, kann anhand der Bibel auch nachweisen, dass Sex außerhalb der Ehe erlaubt ist: Die Tatsache, dass der Glaubensheld Abraham mit seiner Magd – im Einvernehmen mit der Ehefrau und sogar auf deren Vorschlag hin – einen Sohn zeugte, wird in der Bibel nicht getadelt, sondern lediglich der Beweggrund: mangelnder Glaube, dass die betagte Sarah trotz göttlicher Verheißung noch schwanger werden könnte. Nur eines von mehreren Beispielen in der Heiligen Schrift.
Die biblischen Bücher geben – im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext – diverse Hinweise zu Moral und Ethik, aber die Bibel war nie ein Ratgeber zum Sex in der Ehe. Die Bibel ist ein sehr vielschichtiges und vielseitiges Portrait Gottes. Die zahlreichen Autoren der biblischen Bücher steuern das jeweilige Bild, wie sie Gott erkennen und erleben, bei. So entsteht ein Puzzle, das uns ahnen lässt, wer und wie Gott ist. Die Bibel ist aber kein Handbuch über sexuelle Spielarten und Praktiken, auch wenn manche frommen Autoren so tun als könnten sie eins aus ihr machen.

Als sexuelle Wesen geschaffen
Wir können immerhin getrost davon ausgehen, dass der Schöpfer von der Intensität unserer Empfindungen nicht überrascht ist, denn er hat uns mit sexuellem Verlangen, den entsprechenden Organen und Hormonen sowie der mentalen Fähigkeit zu erotischen Höhenflügen ausgestattet. Daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert. Adam besaß Penis und Hoden, Eva Vagina, Klitoris und Brüste. Da sie Kinder in die Welt setzten, wussten sie offenbar auch damit umzugehen. Wie häufig sie Sex hatten, in welchen Stellungen, wann und wie sie zum Orgasmus kamen – und ob das jeweils sündig oder zulässig war – ist uns nicht überliefert.

Was ist erlaubt?
Daher die Unsicherheit unter Christen, von der die McBurneys berichteten. Sie ist auch hierzulande verbreitet. Was ist erlaubt? Was ist verboten? Eine Antwort in Form einer Liste von »guten« und »bösen« Aktivitäten mag sich mancher wünschen, aber auch ich kann und will sie nicht zusammenstellen. Die Missionarsstellung als einzige für Christen zulässige Form des Geschlechtsverkehrs – solche religiösen Gesetze sind Gott sei Dank Vergangenheit im Christentum. Manche frommen Ratgeber stellen heute neue Regeln auf. Doch darum geht es beim Thema Liebe, Leidenschaft und Lust gar nicht.

Unterschiede feiern
Den meisten Paaren wird schnell bewusst, dass es bezüglich der Intensität und der Bandbreite des sexuellen Verlangens Unterschiede zwischen den Partnern gibt. Ob nun der Mann häufiger Sex möchte oder die Frau, wer von beiden experimentierfreudiger ist oder Vorlieben für bestimmte Stellungen und Praktiken entwickelt, spielt keine Rolle, denn gerade die Unterschiedlichkeit ist eine Chance: Auch im Bett – oder wo immer man Sex genießen möchte – können gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Achtung der Einzigartigkeit des Partners, bewiesen werden. Eine Frau, die häufiger mit ihrem Mann schläft als es ihrem Verlangen entspricht, die Varianten der Stimulation ausprobiert, mit denen ihr Mann experimentieren möchte, beschenkt ihren Partner. Ein Mann, der seinen Sextrieb zügelt und sich Gedanken macht, wie er das Vergnügen seiner Frau steigern kann, der schnell zum Orgasmus käme, sich aber Zeit für ihren Höhepunkt nimmt, beschenkt seine Partnerin.
Solche Geschenke sind Kennzeichen der Liebe. Das gilt übrigens für alle Lebensbereiche, nicht nur für die erotische Komponente der Ehe. Das biblische »achte einer den anderen höher als sich selbst«(2) kann sich nur im alltäglichen Umgang miteinander, in guten wie in schlechten Tagen, beweisen. Wenn zwei Menschen so miteinander umgehen, entsteht im Lauf der Zeit eine Basis des Vertrauens, die für ein genussvolles langjähriges Sexleben unerlässlich ist. Liebe kann und soll wachsen, zunehmen, stark werden. Die Grundlage ist das gegenseitige Vertrauen, entstanden aufgrund der täglich erlebten Achtung und Wertschätzung, mit der ein Paar sich beschenkt.

Entspannt experimentieren
Auf einem solchen Fundament der Liebe, in der Geborgenheit des Vertrauens, ist es erlaubt, dass nicht immer alles klappt. Oralsex, gegenseitige oder gemeinsame Masturbation, verschiedene Stellungen, Experimente mit Vibrator oder anderem Spielzeug, intime Massagen, Sex an ungewöhnlichen Orten – all das kann das Sexleben bereichern. Oder auch nicht. Das muss (und wird) jedes Paar selbst herausfinden. Wenn die Partner einander wirklich bedingungslos vertrauen, dann ist es keine Katastrophe, wenn der Orgasmus ausbleibt, der Penis nicht steif wird oder wenn man feststellt, dass etwas eben keinen Spaß macht oder eine Stellung nicht funktioniert.
Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, um Höchstleistungen, um Pflichtübungen, sondern Sex soll Vergnügen bereiten. Beiden, die daran beteiligt sind. Mal wird er, mal sie mehr Genuss empfinden, mal schaffen es beide in schwindelerregende Gefühlshöhen. Nicht alles macht allen Menschen gleich viel Spaß. Abwechslung, Experimentierfreude und eine gehörige Portion Humor – falls etwas nicht gelingt – können dazu beitragen, dass Sex nicht zur Routine wird, sondern aufregend bleibt.

Eine goldene Regel
Nun mag mancher fragen: Aber was ist denn nun erlaubt? Was ist verboten? Eigentlich brauchst du eine solche Liste gar nicht mehr, falls ich mich bisher klar genug ausgedrückt habe: Ihr werdet es selbst herausfinden, wenn ihr einander achtet und liebt. Falls du wissen willst, wo beim Sex die Grenze liegt und dafür eine einprägsame Regel möchtest, so fällt die aus meiner Sicht sehr einfach aus:
• Es ist euch beiden erlaubt, »Nein« zu sagen.
• Es ist euch beiden nicht erlaubt, ein »Nein« zu ignorieren.
Das gilt für alle Lebensbereiche. Wer sich auch im Sexleben daran hält, hat gute Chancen auf lebenslangen erotischen Genuss, auf Leidenschaft und Liebe in seiner Ehe.

Sex auch nach Jahrzehnten
Die erotische Hitze der frühen Beziehung wird nicht ewig lodern. Jungen Menschen erscheint das zwar meist unvorstellbar, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Der Körper deines Ehepartners wird altern, genau wie deiner. Die Hormonproduktion wird sich ändern. Dein Sexualtrieb wird abnehmen. Deine körperliche Leistungsfähigkeit wird zurückgehen. Doch das heißt nicht, dass es in den reiferen Jahren keine Leidenschaft, keinen Sex mehr geben wird. Wer in jungen Jahren ein solides Fundament gelegt hat, wird auch nach zehn, zwanzig und dreißig Jahren noch Lust auf Sex und Spaß am Sex haben – mit dem gleichen Mann, der gleichen Frau.
Liebe braucht Pflege. Von den frühen bis zu den späten Lebensjahren. Es gibt Lustkiller, denen man mehr und andere, denen man weniger aus dem Weg gehen kann. Überarbeitung, Stress im Beruf, Krankheit, Sorge oder Notlage – das lässt sich nicht immer einfach abschalten. Aber gegen übermäßigen Alkoholkonsum kann man genauso etwas tun wie gegen ein ungepflegtes Äußeres. Dass es Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Streit, gibt, kommt in so gut wie jeder Ehe vor. Aber dass du trotzdem nie die Achtung vor deinem Partner verlierst, liegt in deiner Verantwortung.
Die Liebe eines Paares kann frisch bleiben, auch wenn die Brüste nicht mehr so fest sind und die Erektion sich nicht mehr so unmittelbar einstellt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht wird euch gerade das zu neuer Fantasie beflügeln, euch auf neue Ideen kommen lassen, wie die Lust entzündet werden kann. Es lohnt sich, die Liebe lebendig zu erhalten.
Darf ich dir zum Schluss ein Geheimnis verraten? Ich werde in diesem September 56 Jahre alt und habe immer noch Spaß an Liebe, Lust und Leidenschaft.

Fußnoten: 
www.christianitytoday.com/mp/2001/spring/4.34.html
Philipper 2,3

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Geschrieben für die Zeitschrift Oora

Alles nur Show, sagte sich Astrid

Just like every cop is a criminal and all the sinners saints
As head is tails just call me Lucifer ‘cause I’m in need of some restraint
The Rolling Stones

Es ist ja nichts Neues, Generation für Generation entdeckt irgendwann, dass Eltern einem Teenager sehr auf die Nerven gehen können. Astrid empfand das wieder einmal an einem Abend im April, und sie war stinksauer. Sie hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es ausgerechnet wegen dieses Konzertes zu einer Auseinandersetzung kommen würde.

»Du weißt ja gar nicht, wohin du da gehen willst«, sagte ihr Vater.

»Natürlich weiß ich das. Sabine und Evi gehen auch, ich verstehe das Theater nicht.«

»Aber ich habe es dir doch erklärt. Ich habe nichts gegen Rock oder Pop oder sonst eine Musik, das weißt du, schließlich waren wir oft genug zusammen bei Konzerten und du kennst unsere Platten und CDs. Aber diese Gruppe – das ist was anderes!«

Selbstverständlich hatten sie einen unterschiedlichen Musikgeschmack. Das war normal, jede Generation hat ihre Vorlieben, die meist denen der Eltern kaum entsprechen. Astrids Eltern liebten Paul Simon, Van Morrison, Neil Diamond,Bob Dylan, und natürlich die Beatles. Astrid stand auf Death, Cynic, Pestilence und Gorefest. Gelegentlich hörte sie auch Agathodaimon, Bethlehem oder Eisregen. Und sie war der größte Fan von 7th Hell.

Der Auftritt der fünf Amerikaner in Berlin war für den 13. Mai angekündigt. Überall hingen die Plakate, die auf die Tour zum aktuellen Album Meet Your Demons aufmerksam machten. Blutrote Schrift auf schwarzem Hintergrund, die Musiker in der Maske der Dämonen, die sie ihrem Publikum offensichtlich auf ihrem Konzert vorstellen wollten.

»Das ist doch nur Show, so wie ihr damals euren Alice Cooper und eure Rolling Stones hattet. Sympathy For The Devil, wo ist da der Unterschied zu Meet Your Demons?«, wollte Astrid wissen.

»Sympathy heißt Mitleid, es ging bei den Stones nicht um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel. Man spielt nicht mit okkulten Dingen, dabei haben sich schon viele Menschen die Finger verbrannt.«

Herr Heller sah seine Tochter prüfend und besorgt an. Warum verstand sie bloß nicht, was er meinte?

»Papa, du weißt genau, dass ich nicht an übernatürlichen Quatsch glaube. Du kannst ja glauben, was du willst, aber du wirst es mir nicht aufzwingen. Das nervt!«

»Es sollte Warnhinweise wie bei Zigarettenwerbung geben. Der Besuch dieses Konzertes gefährdet Ihre psychische Gesundheit, liebe Gäste…«, brummte Astrids Vater.

Ihm fiel eine Zeile aus einem uralten Lied von Udo Lindenberg ein: Bitte geh da nicht hin, tu mir das nicht an! Es gibt doch heute Abend auch ein schönes Fernsehprogramm… Nein, so albern wie die von Lindenberg beschriebenen Eltern wollte er sich nicht benehmen. Er seufzte. Sie hatten ihre Tochter zur Selbstständigkeit erzogen, stets an die Vernunft apelliert, und im Allgemeinen wusste die jetzt 15jährige auch, was gut für sie war und was nicht. Sie pendelte manchmal, das hielt er jedoch für normal in diesem Alter, zwischen vernünftiger junger Frau und eigensinnigem Kind. Sie war aber durchaus wählerisch bei ihren Freunden, ging nicht mit Typen aus, die »nur Sex im Kopf« hatten, wie sie sich auszudrücken pflegte. Sie hatte seit sechs Monaten einen Freund, Martin, der ein Jahr älter war als sie; soweit die Hellers wussten, war es eine kameradschaftliche Beziehung, die über einen Kuss zur Begrüßung und zum Abschied bisher nicht hinausgegangen war. Und sie wussten recht gut Bescheid, denn es herrschte ein tiefes Vertrauen zueinander, es gab keine Themen, über die man in dieser Familie nicht offen reden konnte. Darum redeten sie jetzt auch über 7th Hell.

Astrid schmollte ein paar Minuten und fragte dann mit unsicherer Stimme: »Du verbietest mir also, zum Konzert zu gehen?«

»Ich verbiete dir das nicht. Ich habe nur versucht, dir zu erklären, warum ich es in diesem speziellen Fall lieber sehen würde, wenn du nicht gehst. Es ist nicht gut für dich, ich glaube, dass solche Gruppen es wirklich mit Mächten zu tun haben, mit denen man sich nicht einlassen sollte. Diese Black Metal Szene ist gefährlich. Ob du nun daran glaubst oder nicht.«

Das Fatale an der Situation war ja, dass er zum Beispiel Black Sabbath, die er in seiner Jugend geliebt hatte, nicht absprechen konnte, wunderbare Musik zu machen. Ja, sie produzierten hervorragende Aufnahmen, diese Gruppen, die mit dem Okkulten spielten, damals wie heute, aber er spürte irgend etwas Finsteres hinter den Kulissen, was ihm Angst machte, Angst um seine Tochter.

»Das ist kein Black Metal, Papa, hör dir doch die CDs mal an. 7th Hell ist Rock und Blues. Aber ich überlege es mir. Echt, ich denke noch mal darüber nach, was du gesagt hast.«

… … …

Sie überlegte es sich, und zwei Tage später kaufte sie die Eintrittskarte. Martin würde bei ihr sein, ebenso ihre Freundinnen, was sollte schon passieren? Sie fand nun einmal diese Musik toll, es ging lediglich um ein Konzert, keine Hinwendung zu irgendwelchen finsteren Sekten. Papa war einfach etwas altmodisch, so lieb er es auch meinen mochte.

… … …

Die Halle war ausverkauft. Astrid stand mit ihrer Clique in der  Schlange ziemlich weit vorne, sie wollten gute Plätze, selbstverständlich möglichst dicht an der Bühne. Seit 15 Uhr hatten sie vor dem Eingang gewartet, verbissen für einander die eroberte Stelle vor den Toren verteidigt, wenn jemand auf die Toilette musste. Um 19 Uhr endlich war der Einlass geöffnet worden. Einer Stunde später sollte es losgehen. Es gab die üblichen Stände mit CDs, T-Shirts, Postern, Base-Caps und Programmheften zur Tour, aber das Taschengeld war knapp, ihre Eltern hatten keinen Cent extra für das Konzert herausgerückt. Die 79,00 Euro waren eine ziemliche Belastung für Astrid gewesen, aber sie konnte ihren Eltern auch nicht böse sein deswegen. Es war okay, wenn sie diese Gruppe nicht mochten, dass sie dann auch nicht den Eintritt bezahlten.

Die Bühne war schwarz dekoriert, rechts und links die Lautsprechertürme, in der Mitte der Halle wie üblich das Mischpult. Vor der Bühne stand eine Reihe kräftiger Ordner, die finster auf die heranstürmenden ersten Fans blickten. Astrids Gruppe kam immerhin in die dritte Reihe, von hinten wurde gedrängelt und gedrückt, sie standen eingekeilt, so dass sie sich kaum bewegen konnten. Aber auch das war nicht ungewöhnlich bei Konzerten, bei Justin Bieber war es schlimmer gewesen, hatte es eine Reihe von ohnmächtigen Teenagern gegeben. Astrid wäre natürlich nie und nimmer zu einem Auftritt dieses Milchbubis gegangen.

»Wie damals bei den Beatles«, hatte ihr Vater belustigt angemerkt, als sie im Fernsehen bei den Lokalnachrichten der Abendschau die Szenen sahen.

Doch das hier war ein anderes Publikum. Keine kreischenden Teenies, die ihr Idol mit Plüschtieren bewerfen würden. Astrid und ihre Freunde schienen mit zu den jüngsten Anwesenden zu gehören. Viele waren schwarz gekleidet, man sah etliche T-Shirts mit den für diese Szene üblichen Aufdrucken. Kill Your Idols stand unter einem schmerzverzerrten Jesusgesicht, direkt vor Astrid. In dem Hemd steckte ein blass geschminktes Mädchen, ein Gruftie. Es gab sehr viele von ihrer Sorte vor der Bühne.

Alles nur Show, sagte sich Astrid, so wie damals die Blumen und Kettchen bei den Hippies. Trotzdem mochte sie das Shirt nicht, das ihr ständig vor Augen war.

Um 20 Uhr begannen die Pfeifkonzerte. Auf der Bühne tat sich nichts, das Saallicht blieb an, aus den Lautsprechern kam immer noch Musik vom Band. Die meisten Stücke kannte Astrid nicht, Martin wusste gelegentlich, welche Band da gerade gespielt wurde.

Dann kam ein hypnotisierender Rhythmus, die Lautstärke stieg an, Congas, Percussion – Astrid erkannte das Stück sofort, ihr Vater hörte gerne die Rolling Stones. Sympathy For The Devil. Gleichzeitig mit Mick Jaggers höflich vorgetragener Bitte Please allow me to introduce myself … wurde die Beleuchtung dunkler und das Klatschen und Rufen der Fans schwoll an. Es schien soweit zu sein, 7th Hell würde auf die Bühne kommen.

Pleased to meet you, hope you guess my name! peitschten die Stones aus den Boxen, die Lautstärke war fast bis zur Schmerzgrenze angeschwollen. Astrid nahm sich vor, ihren Vater zu belehren, dass es in dem Song eben doch um eine Einladung zum Treffen mit dem Teufel ging. What’s puzzling you is just the nature of my game! Es war vollständig finster, nur irgendwo in der Ferne glommen die Notausgangsschilder. I shouted out, who killed the Kennedys, well and after all, it was you and me!

Von hinten schoben die Fans, um doch noch näher an die Bühne zu kommen, aber vergeblich, da war kein Platz mehr. Das massive Gitter hielt die Masse auf, dahinter lauerten, momentan nicht erkennbar, die Ordner auf jeden, der einen Versuch machen würde, hinüberzuklettern.

So if you meet me, have some sympathy … Eine Gänsehaut überzog Astrids Körper. Sie bekam Angst vor der Dunkelheit, vor den drängenden Körpern hinter sich, griff nach Martins Arm, um sich festzuhalten. Sie zitterte, schwitzte, und Mick Jagger hämmerte in ihre Ohren: Pleased to meet you, hope you guess my name!

Das Lied hatte kein Ende an der Stelle, wo es auf der CD aufhörte. Ein rotes Glimmen auf der Bühne ließ langsam erkennen, dass 7th Hell unmerklich in den Rhythmus eingestimmt hatte, sie hörten nicht mehr die Stones vom Band, das Konzert hatte bereits begonnen, dichter Nebel ließ die fünf Musiker unwirklich über dem Boden schweben, als sie da aus der Finsternis langsam sichtbar wurden..

Immer noch das gleiche Lied, mit einer neuen Textstrophe. Please allow me to introduce my friends, they have come with us today. You´re gonna meet your demons here tonight, and when we leave you, they will stay!

Danach folgten Stücke aus den beiden 7th Hell CDs. Die Musik war hervorragend. Die Stimmung in der Halle auf dem Siedepunkt. Die Fans tanzten, warfen sich hin und her, soweit die Enge vor der Bühne das zuließ. Astrid war nach kurzer Zeit klatschnass geschwitzt, der Bass vibrierte in ihrem Körper, sie tanzte, wie noch nie, ausgelassen, wild, animalisch. Ab und zu spielte 7th Hell Coverversionen älterer Stücke. Es war alles solider Bluesrock, meisterhaft vorgetragen. Astrid genoss das Konzert, Papa hatte sich geirrt und offensichtlich wenig Ahnung von der heutigen Musik.

Martin schien etwas geistesabwesend zu sein. Er blickte sich immer wieder um, einen verängstigten Ausdruck auf dem Gesicht. »Mein Gott, wo bringen die uns hin?«, murmelte er, aber seine Stimme war unhörbar bei der Lautstärke der Bühnenanlage.

»Was hast du gesagt?«, schrie ihm Astrid ins Ohr.

»Irgendwas stimmt nicht, ich will hier raus!«, brüllte er zurück.

Astrid schüttelte den Kopf. »Ist dir schlecht?«

»Ich habe Angst! Die bringen uns…«

Mehr konnte Astrid nicht verstehen. Sie nahm an, dass Martin ein wenig mulmig war wegen der ständigen Schubserei, weil sie so eingeklemmt waren.

7th Hell spielte jetzt einen alten Titel der Eagles, Hotel California. Sie kannte das Original und sang mit. Such a lovely place

»Ich muss hier raus, ich will da nicht hin«, sagte Martin. Aber es war hoffnungslos. Aus dieser Menge gab es kein Entkommen, bis das Konzert zu Ende sein würde. Er fühlte sich wie in einem Sog, dem er nichts entgegenstellen konnte, der ihn in eine Richtung zwang, in die er nicht wollte. Die fünf schwarzgekleideten Musiker auf der Bühne hatten ihn im Griff wie das ganze Publikum, zwangen ihm Bilder auf, die er nicht sehen mochte. Da war Astrid neben ihm, sie tanzte, ihre Haare klebten in der Stirn. Er beobachtete sie, plötzlich war sie nackt, tanzte mit einem großen finsteren Wesen, die Halle war verschwunden, Dornengestrüpp umrahmte das Gras, auf dem der Dämon im Mondlicht lüstern Astrid an sich zog. Martin kniff die Augen zusammen, blinzelte, und sie hatte wieder ihre Jeans und das enge weiße T-Shirt an, den begeisterten Blick auf die Bühne gerichtet. Keine Dornen, keine Wiese. Nur die Konzerthalle und die Masse von verzückten Fans.

We haven´t had this spirit here since 1969

Astrids Augen glänzten. Sicher, dieser Geist war seit 1969 nicht mehr da gewesen, sie kannte ihn nur aus dem Film Woodstock, den sie mit ihren Eltern angeschaut hatte. Aber jetzt war er in der Halle, und er war freundlich. Er versprach Freiheit, das Ende aller Bevormundungen und Beschränkungen. Er versprach hemmungslose Lust, Träume konnten heute endlich wahr werden. Ihr Körper wiegte sich, die Hüften kreisten, sie hatte ein herrliches Gefühl im Unterleib, das gleiche, das sie vom abendlichen Masturbieren unter der Bettdecke kannte, die Knospen ihrer Brüste waren hart und standen deutlich sichtbar in dem nassen Shirt hervor. Sie sah, dass Martin sie anstarrte, lächelte ihm zu. Sie nahm seine Hand und zog ihn an sich, sie wollte ihn spüren, mit ihm zusammen in diesem Rausch versinken.

We are all just prisoners here, of our own device …

Martin sah, wie sich Astrids Lippen zum Text bewegten, sie sang mit, sie schien so fern von ihm zu sein, obwohl er ihre Hand auf seinem Rücken spürte, die ihn mit in den Rhythmus zwang. Er blickte wieder zur Bühne, routiniert kam das Gitarrensolo aus den Boxen, der bärtige Sänger schien direkt auf Astrid zu schauen, schien nur für sie zu spielen. Sie warf die Arme hoch, schwenkte sie wie tausend andere Zuhörer, ihr Körper wand sich im universellen Takt der Tanzenden.

Astrid spürte den Blick, sah hinauf in diese unergründlichen schwarzen Augen, irgend ein Scheinwerfer schien ein blau-weißes Glühen in ihnen zu erzeugen. Und wieder hatte 7th Hell dem Lied eine eigene Strophe hinzugefügt, ein heißes Zittern durchlief ihren erregten Körper, als es nach dem Break weiterging: And I know you are fifteen, but you will carry my child. You will give me a daughter, you will receive her tonight. No, you won´t make me jealous with that boy you love, for that child will be my child and there will be no help from above. Welcome to the Hotel California …

Astrid glühte, ihr Herz zuckte, Hitze strömte durch ihren Leib, such a lovely place, such a lovely place sang sie. Etwas bahnte sich in ihr an. Kann man vom Tanzen einen Orgasmus bekommen? Eine Welle der Lust durchströmte ihren Körper, so dass sie sich an Martin festhalten musste.

Martin glaubte, einen kalten Hauch zu spüren, der ihn frösteln ließ. Doch dann war das Lied zu Ende und die Gruppe begann mit dem nächsten Stück, wieder ein eigenes. Er hoffte, dass das Programm bald vorbei sein würde.

Um 22.13 Uhr begannen die Zugaben, um die das Publikum 15 Minuten gekämpft hatte. 7th Hell spielte noch einmal 20 Minuten, dann war mit einer furiosen Wiederholung von Sympathy For The Devil endgültig Schluss, unmerklich war die Musik wieder in die Version der Rolling Stones vom Band übergegangen, 7th Hell verschwand im Nebel. Die Saalbeleuchtung ging an, und langsam leerte sich die Halle. Martin hatte seinen Arm um Astrid gelegt, sie schlenderten durch ein Meer von zertretenen Bechern zum Ausgang. Den Rest ihrer Clique hatten sie längst aus den Augen verloren.

… … …

Es war nicht kalt, der Mai sorgte für angenehme Temperaturen. Obwohl ihr Shirt und die Jeans nass geschwitzt waren, fror Astrid nicht, als sie auf die Straße traten. Sie schmiegte sich an Martin.

»Hat’s dir gefallen?« fragte sie.

»Ja, war toll«, log er. Er wollte ihr den Abend nicht vermiesen, nachdem sie sich so gut amüsiert hatte. Er war nicht begeistert, zwar war seine Bedrückung irgendwann verschwunden, aber so richtig wohlgefühlt hatte er sich nicht.

Astrid strahlte ihn an. In ihren Augen funkelte die Abenteuerlust. »Was machen wir jetzt noch?«

»Wie jetzt – machen? Du musst doch – wir müssen doch nach Hause!«

»Nee, keine Lust. lass uns noch was unternehmen.«

»Assi, du bist 15 und ich bin 16, was denkst du dir, was uns unsere Eltern erzählen werden? Es ist so schon reichlich spät!«

»Morgen ist Samstag, du Knallkopf! Wir können ja anrufen, damit sie wissen, wo wir sind!«

Man kann von einem 16jährigen nicht allzu viel Vernunft erwarten. Müde war Martin nicht, das Konzert hatte dafür gesorgt, dass sie sich beide aufgekratzt fühlten, obwohl sie stundenlang auf den Beinen gewesen waren. Irgendwo noch ein bischen schmusen … auf dem Heimweg … Er wollte jedenfalls nicht in ein Lokal mit ihr. Martin konnte Astrid schließlich dazu überreden, sich auf den Heimweg zu machen.

Die U-Bahn brachte sie nach Steglitz, auf den Nachtbus wollten sie nicht warten, also liefen sie los, in Richtung Lichterfelde.

»Lass uns am Kanal langgehen«, schlug Astrid vor. »Das ist so schön gruselig bei Nacht.«

Also bogen sie in die Klingsorstraße ab und marschierten bis zur Brücke. Dort gingen sie rechts in den verlassenen Park, stolperten die Treppe hinab und raschelten über den schmalen Pfad am Ufer. Der Mond war noch fast voll und zeigte ihnen die Wurzeln und Dornen, denen sie ausweichen mussten.

Warm lag Martins Hand auf Astrids Schulter, sie schmiegte sich eng an ihn und streichelte über seine Hüfte. Astrid bog vom Weg ab, sie gingen zwischen Bäumen und Sträuchern die Böschung hinunter, wo es einen kleinen Flecken Gras gab. Dort blieb sie stehen und zog Martin dicht an sich. Sie konnte seine Erregung durch den Stoff der Jeans spüren, sanft strichen seine Hände über ihren feuchten Rücken.

»Liebst du mich?«, fragte sie ihn.

»Ja, ich liebe dich.«

Sie wollte ihn, jetzt, dies war die Nacht für den ersten Sex ihres Lebens. Die Vernunft war ausgeschaltet, die Lust pulsierte in ihrem Körper. Dies war die Nacht der Freiheit, der Geist von 1969 regierte, endlich war er zurückgekehrt. Sie presste ihren Unterleib fester gegen seinen, mit einem leichten Wiegen in den Hüften zum Rhythmus in ihrem Kopf. Such a lovely place … summte sie leise.

»Astrid, ich weiß nicht – hier am Kanal – lass uns lieber nach Hause gehen.«

»Ich dachte, du liebst mich«, schmollte sie.

»Natürlich, ja, ich liebe dich.«

Er wollte sie auch, hatte oft genug in seiner Fantasie diesen Moment ausgekostet, sich ausgemalt, wie es wohl wäre, beim ersten Mal. Sie hatten über Sex gesprochen, aber er hatte sie nie gedrängt, und sie hatte ihn immer gebremst, wenn er mehr wollte, als einen Kuss und eine liebevolle Umarmung. Er konnte warten, und er wollte vor allem warten, bis sie bereit war. Jetzt öffnete sie seinen Gürtel und die Jeans und strich sanft mit ihrer Hand über Stellen, die kein Mädchen je berührt hatte. So kannte er sie nicht, fast wurde sie ihm unheimlich. Andererseits hatte er diesen Moment lange genug herbeigesehnt.

»Ich habe kein Kondom, Astrid, wenn nun was passiert?« Irgendwo regte sich noch ein Funke Verstand, während sie ihm das Shirt über die Schultern streifte. Ihre Augen wanderten an ihm herab und sie lächelte verträumt.

»Dann wird es das süßeste Baby der Welt, weil du der süßeste Junge bist!«

Astrid schlüpfte aus ihren Jeans, streifte ihren Slip ab und er durfte sie betrachten. Das Aufregendste, was er bisher von ihr gesehen hatte, war der bezaubernde Anblick, wenn sie beim Baden ihren Bikini trug. Jetzt sah er endlich alles. Einen Augenblick tauchte das Bild vor ihm auf, wie sie mit dem Schattenwesen tanzte, aber seine Erregung ließ sich nicht mehr besänftigen. Er gab seinen schwachen Widerstand auf und sie sanken in das weiche Gras zwischen den rankenden Dornen.

»Was haben wir denn da für Turteltäubchen?« kicherte eine raue Stimme.

Fünf Gesichter blickten auf Astrid und Martin herab.

»Wenn du fertig bist mit ihr, dürfen wir dann auch mal ran, Milchgesicht?«

Sie trugen schwarze Lederkleidung, Nietengürtel glänzten im weißen Licht des Mondes. Einer hielt ein langes Messer in der Hand. Man konnte nicht viel erkennen im nächtlichen Schimmer, aber die fünf Gestalten wirkten bedrohlich genug.

Astrid erstarrte. Sie hatten sich zärtlich gestreichelt, die Nähe und Wärme der unbekleideten Körper genossen, aber noch war es nicht zur Vereinigung gekommen. Sie hatten alles um sich herum vergessen, nichts davon bemerkt, dass sich jemand näherte, hingerissen von dem herrlichen Gefühl der liebevollen Hände des Partners auf der Haut.

Die fünf Männer musterten das Pärchen in aller Ruhe. Sie ermunterten Martin: »Nun steck ihn schon rein, sie wartet doch darauf.«

»lasst uns in Ruhe! Was soll das?«

»Hey, Milchgesicht, nicht frech werden. Wir wollen nur bei Eurer Party mitfeiern.«

Astrid griff nach ihren Kleidern, wollte schnellstens ihre Blöße vor den lüsternen Blicken verbergen. Aber der Wortführer riss ihr die Jeans aus der Hand. Sein Messer blinkte nahe an ihrem Hals.

»Nicht so eilig, Baby! So was Hübsches darf man doch nicht in Stoff einpacken!«

»Was wollt ihr? Wir haben euch doch nichts getan«, protestierte Martin erneut.

»Wir wollen die Show sehen! Kapiert? Du bumst sie jetzt, und dann sehen wir weiter.«

»Nein, lasst mich, ich bin doch erst 15«, bat Astrid.

»Und was hattest du mit deinem Kumpel vor? Wolltet ihr nur den Mondschein genießen? Es sah nach was ganz anderem aus«, gab der Rocker zurück.

Aber war es ein Rocker? Sein bärtiges Gesicht erinnerte sie an irgend etwas, aber sie konnte sich nicht besinnen, woran. Der Mond ließ seine Augen aufblitzen, ein weißes Schimmern, ein leichtes leuchtendes Blau, als würden sie glühen.

Astrid rief um Hilfe. Sofort schlugen zwei der schwarzen Gestalten auf sie ein. »Schnauze halten, sonst sorgen wir für Ruhe.«

Die Messerspitze drückte gegen ihren Hals. Sie verstummte.

Die beiden rührten sich nicht. Offenbar dauerte das Schweigen dem Mann zu lange. Er ritzte mit seinem Messer eine dünne Linie in Martins Arm. Kleine Tropfen Blut traten hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

»Da siehst du, dass mein Messerchen scharf ist. Wenn du willst, dass deine süße Freundin ihr hübsches Gesicht behält, dann fang jetzt an mit der Vorstellung. Du steckst deinen Schwanz dahin, wo er hingehört. Sonst male ich ihr ein paar schöne Linien auf die Stirn. Oder an eine andere Stelle …«

»Ich kann nicht. Haut doch ab! Sie ist doch erst 15.«

»Wenn du nicht kannst, dann müssen wir es dir wohl vormachen?«, grinste der große Bärtige. »Los, du bist der erste!« stieß er einen seiner Begleiter an, die nach wie vor stumm daneben standen.

Gehorsam begann der, seine Lederhose zu öffnen.

»Nein, lasst sie in Ruhe, bitte«, weinte Martin.

»Du oder wir. Entscheide dich endlich!«

Astrid zog Martin an sich heran. »Komm, es hat keinen Sinn. Die Kerle sind bewaffnet.«

»Lasst ihr sie dann in Ruhe?« fragte Martin.

»Okay, wenn du es gut machst.«

So hatten sie sich ihren ersten Sex beide nicht vorgestellt. Es war abscheulich, erniedrigend. Sein Penis war längst geschrumpft, sie half ihm mit ihren Händen, bis eine schwache Erektion zustande kam. Martin drang in sie ein, er tat ihr weh, obwohl er versuchte, vorsichtig zu sein. Die fünf Beobachter kommentierten das Geschehen, machten Witze, gaben Ratschläge und schienen sich köstlich zu amüsieren. Zum Glück ging es schnell vorbei, ohne Lust, ein mechanischer Vorgang, eine biologische Funktion.

»Na, da musst du noch eine Weile üben«, meinte der Mann mit dem Messer, als Martin sich zurückzog. Martin hielt Astrid beschützend im Arm. Beide weinten und sahen die fünf schwarzen Schatten ängstlich an. Würden sie jetzt endlich verschwinden? Was kam noch auf sie zu?

»Was meint ihr, sollen wir es auch versuchen?«, fragte der Wortführer seine Begleiter.

Keiner reagierte. Sie schauten nur stumm auf Astrids Körper, waren sich unschlüssig, was ihr Anführer von ihnen wollte. Martin zitterte vor Angst, aber er nahm sich vor, Astrid so gut er konnte zu verteidigen. Er hatte keine Chance gegen die fünf kräftigen Männer, aber er würde kämpfen, wenn es sein musste.

Der Chef der Gruppe meinte schließlich: »Gut, lassen wir es sein. Wer weiß, ob die Kleine Aids hat. Die Show war zwar nicht die beste, aber immerhin haben sich die Kinder Mühe gegeben.«

Sie griffen nach den Kleidern der beiden und warfen sie lachend im hohen Bogen ins Wasser. »Es ist so schön warm heute Nacht, da braucht ihr keine Klamotten.«

Sie verschwanden. Astrid klammerte sich an Martin. »Sind sie weg?«

»Ich glaube, ja. Scheiße.«

Sie standen auf. Von ihren Jeans und Shirts war nichts mehr zu sehen, ruhig trieb das dunkle Wasser vorüber. Martin überlegte, ob es sinnvoll war, im Wasser zu suchen, aber es war wohl zwecklos.

»Es tut mir so leid, Astrid. Ich wollte das nicht, nicht so.«

»Uns blieb doch keine Wahl. Schau dir deinen Arm an.«

Es blutete nicht mehr, aber der Schnitt brannte. Sanft strichen Astrids Fingerspitzen über die dunkle Linie. »Mein armer Martin. Aber du hast mich vor diesen Kerlen gerettet. Danke.«

»Und was machen wir jetzt? Zur Polizei?«

Astrid schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, nackt, in die Wache, nein, ich kann nicht. Wir gehen zu mir nach Hause.«

Sie begegneten niemandem auf dem Weg durch die stillen Straßen von Lichterfelde. Immer wieder glaubten sie, Schritte hinter sich zu hören, aber es war niemand zu sehen. Martins Arm um ihre Schultern gab ihr Geborgenheit, sie gingen schnell, bogen in ihre verlassene Straße ein und sahen Licht in der Villa.

»Meine Eltern sind noch wach«, stellte Astrid fest. »Was wird mein Vater sagen?«

Sie mussten klingeln, denn ihre Schlüssel waren samt Telefonen und Portemonnaies im Kanal verschwunden.

Herr Heller öffnete die Tür und starrte seine weinende Tochter mit ihrem Freund an. Sie gaben sich keine Mühe, ihre Blöße zu bedecken, Martins blutverschmierter Arm lag auf Astrids Schulter, seine Tochter sah ihn an mit einem Blick, der um Hilfe bat.

»Papa«, flüsterte sie.

Er sagte kein Wort, ihm fiel absolut nichts ein, was er hätte sagen sollen. Er nickte mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer und schloss die Türe. Dann holte er aus Astrids Zimmer ein paar Kleidungsstücke für seine Tochter und nahm aus seinem eigenen Schrank eine Unterhose, Jeans und ein Hemd für Martin. Die Sachen würde ihm zu groß sein, aber er konnte den Jungen ja nicht unbekleidet stehen lassen. Seine Frau, die schon im Bett lag, sah ihn fragend an.

»Sie sind nackt, beide.«

»Was sind sie? Wer? Wie bitte?«

»Astrid und Martin. Und sie weinen.«

Sie stand auf, schlüpfte in ihren Morgenmantel und folgte ihm ins Wohnzimmer.

»Danke«, sagte Martin, als er die Kleidung entgegennahm. Frau Heller umarmte ihre Tochter und wischte ihr die Tränen vom Gesicht. »Zieht euch erstmal was an.«

Stumm standen die Eltern dabei, während sich Astrid und Martin die Kleidung überstreiften. »Und nun erzählt uns mal, warum ihr nachts um 1 Uhr nackt durch Lichterfelde spazieren geht.«

Astrid blickte ihrem Vater in die Augen. »Du hattest recht. Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen.«

Wieder flossen die Tränen. Herr Heller schaute zu Martin, auch dessen Mund zuckte verdächtig. Was um Himmels willen war hier los? Er bat sie mit einer Bewegung, sich zu setzen und eng aneinandergeschmiegt sanken sie auf das Sofa. Auch Frau Heller setzte sich, betrachtete forschend ihr Kind. Martin konnte ihr nichts angetan haben, sonst würde sie nicht so sehr seine Nähe suchen.

»Moment noch, ihr beiden. Ich rufe nur kurz Martins Eltern an, die machen sich genauso Sorgen wie wir. Sie haben schon zwei Mal nach Euch gefragt, eure Telefone waren wohl ausgeschaltet? Oder willst du selbst anrufen?«

Martin schüttelte den Kopf. Er konnte jetzt nicht mit ihnen reden, war dankbar, dass Herr Heller das übernahm. Er würde noch genug Fragen zu beantworten haben.

Astrids Vater telefonierte nur kurz, berichtete, dass die beiden Vermissten eingetroffen waren. Ja, Martin gehe es gut. Seine Eltern waren erleichtert und schließlich einverstanden, dass er die Nacht bei Astrids Familie blieb, sie waren froh, dass beide unverletzt aufgetaucht waren, mehr schien sich nicht zu interessieren, zumindest im Augenblick..Er konnte ruhig im Gästezimmer bei Hellers übernachten.

Und dann erzählte Astrid alles. Sie blieb bei der Wahrheit, verschwieg nichts. Sie hatte mit Martin schlafen wollen, in dieser Nacht, nach dem Konzert. Die Lust hatte einfach Besitz von ihr ergriffen. Daher waren sie am Kanal gelandet, und dann waren die fünf Männer aufgetaucht.

Martin redete nicht viel, er fühlte sich schuldig, unbehaglich. Man stand ja auch normalerweise nicht nackt vor den Eltern seiner Freundin in der Tür, so modern und unkompliziert sie auch sein mochten. Man hörte auch normalerweise nicht zu, wie die Freundin ihren Eltern vom ersten Geschlechtsverkehr erzählte, zwar keine Einzelheiten, aber doch, unter welchen Umständen es schließlich dazu gekommen war. Es war ihm peinlich, aber es war auch richtig und notwendig, nichts zu verschweigen, Astrid musste es sich von der Seele reden.

»Es tat weh, Mama, ich weiß, dass Martin nichts dafür kann, aber es war so schrecklich mit diesen Gestalten, die jede Bewegung beobachteten. Sie lachten uns aus, ich konnte nur die Augen schließen und hoffen, dass es bald vorbei sein würde.«

»Tut mir leid, Astrid«, sagte Martin, »ich – ich wollte, es wäre nie geschehen.«

Sie drückte ihn an sich. »Nein, du hast keine Schuld. Es wäre anders gewesen, wenn sie nicht gekommen wären, oder nicht, Mama?«

Frau Heller seufzte. Dies schien ihr eine völlig unmögliche Situation für ein Gespräch über Sex beim ersten Mal, aber ihre Tochter brauchte sie jetzt und hier, wenn das Vertrauen bleiben sollte. Astrid war natürlich längst aufgeklärt, ihr Freund Martin auch, aber das gerade erlebte war ein entsetzlicher Gegensatz zur Theorie von der himmlischen ersten Liebesnacht gewesen. Was sollte sie ihrem Kind sagen, das sie mit großen Augen erwartungsvoll ansah? Hilfe suchend blickte sie zu ihrem Mann. Der nickte ihr nur zu, schließlich hatte Astrid ja ihre Mutter gefragt.

»Beim ersten Mal kann es etwas wehtun, Astrid, vor allem, wenn der Mann zu schnell vorgeht, aber ihr hattet keine Chance, die schöne Seite der Liebe kennenzulernen. Das ist bitter für euch beide, und ich hoffe, die Kerle werden dafür büßen.«

Astrid erzählte dann, wie sie ihre Kleider losgeworden und wie sie schließlich nach Hause gekommen waren, der einzige Platz, an dem sie Sicherheit erwarteten.

Es gab keine Vorwürfe, keine Schuldzuweisungen. Es gab kein Habe ich dich nicht gewarnt?, die Hellers wussten, dass damit niemandem geholfen wäre. Sie wollten am nächsten Morgen Anzeige erstatten gegen die fünf Unbekannten, immerhin waren die beiden Jugendlichen mit einer Waffe bedroht und Martin leicht verletzt worden. Eine vernünftige Personenbeschreibung war ihnen allerdings nicht zu entlocken, vielleicht war das bei den gegebenen Umständen auch nicht zu erwarten gewesen.

Astrid beruhigte sich allmählich. Ihre Mutter tröstete sie, so gut es ging. Sie meinte, dass es wesentlich schlimmer hätte kommen können, wenn die fünf Männer sich nicht zurückgezogen hätten. Martin habe schließlich keine Wahl mehr gehabt, ihn treffe gewiss kein Vorwurf. Natürlich war es leichtsinnig gewesen, nachts den Uferweg zu wählen, und dann ins Gebüsch zu verschwinden, aber das war nun nicht mehr zu ändern.

Sie waren alle müde, und um 3 Uhr gingen sie schlafen. Astrid duschte lange, es tat ihr wohl, das reinigende Wasser zu spüren. Martin wartete, bis sie fertig war, dann machte auch er sich auf den Weg ins Bad. Auf dem Flur wünschte er Astrid eine gute Nacht, mit einem schüchternen Kuss auf die Wange. Sie verschwand in ihrem Zimmer, und er wusch sich sauber. Dann schlich er, die geborgten Kleider in der Hand, zurück in das Gästezimmer und zog die Decke über sich.

Martin schlief unruhig, im Traum sah er sich und Astrid, umringt von fünf Dämonen, die ihn mit hässlichem Grinsen aufforderten, mit Astrid zu schlafen. Die finsteren Wesen sahen aus wie die Musiker von 7th hell. Ihre blau glühenden Augen durchbohrten ihn, eine eitrige Klaue ritzte seine Haut auf. Er spürte den Schmerz am Arm, aber es gab keine Gegenwehr. Er sah Astrids aufgerissene, ängstliche Augen, hörte ihr Weinen und das grässliche Lachen der fünf Zeugen seiner Tat.

Auch Astrid träumte den gleichen Traum, und wieder fühlte sie Martin in sich eindringen, spürte die Angst vor den fünf Schattengestalten, die sie umstanden. Sie wollte schreien, aber es ging nicht, Martins Gesicht über ihr wurde zu einer Fratze, ein blauweißes Schimmern drang zwischen den wulstigen Augenlidern des Dämons hervor. Sie wachte auf und starrte in die Dunkelheit ihres Zimmers. Das helle, blaue Licht, das sie im Augenblick des Erwachens über ihrem Bett gesehen zu haben glaubte, war verschwunden.

Martin lag reglos da und lauschte, aber das höhnische Lachen aus seinem Traum war verklungen, obwohl es noch einen Moment im Zimmer gehallt hatte. Zumindest hatte er den Eindruck. Da öffnete sich leise die Tür und Astrid schlüpfte in den Raum.

»Halt mich fest, ich habe Angst«, flüsterte sie, als sie unter seine Decke kroch.

»Ich auch, Astrid. Ich habe geträumt, sie wären wieder da.«

Martin hatte nichts an, nur Astrids dünnes Nachthemd trennte ihre Körper, als sie eng umschlungen im Gästebett lagen. Er wollte es nicht, aber die Erregung kam ungefragt. Astrid spürte seine Reaktion und begann, ihn sanft zu streicheln.

»Martin«, flüsterte sie, »halt mich fest, beschütze mich vor ihnen. Lass mich nie allein, bitte. Bleib bei mir. Dann kommen sie nicht wieder.«

Er hielt sie fest an sich gedrückt. Ihre Nähe dämpfte seine eigene Angst, half ihm, das gehässige raue Lachen zu vergessen. Astrid schlüpfte aus ihrem Nachthemd.

Die Vereinigung war schön, ruhig, sanft. Sie liebten sich und konnten es beide genießen, so unerfahren sie auch waren. Die drohenden Schatten blieben verschwunden und schließlich schliefen sie erschöpft und entspannt ein.

… … …

Astrids Vater stand in der Tür des Gästezimmers und schüttelte den Kopf. Die Sonne schien warm durch das Fenster auf die beiden Schlafenden, das Nachthemd seiner Tochter lag am Boden. Sie sah friedlich und glücklich aus in Martins Armen. Er weckte sie nicht, sondern schloss leise wieder die Türe.

Hätte er Martin in der Nacht doch nach Hause bringen sollen? War es nicht zu leichtsinnig gewesen, die beiden Tür an Tür schlafen zu lassen? Hätte er es verhindern müssen? Können? Nein, wenn nicht hier, dann hätten sie sich anderswo gefunden, die Liebe war nicht aufzuhalten. Er schmunzelte, dachte daran, wie es damals mit ihm und seiner Frau gewesen war. Sie hatten einen besseren Start gehabt, aber viel älter waren sie auch nicht gewesen.

Nun war es also passiert, ein paar Jahre zu früh nach seiner Meinung, aber nicht mehr zu ändern. Sein Mädchen wurde zur Frau.

Beim Frühstück sagte er: »Martin, es wäre wohl gut, wenn ihr beide euch über Verhütungsmittel Gedanken machen würdet, oder?«

Martin bekam einen roten Kopf. Astrid schaute ihre Mutter an und sagte: »Was empfiehlst du uns, Mama? Die Pille?«

Was für ein Thema am Frühstückstisch, dachte Martin. Und wie peinlich, dass ich immer rot werde. Andererseits toll, wie offen sie mit ihren Eltern reden kann.

Astrid gab ihm einen Kuss. »Musst nicht rot werden.«

Er sah ihr glückliches Lächeln und murmelte etwas, was niemand verstehen konnte. Sein Kopf glühte, Frau Heller fragte freundlich: »Was meintest du, Martin?«

»Ich – ich meine, ich kann mir Kondome besorgen«, stotterte er.

»Das wird auch gut sein, ich möchte eigentlich noch nicht Großvater werden«, brummte Astrids Vater und nahm sich noch ein Brötchen.

Doch Herr Heller wurde zum Großvater.

Die fünf Männer wurden nie gefunden. Nach ein paar Wochen schloss die Staatsanwaltschaft die Akte mit dem Hinweis, dass bei neuen Erkenntnissen die Ermittlungen wieder aufgenommen würden. Es war ja nichts weiter passiert, und warum mussten zwei Jugendliche auch nachts am Kanal nach Hause gehen, wenn es Busse und beleuchtete Straßen gab. Außerdem hatten sie sich ja dann freiwillig vom Weg entfernt und entkleidet, eine Vergewaltigung hatte es auch nicht gegeben. Der Schnitt am Arm des Jungen war harmlos. Also kaum ein Fall für die Justiz, es gab wichtigere Ermittlungen.

Mit der Zeit vergaßen Astrid und Martin die Stunden nach dem Konzert von 7th Hell, sie hatten nun andere Sorgen und Probleme. Die Schwangerschaft, die Schule, die erbitterten Widerstände ihrer Umgebung, als klar wurde, dass Astrid das Kind nicht abtreiben wollte. Ihre Eltern waren auf ihrer Seite, aber Martins Eltern bedrängten ihren Sohn und seine Freundin, das Übel aus der Welt zu schaffen. Die Lehrer stimmten ein in den Chor, der nichts davon wissen wollte, dass eine 15jährige ihr Kind zur Welt brachte. Doch Astrid und Martin blieben fest. Es war ihr Kind, viel zu früh, viel zu jung beide Eltern, aber was konnte das Baby dafür? Und sie liebten sich wirklich, wollten zusammenbleiben, unter allen Umständen.

… … …

Die Entbindung zwei Monate nach Astrids 16. Geburtstag war unkompliziert. Die Frucht der ersten Liebe war ein Mädchen, für die beiden glücklichen Eltern war es zweifellos das süßeste Baby der Welt. Nachts, wenn ihre jungen Eltern schliefen, hatten Jennifers Augen manchmal einen seltsamen Schimmer, als glühten sie von kaltem blauen Feuer.

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